»Sie nehmen uns unser Land«

20. März 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie kämpfen um ein Stück Land, das ihnen und ihren Kindern die Ernährung sichert: die Landbesetzer auf der Finca Bella Flor in Guatemala. Foto: Andreas Boueke

Sie kämpfen um ein Stück Land, das ihnen und ihren Kindern die Ernährung sichert: die Landbesetzer auf der Finca Bella Flor in Guatemala. Foto: Andreas Boueke



Biokraftstoff:
Theoretisch ist er eine saubere Sache – doch praktisch hat er eine schmutzige Kehrseite

Die Biospritproduktion ­gefährdet die Welternährung, sagen Entwicklungsexperten. Wie real diese Warnung ist, zeigt ein Beispiel aus ­Guatemala.

Mitternacht auf der Finca Bella Flor in dem mittelamerikanischen Land Guatemala. Hier und da schnarcht ein Mensch. Ab und zu weint ein Baby. Kinder und Alte, Frauen und Männer schlafen auf Brettern und schmutzigen Decken.

36 Familien haben eine provisorische Siedlung gebaut. Die Finca liegt in ­einem Tal, durch das gemächlich der Fluss Polochic fließt. Doch die Stimmung dort ist aufgeheizt. Dreimal schon wurden die Menschen von diesem Grundstück vertrieben. Jedes Mal kamen sie zurück. Zuletzt vor einem Monat.

Zwei Wächter mit Taschenlampen patrouillieren über Sandpfade. Drei weitere sitzen versteckt hinter einem Sandhaufen. Einer von ihnen ist Julio Caál, ein schmächtiger Mann. Aber sein charismatisches Auftreten macht ihn zum natürlichen Anführer der Gruppe. »Die Fincabesitzer sagen, wir hätten dieses Land illegal besetzt«, beklagt Julio Caál. »Aber die wirklichen Eindringlinge sind sie. Diese Leute sind von weither gekommen. Sie haben das Land unserer Vorfahren genommen. Für dieses Land sind unsere Großväter ermordet worden. Und jetzt wollen sie es uns wegnehmen, um Ölpalmen anzupflanzen.«

In der nahegelegenen Provinzhauptstadt Cobán leitet der Spanier Luís Muiguel Otero das theologische Zentrum Ak’Kutan. Er lebt seit dreißig Jahren in Guatemala. »Früher haben wir in unseren Gesprächskreisen nie über Ölpalmen gesprochen,« erinnert er sich. »Heute ist das anders. Wann immer sich Theologen aus dieser ­Region treffen, kommt das Thema auf den Tisch.«

»Die ursprünglichen Bewohner dieser Region, die Maya-Kekchí, waren immer Kleinbauern«, erklärt Luís Miguel Ortero. »Sie wollen ihr eigenes Land und bezeichnen sich als Kinder der Erde.« Doch das fruchtbarste Land gehört einigen wenigen Großgrundbesitzern. Die haben sich schon vor Generationen riesige Ländereien angeeignet, auf denen zuvor die Mayas gelebt haben. Nicht selten kam dieser Landraub gewaltsam zustande. Die Mayas mussten für die neuen Herrn arbeiten. Doch zumindest bekamen sie eine Parzelle zugewiesen, auf der sie ihre eigenen Grundnahrungsmittel anbauen konnten.

Jetzt aber soll es vorbei sein mit dieser Selbstversorgung. Im Laufe der vergangenen fünf Jahre haben Großkonzerne riesige Ländereien gekauft. Sie wollen die Landwirtschaft ganzer Regionen auf den Anbau von Ölpalmen und Zuckerrohr umstellen, aus denen Ethanol und Biodiesel gewonnen werden kann. Für die Familien, die seit Generationen auf dem Land leben, bleibt weder genug Platz noch ausreichend Arbeit. Ganze Gemeinden werden vertrieben, verlieren ihre Überlebensgrundlage.

