Fluchtgeschichten: Ereignisse, die verbinden können

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Flucht und Vertreibung – ein Thema so alt wie die Menschheit. Das Erlebte zu verarbeiten ist schwer. Um Begegnung und Austausch geht es bei einem kirchlichen Projekt im Harz. Flüchtlinge von einst und jetzt erzählen ihre Geschichte.

Was bedeutet es, wenn man vertrieben wird? Viele Menschen können davon erzählen. Das hat Vikarin Ann-Sophie Schäfer in Benneckenstein (Kirchenkreis Halberstadt) erfahren. »Wer sich für die alten und neuen, die schmerzhaften und hoffnungsvollen Erzählungen von Flüchtlingen interessiert, der hat die Chance auf echte Begegnung. Der kann den anderen mit seiner Geschichte begreifen und vielleicht auch ein Stück der eigenen Geschichte neu verstehen.«

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Die Vikarin hat zusammen mit 15 Freiwilligen einen Abend zum Thema »Fluchtgeschichten« organisiert. Der Interkulturelle Abend im April 2015 war ein voller Erfolg. Sechs Fluchtgeschichten wurden auf Arabisch und Deutsch vorgestellt. Eine syrische Band spielte, die Harzer Heimatgruppe trat auf und beim interkulturellen Buffet konnte man sich begegnen.

»Wir waren eine kleine Gruppe von vier jungen Männern, die sich schon länger mit Fluchtplänen befasst hatte …« Diese Geschichte, die hier ihren Anfang nimmt, spielt nicht heute, sondern vor über 40 Jahren mitten in Deutschland, an der deutsch-deutschen Grenze.

Einer von uns hatte sich bei einem Westbesuch die Grenze von der Westseite aus ansehen können und eine Landkarte vom Westharzland mitgebracht. Dort waren noch alle Vorkriegswege eingezeichnet, und wir konnten sie mit unserer Ostkarte abgleichen und so einen für uns günstigen Weg aussuchen. Wie wir leider feststellen mussten, war einer von uns ein Verräter, er wurde als Spitzel von uns enttarnt. So kam es, dass wir früher fliehen mussten als geplant. Wir packten unsere Sachen und es ging um 20 Uhr zu Fuß Richtung »Drei Annen« los. Wir wählten dann den nach unserer Vorstellung sichersten Weg über die »Steinerne Renne«, dann Richtung Ilsenburg und Brockenmoor, und schließlich Richtung Eckertalsperre-Torfhaus. Wir waren vorsichtig und leise.

Anonym

Flucht ist oft lebensgefährlich. Davon berichtet die 1944 in Elbingerode geborene Person, die nicht namentlich genannt werden will. Anonym wurde der Text an Ann-Sophie Schäfer weitergeleitet. Flucht ist nicht gleich Flucht und gesellschaftspolitische Hintergründe lassen sich nicht vergleichen. Aber einander Erlebtes zu erzählen, das bringt Menschen näher zueinander. Erzählen schafft Begegnung.

Mein Name ist Khaled, ich bin 1978 geboren – in der Stadt Abu Kamal. Sie liegt an der syrisch-irakischen Grenze und ist bis heute schwersten Bombardierungen ausgesetzt. In der letzten Zeit sind die Bombardierungen durch die Luftwaffe des Regimes und auch durch die russische Luftwaffe sogar noch heftiger geworden. Viele Menschen sind ums Leben gekommen oder durch den »Islamischen Staat« vertrieben worden. Ich und meine Frau haben uns schließlich entschlossen, Syrien zu verlassen, vor allem, weil es keine Schulen und keine Krankenhäuser mehr gab.

Wir haben uns mit dem Fahrer eines Kleinbusses geeinigt und sind eines Nachts aus Abu Kamal nach Al-Mayadin geflohen. Von dort haben wir die Wüstenstraße Richtung Aleppo genommen, wo die Menschen in die Türkei geschleust werden. Die Reise war immer wieder sehr riskant: Auf der einen Seite die Straßensperren des »Islamischen Staates« und auf der anderen Seite die Flieger, deren Brummen man nachts hörte. Unsere erste Reise dauerte neun Stunden, dann kamen wir endlich im syrisch-türkischen Grenzgebiet an. Wir fanden jemanden, der uns in die Türkei schleusen konnte. Zwischen Olivenbäumen liefen wir zehn Kilometer zu Fuß. Ab und zu gab es Bombardierungen in den nahegelegenen Gebieten. Wir hörten scharfe Schüsse und Artillerie. Unsere Kinder und wir hatten große Angst.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled und Farkhozad leben mit ihren Familien seit dem vergangenen Jahr im Oberharz. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, erklärt Khaled. Dennoch hat es beiden viel bedeutet, den Menschen im Oberharz von ihrem vorherigen Leben und den Umständen ihrer Flucht zu berichten. Sie möchten, dass die Menschen verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Und sie wollen zeigen, dass sie sich wünschen, in Deutschland ganz anzukommen. Sie wollen nicht nur so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, sondern die Menschen kennenlernen, die hier leben. Ihre Hoffnung ist es, besonders für ihre Kinder, ein Leben in Frieden zu führen.

Der Weg fort aus Syrien war furchtbar. Wir waren gezwungen, endlose Wege zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, jemals das rettende Ufer zu erreichen. Uns erging es genauso wie vielen anderen Menschen auch. Wir sind schwer zugängliche Wege gegangen, überquerten Gewässer und Gebirge. Meine kleinen Kinder haben mir furchtbar leidgetan, vor allem wenn sie nicht mehr laufen konnten.

