Das Lachen – in die Wiege gelegt

27. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Lachen ist eine besondere Begabung des Menschen. Doch zeitweise stellte das Christentum die dem Menschen in die Wiege gelegte Gabe in Frage. Eine Geschichte des Lachens.

Lachen ist eine besondere Begabung des Menschen. Diese Erkenntnis wird dem griechischen Philosophen und Platon-Schüler Aristoteles zugeschrieben. Kein Wunder, denn für die antiken Griechen und Römer gehörte das Lachen zum Alltag. Darüber wurde nie nachgedacht. Doch mit dem Christentum entwickelte sich eine erste große Debatte über die Funktion des Lachens. So argumentierten viele Kirchenmänner, Jesus habe nie gelacht. Zumindest finden sich in der Bibel dafür keine Belege. Lachen also, folgerten sie daraus, sei dem Menschen fremd, zumindest dem Christenmenschen. Unter Mönchen zum Beispiel war das Lachen jahrhundertelang verpönt.

Die Einstellung der Kirche änderte sich

Mit der Zeit aber änderte sich die Einstellung der Kirche. Es wurde üblich, die Gläubigen im Ostergottesdienst zum Lachen zu bringen. So wie man heute in vielen Gottesdiensten zu Fastnacht versucht, die Kirchgänger mit Mundart-Predigten oder witzigen Glaubensbekenntnissen zu unterhalten, war es jetzt kirchliches Ziel, die mit der Auferstehung Jesu verbundene Freude am höchsten Fest im Kirchenjahr deutlich zu artikulieren. Im Zeitalter der Gegenreformation setzten die Jesuiten auf die Kraft des Lachens, indem sie während ihrer Predigten dem des Schreibens und Lesens meist unkundigen Kirchenvolk Karikaturen zeigten, Grimassen schnitten und Witze machten. Das Lachen wurde immer gesellschaftsfähiger, ehe es mit dem reformierten Karneval Anfang des 19. Jahrhunderts ein ganz neues Ventil fand. Mit dem Kabarett und später der Comedy gab es schließlich ganz neue Plattformen zum Lachen. Endedes 20. Jahrhunderts war so die Spaßgesellschaft geboren.

Foto: Diana Steinbauer

Foto: Diana Steinbauer

Heute sorgt eine Armada professioneller Witzbolde für die Bespaßung der Gesellschaft, die freilich immer weniger lacht. Unter Erwachsenen, so sind sich die Lachforscher einig, schwindet das Lachen immer mehr. Das liegt nicht nur an der mangelnden Qualität des Witzes, der viele Zeitgenossen heute via Smartphone fast im Sekundentakt erreicht, sondern vor allem auch an der Art unserer Kommunikation. Denn Lachen entfaltet seine Kraft nur in der Gemeinschaft. Ein gewichtiger Grund, wirklich Witziges aus dem Internet sofort mit anderen zu teilen.

Inzwischen haben sich weltweit mehr als 200 Forscher auf die Spuren des Lachens geheftet. Evolutionsbiologen zum Beispiel gehen längst davon aus, dass das Lachen älter ist als unsere Sprache.

Dem Menschen, das ist eindeutig bewiesen, werden Lächeln und Lachen in die Wiege gelegt. Sie sind in uns gespeichert, weshalb auch Menschen, die taubstumm zur Welt kommen, herzhaft lachen können. Das Lächeln der Neugeborenen ist noch ein Reflex, spätestens nach sechs Wochen aber tritt an seine Stelle ein echtes Lächeln. Es wird all denen zuteil, die mit dem Säugling Kontakt aufnehmen. Damit ist aber auch klar, dass Lachen nach Interaktion verlangt.

Interessant ist, dass rund 80 Prozent aller Lacher nicht auf einem Witz oder einer Pointe basieren. »Wir lachen nicht, weil etwas lustig ist, sondern vor allem, um soziale Bindungen aufzubauen, weil wir dabei schöne Dinge teilen und mitteilen wollen«, sagt der Humanbiologe Carsten Niemitz. Lachen sei eine nonverbale Sprache, mit der sich schon die Steinzeitmenschen verständigt hätten. Wenn sie gemeinsam lachten, teilte jeder jedem mit, dass es ihm gut gehe.

Heilsame Begleiterscheinungen

»Lachen ist gesund«, heißt es im Volksmund. Viele Eltern kitzeln deshalb ihre Kinder an den Füßen. Schon der griechische Philosoph Sokrates aber merkte, dass Kitzeln nur bis zu einem gewissen Grad angenehm ist und danach in Schmerz übergehen kann. So ziehen Kinder auch in der Regel ihren Fuß zurück, wenn sie die Erwachsenen an der Sohle kitzeln. Wenn nicht, baut der Körper über das Kleinhirn eine Spannung auf, die schließlich über das Zwerchfell als Lachen abgeführt wird.