Julio Caál und seine Familie waren schon mehrfach Opfer blutiger Landkonflikte. Zwei seiner Onkel wurden ermordet. Er selbst hat mehrere Schussverletzungen überlebt. Nicht ohne Stolz zeigt er die Narben an seinem Bein: »Sie haben mich getroffen. Zwei Kugeln sind hier ins Bein eingedrungen und auch meine Hand haben sie ordentlich verletzt.«

Einer der Fincabesitzer im Polochic-Tal ist Hector Monzón. Er bezeichnet die Landbesetzungen als illegal und hält ein gewaltsames Vorgehen gegen die Besetzer für notwendig: »Der Staat muss den Privatbesitz immer verteidigen. Deshalb muss der Staat die Invasionen bekämpfen und die Landbesetzungen räumen.«

Die meisten Großgrundbesitzer argumentieren, die Investitionen der Konzerne würden den Weg zu Fortschritt und Entwicklung ebnen. So sieht es auch der Bürgermeister des Städchens Panzós, dem urbanen Zentrum des Polochic-Tals. Er heißt Edwin Rummler. Sein Großvater ist aus Deutschland nach Guatemala gekommen. Edwin Rummler hält es für seine Aufgabe, großen Konzernen den Weg zu bereiten: »Wir bemühen uns um Investoren, die sich für dieses Gebiet interessieren. Wir unterstützen vor ­allem Unternehmen, die Ölpalmen anpflanzen wollen, und Bergbaufirmen, die Minen betreiben. Sie alle empfangen wir mit offenen Armen, denn wir wissen, dass sie uns Entwicklung bringen.«

Auf der Finca Bella Flor durchbricht das Weinen eines Kleinkinds die Stille der Nacht. Sein Vater, Samuel Cucúl, steht von seinem Lager auf. Es ist Zeit für seinen Patrouillengang. »Ich habe gehört, dass sechs riesige Konzerne aus Brasilien hierher kommen werden, um Ölpalmen zu pflanzen«, sagt Samuel Cucúl. »Aber wir brauchen Land, um unseren Mais, unseren Reis und unsere Bohnen anzubauen. Wenn es nur noch Ölpalmen gibt und keine Bohnen mehr, was können wir dann noch mit all dem Öl braten?«


Von Andreas Boueke

Wie Nachhaltig ist der Biosprit?
Biosprit soll nachhaltig das Klima schützen. Deshalb gilt in Deutschland seit Anfang des Jahres die sogenannte Biomasse-Nachhaltigkeitsverordnung. Diese legt fest, dass die flüssige Biomasse, die dem üblichen Benzin oder Diesel beigemischt werden kann, nur noch aus nachhaltiger Produktion stammen darf. Die Pflanzen dürfen nicht auf Flächen mit hohem Naturschutzwert angebaut werden, wie etwa Regenwälder oder Feuchtgebiete. Doch Greenpeace hat festgestellt, dass Deutschland im Schnitt ein Viertel des Biosprits, der in den Autotanks landet, aus solchen Regionen importiert. Dort gewinnen die Konzerne den Biosprit aus tropischen Pflanzen wie Ölpalmen und Zuckerrohr – zu Lasten der armen Landbevölkerung.

»Café feminino« – fairer Kaffee von Frauen

6. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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»Wie Kinder, die jeden Tag gepflegt werden müssen«: Antonia Txox ist stolz auf ihre selbst gezogenen Kaffeepflanzen. (Foto: Andreas Boueke)

»Wie Kinder, die jeden Tag gepflegt werden müssen«: Antonia Txox ist stolz auf ihre selbst gezogenen Kaffeepflanzen. (Foto: Andreas Boueke)

Guatemala: Gerechter Handel mit der braunen Bohne – wie Menschen ihr Geschick selbst in die Hand nehmen
 
Auch wenn fair gehandelter Kaffee noch immer nur ­einen geringen Marktanteil hat – er verhilft Familien zu einer neuen Lebens­perspektive.
 

Antonia Txox, ist eine kleine, zierliche Frau. Sie spricht Quiche, die Sprache der Mayabevölkerung dieser Region Guatemalas: »Mein Mann ist gestorben, weil er zu viel Alkohol getrunken hat. Ich bin allein zurückgeblieben, mit meinen sechs Kindern. Der Kleinste ist heute 15 Jahre alt.«

Antonia Txox besitzt eine kleine Parzelle, weniger als zweitausend Quadratmeter Land. Sie baut Gemüse an, Mais und Bohnen für den Eigenbedarf und außerdem Kaffee, um ihn zu verkaufen. Morgens ziehen dichte Nebelschwaden durch die Region. So reifen die Kaffeekirschen nur langsam heran. Die Bohnen entwickeln eine hervorragende Konsistenz und ein intensives Aroma.

