»Gedenk, o Mensch, dass du Staub bist«

Was hinter dem Aschermittwoch steckt – Bruch, Umkehr, Innehalten, Befreiung und Hoffnung für Burn-out-Kranke

In der Domkirche von Halberstadt trieb sich vor gar nicht so langer Zeit an jedem Aschermittwoch ein zerlumpter, vermummter Mensch herum, den man nach dem Gottesdienst auf die Straße jagte. Bis Mitternacht musste dieser »Adam«, wie man ihn nannte, barfuß durch die Gassen laufen und sich vor jeder Kirche verneigen. Das wiederholte sich nun täglich bis zum Gründonnerstag; da wurde »Adam« feierlich wieder in die Gemeinde aufgenommen und erhielt eine schöne Stange Geld, das man für ihn gesammelt hatte. »Adam« diente den Halberstädtern buchstäblich als Sündenbock, denn man glaubte, dass er mit seinem unentwegten Herumpilgern die Schuld der ganzen Stadt abgebüßt hatte.

So streng und finster ging es einstmals zu in der Fastenzeit. Fleisch zu essen und Tanzveranstaltungen abzuhalten, war vielerorts gesetzlich verboten und wurde von der staatlichen Obrigkeit geahndet.

Spenden des Aschekreuzes. Foto: Wikipedia

Spenden des Aschekreuzes. Foto: Wikipedia

Der barfuß durch die Straßen laufende »Adam« von Halberstadt erinnert an eine drakonische Sitte: die Austreibung der sogenannten öffentlichen Sünder am Aschermittwoch. Mörder, Gottesleugner, Ehebrecher bekannten im frühen Mittelalter ihre Schuld nicht privat im Beichtstuhl, sondern in der Kirche vor der ganzen Gemeinde. Während der Fastenzeit mussten sie dann ein Bußgewand tragen, durften sich nicht waschen und rasieren, stellten sich bisweilen auch am Sonntag vor das Kirchenportal, wo sie von den Gottesdienstbesuchern mit einer Rute geschlagen wurden – wenn auch sanft und dezent, in der Regel. Erst am Gründonnerstag nahm sie der Bischof wieder in die kirchliche Gemeinschaft auf.
Das heute noch im katholischen Aschermittwochsgottesdienst übliche Aschenkreuz ist eine schwache Reminiszenz an solch strenge Bräuche. Den Ritus gibt es seit dem zehnten Jahrhundert, die Asche gewinnt man aus den im Vorjahr bei der Palmprozession geweihten Zweigen. Der Priester segnet die Asche und streut sie den Gottesdienstbesuchern aufs Haupt oder er zeichnet ihnen ein Aschenkreuz auf die Stirn. Dabei zitiert er einen Satz aus der Schöpfungserzählung der Bibel: »Memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris – gedenk, o Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub wirst du zurückkehren.«

In der Bibel und im Volksmärchen – Stichwort Aschenputtel – bedeuten Staub und Asche dasselbe: etwas Flüchtiges, völlig Gewöhnliches, komplett Wertloses. Hiob sitzt traurig in der Asche, nachdem er alles verloren hat, seine Habe und seine Familie. Wenn ein neuer Papst in sein Amt eingeführt wird, verbrennt ein Kardinal vor seinen Augen einen Wollfaden, um ihn daran zu erinnern, dass alle Herrlichkeit der Welt vergeht und auch die Papstwürde nur auf Zeit verliehen wird.

Seit Gott in Jesus Mensch geworden ist, vergänglicher, verwehender Staub, besteht allerdings Hoffnung, dass dieses nichtige Menschenleben geliebt ist, gerettet werden wird und eine Zukunft über den Tod hinaus hat. Burn-out, Tristesse, Depressionen, der Verlust von Schwung und Daseinsfreude, die bittere Sehnsucht nach Visionen und Perspektiven: Viele Menschen leiden heute darunter, dass unter der Asche ihres Lebens jede Glut erloschen ist. Das Bild hat aber auch eine positive Seite: Asche reinigt, wäscht den schmutzigen Belag ab, der vielleicht auch die Seele verkleistert und behindert.

