»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Verheiratet nach ganz Europa

12. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal geht es um die Hochzeitspolitik der Ernestiner.

Der Titel der kommenden Landesausstellung »Eine Dynastie prägt Europa« ist beileibe nicht medientauglich übertrieben. Mit geschickt eingefädelten Vermählungen von ernestinischen Prinzen und Prinzessinnen an die großen Höfe Europas trugen die von progressiver Geisteshaltung geprägten Ernestiner wesentlich zur Entwicklung des heutigen Europas bei. Zwei von vielen Beispielen solcher Eheschließungen:

Ein im April 1894 entstandenes Foto auf dem Coburger Schloss Ehrenburg, das zum Herrschaftsbereich des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha gehörte, zeigt den gesamten europäischen Hochadel in festlicher Pose vereint. Das Bild, auf dem auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der spätere Zar Nikolaus II. zu sehen sind, dokumentiert einen bedeutenden Anlass: die Hochzeit eines Enkels der englischen Königin Victoria. Franken, Thüringen, Deutschland, Großbritannien, Irland, Russland – lief da etwas aus dem familiären Ruder? Nein! Diese Fürstenhochzeit belegte einmal mehr die sehr bewusst gehandhabte Heirats­politik der Ernestiner, dank welcher Verbindungen zu Höfen in ganz Europa entstanden. Initiatorin der wohl bis heute ebenso populären wie spektakulären Verbandelungen war Herzogin Auguste Caroline Sophie. Sie verheiratete ihre Tochter Juliane nach Russland und Victoria nach England. Mehrfach gehörten Deutsche zu den Regenten des Königreiches England. Der Gothaer Prinz Albert – eine riesige Veranstaltungshalle in London ist nach ihm benannt – gehört dazu wie auch zahlreiche Nachkommen aus seiner Ehe mit Königin Victoria. Bis in unsere Zeit ist die prominenteste Repräsentantin der Monarchie, Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, eine Ernestinerin. Zu den »Windsors« wurde der britisch-ernestinische Zweig erst nach der Umbenennung durch den Großvater der heutigen Königin Elisabeth II. im Weltkriegsjahr 1917. So nimmt es denn nicht Wunder, dass das schön anzuschauende Bildnis der aus Gotha stammenden englischen Königin Victoria (1819–1901) den werbenden Hintergrund für den Ausstellungsort Gotha der kommenden Landesausstellung bildet. Und mit eben diesen traditionsreichen Verbindungen zwischen Gotha und der Insel versteht man auch, warum Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch nicht müde wird, die Queen in seine Stadt zu bekommen – eine erste kurze Begegnung der beiden gab es im vorigen Jahr in Berlin …

Eine im europäischen Sinne durchaus spektakuläre Hochzeit wurde im November 1804 in Weimar 20 Tage lang gefeiert. Es war die Ehe zwischen Erbprinz Carl Friedrich und der russischen Zarentochter Maria Pawlowna. »Die Festivitäten sind nun zu Ende, und wir treten wieder allmählich in unser gewöhnliches Philisterleben zurück. Außer einem Katarrh, den ich mir geholt, bin ich ganz leidlich weggekommen, welches ich kaum erwarten konnte, da man sich bei solchen Gelegenheiten niemals schonen kann« , resümierte Schiller in einem Brief an Freund Körner, was am Nachmittag des 9. November 1804, einen Tag vor Friedrich Schillers Geburtstag, begonnen hatte und Weimar kopfstehen ließ: Nach vierwöchiger Reise mit einer ausgesprochen komfortablen Kutsche rollte von St. Petersburg her – vom Volk begeistert empfangen – die Enkelin Katharinas der Großen und Tochter des Zaren Paul und der aus dem Hause Württemberg stammenden Maria Fjodo­rowna, der Schwester der Zaren Ale­xander und Nikolaus, die Großfürstin von Russland, Maria Pawlowna, in das kleine Weimar ein. Neben der gerade Achtzehnjährigen saß der Erbprinz und spätere Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Friedrich, ihr frisch vermählter Ehemann. Im Fourierbuch des weimarischen Hofes steht unter diesem Tag u. a.: »Der Empfang geschahe von dem gesammten Hof und sämtl. Wirkl. Räthen u. Assessoren der Landes-Collegien an der untersten Treppe im Schloß.« Verteilt auf 80 Planwagen, war zuvor schon die Aussteuer der jungen Frau samt Ausstattung für ihren Mann eingetroffen. Auf den Einzug folgten zwanzig Tage lang Bälle, Feuerwerk, Illumination, Musik, Komödie und dergleichen mehr. Das Festlichste an allem aber war für Schiller »die aufrichtige, allgemeine Freude über unsre neue Prinzessin, an der wir in der Tat eine unschätzbare Akquisition gemacht haben«.