»Das Lachen hat dann etwas Eruptives, Krampfhaftes«, erklärt der Kulturwissenschaftler und Lachforscher Rainer Stollmann. »Es ist wie ein epileptischer Anfall, der Spaß macht. Bliebe er aus, würde das Kitzeln sofort zum Schmerz führen, doch durch das Ablachen der Spannung gewinnen wir noch etwas Zeit, bis er kommt.«

Ein Witz kommt ohne Körperberührung aus. Trotzdem wirkt er, so Stollmann, über unsere »Vernunft-Haut« ähnlich wie das Kitzeln. Auch er baut Spannung auf, die sich schließlich im Lachen entlädt. Manche Lachforscher sind deshalb der Ansicht, ein paar Minuten Lachen hätte dieselben Effekte wie 20 Minuten Joggen.

Lachen allein aber macht nicht gesund. Es sind vielmehr seine Begleiterscheinungen, die heilsam sind. Denn weil wir beim Lachen tiefer atmen, wird der ganze Körper besser mit Sauerstoff versorgt. Darüber freut sich das Immunsystem, das unseren Körper gegen Bakterien und Viren schützt. Das Blut, das man lachenden Testpersonen abnahm, enthielt deutlich mehr Abwehrstoffe als das Blut der nicht lachenden Kontrollgruppe. Schon wenige Minuten nach einem Lachanfall stellt sich im Körper zudem eine anhaltende Entspannungsphase ein. Der Blutdruck sinkt, Stresshormone werden weniger. Allerdings, schränkt die Wissenschaft ein, wirkt nicht jedes Lachen entspannend. Brechen wir in Gelächter aus, weil wir uns wohlfühlen, hat dies andere emotionale Wirkungen, als wenn wir aus Schadenfreude oder Verlegenheit lachen.

Günter Schenk

Valentin kurbelt Blumenhandel an

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Valentinstag geht auf einen oder mehrere Märtyrer zurück

Der Valentinstag ist der Festtag der Verliebten und Brautleute, für Blumen- und Süßwarenhandel einer der umsatzstärksten Tage im Jahr. Und auch Hoteliers und Gastronomen rühren jährlich für romantische Abende auf ihren Zimmern oder in ihren Restaurants die Werbetrommel. Dabei berufen sich die Geschäftsleute bei ihren Offerten gern auf einen Heiligen namens Valentin, von dem allerdings niemand ganz genau weiß, ob es ihn überhaupt gegeben hat. Kein Wunder, dass die Kirche das Fest des heiligen Valentin Anfang der 1970er-Jahre vom Kirchenkalender strich. Nur in den Bistümern Mainz, Fulda und Limburg wird an seinem Gedenken noch festgehalten.

Dass Valentinus auch bei uns seine Anhänger hat, verdanken wir genau betrachtet der Mainzer Synode, die im Sommer 813 das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember terminierte. Bis dahin feierte man Christi Geburt am 6. Januar – und 40 Tage später nach mosaischem Gesetz das Fest der Darstellung des Herrn (Mariä Lichtmess) am 14. Februar. Mit der Verlegung des Weihnachtsfestes entstand so eine kalendarische Lücke, die es schnell wieder zu füllen galt.

Noch heute gibt es in Worms am 14. Februar eine Valentinsprozession. Fotos: Günter Schenk

Noch heute gibt es in Worms am 14. Februar eine Valentinsprozession. Fotos: Günter Schenk

Da folgte man gern den Christen in Rom, die schon damals am 14. Februar eines Bischofs gedachten, der im 3. Jahrhundert im heutigen italienischen Städtchen Terni gelebt und als Märtyrer gestorben sein soll. Allerdings gab es in Rom einen weiteren Geistlichen namens Valentin, um den sich ebenfalls viele Legenden bildeten. So soll dieser frisch verheirateten Paaren gern Blumen aus seinem Garten geschenkt haben. Es ist eine von vielen erfundenen Geschichten, die manchem Blumenhändler am Valentinstag gern als Verkaufsargument dient.

Noch komplizierter wird die Geschichte, weil im Mittelalter ein weiterer Valentin aus Viterbo auftauchte, der im frühen vierten Jahrhundert ebenfalls als Märtyrer gestorben sein soll. Einige Historiker allerdings glauben, dass es sich bei allen Valentins wahrscheinlich um den gleichen handelt.

