Grausam ist der Krieg

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesdienst begleitet internationales Theaterprojekt in Gera

Eine blutverschmierte Folienlandschaft und eine völlig neue Sichtweise auf den Theaterraum erwarten die Besucher der aktuellen Inszenierung »Die Frauen von Troja« der Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Die Besucher sitzen auf der Bühne mit Blick in den Theatersaal. Es wurde eine schockierende Kulisse geschaffen, die mit dem Inhalt des Stückes korrespondiert. Diese Produktion ist außergewöhnlich für die Theaterlandschaft. Schauspieldirektor Bernhard Stengele bringt reiche Erfahrungen bei der Umsetzung antiken Materials aus seiner Wirkungszeit in Würzburg mit und kann auf eine gute Zusammenarbeit mit Ulrich Sinn aufbauen. Er ist Altphilologe und hatte über zehn Jahre einen Lehrstuhl für klassische Archäologie an der Universität Würzburg inne. Für das Theater hat Sinn einen antiken Zyklus des Euripides ausgewählt, »Die Troerinnen« übersetzt und ist als wissenschaftlicher Berater zugleich der Projektleiter der aktuellen Inszenierung.

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

»Die Frauen von Troja« sind eine internationale Kooperation von Theater & Philharmonie Thüringen mit dem Tiyatro Medresesi S¸irince (Türkei) und dem Samos Young Artists Festival (Griechenland). Neben Gera und Altenburg wird die Inszenierung in der Türkei und auf Samos (Griechenland) gezeigt. Schauspielerinnen und Schauspieler aus der Türkei, Griechenland, Deutschland, Bulgarien und Burkina Faso gehören zum Ensemble und unternahmen gemeinsam eine Recherchereise an historische Orte des Euripides. »Während dieser Exkursion wurde allen Beteiligten unmissverständlich klar, wie aktuell das Stück in unsere Zeit passt«, sagt Sinn. »Wir erlebten Flüchtlinge aus Syrien und vom Krieg traumatisierte Frauen. Es gibt noch heute so viel Trennendes zwischen den Völkern. Erstaunt haben die Frauen aus der Türkei und aus Griechenland bei den Proben die gemeinsamen Wurzeln ihrer beiden Kulturen wiederentdeckt. Die Schrecken des Krieges sind nach dem Untergang Trojas allgegenwärtig. Euripides zeichnet die Situation und das Leid aus der Perspektive der Frauen, die zurückbleiben und ihrer Versklavung oder dem Tod ins Auge schauen. Stengele lässt die Wut der Frauen noch intensiver erscheinen, indem er den deutschsprachigen Text mit griechisch und türkisch gesprochenen Passagen verbindet. In einer Zeit, wo Kriege mit der Maßgabe, diese zu gewinnen, ausgelöst werden, stehen die Worte Euripides als Mahnung und Anklage: »Der Krieg kennt keine Sieger, denn jeder Krieg bringt nur Verlierer, vernünftig ist, wer keinen Krieg beginnt.«

Ein Theatergottesdienst in der Geraer Salvatorkirche gehört zum Begleitprogramm der Inszenierung. Die Kantorei St. Salvator unter Leitung von Mike Nych und Chorszenen aus »Die Frauen von Troja« werden im Gottesdienst zum Sonntag Kantate eine ganz besondere und spannungsvolle Verbindung eingehen. Pfarrer Frank Hiddemann wird in seiner Predigt die jüdisch-christliche Auffassung eines Gottes, der sich an Gerechtigkeit bindet, mit dem tragischen Geschichtsverständnis der Antike konfrontieren. Bernhard Stengele rückt in seiner Inszenierung die beiden Welten eher zusammen: »Wir haben relativ oft das Wort Götter durch Gott ersetzt, um den Namen ›Gott‹ auf der Seite der Gewinner anzuprangern. Alle sogenannten gerechten oder heiligen Kriege, ob nun von Muslimen oder Christen geführt, berufen sich bis heute auf Gott und da kommt bei mir das Gefühl auf: Hier stimmt etwas nicht.« Wolfgang Hesse