Harte, provokante Bibeltexte sind am Aschermittwoch in den Kirchen zu hören: »Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen (…) und kehrt um zum Herrn, eurem Gott!« – »Hab Mitleid, Herr, mit deinem Volk und überlass dein Erbe nicht der Schande.« – »Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung. (…)

In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: durch Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, durch Fasten, durch lautere Gesinnung, durch Güte.«

In alten Bräuchen, die anscheinend halb zum Fasching und halb zur Fastenzeit gehören, ist der Bruch spürbar: etwa im Geldbeutelwaschen am Morgen des Aschermittwoch. Die Symbolik ist klar: trauriger Abschied vom großzügigen Herumlumpen während der tollen Tage, aber auch Befreiung vom Besitzdenken und Materialismus. Oder am selben Tag das Fischessen: Schließlich ist der Fisch die älteste Chiffre für Christus, ein geheimes Erkennungszeichen aus der Zeit der Katakomben, denn die griechischen Anfangsbuchstaben der Formel »Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter« ergeben das Wort »ichthys«, Fisch. Wenn man das weiß, dann kann dieses Fischessen ein sprechendes Zeichen der Umkehr zu Christus sein.

Viele Menschen – und auch immer mehr Mediziner – entdecken das Fasten heute neu als einen Weg der inneren Freiheit. »Verzichten ist ein Zeichen von Stärke«, sagt der Benediktiner Anselm Grün und zitiert Sigmund Freud: Wer nicht verzichten kann, vermag kein starkes Ich zu entwickeln. Grün: »Und wer immer sofort jedes Bedürfnis befriedigen muss, der kann nicht wirklich genießen.«

Verzicht als Ermöglichung von Freiheit. Befreiung vom Zwang, dauernd zu trinken, klingt doch schon viel besser als Alkoholverbot. Wer Handy und PC nicht auch mal ausschalten kann, wird Schwierigkeiten im direkten Kontakt mit Menschen bekommen. Der Workaholic, der keine Erholung kennt, geht kaputt, seelisch und körperlich. Der Kontrastbegriff zum Verzicht heißt Sucht.

Fastenzeit: Sich von Überflüssigem trennen. Abhängigkeiten überwinden. Sich wieder an einfachen Dingen freuen. Die Lebensmitte wiederfinden. Das Sein höher schätzen als das Haben. Umkehren, sich aus Schuldverstrickungen lösen ist nichts Lebensfeindliches. Und die Einschränkungen beim Essen und Trinken sind nur Chiffre, Symbol für das, was eigentlich gemeint ist: Neuorientierung, Bewusstseinsveränderung, Kehrtwende.

Auch die Muslime kennen eine solche Zeit der Umkehr, arabisch Ramadan genannt, »der heiße Monat«. Muslime kombinieren das Fasten mit Meditieren, Schweigen, Koranlesen. Christen fasten ebenfalls, um Heilung für ein verwundetes, krankes, desorientiertes Leben zu finden und für Gott frei zu werden – aber sie haben noch eine zusätzliche Motivation: Sie fasten, wie es Jesus getan hat; und sie bereiten sich damit auf Ostern vor, das Fest der Auferstehung, wo die Fülle des Lebens gefeiert wird und alle Grenzen überschritten werden, auch die des Todes.

Deshalb sprechen die Katholiken heute lieber von »österlicher Bußzeit« als von Fastenzeit; die Protestanten halten am Begriff »Passionszeit« fest. Dem einen großen Gedanken der Umkehr, der Lebenswende dienen all die uralten und großteils vergessenen Riten und Bräuche in diesen Wochen, in denen zu besonderen »Fastenpredigten« und »Bußgottesdiensten« eingeladen wird und deren Sonntage geheimnisvolle Namen tragen: Okuli, Lätare, Judika nach den lateinischen Anfangsworten der uralten Eingangsgesänge Fastenzeit, Passionszeit, österliche Bußzeit: ein Weg der Umkehr, eine Entdeckungsreise in das eigene Innere, ein Abenteuerurlaub von den eingefahrenen Gewohnheiten, eine aufregende Suche nach neuen Möglichkeiten und Visionen. Die Suche beginnt mit der Frage, woran unser Herz hängt, was wir aufzugeben bereit sind, wonach wir uns sehnen, wo wir eigentlich hin wollen.

