Fenster zum Glauben

2. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eines der vier von Wolfgang Nickel gestalteten Fensters in der Eisenacher Nikolaikirche. – Foto: privat

Eines der vier von Wolfgang Nickel gestalteten Fensters in der Eisenacher Nikolaikirche. – Foto: privat

Kirchenraum: Der Glaskünstler Wolfgang Nickel gestaltet sämtliche Fenster der Nikolaikirche in Eisenach

Die Nikolaikirche in Eisenach soll bis zum Reformationsjubiläum 2017 vollständig restauriert und als spirituelles Zentrum umgestaltet werden. Die ersten von Wolfgang Nickel gestalteten vier Fenster wurden im Juni eingeweiht.

Wie gelingt es einem Künstler, dass sein Werk, – ein Bild oder ein Musikstück, – den Betrachter oder den Zuhörer anrührt, in ihm eine Saite zum Klingen bringt? »Es ist das Göttliche«, sagt Wolfgang Nickel. Das »Göttliche« in einem Kunstwerk vermag es seiner Meinung nach, Menschen innerlich zu berühren.

Auch Nickel wurde bei der Einweihung seiner vier neuen Glasfenster in der Eisenacher Nikolaikirche gefragt, wie er es nur geschafft habe, die Fenster zum Leuchten zu bringen. Der Glaskünstler erzählt in solchen Momenten gern von seinem Freund, einem Violinbauer, der nur eine Erklärung habe für den außergewöhnlich schönen Klang der von ihm gefertigten Geige: »Es ist das Göttliche.«

Doch wie kommt dieses Göttliche durch die Hände des Künstlers oder Kunsthandwerkers in das Gemälde, in das Musikinstrument oder das Glasfenster?

Das Handwerk allein reiche nicht, ist Nickel überzeugt. Das Göttliche, er nennt es »die Zutat«, sie komme, wenn der Künstler bei seiner Arbeit »mit dem Herzen dabei ist. Man muss brennen«. Offensichtlich war der Glasgestalter aus Georgenzell im Südwesten Thüringens mit dem Herzen dabei, als er seine Fenster für die Nikolaikirche in der Wartburgstadt entwarf. Sie vermögen es, das Gotteshaus mit ihren Farben gelb, blau und rot zu erleuchten.

Dass Nickel den Auftrag bekommen hat, sämtliche Fenster in der Nikolaikirche zu gestalten, ist einer Kunstliebhaberin zu verdanken, die auf Reisen gern Kirchenfenster bewundert, die zu ihrem Steckenpferd geworden seien, erzählt Nickel. »Sie ist verliebt in Fenster.« Monika Wiegandt aus Stuttgart stiftete für die ersten vier Fenster der Eisenacher Kirche 30000 Euro.

Eine Investition für die Ewigkeit. – Wenn nicht für die Ewigkeit, dann zumindest für eine Zeit von 300 bis 500 Jahren, schränkt Nickel ein. Vorausgesetzt, das Land und die Stadt bleiben von Krieg verschont. Gleichwohl sei das Material Glas für die Ewigkeit geschaffen und biete sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten, die er längst noch nicht alle ausgeschöpft habe. Für die Fenster in der Wartburgstadt wandte der Künstler die Fusing-Technik an, eine Methode, bei der Glas verschiedener Farben und Formen im Brennofen verschmolzen wird. Das Glas erhält dadurch Strukturen wie zum Beispiel kleine Pünktchen, die das Licht reflektieren.

Wolfgang Nickel bei der ­Arbeit in seiner Werkstatt. – Foto: Sabine Kuschel

Wolfgang Nickel bei der ­Arbeit in seiner Werkstatt. – Foto: Sabine Kuschel

Für den Glauben seien Fenster von großer Wichtigkeit, findet Nickel. Als die Menschen in früheren Zeiten noch nicht lesen konnten, erzählten ihnen die Bilder der Fenster die biblischen Geschichten, erläutert er. Heute hingegen sei es nötig, über Farbe, Stimmung und Ästhetik das Gefühl der Betrachter anzusprechen.