Schon im Hochmittelalter jedenfalls hatte Valentin vielerorts in Deutschland seine Verehrer. Vor allem am Rhein wie in Worms oder im Rheingau-Städtchen Kiedrich, wo der Heilige noch heute besondere Verehrung findet. So belegt schon anno 1311 ein Dokument in Worms das Gedenken an den Bischof von Terni, in der zum Andreasstift gehörenden Valentinuskapelle. Dort ausgestellte Valentinusreliquien sollen jährlich viele Tausend Wallfahrer gelockt haben.

Rudolf von Rüdesheim (1402–1482), Wormser Domdekan und späterer Bischof von Breslau, teilte die Wormser Reliquien schließlich weiter auf. 1454 schenkte er der Pfarrkirche Kiedrich, wo er zuvor als Pfarrherr tätig war, einen Teil der Wormser Valentinusknochen. Einen weiteren Teil nahm er mit nach Breslau, von wo sie schließlich ins heute polnische Kulm gelangten. Als die Wormser Reliquien im Gefolge des pfälzischen Erbfolgekrieges Ende des 17. Jahrhunderts verloren gingen, gaben die Kiedricher anno 1875 einen Teil der Reliquien wieder nach Worms zurück, wo man bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die nach dem Verlust der Reliquien eingeschlafene Valentinuswallfahrt neu belebt hatte. Mit einem Hochamt und einer abendlichen Paarsegnung, die dem Patronat der Liebenden und Verlobten Rechnung trägt, wird der 14. Februar noch heute in der Nibelungenstadt groß gefeiert.

Gleich ein ganzes Valentinsskelett ruht in der Pfarrkirche St. Michael im schwäbischen Krumbach auf purpurroter Matratze in einem Glasschrein, eingehüllt in prächtig bestickte Gewänder. Und auch im Fuldaer Dom liegen angeblich Schenkelknochen des Heiligen, der gewöhnlich gegen die Fallsucht angerufen wird. Gegen epileptische Anfälle, die einst »Valentins-Krankheit« oder »Valentins-Plage« hießen.

Die bunten und duftenden Grüße der Männer an ihre Frauen aber, die den Blumenhändlern Jahr für Jahr gute Umsätze garantieren, fußen nicht in kirchlichem, sondern einem eher weltlichen Brauch, der sich im Mittelalter in England entwickelte. Dort führte man zum Valentinstag Paare zusammen, häufig wie beim Mailehen durch Losentscheid. Durch kleine Geschenke oder Gedichte versicherten sie sich ihrer Liebe: eine Art Partnerbörse war das, die erste Frühlingsgefühle kanalisierte. Vermutlich im späten 17. Jahrhundert wurde es schließlich mehr und mehr Sitte, im Rahmen dieser Kontakte Blumen zu verschenken. Ein Brauch, den Europas Auswanderer mit nach Amerika nahmen, von wo er Anfang der 1950er-Jahre wieder nach Deutschland zurückkehrte. Hier stationierte US-Soldaten gehörten zu seinen ersten Anhängern, die am Valentines Day ihre Frauen mit Geschenken überraschten.

Günter Schenk

Der Raub der Heiligen

21. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kastagnetten und Kirchenglocken: Im Herzen Spaniens ist ein Heiligenfest Ende September besonders spektakulär.

Die Männer mit den zwei Heiligen auf den Schultern machen Tempo. Irgendwo in den Gassen nämlich lauern Diebe, trachten Nachbarn nach den Zwillingsbrüdern auf ihrer von Nelken geschmückten Trage. Kosmas und Damian wollen sie an den Kragen, den Bärtigen mit dem Heiligenschein. Jährlich am 27. September sind sie in Arnedo auf Tour, der kleinen Schuhstadt in La Rioja, Spaniens wichtigster Weinbauprovinz.

Wie immer zum Fest der beiden stehen die Bürger ihren Stadtpatronen Spalier und warten auf die Burschen aus der Nachbarschaft, die ihnen die Heiligen rauben wollen. »Robo de los Santos« heißt der Brauch, einer der ausgefallensten Spaniens. Es ist der religiöse Auftakt zu einem weltlichen Spektakel, zu einer Woche mit Jubel, Trubel und Heiterkeit, zu einer typischen Fiesta eben.