Wie es der protestantische Theologe Jörg Zink einmal ganz einfach und doch ziemlich poetisch ausgedrückt hat: »Herr, in deiner Hand verwandelt sich die Welt. Du sprichst: Ich bin die Auferstehung und das Leben! Und alles ändert sich vor unseren Augen. (…) In Christus ist die Erde auferstanden.«

Christian Feldmann

Das Hemd des Glücklichen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Bühnenkunst: Premiere auf dem Kirchentag in Jena – das Theater der Generationen aus Halberstadt

Wie die gemeinsame Arbeit an einem Bühnenstück zur erfolgreichen Begegnung der Generationen wird, zeigt ein Theaterprojekt aus Halberstadt.

Ich trage schwer an meinem Glück!«, ruft der eben von seinem Meister entlassene Handwerksgeselle aus, als er seinen Lohn, einen Goldklumpen, nach Hause schleppt. Nach und nach verliert der Tollpatsch all seine Habe, die er immer wieder gegen andere ihm lohnenswerter erscheinende Dinge eingetauscht hat und steht am Ende ohne jegliche materielle Güter da. Jedoch: Erst jetzt fühlt er sich als der glücklichste Mensch der Welt. Doch damit nicht genug, er kann auch noch einen kranken König heilen, indem er ihm sein Hemd vermacht.

Von Grundschülern bis zu Rentnern sind alle Altersgruppen beteiligt: Das Theater der Generationen aus Halberstadt hat seine eigene Adaption des Märchens vom Hans im Glück erarbeitet. Foto: Jürgen Scheere

Von Grundschülern bis zu Rentnern sind alle Altersgruppen beteiligt: Das Theater der Generationen aus Halberstadt hat seine eigene Adaption des Märchens vom Hans im Glück erarbeitet. Foto: Jürgen Scheere

Die Anleihen bei den Brüdern Grimm sind unschwer zu erkennen, aber da ist etwas, das diese Aufführung des Theaterzirkels des evangelischen Kirchenkreises Halberstadt zu etwas anderem macht als eine klassische Märcheninszenierung. So sind durch die beteiligten Konfirmanden durchaus moderne Themen aus schulischem Alltag und Freizeit eingeflossen. In den miteinander verwobenen Spielsequenzen klingen Probleme wie Mobbing, Außenseitertum, Einsamkeit und Arbeitslosigkeit an, gleichzeitig auch der Wunsch junger Menschen nach Veränderungen alter Strukturen.

Vom Grundschüler bis zur Rentnerin sind alle Altersklassen auf der Bühne vertreten. Christa Strube (77), eine der Darstellerinnen aus dem Theaterkreis, berichtet: »Wir wollten den Bezug zu Gegenwart und Zukunft haben. Wir haben uns gegenseitig befragt: Wo drückt dein Schuh? Und durch diese Gruppenarbeit haben wir das Stück wachsen lassen.«

Dass jede Generation ihre eigenen Sorgen hat, sich die Vorstellungen von einem glücklichen Leben aber ähneln, war eine Erkenntnis, die die Schauspielerinnen und Schauspieler im Austausch miteinander als Bereicherung sehen konnten. Theaterpädagogin Anja Grasmeier betont, man habe das Theaterstück extra für den Kirchentag einstudiert. Des Mottos »Mit einem Fuß im Paradies« haben sich die Laienschauspieler angenommen, um ihre ganz eigene Bühnenfassung des Hans-im-Glück-Märchens zu entwickeln.

Die Synergieeffekte der generationenübergreifenden Arbeit hebt auch der mit dem Theaterkreis aus Halberstadt angereiste Gemeindepädagoge Christian Lonzek hervor. Jede Gene­ration bringe ihre Stärken und Erfahrungen in die Runde ein. Wichtig sei ihm: »Man nimmt sich wahr.« Da komme es schon des Öfteren vor, dass die Jungen und die Alten gemeinsam Kuchen essen, den die Senioren vorher gebacken haben, so Lonzek.