Kooperative Nahuala – gemeinsam zum Erfolg

Sobald Doña Antonia über ihre Kaffeepflanzen spricht und über die Kooperative Nahuala, der sie sich vor ­einigen Jahren angeschlossen hat, erscheint ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Mein Mann hat das Feld nie bearbeitet. Es gab nichts als Gras und Unkraut. Nach seinem Tod habe ich in Ausbildungsseminaren der Kooperative gelernt, dass diese Parzelle meine Lebensgrundlage sein kann. Der Vorstand hat mir einen Mikrokredit gegeben. Von da an hat sich mein Leben deutlich verbessert.«

Die Kooperative Nahuala mit ihren 116 beteiligten Familien ist der Motor der Gemeindeentwicklung. Noch vor wenigen Jahren waren ausschließlich Männer als formale Mitglieder der ­Kooperative eingeschrieben. »Es war selbstverständlich, dass die Frau in der Küche bleibt,« sagt Antonia Txox. »Gott sei Dank ändert sich das jetzt. Viele Männer haben erkannt, dass sie den Frauen mehr Freiheit geben müssen. Nur so kann sich eine Gemeinde entwickeln.«

An normalen Tagen verbringt Antonia Txox viel Zeit auf ihrem Feld, oder in dem kleinen Garten vor ihrer Hütte. Dort zieht sie kleine Kaffeepflanzen auf. »Die Pflanzen sind wie Kinder, die jeden Tag gepflegt werden müssen, damit sie gesund aufwachsen. Das ist viel besser, als auf einer Plantage zu arbeiten, auf der du mit deiner Arbeit andere Leute reich machst.«

Immer mehr Frauen gewinnen Selbstvertrauen

Seit drei Jahren wird die Produktion der Frauen der Kooperative Nahuala als eigene Marke vertrieben, als »Café feminino«. Sie bekommen einen Aufpreis von zwei US-Dollar pro hundert Pfund getrockneter Kaffeebohnen. Das ist zwar nur ein Bonus von etwa einem Prozent, aber zudem gibt es ­zusätzliche Fortbildungsangebote zu Themen wie Schädlingsbekämpfung und Buchhaltung, aber auch Gesundheitsvorsorge, Kindererziehung und die Stärkung der Rolle der Frau innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Die ­So­zialarbeiterin Irma Barera ist sich ­sicher, dass das Projekt »Café feminino« das Selbstvertrauen vieler Frauen deutlich gestärkt hat. »Die meisten Frauen sind noch immer sehr schüchtern. Deshalb arbeite ich neben der landwirtschaftlichen Ausbildung auch daran, sie zur Partizipation zu animieren.«

Bisher wird der »Café feminino« nur in den USA vertrieben. Doch nun soll der »Café feminino« auch auf dem europäischen Markt angeboten werden. Nach der letzten Ernte konnte der Kaffee für 205 Dollar an den gerechten Handel verkauft werden. Auf dem lokalen Markt oder an der Börse in New York wären maximal 130 bis 135 Dollar gezahlt worden.

Für die Mitglieder der Kooperative ergeben sich aus ihrer Beteiligung am gerechten Handel konkrete Vorteile. Aber sie müssen auch einiges leisten. Eine entscheidende Voraussetzung ist die Anwendung umweltschonender Anbaumethoden.

Antonia Txox greift unbesorgt in ein großes Becken, in dem organischer Dünger für die Kaffeefelder der Kooperative hergestellt wird. Mit beiden Händen hebt sie einen Haufen schwarzer Erde heraus, in dem sich mindestens 30 agile Regenwürmer tummeln.

Auch der Bio-Dünger kommt vom eigenen Kompost

Das Becken aus Beton ist mit organischem Abfall vom Markt und aus den Haushalten der Genossenschafter gefüllt. Dazu wird das Fruchtfleisch der geernteten Kaffeekirschen gekippt. Die Masse wird feucht gehalten, sodass sich Tausende Regenwürmer schnell reproduzieren können. Die glitschigen Tierchen verdauen innerhalb weniger Wochen den Müll, so dass ein nährstoffreicher Dünger entsteht, der auf den Kaffeefeldern verteilt wird. Der Einsatz von Chemikalien wird auf ein Minimum reduziert.