Bühnen der Stadt Gera, Großes Haus, 24. 5., 19.30 Uhr, 25. 5., 18.00 Uhr, 31. 5., 19.30 Uhr Kirche St. Salvator Gera

Griechenland: Neonazis auf dem Vormarsch

22. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erschreckende Meldungen – die gibt es im Zuge der Wirtschaftskrise in Griechenland seit Jahren. Und es kommen neue hinzu: In Umfragen rangiert die rassistische Neonazi-­Partei »Goldene Morgendämmerung« mittlerweile auf Platz drei – mit Werten zwischen zehn und zwölf Prozent. Bei der letzten Parlamentswahl im Juni 2012 hatten die Rechtsextremen 6,92 Prozent erhalten. Seither stellt die Partei mit dem Mäander-Symbol, das an ein Hakenkreuz erinnert, 18 Abgeordnete. Und sie hat für etliche negative Schlagzeilen gesorgt.

Giorgio Tzimurtas ­berichtet für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Giorgio Tzimurtas ­berichtet für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Extreme Gewalt gegen Linke und Immigranten durch Schlägertrupps, Einschüchterungen von Journalisten und anderen Kritikern, Hetzreden auf öffentlichen Versammlungen – damit hat die »Goldene Morgendämmerung« Angst, Schrecken und Abscheu verbreitet. Und dennoch: Zugleich steigt der Zuspruch für die Neonazis in der Bevölkerung. Sogar ehemalige Links-Wähler zählen zu ihren Anhängern.

Besonders unter Polizisten soll es Sympathisanten geben, wie die Zeitung »To Vima« schrieb. Empirisch klar belegbar ist das nur schwer. Doch in einem Staat, der von vielen seiner Bewohner als chaotisch und sogar inexistent empfunden wird, geriert sich die »Goldene Morgendämmerung« als Ordnungsmacht. Paramilitärische Patrouillen durch prekäre Stadtviertel, Fahrdienste für Senioren und Essensausgaben »nur für Griechen«, – in ­Zeiten massiver sozialer Not findet das immer mehr Zustimmung.

Auch an Schulen agitieren die Neonazis und ihre Unterstützer, verbreiten Propagandamaterial mit falschen Geschichtsbildern. Die griechische Antike wird platt idealisiert – und wird herangezogen, um den Hellenen ein Überlegenheitsgefühl zu vermitteln. Da Griechen ohnehin stolz auf ihre Vergangenheit sind, trifft das auf einen ausgeprägten Nährboden. Vor allem, weil sich das Volk vom Sparprogramm der EU und des IWF gedemütigt fühlt.

Die Regierungskoalition aus Konservativen, Sozialisten und Demokratischer Linker ist ebenso alarmiert wie die orthodoxe Kirche. Der Metropolit der Hafenstadt Piräus, Serafim, warnte kürzlich öffentlich vor der »Goldenen Morgendämmerung«. Er charakterisierte sie als heidnische Bewegung – in der Tat geben einige der Neonazis an, dem alten griechischen Zwölf-Götter-Pantheon zu huldigen.

Premierminister Antonis Samaras wiederum will ein neues Anti-Rassismus-Gesetz durchboxen, das viele der Aussagen und Taten von Mitgliedern der »Goldenen Morgendämmerung« unter Strafe stellen würde. Aber ausgerechnet die Kirche und die Beamtenschaft protestiert gegen einzelne Passagen des Entwurfs. Bleibt zu hoffen, dass hier schnell eine wirksame Lösung gefunden wird. Denn das Erstarken der Neonazis ist für das Geburtsland der Demokratie ein weiteres Armutszeugnis. Aber Demokratie wird von vielen Griechen mittlerweile mit Korruption und Klientelwirtschaft gleichgesetzt. Auch in Brüssel und Berlin, wo das Sparpaket mitgeschnürt wurde, hätte klar sein müssen, dass auf eine wirtschaftliche Krise stets eine politische folgen kann, die extremistischen Kräften Auftrieb verleiht. In Griechenland ist das jetzt der Fall.