Punkt elf verlassen Kosmas und Damian ihr Domizil, die alte Pfarrkirche hoch über dem Städtchen. Kastagnetten und Glockenklang begleiten ihren Auszug. Im Feststaat sind viele Bürger gekommen, einige gar in Tracht. Richtung Rathaus geht es weiter, durch alte Gassen ins Zentrum Arnedos. Plötzlich aber geraten die Heiligen in Bedrängnis, attackiert ein gutes Dutzend meist junger Burschen die Männer mit der Trage. Doch schnell reagieren die Einheimischen, drängen die Heiligenräuber unsanft ab. »Autrono« rufen sie den Bösewichtern hinterher, den Fremden aus der Nachbarprovinz Navarra, die Kosmas und Damian für sich beanspruchen.

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Mindestens seit dem 17. Jahrhundert geht das so, reklamieren die Menschen in Navarra die beiden Heiligen für sich. Denn früher, so erzählt eine Legende, seien Kosmas und Damian in Andosilla zuhause gewesen, wo sie die Bürger Arnedos irgendwann gestohlen hätten. Historisch gibt es dafür keine Belege. Aber bis heute kommen die Navarros Jahr für Jahr noch immer gern nach Arnedo, um lautstark und öffentlich die Rückgabe der Heiligen zu fordern. Schon früh morgens singen sie den beiden ihre Loblieder.

Das Volk Arnedos ist dann meist müde auf dem Heimweg, kehrt zurück von den vielen Festen, mit denen es am Vortag, dem Namenstag der beiden Heiligen, gefeiert hat. Heiße Schokolade und Fettgebackenes warten jetzt auf die Spätheimkehrer, ein Muntermacher nach durchzechter Nacht.

Immer wieder reklamiert das halbe Hundert Burschen aus Navarra die Heiligen für sich. In Liedern und Gedichten tragen sie den Bürgern Arnedos ihre Argumente vor, wie immer witzig und wortreich. Doch die geben Kosmas und Damian nicht frei. »Autrono!«, machen sie die Schönredner nieder, die wenig später die letzte Attacke starten. Es ist der dritte und letzte Raubversuch, mehr sind im Drehbuch des Brauches nicht vorgesehen.

Gegen Mittag kehren Kosmas und Damian stets in die Kirche zurück. Das ist das Startsignal für acht lange Feiertage; für eine spanische Festwoche, die jeden Morgen mit dem Lauf der Stiere startet. Dem traditionellen Encierro, bei dem die Wagemutigsten aus Arnedo kräftigen Bullen vorausrennen, in einem Holzgatter bis zur Arena quer durch die Neustadt.

Mittags brutzeln Fisch und Fleisch in riesigen Pfannen und Töpfen, servieren die sogenannten Penas das Beste aus Küche und Keller. Es sind Gesellschaften, die das Heiligenfest organisieren. Für die Jüngsten gibt es Marionettenspiel, für die Älteren Volkstheater und Stierkampf. Bis tief in die Nacht spielen dann die Orchester, tanzt und singt man auf den Straßen.

Der Raub der Heiligen ist dann längst vergessen. Das kleine Spektakel zum Festbeginn, das Arnedos Kirchweih zum großen Fest hat werden lassen.

Günter Schenk

Die Bärtigen mit dem Heiligenschein

Kosmas und Damian waren der Überlieferung nach Zwillingsbrüder im heutigen Syrien. Als Ärzte hätten sie die Menschen kostenlos behandelt und so zum Christentum bekehrt. Im Gefolge der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian seien sie gefoltert und schließlich enthauptet worden. Auch wenn sichere historische Nachrichten über ihr Wirken fehlen, gilt der bereits um das Jahr 500 belegte Kult um die beiden Heiligen als Beleg für den historischen Kern der vielen über sie verbreiteten Legenden.

Viele Kirchen wurden in ihrem Namen erbaut. Im Mittelalter fanden die Mediziner vor allem in den immer wieder von Epidemien bedrohten Großstädten Verehrung. Um 850 brachte ein Hildesheimer Bischof einen Teil ihrer Reliquien nach Deutschland. Heute finden sich Teile ihre Gebeine auch in Essen und München. Ammen, Ärzten, Apothekern, Drogisten, Friseuren, Krämern und Zuckerbäckern gelten sie als Schutzpatron. Der Gedenktag der beiden Heiligen ist in der römisch-katholischen Kirche der 26. September.


