Glaube macht glücklich

19. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Glücksforschung: Die Ratschläge der Psychologen haben eine erstaunliche Nähe zur christlichen Tradition

Wie Menschen das Glück ­finden können, beschäftigt Psychologen seit Langem.  Auch die Bibel hält Anleitungen zum Glücklichsein ­bereit, die mit den modernen psychologischen Forschungen übereinstimmen.

Glück ist auch ein biblisches Thema, denn das Buch der Bücher kennt den Weg zum Glück. Foto: cmfotoworks-Fotolia.com

Glück ist auch ein biblisches Thema, denn das Buch der Bücher kennt den Weg zum Glück. Foto: cmfotoworks-Fotolia.com

Gegenwärtig gibt es kaum ein Thema der Sinnproduktion und Sinnvermarktung, das breitere Kreise zieht als das Glücksthema. Allein wegen dieser fast magischen Anziehungskraft des Glücksbegriffs tut die Theologie gut daran, sich damit zu beschäftigen. Glück ist ein urbiblisches Thema: die Seligpreisungen, eine der meistzitierten Textpassagen des Neuen Testaments, thematisieren das Thema »Glück«.

Welch kraftvolles Orientierungsangebot der christliche Glaube gerade in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Landschaft bedeutet, wird besonders dann deutlich, wenn wir uns anschauen, zu welchen Ergebnissen moderne Glücksforscher kommen. Religion – so ihr Befund, etwas plakativ auf den Punkt gebracht – macht glücklich. Was viele Christinnen und Christen persönlich erfahren, haben die ­Soziologen inzwischen auch empirisch-wissenschaftlich nachgewiesen. Ihre Ergebnisse sind zuweilen sehr konkret: Gottesdienstbesuch macht glücklich! So eine Studie, die ameri­kanische Forscher vor einigen Jahren im Journal of Economic Psychology veröffentlicht haben. Der Erlanger Glücksforscher Karl-Heinz Ruckriegel formuliert auf der Basis von Forschungen in der Psychologie Ratschläge zum Glück. Einige der Ratschläge ­haben eine große Nähe zu zentralen biblischen Inhalten und christlichen Traditionen:

Erstens: »Üben Sie Dankbarkeit«. Hier wird eine Haltung empfohlen, die zur christlichen Gebetspraxis gehört und die untrennbar verbunden ist mit dem Bekenntnis zu Gott als Schöpfer der Welt und als Geber unseres eigenen Lebens. Kirchliche Feste wie das Erntedankfest stehen für diese Grundorientierung ebenso wie Kirchenlieder, wie das altehrwürdige »Nun danket alle Gott« oder der Familiengottesdienstschlager »Danke für diesen guten Morgen«.

Zweitens: »Seien Sie optimistisch und vermeiden Sie negatives Denken.« Sosehr die Gefahr besteht, dass ein solcher Rat im Sinne eines billigen Optimismus verstanden wird, sosehr ist die Zuversicht ein Grundsignum christlicher Existenz. Schon Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Ethik gegenüber solchem billigen Optimismus die bleibende Bedeutung des Optimismus als »Willen zur Zukunft« betont.

Drittens: »Vermeiden Sie Grübeleien … und soziale Vergleiche. Neid und Glück passen nicht zusammen.« Wer diesen Rat hört, denkt an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die den Wert ihres Lohns allein am Vergleich mit den anderen festmachen (Matthäus 20,1-16); dem kommt in den Sinn der Streit der Jünger um den Platz am Tisch neben Jesus (Matthäus 20,20-28); der oder die denkt an die Geschichte vom verlorenen Sohn und dessen Bruder, der sich im Blick auf die Liebe des Vaters zurückgesetzt fühlt (Lukas 15,11-32).

Viertens: »Stärken Sie Ihre sozialen Beziehungen. Wir sind soziale Wesen und daher auf andere Menschen angewiesen.« Dass es sich hier wiederum um den Hinweis auf eine zentrale ­Dimension christlicher Lebensorientierung handelt, ist nicht schwer zu erkennen. Es geht um eine Orientierung, die in der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen ihren dichtesten Ausdruck findet, deren Horizont aber im Doppelgebot der Liebe und der goldenen Regel auf alle Menschen ausgeweitet wird.

