Kirchenmusik – ein Tor zum Glauben

Kantate: Singet dem Herrn ein neues Lied! Ein Loblied auf die Kirchenmusik

Wenn eine Musik erklingt, der Chor ein Halleluja anstimmt, kann es sein, dass die Töne uns innerlich anrühren, in Schwingung bringen, die sich bis zu einer Erschütterung steigern kann. Klänge vermögen unaussprechliche Freude in uns zu wecken und sie können Spannungen lösen. In Stunden der Trauer beispielsweise, wenn sich ein Panzer um das Herz gelegt hat, vermag eine Melodie es, die Tränen fließen zu lassen, den Schmerz zu lösen. Die Musik verändert in uns etwas. »Wenn die Sprache nicht ausreicht, sprechen wir zunächst betonter, verlängern oder kürzen die Silben und schließlich wird das Gesprochene zur Melodie«, deutet Kirchenmusikdirektor Wolfgang Kupke, Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle an der Saale. »Lässt sich die Sprache nicht mehr steigern, geht sie über in Musik.« Oder wie es der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) genial auf den Punkt bringt: »Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Insbesondere der Glaube ist ein Bereich, in dem die Sprache zuweilen an ihre Grenzen kommt. Unsere Rede von Gott – wie oft sind wir sprachlos, wissen nicht, was wir sagen sollen. Wie gut, dass es die Musik gibt, die tiefere Schichten in uns anspricht als Worte es vermögen. Die Kantoren und Kirchenmusiker wissen um das Potenzial der Klangwelt, sie vertrauen darauf, dass sie es schaffen kann, den Menschen die christliche Botschaft zu vermitteln.

»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Victor Hugo

In der Bachzeit, erklärt Wolfgang Kupke, hatte die Musik die Funktion, Texte zu wiederholen. Wenn nach dem Gesang von Liedern ein Nachspiel folgte, konnten die Zuhörer sich an den Inhalt des zuvor vernommenen Textes erinnern, führt der Professor aus. »Mit der Musik werden Assoziationen an Worte geweckt, obwohl sie nicht gesprochen werden. So bleibe vieles über die Musik hängen – und sei es ein unaussprechliches Gefühl.

Diese Besonderheit verleiht der Musik auch eine Bedeutung für den Glauben. »Kirchenmusik hat die Aufgabe, das Evangelium zu verkünden. Sie wird damit zu einem Tor des Glaubens, weil sie über die emotionale Schiene läuft«, so Matthias Schmeiß, Leitender Posaunenwart in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Schmeiß betrachtet die Kirchenmusik als eine niedrige Schwelle, um mit Kirche und Theologie in Kontakt zu kommen. Einige Menschen, so seine Beobachtung, besuchen regelmäßig mittags die in manchen Gotteshäusern angebotenen Orgelmusiken, obwohl sie sonst keine Beziehung zur Kirche haben. Sie werden über das Konzert mit dem geistlichen Inhalt vertraut gemacht.

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Um junge Leute an die Kirchenmusik heranzuführen, gehe das Posaunenwerk der EKM bewusst in Schulen, um dort seine Arbeit vorzustellen. Eine solche Begegnung sei für etliche Kinder und Jugendliche Impuls, ein Blasinstrument spielen zu lernen. »In manchen Fällen ist das der Kontakt zum Glauben.« Schmeiß erinnert sich an einen Mann, kein Christ, der sich aber jahrelang im Posaunenchor engagierte, regelmäßig im Gottesdienst mitspielte. Eines Tages habe er den Chorleiter gefragt, ob er das Vaterunser mitbeten dürfe. Offensichtlich war mit der Zeit über das Musizieren eine Beziehung zu Gott gewachsen.

Vielen Menschen gehe es in erster Linie um Gemeinschaft, die sie beim Singen erleben. »Manche suchen Anschluss, wenn sie zur richtigen Zeit angesprochen werden, sind sie über Jahrzehnte dabei«, so die Erfahrung des Kirchenmusikers.

Wie groß die Wirkung der Kirchenmusik ist, lässt sich wahrscheinlich nicht mit Statistik erfassen. Gleichwohl können Zahlen Auskunft geben über die Bindungskraft der Musik, ist Martina Hergt, Fachbeauftragte für Chor- und Singearbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, überzeugt. Wie sie sagt, gibt es in Sachsen 570 Kurrenden. »Das ist viel.« Und obwohl die Bevölkerungszahl abnimmt, so die Kantorin, bleiben die Zahlen der Kurrenden konstant, sie steigen sogar leicht. Wegen des Mitgliederschwundes auf Grund des demografischen Wandels beobachte sie vielerorts eine schlechte Stimmung. »Dabei sieht die Lage gut aus.« Kirchenmusik – sie kann Zugang zum Glauben eröffnen, ist auch Martina Hergt zuversichtlich. Sie erinnert sich an ihre Erfahrungen als Kantorin in Leipzig-Sellerhausen, wo sie bis Herbst vorigen Jahres arbeitete, bevor sie ihre neu geschaffene Stelle in Dresden antrat. Indem die Kirche mit musikpädagogischen Angeboten in Kindergärten geht, bringe sie dorthin ihre Lieder nebst Texten und damit ihre Tradition und Werte, schildert sie. »Kirchenmusik hat eine Riesenchance.« Über die Musik ergeben sich Gespräche mit den Eltern. Lieder haben eine große Magie, sie wecken Fragen nach Ritualen und Inhalten. »Die Arbeit ist oft mühevoll und nicht glänzend«, sagt die Kantorin. Aber wenn die Kinder die Lieder einmal gelernt haben, sei eine Beziehung entstanden, die fürs Leben hält. Und sei es nur, wenn sich die Menschen später daran erinnern, dass es eine schöne Zeit war – die Zeit des Singens – im Kindergarten, in der Kurrende.

Allerdings, so die allgemeine Sorge der Kirchenmusiker, habe der Musikunterricht in den Schulen einen schlechten Stand und wecke bei den Kindern nicht die Freude am Singen. »In manchen Bundesländern wird ab der 7. Klasse nicht mehr aktiv gesungen«, sagt Martina Hergt. Sie bedauert, dass die Menschen zwar reichlich Musik konsumieren, sie allüberall und zu jeder Zeit von ihr umgeben sind, das eigene aktive Singen jedoch auf der Strecke bleibe.

Das ist auch Wolfgang Kupkes Erfahrung. Wie er beobachtet, nimmt die Musikalität in unserer Gesellschaft generell ab. Dafür macht der Professor die mangelhafte musikalische Bildung an den Schulen verantwortlich.

Einen Kontrapunkt zu dieser Entwicklung setzt der vierte Sonntag nach Ostern: Kantate – der Ehrentag der Kirchenmusik. Das Singen und Musizieren hat an diesem Sonntag im Kirchenjahr seinen festen Platz.

Doch – bei aller Hochachtung der Musik, der Bewunderung für ihre Kunst, Menschen verzaubern zu können, wäre es falsch, sie gegen die Sprache auszuspielen. Auf diese mögliche Fehleinschätzung weist Kupke hin und betont stattdessen: »Es gibt keinen Gegensatz zwischen Musik und Wort. Sie durchdringen sich.« Zum Lobe Gottes!

Sabine Kuschel

Von Beruf Pfarrer

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Beruf des Pfarrers steht im Mittelpunkt eines Dokumentarfilmes, der am 6. April in Halle seine Kinopremiere erlebte. Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben ein Jahr lang eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Endphase ihrer Ausbildung zum Pfarrer begleitet. Nach dem akademischen Studium ging es nun um die praktische Ausbildung im Vikariat. Der Ort des Geschehens ist das Predigerseminar in Wittenberg, direkt am Lutherhaus gelegen, sowie die Schlosskirche am anderen Ende der Innenstadt. Seit 10. April ist der Dokumentarfilm »Pfarrer« in den Kinos.

