Unter wachsamen Augen des Staates

17. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kuba: Trotz vorsichtiger Reformen ist das kirchliche Leben immer noch eingeschränkt

Die Minderheit der Protestanten auf Kuba leidet nach wie vor unter politischen Einschränkungen, Geld- und Pfarrermangel.

Wir brauchen sehr viel Hilfe in unserer Kirche auf Kuba«, sagt Pastor Daniel Izquierdo Hernández und lächelt traurig. Er steht als Moderator der Presbyterianisch-Reformierten Kirche in Kuba vor und ist für rund 12000 getaufte Gemeindeglieder verantwortlich. Das ist keine einfache Arbeit in dem sozialistischen Land, in dem sich trotz einiger vorsichtiger Reformen in den letzten Jahren wenig geändert hat. »In Kuba sehnt man sich nach einer weiteren Öffnung des Staates. Das Vertrauen in das kommunistische System ist nicht groß«, berichtet der Geistliche. Und auch der Handlungsraum der presbyterianischen Kirche ist weiterhin eingeschränkt. Es dürfen keine neuen Gemeinden gegründet werden und es ist verboten, Gläubige aus anderen Kirchen »abzuwerben«. So kann sie nur mit den Familien arbeiten, die seit jeher zu ihr gehören, und nur in Ortschaften, wo sie seit Jahren vertreten ist.

Daniel Izquierdo Hernández leitet die Presbyterianisch-Reformierte Kirche in Kuba. Foto: Maaja Pauska

Daniel Izquierdo Hernández leitet die Presbyterianisch-Reformierte Kirche in Kuba. Foto: Maaja Pauska

Die Kirche hat eine lange Tradition auf dem Inselstaat. Nach der Unabhängigkeit Kubas von Spanien Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Kontakte und Handel mit den USA. Dort lernten Kubaner protestantische Kirchen kennen und luden Missionare nach Kuba ein. Diese fanden in den bürgerlichen und intellektuellen Kreisen Gehör und begannen, Gemeinden und besonders Schulen zu gründen. So entstand die Presbyterianisch-Reformierte Kirche in Kuba. Bis Anfang der 1960er Jahre gehörte sie zur Presbyterianischen Kirche in den USA. Nach der massiven Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und Kuba seit 1960 wurde die ­Kirche 1967 selbstständig. Damit schwand auch die finanzielle Unterstützung der Kirche, was schwerwiegende Folgen für die Besoldung der Pfarrer und für die Instandsetzung der Gebäude hatte.

In den letzten zwei Jahren unterstützte das Gustav-Adolf-Werk zusammen mit dem Berliner Missionswerk die Renovierung von zwei Kirchen auf der Karibikinsel. Für das Gustav-Adolf-Werk ist die Presbyterianische Kirche auf Kuba keine traditionelle Partnerkirche. Ein schönes Beispiel für diese neue Zusammenarbeit ist für Pastor Izquierdo die Gemeinde von Jagüey Grande. Sie organisiert ihren Alltag und ihre Gottesdienste selbst, nur einmal im Monat erhält sie Besuch von einem Pfarrer. Während der Gottesdienste drängten sich die Gemeindeglieder in einer kleinen Garage am Rande des Dorfes. Mit Unterstützung aus Deutschland konnte nun eine ohne Dach stehende Hausruine in eine Kirche umgewandelt werden. »Hier zeigt sich, dass unsere Kirche auch wächst. Unser Wachstum ist nicht so groß wie bei den neupfingstlichen Kirchen, die die Theologie des Wohlstands predigen. Aber deren Wachstum empfinde ich als nicht nachhaltig, weil es nur ums Materielle geht und nicht um den Ruf des Evangeliums in die Freiheit«, erläutert ­Izquierdo das schwierige Verhältnis der traditionellen reformatorischen Kirchen zu den neuen Pfingstkirchen.

Dem Gemeindewachstum in der Presbyterianisch-Reformierten Kirche steht allerdings der Pfarrermangel im Weg. Die 49 Gemeinden der Kirche werden von 22 Pastoren betreut. »Viele Pfarrer gingen nach 1960 aus Kuba fort«, erzählt Daniel Izquierdo. »In den letzten Jahren haben weitere acht Pastoren ihre Gemeinden verlassen und sind ins Ausland gegangen. Dort erhoffen sie sich bessere Lebensbedingungen.« Diakonisches Engagement der Kirche ist nur begrenzt möglich – an Stellen, wo der Staat keinen Alleinvertretungsanspruch erhebt. Ein Waschsalon, Gemüsegärten und »Essen auf Rädern« sind dafür Beispiele. Angebote wie diese erleichtern den Gemeindemitgliedern und ihren Nachbarn den von Mangel geprägten kubanischen Alltag.