Entsprechend den Vorgaben der Kirchengemeinde sollten die neuen Fenster zeitgemäß und abstrakt gestaltet werden, der Bezug zur Romanik, in dessen Stil die Nikolaikirche erbaut ist, durch Farben hergestellt werden. Bei einem Besuch in Eisenach entdeckten Wolfgang Nickel und Monika Wiegandt die Nikolaikirche, die auf beide einen tristen Eindruck machte. Den fasst die Stifterin so zusammen: »Es fehlte etwas, was ich in romanischen Kirchen oft bewundert hatte: farbige Fenster. Damals dachte ich, es wäre wunderbar, wenn es gelingen würde, den Raum mit farbigem Licht zu schmücken.« Wiegandt bot der Kirchengemeinde die Finanzierung aller Fenster an, wenn sie von Wolfgang Nickel gestaltet werden.

Er wählte für das Fenster hinter dem Taufstein die Farben grün, gold und rot, strahlendes Blau für das benachbarte Fenster. Am Nordeingang sind zwei in einem gelben, warmen Ton gehalten.

Nachdem Mitte Juni die ersten vier Fenster festlich eingeweiht wurden, folgen nächstes Jahr drei weitere. »Höhepunkt sollen die hinter dem Altar werden«, verspricht Nickel. Die Kunst besteht für ihn darin, das Schwierige einfach zu machen. Nickel, der bereits mehrere Kirchenfenster in Thüringen gestaltet hat, kennt das Kopfzerbrechen über religiöse Themen und deren künstlerische Umsetzung. Doch zu seinem Erfahrungsschatz gehört auch die Erkenntnis: Wenn der Künstler mit seinem ganzen Herzen bei der Sache ist, für sein Werk brennt, kann er getrost hoffen, die »Zutat« kommt, denn »das Göttliche ist immer da«.

Sabine Kuschel

Biografisches
Wolfgang Nickel wurde 1960 in Schmalkaden geboren. Von 1982 bis 1987 studierte er an der Hochschule für Kunst und Design, Burg Giebichenstein, Halle, Malerei/Grafik. Seit 1987 ist er freischaffend tätig. 1990 wandte er sich der Glaskunst zu. Er gestaltete mehrere Kirchen in Thüringen, unter anderem die evangelische Kirche Schmalkalden-Weidebrunn, die St. Trinitatiskirche Unterellen, die Michaeliskirche in Erfurt. Zu seinen Objekten gehören das Standesamt Schmalkalden, das Justizzentrum Meiningen, das Kreiskrankenhaus Ilmenau und die Kliniken des Wetteraukreises Frankfurt/Friedberg

Endloses Blau und ewiges Licht

5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Jubiläum: Der Glaskünstler Johannes Schreiter wird am 8. März 80 Jahre alt

S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seine Entwürfe. »Soli Deo Gloria« – zur Ehre Gottes will er arbeiten, solange er kann.

Ausschnitt eines Kirchenfensters des Künstlers Johannes Schreiter in der  evangelischen Kirche in Mainz-Gonsenheim, Fotos: epd-bild

Ausschnitt eines Kirchenfensters des Künstlers Johannes Schreiter in der evangelischen Kirche in Mainz-Gonsenheim, Fotos: epd-bild

Die beiden 9,2 Meter hohen Fenster der Sakramentskapelle des Mainzer Doms sind eine Einladung zum Gebet und zur Meditation. Mächtig bahnt sich auf ­ihnen das endlose Blau des Himmels den Weg zu den Menschen. Das ewige Licht erreicht sie aber nur durch das Leben und Sterben Christi, das mit einem glühenden Rubinrot angedeutet ist. Die beiden Kirchenfenster stammen von Johannes Schreiter, einem der bedeutendsten Glaskünstler der Gegenwart. Am 8. März feiert er im südhessischen Langen seinen 80. Geburtstag.
»Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Die­se Zeile aus einem Gedicht Friedrich Hölderlins ist die geheime Melodie in Schreiters Leben, aber auch das bestimmende Thema seiner Kunst der vergangenen drei Jahrzehnte. Trotz aller Bedrohungen und aller Ängste ist der Mensch nicht verloren, sondern von Gottes Liebe getragen, lautet seine Botschaft. »Es gibt keinen Zufall, nur göttliche Fügung.«