Drei Stunden trieben wir auf dem Wasser herum. Wir beteten zu Gott, dass er uns hilft. Einige von uns weinten. Plötzlich war da ein Journalist auf dem Wasser, der Fotos machte. Er hatte uns entdeckt. Wir haben angefangen, mit den Händen zu winken und lauthals zu schreien. Schließlich kam er uns zu Hilfe. Er zog uns bis ans Ufer. Dieser Mann, der uns geholfen hat, ist ein wunderbarer Mensch. Für mich war es ein schmerzlicher Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

»Ich weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Wenn ich vom Krieg in Syrien und der Flucht höre, dann weiß ich, dass vor allem auch die Kinder davon nicht unberührt bleiben. Das bleibt. Ich war auch erst neun, Ende Mai 1945 wurde ich zehn Jahre. Das ist wie ein Kaleidoskop, wie ein wahrer Film, der bleibt.« Edith Lippe wurde vor 81 Jahren in Stolp in Pommern geboren. Am 8. März 1945, als die Russen von Osten schon nach Pommern vorgerückt waren, treckte endlich, doch viel zu spät, auch ihr Dorf Richtung Westen.

Es war eisig kalt, die Pferde rutschten bergauf auf der vereisten Straße aus. Vor dem Ort Putzig gerieten wir in die Kampfhandlungen. Ein unübersehbarer Treck von Flüchtlingen fuhr in Richtung Danzig. Alle wollten versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Von Osten kamen uns russische Panzer entgegen und trafen auf die deutschen Truppen. Die schoben unsere Treckwagen in den Straßengraben. Die Geschosse flogen aus allen Rohren. Wir versteckten uns hinter aufgestapelten Holzstämmen. Meinem 11-jährigen Bruder flog eine Granate so knapp am Ohr vorbei, dass er wochenlang nichts hören konnte.

Edith Lippe

Edith Lippe

Edith Lippe

Als die kleine Edith 1947 nach der entbehrungsreichen Flucht mit der kranken Mutter und den Geschwistern im Oberharz ankam, spürte sie, dass sie hier nicht willkommen waren. Ein neues Leben anzufangen war nicht leicht in den schweren Jahren der Nachkriegszeit. Heute engagiert sich Edith Lippe mit ihrem Mann Hans-Henning in der Flüchtlingshilfe. Inzwischen sind sie, wie sie erzählen, für eine syrische Familie eine Art Großeltern geworden.

Und so klingen Fluchtgeschichten heute zusammen. Auch wenn die Schicksale so verschieden sind. »Ich finde, das ist jetzt ganz was anderes als damals bei uns. Wenn dort Krieg ist und sie flüchten, weil es um Leben und Tod geht, dann kann ich das gut verstehen, dass sie hierher kommen und dass die Leute auch freundlich sind zu denen. Das kann ich alles verstehen. Aber ich muss sagen: Wir hatten auch nichts und uns hat keiner was gegeben. Wir haben hier gehungert. Wir haben Kräuter gesucht, Brennnesseln, was man essen konnte. Das haben wir gesammelt und die Mutter hat dann Suppe davon gekocht. Es gab keine Kleiderkammer wie heute.« So sieht es Margot Papra.

Margot und Detlef Papra

Margot und Detlef Papra

Die gebürtige Schlesierin Margot Papra hat gemeinsam mit Sohn Detlef ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Detlef Papra war es auch, der diese beim Interkulturellen Abend in Benneckenstein vorlas. Er kennt die Geschichten aus der alten Heimat der Eltern und Großeltern, ist mit anderen Dialekten und schlesischer Küche aufgewachsen.

»Durch diesen Abend und dadurch, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe, ist mir das noch mal sehr bewusst geworden und hat für mich auch noch mal eine Verbundenheit mit der Heimat meiner Großeltern und Eltern gebracht. Ich habe mich mehr damit beschäftigt und auch ein anderes Verständnis für die Menschen bekommen, die heute auf der Flucht sind«, erklärt Detlef Papra.

Lebensschicksale lassen sich nicht einfach vergleichen. Die Hintergründe von Flucht und Vertreibung sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden müssen. Aber das gegenseitige Erzählen und Anteilnehmen verbindet. So war es jedenfalls in Benneckenstein. »Einander von sich erzählen können, das hilft einfach«, sagt Ann-Sophie Schäfer.

Diana Steinbauer

Es geht weiter, nur anders

30. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wandlungsfähig: Wie aus dem Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg in Elbingerode die Diakoniegemeinde wird

Haube und Tracht sind aus der Mode. Heute entschließen sich kaum noch junge Frauen, einer Schwesternschaft beizutreten. Da heißt es für die Mutterhäuser: umdenken.

Schwester Luise Kunze und Alt-Oberin Anita Rost gehören zu den 170 Diakonissen, die oberhalb des Harzstädtchens Elbingerode im Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« leben. »Wer hätte zu DDR-Zeiten gedacht, dass wir mal in Moskau Gottes Wort verkünden«, erzählt Schwester Anita bewegt. Bereits 1993 konnte Schwester Luise Kunze nach Moskau ausgesandt werden. Den Anfang beschrieb sie damals als ziemlich abenteuerlich, denn pflegerische, medizinisch-diakonische Arbeit war der dortigen Gemeinde völlig neu. Vor Kurzem las Schwester Luise, dass in Sibirien Hilfe benötigt wird. Ihr Russisch sitzt wie ihre Haube. So ging es Anfang des Jahres für 90 Tage zum Gemeindedienst tief nach Sibirien. Schwester Maren Martens, ihre Nachfolgerin in Moskau ist heute in einer lutherischen Gemeinde in Saratow an der Wolga tätig. Sie stehen exemplarisch für den politischen Wandel, den die am 20. Januar 1920 gegründete Schwesternschaft Neuvandsburg seither durchlebte.