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Das Einüben des liturgischen Singens, das Verfassen von Predigttexten und die Gestaltung der Gottesdienste sind die äußeren Handlungsfelder, die von den Filmemachern aus nächster Nähe erfasst werden. Noch größeren Raum nehmen die Gespräche der angehenden Pfarrer untereinander und das jeweils formulierte Selbstverständnis und Glaubensbekenntnis ein. Auch die zuweilen auftauchenden Selbstzweifel werden thematisiert.

Den für das Vikariat am Predigerseminar typischen Ordnungspunkten des Tages folgend, zeigt der Film besondere Momente wie das Morgenlob, die Andacht oder das Abendmahl, aber ebenso das Beisammensein am Grill oder den Spaziergang an der Elbe. Zwischendurch werden ästhetische Akzente gesetzt durch Nahaufnahmen von Blüten oder der Skulptur der Katharina von Bora, ein Blick aus dem Fenster die Collegienstraße herunter oder Details aus dem Inneren der Kirche geben Raum, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren.

Ein einziges Mal kommt es zu einem kurzen Disput zwischen dem Filmemacher Chris Wright, der seine atheistische Position benennt, und einigen der Vikare, doch zu einer tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzung zweier Sichtweisen auf Gott und die Welt kommt es nicht. Dafür sind zum einen die Vikare als Gruppe viel zu stark, zum anderen sind sie deutlich besser in der Lage, ihren Glauben und ihre Überzeugungen in Worte zu fassen.

Die stärksten Momente hat der Film durch seine visuellen Stimmungen und wenn die Momente des gemeinsamen Singens mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt werden.

Zu Beginn heißt es, Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun, womit der Alltag eines Pfarrers gemeint ist, und auch gegen Ende des Films werden die paradiesischen Zustände in Wittenberg angesprochen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die wirklichen Bewährungsproben allen angehenden Pfarren noch bevorstehen und so endet der Film im Abspann mit den Terminen der jeweiligen Ordination, die in einem Fall offenbleibt.

Mathias Tietke

Offizieller Kinostart für »Pfarrer« war am 10. April. Der 90-Minuten-Film wird unter anderem in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Halle, Magdeburg, Wittenberg, Bremen und Erfurt gezeigt.

Im Fernsehen ist die mit Unterstützung des MDR entstandene Produktion voraussichtlich nächstes Jahr zu Ostern bei arte zu sehen.

»Ja, mit Gottes Hilfe«

16. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Heiraten: Ein Paar aus Mitteldeutschland erzählt, warum ihnen die kirchliche Trauung wichtig war und was ihnen der Segen Gottes für ihre Ehe bedeutet

Zwei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes traten die Hallenser Caroline und Robert Günther im September 2013 vor den Traualtar.

Robert: Wir saßen mit Jogginghose am Frühstückstisch und schauten noch etwas verschlafen in unsere Kaffeetassen. Unser Sohn lachte auf dem Schaffell vor sich hin. Der Tag im März 2012 begann wie viele in den drei Jahren unseres Zusammenwohnens.

Caroline: Und dann hat mir Robert einen Antrag gemacht. Ich glaube, einen überraschenderen Moment hätte er sich nicht ausdenken können.

Robert: Schon bevor es Thema wurde, war uns klar, dass wir Ehe und Familie wollen. Beides gehört für uns zusammen. Nur die Reihenfolge war uns egal. So war es dann auch: Erst kam unser Sohn im Juli 2011 zur Welt und gut zwei Jahre später folgte die Hochzeit.

Caroline (27) und Robert (28) bei Ihrer Hochzeit in Schenkenberg bei Delitzsch. Foto: Lukas Becker

Caroline (27) und Robert (28) bei Ihrer Hochzeit in Schenkenberg bei Delitzsch. Foto: Lukas Becker

Caroline: In der ersten Zeit der Partnerschaft will man für den Anderen etwas Besonderes sein, für Schwächen ist noch wenig Platz. Aber wir konnten und wollten das nicht lange aushalten. Wir lernten uns kennen und gaben viel von uns preis. Als wir uns dann noch in die Augen sehen und sagen konnten: Ich liebe dich so, wie du bist, dann war auch die Gewissheit da: Mit dir will ich alt werden.

Robert: Wir wissen nicht, wie es uns ergangen wäre, hätten wir nicht beide ein so stabiles und liebevolles Elternhaus gehabt. Bei ihnen haben wir immer wieder erlebt, dass vieles ins Wanken geraten kann und es dennoch eine Verbindung gibt, die das aushält. Es hat uns immer beeindruckt, dass sie vieles in ihrem Leben infrage gestellt haben und vieles auch infrage gestellt wurde. Aber an ihrer Entscheidung füreinander haben unsere Eltern nie gezweifelt.

Caroline: Auch ohne Ehe wären wir überzeugt, dass wir unser Leben gemeinsam verbringen werden. Aber wir wollten für uns und nach außen hin unsere Beziehung bestätigen. Und vielleicht ist dieses Versprechen etwas, das uns in Krisen trägt. Doch dann kamen plötzlich noch andere Gründe hinzu, an die wir vorher nie gedacht hatten. Unser Sohn kam zu früh zur Welt und seine Situation war lange kritisch. Nun dachten wir auch an die rechtlichen Sicherheiten, die eine Ehe bietet.

Robert: Für Caroline ist die kirchliche Trauung wichtiger als das Standesamt. Sie sagt, dass sie sich durch den Segen Kraft erhofft: Für uns beide, unseren Sohn Paul und unsere gemeinsame Zukunft. Die Worte »Bis dass der Tod euch scheidet« klangen für sie nie bedrohlich, sondern wie eine Verheißung. Ich selbst bin nicht getauft. Aber auch ich wollte die kirchliche Trauung. Nicht nur ihretwegen. Und dann vor dem Altar hat sich alles richtig angefühlt. Es war feierlich und wunderschön. In diesem Moment konnte ich guten Gewissens und zu meiner und zur Verwunderung des Pfarrers sagen: Ja, mit Gottes Hilfe. Diesen Satz hatte ich nicht eingeplant. Aber ich konnte ihn mit Überzeugung sprechen.

Notiert von Stefan Körner

Gottesdienste für Verliebte am Valentinstag
Zum Valentinstag an diesem Freitag, 14. Februar, laden mehrere Gemeinden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu Segnungsgottesdiensten für Verliebte ein. Ökumenische Feiern gibt es unter anderem in Erfurt, Gera, Jena, Kloster Volkenroda, Halle, Merseburg und Kloster Drübeck. In Dessau wird sich ein Gottesdienst im Bauhaus-Café dem Thema widmen. Bei den Veranstaltungen in den Kirchengemeinden sind frisch Verliebte ebenso willkommen wie langjährige Eheleute. Die Einladung gilt selbstverständlich auch für Christen mit Partnern, die keiner Kirche angehören. In mehreren Kirchengemeinden sind nach den Gottesdiensten zudem Begegnungen und Gespräche in Pfarrhäusern und Gemeindezentren vorgesehen.

Der seit dem vierten Jahrhundert gefeierte Namenstag erinnerte ursprünglich an Bischof Valentin von Terni, der am 14. Februar 268 hingerichtet worden sein soll. Er hat der Legende zufolge trotz kaiserlichen Verbots Verliebte, darunter auch Soldaten und Sklaven, getraut. Zudem soll er frisch vermählten Paaren Blumen aus seinem Garten geschenkt haben. Wegen der unklaren historischen Herkunft wurde der Gedenktag jedoch 1970 aus dem Römischen Generalkalender der katholischen Kirche gestrichen.

Kirche und Krieg

27. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ethik: Theologische Positionen zum Krieg im Laufe der Jahrhunderte standen im Mittelpunkt der Theologischen Tage in Halle

Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren war der Schwerpunkt der Theologischen Tage in Halle. Unter dem Thema »Kirche und Krieg« ging es dabei aber auch um Fragen der Gegenwart.