Kaffee mit dem TransFair-Güte­siegel wird heute in den meisten deutschen Supermärkten angeboten. In der Praxis aber macht fair gehandelter Kaffee nur einen sehr geringen Teil des Gesamtmarktes aus. Der Entwicklungssoziologe Georg Krämer vom Welthaus Bielefeld stellt nüchtern fest: »Die Deutschen beteiligen sich seit 1970 an dem fairen Handel mit dem mageren Ergebnis, dass wir heute zwei bis drei Prozent des deutschen Kaffeemarktes entweder ›fair‹ oder ›bio‹ haben.«

Dennoch – die Konsumenten haben so die Möglichkeit, die Lebensbedingungen einiger Kleinbauern und ihrer Familien deutlich zu verbessern.

Andreas Boueke

Fortschritt mit Buchstaben

3. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Alphabetisierung: Guatemalas Frauen lernen Lesen und Schreiben – mehr Bildung bedeutet weniger Ausbeutung

Guatemala gilt als das lateinamerikanische Land mit der höchsten Analphabetenrate. Besonders Frauen haben oft nie eine Schule ­besucht. Doch der Wille zum Lernen ist groß.

Lernen mit hoher Motivation: Viele der Frauen, die an dem Bildungsprogramm von IGER teilnehmen, haben längst ­eigene Kinder oder sind sogar schon Großmütter. (Foto: Andreas Boueke)

Lernen mit hoher Motivation: Viele der Frauen, die an dem Bildungsprogramm von IGER teilnehmen, haben längst ­eigene Kinder oder sind sogar schon Großmütter. (Foto: Andreas Boueke)



Die meisten Länder des Lateinamerikas sind seit Ende des vergangenen Jahrhunderts auf einem guten Weg, den Analphabe­tismus in absehbarer Zeit weitgehend zu überwinden. Zuletzt haben Venezuela, Bolivien, Nicaragua und Ecuador von der UNESCO die Medaille »Analphabetismus-freies Gebiet« erhalten. Das bedeutet, dass mindestens 96 Prozent der Bevölkerung schreiben und lesen können. Aber in Guatemala gibt es nicht einmal vertrauenswürdige Statistiken über die Zahl der Analphabeten. Nur rund die Hälfte der Kinder schließt das sechste Schuljahr und damit die Grundschule ab. Zugleich ist in keinem anderen Land Lateinamerikas das Vermögen der Gesellschaft so ungleich verteilt wie in Guatemala.

Mangelnde Bildung erleichtert Manipulation

Die Bildungsreferentin von UNICEF, Ana Maria Sanchez, sieht darin eine der Hauptursachen für das niedrige Bildungsniveau der Bevölkerungsmehrheit: »Viele Kinder sind zu arm, um in die Schule gehen zu können. Sie wohnen weit entfernt von der nächsten Schule. Oder sie müssen während der Erntezeit an die Küste ziehen, um dort auf den Plantagen zu arbeiten.« Auch der Staat verfüge nicht über ausreichend Mittel, weil es ihm nicht gelinge, genügend Steuern einzusammeln. »Die Reichen und die großen Firmen haben wenig Interesse daran, das zu ändern. Eine ungebildete Bevölkerung lässt sich leichter manipulieren. Je weniger Informationen die Leute haben, desto besser kann man sie ausbeuten«, so das bittere Fazit.

Die meisten Analphabeten in Guatemala sind Mayas. Eine Organisation, die sich um ihre Alphabetisierung bemüht, ist das guatemaltekische Institut für radiofone Bildung, IGER. Dessen Angebot funktioniert über Radiosendungen, die den Lernenden täglich die Unterrichtsinhalte vermitteln. Nur samstags kommen Lerngruppen zusammen. Das Konzept wurde von dem deutschen Pädagogen Franz Tattenbach entwickelt. Heute wird es von rund 40.000 Erwachsenen genutzt.

Seit dem Tod von Franz Tattenbach im Jahr 1992 wird das Institut von dem spanischen Priester José Maria Andrés geleitet. »Bildung ist der Schlüssel zur Entwicklung«, sagt er. Und fügt hinzu: »Meiner Erfahrung nach bringen gerade diejenigen Menschen, die besonders unter Armut und Ausbeutung leiden, eine außergewöhnliche Kraft auf, um Zugang zu Bildung zu bekommen.«