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

»Doch die Schwesternschaft befindet sich im Umbruch. Die klassische Form des kommunitären Lebens schwindet wie die Zahl derer, die sich für diese Lebensweise entscheiden«, sagt der Direktor des Diakonissen-Mutterhauses von Elbingerode, Pastor Reinhard Holmer. »Wir diskutieren intensiv die Frage, was man tun soll. Sollen wir resigniert aufgeben und sagen, alles hat eben seine Zeit. Wenn es keine Hauben mehr gibt, wird es dann die Arbeit nicht mehr geben, der sich die Schwesternschaft verschrieben hat?« Holmer, der mit Oberin Kerstin Malych das Elbingeröder »Führungs-Duo« bildet, weiß, so geht es nicht weiter. »Vielleicht befinden wir uns schon in einer Phase des Übergangs, die Arbeit geht weiter, nur die Form hat sich geändert.«

Das könnte eine spannende Herausforderung werden. Mag sein, es gibt hier eines Tages keine Schwesternschaft mehr: Aber Menschen kümmern sich um Kranke, Ziellose, Migranten oder Bedürftige. Pastor Holmer sieht darin eine gute Lösung. Schwester Anita, die aus Halle stammt, erzählt, wie schrittweise Leitungspositionen, die Schwestern ausführten, an Mitarbeiter übergehen. 50 sind allein im Mutterhaus angestellt. »Die Küchen-Chefin ist noch eine Schwester. Die Aufgaben in unserer Berufsfachschule haben wir Diakonissen vor sieben Jahren abgegeben. Und siehe da, die Arbeit läuft prima weiter. Unser Gästehaus in Binz leitet jetzt auch keine Schwester mehr.« Sie weiß, in jeder Krise steckt die Chance eines Neuanfangs. Nicht umsonst steht unter dem Fenster des Oberinnen-Dienstzimmers seit 1934 der Spruch »Jesus lebt! Jesus siegt«. Die Alt-Oberin weiß um das Vertrauen, das Menschen gerade den Schwestern entgegenbringen. »Patienten oder jetzt Flüchtlinge erzählen uns Lebensgeschichten, da ist ein ganz tiefes Vertrauen.«

Pastor Holmer sieht dieses Vertrauen der Gesellschaft in die Diakonissen, die zunehmend aus dem öffentlichen Bild verschwinden, ebenso. »Aber da gibt es eine Ambivalenz. Gerade im Berufsleben wirkt die Tracht hinderlich. Dass fromme Frauen auch mit einer hohen fachlichen Bildung gesegnet sind, das wird in Teilen der Gesellschaft nicht so klar gesehen.« Schwester Sonja, hoch in den Achtzigern, arbeitete seit 1960 für 34 Jahre als Missionsschwester in Taiwan, wo sie ein Heim für behinderte Mädchen leitete. Sie erzählte einmal, dass sich vor ihrer Schwesterntracht in Asien die Menschen respektvoll verbeugten, wie sie es auch vor buddhistischen Mönchen taten.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Elbingeröder Schwesternschaft halbiert. Oberin Kerstin feierte gerade ihren 50., Direktor Holmer seinen 60. und Alt-Oberin Rost ihren 70. Geburtstag. »Da zählen wir noch zu den Jüngsten«, meint Anita Rost, die knapp zwei Jahrzehnte an der Spitze der Schwesternschaft stand. »Gerade mal 20 Schwestern sind unter 65 Jahren. Wir haben hier sogar schon ein 82-jähriges Diakonissenjubiläum gefeiert!« So wirkte es im Vorjahr wie ein Segen, dass Janina Meier (29) aus Bad Harzburg begann, auf Probe unter den Schwestern zu leben. Die ausgebildete Altenpflegerin mit dem silbernen Kreuz um den Hals ändert ihr Leben: Arbeit und Gebet, alles in der Gemeinschaft der Schwestern, dafür ein Taschengeld. Doch die Jungdiakonisse Janina lebt seit ein paar Monaten nicht mehr in Elbingerode. Persönliche Gründe gaben den Ausschlag.

Alt-Oberin Anita, die 1975 in die Schwesternschaft eintrat, stimmt Pastor Reinhard Holmer zu. »Wir leben in einer sich zunehmend individualisierenden Gesellschaft, wer will sich da noch in eine Gemeinschaft einordnen? Den jungen Leuten steht die Welt offen, aber sie wollen keine langfristigen Bindungen mehr eingehen.« So erlebte sie mit, wie das Krankenhaus der Diakonissen mit der Wende auf der Kippe stand, es an einen Träger übergeben wurde, das Gästehaus in Rathen, die Behinderteneinrichtung in Oranienburg oder das Erholungsheim unter neuen Bedingungen nicht mehr so weiterbestehen konnten wie in der DDR. Das Mutterhaus zog sich aus der Fläche zurück und konzentrierte sich auf Elbingerode. Hier entstand ein modernes Pflegezentrum, vom Mutterhaus finanziert und gebaut, das vom Diakoniekrankenhaus auf der anderen Straßenseite betrieben wird. Holmer spricht von einer engen Zusammenarbeit und einer Investition in die Zukunft. »Wir haben keine Angst, dass auch nur eins der Zimmer leer steht.« Es werde die komplette Palette geboten: ambulante, Kurzzeit- und Tagespflege, betreutes Wohnen, bis hin zur Sterbebegleitung. Ein offenes Angebot für alle Menschen sei so entstanden.