Die Idee eines Theaters der Generationen stammt vom Halberstädter Pfarrer Torsten Göhler, den die stete Trennung nach Altersgruppen in der Gemeinde störte. Hier würden viele Potenziale, wie die des gemeinschaftlichen Bühnenspiels, nicht genutzt. Dass mit einer altersgemischten Begegnung auch Hemmschwellen abgebaut und Toleranz füreinander aufgebaut werden, sind langfristig ein sinnvoller und freudiger Zusatzgewinn.

Es sind die kleinen scherzhaften Einlagen, die neckischen Kostüme und das Ineinanderfließen aktueller Stoffe in Kombination mit dem Märchenhaften, die diese Theaterinszenierung auszeichnen. Das Konzept geht auf und findet Interessenten. Anja Grasmeier erzählt stolz: »Wir ­haben schon weitere Anfragen, unser Stück aufzuführen.«

Ulrike Unger

Luthers Thesen in Zinn

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis zum Reformationstag 2012 sollen 30 Miniaturen entstehen

Eine ruhige Hand braucht Arnfried Müller beim Bemalen seiner filigranen Zinnfiguren. Foto: Uwe Kraus

Eine ruhige Hand braucht Arnfried Müller beim Bemalen seiner filigranen Zinnfiguren. Foto: Uwe Kraus


Der Betrachter glaubt, die Thesen, die Martin Luther an die Kirchentür schlägt, fast lesen zu können, so akribisch hat Arnfried Müller die Zinnfiguren für das Diorama gestaltet. Bis zum Reformationstag 2012 sollen rund 30 Luther-Dioramen die Offizin (Werkstatt mit angeschlossenem Verkaufsraum) Arnfried und Irmgard Müller am Waldrand von Güntersberge verlassen haben. Was kann es in der Luther-Dekade Besseres geben als solch eine besondere Ausstellung.

In Verantwortung des Städtischen Museums Halberstadt und mit Unterstützung einer Projektgruppe des Halberstädter Gymnasiums Martineum gestaltet Arnfried Müller die Miniaturen. Zu den ­Dioramen, an denen die Arbeiten bereits ­abgeschlossen sind, zählen »Luthers Hochzeit«, »Der Ablasshandel« und der bestaunte »Thesenanschlag«. Ab 2013 sollen die Miniatur-Kunstwerke durch die Lutherstädte wandern. Eine entsprechende Konstruktion der Dioramen und der dazu von einer Historikerin erarbeiteten Schrifttafeln soll es ermöglichen, die Lutherschau sowohl in Museen, auf der Wartburg, im Lutherhaus Eisleben und im Augustinerkloster Erfurt als auch in kleineren Kirchen zu zeigen, erklärt Müller.

Er schaut gerne, was die anderen Zinnfigurengießer so machen, welche Trends das Ausland setzt. Sein Spezialgebiet sind die Flachfiguren, die eigentlich nur im deutschsprachigen Raum verbreitet sind. »Die Vollfiguren sind sehr materialaufwendig, aber natürlich recht dekorativ.« Er schwärmt von den Meisterschaften, die die Zinngießer in Spanien oder Italien veranstalten. »Wenn da ein Reiter mit Pferd dargestellt wird und die Figur fünf Zentimeter hoch ist, malen die auf die Pferdedecke noch ein ganzes ­Gemälde.«

Vor dem Fenster seines kleinen Hauses in Güntersberge erstreckt sich ein wunderbares Harz-Panorama. Hier entstehen jedes Jahr eine neue Serie und ­einige Einzelfiguren. Das Teure daran sind die Gussformen, die sich der Gießer anschaffen muss. So fließen die Einnahmen zumeist in die Gestaltung einer neuen Zinnfiguren-Serie. Beliebt sind seine 30-Millimeter-Flachfiguren-Serien, die mit akribischem Historienverständnis gestaltet werden.

Für Thale schuf er ein Diorama zur Walpurgisnacht, 40 Figuren waren in durchaus auch deftigen Szenen zu betrachten. »Die Uniformen müssen farblich stimmen, die Helme und Perücken passen«, berichtet Arnfried Müller. »Vadder mit Rat« heißen die fünf Figuren, die eine historische Schachszene in Ströbeck nachempfinden. Für den »Tod Napoleons« gestaltet der Zinngießer vier Figuren, zwei Gruppen sowie den Kaiser auf dem Totenbett, »Der Tod von Marschall Kutusow 1813« umfasst immerhin 19 Figuren.