Selbst die Vertreter reformatorischer Bewegungen im 16. Jahrhundert waren sich in Fragen von Krieg und Frieden nicht einig. Das begann schon bei der Auslegung der Schrift. Während Erasmus von Rotterdam befand, dass sich das Schwerttragen für einen Christen nicht zieme, war Martin Luther für den standesgemäßen Gebrauch des Schwertes und den Gehorsam gegenüber legitimer Autorität. »Luther sah Zeichen des nahen Weltendes überall«, so der Theologe und Kirchenhistoriker Friedemann Stengel (Halle) in seinem Vortrag über »Reformation und Krieg«. »Er sah überall den Teufel mit seinen Dämonen am Werk.« Nach Ansicht von Erasmus und Nikolaus von Kues führe jedoch der Teufel nicht das Regiment. »Auch der Kriegsgegner ist Menschenkind, nicht Teufel.« Kriege seien nicht von Gott gemacht, sondern von Menschen. Die Protestanten hingegen hätten mit dem Artikel 16 der

Unerträgliche religiöse Überhöhung: Bildpostkartenserie zum Vaterunser aus dem Ersten Weltkrieg. Repro: picture alliance

Unerträgliche religiöse Überhöhung: Bildpostkartenserie zum Vaterunser aus dem Ersten Weltkrieg. Repro: picture alliance

Confessio Augustana – »Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment« – Schuld auf sich geladen.
Ein Blick auf die deutsch-deutsche Friedensbewegung im Konflikt der Systeme warf die Theologin Angelika Dörfler-Dierken in ihrem Vortrag. Als Langzeitwirkung davon hat sie in Ost und West eine Delegitimation des militärischen Konfliktaustrags ausgemacht. Die Ablehnung von Kampfeinsätzen sei bis heute weit verbreitet; die Zustimmung zu ISAF sinke seit Jahren. In den Kirchen habe die Überzeugung geherrscht, dass die Abwesenheit von »heißem« Krieg nicht gleichbedeutend sei mit Frieden, so Dörfler-Dierken, die an der Universität der Bundeswehr lehrt. Sie entwickelte die These vom »Lustgewinn durch Partizipation an der Friedensbewegung«. Die Aktionen in Ost und West seien von »lebendiger Energie« getragen gewesen. Weil die Menschen Angst vor dem drohenden Atomkrieg hatten, beteiligten sie sich an symbolischen Aktionen zur Angstüberwindung. In der DDR seien alle, die die offizielle Politik nicht guthießen, in die randständige Gegenkultur verbannt gewesen. Mit der Einführung des Wehrkundeunterrichts habe sich der Widerstand intensiviert. Die Entspannungspolitik hatte der Veränderung der Mentalität der Menschen in Ost und West den Boden bereitet. In der DDR wurde der Graben zwischen offizieller Rhetorik und den eigenen Gefühlen der Menschen immer breiter. Insgesamt sei die deutsch-deutsche Friedensbewegung die »Geschichte ungleicher Brüder« gewesen, denen es gelungen sei, über die Systemgrenzen hinweg in Verbindung zu bleiben.

In den Mittelpunkt eines Workshops stellte der Theologe Jörg Ulrich (Halle) die Kriegspredigten in der evangelischen Kirche von 1914 bis 1918. Ein Thema, dem sich Wilhelm Pressel in seiner Dissertation von 1965 gewidmet hatte. Das Gros der Prediger habe Pressel zufolge dem Nationalprotestantismus angehangen. In den Predigten habe eine martiale, kriegslüsterne Sprache vorgeherrscht. Daneben gab es liberale Theologen und wenige, die, wie Christoph Friedrich Blumhardt, die klare Botschaft gepredigt hätten. Auch der hallesche Universitätsprediger Friedrich Loofs, dessen Predigten Ulrich untersucht hat, habe sich gegen Vereinnahmung gewahrt, die Schrecken des Krieges benannt und sich ein eigenständiges Urteil bewahrt.

Die fundamentale Kontroverse, die der Ersten Weltkrieg und seine Folgen unter Theologen ausgelöst hatte, beleuchtete Heinrich Assel (Greifswald) in seinem Vortrag über die »Lutherrenaissance im Krieg und Nachkrieg«. Während für Karl Barth der Krieg die »Offenbarung des Nicht-Göttlichen« gewesen sei, sah der Theologe Karl Holl das anders. »Man stellt überall mit Freude fest, dass der Krieg das beste aus uns herausgeholt hat«, schrieb er 1914. Und der Theologe Emanuel Hirsch (ein Wortführer der Deutschen Christen, Berater von Reichsbischof Ludwig Müller und Befürworter des Treueeides auf Hitler) habe 1934 dem Begriff »politische Theologie« einen souveränitätstheoretischen Sinn zu geben versucht: Politischer Theologe sei, »wer den politisch-völkischen Souverän auch als Souverän der Kirche anerkenne«.

Die ökumenische Friedensethik und die kirchliche Friedensarbeit im Spannungsfeld zwischen ziviler Konfliktbearbeitung, militärischen Interventionen und Kriegsgewöhnung nahm der katholische Theologe Joachim Garstecki (Magdeburg) in den Blick. Er beobachtet, dass die »Zurückhaltung gegenüber militärischen Lösungen« in den vergangenen 25 Jahren an Bedeutung verloren habe. Das Wort Friedenspolitik sei im öffentlichen Sprachgebrauch verschwunden, »sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit« sei vorrangiges Ziel und verwendetes Wort. Sicherheitslogik sei an die Stelle von Friedenslogik getreten, es gebe kein friedenspolitisches Gesamtkonzept. »Der Krieg erscheint heute wieder als Handlungsoption. Das ist eine gefährliche Entwicklung 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges.«

Angela Stoye

Einst ertragen, jetzt geliebt

26. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Schatz der Moderne: Karl Völkers Schmirmaer Kirchenbilder in der Moritzburg

Dieser Wucht kann sich wohl keiner entziehen, der den Sonderausstellungssaal der Hallenser Moritzburg betritt: In expressiver Farbigkeit mit Rot- und Ocker- vor Blau- und Grüntönen leuchtet links die Kreuzigungsszene und rechts die Himmelfahrt Jesu auf. Optisch verbunden sind die monumentalen Werke durch eine geradezu transzendent wirkende blaue Fläche. Entstanden, lange bevor Yves Klein mit seinen monochromatischen »I.K.B.«-Bildern die Kunstszene begeisterte.

Manche wollen im Auferstandenen das Abbild Lenins erkennen. Doch: Zwar habe Karl Völker, so Ausstellungskurator Wolfgang Büche, immer auf der Seite der Entrechteten gestanden, aber nie aus einer Ideologie heraus. Fotos: Stiftung Moritzburg/Reinhard Hentze

Manche wollen im Auferstandenen das Abbild Lenins erkennen. Doch: Zwar habe Karl Völker, so Ausstellungskurator Wolfgang Büche, immer auf der Seite der Entrechteten gestanden, aber nie aus einer Ideologie heraus. Fotos: Stiftung Moritzburg/Reinhard Hentze

Der Schöpfer dieser und weiterer an den Seitenwänden zu sehender Werke mit Darstellungen aus dem Leben Jesu, ist der Hallenser Künstler Karl Völker. 1889 geboren und 1962 ­gestorben, vom Expressionismus und der neuen Sachlichkeit geprägt, musste er alle Verwerfungen der jüngeren deutschen Kunstgeschichte hautnah erleiden. Im Nationalsozialismus als »entartet« diffamiert, in DDR-Zeiten von der unseligen »Formalismusdebatte« betroffen, später mit dem Etikett der »proletarisch-revolutionären Kunst« versehen, wehrte er sich zeitlebens gegen Vereinnahmungen.