Seit den Lebzeiten des Gründers Franz Tattenbach hat die Beteiligung deutscher Pädagogen an der Erwachsenenbildung von IGER Tradition. Die pensionierte Grundschullehrerin Renate Hacke hat schon mehrere Jahre als Bildungsreferentin in Guatemala verbracht: »Eigentlich muss der Staat für Bildung sorgen. Aber wo der Staat nicht greift, finde ich es in Ordnung, wenn private Institutionen oder die Kirche Unterstützung leisten.«

Eine Lerngruppe trifft sich in einem Grundschulgebäude der Ortschaft Candelaria im Hochland Guatemalas. Die junge Sekretärin Claudia Boch aus Deutschland ist eine der Freiwilligen, die ihre Zeit opfern, um für eine Lerngruppe zur Verfügung zu stehen: »Die meisten Frauen in meiner Klasse hatten früher nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Oder sie ­haben nur das erste Schuljahr abgeschlossen und mussten dann Geld verdienen.«

Ein kleiner Ball fliegt durch das Klassenzimmer. Die Frauen werfen ihn einander zu, solange Claudia Boch mit einem Stab auf einen Pult schlägt. Wer den Ball in dem Moment in der Hand hält, in dem die Lehrerin mit dem Schlagen aufhört, muss nach vorne treten und an der Tafel Laute ­lesen. In dem Klassenraum sitzen ­ausschließlich Frauen, obwohl Männer auch zugelassen sind. Aber die meisten Männer hatten während ihrer Jugend mehr Gelegenheit, zur Schule zu gehen. Noch heute gibt es in Guatemala viele Eltern, die ihre Söhne zur Schule schicken, ihre Töchter aber nicht. Maria Tacatic Toj ist Mutter von zehn Kindern. Sie ist vor Kurzem 43 Jahre alt geworden. Aber erst jetzt hat sie begonnen, lesen und schreiben zu lernen: »Früher hat man uns immer gesagt, die Schule sei nur für die Jungen. Die Mädchen bräuchten das nicht. Deshalb habe ich nichts gelernt. Ich weiß nichts. Ich kann nicht einmal eine Zahl schreiben.«

Motivation: »Ich möchte meinem Land dienen«

Auch der deutsche Gesamtschullehrer Wolfgang Hacke unterstützt die Alphabetisierungskampagnen. Früher hat er Religion und Deutsch unterrichtet. Seit seiner Pensionierung koordiniert er das Bildungsprogramm von IGER im Nordosten von Guatemala: »Ich habe meine Schüler gefragt: ›Warum geht ihr überhaupt zur Schule?‹ In Deutschland haben sie mir geantwortet: ›Weil ich anständig Geld verdienen will.‹ Die Antworten hier sind anders: ›Ich möchte meinem Land dienen und der Gemeinde, in der ich geboren bin, meine Kenntnisse zur Verfügung stellen.‹«

Eine solche auf die Gemeinschaft bezogene Motivation findet sich in Guatemala nicht nur unter den jungen Schülern und Schülerinnen, sondern vor allem auch unter denen, die erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben lernen. Die 47-jährige Rosalinda Xocojay müht sich noch mit dem ABC ab. Doch: »Wenn ich einmal gut lesen kann, werde ich es anderen Leuten beibringen, damit sie auch lesen lernen.«

Andreas Boueke

Eine Kirche im Staub

20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Jugend soll aufstehen um die Welt zu verändern, lautet die ­Botschaft der Pfingstler in Guatemala. Fotos: Andreas Boueke

Die Jugend soll aufstehen um die Welt zu verändern, lautet die ­Botschaft der Pfingstler in Guatemala. Fotos: Andreas Boueke


Reportage: Kein Wohlstandsevangelium – in Guatemala stehen die Missionare der Pfingstler den Ärmsten bei

Pfingstkirchen sind die weltweit am stärksten wachsende christliche Konfessionsgruppe. Meist gelten sie als fundamentalistisch und ­reaktionär. Doch das stimmt nur noch bedingt.