Schon bald nach dem prächtigen Einzug war allenthalben zu spüren, wie segensreich sich der vom Freiherrn Wilhelm von Wolzogen äußerst diplomatisch eingefädelte Coup auf das Herzogtum auswirkte. Finanziert auch mit stattlichen Summen aus der Privatschatulle, förderte Maria Pawlowna, so wie es vor ihr Anna Amalia getan hatte, die Künste, die Wissenschaft und die Bildung. Die von ihr nach Weimar geholten Musiker und Komponisten Hummel, Liszt und Wagner stehen stellvertretend für viele andere, die das so genannte »Silberne Zeitalter« der Stadt begründeten. Indem sie im Schloss Memorialräume für Goethe, Schiller und andere Dichter aus Weimars »Goldenem Zeitalter« einrichten ließ, legte sie das Fundament für den bis heute wirkenden »Mythos Weimar«. An Maria Pawlowna erinnert auf dem Historischen Friedhof von Weimar die von Zwiebeltürmen gekrönte russisch-orthodoxe Grabkapelle.

Heinz Stade

Fehlt ein Aufschrei?

27. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulturwandel: Früher waren Rüstzeitheime Selbstläufer – heute müssen sie um ihre Existenz kämpfen

So manches christliche Gästehaus wurde in den vergangenen Jahren geschlossen. Darunter selbst renommierte Einrichtungen. Wo liegen die Ursachen? Der Versuch einer Umschau.

Es war ein richtiger kleiner Bauboom, der da in den letzten drei Jahrzehnten der DDR ausbrach. Hin und her im Lande wurden ungenutzte Pfarrhäuser oder Pfarrscheunen zu Begegnungsstätten und Übernachtungsherbergen ausgebaut. In ihnen traf man sich nicht wie heute zu Freizeiten, denn über die organisierte Freizeitgestaltung beanspruchten Staat, Schule und gesellschaftliche Gruppen die Hoheit. Christen trafen sich zur Zurüstung im Glauben, zu »Rüstzeiten«. Besonders für Jugendgruppen war der Bedarf enorm.

Ob Großhettstedt bei Stadtilm, Bad Berka, Großbreitenbach, Gotha-Siebleben oder Zethlingen in der Altmark: In beachtlicher Eigenleistung – und oft mit Hilfe der Patengemeinden im »Westen« – entstanden Schlafräume, eine kleine Küche, ein Gruppenraum. Der Standard war zumeist bescheiden. Getrennte Waschräume mit Waschbecken, vielleicht sogar mit einem Gasdurchlauferhitzer für warmes Wasser, waren schon schierer Luxus. Eine Tischtennisplatte und zwei feste Pfosten im Pfarrgarten, an denen der Jugendwart das selbst mitgebrachte Volleyballnetz spannen konnte, markierten gehobene Ausstattung. Betten und Bettzeug stammten oft von »Dachbodenspenden«. Wachte man nachts auf, hatten sich die Bettfedern links und rechts zu einem festen Wall verklumpt, während man oben in der Mitte fror …

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Freilich gab es auch bessere Häuser. Die Wartezeiten betrugen dann aber, besonders in den Ferienzeiten oder zu Ostern, Pfingsten und Silvester oft Jahre. Und für eine Rüstzeit einen Termin in einem Haus mitten auf der Insel Rügen zu bekommen, war trotz kilometerweiter Wege bis zum Strand wie ein Fünfer im Lotto.

Dennoch – für Tausende Jugendliche wurden die Tage in den Rüstzeitheimen zu prägenden Erlebnissen, zu Zeiten der Glaubensstärkung, zur bescheidenen Freiheitserfahrung im gegängelten Lebensrhythmus. »Noch heute kommen manchmal Leute vorbei und berichten begeistert davon, dass sie in unserer ausgebauten Pfarrscheune bei Rüstzeiten dabei waren, berichtet etwa Pfarrer Ulrich Matthias Spengler aus Bad Berka.

Das dortige Haus wurde, wie viele andere, schon bald nach der Wende geschlossen. Zu hoch wären die Investitionskosten für eine zeitgemäße Sanitäranlage oder für eine energetische Sanierung, für die Erfüllung von Hygieneauflagen gewesen.

Doch das Sterben der inzwischen in Freizeit- und Tagungshäuser »umgelabelten« Etablissements geht weiter. Auch bekannte Häuser innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mussten in den vergangenen Jahren schließen. Erinnert sei an den Lutherpark in Erfurt oder das in Toplage Weimars untergebrachte Hedwig-Pfeiffer-Haus. Um manches weitere Heim schwirren Alarmmeldungen, sei es das Freizeit- und Tagungsheim Schönburg bei Naumburg oder die Evangelische Jugendbildungsstätte Neulandhaus in Eisenach.