Die jetzt in Halle gezeigten Werke entstanden 1921 bis -22 als Deckengemälde für die kleine Dorfkirche von Schmirma bei Mücheln im Geiseltal. Es ist schon ein kleines Wunder für sich, wenn ein Künstler in jüngerer Zeit mit einen Bilderreigen einen ganzen sakralen Raum ausgestalten konnte. Dass dieser, wahrscheinlich sogar deutschlandweit einzigartige Bildereigen der Moderne aber bis heute erhalten geblieben ist, darf als wirklicher Glücksfall bezeichnet werden. Nicht zuletzt auf Grund aktueller Diskussionen um zeitgenössische Kunst in Kirchen (Stichwort Baselitz) kann man erahnen, welcher Schock diese Darstellung des Heiligen für die Schmirmaer Gemeindemitglieder Anfang des vergangenen Jahrhunderts wohl war.

Klaus Völker, Enkel des Künstlers und Initiator einer Initiative zur Erhaltung des Gesamtkunstwerkes, dankte deshalb bei der Eröffnung auch den anwesenden Mitgliedern der Kirchengemeinde, dass sie die Bilder »anfangs geduldet, ertragen und dann sogar geliebt haben«. Dass diese jetzt in der Moritzburg in einmaliger Weise erstmals seit ihrer Entstehung auf Augenhöhe betrachtet werden können, ist der notwendig gewordenen Restaurierung geschuldet. »So Gott will« soll der Schatz ab 2014 ­wieder in das ebenfalls »restaurierte Schatzkästlein«, zurückkehren, wie der zuständige Pfarrer Hans-Jakob Schröter es ausdrückte.

Harald Krille

Die Sonderausstellung »Karl Völker. Heilige Geschichten« ist bis 5. Januar im Kunstmuseum der Moritzburg in Halle zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

www.kunstmuseum-moritzburg.de

»Mut zur Brache« haben

22. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht« – in Halle diskutierten Fachleute über die Zukunft der Kirche auf dem Lande

Dörfer werden kleiner, ­Kirchen bleiben leer. Wie kann religiöses Leben und Lernen dennoch gelingen? Tagungsteilnehmer in Halle suchten Antworten.

Wir haben einen Problemvorsprung gegenüber Westdeutschland.« Spätestens mit diesem Satz war Michael Domsgen die Aufmerksamkeit des Publikums ­sicher. Der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg führte am 9. Oktober in Halle in eine Tagung ein, deren Thema großes Interesse gefunden hatte. Es lautete »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht. Religiöse Bildung in der Peripherie« und widmete sich dem Land als Lernort des Glaubens mit dem Schwerpunkt auf Mitteldeutschland. Eingeladen hatte die Forschungsstelle »Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse« der Fakultät. Wie unter den Bedingungen von Bevölkerungsschwund und Säkularisierung Angebote für den geringen Anteil Jugendlicher auf dem Land aussehen können, kam beispielhaft zur Sprache.

Eine Dorfkirche zieht um – ausgerechnet in die Stadt: Die Emmaus-Kirche des ehemaligen Heuersdorf fand ihren neuen Platz in der Kreisstadt Borna bei Leipzig. Sie musste 2007 allerdings einem Braunkohlentagebau weichen. Foto: picture alliance

Eine Dorfkirche zieht um – ausgerechnet in die Stadt: Die Emmaus-Kirche des ehemaligen Heuersdorf fand ihren neuen Platz in der Kreisstadt Borna bei Leipzig. Sie musste 2007 allerdings einem Braunkohlentagebau weichen. Foto: picture alliance

Michael Domsgen verwies zunächst auf den Bevölkerungsschwund und die Änderung der Alters- und ­Sozialstruktur durch die Abwanderung junger Menschen. »Sachsen-­Anhalt ist nur ein Hotspot dieser Entwicklung«, so der Theologieprofessor. Das Land habe auch die niedrigste Quote an Kirchenmitgliedern in Deutschland. »Diese Minorisierung wirkt sich auf dem Land noch stärker aus als in der Stadt«, umriss er die ­Problematik. »Kirche kann schnell alt aussehen, wenn sie sich nicht umstellt.«

Der Leipziger Theologieprofessor Frank Lütze hat Beispiele dafür gesucht, wie die Kirche jung bleiben kann, wenn der Ort alt wird. Eines hat er in der Weinberggemeinde Garitz bei Zerbst in der Landeskirche Anhalts – 600 Einwohner, ein Drittel Evangelische, vier Kirchen, fünf Dörfer – gefunden. Hier sind die Kirchen in das Dorfleben eingebunden: Dorffeste werden wieder mit Gottes-
diensten eröffnet, an denen viele konfessionslose Menschen teilnehmen. Einwohner aus den jeweiligen Orten gestalten Andachten.

Für Kinder und die 18 Jugendlichen der Weinberggemeinde allerdings gibt es Angebote überwiegend in der Stadt Zerbst, wo sie Grund- und weiterführende Schulen besuchen. Zeitlich schließen sie an das Ende des Schulunterrichts an, manchmal werden sie in Zusammenarbeit mit Schulen angeboten. Die kirchenmusikalische Arbeit hat dort Tradition. »Allerdings«, so Frank Lütze, »sind die Fahrten vom Dorf in die Stadt und zurück ein Problem.« Zudem konkurrierten kirchliche und profane Anbieter. »Und eine Bedrohung ist immer da: Wie lange läuft ein Angebot bei drei bis fünf ­Teilnehmern?«
In Gerbstedt im Mansfelder Land, einer Region, die sich seit 1990 wirtschaftlich nicht erholt hat, ist kirchliche Jugendarbeit ein Alleinstellungsmerkmal neben Sport und Jugendfeuerwehr. Teilweise leben nur noch sieben Prozent evangelische Christen in den kleinen Dörfern. Gottesdienste gibt es auf ­Bestellung, die Mehrzahl der Kirchengebäude sind stumme Zeugen.

In der Christenlehre und bei den Pfadfindern sind zur Hälfte konfes­sionslose Teilnehmer. Die Konfirmandenarbeit ist regional organisiert. Kernstücke kirchlicher Jugendarbeit, wie Junge Gemeinde, Jugendkreuzweg, »Church Night« und der klassische Konfirmandenunterricht, finden sich im benachbarten Hettstedt, wo es auch weiterführende Schulen gibt. Frank Lütze würdigte die Breite des kirchlichen Engagements in der Gemeinde Gerbstedt, schätzte aber angesichts der Situation in von Abwanderung geprägten Gebieten ein: »Gefragt ist eine Kirche, die bereit ist zu säen, ohne die Ernte einfahren zu können.«

Der Geograf und Theologe Karl Martin Born (Vechta) forderte in seinem Vortrag dazu auf, Kirche und ­Gemeindehaus als Ankerpunkt zu erhalten. Auch Gebäude seien identitätsstiftend. Gemeindeleben mit Kinder- und Jugendarbeit, Seelsorge und Angeboten für alte Menschen sei ein weicher Standortfaktor. Zudem warnte er vor der überall anzutreffenden »Kenngrößengetriebenheit« – in der Kirche die Zahl der Gemeindemitglieder je Pfarrer, die immer weiter erhöht wird. »Die Folgen solcher Entscheidungen werden nicht bedacht.«

Dass das Land und kirchliches Leben dort oft aus einem defizitären Blickwinkel wahrgenommen werden, hat der Praktische Theologe Gerald Kretzschmar (Mainz) festgestellt. »Aber: Das Land ist ein Lebensraum, für den sich viele Menschen bewusst entscheiden«, sagte er. Die Dorfkirche verweist auf die Geschichte, in ihr kreuzen sich die Wege der Bewohner. Kommuniziert wird durch Kasualien, die Gottesdienstkultur, durch Aufbau von Nähe und Teilhabemöglichkeiten, durch Orientierung auf bestimmte Themen.