Die holprige Straße ohne Asphalt führt bis zu einer Ansammlung wackliger Bretterhütten, schäbiger Lehmhäuser und weniger Bauten aus unverputzten Steinen. Die Siedlung Las Huertas liegt in einer kargen Einöde im Osten des kleinen, mittelamerikanischen Landes Guatemala. Es gibt keine Abwasserkanäle, keine Straßenbeleuchtung, keine Gesundheitsstation und keine Rechtssicherheit.
Zweimal im Monat kommt die junge Frau Ester Raxón in diesen verstaubten Ort, um den Aufbau der ­Jugendarbeit der lokalen Pfingstgemeinde zu unterstützen. Sie sitzt auf einer Lehmstufe am Eingang der Kirche und beobachtet zwei Jungen, die im Staub des Vorplatzes mit selbst ­gebastelten Autos aus Draht spielen. Neben ihr grunzt ein Schwein, hinter ihr piepsen Küken. »Die Armut ist ­extrem«, klagt Ester Raxón. »Gerade die Kinder haben viele Probleme, auch mit sexuellen und psychischen Misshandlungen. Viele der Kleinsten sind deutlich unterernährt.«

Konservativ im Sinne von wertebewahrend

Der Vorgesetze von Ester Raxón, Samuel Regalado, ist in der Missionsverwaltung der Asambleas de Dios beschäftigt, der mit weltweit 60 Millionen Mitgliedern größten Kirche der Pfingstbewegung. International ist sie unter ihrem englischen Namen »Assemblies of Good« bekannt. Er sitzt in einem spartanisch ausgestatteten Büro der »Zone 3« von Guatemala-Stadt – keine besonders exklusive Adresse. An manchen Tagen trägt der Wind den Gestank der nahe gelegenen Müllhalde herüber.

Samuel Regalado bezeichnet sich selbst als konservativ, in dem Sinne, dass er christliche Werte bewahren will. Er sieht seine Aufgabe darin, der Jugend klare moralische und ethische Werte zu vermitteln. Politisches Engagement lehnt er für sich ab: »Unsere Lehre besagt, dass die Kirche unpolitisch sein soll. Aber wir motivieren die Leute dazu, ihr Wahlrecht auszuüben, auch wenn wir nie eine spezifische Partei unterstützen würden.« Dennoch vermittelt Regaldo eine Botschaft, die den gesellschaftlichen Status quo infrage stellt: »Wir müssen den Jugendlichen und den Kindern beibringen, dass sie aufwachen müssen, dass sie nicht dieselbe Mentalität ihrer Großeltern und ihrer Eltern haben sollen, die apathisch geblieben sind. Die Jugend soll aufstreben und eine Front bilden, um der Welt Veränderung zu bringen.«

Derzeit erlebt kein anderer religiöser Sektor ein schnelleres Wachstum als die charismatischen Pfingstler. Im Zuge des Anstiegs ihrer Mitgliederzahlen kommt es zu einer deutlichen inhaltlichen Ausdifferenzierung innerhalb der Pfingstbewegung. Noch vor wenigen Jahren galten Pfingstler per se als konservativ, untheologisch und anti-ökumenisch. Heute gibt es große Pfingstkirchen, die sich politisch eindeutig links positionieren; ­Bibelinstitute, die Schrifttexte neu interpretieren wollen, um ihre aktuelle Relevanz zu verdeutlichen; Pastoren, die sich in breiten Allianzen mit anderen Protestanten und selbst mit Katholiken zusammenschließen.

Die Kirche gibt Menschen Würde und Selbstvertrauen
José Muñoz, ein älterer Mann, sitzt auf einem Stuhl und lässt die Arme baumeln. Eben noch hat er einige Girlanden an die Decke der Kirche der Siedlung Las Huertas gehängt. Jetzt macht er eine Pause. Er war dabei, als die Gemeinde vor vier Jahren gegründet wurde: »Unsere Kirche macht diese Arbeit in Orten, in denen es kein Geld gibt. Wenn du versuchst, mit der Religion Geschäfte zu machen, verlieren die Leute das Vertrauen.«

Eigentlich sollte der Gottesdienst schon vor einer Stunde begonnen haben. Doch noch immer kommen mehr Leute und plaudern in den Gängen. Endlich nimmt ein junger Mann das Mikrofon in die Hand. Es beginnt der erste Akt des Gottesdienstes: der Lobgesang.
Pastor Carlos Morales stand eben noch am Eingang der Kirche und begrüßte die ankommenden Gemeindemitglieder mit einem herzlichen Händedruck und einigen persönlichen Worten. Dann aber hat er sich zurückgezogen, um vor seiner Predigt zur Ruhe zu kommen. Er sitzt auf einem alten Baumstumpf hinter den Wellblechplatten der Rückwand der Kirche. »Wir wollen erreichen, dass die Menschen in den Gemeinden ein Leben in Würde führen können, so wie es Jesus Christus gelehrt hat. Ein Leben mit Werten, moralischen Prinzipien, mit Gerechtigkeit, besonders für die junge Generation.«