In Sammlerkreisen haben seine Figuren einen guten Namen. Zumeist werden diese Szenen als Blankserie verkauft, die von den Sammlern dann voller Ehrgeiz selbst bemalt werden.

Uwe Kraus

Mittelalter zwischen Sizilien und Skandinavien

14. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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In Halberstadt findet das erste internationale »Forum Kunst des Mittelalters« statt.

Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen haben die Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz, der sich im ­Halberstädter Dom befindet, kennenzulernen. (Foto: Mahlke)

Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen haben die Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz, der sich im ­Halberstädter Dom befindet, kennenzulernen. (Foto: Mahlke)


Nicht einmal die Wissenschaftler aus New York haben gefragt: »Warum in Halberstadt?« In der berühmten Domstadt wird vom 21. bis 24. September 2011 zum ersten Mal das »Forum Kunst des Mittelalters« ­organisiert. Die Resonanz auf die Einladung zu dem internationalen Kongress hat alle Erwartungen des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft und der Domschatzverwaltung Halberstadt übertroffen.

»Der internationale Kongress versammelt in der Harzstadt 90 Referenten aus ganz Europa, Russland und Amerika, die ihre Forschungsergebnisse im freien Gedankenaustausch zwischen Wissenschaftlern, Studenten und an mittelalterlicher Kunst ­interessierten Tagungsgästen vorstellen und diskutieren«, erläutert Dom-Kustos Dr. Thomas Labusiak, ­einer der Organisatoren vor Ort.

Das Forum sei eine wunderbare Plattform des Austausches, weil viele Aspekte der Zeit von 500 bis 1500 kunstwissenschaftlich eher selten betrachtet ­würden. Labusiak nennt es »die Fruchtbarkeit der Randgebiete«, die eben von den Historikern noch sehr unvollständig beackert worden seien. »Unser Ansatz ist breit gefasst, sodass der Runen-Forscher sich ebenso ­einbringen wird wie der Mosaik-Experte.«

Die 16 thematisch vielfältigen Sektionen reichen von Architektur und Malerei über England, die Premysliden bis hin zu den Phänomenen Siegel, Textilien und Reliquienschreinen. Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf der Kunst des 13. Jahrhunderts. Linda Herbst aus dem Vorbereitungsteam findet dieses Treffen »ideal für den Domschatz und gut für die ganze Region«, denn es werde über mittelalterliche Kunstgeschichte in der gesamten Breite und an Orten zwischen Skandinavien und Sizilien diskutiert.

Nicht nur universitäre Dispute seien gefragt. Museen und zahlreiche Denkmalpfleger haben ihr Kommen ebenso angekündigt wie Studenten und an mittelalterlicher Kunst interessierte Tagungsgäste, sodass bereits seit Wochen selbst das letzte Halberstädter Hotelbett belegt sei und in den Harz ausgewichen werden muss. Dorthin führen auch einige der Exkursionen während der vier Kongresstage. Die Veranstalter nennen das Treffen »eine Tagung in Bewegung«.

Die Sektionen treffen sich an den Orten, über die sie reden. Dazu gehören der Domschatz und die romanische Liebfrauenkirche sowie die Moses Mendelssohn Akademie für jüdische Geschichte.

So hätten die Teilnehmer die einmalige Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz nicht nur aus den Publikationen kennenzulernen.

»Wer von einem Treffpunkt der Sektionen zum anderen wandelt, der wird zum Schauen animiert und gezwungen, den facettenreichen Stadtorganismus kennenzulernen, wird ihn erlaufen und erfahren im Sinne von Erfahrungen machen. Es gibt schon genug Kongresse, auf denen nur zwischen Auditorium und Kaffeetassen im Foyer gependelt wird«, so Dom-Kustos Dr. Thomas Labusiak.

Er verweist auf den Messecharakter des ­Forums. »Namhafte Verlage und Forschungsinstitutionen bauen hier ihre Stände auf. Eine neue Erfahrung für uns hier.« Ihn freut, dass Sponsoren bis nach New York »dem Forum-Konzept vertrauen und Geld in Ideen investieren«.

Uwe Kraus