Kretzschmar verwies in seinem Vortrag auf den Marburger Theologen Henning Luther (1947–1991). Der habe Kirche als fortlaufenden Kommunikationsprozess gesehen. Kirche in ihrer pluralen Verfasstheit und der Vielzahl religiöser Überzeugungen sei nicht etwas, wohin Menschen integriert werden müssten. »Wo sich religiöse Kommunikation zwischen Menschen ereignet, da ist – nach Ansicht Hennig Luthers – Kirche.«

In der abschließenden Diskussion wünschten sich Zuhörer eine neue wissenschaftliche Aufmerksamkeit für die sogenannte Peripherie. Es wurde die Sorge laut, dass von der Stadt aus die Dorfgemeinden lediglich »mitversorgt« würden. Und Pfarrer Steffen Weusten aus Gerbstedt rief dazu auf, zu aktiven Gemeindegliedern Vertrauen zu haben, sie machen zu lassen und es auszuhalten, dass in einem Dorf nichts passiert. Auch Ulrich Hahn, Vorsitzender der Weinberggemeinde Garitz, äußerte sich ähnlich. Er forderte, den »Mut zur Brache« zu haben, »damit Felder sich erholen können, damit dort wieder etwas wächst«.

Angela Stoye

Wenn Väter im Knast sitzen

30. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Berichtet: Einen ungewöhnlichen Familientag organisierte Pfarrerin Barbara Sonntag in der Hallenser Justizvollzugsanstalt

Kinder brauchen Väter. Väter, die Geborgenheit und Liebe schenken, die aber auch stark sind, mutig und ­gerecht. Väter, die da sind, wenn Kinder sie brauchen. Doch was ist, wenn Papa im Gefängnis sitzt?

Kinder erziehen, ihnen Selbstbewusstsein mit auf den Weg zu geben, ist schon unter »normalen« Umständen kein leichtes Unterfangen. Um wie viel schwieriger jedoch, wenn Väter als verurteilte Straftäter im Knast sitzen, während Frauen und Kinder versuchen müssen, »draußen« allein über die Runden zu kommen. Zudem: Viele Inhaftierte hatten selbst keinen solchen Vater oder eine Familie, die Rückhalt bot. Sie wissen oft nur wenig darüber, wie Partnerschaften und Familie harmonisch und gut funktionieren können.

Die Einsamkeit der Frauen und Kinder sowie die Hilflosigkeit der Väter, bewegten die Hallenser Pfarrerin Barbara Sonntag zu einem Familientag im Knast. Ein gemeinsamer Nachmittag, in lockerer Runde, mit Zeit für die Kinder. Das Familientreffen entstand aus einer Seminarreihe für inhaftierte Väter. In der Vätergruppe lag der Schwerpunkt darauf, die Kinder sachlich zu informieren, ihnen Vorbehalte zu nehmen und Selbstwertgefühl zu geben. Sie sollen wissen, wo ihre Väter sind und warum. Vor allem sollen sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht verlieren.

»Es sind nicht nur die Väter bestraft, sondern leider auch die Frauen und Kinder«, resümiert Pfarrerin Sonntag. Nicht selten ziehen sich Freunde und Verwandte zurück, Geldnöte machen den Müttern zu schaffen. Die Kinder sehen sich in Schule und Freizeit mit Fragen konfrontiert oder werden von anderen ­herabgesetzt. Hier die Familien zu stärken ist das Ziel des Familientags.

Am vergangen Sonnabend, 21. September, war es schließlich soweit. Am Haupttor der Justizvollzugsanstalt »Roter Ochse« in Halle sammelten sich um die Mittagszeit junge Mütter mit ihren Kindern. Kaum eines älter als zehn Jahre. Sie warten, bis sie eingelassen werden in das riesige rote Gebäude, in dem hohe Mauern und Gitter dominieren. Eine kleine Schar ist es, rund 20 Väter, Mütter und Kinder werden es am Ende sein.

Vergittert: Die Justizvollzugsanstalt in Halle wird im Volksmund schon seit dem 19. Jahrhundert als »Roter Ochse« bezeichnet. Foto: picture alliance

Vergittert: Die Justizvollzugsanstalt in Halle wird im Volksmund schon seit dem 19. Jahrhundert als »Roter Ochse« bezeichnet. Foto: picture alliance

Die Justizvollzugsbeamten führen die Frauen und Kinder hoch hinauf unter das Dach. Dort befindet sich die große Halle, in der die Kirche ihren Platz hat. An diesem Tag sind die Stuhlreihen zum Teil weggeräumt. An die freie Stelle wurden Tische und Stühle so verteilt, dass jede Familie ­einen eigenen hat. Die Tische sind ­geschmückt. Für jeden haben die Männer ein entsprechendes Namensschild, Malsachen und bunte Servietten vorbereitet.

Die Frauen und Kinder sitzen an diesem Sonnabend zunächst in den verbliebenen Stuhlreihen. Endlich werden die Väter heraufgeführt, und es gibt Szenen liebevoller Umarmungen und Küsse. Babys werden geherzt, Kinder gedrückt und gestreichelt. Paare liegen sich in den Armen.

Dann ergreift Pfarrerin Barbara Sonntag das Wort. Sie begrüßt die ­Familien herzlich und stellt ihre Mitarbeiterinnen vor. Ein christliches Kinderlied wird angestimmt und alle singen mit. Es herrscht eine heitere Stimmung. Die vergitterten Fenster und die Vollzugsbeamten, die den Raum bewachen, geraten in Vergessenheit. Es fühlt sich an wie überall, wo Familien sich treffen, um Gemeinschaft zu haben.

Barbara Sonntag und ihre Mitarbeiterinnen möchten genau dieses Gefühl erzeugen. Ein Stück Normalität und ein Rahmen familiärer Nähe. »Für viele Insassen ist der Knast nicht nur eine Bestrafung«, sagt sie »oft sind sie hier nach langer Zeit zum ersten Mal wieder clean.« Das heißt, ohne ­Alkohol oder andere Drogen. Viele haben einen schwierigen sozialen Hintergrund, kommen aus der Beschaffungskriminalität und von der Straße. Doch manch einem Vater wird hier auch bewusst, wie viel ihm die Familie bedeutet. Die Sehnsucht nach einem normalen Leben mit Frau und Kindern keimt auf. Die Sehnsucht nach Veränderung und Erneuerung.

Dafür sieht Pfarrerin Sonntag eine reelle Chance. Sie als Person steht dabei vor allem für menschliche Nähe, Vorurteilslosigkeit und Verlässlichkeit. Die Gefangenen respektieren sie, vertrauen ihr und suchen ihre Hilfe. Allerdings bewegen sich die Dinge in sehr irdischem Rahmen. Die Frage nach Gott oder nach Schuld und Sühne steht nicht im Vordergrund. In den Gesprächen, die die Insassen mit der Pfarrerin suchen, geht es vielmehr um menschlichen und sozialen Kontakt. Es geht um den Haftalltag und um die Sorge, wie es draußen werden wird.

Micha Willmer sitzt am Tisch mit seiner Lebensgefährtin und den beiden gemeinsamen Kindern. Sein Sohn ist zehn und seine Tochter noch ein Kleinkind. Er ist für zwei Jahre ­wegen wiederholter Trunkenheit am Steuer inhaftiert. In der Vätergruppe ist er besonders aktiv. Er will es schaffen und in Zukunft ein normales Leben führen. Sich eine Arbeit suchen und seine Familie versorgen. Auch ein anderer Vater zeigt sich optimistisch: »Es ist alles schon geplant. Sobald ich draußen bin, nehme ich mein Leben in die Hand, und es soll ein gutes Leben werden.« Er wünscht sich noch ein Kind. Inhaftiert wurde er wegen mehrfacher gefährlicher Körperverletzung unter Alkoholeinfluss.