Der Pastor ist überzeugt davon, dass seine Kirche in diesem gesellschaftlichen Prozess einen wichtigen Beitrag leisten kann, indem sie das Selbstvertrauen ihrer Gemeindemitglieder stärkt: »Für sie ist die Kirche ein Ort, der sie motiviert. Das ändert ihre Vision. Sie sagen: ›Wauw! All die Jahre über habe ich vereinzelt gelebt. Ich habe mich selbst als eine Person angesehen, die nicht wichtig ist, die nichts leisten kann. Aber hier finde ich einen Ort, an dem ich geschätzt werde.‹ Diese Erfahrung stimuliert und ändert das Bewusstsein der Leute.«

Aus den ehemals kleinen, vorwiegend jenseitsbezogenen Pfingstgemeinden ist eine pluralistische, in allen sozialen Schichten verankerte, theologisch ausdifferenzierte Bewegung geworden, die das Gesicht der globalen Christenheit deutlich verändert hat.

Andreas Boueke

Kleine Hände ernten Kaffee

6. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Guatemala: Nur durch die Mitarbeit der Kinder können die Tagelöhner auf den Kaffeeplantagen überleben

Kaffeekult ist »in«: Verschiedene Sorten, unterschiedliche Röstungen, moderne ­Espressoautomaten sorgen für guten Geschmack – aber längst nicht immer für ein gutes Gewissen.

Kinderarbeit gehört zum Alltag auf Guatemalas Kaffeeplantagen. In diesen ­Tagen endet die diesjährige Erntesaison. Foto: Andreas Boueke

Kinderarbeit gehört zum Alltag auf Guatemalas Kaffeeplantagen. In diesen ­Tagen endet die diesjährige Erntesaison. Foto: Andreas Boueke

Die Hose des achtjährigen Miguel, hat mehrere Löcher, eins direkt über der linken Pobacke. Entweder hat er das noch nicht bemerkt oder es ist ihm egal. Wenn er sich reckt und streckt, um an die ­hohen Kirschen der Kaffeepflanzen zu gelangen, kann man sowieso sehen, dass er keine Unterhose trägt. »Manchmal sind wir richtig wütend,« schimpft er. »Es gibt Tage, da haben wir nicht genug zu essen. Dann tut uns der Magen weh.«

Miguel erntet Kaffee auf der Finca San Jaime im Osten des mittelamerikanischen Landes Guatemala. Bei der Ernte hat er sich einen Unterarm blutig gekratzt. Nun sitzt er im Schatten eines Kaffeestrauchs und leckt über die Wunde. »Manchmal hängen nur wenige Kirschen am Strauch,« sagt er. »Dann strengst du dich fast umsonst an.«

Miguels Bruder, der vierzehnjährige José, wischt sich mit einem schmutzigen Handrücken den Schweiß aus der Stirn. Er findet es nicht in Ordnung, dass kleine Kinder in der Hitze stehen und Kaffee ernten müssen. »Aber nur wenn wir alle ­zusammen arbeiten, wird es uns ­vielleicht eines Tages besser gehen,« glaubt er.

Der Fincabesitzer
Josés Mutter, Doña Marta, hält es für normal, dass alle ihre Kinder von klein auf arbeiten. Auch Doña Marta hat schon als kleines Mädchen gearbeitet. »Wir kämpfen mit den Kindern ums Überleben. Es geht ja nicht anders. Die Kleinen müssen das Arbeiten ­lernen, um Geld zu verdienen« Während Doña Marta spricht, schaut sie schüchtern auf den Boden. An ­ihren schmutzigen, mit Risswunden übersäten Füßen trägt sie einfache Plastiksandalen mit kaputten Riemen. »Ich sage meinen Kindern, dass sie hart sein müssen. Das tut mir weh, aber so ist das Leben.«

Dem Besitzer der Finca San Jaime, Don Jaime Bonifaz, gehören zahlreiche Ländereien im Westen Guatemalas. Er ist 64 Jahre alt, hat graues Haar und einen auffällig dicken Bauch. Aber er ist fitt und unternehmungslustig. Auf seinen Reisen nach Europa und in die USA verhandelt er mit ­Geschäftspartnern und genießt das Nachtleben von Miami und Rotterdam. Die Finca San Jaime ist der zentrale Standort des Landbesitzes von Jaime Bonifaz. Dort betreibt er auch eine Weiterverarbeitungsanlage für Kaffee, von der aus jedes Jahr rund fünfzigtausend Sack Kaffee in die Welt geschickt werden.