Giorgio Tzimurtas

Protestantisch am Fuße der Akropolis

9. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Griechenland: Seit 175 Jahren gibt es die deutschsprachige evangelische Kirche in Athen

Von einer deutschstämmigen Königin gegründet, wurde die evangelische Gemeinde zum Ausgangspunkt ­protestantischer ­Präsenz im ­orthodoxen ­Griechenland.

In Griechenland gibt es nicht nur orthodoxe Christen: Die Evangelische Kirche Deutscher Sprache am Fuße der Akropolis feiert vom 13. bis 15. Oktober ihren 175. Geburtstag. Ein bemerkenswertes Ereignis, denn protestantisches Leben ist im orthodoxen Mutterland bis heute keine Selbstverständlichkeit.

Symbol antiker griechischer Kultur, die Europa prägte: die Akropolis von Athen mit ihren Tempelanlagen. Ursprünglich bedeutete Akropolis so viel wie ­Burgberg und gehörte zu jeder antiken griechischen Stadt. Foto: epd-bild

Symbol antiker griechischer Kultur, die Europa prägte: die Akropolis von Athen mit ihren Tempelanlagen. Ursprünglich bedeutete Akropolis so viel wie ­Burgberg und gehörte zu jeder antiken griechischen Stadt. Foto: epd-bild

Nur geschätzte 30000 von elf Millionen Griechen zählen sich zum evangelischen Glauben. Mittelpunkt ist die Christuskirche im Athener Nobelviertel Kolonáki, in den 30er-Jahren die »Deutsche Kolonie«. Die Gemeinde versteht sich als »Brückenbauer zwischen Protestantismus und Orthodoxie, zwischen Deutschland und Griechenland«, sagt Pfarrer René Lammer. Und das gelte angesichts der angespannten deutsch-griechischen Beziehung derzeit besonders, urteilt er und wirbt für stärkeren Schuldenerlass und »mehr Verständnis für die griechische Situation«.

Die »Evangelische Kirche Deutscher Sprache in Griechenland« ist so etwas wie die Mutter des griechischen Protestantismus: 1837 heiratete der aus dem bayrischen Königshaus Wittelsbach stammende erste griechische König der Neuzeit, Otto I., die oldenburgische Prinzessin Amalie. Und die war lutherisch und brachte einen evangelischen Hofprediger und Beichtvater mit. Fortan wurde evangelischer Gottesdienst in der Kapelle im Athener Stadtschloss gefeiert. Das Schloss am zentralen Syntagma-Platz ist neben der Akropolis heute wohl der bekannteste Ort in Athen, denn es ist seit 1934 Sitz des Parlaments.

Amalie ist bis heute der protestantische Star in Griechenland. Sie trägt den Spitznamen »die Schöne«, denn sie sei die »hübscheste Königin des Landes« gewesen, heißt es. Ihr freizügiger Kleidungsstil setzte Trends, war für viele Frauen ein Zeichen der Emanzipation – und in den Gebieten Griechenlands, die noch zum Osmanischen Reich gehörten, auch der Provokation.

Nach ihr sind Städte benannt – Amaliada und Amaliapoli – sowie eine Hauptverkehrsstraße im Zentrum Athens, die »Leofóros Basilísis Amalías«, die Königin-Amalie-Allee. Ihre Residenz nördlich der »Plaka«, der Altstadt, ist heute das Stadtmuseum, das gerade grundsaniert wird.