Nach einer gemeinsamen Zeit verlassen die Frauen den Kirchenraum zu einem Erfahrungsaustausch. Die Väter spielen derweil mit ihren Kindern. Dazu bekommen sie zusätzliche Anregungen und Ideen von den Sozialarbeiterinnen und Ehrenamtlichen aus dem Team um Pfarrerin Sonntag. In ihrer Frauenrunde haben die ­Mütter die seltene Gelegenheit, mit Gleichgesinnten zu sprechen. Hier kommen endlich einmal all die Sorgen und Nöte auf den Tisch, für die sonst kaum jemand Verständnis hat.

Zu einem Straftäter zu halten, kostet die Frauen Mut und Kraft. Und welche Wahl haben die Kinder? Die Stimmung unter den Frauen erscheint nicht so positiv wie die der Männern. Sie leiden unter der Situation und ­haben wenig Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen. Natürlich hoffen sie, dass ihre Männer sich ändern und es für alle ein »Happy End« gibt. Doch mancher Mann ist nicht zum ersten Mal im Knast. Sicherheiten gibt es nicht.

Pfarrerin Barbara Sonntag und ihr Team bleiben jedoch weiter am Ball. Gern wollen sie weiterhin alle bestehenden Möglichkeiten ausschöpfen, um für die Familien, die Väter und Mütter, vor allem die Kinder, den Grundstein zu einem sozialen und liebevollen Miteinander zu legen.

Petra Franke

»Mir fehlt die Kraft«

24. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Tod des Schriftstellers Erich Loest

Das Besondere an ihm sei, »dass er Wahrheiten aussprach«, würdigte Erich Loest den Sänger Wolf Biermann zu dessen 75. Geburtstag. Damit habe Biermann bei vielen dem Bewusstsein »auf die Sprünge geholfen«. Die gleichen Worte könnten jetzt auf Loest’s eigenem Grabstein stehen. Am 13. September starb der Schriftsteller im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Leipzig. Laut Polizei nahm er sich vermutlich schwer krank selbst das Leben.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Das Nachlassen der eigenen Kräfte hatte ihm in den vergangenen Jahren erkennbar zugesetzt. Er fühlte sich kraftlos, erschöpft und ärgerte sich ­darüber. Dabei wollte er noch etwas erzählen. Mit Romanen wie »Völkerschlachtdenkmal«, »Nikolaikirche« oder »Gute Genossen« hatte Loest die DDR-Geschichte, die rote Diktatur, die so schmerzlich eng mit seiner eigenen Geschichte verknüpft war, umfassend verarbeitet und zurechtgerückt.

Nun wollte er gern noch seine Hitlerjugend literarisch aufarbeiten. Er selbst habe zwar den inhaltlichen Spannungsbogen für einen entsprechenden Roman im Kopf, sagte er vor zwei Jahren: »Aber schaffen tue ich das nicht mehr. Mir fehlt die Kraft.«

Vor wenigen Wochen erschien trotzdem noch ein Loest-Werk, welches das Thema aufgriff. »Lieber hundertmal irren« ist ein Buch über das Kriegsende in der Provinz und über die Anpassungsfähigkeit der Menschen an die Systeme. Mehr als 50 Bücher, ungezählte Essays und Artikel zählen zu Loest’s literarischem Werk. Immer wieder schrieb er gegen die Versuche an, die DDR-Geschichte zu »verkleistern«, wie er sagte. Man müsse wachsam bleiben und bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur nicht nachlassen. Es sei zwar sehr viel getan worden seit der Wiedervereinigung, aber es werde immer noch aus den Ecken heraus gestichelt.

Geboren wird Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Nach Kriegsdienst und kurzer US-amerikanischer Gefangenschaft tritt er der SED bei und veröffentlicht den Roman »Jungen, die übrigblieben« über die Kriegsgeneration. Die Partei wirft ihm »Standpunktlosigkeit« vor. Es folgen Jahre als freier Schriftsteller. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnet er als ­einen der großen Wendepunkte in seinem Leben, ähnlich dem Kriegsende. Danach konnte er mit der DDR keinen Frieden mehr schließen, diesem Mix aus kleinbürgerlicher Behaglichkeit und Stalinismus.

Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 tritt er mit anderen für eine ­Demokratisierung der DDR ein und wird 1957 wegen »konterrevolutionärer Zellenbildung« verurteilt. Siebeneinhalb Jahre Haft in dem berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen.

Nach der Haftentlassung 1964 kehrt Loest nach Leipzig zurück. Mit dem autobiografischen Roman »Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene« meldet er sich 1978 auf der Bühne der zeitkritischen DDR-Literatur zurück. Darin zeichnet er ein illusionsloses Bild von der Realität der 60er und 70er Jahre in der DDR-Provinz. Die SED setzt das Buch erst auf den Index, nach Protesten wird eine limitierte Auflage zugelassen. Loest bezeichnet es heute mit als sein wichtigstes Buch, »weil es in der DDR geschrieben einen völlig neuen Blick auf dieses Land warf«.

Loest eckt an, wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und bekommt Publikationsverbot. 1981 verlässt er die DDR in Richtung Westen. Kurze Zeit später erscheint das autobiografische Werk »Durch die Erde ein Riss« über seine Haftzeit in Bautzen.

Als die Mauer fällt, kehrt er nach Leipzig zurück und verarbeitet seine Stasi-Akten in der Dokumentation »Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze«.
Mit dem 1995 veröffentlichten Roman »Nikolaikirche« um die Ereignisse der Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 hat sich ­Loest endgültig in das Bewusstsein der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geschrieben und den Demonstranten ein literarisches Denkmal gesetzt. Seine Haft in Bautzen verfolgte ihn bis ins hohe Alter. Er bereue bis heute, dass er damals nicht in den Westen abgehauen sei, sagt er noch Jahrzehnte später. Die Jahre im Knast hätten ihn fast fertiggemacht. »Wir haben eigentlich alle lebenslänglich bekommen.«

Markus Geiler (epd)

Schwarz, bunt, schrill

17. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Subkultur: Jedes Jahr zu Pfingsten steht Leipzig im Zeichen des Wave-Gotik-Treffens

Zum 22. Leipziger Wave-Gotik-Treffen werden wieder Zehntausende schrill kostümierte Anhänger erwartet. Im Mittelpunkt des Festivals der schwarzen Szene steht die Musik.

Das Porträt Richard Wagners ziert in diesem Jahr das Vier-Tage-Ticket des Leipziger Wave-Gotik-Tref­fens (WGT), die größte Zusammenkunft der Gothic-Szene in Deutschland. Doch, wie passen Wagner und Gothic ­zusammen?

Zumindest finden zeitgleich zum WGT die Richard-Wagner-Festspiele in der Messestadt statt. Die Organisatoren des Treffens haben deshalb das WGT-Programm an vielen Stellen mit dem Wagner-Programm verwoben. Mehrere Wagneropern sind über die Tage im Opernhaus zu erleben. Durch die mystisch dramatische Handlung passt Parsifal ganz recht in das Schema eines ­Treffens der schwarzen Subkultur. Als ­Eröffnung werden deshalb, auch in Erinnerung an das 100-jährige Bestehen, am Freitagabend in einem Open-Air-Konzert Ausschnitte aus dem Parsifal vor der Kulisse des Völkerschlachtdenkmals aufgeführt.