Der Lohn

Die Tagelöhner auf der Finca San Jaime bekommen 36 Quetzal für das Pflücken von vier Kisten voll Kaffeekirschen. Das sind etwa drei Euro für hundert Pfund. Soviel kann ein ausdauernder Arbeiter an einem Tag pflücken, aber nur, wenn die Bedingungen günstig sind. Mit der Hilfe seiner ­Kinder schafft er natürlich mehr.

Doña Marta und ihre beiden Söhnen haben an diesem Tag nur knapp zwei Euro verdient. José ist enttäuscht. »Es werden so 24, 26 Quetzal sein, ­obwohl wir zu dritt gepflückt haben. Aber zum Essen brauchen wir fast 30, 40 Quetzales. Es reicht also nicht.«
Ein Liter Milch kostet in Guatemala fast einen Euro. Auch Fleisch ist teuer. Das kann sich Doña Marta nur selten leisten. Dafür sind frisches Obst und Gemüse günstig. Aber der Warenkorb für eine ausreichende Ernährung, so wie ihn das Kinderhilfswerk UNICEF beschreibt, steht Doña Marta nie zur Verfügung. Sie verdient ja nicht einmal den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, und selbst der liegt weit unter dem Existenzminimum.

Der Verwaltungsassistent der Finca, Don Camilo, gesteht unumwunden ein, dass er den Tagelöhnern zu wenig zahlt: »Sie bekommen weniger als den Mindestlohn und das auch nur während der Erntezeit. Den Rest des Jahres gibt es keine Arbeit. So gesehen geht es ihnen hier zur Zeit noch gut. Richtig hart wird es erst wieder, wenn die Ernte vorbei ist.«

Kurz bevor die Sonne untergeht schleppen die Erntearbeiter ihre gefüllten Säcke aus allen Winkeln der Kaffeefelder bis zu einer Wegkreuzung, an der sie sich in eine Wartereihe hinter einem Lastwagen stellen. Auf der Ladefläche steht Don Camilo mit einem Schreibblock unterm Arm. Darin sind alle Familien registriert, die auf der Finca arbeiten. Hinter den ­Namen trägt er die jeweiligen Ernte­ergebnisse ein. Meist entscheidet Don Camilo nach Augenmaß über das ­Gewicht der Kaffeesäcke. Doch wenn er es genau wissen will, werden die Kaffeekirschen nach und nach in eine Holzkiste gefüllt, in die angeblich genau 25 Pfund passen.

Der faire Handel
Der junge Mann räumt ein, dass er nicht immer das exakte Gewicht in sein Heftchen notiert: »Wenn sich jemand nicht ordentlich benimmt, schreibe ich nicht alles auf. Zum Beispiel versuchen manche, mich reinzulegen, so wie der Mann dort drüben. Er hat gesagt, in seinem Sack seien fünf Kästen voll. Wir haben das überprüft. Es waren nur vier. Er wollte uns also bestehlen.« Die meisten Pflücker können weder lesen noch rechnen. Außerdem wissen sie, dass es sich nicht lohnt, einen Streit anzufangen.

In Deutschland interessieren sich zunehmend mehr Kaffeekonsumenten für die Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter auf den Plantagen. In einigen Fällen kaufen die Betreiberfirmen der Kaffeebars die Bohnen direkt bei Kleinbauerkooperativen in den Anbauländern. So werden Zwischenhändler ausgeschaltet und die Produzenten bekommen einen sehr viel besseren Preis ausbezahlt. Ähnlich funktioniert das Prinzip des fair gehandelten Kaffees mit dem TransFair-Gütesiegel.

TransFair-Produkte werden heute in den meisten Supermarktketten sogar angeboten. So haben die Konsumenten in Deutschland die Möglichkeit, die Lebensbedingungen einiger kleiner Kaffeeproduzenten und ihrer Familien deutlich zu verbessern. Doch noch immer ist der faire Handel letztlich nicht viel mehr als eine kleine Marktnische. In Deutschland gibt es ihn sein 1970, mit dem mageren Ergebnis, dass heute zwei bis drei ­Prozent des Kaffees fair gehandelt wird.

Andreas Boueke