Das gibt es auch für das geistliche Leben. Feierte früher die »Mutterhausgemeinde« ihren Gottesdienst, gründete man zu Pfingsten 2014 die Diakoniegemeinde. Eine Vision, wie es die Elbingeröder nennen. Dass die Früchte trägt, beweist der Besuch des Gottesdienstes in der Mutterhauskapelle, zu Trinitatis waren es wieder über 200, die den Gottesdienst feierten. »Wir spüren, hier finden Menschen ihre geistliche Heimat, Suchtkranke suchen ein Stück Zuhause, weil man hier ihre Situation kennt, hierher kommen Wernigeröder und Leute aus Halle und Nordhausen. Es ist alles etwas anders, da spielt der Chefarzt Klavier und ein Therapeut predigt«, so Holmer, der die Gemeindeleitung innehat.

Und wenn er mit fester Stimme sagt: »Wir können nicht alles so weitermachen wie früher«, meint er wohl mehr als das Mutterhaus und die Gemeindearbeit.

Uwe Kraus

Das Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« in Elbingerode
Vandsburg in Westpreußen, wo sich die Schwesternschaft gegründet hatte, fiel mit den Versailler Verträgen an Polen. 300 Schwestern packten ihre Koffer und gingen auf die Reise in ein ungewisses Land. Sie waren auf der Suche nach ihrem »neuen Vandsburg«. Der Gründer der Gemeinschaft im Mutterhaus Vandsburg, Pfarrer Theophil Krawielitzki, gab ihnen das Wort mit auf den Weg: »Im Herzen Gottes liegt es schon eingezeichnet. Es muss nur noch auf die Landkarte kommen.«

Über Berlin und Rathen (Sachsen) fand die stark angewachsene Schwesternschaft der Neu-Vandsburger ihre Heimat im Wald bei Elbingerode, wo das christliche Erholungsheim Bad Waldheim lag. Die Schwesternschaft, die ab 1922 zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehörte, wuchs nicht nur zahlenmäßig. Auch durch die Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Bibelarbeit in rund 60 Orten machten sich die Diakonissen einen Namen. Im Juli 1945 ging ein Riss durch die Schwesternschaft. Elbingerode kam unter russische Besatzung, von den rund 1 200 Diakonissen gingen rund die Hälfte in den Westen, wo in Velbert Neuvandsburg-West entstand.

Neuvandsburg-Ost in Elbingerode galt schnell als eine der gefragtesten medizinischen Einrichtungen. 1976 entstand die Neuropsychiatrische Ambulanz, aus der sich unter großem Engagement von Dr. Klaus-Herbert Richter, der sich besonders für Alkoholabhängige engagierte, ein anerkanntes Zentrum der Suchtarbeit entwickelte. 1997 wurde die Rehaklinik für Suchtkranke gegenüber dem Mutterhaus errichtet, Akut-Krankenhaus, Tagesklinik und der Umzug anderer Bereiche folgten. Unterdessen ist das Krankenhaus eine GmbH, die zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehört.

Ermutigung zum Fliegen

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Würdigung: Mann des Wortes und Vordenker – der ostdeutsche Theologe Heino Falcke wird 85 Jahre

Falken nisten gerne auf Kirchtürmen. Sie haben schon aufgrund der Augenstellung einen extrem weiten Rundblick; ihre Anatomie ist auf den aktiven Flug hin ausgerichtet. Vielleicht gilt dies auch für Heino Falcke, der vielen Christen in der DDR zum Ermutiger wurde.

Heino Falcke erinnert sich: »Als uns 1980 Roger Schutz aus Taizé besuchte, kam es auf dem Domberg in Erfurt zu folgender Szene: Wir standen als Leiter des Gottesdienstes oben vor dem Dom, da löste sich aus der Gemeinde zu Füßen der Domstufen ein kleiner Junge und stieg ganz alleine vor allen die Treppen hinauf. Wir hielten den Atem an. Das war ein wunderbares Symbol für uns Christen in der DDR – sich zu wagen, alleine aus der Menge heraus seinen Weg zu gehen.«

Nicht zufällig ist dem ökumenisch weitblickenden Heino Falcke die Spiritualität von Taizé nahe. Und nicht zufällig ist das Kind auf der Treppe auch ein gutes Bild für Falckes Lebensleistung: die Ermutigung zu eigenen Schritten. Der Mann mit der prägnanten viereckigen Brille und dem weißen Haarkranz wird am 12. Mai 85 Jahre alt. »Ich bin ein Mann des Wortes«, meint Falcke von sich, »nicht so sehr begabt in Aktionen.« Seine Worte boten vielen jedoch Auftrieb für den aktiven Flug. »Prediger des Protestes« wurde der ostdeutsche Theologe genannt, »Mahner«, »Vordenker« der friedlichen Revolution.

Ja, Heino Falcke besitzt die Gabe des messerscharfen Wortes, doch seine Stimme ist leise und reibt angenehm, wenn er berichtet, was ihn prägte. Im ehemaligen Westpreußen geboren und in Königsberg aufgewachsen, erlebte er in seinem bildungsbürgerlichen Elternhaus Nationalgefühl und preußisches Soldatenethos und als Flakhelfer die Luftangriffe der britischen Flieger auf die Stadt. Im Januar 1945 floh die Familie über die Ostsee. In einer »Jungen Gemeinde« wurde Falcke, der sich bis dahin als distanzierten Christen beschreibt, durch einen Jugendpfarrer für den Glauben begeistert: »Er war stark durch Bonhoeffer geprägt; seine Art Christ zu sein, das war authentisch, aus einem Guss.«

Aufruf zum Christsein im Hier und Jetzt

Darauf folgte das Theologiestudium in Berlin, Göttingen und in Basel bei Karl Barth, dem großen Theologen der Bekennenden Kirche, Promotion und Habilitation in Rostock, später eine Pfarrstelle in Wegeleben am Harz. Von 1973 bis 1994 war Falcke Propst der Kirchenprovinz Sachsen in Erfurt. Diese Stelle als »kirchenleitender Libero« sei ihm auf den Leib geschneidert, »Propst Falcke« wurde zur Instanz.