Auch heute wird die deutschsprachige Gemeinde wesentlich von Frauen getragen, die mit ihren griechischen Männern von Deutschland nach Athen gezogen sind. »Sozialarbeit ist ein wesentlicher Eckpfeiler unserer Gemeinde«, sagt Friederike Führ. Die Anwältin ist im Vorstand des Seniorenheims »Haus Koroneos«, das die Gemeinde unterhält und 40 älteren Menschen Platz und Pflege bietet. »Wir sind auf Spenden angewiesen und spüren die Wirtschaftskrise deutlich«, sagt Führ. Sie erzählt von vielen »Härtefällen«, die nach der jüngsten Rentenkürzung die Heimkosten kaum mehr aufbringen können.

Die kleine evangelische Gemeinde will mit Investitionen »Zeichen der Hoffnung« setzen, sagt Pfarrer René Lammer. Auf dem Dach der Kirche ist in diesen Tagen eine Photovoltaikanlage installiert worden. Eine weitere auf dem Gemeindehaus wird folgen, griechische Unternehmen sind beauftragt.

Bemerkenswert ist die Christuskirche ohnehin schon: Erbaut zwischen 1931 und 1934 gilt sie als seltenes Exemplar sakraler Bauhaus-Architektur. Sie besitzt die größte Kirchenorgel Griechenlands. Ein wandgroßes Glasfenster zeigt zentrale Geschichten der Bibel wie die große Missionsrede des Apostel Paulus auf dem Marktplatz von Athen.

In der Vier-Millionen-Metropole Athen finden sich noch weitere evangelische Kirchen, darunter eine armenisch-evangelische und etliche pfingstlerische. An den Touristenwegen zur Akropolis liegt die »Evangeliki Ekklisía«. Gegenüber des antiken Hadrian-Tors an der Königin-Amalie-Allee versammeln sich hier jeden Sonntag die griechischsprachigen Protestanten.

Die reformiert geprägte Gemeinde sieht sich in der Linie des griechischen Bibelauslegers Mihail Kalapothakis. Der publizierte 1858 das evangelische Magazin »Astir tis Anatolis« (Stern des Ostens), das bis heute erscheint. Die Gemeinde ist wie auch die deutschsprachige offiziell nur ein Verein. Denn die griechische Verfassung erkennt bis heute – mit allen steuerlichen Vor-
teilen – nur die orthodoxe Kirche als Kirche an.

Joachim Gerhardt (epd)

Reisetipp: Die evangelische Gemeinde bietet an der Christuskirche mitten in Athen gegen eine kleine Spende in der ­alten Küsterwohnung einfache, aber gute Übernachtungsmöglichkeiten an (Doppelzimmer, dazu Küche und Dusche). Zur U-Bahn 10 Min., zu Altstadt und Akropolis 25 Min. Zu Fuß.

Griechische Weihnacht: Fest ohne Hoffnung

16. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Mildes Wetter, dennoch harte Zeiten – immer mehr Hellenen kehren ihrer Heimat den Rücken zu

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis


Die Krise in Griechenland wird immer drastischer. Die Wirtschaft liegt brach. Angesichts der Perspektivlosigkeit denken viele Menschen
an Auswanderung – nicht nur die ganz jungen.

Das Wetter ist mild. In den letzten Tagen vor Weihnachten ist das ungewöhnlich für Nordgriechenland. Die Bewohner sind zu dieser Jahreszeit einen rauen Seewind gewohnt. Vor allem in der Hafenstadt Thessaloniki tobt er sich aus. Ganz ­anders in diesem Jahr: Bei angenehmen 13 Grad und Sonnenschein herrscht dichtes Gedränge in der Innenstadt.