Fünftens: »Lernen Sie zu vergeben, das schwächt negative Emotionen.« Ohne dabei das Ziel der »Schwächung negativer Emotionen« zu verfolgen, beten viele Hunderttausend Menschen in Deutschland und viele Hundert Millionen weltweit jeden Sonntag im Gottesdienst und weit darüber hinaus im Alltag jenen gewichtigen Satz im Vaterunser: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Es gibt wohl keine kraftvollere Form, den Satz des Glücksforschers zu leben, als das ­regelmäßige ernsthafte Beten dieser Bitte. Wie wür­de sich unser Leben verändern, welch kraftvolle Erneuerung des gesellschaftlichen und auch des politischen Klimas würden wir erleben, wenn das ernsthafte Beten dieser Bitte der Normalfall wäre? Und so darf man mit dem Glücksforscher durchaus sagen: Wie glücklich würde uns das machen!

Sechstens: »Leben Sie im Hier und Jetzt. Genuss und Flow schaffen Wohlbefinden, genießen Sie die Freuden des Lebens. Ständig daran zu denken, was morgen anders sein könnte, fördert das Glücklichsein nicht, sondern vermiest uns das Heute.« Man kann auch hier kommentarlos die Bibel zitieren, um auf die Berührungspunkte aufmerksam zu machen: »Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. … Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? … Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.« (Matthäus 6,25f.).

Siebtens: »Kümmern Sie sich um Leib und Seele. Sport für den Körper, das bringt unmittelbar Wohlbefinden, und die Beschäftigung mit etwas Transzendentem, mit etwas, das über unser Ich hinausgeht, bringt Sinn und Tiefe in unser Leben.« Hier spricht der Glücksforscher wörtlich die Dimension der Transzendenz an.

Man kann bei diesen sieben Ratschlägen fast schon den falschen Eindruck bekommen, Glück sei machbar, so wie man bei einem Kochbuch nur die richtigen Zutaten nehmen und sie richtig verarbeiten muss, um zu einem wohlschmeckenden Essen zu kommen. Und man wird auch fragen müssen, ob bei diesen Ratschlägen eigentlich die Dimension des Scheiterns und des Leidens als Dimension des Lebens genügend vorkommt.

Sicher ist jedoch: Für die Suche nach Glück in unserer Zeit hat das Orientierungsangebot des christlichen Glaubens eine erstaunliche Bedeutung.

Heinrich Bedford-Strohm

Der Autor ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Zum Weiterlesen: Der Beitrag von Heinrich Bedford-Strohm sowie weitere Texte zum Glück finden sich in dem Thema-Heft »Glück. Wie das Leben gelingt«. Die 48-seitige Publikation wurde von der mitteldeutschen Kirchenzeitung »Glaube + Heimat« herausgegeben.

Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe?

21. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die Taufe: Jahrhundertelang Streitpunkt für Christen – zumindest in Deutschland wurde dieser Streit weitgehend entschärft

Es klingst gut und logisch, was Paulus im Brief an die Epheser im Blick auf die Einheit der Christen schreibt: »ein Herr, ein Glaube, eine Taufe«. Die Realität sah freilich lange Zeit anders aus.

Die Taufe sorgte seit der frühen Christenheit immer für handfesten Streit. Das begann mit dem sogenannten Ketzerstreit im 3. Jahrhundert und erreichte einen grausigen Höhepunkt im 16. Jahrhundert, als Lutheraner und Calvinisten gleichermaßen blutig gegen die allenthalben entstehende Täuferbewegung vorgingen.

Eintritt in die christliche Gemeinschaft: Die Taufe wird meist im Gemeindegottesdienst gefeiert. Foto: EKiR

Eintritt in die christliche Gemeinschaft: Die Taufe wird meist im Gemeindegottesdienst gefeiert. Foto: EKiR

Die »Wiedertäufer«, die sich neben der Erwachsen- oder Glaubenstaufe auch die Forderung nach einem radikalen Christsein und der Trennung von Staat und Kirche auf die Fahnen schrieben, wurden gehängt, verbrannt, ersäuft. Eine Haltung, mit der später auch den in ihrer Tradition ­stehenden Bewegungen wie etwa den Mennoniten, den Hutterern oder den Amischen begegnet wurde.
Bis heute gibt es mit den »täuferisch gesinnten« Freikirchen – Baptisten, Pfingstlern oder auch den Freien evangelischen Gemeinden – immer wieder Kontroversen in der Tauffrage. (Siehe dazu auch das Interview auf dieser Seite.) Daneben konnten die sogenannten Großkirchen sich jahrhundertelang trefflich über die richtige Form der Taufe streiten – mit ­Wasser besprengen, begießen oder ganz untertauchen?
Zumindest zwischen der überwiegenden Zahl der in Deutschland vorhandenen Kirchen ist das Sakrament der Taufe seit nunmehr fünf ­Jahren auch offiziell gegenseitig anerkannt: Am 29. April 2007 wurde
die »Erklärung über die Taufanerkennung christlicher Kirchen in Deutschland« in einem ökumenischen Gottesdienst im Magdeburger Dom feierlich unterzeichnet. (Siehe Hintergrundbeitrag)
»Ein Meilenstein der Ökumene«, wie Elisabeth Dieckmann, Geschäftsführerin der Ökumenischen Zentrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Frankfurt, es einschätzt. Zwar gab es schon vorher ­regionale Abkommen etwa zwischen katholischer und evangelischer Kirche, doch dass die Erklärung von einer solchen breiten Basis getragen wird, sei ein »echter Fortschritt«. Jetzt sei die Weiterarbeit dran. Etwa das vertiefte theologische Gespräch mit den Baptisten und den Mennoniten mit ihrem völlig anderen Zugang zur Taufe.