»Ihr seid das Fest«

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Frankreich: Im April beginnt der Festreigen der »Ostensions Limousines« – der Präsentation der Heiligen

Nur alle sieben Jahre feiert man im Limousin, im Herzen Frankreichs, seine Heiligen – Bischöfe und Märtyrer des Mittelalters zumeist. In diesem Jahr ist es wieder so weit.
Vier Schlüssel haben sie mitgebracht, der Bischof, der Bürgermeister, der Chef der Bruderschaft und der Pfarrer von Saint-Michel-des-Lions. Vier Männer aus Limoges, die alle sieben Jahre für einen Moment ins Rampenlicht rücken. Wie immer am ersten Wochenende nach Ostern, wenn sie gemeinsam den Schrein des heiligen Martialis öffnen. Einen vergoldeten Reliquienkasten aus Eichenholz, mehr als 800 Pfund schwer und gesäumt von Bildern aus dem Leben des Heiligen. Anno 1809 wurde er für eine Bruderschaft gefertigt, die seit 1356 das Erbe des ersten Bischofs der Stadt pflegt. 72 Männer gehören ihr heute an, eine sich jeden Monat einmal treffende Altherren-Riege, die zum Fest rot-weiße Schärpen trägt und sich als Hüter des Martialis-Schreins versteht.

Hüter des Martialis-Schreins: 72 Männer gehören zur Bruderschaft, die in Limoges über die Reliquien des ersten Bischofs der Stadt wacht. Ihre Präsentation eine Woche nach Ostern eröffnet den Festreigen, der sich in verschiedenen Orten des Limousin bis in den Herbst hinzieht. Fotos: Günter Schenk

Hüter des Martialis-Schreins: 72 Männer gehören zur Bruderschaft, die in Limoges über die Reliquien des ersten Bischofs der Stadt wacht. Ihre Präsentation eine Woche nach Ostern eröffnet den Festreigen, der sich in verschiedenen Orten des Limousin bis in den Herbst hinzieht. Fotos: Günter Schenk

Alle sieben Jahre holt man die Reliquien des Bischofs, den der Papst Mitte des 3. Jahrhunderts zur Missionierung der Gallier geschickt hatte, ans Tageslicht und inspiziert sie vor aller Augen auf ihre Unversehrtheit. Dann hebt der heutige Bischof das Schädelreliquiar feierlich empor, um es allen in der Kirche zu zeigen. Ein Akt, dem das Fest seinen Namen verdankt. Denn die Ostensions, verrät der lateinische Wortstamm, sind nichts anderes als eine öffentliche Präsentation von Reliquien.

Die »Ostensions Limousines« rücken fast ein Jahr lang eine Landschaft ins Licht, die zu den ärmsten und am dünnsten besiedelten Frankreichs gehört. Längst vorbei sind die Zeiten, als Limoges zu den Metropolen Europas gehörte. Im Mittelalter zählten seine Emaille-Schmieden zu den ersten Adressen, die alle großen Kathedralen mit liturgischen Geräten bedienten und Kaiser und Könige mit Schmuck belieferten. Ein Handwerk, das kleine und große Werkstätten bis heute in der Region am Leben halten.

Emaille-Arbeiten schmücken auch den Schrein des Heiligen Lupus, der ebenfalls in Saint-Michel-des-Lions begraben liegt. Als ersten Hüter des Martialis-Schreines verehren ihn die Franzosen. Bei Martialis und Lupus suchen sie bis heute Trost und Beistand. Auch 994 war das so, als das »heilige Feuer« in Limoges wütete. Eine Krankheit, die Mediziner später als Blatterrose identifizierten.

Damals trugen die Menschen erstmals die Gebeine ihrer Heiligen durch die Stadt und markierten so den Auftakt zu Frankreichs traditionsreichstem Reliquienumgang. Zu ihrem siebenjährigen Turnus aber fand die Prozession erst 1518, der seitdem fast nie unterbrochen wurde. Nur 1547 zwang die Pest zur Pause und 1799 die Französische Revolution.

»Die Ostensions«, sagt der Bischof am Sonntagmorgen, »sind kein Fest der Religion oder gar der Folklore. Die Ostensions sind die Erhebung des Herzens Richtung Gott, die Fortsetzung der Osterbotschaft.« Auf der Kanzel stehen die Kameras des Regionalfernsehens, um den Altar scharen sich die Abordnungen der Bruderschaften aus dem Limousin. Schweizer Gardisten sind gekommen, Männer mit Helm und in Uniform, die seit Jahrhunderten zum Schutz der Heiligen Dienst tun.