Die Massen ziehen an den Schaufenstern entlang, trotz der Krisen­situation herrscht in der Millionenmetropole noch Kauflaune – so als wolle man sich und seinen Liebsten ein letztes Mal etwas gönnen. Dennoch: Von einem regen Konsum vor dem Fest kann allerdings keine Rede sein. Etliche Beschäftigte warten seit Monaten auf ihre Bezahlung. Andere mussten Gehaltskürzungen von mehreren Hundert Euro hinnehmen. Oder sie waren vom massiven Stellenabbau in ihrer Firma betroffen. Wer noch regelmäßig rund 1200 Euro im Monat bekommt, kann sich glücklich schätzen. Die Lebenshaltungskosten sind denen in Deutschland vergleichbar.

»Ausverkauf« – Vorzeichen für kältere Tage

 
Dass die Zeiten sich radikal geändert haben, tritt auch in der City von ­Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, deutlich zutage. Geschäftsleute klagen über einbrechende Umsätze. An beinah allen Läden gibt es Schilder, die mit Extrem-Rabatten locken. Preisnachlässe bis zu 50 Prozent sind die Regel. Bargeld muss dringend in die Kassen. Auch solche Hinweise sind zuhauf ausgehängt: »Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe« oder »Zu vermieten«. Täglich mehren sich diese Ankündigungen.

Vorzeichen kälterer Tage, Zeiten sozialer Härte. Weihnachten ist in Griechenland in diesem Jahr ein Fest ohne Hoffnung. Für die elf Millionen Hellenen, die zu 98 Prozent orthodox sind, ist es eine notwendige Auszeit vor den massiven Sorgen des Alltags. Die Angst vor Jobverlust, sozialem Abstieg und anhaltender Perspektiv­losigkeit geht um. Viele sehen eine Chance nur noch im Auswandern, auch wenn sie schon ein gesetzteres Alter erreicht haben.

Zu ihnen gehört der 46-jährige ­Kriton Grigoriou. Sein Ziel lautet: Melbourne in Australien. »Ich habe ein Touristenvisum für den Sommer, werde bei einem Verwandten wohnen und mich nach Arbeit umsehen«, berichtet er nüchtern. Die Lage in Griechenland sei »sehr schlecht« – und Aussicht auf zügige Besserung gebe es nicht.

Grigoriou hat in den USA und in England studiert. Sport und Tourismus-Management. Lange hat er in ­einem Reiseunternehmen gearbeitet, dann wurde ihm infolge der Krise gekündigt. Er schlug sich als Aufseher im Byzantinischen Museum von Thessaloniki durch, doch seit einem Monat ist er wieder arbeitslos. »Ein halbes Jahr lang erhalte ich den Einheitssatz von 450 Euro staatlicher Unterstützung«, sagt er.
Die Arbeitslosenhilfe ist in Griechenland zeitlich nach der Beschäftigungsdauer gestaffelt. Maximal wird sie ein Jahr lang gezahlt. Danach fallen viele ins Bodenlose. Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht.

Grigoriou sieht in der Übersiedlung auf den fünften Kontinent seine einzige Möglichkeit, wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. Die Zeit drängt. Er erklärt: »Einwandern kann man in Australien nur bis zum 50. Lebensjahr. Vorausgesetzt, dass man einen Beruf hat, bei dem Nachfrage besteht.« Das gelte besonders für Ärzte, Mechaniker, Pflegekräfte und eben Tourismus-Experten. Mulmig sei ihm schon zumute angesichts des Wechsels in eine neue Welt. Doch immerhin spricht er fließend Englisch und hat seine berufliche Ausbildung im angelsächsischen Ausland absolviert.