Grenzübergreifende Erfahrungen prädestinieren für Grenzen übergreifendes Denken. Falckes Rede »Christus befreit – darum Kirche für andere«, gehalten 1972 vor der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, rief die Christen zum Engagement im Hier und Jetzt auf, für eine verbesserliche Kirche in einem »verbesserlichen Sozialismus«.

Die Rede wurde von Kirchenleuten kontrovers diskutiert, der Staat reagierte wie üblich gekränkt. Falcke aber wurde zum wichtigen Sprecher der Friedensbewegung in der DDR, zu einer der treibenden Kräfte des ökumenischen »Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«. Der Erfurter Propst beflügelte die sich bildenden Friedens- und Umweltgruppen. Freiheit, Frieden, Umwelt, Ökumene und der Ruf nach christlich-authentischem Leben blieben Falckes Lebensthemen. Als 2011 Papst Benedikt XVI. in die Erfurter Lutherstätte Augustinerkloster einzog, da kamen dem evangelischen Theologen die Tränen. Der Akt selbst erfüllte für einen Moment die ökumenischen Hoffnungen; was der Papst dann zur Ökumene sagte, fand Falcke enttäuschend.

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die evangelische Kirche sieht er heute als eine unter vielen Stimmen der Zivilgesellschaft. Hier sollte sie ihre Positionen stärker profiliert ins Gespräch einbringen und sich nicht als Moderator oder Konsens-Sucher gebärden. »Wir stehen vor notwendigen, tiefgreifenden Korrekturen im Kapitalismus; das ist eine enorme Herausforderung für die Kirchen unterhalb des Politischen«, sagt Falcke. »Wir sollten gegen den Mainstream hoffen – und nicht auf die Weltrevolution. Das geht nur, indem wir als Gemeinde exemplarisch leben und die Korrekturen im Selbstverständnis und in der Lebensweise der Menschen ansetzen lassen und bewirken.«

Verbesserlicher Markt und unverbesserlicher Kapitalismus

»Ich möchte noch etwas präzisieren«, sagt Heino Falcke später am Telefon. »zur Frage nach dem verbesserlichen Kapitalismus. Ich möchte unterscheiden zwischen Kapitalismus und Markt. Der Kapitalismus, mit dem Ziel der Kapitalvermehrung, ist überhaupt nicht verbesserlich, aber der Markt mit freiem Wettbewerb ist verbesserlich. Er bedarf des politischen Rahmens, der ihn in den Dienst des Gemeinwohls zwingt.« Eigene Schritte sind gefragt.

Rechts neben Falckes Hauseingang steht ein relativ neues, rotes Graffiti auf dem Putz: »Wir bleiben alle!«. Jawohl. Heino Falcke lehrt uns Zähigkeit, Genauigkeit und Geduld, die zum Wandel nötig sind. Wir werden sie brauchen.

Jürgen Reifarth

Hinweis:
Am 14. Mai wird anlässlich des 85. Geburtstages von Dr. Heino Falcke zu einem Symposium in das Erfurter Collegium maius (Landeskirchenamt) eingeladen. Beginn der Veranstaltung unter dem Titel »Gemeinde neu denken« ist um 16 Uhr.

»Hirte sein hat nichts mit Romantik zu tun«

5. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum »Hirtensonntag«: Gisela Roßmeier versorgt täglich 300 Schafe, 15 Ziegen und derzeit 140 Lämmer

Christus als der gute Hirte steht traditionell im Zentrum dieses Sonntags, der unter der Überschrift »Miserikordias Domini« die »Barmherzigkeit des Herrn« thematisiert. Wem stehen bei dem Gedanken an den guten Hirten nicht Bilder einer lieblichen Landschaft vor Augen? Abendsonnendurchflutet, rosa Wölkchen am Himmel und auf der Wiese vor dem Waldrand inmitten seiner munter grasenden Schafe steht der Hirte mit Stab und Hut. Ein Bild des Friedens und des Glücks. Geradezu paradiesisch.

»Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.«

Johannes 10,11

»Großer Quatsch«, winkt Gisela Roßmeier energisch ab. »Schäfer sein hat nichts mit Romantik zu tun, es ist harte Arbeit, ein Knochenjob.« Die resolute Frau, Jahrgang 1955, weiß, wovon sie spricht. Auch wenn sie »zur Schafhaltung wie die Jungfrau zum Kinde« kam. Als Anfang der 1990er Jahre die in Agrargenossenschaften gewendeten LPGs die wirtschaftlich wenig effektive Schafhaltung aufgaben, machte sich ihr damaliger Mann als Schäfer mit eigener Herde selbstständig. 1992 wurde der neueerbaute Stall am Ortsrande von Liebenrode bei Nordhausen eingeweiht. Doch als ihr Mann 1995 plötzlich starb, stand die gelernte Wirtschaftskauffrau und spätere Verkaufsstellenleiterin vor der Gretchenfrage in Sachen Schafe. Gemeinsam mit der Familie entschloss sie sich, nun selbst Schäferin zu werden.