Eine Taufe, aber verschiedene Formen In der Praxis gibt es trotz gegen­seitiger Anerkennung Unterschiede. Für Orthodoxe etwa ist die Taufe als eigenständiges »Mysterium« erst vollständig, wenn auch die »Myronsalbung« (eine Salbung mit duftendem Öl) vollzogen ist. Tritt ein Andersgläubiger zur Orthodoxie über, muss diese Salbung, die normalerweise unmittelbar nach der Taufe erteilt wird, nachgeholt werden. In der katholischen Kirche erfolgt die Taufe in der Regel durch dreimaliges Übergießen mit Wasser, ein Untertauchen ist nur im Einzelfall vorgesehen. In jedem Fall aber muss die Taufe in einer geweihten Kirche stattfinden.
Zumindest in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht man dies weiter. »Verbindlich ist für uns die trinitarische Formel (›im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes‹), und dass der Täufling wirklich mit Wasser ­übergossen wird«, betont Christian Fuhrmann, Referent für Grundsatz­fragen im Gemeindedezernat der ­Landeskirche. Ansonsten verzeichnet Fuhrmann ein steigendes Interesse an der Taufform des Untertauchens. Insbesondere bei den zunehmenden Taufen von Jugendlichen und Erwachsen werde dies immer ­öfter gewünscht. Da die wenigsten Kirchen ein entsprechendes Taufbecken haben, spreche dabei nichts ­gegen einen Gang zum Baggersee oder zum Fluss. »Es gibt in der EKM kein generelles Verbot dieser Form«, so der Theologe.
Den Wunsch mancher Menschen, sich nach einer bewussten Entscheidung für das Christsein und vielleicht einem Wiedereintritt in die Kirche trotz früherer Kindertaufe noch einmal Taufen zu lassen, kann Fuhrmann nachvollziehen. »Doch ich würde dann immer die unverbrüchliche Zusage Gottes in der einen Taufe betonen«, so der Referent. Und er erinnert an die zunehmende Bedeutung der Tauferinnerungsfeiern, zu denen an vielen Orten inzwischen gezielt eingeladen wird.
Harald Krille

Das Kreuz mit dem Halbmond

Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW

Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW

Streitfrage: Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? – Versuch einer salomonischen Antwort

Oft wird betont, dass Juden, Christen und Muslime doch letztlich an denselben Gott glauben. Andere widersprechen dem entschieden. Ein scheinbar unlösbarer Widerspruch.

Das Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland gelingt nicht überall ohne Probleme. In den zum Teil sehr heftig ausgetragenen Debatten über Integrationspolitik und kulturelle Unterschiede wird immer wieder auch auf die Religion des Islam Bezug ­genommen. Insbesondere dort, wo der Eindruck der Fremdheit überwiegt und Angst erzeugt, wird oft versucht, dies auch theologisch im Gottesbild festzumachen. Aus dem ­Vergleich gegensätz­licher Aussagen in Bibel und Koran wird festgestellt: Solche ­einander widersprechenden Texte können nicht von dem gleichen Gott stammen. Folglich glaubt der Islam an einen anderen Gott als das Christentum.

Auf der anderen Seite kann man beobachten, dass diejenigen, die sich für Dialog und Verständigung engagieren, demgegenüber stärker geneigt sind, die bedeutsamen Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum zu betonen. Sie kommen ebenfalls unter Verweis auf den Koran und die historische Entwicklung zu dem Schluss: Judentum, Christentum und Islam ­beziehen sich auf den gleichen Gott: den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Welt erschaffen hat und das Schicksal aller Menschen lenkt.