»Wo bleibt der Aufschrei unserer Gemeinden?«, fragt angesichts der Lage Gerhard Bemm vom Förderverein Evangelische Tagungs- und Freizeithäuser in Magdeburg. Für ihn ergibt sich derzeit der Eindruck, dass sich die Träger der Häuser und die Landeskirche insgesamt langsam aus der »langjährig praktizierten gesamtkirchlichen Gastfreundschaft« und »der Ermöglichung der Einübung in christliche Lebensgemeinschaft bei Rüst- und Freizeiten« verabschieden.

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote  bereits staatliche  Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote bereits staatliche Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Wer sich im Lande umhört, stößt freilich zumeist auf ähnliche Probleme: Neben ins Haus stehenden teuren Umbau- und Sanierungsarbeiten, etwa wegen Brandschutzauflagen, ist es vor allem die zu niedrige Auslastung, die zu geringe Nachfrage, die den Häusern Probleme bereitet. Selbst eine gehobene und behindertengerecht ausgestattete Einrichtung wie das Evangelische Allianzhaus in Bad Blankenburg verweist auf Belegungszahlen von rund 50 Prozent bei den Zimmern und 40 Prozent bei den Betten. Bei Touristikfachleuten rangiert es damit schon in der Spitzengruppe Thüringer Beherbergungsstätten in ländlichen Regionen. Den Betreibern stehen dennoch Sorgenfalten im Gesicht.

Die Zeiten haben sich geändert, die Welt steht offen. Entsprechend hat sich auch das Freizeitverhalten angepasst. »Wer für Jugendliche ein Beach-Camp anbietet, kann schon kaum noch mit dem Ostseestrand locken«, weiß etwa Christiane Hildebrandt zu berichten, die beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Sachsen-Anhalt das Freizeitenprogramm betreut.

Auch bei Erwachsenen sind die Ansprüche an den Standard eines Gästehauses heute deutlich höher, sagt Martina Klein. Sie ist als Oberkirchenrätin für die Bildungsarbeit in der EKM zuständig und beklagt unter anderem auch, dass etwa die Fortbildungen kirchlicher Träger deutlich weniger geworden sind, und zugleich bei entsprechenden Angeboten die Verweildauer in den Tagungshäusern kürzer ausfällt. Nach ihren Beobachtungen müssen die Freizeit- und Gästehäuser deutlich professioneller in der Leitung und vor allem in der Vermarktung auftreten: »Es kommt niemand mehr von allein in ein Haus, nur weil es in kirchlicher Trägerschaft ist.«

Weshalb die Fragen des Marketings einer der Schwerpunkte des Gesamtkonzeptes ist, das derzeit für die fünf Häuser in direkter Trägerschaft der EKM erstellt wird: für das Neulandhaus in Eisenach, das Zinzendorfhaus in Neudietendorf, das Augustinerkloster in Erfurt, Burg Bodenstein im Eichsfeld und Kloster Drübeck im Harz.

In Vorbereitung ist außerdem eine Kooperation zwischen dem Neulandhaus als Jugendbildungsstätte und der Evangelischen Akademie in Neudietendorf: Während die hauswirtschaftliche Leitung des Neulandhauses künftig vom Zinzendorfhaus aus erfolgt, sollen die bisher oft mangelhaft nachgefragten Bildungsangebote des Eisenacher Hauses auch über die Akademieschiene vermarktet werden. Und die Akademie will für eigene Jugendangebote künftig das Neulandhaus nutzen, statt in andere Häuser auszuweichen.

Dass es auch positive Zeichen gibt, zeigt beispielhaft das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen zwischen Stendal und Salzwedel. Dort haben sich die Synoden beider Kirchenkreise 2004 dafür dafür entschieden, das 1965 eingerichtete Rüstzeitheim zu erweitern und ein erlebnispädagogisches Konzept zu erstellen sowie die Finanzierung einer entsprechenden Fachkraft zu übernehmen. »Ein mutiger Schritt«, wie Martina Klein es nennt. Doch mit Erfolg: Für viele kirchliche Kindergruppen, aber auch für immer mehr Grundschulen ist das Haus Anlaufstelle. So gut wie alle Wochenenden seien ausgebucht, sagt Birgit Moll, Hausleiterin und Bildungsreferentin des Hauses. Ohne laufenden festen Zuschuss der Kirchenkreise geht es freilich nicht.

»Wir danken unsere Existenz der Einsicht der Synodalen in den Bildungsauftrag der Kirche«, bringt es die ordienierte Gemeindepädagogin Birgit Moll auf den Punkt.