Blickfang aber sind die silbernen und goldenen Büsten, geschnitzte Figuren, Fahnen und Tragekreuze. Mittendrin findet sich die Büste der Jungfrau Valeria. Martialis soll sie einst getauft haben, was zur Auflösung der Verlobung mit dem heidnischen Herzog Stephan führte. Aus Wut, erzählt die Legende, ließ der sie danach enthaupten. Mit dem Kopf unter dem Arm sei Valeria schließlich von einem Engel geführt zur Messe bei Martialis erschienen. Ein Bild, das sich auf vielen Kirchenfenstern und Denkmälern in Limoges wiederfindet.

»Ihr seid das Fest«, schickt der Bischof nach dem Gottesdienst die Festgemeinde auf den Weg durch die Stadt. »Ihr in der Gemeinschaft aller Heiligen.« Mit Fahnen und Musik zieht die Prozession in die Oberstadt. »Wir kommen zu dir, Herr«, singen die Gläubigen, »unser Herz ist voller Freude.« Denn der Umgang mit den Heiligen in Limoges ist erst der Auftakt zu einem bunten Reigen religiöser Feiern rund um die Provinzhauptstadt. Kein Wunder, dass die Unesco den ganzen Festreigen bereits 2013 zum Weltkulturerbe erklärte.

Günter Schenk

www.ostensions-limousines.fr

Der, der den Mantel teilte

10. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: 1700 Jahre Sankt Martin – Feiern in Tours an der Loire

Start ins Martins-Jahr: Die französische Stadt Tours, Grablege des populärsten europäischen Heiligen, rüstet zur 1700. Wiederkehr seines Geburtstages.

In Frankreich, wo 237 Städte und Dörfer und 3 600 Kirchen den Namen Martins tragen, hoffen viele auf einen Besuch von Papst Franziskus am Grab des heiligen Martin. Wie der neue Papst, heißt es in Tours, hätte sich auch Martin ganz den Armen verpflichtet gefühlt, den Ausgestoßenen, Flüchtlingen, Bettlern und Gefangenen, deren Schutzheiliger Martin ebenso ist wie der von Soldaten, Reisenden und Reitern.

»Martin war vergessen, aber wir entdecken ihn jetzt wieder«, sagt Antoine Selosse im Martin gewidmeten europäischen Kulturzentrum. Im Heiligen sieht er einen konsequenten Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit. Sein jüngstes Projekt ist »Das grüne Band des heiligen Martin«, ein mehr als zweitausend Kilometer langer Streifen quer durch Europa, der Ungarn mit Frankreich verbinden soll.

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

Ein paar Kilometer rechts und links davon sollen in den nächsten Jahren zahlreiche umweltverträgliche, nicht primär kommerzielle Projekte erstehen. »Auf jedem Hektar kreieren wir neue Jobs, vom Biobauern bis zum Kunsthandwerker«, gibt sich der Projektplaner kämpferisch. »Dabei soll vor allem die Grundidee Martins propagiert werden: nämlich zu teilen!« Bekanntlich war dem Heiligen vor den Stadttoren von Amiens als römischer Soldat ein Bettler begegnet, dem er die Hälfte seines Mantels schenkte. In der Nacht darauf träumte er von Jesus, der genau diesen Mantelteil trug und zu ihm sagte: »Dies ist Martin, der römische Soldat, der nicht getauft ist. Er hat mich gekleidet.« Es war diese Vision, die ihn ermutigte, sich taufen zu lassen und ein neues Leben anzufangen.

Fachmännisch restauriert zeigen sich die Reste der alten Martins-Basilika, die mit über 100 Metern Länge einmal eines der größten Gotteshäuser Europas war. »Auch wenn man nicht gläubig war,« sagt Annick, die heute Touristen in deutscher Sprache auf den Spuren des Heiligen durch Tours führt, »die Größe dieser Kirche hat jeden bekehrt«. Vom um das Jahr 1 000 erbauten Turm Karls des Großen bietet sich dem Besucher heute ein einmaliger Blick über Tours. Im Friseursalon zu seinen Füßen finden sich noch ein paar Gewölbereste der Kirche, die einmal Martins Grablege war.

Schon bald nach seinem Begräbnis setzte der Pilgerstrom nach Tours ein, entwickelte sich »Martinopolis« zur Stadt, die Kaiser und Könige besuchten, die immer wieder aber auch Ziel kriegerischer Angriffe war. Als die Wikinger die Stadt einzunehmen suchten, heißt es in Tours, hätte man die Schädelknochen Martins auf die Stadtmauer gelegt, woraufhin die Angreifer vor Schrecken geflüchtet seien.