Aufwendige Kostüme mit Anleihen aus dem Mittelalter bis zum viktorianischen Zeitalter prägen die Erscheinung der Gothics – ein Bild vom vergangenen Jahr. Foto: Wolfgang Hesse

Aufwendige Kostüme mit Anleihen aus dem Mittelalter bis zum viktorianischen Zeitalter prägen die Erscheinung der Gothics – ein Bild vom vergangenen Jahr. Foto: Wolfgang Hesse

Als 1992 das 1. Wave-Gotik-Treffen mit rund 2000 Grufties und einer Handvoll Bands am Stadtrand von Leipzig stattfand, ahnte wohl keiner, dass sich das Treffen binnen weniger Jahre zum weltweit größten Familientreffen der Szene entwickeln würde. Ihre Wurzeln hat die Gothic-Subkultur im Punk und New Wave Anfang der 80er Jahre, brachte jedoch bald eine eigene Identität hervor. Die Auseinandersetzung mit Leben und Tod, das Nachdenken über ernste Dinge, das kritische Betrachten von Staat und Gesellschaft sowie das friedliche ­Mit­einander zeichnen diese Subkultur aus.

Mittlerweile erwartet Leipzig alljährlich 20000 Gothics aus aller Welt. Bizarre Outfits, schwarz, bunt, teilweise provokant, jedoch mit viel Fantasie erdacht, werden auch in diesen Jahr das Stadtbild beherrschen. Beim »Viktorianischen Picknick« im Clara-Zetkin-Park zeigen kreative Leipziger und WGT-Gäste ihre aufwendig und liebevoll angefertigten historischen Kostüme.

Über 30 Veranstaltungsorte, verteilt über das ganze Stadtgebiet, und etwa 200 Szenebands zählt das Programm des Leipziger Treffens. Von Future-Pop bis Goth-Metal, von EBM (Electronic Body Music) bis Folk, von mittelalterlichen Klängen bis elektronischem Industrial reichen die Facetten der musikalischen Veranstaltungen. Dabei legen die Veranstalter viel Wert auf wenig bekannte Untergrund-Bands. So unterschiedlich wie die Musik, so differenziert hat sich in all den Jahren auch die Szene selbst entwickelt. Viele langjährige Anhänger finden die Ideale aus der Anfangszeit nur noch bedingt wieder. Dennoch vereint alle ­Besucher der Gedanke, zu einer großen Familie Gleichgesinnter zu gehören.

Die Gruftis der Anfangszeit sind erwachsen geworden. Das WGT hat sich zu einem multikulturellen Ereignis entwickelt. Oper, Literatur, Theater, Kunst und Diskussionen gehören seit Langem in den festen Programmplan des Treffens. Freien Eintritt ins Museum der Bildenden Künste und in die Grassi-Museen, sowie Führungen auf Leipzigs Südfriedhof, einem der größten und schönsten Parkfriedhöfe Deutschlands, werden auch in diesem Jahr wieder angeboten. Zwei öffentliche Mittelaltermärkte mit Musik, Ritterspielen und deftigem Essen an der Moritzbastei und am Torhaus ­Dölitz runden das Programm ab.

Wolfgang Hesse

www.wave-gotik-treffen.de

Gothic – was steckt dahinter?

Vier Fragen an Pfarrer Sören Brenner, Schulbeauftragter in Halle und Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Herr Brenner, was steckt hinter Gothic?
Brenner:
Der englische Begriff Gothic steht im Grun­de für eine Kultur, die einer gewissen Weltabgewandtheit, Melancholie, ja Todessehnsucht frönt. Eine Kultur, die sich damit bewusst und oft sehr kreativ von der herrschenden Erlebnis- und Spaßkultur abhebt. In den Anfängen wurden die Anhänger meist als »Gruftis« bezeichnet, weil sie sich schwarz gekleidet gern auf Friedhöfen trafen, um ­Rituale zu veranstalten.

Sören Brenner

Sören Brenner

Das gibt der Befürchtung von satanis­tischen Tendenzen Raum.
Brenner:
Die gibt es, aber sie stehen nicht an erster Stelle. Im Vordergrund der Szene steht die Musik, die Gothic-Musik. Satanistische Elemente sind nur ein ganz, ganz kleiner Teilbereich und gehören für viele Gothic-Anhänger absolut nicht dazu.

Würden Sie dennoch eine potenzielle Gefahr in dieser Szene sehen?
Brenner:
Es gibt zwei Bewegungen mit Schnittmengen zur Gothic-Szene, die ­besonders kritisch zu sehen sind. Zum einen das Neuheidentum, vor allem in seiner rassistischen und rechtsradikalen Form, und natürlich der Satanismus, der ebenfalls eine sehr aggressive und gewaltverherrlichende Tendenz hat. Beide werden allerdings auch in weiten Teilen der Gothic-Szene kritisch gesehen.

Wie sollten Kirchen und Christen darauf reagieren?
Brenner:
Ich würde dringend davon abraten, in der Gothic-Kultur einen generellen Angriff auf den christlichen Glauben zu sehen. Es gibt in der Szene nicht wenige Menschen, die aus einer christlichen Sozialisation kommen und diese auch weiterhin nicht ablehnen, es gibt zum anderen – gerade hier im Osten – ­einen großen Teilbereich der religiös Indifferenten. Daneben gibt es einen bewusst religionskritisch und atheistisch eingestellten Bereich. Man darf die Szene deshalb nicht pauschal als antichristlich diffamieren. Deshalb sollte man etwa beim Leipziger Wave-Gotik-Treffen differenziert wahrnehmen, was sich dort auch an lebensbejahendem Potenzial findet. Und man sollte auf jeden Fall immer ­wieder das Gespräch mit diesen Jugendlichen suchen.

(GKZ)

Ein Lutheraner in Rom

10. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Händel-Festspiele widmen sich dem Verhältnis des Komponisten zu den Konfessionen

An Luther kommt in diesem Jahr keines der Musikfestivals vorbei. Auch die Händel-Festspiele in Halle machen da keine Ausnahme und erweisen dem Reformator gegenwärtig die Ehre. »Händel und die Konfessionen« lautet das Motto des traditionsreichen Musikfestivals, das seit dem 31. Mai in Halle läuft und noch bis zum 10. Juni andauert. Passend zum Schwerpunktjahr »Reformation und Musik« innerhalb der Lutherdekade wollen die Festspiele dabei auf die ­unterschiedlichen Strömungen eingehen, denen Händel in seiner Zeit begegnete.

So viele kleine Händel. Parallel zu den großen Festspielen gibt es in Halle auch Kinderhändelfestspiele. Zum Auftakt am 4. Juni beteiligten sich 250 Jungen und Mädchen in barocken Kostümen. Foto: Thomas Meinicke

So viele kleine Händel. Parallel zu den großen Festspielen gibt es in Halle auch Kinderhändelfestspiele. Zum Auftakt am 4. Juni beteiligten sich 250 Jungen und Mädchen in barocken Kostümen. Foto: Thomas Meinicke

Für Clemens Birnbaum, Intendant der Händel-Festspiele, ist das Motto dabei eine logische Konsequenz. »Im Gegensatz zu Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann, die durchgehend in einem protestantisch geprägten Umfeld gearbeitet haben«, zähle Händel zu den wenigen Komponisten des 18. Jahrhunderts, die für verschiedene Konfessionen tätig waren, unterstreicht der Direktor der Stiftung Händel-Haus. Er selbst stammte aus einem streng lutherischen Elternhaus, genoss eine Kantorenausbildung, spielte im calvinistischen Dom in Halle die Orgel und komponierte in seiner italienischen Zeit diverse Werke für die römisch-katholische Kirche. In England wandte sich der begnadete Komponist dann der Musiktradition der anglikanischen Kirche zu.

Deutlich wird seine Offenheit und religiöse Toleranz in dem thematischen Konzert unter dem Motto »Der ökumenische Musiker – ein Lutheraner in Rom«. Zwar habe es zu Händels Zeit keine Ökumene in unserem Sinne gegeben, räumt Erik Dremel, Dozent an der Theologischen Fakultät in Halle, in seinem Einführungsvortrag ein. Doch eine gelebte Ökumene, »eine Begegnung von Menschen verschiedener Konfessionen auf Augenhöhe«, gab es schon. Dafür steht in besonderer Weise seine Zeit in Italien. Händel hat in den Jahren 1707 bis 1710 kein Problem damit, katholische Kirchenmusik zu schreiben. Zu seinen Förderern gehören hier die Kardinäle Pamphilij, Ottoboni und Colonna. Beispielhaft erklingen am 2. Juni in ­einem Konzert im Händel-Haus drei geistliche Werke aus seiner Feder: »Laudate Puer Dominum«, das noch aus seiner Hamburger Zeit stammt, sowie das »Salve Regina«, eine marianische Antiphon, und die Kantate »Gloria«.