Heute gehen Fachkräfte – morgen fehlen sie dem Land

 
Der Abzug von Fachkräften – er könnte die Lage in Griechenland ­verschlimmern. Grigoriou weiß allein aus seinem Freundeskreis von vier Personen, die ihr Glück in einem anderen EU-Land suchen wollen. Der Tourismus gilt zwar als jene Branche, in der Griechenland gute Entwicklungschancen hat. Doch Grigoriou, der vom Fach ist, sagt entnervt: »Ich habe allein im letzten Jahr 250 Bewerbungen geschrieben und keine einzige Antwort erhalten.«

Die Wirtschaft liegt am Boden. Und viele befürchten, dass es wegen der Sparauflagen der Regierung noch schlimmer wird. Loukas Papademos, neuer parteiloser Regierungschef, musste als ersten Akt seiner Amtszeit per Unterschrift ein Bekenntnis zum Konsolidierungskurs des Landes abgeben – Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte es gefordert. Auch von den Chefs der Koalitionsparteien, den ­Vorsitzenden der Sozialisten, Konservativen und Rechtspopulisten. Die Schreiben galten als eine der Voraussetzungen für weitere EU-Hilfen.

In Griechenland teilen sich die Meinungen über den Einfluss und die Kontrolle der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) über den Haushalt des Landes. Viele sprechen auch von einer zu großen deutschen Dominanz. Andere wiederum sehen gerade in der EU-Führungsrolle Deutschlands die einzige Rettung – nicht nur für das eigene Land. Kriton Grigoriou ist dieser Auffassung: »Die Nachrichten überstürzen sich. Man weiß nicht mehr, was man glauben soll und kann. Fest steht: Ich bin für ein vereintes Europa.« Wie sich die Lage im alten Kontinent entwickelt, wird er aber aus dem fernen Australien beobachten.

Gorgio Tzimurtas

Griechenlands Gefühlslage: Keine Luft mehr zum Atmen

12. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Giorgio Tzimurtas ­berichtet  für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Giorgio Tzimurtas ­berichtet für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Es herrscht die große Depression in Griechenland – wirtschaftlich und psychologisch. Geschäfte gehen Pleite, in der Bevölkerung machen sich Angst und Verzweiflung breit. Die Sparauflagen, die das Land erfüllen muss um Kredite vom Hilfsprogramm der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erhalten, sind hart. Und sie werden als erbarmungslos empfunden, weil sie Opfer verlangen, ohne eine Zukunftsperspektive zu bieten. Der Konsum wird abgewürgt, für staatliche Investitionen ist kein Raum. Es droht das Kaputtsparen.

Keine Luft zum Atmen – so ist die Gefühlslage unter den Menschen. Viele von Ihnen gehen zur Arbeit, obwohl sie seit Monaten nicht bezahlt werden. Rentner müssen herbe Einschnitte verkraften. »Es trifft die Falschen. Es trifft einseitig die Schwachen«, hört man immer wieder. Und trotz aller Lähmung im Krisenschock – auch Wut kommt auf. Immer mehr Angehörige der Mittelschicht gehen auf die Straße, um zu demonstrieren. Ihr Vorwurf an die sozialistische Regierung unter Giorgos Papandreou: Die einst durch das marode System Privilegierten werden weiter begünstigt, die Redlichen aber geschröpft.

Auch gegen die EU und den IWF richtet sich ein ausgeprägter Groll. Die Gewissheit ist verbreitet, dass sich das Hilfspaket zu sehr nach den Kategorien Schuld und Sühne ausrichtet – und keine nachhaltige Rettung ermöglicht. Dass sie viel zu lange sehr weit über ihre Verhältnisse gelebt ­haben, dass dies zum Kollaps führen musste – diese Einsicht verbreitet sich, nach anfänglicher Abwehrhaltung, unter den Hellenen. Doch der EU und dem IWF werfen sie vor, beim Schnüren des Hilfspakets vor allem in ­Richtung Finanzmärkte geschaut zu haben. Um sie zu beruhigen, seien Sparpläne entworfen worden, die letztlich das Land wieder in Richtung Ruin drängen können. Verschlimmert habe sich die Lage, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder gezaudert habe – aus innenpolitischen Gründen. Mit dem Effekt, dass ­Spekulanten weiter auf die hellenische Staatspleite wetten konnten.