Heute versorgt Gisela Roßmeier gemeinsam mit ihrem neuen Lebenspartner ihre Herde mit rund 300 Schafen und derzeit 15 Ziegen. Für die romantischen Bilder vieler Menschen hat sie allerdings Verständnis. »Wann sehen normale Menschen denn überhaupt mal einen Schäfer? Wenn schönes Wetter ist und sie wandern gehen.« Aber dass der Schäfer oder die Schäferin 365 Tage im Jahr, auch bei Wind und Wetter, bei Regen und Sturm sich um die Schafe kümmern muss, »sieht doch niemand«. Ein Acht-Stunden-Tag ist dabei Illusion. »Wenn die Lammzeit kommt, bin ich auch nachts im Stall«, sagt Roßmeier. Schließlich brauchen die lammenden Schafe und natürlich die Lämmer besondere Fürsorge.

Gisela Roßmeier aus Hohenstein-Liebenrode bei Nordhausen mit je einem ihrer Lämmer und Zicklein auf dem Arm. Foto: Harald Krille

Gisela Roßmeier aus Hohenstein-Liebenrode bei Nordhausen mit je einem ihrer Lämmer und Zicklein auf dem Arm. Foto: Harald Krille

»Das Lamm muss vor allem von seiner Mutter angenommen werden und innerhalb von zwölf Stunden die lebensnotwendige Vormilch, die sogenannte Kolostralmilch, aufnehmen«, erklärt die Schäferin. Diese sei wie ein Lebenselixier und bewirkt eine Initialzündung für Verdauung und Immunsystem des Lammes. Erhält es sie nicht, stirbt es. Die Pflege der Zitzen der Mutter und die Nabelpflege gehören für die Schäferin natürlich auch zur Geburtsbegleitung. 140 Lämmer sind in diesem Jahr bisher geboren, weitere werden in den nächsten Wochen noch folgen. »Der letzte milde Winter kam den Lämmern sehr entgegen, der davor war allerdings hart«, erinnert sich Roßmeier.

Derzeit stehen Schafe und Lämmer auf den Wiesen rund um den Stall hinter einem Netzzaun. Doch bald geht es auf die Wanderschaft. Das »Grüne Band« entlang der ehemaligen DDR-Grenze ist Roßmeiers »Revier«. Als Maßnahme der Landschaftspflege beweidet sie den ehemaligen Grenzstreifen, um die Verbuschung der Landschaft zu verhindern. Keiner kann das so effektiv wie das Schaf.

»Und wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme.«

Johannes 10,4

Doch stimmt es eigentlich, dass die Schafe die Stimme ihres Hirten kennen und ihm folgen? »Ich brauche nur zu pfeifen, dann sollten Sie mal sehen, wie sie angerannt kommen«, bestätigt die Schäferin. »Allerdings vor allem, wenn sie satt sind«, fügt sie leicht einschränkend hinzu. »Wenn sie Hunger haben und fressen wollen, lassen sie sich eher Zeit … »

»Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie …«

Johannes 10,12

Bis zu 20 Kilometer entfernt vom Stall zieht die Herde im Laufe des Jahres. Jeden Tag bauen Gisela Roßmeier und ihr Mitstreiter Netzzäune um jeweils einen halben bis einen Hektar Fläche und treiben die Schafherde anschließend auf das neue Geviert. Früher habe sie auch mit dem Hund die Herde frei geweidet, aber in den eingezäunten Bereichen fressen die Schafe das Gras und vor allem das aufkommende Buschwerk effektiver ab, erklärt sie. Selbstverständlich gehört auch die tägliche Wasserversorgung zum Hirtendienst – ein großes Wasserfass wird mit dem Trecker zur Herde gebracht.

Vom wiederkommenden Wolf ist derzeit auch in Mitteldeutschland viel die Rede, am Harzrand kommt noch der Luchs als Raubtier hinzu. Gisela Roßmeier hat mit beiden bisher noch keine Erfahrungen gemacht. Wohl aber mit anderen »Feinden« der Schafhaltung. So wurde sie vor einigen Jahren von einem Jagdpächter vor Gericht gezerrt. Der Vorwurf: Ihre Schafe verschmutzen die Flächen mit Kot und vergrämen so das Wild. »Zum Glück stellte das Gericht klar, dass Landwirtschaft vor Jagd geht«, berichtet Roßmeier. Doch an den Nerven zehren solche Erfahrungen. Ebenso wie manche aufgebrachte »Naturfreunde«, die sich aufregen, »nur weil« – Roßmeier nimmt kein Blatt vor den Mund – »Schafscheiße auf ihrem geliebten Wanderweg liegt«.

Überhaupt gebe es immer mehr Menschen, die zwar für das Landleben und die Natur schwärmen, denen aber jeder krähende Hahn zu viel Krach mache und jeder Misthaufen eine unerträgliche Geruchsbelästigung bedeute. Und auch offiziell werde es den Schäfern immer schwerer gemacht: ausufernde Bürokratie, immer mehr einschränkende Vorschriften, immer mehr Kontrollen und Nachweise, immer höhere Kosten für Futter und Kraftstoff oder für die Berufsgenossenschaft. Allein der Beitrag für die Letztgenannte habe sich in den vergangene Jahren verfünffacht. »Da reden wir über etliche Tausend Mark«, sagt die Schäferin.

»Ich bin gekommen, damit sie Leben und volle Genüge haben sollen.«

Johannes 10,10 b

Dennoch wird sie weitermachen. Mindestens bis zur Rente. Schließlich hat sie ja auch Verantwortung für ihre Herde, und ohne Liebe zu den Tieren könne man den Beruf sowieso nicht ausüben. Doch von Tierliebe allein kann ein Schäfer nicht leben – die Nachwuchssituation ist entsprechend schwierig. Denn Schafhaltung lohne sich letztlich kaum noch.