Es sind solche Geschichten, Legenden zumeist, welche die Pilgerreisen nach Tours bis heute beleben. Immer neue Erzählungen, die den Mythos um Martin seit Jahrhunderten beflügeln. Eine erzählt von Gänsen, deren Geschnatter ihn angeblich verraten hätte, als er sich vor seiner Wahl zum Bischof versteckt haben soll. Eine andere von seinem Esel, der im Sommer die Blätter von den Weinstöcken gefressen habe, worauf ihn seine Mönchsfreunde beschimpft hätten. Als im Herbst aber größere und süßere Trauben an den Reben hingen, werteten sie die Fresssucht des Esels rückblickend als ein Wunder. Und noch heute schwört mancher Winzer der Region darauf, dass es Martin gewesen sei, der den Qualitäts-Weinbau an der Loire so entscheidend beeinflusst hat.

Prächtige Herbergen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeugen in der Altstadt vom mittelalterlichen Pilgerstrom. Eine große Brücke führt über die Loire. Dort, auf der anderen Flussseite und nur ein paar Autominuten weiter, liegt das Kloster Marmoutier. 372 hatte es Martin gegründet, der auch nach der Wahl zum Bischof anno 371 ein asketischer Mensch blieb und keinen Wert auf bischöfliche Kleidung legte. Mit 80 Weggefährten soll er hier in kleinen Höhlen gehaust haben.

Am nächsten kommt man Martins Welt in der mächtigen Kathedrale von Tours, die dem ersten Bischof der Stadt, Gatianus, geweiht ist. Saint Gatien heißen ihn die Franzosen. Auf den großen, um 1300 entstandenen Glasfenstern der Kathedrale, die zu den ältesten und sehenswertesten Europas gehören, wird sein Leben lebendig. Sie zeigen Martin unter anderem als Exorzist, bei der Versuchung durch den Teufel, bei der Totenerweckung eines zur Taufe bestimmten Jünglings, beim Treffen mit dem Kaiser und dem Engel, der ihm den Zugang zum kaiserlichen Hof erst ermöglicht haben soll. Andere Fensterbilder zeigen, wie Heiden neben ihm einen Baum fällen ohne Martin zu verletzen, oder bei einem visionären Treffen mit den drei heiligen Frauen Maria, Agnes und Tecla.

Zu den Prunkstücken zählen die Darstellungen seiner Bischofsweihe am 4. Juli, weshalb Tours das Jubiläumsjahr bis zum 4. Juli 2017 ausdehnt. An diesem Tag gedenkt Frankreich heute des Heiligen – ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo der 11. November das Martinsfest markiert. An diesem Tag feiern die Franzosen seit 1918 traditionell den Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg. Damals hatten Frankreich und Großbritannien in einem Eisenbahn-Salonwagen im nordfranzösischen Compiegne das Ende bewaffneter Auseinandersetzungen mit Deutschland besiegelt – ein Friedensschluss, heißt es in Tours, der ebenfalls der Fürsprache des heiligen Martin gedankt sei.

Günter Schenk

Frömmigkeit und Lebenslust

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Prozessionen, Umzügen, Feuerwerk, Spiel und Tanz feiert Portugals Norden das Johannisfest. Mehr als eine Woche ist Braga dem Heiligen zu Ehren im Ausnahmezustand. Und noch ausgelassener geht es in Porto zu, beim Lammfleisch, Sardinen und Feuerwerk.

Ohne Vorwarnung saust das kleine Hämmerchen quietschend auf den Kopf . Ein buntes Plastikteil, wie es fliegende Händler an allen Ecken zum Kauf anbieten. Glück und Segen, erklären die Einheimischen dem verdutzten Festbesucher, soll das bringen. Denn für die Menschen im Norden Portugals ist das Johannisfest der Höhepunkt des Jahres, den die Jugend mit dem Gummihammer markiert. Einem von vielen Ritualen und Bräuchen, mit denen der Heilige heute gefeiert wird.

Natürlich in Tracht: Zum Dankumzug zu Ehren Johannes des Täufers schlüpfen Alt und Jung in tradiitonelle Trachten und Kostüme. Foto: Picture alliance/Robert Mulder

Natürlich in Tracht: Zum Dankumzug zu Ehren Johannes des Täufers schlüpfen Alt und Jung in tradiitonelle Trachten und Kostüme. Foto: Picture alliance/Robert Mulder

Seit Jahrhunderten symbolisiert die Johannisnacht, eine der kürzesten des Jahres, die Herrschaft des Lichtes über die Finsternis, den Kern jeder christlichen Botschaft. Einen Einschnitt im Kalenderjahr, der die Menschen seit je zu Sprüngen durchs Feuer oder rituellen Bädern ermunterte. Und noch heute pilgern Portos Bürger traditionell zum Sonnenaufgang in den Vorort Foz de Douro, um mit einem kurzen Bad im kalten Atlantik dem alten Mythos zu frönen.