Wer von ihnen hat recht? Beide – aber jeweils nur in bestimmter Hinsicht. Der erste wichtige Punkt besteht in der Erkenntnis, dass die Aussage von »verschiedenen Göttern« in Islam und Christentum ihre Wurzel und Begründung in der Existenz verschiedener Offenbarungen hat. Es gibt zwei Schriften mit dem Anspruch, Offenbarung Gottes zu sein (Bibel und Koran), die sich aber in wesentlichen Aussagen unterscheiden. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Lösungen: Entweder eine der beiden Schriften ist keine Offenbarung Gottes, sondern von Menschen produziert oder verfälscht. Dies behauptet der Islam von den widersprechenden Teilen in der Bibel. Oder sie sind beide echte Offenbarungen, stammen aber von verschiedenen Göttern.

Letzteres führt aber in schwierige ­logische Probleme, denn Christen und Muslime glauben beide, dass es nur einen einzigen wahren Gott gibt und dass dieser die Welt geschaffen hat. Unmöglich ist es daher für Christen und Muslime zu meinen, dass es diesen Gott nicht gebe oder dass er ein anderes göttliches Wesen (aber nicht der Schöpfer) sei. Möglich bleibt es hingegen, etwas Gott zu nennen, was nicht Gott ist oder etwas Unterschiedliches darüber auszusagen, wie dieser Gott, der die Welt geschaffen hat, in seinem Wesen ist.

Ist es dann so, dass die Muslime etwas Gott nennen, was nicht Gott ist? Dieses Argument wird in der Diskussion immer wieder vorgebracht – oft in der Zuspitzung, Allah sei ein Götze, ein heidnisches Gottesbild, welches aus vorislamischer Zeit übernommen wurde. Dafür spräche, dass man keinen zweiten wahren Gott ­behaupten würde – was nach christlichem Bekenntnis ja unmöglich ist –, sondern menschliche Verirrungen in der Gottesvorstellung benennt. Allerdings ist der Begriff »Götze« ungeeignet, denn er bezeichnet in der Bibel eindeutig dingliche Figuren, geschnitzte Götzenbilder und damit die Verwechselung von Schöpfer und Geschöpf. Solches kann man dem Islam nun wahrlich nicht vorwerfen, der diese Unterscheidung im Bilderverbot sogar auf die Spitze treibt.

Ist »Allah« dann ein (Wüsten-)Dämon oder gar der Teufel selbst? Auch dies kann man in manchen Kreisen immer wieder behauptet finden. Oft wird dabei auf den 1. Johannesbrief, Kapitel 2, Vers 22 verwiesen, wo jeder als »Antichrist« bezeichnet wird, der leugnet, dass Jesus der Christus ist. Diese biblische Aussage gilt aber ursprünglich nicht für den Islam (der damals noch gar nicht existierte), sondern für die Juden – von denen heute aber niemand behauptet, sie würden den Teufel anbeten. Eine solche einfache Umkehrung taugt daher nur für billige Polemik, aber nicht für eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Was folgt daraus? Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass Christen und Muslime nicht darüber streiten, wer Gott ist (Gott oder Allah), sondern wie Gott ist (nah oder fern, trinitarisch oder nicht). Der Streit geht nicht darum, welcher Gott richtig ist, sondern welche Offenbarung richtig ist.

Damit bleiben genügend Probleme zu diskutieren. Unter anderem ist aus christlicher Sicht zu betonen, dass die Trinität unteilbar ist. Ein Treffen zum »Abrahamitischen Dialog« lediglich auf der Ebene des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses unter Leugnung oder Ignoranz von Christus und Heiligem Geist entspricht nicht der christlichen Überzeugung.

Fazit: Auf die Frage, »Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?«, gibt es keine ganz einfache Antwort. Ein schlichtes »Ja« wäre falsch, denn es unterstellt eine grundlegende Übereinstimmung über das Wesen Gottes, die so nicht besteht. Ein schlichtes »Nein« wäre ebenso falsch, denn es unterstellt die Existenz ­anderer Götter. Der Versuch einer Antwort könnte folglich lauten: Christen und Muslime glauben nicht dasselbe von dem einen Gott.

Harald Lamprecht

Dr. Harald Lamprecht ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Jedes Unglück muss an Gott vorbei

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Eine theologische Besinnung über die schwerste Frage des Glaubens, warum es Not und Leid gibt

Wenn Menschen oder ein Volk von einem schweren Unglück getroffen werden, fragen manche: Warum lässt Gott das zu? Über diese Frage angesichts der Katastrophe in Japan eine theologische Reflexion.