Dennoch: Wenn Straßenschlachten in Athen zwischen Demonstranten und Polizei weltweit in den Nachrichten zu sehen sind, dann geben sie einen falschen Eindruck wieder. Griechenland versinkt nicht im Chaos der Gewalt. Es sind radikale Gruppen, die um die Macht der Bilder in den Medien wissen. Sie nutzen die Situation. Der Staat soll als hilflos dargestellt werden, im Ausland soll sich die öffentliche Meinung gegen Griechenland richten. Das Ziel der randalierenden Radikalen lautet: Umsturz.

Für Griechenland ist eine Rettung möglich, wenn das zweite Hilfspaket auf lange Sicht angelegt wird, die Schuldenlast erträglich bleibt. Und ohne eine gleichzeitige Reform staatlicher Strukturen sowie einer effektiveren Steuerbehörde wird es nicht gehen.

Giorgio Tzimurtas

Im Schatten der Finanztragödie

4. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Griechenland: Ein Land vor dem fiskalischen Kollaps – Widerstand gegen Sparpaket – auch die Kirche unter Druck

Trauriges Osterfest: Die Griechen sollen sparen und mehr Steuern zahlen. Doch dagegen wehren sich alle – auch die Kirchen.

Lautstarker Protest: Demonstranten in Thessaloniki geben anlässlich des Nationalfeiertages ihrem Unmut gegen die Sparpläne Ausdruck. Foto: Giorgio Tzimurtas

Lautstarker Protest: Demonstranten in Thessaloniki geben anlässlich des Nationalfeiertages ihrem Unmut gegen die Sparpläne Ausdruck. Foto: Giorgio Tzimurtas

Die Emotionen kochen hoch. »Die Kapitalisten sollen für die Krise zahlen«, skandieren linksgerichtete Protestler in der nordgriechischen Hafenmetropole Thessaloniki. Sie sind zu Hunderten gekommen, strecken die Fäuste aus. Zwei weitere Gruppen, Vertreter von Gewerkschaften der Lehrer und Krankenhausärzte, fordern auf ihren Transparenten von der Regierung: »Nehmt die Sparpläne zurück«. Die Demonstranten stimmen in einen gemeinsamen Sprechchor ein: »Geld für Bildung, Geld für Gesundheit. Nicht für Waffen, nicht für die Reichen«.

Mit ihren Stimmen kämpfen sie gegen Lautsprecher an, die die gesperrte Schnellstraße am Meeresufer mit Marschmusik beschallen. Es ist der 25. März, der griechische Nationalfeiertag. Wie überall im Land paradieren auch in der Millionenstadt Thessaloniki Schüler- und Trachtengruppen sowie Militär- und Veteraneneinheiten auf einer Strecke von mehreren ­Kilometern. Die lautstarken Demonstranten am Ort des traditionellen ­Massenspektakels verdeutlichen: Die Feier der nationalen Einheit und Freiheit, die historisch sowie kalendarisch eng mit dem Osterfest verbunden ist, wird in diesem Jahr von der griechischen Finanztragödie überschattet.

Das Land hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt droht der Bankrott. Der Staat hat Schulden in Höhe von 300 Milliarden Euro angehäuft. Pro Kopf der Bevölkerung sind das rund 27000 Euro. (Im Vergleich: In Deutschland beträgt die Staatsverschuldung pro Kopf nach Angaben des Bundes der Steuerzahler derzeit rund 20650 Euro.)

Die Kassen sind leer. Die Gründe dafür vielfältig: Ob konservative oder sozialistische Partei – wer an der Macht war, blähte die öffentliche Verwaltung immer weiter auf. Jeder zehnte der rund elf Millionen Griechen ist im Staatsdienst tätig. Die ­Situation verschärfte sich durch laxe Bestimmungen zum Renteneintrittsalter und ganz besonders durch die ausufernde Schattenwirtschaft. Ihr Volumen beläuft sich nach Expertenschätzungen auf 65 Milliarden Euro. Korruption, vor allem im Gesundheitswesen, gehört zur Tagesordnung. Mangelnde Kontrollen bei den Angaben zur Einkommenssteuer ermunterten zur massenhaften Steuerhinterziehung. Das Haushaltsdefizit beträgt dramatische 12,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Nach den Stabilitätskriterien des Euro darf es nur bei drei Prozent liegen.

