Berührt – an Körper und Geist

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Salbungsgottesdienst der evangelischen Kirchgemeinde Pirna, Gemeindezentrum Pirna Copitz.  (Foto: epd-bild)

Salbungsgottesdienst der evangelischen Kirchgemeinde Pirna, Gemeindezentrum Pirna Copitz. (Foto: epd-bild)


Im Salbungsgottesdienst wird die Kirche körperlich – und ist der Glaube für einmal nicht aufs Denken fixiert

Das Öl riecht nach Orange. Die Heilerin zeichnet mir mit dem Öl ein Kreuz auf die Stirn, und während ihre warme Hand mit sanftem Druck auf meinem Kopf liegt, sagt sie: »Du kannst Gott niemals verlieren. Nicht durch Krankheit, nicht durch Tod.« Dann streicht sie mit der Hand sanft über meinen linken Arm und sagt, Gott stelle mir jetzt einen Engel zur Seite, damit mein Leben zur Erfüllung komme.

Es ist Sonntagabend, ich nehme an einem Salbungs- und Heilungsgottesdienst in Basel teil. Gestaltet wird er vom Pfarrer und sechs Heilerinnen, die in der Kirche regelmäßig ihre Dienste anbieten. Rund 30 Personen sind gekommen, um sich salben zu lassen: zur Unterstützung bei der ­Heilung einer Krankheit oder einfach als »Zuspruch Gottes«. Eingehüllt vom Duft des Orangeöls stelle ich fest: Die Berührung der Heilerin ist überraschend angenehm – obwohl ziemlich intim: Am Kopf berührt mich meist nur mein Liebster.

Ich gehe zurück an meinen Platz, und mir wird bewusst: Soeben wurde ich zum ersten Mal in einem Gottesdienst berührt. Das eine oder andere Mal habe ich zwar beim Friedensgruß meinem Banknachbarn verlegen die Hand gedrückt. Doch das war dann ­jeweils schon alles. Im Gottesdienst
ist der Körper unbedeutend für die Begegnung mit Gott.

Ich selbst empfinde das entschieden anders, und ich weiß, dass es ­vielen anderen auch so geht. Selbstverständlich kann man sich auch über körperliche Erfahrungen für Gott öffnen – sei es mit Tanz oder Körper­arbeit, sei es in achtsam gelebter Sexualität mit dem Partner. »Der Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes«, heißt es im Korintherbrief. Die Kirche hat hingegen den Körper lange abgewertet und sich auf den Verstand fixiert. Damit krankt sie an derselben Einseitigkeit wie die ganze abendländische Kultur, die meint, die Dinge seien am besten mit dem Denken zu verstehen. Es gab aber immer Menschen, die wussten, dass der Verstand nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit erfasst. Und nur einen ­superwinzigen Teil des allumfassenden Göttlichen.

Auch der Salbungsgottesdienst zeigt, wie schwer es der Kirche fällt, Kopf und Körper zu verbinden. Zu Beginn des Gottesdienstes hält nämlich der Pfarrer eine abstrakte Predigt über Weisheitsforschung – erst ganz am Schluss kommt die Salbung. Danach kann man still sitzen bleiben oder sich frei in der Kirche bewegen und von den Heilerinnen die Hände auflegen lassen. Die Orgel spielt leise, eine Atmosphäre der Verbundenheit füllt den Raum. Ich fühle mich friedlich und aufgehoben. Die Berührung hat mir das Empfinden vermittelt: dass ich in Gott geborgen bin, von ihm berührt.

Sabine Schüpbach