Harald Krille

www.evangelische-freizeithaeuser.de

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Die Reformation im Bild

15. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Bild und Botschaft«: Ausstellung in Weimar beleuchtet das Wirken von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn

Mit der in Weimar eröffneten Schau sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig.

Gotha, Eisenach und Weimar. Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha bildete den Auftakt einer Reihe hochkarätiger Ausstellungen mit Werken des Malers Lucas Cranach des Älteren (1472–1553). Die Wartburg in Eisenach setzte fort. Mit der am 3. April im Weimarer Schillermuseum eröffneten Präsentation »Cranach in Weimar« sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig. Sie alle drei lenken den Blick auf den Zusammenhang zwischen der Cranach-Werkstatt und der Reformation. Die Schau in Weimar zeichnet Biografie, Werk und Wirkung von Lucas Cranach dem Älteren und dessen Sohn Lucas Cranach des Jüngeren (1515–1586) nach. In Weimar verbrachte Lukas Cranach der Ältere sein letztes Lebensjahr. Er starb 1553, sieben Jahre nach dem Tod Martin Luthers. Das bekannteste Meisterwerk aus der Cranach-Werkstatt ist der 1555 vollendete Flügelaltar in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Dieses Hauptwerk reformatorischer Bildkunst ist das wichtigste Exponat der Ausstellung. Es ist eigentlich außerhalb des Museums in der Stadtkirche zu besichtigen und – eine besondere Attraktion – digital in die Ausstellung einbezogen. Denn während der Flügelaltar in der Kirche eher aus der Ferne zu betrachten ist, bringt ihn eine Medieninstallation dem Auge ganz nah. Per Fingerdruck auf dem Computer kann jedes einzelne Bilddetail vergrößert und genauestens betrachtet werden. Ein museumspädagogisches Element, das eine Art der Begegnung mit dem Kunstwerk gestattet, wie sie vor dem Original in der Kirche nicht möglich ist.

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die Schau präsentiert 150 Werke der Cranachs sowie zahlreicher Zeitgenossen, darunter Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, illustrierte Bücher, Archivalien und Medaillen. Die Exponate vermitteln einen Eindruck von dem umfangreichen Cranachschen Œuvre an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit sowie von dessen Wirkungsgeschichte bis in die Moderne. Weltweit soll es etwa 5 000 Arbeiten des Hofmalers geben, eine Zahl, die auf die immense Produktivität der Cranach-Werkstatt schließen lässt. Neben den Beständen der Klassik Stiftung Weimar bereichern Leihgaben aus internationalen Museen die Ausstellung. Zu ihnen zählen die Bildnisse Tizians von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Museo Nacional del Padro Madrid ebenso wie das Porträt, das Lucas Cranach der Jüngere von seinem Vater schuf und das heute in den Uffizien in Florenz hängt.

Der Rundgang im Schillermuseum beginnt mit dem Kapitel »Werk und Künstler«, es vereint Arbeiten von Vater und Sohn am letzten gemeinsamen Wirkungsort Weimar. Gezeigt wird beispielsweise ein Gemälde, das ein zentrales reformatorisches Thema aufgreift: »Gesetz und Gnade«. Die Darstellung verbildlicht die lutherische Rechtfertigungslehre, nach welcher der Mensch nur durch Gottes Gnade Erlösung findet. Im zweiten Kapitel »Glaube und Reformator« wird die Cranach-Werkstatt im Dienst der Reformation und ihrer Protagonisten beleuchtet. Bildmotive wie »Christus und die Ehebrecherin« oder die Segnung von Kindern weisen darauf hin, dass Bilder dazu dienten, theologische Inhalte anschaulich und einprägsam darzustellen.

Das große Thema »Botschaft und Auftraggeber«, welches sich dem Wirken der Cranachs am Hof Johann Friedrichs des Großmütigen widmet, korrespondiert mit der Ausstellung in Gotha zu Cranach im Dienst von Hof und Reformation. Dargestellt werden Hof und Hofhaltung Johann Friedrichs, dessen Kampf auf der Seite des Schmal­kaldischen Bundes 1547 mit einer Niederlage und mit der Gefangenschaft einherging und den Verlust der Kurwürde sowie großer Teile seiner Territorien zur Folge hatte.

Das letzte Kapitel »Rezeption und Betrachter« widmet sich der Wirkungsgeschichte der Cranach-Werkstatt. Erstmals werden die Wiederentdeckung Cranachs im Umfeld Goethes, die sich anschließende Rezeptionsgeschichte bis hin zum 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus beleuchtet.

Kunst und Theologie, Bild und Wort – sie korrespondieren miteinander. Der Rundgang vermittelt, wie das Zusammenspiel im Zeitalter der Reformation geklappt hat und bis heute Wirkung zeigt. Eindrucksvoll.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Cranach in Weimar« im Schillermuseum ist bis 14. Juli dienstags bis sonntag 9.30 bis 18 Uhr geöffnet.