Gefälschte Statistiken und hinterzogene Steuern

Griechenland hatte sich 2002 mit gefälschten Statistiken die Aufnahme in die europäische Gemeinschaftswährung erschummelt. Die EU-Kommission kniff lange beide Augen zu. Erst kurz vor dem Kollaps regte sich Brüssel. Die sozialistische Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou musste ein erstes Sparprogramm noch einmal nachbessern.

Die Grundzüge: Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent, Anhebung der Steuern auf Einkommen und Immobilien, Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Einfrieren der Renten und Staatsgehälter. Bis 2011 will Athen das Haushaltsdefizit auf 8,9 Prozent drücken.

Allerdings: Der Widerstand im Land ist erheblich. Vor allem linke ­Gewerkschaften machen lautstark Druck, drohen immer wieder aufs Neue mit Streiks. Ihre Argumente: Die Maßnahmen der Regierung treffen die Falschen. Statt der Wohlhabenden würden vor allem die unteren und mittleren Einkommensempfänger belastet. Jene, die zuvor brav ihre Steuern gezahlt hätten. Außerdem werde der Konsum abgewürgt, die Wirtschaft trocken gelegt. Eine Befürchtung, die in der gesamten Bevölkerung weitverbreitet ist.

Sollte sich diese Sorge bewahrheiten, droht auch ein Einbruch der Exporte der anderen EU-Länder in Richtung Ägäis. Besonders jener aus Deutschland, dem Haupthandelspartner der Hellenen. Umso mehr zeigen sich die Griechen enttäuscht über das lange Gezerre für eine EU-Lösung zur Bewältigung der Krise – und über die Welle der Empörung, die sich über die griechischen Verhältnisse ausbreitet.

Auch die Kirche soll sich finanziell mitbeteiligen
Nach dem Brüsseler Gipfelbeschluss vom Abend des 25. März steht fest: Hilfe der Euro-Länder gibt es nur im äußersten Notfall, als »Ultima Ratio«, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es durchsetzte. Und: Der Beschluss muss einstimmig sein. Die Rettungskredite sollen gemeinsam mit dem ­Internationalen Währungsfonds (IWF) vergeben werden, zu Preisen des Kapitalmarktes.

Regierungschef Papandreou zeigte sich erleichtert. Doch: Da seit Jahrzehnten Zukunftsinvestitionen ausgeblieben sind und ein neuer Aufschwung nicht in Sicht ist, droht ­weiterhin die totale Pleite. In diesem Fall, so lautet eine gängige Meinung, komme es zum Ausverkauf des Landes, was im Interesse bestimmter Wirtschaftskreise in der EU und in den USA sei: Eine Verschwörungstheorie als Verdrängungsmechanismus für die Selbstverschuldung der Misere.

Papandreou trifft derweil nicht nur auf den Widerstand der Gewerkschaften, sondern auch der orthodoxen Kirche. Sie wehrt sich gegen eine Sonderbesteuerung. Kirchenoberhaupt Hieronymus fordert die Regierung zum Dialog über »gerechte« neue fiskalische Belastungen auf. Unterstützung in der Bevölkerung hat er hierfür wiederum kaum. Viele Griechen sehen die Kirche – sie ist nach dem Staat der zweitgrößte Grundbesitzer des Landes – in der Pflicht. Vor wenigen Tagen versammelten sich Demonstranten vor der Panagouda-Kirche in Thessaloniki. Auf einem ihrer Plakate stand: »Christus hätte alles gegeben.«

Giorgio Tzimurtas