Gestürzt, aufgehoben, rund geschliffen

21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Foto: GemeindeblattWas aus mir geworden ist, ist schön –
Psalm eines Kieselsteins

Denke ich an frühere Zeiten, an meine Heimat, mein Zuhause, überfällt mich tiefe Traurigkeit, plagt mich stechender Schmerz.

Als Teil eines Felsens war ich verbunden mit dem Ufer, hatte einen herrlichen Blick aufs weite Meer. Dicht neben mir, in den Ritzen, blühte der Strandflieder.

Ich bemerkte nicht den feinen Riss, der sich neben mir gebildet hatte und sich ständig weitete. Ein Stück Holz war in den Riss gefallen. Holz, so etwas weiches, so etwas zerbrechliches.

Doch als Regen fiel, das Holz zu quellen begann, sprengte es ein Stück Felsen ab. Eine solche Kraft steckt in weichem Holz!

Ich stürzte in die Tiefe. Doch die Flut hob mich auf, zog und schob mich unaufhörlich vor und zurück. Meine Spitzen wurden stumpf, die Unebenheiten abgestoßen. Die Kanten verloren an Schärfe, die Vertiefungen verflachten. »Wir werden alle zu Sand zerreiben«, klagte ein Stein neben mir. Er war glatt wie ein Aal und flach wie eine Scholle.

Wir knirschten jedes Mal laut auf, wenn die Wellen uns durcheinanderschoben. Mal lag ich unten, mal oben, mal auf dem Trockenen, dann wieder im Wasser. Kinder kamen ans Ufer. Sie suchten flache Steine, ließen sie über das Wasser springen. Wie kann ein Stein übers Wasser laufen?

»Lass mich übers Wasser tanzen«, wollte ich rufen, brachte aber keinen Laut heraus.

Die Kinder blieben stehen. »Ein Ei, ein Ei aus Stein«, rief eines und hob mich auf. Die warme, weiche Hand, die kleinen Finger, die mich zärtlich streichelten: unbeschreiblich schön.

Es wurde dunkel. Ich lag mitten zwischen Muscheln, kleinen Holzstücken, rund geschliffenen Glasscherben und den Scheren eines Krebses. Alles wurde in eine Schachtel gepresst mit einem Deckel verschlossen.

Raum ohne Licht und Luft.

Sonne, einmal wieder Sonne, wieder die Wellen, das Knirschen am Strand.

Waren es Stunden, Tage, Wochen?

Ich erkannte sie sofort wieder, die kleine Hand, die mich vorsichtig aus der Schachtel hob und auf eine Steinplatte legte.

Aber es gab kein Rauschen des Meeres, kein Knirschen der Kiesel, keinen Wind, keine Wellen, keinen Sand. Doch gab es jetzt Aussicht über ein weites Tal zu hohen Bergen, die immer wieder durch die Wolken guckten und manchmal weiße Mützen trugen.

Ich habe mich verändert. Ich bin verändert worden. Das war ein langer Weg. Aber ist das, was aus mir geworden ist, nicht schön? Ob meine runde Gestalt schöner ist als meine frühere, mit Spitzen und Kanten? Wer kann das sagen?

Immer wieder werde ich zur Hand genommen und bewundert: Ein Ei aus Granit.

Wer hat dich so gleichmäßig geformt?

Helmut Herberg