Der »Cranach-Altar« in der Stadtkirche St. Peter und Paul – offene Kirche: montags bis sonnabends 10 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Cranach in Gotha

1. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Stadt bewahrt einen alten Bestand an Cranach-Werken auf


In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Gotha.

Wie manches im Leben der Malerfamilie Cranach ist selbst ein so wichtiges Ereignis wie die Hochzeit von Lucas Cranach der Ältere nicht eindeutig belegt. Es muss um das Jahr 1512 gewesen sein, als der damals 40-jährige Mann die Gothaerin Barbara Brengebier geheiratet hat. Eine Urkunde aus dem Jahr 1541, dem Sterbejahr von Cranachs Frau, belegt, dass sie zu Weihnachten dem Gothaer Siechenhaus 50 niederländische Gulden für Leinenhemden vermacht hat. Darin wird die Spenderin als »des seligen Gothaischen Bürgers Jobst Brengebiers Tochter« bezeichnet.

Gotha: Blick von Schloss Friedenstein auf die Altstadt mit dem Hauptmarkt und dem Rathaus. Foto: ddp images

Gotha: Blick von Schloss Friedenstein auf die Altstadt mit dem Hauptmarkt und dem Rathaus. Foto: ddp images

Völlig im Dunkeln liegt, wo sich die Ratsherrentochter und der Maler erstmals kennengelernt haben. So kann man nur spekulieren: Es könnte in Wittenberg passiert sein, wo Verwandte der Brengebiers lebten. Denkbar ist ebenso, dass sich die beiden erstmals in Gotha begegneten. Für letztere Vermutung könnte sprechen, dass Cranach mehrfach den hier lebenden Humanisten Mutianus Rufus und den eng mit Luther befreundeten Reformator Friedrich Myconius besuchte. Hätte der erste Treff in Gotha stattgefunden, dann war vielleicht das Eltern- und Geburtshaus der Brengebiers (heute Hauptmarkt 17) der dafür ausgewählte Ort. Das auf dem schönen Weg zwischen Schloss und Rathaus stehende, heute gemeinhin als »Cranach-Haus« bezeichnete stattliche Bauwerk ist allerdings ein Nachfolgebau jenes Hauses, in welchem der Ratsherr Jobst Brengebier mit seiner Familie hier einst lebte. In dem damaligen Gebäude war später auch Cranachs Tochter Ursula, die 1544 Georg Dasch heiratete, zu Hause.

Hauptwerke der Maler Lucas Cranach der Ältere und seines Sohnes Lucas sind in dem nach aufwendiger Sanierung im Herbst 2013 wiedereröffneten Herzoglichen Museum Gotha hervorragend präsentiert. Die Cranach-Sammlung umfasst heute 23 Gemälde von dem älteren wie dem jüngeren Cranach; 1945 waren es noch 40 Bilder. Sie alle waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die damalige Sowjetunion verbracht worden. Nur ein Teil davon kehrte 1955/56 zurück. Bemerkenswert an den Gothaer Cranach-Gemälden ist für den Direktor der Gothaer Stiftung Schloss Friedenstein, Professor Martin Eberle, dass es sich um einen ausgesprochen alten Bestand handelt. Fast alle Gemälde lassen sich bereits im ersten Kunstkammer­inventar von 1646 nachweisen.

Die gegenwärtig für das Cranachjahr vorbereitete Ausstellung im Herzoglichen Museum wird den Fokus auf die öffentliche Wirksamkeit der Cranach-Werkstatt im Dienste der Kurfürsten von Sachsen und der Reformation richten. Als Hofmaler oblag es Cranach, repräsentative Werke zu schaffen, die der Ausstattung kurfürstlicher Residenzen dienten oder befreundeten Fürsten geschenkt wurden. Davon werden in der Ausstellung Porträts, mythologische und biblische Historien sowie Jagd- und Turnierdarstellungen zeugen.

Andere hervorragende Kunstwerke werden belegen, dass Cranach sein Können früh in den Dienst der neuen Lehre stellte. So zeigen etwa die Bilder der Kindersegnung oder »Gesetz und Gnade« dass der Mensch, nur durch Gottes Gnade Erlösung findet.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation« im Herzoglichen Museum vom 29. März bis 19. Juli ist Montag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Schlusspunkt für »Annerose« soll dennoch ein Dankfest werden

19. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Aktion Annerose«: Finanzkürzungen, Missverständnisse, Fehler – von den vielschichtigen Ursachen des Endes einer beispielhaften Initiative

Sie war jahrzehntelang ein Musterbeispiel für die Integration von behinderten Menschen und für das Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer. Doch nun kommt das Aus. Hintergründe zum Ende der »Aktion Annerose«.

