Wer gewinnen will, muss auch verlieren können

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Interview: Wie das Leben aus dem Glauben gelingen kann – im Gespräch mit Pater Anselm Grün

Anselm Grün, Autor zahlreicher Bücher feierte kürzlich seinen 65. Geburtstag. Ein Gespräch mit ihm über Glauben und sein Verhältnis zum Geld.

Anselm Grün: Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Foto: epd-bild

Anselm Grün: Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Foto: epd-bild

Pater Anselm, Sie sind der wirtschaftliche Leiter der Abtei Münsterschwarzach, Sie halten Vorträge, Kurse und Seminare. Sie schreiben Bücher und sind ein gefragter Gast bei Talk-Shows und anderen Veranstaltungen. Für einen Mann im Rentenalter ein ziemlich straffes Programm …
Pater Anselm:
Bis auf einige Ausnahmen habe ich einen regelmäßigen ­Tagesablauf. Ich stehe 20 vor fünf auf, Chorgebet, dann Meditation, 6.15 Uhr Eucharistiefeier, Frühstück, danach lese ich eine halbe Stunde. Vormittags bin ich in der Verwaltung von 8 Uhr bis kurz vor zwölf. Um zwölf ist wieder Chorgebet, danach Mittagessen und Mittagsschlaf. Um halb zwei geht die Arbeit wieder an. Zwei Tage in der Woche führe ich Gespräche mit Priestern und Ordensleuten im Recollectio-Haus, einem Haus für geistige und therapeutische Begleitung. Jeden Montag und Donnerstag Vorträge. Und Dienstagabend von acht bis neun bin ich immer zu einem Kurzvortrag in Würzburg, wo wir ein ­Seminar-Haus haben. Gut: Und am Mittwoch auch noch Vorträge.

Die meisten in einem »normalen« Berufsleben denken mit 65 an Aufhören. Sie nicht?
Pater Anselm:
Gut, ich will jetzt ja ­weniger machen. Aber dieses Jahr ist schon verplant. Ende Januar mache ich die Planung für das nächste Jahr und überlege, wie viel soll ich noch machen. Gut, es macht immer noch Spaß und solange es für mich stimmt … Aber ich versuche schon, mich nicht einfach zu verplanen, ­sondern sensibel darauf zu hören, also zu spüren, wo ist es Zeit weniger zu machen oder manches aufzugeben. Aber es liegt nicht alleine an mir. Bei den Vorträgen könnte ich einfach Nein sagen. Aber die Verwaltung, das Gästehaus – das ist ja auch im Interesse der Abtei.

Ihre Bücher werden von vielen Menschen gern gelesen. Offensichtlich verstehen Sie es, die biblische Botschaft in einer einfachen Sprache rüberzubringen.
Pater Anselm:
Es ist mir wichtig, die christliche Tradition den Menschen in einer Sprache zu verkünden, die sie verstehen, die nicht moralisiert, sondern die ihnen zeigt, wie aus dem Glauben heraus das Leben gelingen kann. Die Weisheit oder die heilende Kraft, die in der Botschaft Jesu liegt, die ist mir wichtig, denn Menschen kommen mit Wunden, mit Verletzungen, und ­ihnen sage ich, wie der Umgang mit der Bibel und die Begegnung mit Jesus ein Weg zur Heilung sein kann.

Glauben, der heilt, ist ein Thema, das Ihnen wichtig ist …
Pater Anselm:
Ja, ein ganz wichtiges Thema. Alle christlichen Traditionen wollen das Heil und die Heilung des Menschen. Es gibt auch einen krankmachenden Glauben, der die eigene Realität nicht wahrnimmt, der sich in religiöse Gefühle flüchtet. Aber der Glau­be, den Jesus verkündet, der ist ein heilender Glaube. Für mich geschieht die Heilung immer in der ­Begegnung. Manche Christen wollen Jesus ja als Zauberer benutzen. Jesus soll schnell die Krankheit wegnehmen, aber man will sich der Krankheit gar nicht stellen. Doch Begegnung heißt: Ich halte mich hin, so wie ich bin und ich schaue auch meine eigene Wirklichkeit an. Dann kann Heilung geschehen.

Wenn ich zum Beispiel Angst habe, kann ich die Gott hinhalten, im Gebet darüber sprechen. Wovor habe ich denn Angst? Oft ist es die Angst mich zu blamieren, Fehler zu machen. Und dann zeigt mir die Angst oft falsche Grundannahmen, eben die: Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich nichts Wert; ich darf mich nicht blamieren, sonst würde ich abgelehnt. Wenn ich mir diese Angst eingestehe und sie Christus hinhalte, erkenne ich, dass die Angst mich letztlich zu Gott führen kann. Denn dabei stellt sich die Frage, definiere ich mich vom Urteil der Menschen oder definiere ich mich von Gott her. Die Angst lädt mich ein, mich von Gott her zu definieren und zu sagen: Gott ist die Grundlage meines Lebens.