Enno Haaks

Enno Haaks ist Generalsekretär des in Leipzig ansässigen Gustav-Adolf-Werks. Als Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt es weltweit protestantische Minderheiten.

www.gustav-adolf-werk.de

Auf einmal ist alles anders

19. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Argentinien: Seit Wochen leidet der Süden Argentiniens unter dem Ascheregen des Vulkans Puyehue.

Was wie Wintersportidylle aussieht, ist die von Vulkanasche überdeckte Landschaft in der Region San Martin de Los Andes. (Foto: GAW)

Was wie Wintersportidylle aussieht, ist die von Vulkanasche überdeckte Landschaft in der Region San Martin de Los Andes. (Foto: GAW)


Der Ausbruch eines isländischen Vulkans und seine ­Folgen für den Flugverkehr beschäftigte im vergangenen Jahr ganz Europa. In Südamerika spielt sich, kaum ­beachtet, Ähnliches ab.

Seit 1997 arbeitet Rainer Kalmbach im Süden Argentiniens als Pfarrer der Evangelischen Kirche am La Plata. Seine Diasporagemeinde reicht vom Rio Negro bis hinunter nach Feuerland und umfasst praktisch ganz Patagonien. Das Gebiet der Gemeinde ist größer als Mitteleuropa. Reiner Kalmbach: »Das bedeutet, dass ich ständig unterwegs bin – jeden Monat ungefähr 6000 Kilometer mit dem Auto.«

Der Hauptsitz der Gemeinde befindet sich in Allen, im Tal des Rio Negro, einem der größten Obstanbaugebiete der Welt. Ein weiteres Zentrum der Gemeinde ist San Martin de Los Andes.

Die 25000-Einwohner-Stadt liegt 540 Kilometer südöstlich von Allen in einem beliebten argentinischen Wintersportgebiet. Die Mitglieder der kleinen Missionsgemeinde in San Martin de los Andes treffen sich in Privaträumen, träumen aber von einem eigenen Gemeinderaum – als Treffpunkt und als sichtbares Zeichen des Gemeinde-Seins.

Vor Kurzem konnte die Gemeinde ein günstiges Grundstück kaufen, hat selbst gespart und auch das Gustav-Adolf-Werk (GAW) in Deutschland um Unterstützung gebeten.

Eigentlich sollte in diesen Tagen mit dem Bau des Gemeinderaumes begonnen werden. Doch auf einmal ist alles anders.

San Martin de Los Andes und die gesamte Region liegen seit Wochen unter einer etwa einen halben Meter dicken Ascheschicht begraben.

Seit Anfang Juni spuckt der chilenische Vulkan Puyehue Asche. Die Erde kommt nach dem schweren Beben in Chile im Februar 2010 nicht zur Ruhe. Von der mächtigen Aschewolke des Puyehue ist vor allem Argentinien betroffen, doch auch in Südafrika und Australien führte sie schon zu Ausfällen im Luftverkehr.

In San Martin de Los Andes und der gesamten betroffenen Region sind bereits mehr als eine Million Schafe verendet, weil das Gras mit Asche zugedeckt und das Wasser vergiftet ist.

Die Region lebt vom Tourismus, eigentlich sollte jetzt die Skisaison beginnen. Doch statt von Schnee ist alles mit Asche bedeckt. Feiner Aschenebel trübt die Luft und behindert die Sicht.

Reiner Kalmbach, der trotz der Asche regelmäßig in San Martin de Los Andes ist: »Die Situation ist schlimm. Die Vulkanologen prognostizieren, dass der Puyehue vor Ende August/Anfang September nicht zur Ruhe kommen wird.

5000 Arbeitsplätze sind allein in San Martin de Los Andes schon jetzt verloren gegangen.« So musste beispielsweise auch eine Familie, die zur Gemeinde gehört und von der Vermietung ihrer fünf Ferienbungalows lebt, ihren Betrieb schließen.

Die evangelische Gemeinde in San Martin de Los Andes hat indes einer Genossenschaft von Kleinbauern 5000 Euro gespendet für den Kauf dringend benötigter Futtermittel.

5000 Euro, das ist ungefähr die Hälfte des Geldes, das die Gemeinde für den Bau ihres Gemeinderaumes angespart hatte und dessen Grundsteinlegung wegen des Ascheregens nunmehr verschoben ist.

Wann der Bau beginnen kann ist ungewiss.

Irgendwann hört der Ascheregen auf, wird aufgeräumt und dann soll die Gemeinde ihren ­Gemeinderaum bauen können – um sich zu treffen, um auf Gottes Wort zu hören und um trotz des eigenen Mangels solidarisch zu sein mit anderen.

Enno Haaks

Enno Haaks ist Generalsekretär des in Leipzig ansässigen Gustav-Adolf-Werks (GAW). Als Diasporawerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland unterstützt es evangelische Minderheiten in 35 Ländern.