Es begann vor fast 49 Jahren mit der Veröffentlichung des Briefes einer Rollstuhlfahrerin in einer kirchlichen Zeitung. Annerose Händel aus Crimmitschau schrieb darin, wie schön es wäre, wenn auch behinderte Menschen einmal zu schönen Orten reisen und wie andere auch Urlaub machen könnten. Ihr Brief hatte Folgen, unter anderem in Thüringen. 1970 startete die »Aktion Annerose« unter dem Dach der Thüringer Diakonie ihre erste Rüst­zeit für Körperbehinderte. Annerose Händel erlebte dies selbst nicht mehr. Kurze Zeit vorher war sie verstorben.

Doch die »Aktion Annerose« wurde zu einem bahnbrechenden Modell. Das besondere dabei: Ehrenamtliche Helfer begleiteten während der Urlaubstage die Menschen mit Handicap. Sie halfen ebenso bei der Körperpflege wie beim Bummel durch die Stadt und der Überwindung allgegenwärtiger Barrieren. Bibelarbeiten gehörten zum Programm der meist acht bis zehn Tage sowie Wanderungen, Ausflüge und Besichtigungen. Das kirchliche Kurheim »Sophie« in Bad Sulza etwa war eine der Einrichtungen, in denen regelmäßig »Annerose«-Gruppen zu Gast waren.

Intergration: lange, bevor das Wort Mode wurde

Hunderte, oft auch jüngere Menschen, stellten dafür ihre Freizeit, ihren eigenen Urlaub zur Verfügung. Sie lebten die Integration von und mit Behinderten, als dieses Wort noch lange kein Modewort war. Freundschaften entstanden zwischen Behinderten wie Nichtbehinderten, die oft über Jahre hielten.

Lag vor der politischen Wende in der DDR die Organisation in den Händen des Diakonischen Werkes der Thüringer Kirche, so wurde 1991 »Aktion Annerose« zum eigenständigen Verein. Immer noch aber unter dem Dach des Diakonischen Werkes, das weiter die Sachkosten sowie die Stelle eines Geschäftsführers finanzierte. Rüstzeiten wurden nun zu Freizeiten, neue Reiseziele im Ausland bereicherten das Angebot. Was blieb, war das Netzwerk engagierter freiwilliger Helfer. Doch im Frühjahr dieses Jahres kam der Paukenschlag: »Aktion Annerose« kündigte ihren Mitarbeitern. Wenige Wochen später wurde die Auflösung des Vereins beschlossen.

Was war geschehen? Bis 2010 zahlte die Diakonie Mitteldeutschland jährlich 40 000 Euro zur Finanzierung des Büros in Gotha mit einer vollzeitlichen Geschäftsführerstelle sowie einer weiteren geringfügigen Stelle für die Buchhaltung. Hinzu kamen Mitgliedsbeiträge der zuletzt rund 160 Vereinsmitglieder und Spenden. 2010 informierte die Diakonie darüber, dass die Zuweisungen künftig um jährlich 4 000 Euro gekürzt würden, der Verein sich um alternative Finanzquellen bemühen solle. Im vergangenen Jahr kam für den Verein nach eigenen Angaben unerwartet die Mitteilung, dass die Finanzierung ganz gestrichen sei. Ein nach langen Verhandlungen bewilligter letztmaliger Zuschuss von 15 000 Euro rettete die Arbeit zunächst. Doch auch unter einer im vergangenen Jahr neu gewählten Vereinsleitung gelang es nicht, ausreichend alternative Geldgeber zu finden.

Große Enttäuschung über gestrichene Mittel

Die Enttäuschung im Land ist groß, auch das Unverständnis über die Diakonie Mitteldeutschland. Doch deren Sprecher Frieder Weigmann weist darauf hin, dass man aus der Finanzierung letztlich aus grundsätzlichen Erwägungen aussteigen musste. Denn die Diakonie ist ein Dachverband, der die Interessen seiner Mitglieder nach außen vertritt und die Arbeit koordiniert, auch einmal Sondermittel für besondere Projekte zur Verfügung stellt. Aber nicht die Arbeit vor Ort in den selbstständigen diakonischen Vereinen finanziell trägt. Die Finanzierung von »Annerose« sei eine aus der Vergangenheit überkommene Ausnahme gewesen, die aber ein Ende finden musste, schon aus Gründen der »Gerechtigkeit gegenüber anderen Mitgliedsvereinen«, so Weigmann. Zudem sei dies dem Verein schon lange mitgeteilt worden.