Zum Fest sind die Johannes dem Täufer geweihten Altäre geschmückt, krönen Blumen seine Standbilder. In Braga gibt es Johannes zu Ehren am Vortag seines Festes sogar einen großen Dankesumzug, eine Parade mit Folkloregruppen aus der ganzen Region Minho. Männer und Frauen stehen in ihrem Mittelpunkt, allesamt in Tracht. Einige tragen Körbe mit Brot und Wurst auf dem Kopf, Marschverpflegung für die Johannespilger. Andere schleppen große Trommeln mit sich. Bunte Girlanden grüßen S. Joao de Braga und S. Joao de todo o mondo – Johannes in Braga, und aller Welt. Auch im Norden Portugals denkt man heute global. Und dazwischen tanzen die Gigantones und Cabecudos. Kleine und große Pappkameraden, deren Verwandte bei uns am Rosenmontag zur Belustigung unterwegs sind.

Volksfrömmigkeit von ihrer schönsten Seite ist das, ausgelassene Lebenslust. Und wie immer bei großen Festen wird gut gegessen. Kohlsuppe, »Caldo verde«, gehört zu den traditionellen Johannis-Gerichten, vor allem aber Sardinen, die an allen Ecken gegrillt werden. »Früher«, klärt uns ein Volkskundler auf, »hat man in Gedenken an den biblischen Taufakt junge Lämmer verspeist«. Die aber seien den Feiernden eines Tages zu teuer geworden, sodass der im Sommer reichlich vorhandene Fisch zum Ersatz wurde.

»Portugals Rom« nennt sich Braga selbstbewusst. Das Etikett verdankt die Stadt dem Sitz des portugiesischen Erzbischofs, vor allem aber ihren vielen Kirchen. Nirgends im Land auch finden sich so viel Devotionalienläden und religiöse Buchhandlungen. Mehr als eine Woche dauert das Johannisfest hier, wechseln Ausstellungen und Konzerte mit folkloristischen Umzügen und religiösen Prozessionen. Und jeden Abend erinnern illuminierte Bilder an den Grund der Feiern. An die Taufe des Menschensohnes, bei der in Gestalt einer Taube der Heilige Geist auf Jesus herabgekommen ist. Dazu, heißt es in der Bibel, hat Gott Vater aus dem Himmel gesprochen: »Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.« (Lukas 3,22). Alle vier Apostel haben diese Szene in ihren Evangelien festgehalten. Ein Ereignis, das viele frühchristliche Künstler inspiriert hat und für die katholischen Portugiesen im Norden des Landes bis heute gewichtiger als Weihnachten ist.

Dominiert in Braga die Volksfrömmigkeit, treibt in Porto die reine Lebenslust die Menschen auf die Straßen. Seit 1911 ist der 24. Juni hier selbst gewählter, offizieller Feiertag. »Damals konnten die Bewohner zwischen diesem Datum, dem ersten Mai und Maria Empfängnis wählen«, erzählt Susana, die Fremdenführerin, im Café Majestic, Portos renommiertestem Kaffeehaus. Johannes machte das Rennen und wenn immer es in Porto Großes zu feiern gibt, ist der 24. Juni gefragt. So wurde der Grundstein für die Stadthalle ebenso an diesem Tag gelegt wie der zur Brücke über den Douro. »Auch Portos Fußballer«, schwärmt Susana, »feierten einen der wichtigsten Auswärtssiege über den Erzrivalen Lissabon am Johannistag.«

Die Altstadt ist Portos Festzentrum. Die Uferpromenade am Douro, wo auf großen und kleinen Grills Tausende von Sardinen brutzeln. Portwein beflügelt die Nachtschwärmer beim traditionelle Mitternachtsfeuerwerk, das wie das Konzert vorher live im Fernsehen übertragen wird. Ganz Portugal soll so an der Johannisnacht teilhaben, die für viele noch immer magische Kräfte hat.

Am eigentlichen Festtag, dem 24. Juni, schläft Porto erst einmal aus. Spät mittags aber, zur traditionellen Regatta der Portwein-Schiffe, sind alle wieder am Douro versammelt, der hier in den Atlantik mündet. Zum großen Wettsegeln der Sherry-Fabrikanten, die auch heute ihre Keller geöffnet haben. Zur Freude vieler Besucher, die sich dort an »Gottes Nektar« laben, wie die Einheimischen den Portwein nennen.

Günter Schenk