Fünf Monate muss ein Lamm gefüttert werden, bis es sein Schlachtgewicht von rund 40 Kilo hat. »Und dann bekommt man 2,30 Euro für das Kilo Lebendgewicht«, resümiert Gisela Roßmeier. Und fügt hinzu: »Gern würden wir ohne Subventionen und Staatshilfen arbeiten.« Aber dazu müsste wohl auch die Gesellschaft den Wert von gesunder Nahrung wieder schätzen lernen und zu honorieren bereit sein.

Harald Krille

»Gemeinden sind ›walpurgisfreie‹ Räume«

29. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Propst Christoph Hackbeil sieht das Hexentreiben zunehmend kritisch

Zehntausende Teilnehmer erwartet der Harzer Tourismusverband auch in diesem Jahr zu den Walpurgis­feiern. Sie finden in mehr als 20 Harzorten und natürlich auf dem Brocken selbst statt. Harald Krille sprach darüber mit Regionalbischof Christoph Hackbeil.

Herr Hackbeil, in wenigen Tagen sind im ganzen Harzgebiet wieder die Hexen los. Beunruhigt Sie das?
Hackbeil:
Ich beobachte das mit einem wachen und zunehmend auch kritischen Interesse. Die Walpurgis­feiern als Volksfeste haben einen sehr langen historischen Hintergrund. In diesen Feiern lebte ein Überrest der heidnischen Naturreligion unserer Vorfahren weiter. Sie wurden offensichtlich von der damaligen mittel­alterlichen Kirche zugelassen. Man ließ das Treiben gewähren, wie man auch den Karneval nicht verboten hat. Allerdings gibt es heute noch weitergehende Entwicklungen, die es sich lohnt, kritisch anzuschauen.

Kritischer Beobachter: Christoph Hackbeil ist Regionalbischof der Propstei Stendal-Magdeburg. Foto: EKM

Kritischer Beobachter: Christoph Hackbeil ist Regionalbischof der Propstei Stendal-Magdeburg. Foto: EKM

Um welche Entwicklungen geht es dabei?
Hackbeil:
Da ist zum einen besonders in den Großstädten eine Zunahme des Neuheidentums zu beobachten. Von daher kommen Menschen aus allen Teilen Deutschlands in den Harz, nicht nur um ausgelassen zu feiern, was ja einer der Hauptaspekte der ­traditionellen Walpurgisfeiern ist, sondern um bewusst religiöse Feiern durchzuführen. Da gibt es etwa einen Verein in Düsseldorf, der heißt »Die Düsselhexen«, die regelmäßig nach Wernigerode kommen. Das ist ein Phänomen, mit dem man sich auseinandersetzen muss.

Und was stört Sie noch?
Hackbeil:
Walpurgis ist ein großflächig beworbenes Mega-Event der Tourismusbranche geworden. Diesem Event kann man praktisch im Harz nicht entkommen. Da gibt es schon beispielsweise in manchen Kindergärten einen Gruppendruck, dass zu Walpurgis alle als Hexe oder Teufel angezogen kommen sollen. Und das macht dann christlichen Eltern, die diese heidnischen Bräuche bewusst ablehnen, zunehmend Probleme. Dazu kommt, dass man bei der Werbung nicht unterscheidet zwischen den Hexen und dem Teufel. Die satanischen Elemente sind in der Werbung deutlich im Vormarsch.

In mittelalterlichen Zeiten wurden die sogenannten Hexen ja auch von der Kirche gern als Dienerinnen Satans bezeichnet …
Hackbeil:
Da hat die Kirche ganz sicher große Schuld auf sich geladen. Wobei man bei genauerer Untersuchung der Prozesse vor allem im 17. Jahrhundert immer wieder feststellt, dass es zumeist nicht die Kirchen waren, die Menschen wegen ­Hexerei anklagten. Der Hexenwahn war eher ein Phänomen der Gesamtgesellschaft, oft durch ökonomische und soziale Probleme ausgelöst. Zum Beispiel wurden im Dorf Drübeck bei Wernigerode einst sechs sogenannte Hexen aufgrund familiärer Zerwürfnisse denunziert und verbrannt. Dass es dabei Frauen traf, liegt sicher an der Frauenfeindlichkeit der damaligen Zeit, die die Kirche natürlich mitgetragen hat. Wenn man heute den historischen Hexenwahn in diesen Feiern übergeht und Walpurgis mit Satan in Verbindung bringt, verteufelt man die zu Opfern gewordenen Frauen erneut.

Worin sehen Sie in diesem Zusammenhang die konkrete Herausforderung für die Kirche?
Hackbeil:
Zum einen in der selbstkritischen Aufklärungsarbeit über die Vergangenheit der Hexenverbrennungen, die man eben durch solche Walpurgis-Events bagatellisiert. Zum anderen müssen wir die Entwicklung in der heutigen religiösen Szene sehr ernst nehmen und als Gesprächspartner für suchende Menschen zur Verfügung stehen. Aber wir sind auch das frohe Bekenntnis schuldig, dass Jesus Christus uns aus der Macht des Bösen befreit hat. Und Satan ist ja der zusammenfassende Begriff des personifizierten Bösen. Und ganz praktisch sind unsere Kirchengemeinden glücklicherweise »walpurgisfreie« Räume, die es Menschen ermöglichen, Distanz zu dem ganzen Rummel zu gewinnen.

Reise in die Welt der Musik

19. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz präsentiert auf moderne Weise Instrumente und ihr Umfeld

Nach zweijähriger Umgestaltung der ehemaligen Zisterzienserabtei lädt die Stiftung Kloster Michaelstein wieder zum Besuch ein. »KlangZeitRaum – Dem Geheimnis der Musik auf der Spur« heißt die Ausstellung.