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel und Nils Scheil aus Gotha können es nicht fassen, dass »Aktion Annerose« für immer aufhören soll. Aus ihrer Feder stammt der untenstehenden »Nachruf«. Foto: Harald Krille

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel und Nils Scheil aus Gotha können es nicht fassen, dass »Aktion Annerose« für immer aufhören soll. Aus ihrer Feder stammt der untenstehenden »Nachruf«. Foto: Harald Krille

Ein Argument, das der langjährige »Annerose«-Geschäftsführer Mario Willing nicht gelten lassen will: Andere diakonische Einrichtungen leisteten Arbeiten, die durch öffentliche Mittel beziehungsweise Krankenkassen zu großen Teilen refinanziert würden. Freizeit- und Beratungsangebote für Behinderte aber sind freiwillige Leistungen des Landes. Die Zuschüsse, die Thüringen dennoch seit Jahren zu den Personalkosten zahlt, reichten bei Weitem nicht aus, die Arbeit zu tragen.

Strukturelle Probleme verhinderten aus Sicht des Geschäftsführers auch die Idee, durch professionelles Spenden­einwerben, neudeutsch Fundraising genannt, die Eigenfinanzierung dauerhaft zu erhöhen. Die Diakonie bezahlte dem Verein dafür als Hilfe eine vollständige Ausbildung zum Fundraiser, die Willing absolvierte. Doch: »Ich hätte in erster Linie um Geld für mein eigenes Gehalt werben müssen«, sagt Willing. Und genau dies funktioniere nicht, wie er als Erstes bei der Ausbildung lernte.

»Sie können Spenden für konkrete Projekte einwerben, die einen Anfang und ein Ende haben. Aber nicht auf Dauer für die laufenden Personalkosten«, bestätigt Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und ausgewiesener Fundraisingexperte. Diese müssten vom Verein und seinen Mitgliedern erbracht werden.

Doch zu den strukturellen Problemen kamen wohl auch noch hausgemachte. Instrumente wie eine formale Fördermitgliedschaft, über die Unterstützer mehr als die normalen 3,50 Euro monatlichen Mitgliedsbeitrag zahlen, gab es bei »Annerose« nicht.

Zudem sei schon lange klar gewesen, dass die Mittel weniger werden, aber zu einem »großen Schnitt« habe man sich nicht durchringen können, sagt etwa Kathrin Fickardt, die acht Jahre lang im Vorstand tätig war. Sehr unterschiedliche Meinungen und »persönliche Befindlichkeiten« hätten die Arbeit manchmal behindert. Und auch zu Fehlentscheidungen geführt, so Fickardt, die bei »Annerose« jahrelang die integrativen Singwochen für Kinder leitete. Dazu beigetragen habe ebenfalls, dass mit der Eingliederung des Vereins »Eltern helfen Eltern« 2005 und der »Interessenvertretung Stolperstein« 2008 sehr unterschiedliche neue Arbeitsfelder und Interessen hinzugekommen seien.

Hausgemachte Probleme und fehlende Vernetzung

Fragen muss man auch, ob der Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand, über die Landesgrenze innerhalb der EKM, genügend entwickelt war, ob es nicht an Vernetzung mit anderen Initiativen fehlte. So gibt es bereits seit etlichen Jahren in der diakonischen Einrichtung Bodelschwingh-Haus in Wolmirstedt bei Magdeburg ein Angebot mit vielen Schnittmengen zur »Aktion Annerose«. Eine »Freizeit- und Reisebörse« vermittelt dort begleitete Urlaubsreisen, Theater- und Ausstellungsbesuche sowie Einkaufshilfen für behinderte Menschen. Ebenfalls gestützt auf ein Netzwerk freiwilliger Helfer. Zunächst entstanden als Angebot für die Bewohner der eigenen Einrichtung, »wird es seit Jahren auch von einem festen Kundenkreis an Behinderten und Senioren außerhalb unserer Einrichtung genutzt«, wie die Leiterin Martina Bauer berichtet. Einen Kontakt von »Annerose« nach Wolmirstedt aber hat es nicht gegeben, die Wolmirstedter Initiative war in Gotha gänzlich unbekannt.

Dennoch: Am Ende soll die Dankbarkeit stehen

Vieles kann und wird also weitergehen. Wenn auch anders und unter anderem Dach. Auch Kathrin Fickardt ist dankbar, dass sie mit ihren integrativen Singwochen beim CVJM in Erfurt eine neue Heimat gefunden hat. »Manchmal hat sich vielleicht auch eine Sache totgelaufen«, sinniert sie. Dann bleibt dennoch der Dank für eine gute Arbeit in der Vergangenheit.