Aber niemand sollte meinen, dass sich solche Veränderungen plötzlich vollziehen, dies geschieht in einem längeren Prozess …
Pater Anselm: Ja, das ist ein Prozess. Wenn ich jetzt bete und mit Christus über meine Angst spreche, ist sie nicht sofort weg. Ich werde nur anders damit umgehen. Sie wird mich nicht mehr im Griff haben. Das Ziel ist, dass die Angst zur Freundin wird, die mich zu Gott führt. Dass die Depression für mich ein Weg zu Gott wird.

Wie kann Depression einen Menschen zu Gott führen?
Pater Anselm:
Weil sie mir meine Ohnmacht zeigt, dagegen kann ich ­rebellieren, dann werde ich noch depressiver. Oder ich kann sie eingestehen und mich in Gott ergeben, dann bin ich auch in einer Depression getragen, dann hat sie mich nicht mehr im Griff. Aber natürlich gibt es viele Formen von Depressionen, auch schwere, wohin der Glaube oft nicht dringt. In solchen Situationen ist es wichtig, trotzdem etwas zu haben, woran man sich festhält. Da kann ein Kreuz wichtig sein, an das ich mich festklammere. Oder ein Wort, an das ich mich halte, selbst wenn ich nicht daran glauben kann.

Was verstehen Sie unter Gesundheit?
Pater Anselm:
Zum Menschen gehören Gesundheit und Krankheit. Also zu meinen, ich bin nur gesund, das ist eine Illusion. Die Krankheit gehört auch zum Menschen. Sie ist eine Krise, die mich immer wieder durch meine Schwäche hindurchführen will. Aber Gesundheit würde ich definieren als im Einklang sein mit mir selbst. Auch in der Krankheit kann ich im Einklang sein mit mir, inneren Frieden haben. Und Gesundheit heißt für mich, dass der innerste Kern in mir nicht von Krankheit, auch nicht von psychischer Krankheit, auch nicht von Schuld infiziert ist. Wo Christus in mir ist, bin ich heil und ganz. Der innerste Kern in jedem Menschen ist heil und ganz. Das heißt nicht, dass deshalb im emotionalen Bereich alle Verletzungen, Gefährdungen aufgelöst sind, sie werden relativiert. In der Krankheit bin ich von Gott getragen.
Die Krankheit kann mich aufbrechen auch für Gott. Für mich gibt es nur die Alternative: Entweder ich halte an meinen Vorstellungen vom Leben fest, dann werde ich z. B. durch Krankheit zerbrechen oder ich lasse meine Vorstellungen von mir und vom Leben zerbrechen, dann werde ich aufgebrochen für Gott und für mein wahres Selbst.

Reden wir noch etwas übers Geld! Die Abtei Münsterschwarzach ist ein wirtschaftlich gut gehendes Unternehmen, was heutzutage nicht jede Firma von sich sagen kann. Wie machen Sie das?
Pater Anselm:
Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Also wenn ich Schule und Bildungshaus leiten will, brauche ich Geld. Dabei ist es wichtig, kreativ mit Geld umzugehen, damit ich das, was ich als sinnvoll erachte finanzieren kann. Ich gehe mit Krediten, Aktien und Anleihen um. Für manche ist das fremd, für mich ist es ein kreatives Tun. Ich benutze einfach die Finanzierungsinstrumente mit, allerdings immer nach ethischen Grundsätzen.

Es gehört auch Know-how dazu, um auf dem glatten Parkett des Geldmarktes nicht auszurutschen …
Pater Anselm:
Ja, ich musste damit umgehen lernen. Wir hatten ja kaum etwas und da habe ich halt angefangen die Möglichkeiten zu nutzen, erst langsam, eher vorsichtig und dann ein bisschen mit mehr Risiko. Es ist ja so: Wer gewinnen will, muss auch verlieren können. Der Gierige verliert ­immer und der Ängstliche. Also es braucht ein gewisses Vertrauen – und es braucht eine Freiheit von Gier. Die Risikobereitschaft wird bei jedem anders sein. Ein ängstlicher Mensch ist weniger risikobereit, dann soll er mit Geld nicht so umgehen wie ich das tue. Ich würde keinem ängstlichen Menschen raten, es so zu machen wie ich.

Und wenn es schief geht, dann fühlen Sie sich getragen von der Gemeinschaft der Benediktiner?
Pater Anselm:
Ja, klar, das tut auch dem Image ganz gut, zu sagen: Es gibt nicht nur erfolgreiche Menschen, es geht auch mal etwas schief. Das gehört auch zum Leben.

Aber es ist nichts schief gegangen?
Pater Anselm:
Na ja, durch die Finanzkrise haben wir natürlich auch etwas verloren. Wenn wir etwas gewonnen haben, haben wir auch etwas verloren. Aber wenn ich das Ganze anschaue, haben wir immer noch gewonnen. Wenn ich vom Anfang ausgehe, dann hat sich doch alles trotzdem gelohnt.

Das Interview führte Sabine Kuschel