Kater Michel hat deutliche Spuren hinterlassen. Die Tapsen führen Kinder zu drehbaren Holzscheiben, hinter denen sich in der neuen Musikausstellung im Kloster Michaelstein kleine Rätsel oder ­zusätzliche Informationen verbergen. Kater Michel macht es den lesekundigen entdeckungsfreudigen Steppkes leichter, der Versuchung zu widerstehen, Instrumente anzufassen, die nur zum Betrachten ausgestellt sind. Aber einige dürfen die Besucher auspro­bieren.

Auf der unterhaltsamen Zeitreise erfahren die Museumsbesucher gleich zu Beginn des Rundgangs Details aus der ­Geschichte der Musikinstrumente, die nicht jedem geläufig sind. Foto: Kloster Michaelstein/Norbert Perner

Auf der unterhaltsamen Zeitreise erfahren die Museumsbesucher gleich zu Beginn des Rundgangs Details aus der ­Geschichte der Musikinstrumente, die nicht jedem geläufig sind. Foto: Kloster Michaelstein/Norbert Perner

Nach zweijähriger Bauzeit am Nord- und Westflügel der ehemaligen Zisterzienserabtei, während der die Sammlung historischer Instrumente nicht zugänglich war, lädt die Stiftung Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz wieder zum Ausstellungsbesuch ein. Die Zwangspause und die rund 5,5 Millionen Euro teuren Bauarbeiten zur Umgestaltung des 900 Jahre alten Klosters haben sich gelohnt. Entstanden ist im alten Gemäuer ein freundlicher und großzügiger Eingangsbereich mit allen Annehmlichkeiten eines modernen Museums und eine unterhaltsame Musikausstellung, die historische Instrumente und heutige Präsentationsweise wunderbar verbinden. »KlangZeitRaum – Dem Geheimnis der Musik auf der Spur« heißt die Ausstellung.

Gleich zu Beginn lädt die Zeitmaschine ein zur Reise in die Vergangenheit. Der Besucher kann wählen, wohin er »reisen« möchte. Auf einer Leinwand zu seinen Füßen erscheinen zeitgenössische Illustrationen und an den Schallbechern ist ein angenehm kurzer Abriss aus der Musikgeschichte zu hören. Erfreulich, dass dabei weniger bekannte Themen wie die Wandlung der hölzernen zur metallenen Querflöte oder die Entwicklung des Saxofons erzählt werden. Die Hörmuscheln hängen für kleinere Leute noch zu hoch, doch das wird demnächst ebenso geändert wie die Höhe der Schalltrichter im Hörgang. Hier sind Anekdoten aus der Musikwelt mit Klangbeispielen zu erlauschen.

Überhaupt geht die neue Ausstellung weit über das bloße Präsentieren der Instrumente hinaus. Besonders augenfällig ist das im »Salon«. Er ­empfindet einen Berliner Salon des 19. Jahrhunderts nach, in dem Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys, auftritt. Sie ist ebenso wie ihr Gast Franz Liszt als ­Figurenstele präsent, Bilder liefern die Inneneinrichtung und an einer Wand können Gespräche »belauscht« sowie Musik gehört werden.

Ursprung der Ausstellung ist die Musikinstrumentensammlung. Das Sammeln begann 1977 mit der Gründung der Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein durch Eitelfriedrich Thom. 1988 erfolgte eine Zustiftung von 500 Instrumenten aus dem Nachlass des Potsdamer Restaurators Peter Liersch. Seitdem wurde im Westflügel eine ständige Ausstellung von historischen Musikinstrumenten aus einem Bestand von etwa 900 Stücken gezeigt; thematische Führungen, Konzerte und Musikinstrumentenbausymposien ergänzten das Programm.

Nach der Zustiftung wurde die Sammlung stetig erweitert, unter anderem durch gezielte Ankäufe für die Gestaltung der neuen Ausstellung. So ist zum Beispiel ein Serpent zu sehen, ein schlangenförmiges Blasinstrument. Musikautomat, Lochplatten-Spieldose oder Mundharmonika gehören zum Bestand.

Sie sind mit erläuternden Texten versehen, die der Besucher aber nicht alle lesen muss, um mit Vergnügen durch die Räume zu wandeln. Denn den Ausstellungsmachern ist das Kunststück gelungen, tatsächlich vor allem die Musik zu präsentieren. Reizvoll die Modelle der Mechanik, wie sie in den Tasteninstrumenten im Laufe der Jahrhunderte entwickelt wurden. An Cembalo und Clavichord dürfen die Besucher sie sogar selbst ausprobieren. Nicht minder anregend die selbst spielenden Instrumente, denen Walzen oder Lochstreifen den Takt ­geben. Eine kleine Spieldose an der Wand lädt zum Kurbeln ein. Kater ­Michel weist den Kindern den Weg. Aber nicht nur die freuen sich, dem Geheimnis der Spieluhr auf die Schliche zu kommen.
Und wer im Museum gern wissen möchte, wie die freundlich-hellen Räume genutzt wurden, als das Gemäuer noch Kloster war, der findet ­einen Grundriss mit Erläuterungen
an der Wand.

Kloster Michaelstein bietet auch nach dem Umbau Konzerte sowie Probenmöglichkeiten und Seminare an.

Renate Wähnelt

Öffnungszeiten: April bis Oktober: täglich 10 bis 18 Uhr; November bis März: Dienstag bis Sonnabend 14 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 bis 17 Uhr

www.kloster-michaelstein.de