Dies sieht auch der Vorstand des aufgelösten Vereins »Aktion Annerose« so. Zum 6. September lädt er deshalb Mitglieder, Helfer und Freunde zu einem Abschlussfest in das Paul-Schneider-Gemeindezentrum in Weimar ein. Das Fest soll um 10 Uhr mit einem Dankgottesdienst beginnen. Es soll »ein positiver Schlusspunkt« werden. »Kommen Sie, danken und feiern Sie mit uns die vielen Jahre, Begegnungen und Erlebnisse«, heißt es in der Einladung.

Harald Krille

Interessenten werden gebeten, sich bis spätestens 25. August per Postkarte für das Abschiedsfest anzumelden: Aktion Annerose e.V., Reinhardsbrunner Straße 14, 99867 Gotha

»Annerose« ade

Wir glauben im Namen vieler Mitglieder der »Aktion Annerose« zu schreiben. Voller Wehmut denken wir an die vielen schönen Stunden, welche wir in den vergangenen mehr als 40 Jahren gemeinsam erleben konnten. Mit Vorfreude haben wir immer auf den neuen Rundbrief zum Jahresanfang gewartet, in welchem die Urlaubsplätze angeboten wurden. Mit Freude meldeten wir uns an. Es wurden viele Freundschaften mit ebenfalls betroffenen Behinderten wie auch mit Helfern geknüpft. So erlebten wir wunderschöne Tage an der See oder im Gebirge, getragen von unserem Glauben, der in unser Leben hineinwirkte. Soll das alles nun vorbei sein?

Wie schade!

Den vielen ehrenamtlichen Helfern und dem Geschäftsführer gilt unser Dank. Durch ihre aufopferungsvolle Hilfe, die oft an die körperlichen Grenzen ging, wurden uns viele Beschwerden genommen.

Wir hoffen immer noch, dass »Annerose« weiterlebt.

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel, Nils Scheil (alle Gotha), langjährige Vereinsmitglieder von »Aktion Annerose«


Mutter der Collage

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Herzoglichen Museum wird an die vor 125 Jahren in Gotha geborene Hannah Höch erinnert

Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands«, lautet der Titel ihres vielleicht bekanntesten Werkes, das 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin gezeigt, später zu einer Art »Ikone des Dadaismus« wurde und inzwischen in der Deutschen Nationalgalerie Berlin hängt: Hannah Höch (1889–1978). Sie war die erste Dadaistin und gilt als Wegbereiterin der Collage.

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Der 125. Geburtstag der aus Gotha stammenden Künstlerin bietet den äußeren Anlass, ihr facettenreiches Werk stärker ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und in umfangreichen Ausstellungen zu würdigen. Den Anfang machte im Januar die Londoner Whitechapel Gallery, in der bis 23. März mehr als 100 Arbeiten aus dem 60-jährigen Schaffen der Künstlerin gezeigt werden.

Unter dem Titel »Hannah Höch – Aufbruch in die Moderne« folgte Mitte Februar das Herzogliche Museum ihrer Geburtsstadt mit einer Auswahl, die von frühen Versuchen bis hin zu späten Kreationen reicht und bis 4. Mai zu sehen ist. Auch das dritte Themenjahr der »Dada-Dekade 2022« ist der Jubilarin gewidmet. Es steht unter dem Motto »Hoch – Höher – Höch! Dada mit Hannah aus Gotha« und gipfelt am 10. Mai in einem klingenden Umzug durch die Residenzstadt.

Hannah Höch verbrachte die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Gotha. Danach ging sie nach Berlin, um sich ganz der Kunst zu widmen. Dort lernte sie 1915 den bereits verheirateten Raoul Hausmann kennen und ging mit ihm eine siebenjährige Liebesbeziehung ein. In dieser Liaison entwickelten sie stilistisch die Fotomontage. Diese erschien ihnen als geeignetes Mittel, den politischen Zeiterscheinungen mit Spott zu begegnen und bissig den Geist der Zeit zu attackieren.

Für Hannah Höch war die Collage ein Arbeitsmittel, das sie durchgängig bis in ihre späten Jahre nutzte. Zu den Glanzlichtern gehört dabei das 1950 entstandene Bild »Vor der Kathedrale«. Den besonderen Reiz der Gothaer Ausstellung macht aus, dass nicht nur die Avantgardistin Hannah Höch zu erleben ist, sondern auch die bodenständige Zeichnerin und Malerin, die es schon in jungen Jahren verstand, Motive aus der Natur und dem Alltag stimmungsvoll mit Farbstiften, Tusche oder Pastellkreide »einzufangen«.

Besonders eindrucksvoll ist das Aquarell »Fackelzug« (1906/08), das eine in Richtung Horizont wegziehende Menschenmenge zeigt.

Michael von Hintzenstern

Herzogliches Museum Gotha, Bis 4. Mai, täglich 10 bis 16 Uhr, ab 1. April: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr