Ein einig Volk von Süchtigen

25. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

20 Jahre nach dem Mauerfall sind die Probleme in Deutschland fast unüberschaubar. Doch die wirklichen Fragen beantwortet kein Parteiprogramm.

Die Gefangenschaft des Volkes in der Sucht nach Geld, Wohlstand und Verdrängung der Probleme gefährdet inzwischen die Demokratie selbst – so die  nüchterne Analyse des Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz. (Foto: Uwe Zucchi/picture-alliance/dpa)

Die Gefangenschaft des Volkes in der Sucht nach Geld, Wohlstand und Verdrängung der Probleme gefährdet inzwischen die Demokratie selbst – so die nüchterne Analyse des Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz. (Foto: Uwe Zucchi/picture-alliance/dpa)

Dass die Wähler vor vier Jahren die beiden großen Volksparteien zusammengeführt hatten, darin vermutete ich damals einen möglichen Ausdruck des kollektiven Unbewussten, in schwierigen Zeiten die stärksten politischen Kräfte zu ­vereinen. Wenn einer Gesellschaft schmerzliche Erkenntnisse und belastende Veränderungen bevorstehen, sollten die notwendigen politischen Entscheidungen nicht durch den Kampf um Mehrheiten abgeschwächt oder ganz und gar verhindert werden.

Die vom Wähler ermöglichte große Kraft, die zentralen Aufgaben unseres Lebens anzupacken – Klimaschutz, Umweltschutz, Schuldenabbau, Vollbeschäftigung, Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bildung, Kinderbetreuung – ist nicht gefunden und genutzt worden. Schlimmer noch: Die Krise des »real existierenden Kapitalismus« führt nicht zu ernsthaften Bemühungen, die Ursachen zu erkennen und zu kurieren. Im Wesentlichen erfolgen irrwitzige symptomatische Maßnahmen, um die Folgen der Krise abzu­federn, nicht aber ihre Ursachen zu beseitigen.

Als eine Quelle der irrationalen und virtuellen Spekulationsspiele, die zur Finanzkrise geführt haben, wird die Gier genannt. Gier ist ein Symptom der Süchtigkeit. Natürlich ist es notwendig, dass die Banken reguliert und kontrolliert werden und auch für riskante Fehlspekulationen haften müssen. Aber wir dürfen nicht das unheilvolle Zusammenspiel mit der Gier der Kleinanleger übersehen. Das ist die erste bittere Erkenntnis, dass die Schuld nicht allein auf zockende Banker und gewissenlose Manager abgeschoben werden kann, sondern wir müssen in der Finanz- und Wirtschaftskrise die Folgen einer süchtigen Gesellschaft erkennen.

Eine zentrale Erkenntnis der Suchterkrankungen lautet: Nicht die Droge macht süchtig, sondern der süchtige Mensch sucht nach Mitteln, seine ­inneren Spannungen, Defizite und Unsicherheiten zu dämpfen. So kann auch Geld zur Droge werden. Wir sind durch Geld in eine Suchtkrise geraten, die zurzeit durch noch mehr Geld bewältigt werden soll. Man braucht kein Suchttherapeut zu sein, um die Absurdität dieser Maßnahmen zu begreifen.

20 Jahre haben wir Ostdeutschen um den Anschluss an den vom Geld dominierten materiellen Wohlstand gerungen und dabei ideelle Werte ­unseres früheren Lebens verkauft. Dadurch sind viele Illusionen geplatzt und Ernüchterungen bis Enttäuschungen haben neue Vorurteile, Projektionen und Radikalisierungen befördert. Wenn Demokratie nur an ­materielle Werte gebunden bleibt und nicht als eine innerseelische Erfahrung und beziehungsdynamische ­Praxis gelebt wird, ist sie in der gegenwärtigen Krise stark gefährdet.

»Innerseelische Demokratie« meint eine Kultur, die es ermöglicht, auch Ängste, Schwächen, Unvermögen bei sich selbst zu erkennen und zu akzeptieren, um sich nicht verstellen zu müssen und den inneren Frust an Feindbildern und Sündenböcken abzuarbeiten. Und in einer demo­kratischen »beziehungsdynamischen« Praxis wird nicht allein um Erfolg und Sieg gerungen, sondern auch das unvermeidbare Versagen und Verlieren werden akzeptiert und begründen durch Einsicht, Analyse und emotionale Verarbeitung eine Kultur der Begrenzung.

Das aber ist das letzte große Tabu unserer Gesellschaft. Dass alles Leben begrenzt ist und nicht nur vom Wachstum bestimmt sein kann, sondern auch vom Ende, vom Sterben und Vergehen, das wird natürlich gern verleugnet. Und kein Politiker kann es sich leisten, die Realität der Begrenzung zu vertreten, er hätte keine Chance, gewählt zu werden. Also auch das Volk – die Wähler – nötigen die Politiker zur einseitigen Darstellung, zur Phrase und wenn nötig auch zur Lüge.

Die Krise des Kapitalismus hat die deutsche Einheit vollendet, indem es nicht mehr vorrangig um Gewinner und Verlierer im Kampf um die Droge Geld geht, sondern um die Herausforderung, unsere Lebensform und Lebensziele kritisch zu überdenken. Was wir alle zu leisten haben, sind Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wie können wir ohne materielles Wachstum gut leben?
  • Wie können wir gerechter verteilen?
  • Wie können wir destruktives Agieren – Umweltzerstörung, Gewalt, Ausbeutung und Kriege – vermindern?
  • Wie können wir bei wirtschaftlicher und informativer Globalisierung auch globale ethische Normen und Werte erreichen?

Es gibt keine einfachen Lösungen und schnelle Antworten auf diese Fragen. Aber der Umgang mit ihnen wird über unsere Zukunft bestimmen. Was wir nicht durch Erkenntnis, Sozialverhalten und Politik bewältigen, wird uns mit Gewalt überrollen. Wenn etwas Zerstörerisches und Belastendes den zukünftigen Generationen aufgebürdet wird oder unser Wohlleben mit Ausbeutung anderer Menschen erkauft wird, ist unser Leben prinzipiell falsch, verlogen und vergiftet. Deshalb ist immer soziales und politisches Engagement für ehrlichere, natürlichere und gerechtere Lebensformen gefordert.

Auch wenn wir feststellen, dass der persönliche Einfluss unerheblich ist, darf man immer auf eine unerwartete Entwicklung hoffen, in der plötzlich etwas in Erfüllung geht, was man nie für möglich gehalten hat. 1989 ist ein lebendiges Beispiel dafür. Dies war aber nur möglich, indem Einzelne aktiv geworden sind und dadurch schließlich eine Massenbewegung zustande gekommen ist. Darin liegt der bleibende Wert des persönlichen Engagements.

Aber unabhängig von solchen historisch bedeutsamen Ereignissen, bleibt die Verantwortung für das individuelle Leben bei jedem Einzelnen. Und die darf man nicht auf Politiker, Manager, Banker – nicht einmal auf Freunde und Partner – delegieren. Ich fasse diese Verantwortlichkeit mit dem Begriff der »Beziehungskultur« zusammen. Es geht dabei um so wichtige Fragen, wie ich mit mir selbst und meinen ganz persönlichen Beziehungen zufrieden bin.

Weiß ich wirklich, wer ich bin und was ich will – auch außerhalb des ­elterlichen Einflusses, der ökonomischen Zwänge, der Mode und des Zeitgeistes? Und verfüge ich über Möglichkeiten, zwischen unvermeidbarer Anpassung und notwendiger Emanzipation, zwischen entlastender, aber vielleicht auch lähmender Abhängigkeit und befreiender, aber auch anstrengender Eigenständigkeit den individuellen Weg zu finden und die eigene Würde zu wahren? Ich würde so nicht fragen und sprechen, wenn ich nicht als Arzt und Psychotherapeut die erheblichen Schwierigkeiten vieler Menschen kennen würde, wirklich gut zu sich zu finden und nicht nur ein Leben zu führen, um es anderen recht zu machen und die erwarteten Normen und Werte zu erfüllen.

Ich glaube auch an heilsame Wirkungen einer Beziehungskultur, weil Menschen, die wieder lernen, sich ehrlich und unverstellt mitzuteilen und ihre Gefühle leben können, viel unabhängiger von äußeren Umständen leben und entlastende Befriedigung aus herzlichen mitmenschlichen Kontakten gewinnen. Aber eine solche Beziehungskultur steht nicht zur Wahl. Vielleicht war der Wahlkampf auch deshalb so träge und ­uninteressant, weil sich alle mehr oder weniger darin einig sind, die wirklichen Probleme unseres Lebens zu verleugnen.

Die notwendigen Veränderungen unserer Lebensweise sind in keinem Parteiprogramm zu finden. Ich gehe dennoch zur Wahl, um radikalen Gruppierungen keine relative Macht zu überlassen und weil Nicht-Wähler bisher weder Beachtung noch Wirkung erzielen. Vor allem aber bleibt die individuelle Verpflichtung, außerparlamentarische Realitäten einer Beziehungskultur zu gestalten, die auch zu neuen politischen Wirklichkeiten führen können.

Die Frage, inwieweit Ostdeutsche in der Demokratie angekommen sind, lässt sich relativ leicht mit dem erreichten Wohlstand beantworten. Wem es materiell gut geht, der schätzt Demokratie, auch wenn er kein ­Demokrat ist. Wem es finanziell und sozial schlecht geht, der schimpft auf die Demokratie und neigt zu Vorurteilen und Radikalisierung. Und ­genau diese Abhängigkeit vom Geld macht die Gefahr für die Demokratie aus. Wenn die Droge knapp wird, drohen Entzugssymptome und die sind immer – nach innen und nach außen – destruktiv.

Über andere Lebensformen zu diskutieren und wertvolle Beziehungserfahrungen einzubringen, damit könnten Ostdeutsche in der Krise des Kapitalismus zur Geltung kommen. Im Mangel gut zu wirtschaften, in der Repression die Würde zu wahren, dem Verrat und der Korruption zu widerstehen und im menschlichen Kontakt sich zu öffnen und gegenseitig zu helfen, das sind krisenfeste Kompetenzen und eine gute Basis für eine Beziehungskultur, die das zur Gier führende Konkurrenzverhalten wesentlich vermindern helfen kann. Süchtigkeit kann nur in liebevollen, einfühlsamen und frei lassenden Beziehungen verhindert und geheilt werden.

Der Hallenser Psychiater, Psychoanalytiker und Publizist Dr. med. Hans-Joachim Maaz war Chefarzt der Psychotherapeutischen und Psychosomatischen Klinik im Diakoniewerk Halle und ist seit Jahren ein kritischer Begleiter der Situation im wiedervereinigten Deutschland.