Jesus ruft die Menschen seiner Zeit immer wieder zur Buße, zur Umkehr. Nicht nur zur Umkehr auf einem Lebensweg, der offensichtlich in die Irre führt, sondern es geht die Aufforderung an alle, ihr Leben zu überprüfen. Wenn Menschen oder ein ganzes Volk Schlimmes widerfährt, dachte man damals – und oft auch noch heute: Solch ein Unglück muss Strafe Gottes sein, Quittung für falsches ­Leben. So jemand muss es büßen. Doch Jesus erklärt es mit einem ­großen Unglück seiner Zeit anders: »Meint ihr, dass jene achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Schiloach stürzte und sie erschlug, seien schuldiger gewesen als alle ­anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« (Lukas 13,5)

Wir hören hier eine sich anbahnende Antwort auf die schwerste Frage des Glaubens: Wie kann es vor Gott gerecht sein, dass Menschen ­unverschuldet leiden und vor der Zeit sterben müssen? Und wie kann Gott zulassen, dass Menschen sich mit ­ihren, auch technischen Möglichkeiten so sehr überheben?

Die Frage impliziert eine kindliche, aber verständliche Hoffnung: Der gerechte und allmächtige Gott lässt ­einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Unvermeidlich aber dann auch die Annahme: Irgendetwas besonders Schuldhaftes müssen die Verunglückten getan haben, was ihr Geschick, ihren jähen Tod verursacht hat.

Jesus aber verwirft das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Keiner kann jetzt noch den Willen Gottes für eine Erklärung zu Ungunsten der Opfer reklamieren. Nicht der Mensch soll Gott infrage stellen. Gott stellt den Fragenden infrage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« Keine Drohung ist das, sondern eine Verunsicherung, die von einer elementaren Warnung ausgeht.

Jesus wagt es, die Unterschiede hinsichtlich der Schuldhaftigkeit aufzuheben – bei den Toten und den Lebenden. Am Beispiel des zusammengestürzten Turms, der unterschiedslos 18 Menschen erschlagen hatte, demonstriert er: Die Frage nach Gott wird zu einer Frage nach dem Menschen und seiner Umkehr: Gerade in dem Rätsel eines so unfasslichen Unglücks, sagt Jesus, sollen die Menschen umkehren zu Gott.

Worin geschieht die Umkehr? In unserer unverzüglichen Kehrtwende zu Gott und in der Hinwendung zum Mitmenschen. Der umkehrende Mensch soll neu beginnen, Gott zu vertrauen und zu gehorchen. Der umkehrende Mensch beginnt neu, seinen Teil für eine Welt zu tun, in der der Mitmensch besser geachtet und geschützt wird und in der Gerechtigkeit und Macht zu einem besseren Ausgleich kommen.

Was bedeutet das für die schwerste Frage des Glaubens? Die Frage nach der Macht und der Gerechtigkeit Gottes und das quälende Problem, warum der allmächtige Gott so viel Unrecht und ­Unglück auf seiner Erde geschehen lässt, können und sollen wir zu Lebzeiten und mit unseren begrenzten Möglichkeiten des Verstehens nicht widerspruchslos lösen.

Die Frage lässt sich hier und jetzt von uns nicht theologisch lösen. Wir brauchen sie auch nicht zu beantworten. Wir müssen Gottes Treue nicht angestrengt beteuern oder bestreiten. Wir müssen sie nicht in eine intelligente Übereinstimmung bringen mit erfahrenem Unglück. Wir können jenes Rätsel, dass so viel Unschuldige den Konsequenzen von so viel fehlgeleiteter menschlicher Verantwortung zum Opfer fallen, kaum lösen. Diese Einsicht entlastet und verpflichtet. Der atomare GAU, der Tsunami, Hungersnöte, Kriege, Klimakatastrophen, von Menschen verursachte Unglücke, Ungerechtigkeit – wir sind frei, zu handeln. Gewiss können wir uns darauf verlassen, dass wir es nicht mit einem sich von uns abwendenden Gott zu tun haben, auch wenn er uns so oft verborgen erscheint. Kein Unglück ­geschieht in Abwesenheit Gottes, es muss an ihm vorbei. Und Gottes Treue trägt uns dennoch über Unglück, Tod und Unrecht hinaus und gibt dem ­Leben trotzdem Sinn und Zukunft.

In dieser Hoffnung erwarten wir den neuen Himmel und die neue Erde Gottes – und mit ihnen die Antwort auf die ungelösten Fragen. Diese Fragen aber sollen wir bis dahin wachhalten –, wohl wissend, dass wir Gott in seiner Barmherzigkeit oder seiner Verborgenheit nicht festlegen können. Wir sind zur Umkehr gemahnt und zur Wahrnehmung unserer Mitverantwortung – und zur Solidarität mit ­denen, die so sehr versehrt wurden.

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.