Der überzeugende Auftritt des Bozen Baroque-Orchesters unter der Leitung von Claudio Astronio mit der Sopranistin Gemma Bertagnoli ist ein Teil der Veranstaltungsreihe »Nach Luther«, die den Händel-Festspielen in diesem Jahr ihr besonderes Gepräge geben. Neben einem Konzert, das sich Händels Lehrer, dem wichtigen protestantischen Kirchenmusiker Friedrich Wilhelm Zachow, zuwendet, erklingt im Rahmen dieser Reihe auch Händels einzige deutschsprachige Passionsmusik, die »Brockes-Passion«. Insgesamt elf Aufführungen und eine Sonderausstellung widmen sich sowohl dem Schwerpunktthema »Händel und die Konfessionen« als auch dem Veranstaltungsreigen »Nach Luther«. Dabei werden eine Reihe von Kompositionen an authentischen ­Orten der Reformation zur Aufführung gebracht. So zählen Exkursionen nach Wittenberg und Eisleben und Konzerte im Lutherhaus oder der Andreaskirche zum Programm.

Für die Schirmherrin der diesjährigen Händel-Festspiele, die EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann, ist eine solche Schwerpunktsetzung folgerichtig. Händels Lebensweg sei stark von der Reformation geprägt ­gewesen. Zudem hätten in seinem Schaffen zentrale biblische Texte immer eine große Rolle gespielt, sagt sie zum Auftakt. Das kann Erik Dremel von der Theologischen Fakultät nur unterstreichen. Händel sei Zeit seines Lebens ein stolzer Lutheraner geblieben, der seine Bibel »selbst fleißig gelesen hat«. Um in Rom weiter Karriere zu machen, hätte Händel konvertieren müssen. Das habe er bewusst nicht getan, auch nicht in seiner langen Londoner Zeit, wo er wiederum Kirchenmusik für die anglikanische Kirche schrieb. »Seine lutherische Herkunft und seine Heimat«, ist Dremel überzeugt, »hat er nie verleugnet.«

Martin Hanusch

www.haendelfestspiele.halle.de

Rasender Roland an der Saale

18. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Miyoko Urayama (li.) und Patric Schott (re.) von der Berliner Theatergruppe »Nico and the Navigators«), in der Mitte: Owen Willetts (Orlando), Marie Friederike Schöder (Angelica), Foto: Gert Kiermeyer

Miyoko Urayama (li.) und Patric Schott (re.) von der Berliner Theatergruppe »Nico and the Navigators«), in der Mitte: Owen Willetts (Orlando), Marie Friederike Schöder (Angelica), Foto: Gert Kiermeyer


Händelfestspiele in Halle glänzten einmal mehr mit einem Aufgebot der Klassikstars

Dieser »Orlando« war ein Gesamtkunstwerk und zweifellos einer der Höhepunkte der diesjährigen Händelfestspiele. Das lag nicht allein an der Musik Georg Friedrich Händels (1685–1759) und der differenzierten Spielweise des Händelfestspielorchesters (erstmals unter der Leitung von Bernhard Forck). Nein, diese Aufführung bot ganz großes Theater. Und das hing zu einem nicht unerheblichen Teil mit der gelungenen Kooperation zwischen dem halleschen Opernhaus und der Berliner Off-Theater-Gruppe »Nico and the Navigators« zusammen, die das Stück als Neuproduktion für die Händelfestspiele in Szene gesetzt hatte.

Doch der Reihe nach: In seiner 1733 uraufgeführten »Zauberoper« griff Händel auf den Stoff des »Orlando furioso« von Ludovico Ariost aus dem Jahr 1516 zurück. Die Handlung des Beziehungsdramas ist schnell erzählt: Orlando liebt Angelica, die allerdings liebt den Prinzen Medoro. Angelica weiß, dass sie damit Orlando verletzt, aber sie kann nicht anders. Die Schäferin Dorinda wiederum merkt, dass sie bei jenem nicht landen kann.

Zusammengehalten und neu interpretiert wurde das Stück in der Inszenierung von Nicola Hümpel durch zwei Performancekünstler (Miyoko Urayama und Patric Schott), die das Geschehen auf der Bühne pantomimisch begleiteten. Am Ende erschien Orlando in diesem Beziehungsdrama nicht als der strahlende Held, sondern eher als Ritter von der traurigen Gestalt, der von seinem Liebeswahn geheilt wieder auf die Spur gebracht werden muss.

Dieser klassische Stoff von Rittern und Helden zog sich wie ein roter ­Faden durch die Festtage vom 3. bis 13. Juni, die erstmals auf ein Generalmotto verzichteten. Es gab Konzerte, eine Sonderausstellung und eine wissenschaftliche Konferenz, die das Ritterepos vom »rasenden Roland« thematisierten. »Viele Komponisten, darunter auch Händel, ließen sich davon inspirieren«, erklärte der Leiter des Händel-Hauses, Clemens Birnbaum.

Nicht nur nach Ansicht des neuen Festspielleiters, ging das Konzept auf. Mit einer Mischung aus bewährten Programmangeboten und neuen Aufführungsformen sei es gelungen, nach dem großen Händel-Jubiläum von 2009 den »Festjahresschwung« beizubehalten, bilanzierte Birnbaum. Gut 40000 Besucher bei den insgesamt 130 Veranstaltungen sprechen hier für sich.

Eine kleine Enttäuschung war allenfalls der mit Spannung erwartete Auftritt des Countertenors Andreas Scholl. Was als Festkonzert mit dem mehrfach ausgezeichneten Sänger angekündigt wurde, war zwar in sich stimmig und die Akademie für Alte Musik unter der Leitung von Marcus Creed ebenso gut aufgelegt wie der Chor »Vocalconsort Berlin«. Allein: Unter einem Festkonzert hatten sich viele Besucher etwas anderes vorgestellt. In dem gemischten Bach-Händel-Programm sang Scholl gerade einmal vier Arien und zwei Rezitative. Kein Wunder, dass die Akademie für Alte Musik und der Chor am Ende mehr Beifall bekamen als der groß angekündigte Star.

Ganz anders verhielt es sich bei der diesjährigen Händel-Preisträgerin, die wie Scholl ihre Premiere bei den Händelfestspielen erlebte. Die umjubelte italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli glänzte auch in Halle in gewohnter Manier. »Cecilia, Sie sind ­einfach einzigartig. Sie sind ein Leuchtturm in Ihrem Fach«, lobte Klaus Froboese, Kuratoriumsmitglied der Stiftung Händel-Haus, die Sängerin in seiner Laudatio.

Ebenfalls gefeiert wurde »Il Giardino Armonico« beim Auftritt in der halleschen Marktkirche am Abschlusstag der Festspiele. Die Mailänder Alte-Musik-Spezialisten brachten nicht nur Werke Georg Friedrich Händels, Giuseppe Sammartinis sowie Wolfgang Amadeus Mozarts mit brillantem Klang und atemberaubendem Tempi zu Gehör. Zugleich verneigten sie sich bei ihrem Auftritt musikalisch vor Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784). Der älteste Sohn Johann Sebastians hatte in seiner Zeit als Musikdirektor an der Hallenser Marktkirche ein schmales, aber nicht ganz unbedeutendes Werk hinterlassen. Im November wird an seinen 300. Geburtstag erinnert.

Martin Hanusch