Für Schreiter sind auch die beiden zentralen Ereignisse seines Lebens nichts anderes als »Fügung«, sagt er: 1983 seine »Rückkehr zu Gott, zum christlichen Glauben« und fünf Jahre später seine »wunderbare Heilung«. Nach einer Viruserkrankung, die er sich als Gastprofessor in Neuseeland zugezogen hatte, verlor er seine Stimme und musste in der Folge auch seine Professur an der Frankfurter Städelschule an den Nagel hängen. »Die Ärzte hatten mich bereits aufgegeben.«

Doch dann begegnete er am Rande eines Bibelabends im Odenwald einem Prediger aus der Schweiz. »Dieser 83 Jahre alte Mann sprach mit mir über meine Krankheit und segnete mich anschließend mit folgenden Worten: ›Der Geist Gottes ist über dir, du bist geheilt.‹« Schreiter erinnert sich: »Nach einem fürchterlichen Schmerz, der sich durch meinen Körper zog, konnte ich wieder sprechen und wenige Tage später wieder arbeiten. Härter und intensiver denn je.« Die Heilung verändert nicht nur sein Leben, sondern auch seine Kunst. Das Dunkle und Düstere verliert an Gewicht, helle, strahlende Farben gewinnen die Oberhand.

In diese Zeit fällt auch der sogenannte Heidelberger Fensterstreit. Nach harschen Bürgerprotesten verzichtet der zuständige Kirchengemeinderat darauf, die Entwürfe des Künstlers für die 22 Fenster der evangelischen gotischen Heiliggeistkirche in der Universitätsstadt realisieren zu lassen. Schreiter wurde insbesondere wegen seiner provokativen und wenig heimeligen Bearbeitung der Themen Medien, Medizin oder Physik angefeindet.

Doch Schreiter stand zu seinem Zyklus. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die das sogenannte Medizinfenster für den Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main 1987 ausführen ließ. 1996 fand es in der Kirche des Darmstädter Elisabethenstifts endgültig seinen Platz. Andere Entwürfe sind inzwischen in Karlsruhe, Linnich bei Aachen und im kanadischen Edmonton realisiert.

Johannes Schreiter wird 1930 in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge ­geboren. Seine Liebe zum Malen entdeckt der Sohn eines Kaufmanns ­bereits als kleines Kind. Aber auch das Violinespielen bereitet ihm große Freude. »Ich wusste bis zum Abitur nicht, was das Richtige für mich war – die Malerei oder die Musik.« Die Entscheidung wird ihm abgenommen. 1949, während seiner Flucht nach ­Greven im Münsterland, verletzt er sich so stark am Arm, dass an eine berufliche Zukunft als Geiger nicht mehr zu denken ist.

Im selben Jahr nimmt Schreiter in Münster ein Kunststudium auf. 1960 erhält er vom Bistum Würzburg den Auftrag, die Kirchenfenster für St. Margareta in Bürgstadt bei Miltenberg am Main zu entwerfen. »Damit ging alles los«, erinnert sich Schreiter. Er wird Lehrbeauftragter an der Kunstschule Bremen, von 1963 bis 1987 wirkt er als Professor für Malerei und Grafik an der Frankfurter Städelschule.

Schon in den 1960er Jahren hatte Schreiter neben Otto Piene und Yves Klein mit seinen sogenannten Brandcollagen Kunstgeschichte geschrieben. Diese neue Technik des Sengens und Verbrennens von Papier beeinflusste auch sein glasbildnerisches Oeuvre sehr stark. Als ebenso revolutionär gilt seine Um-Interpretation der Bleiruten in Kirchenfenstern. Schreiter befreit die Metallstäbe, die die Glasstücke zusammenhalten, von ihrer rein technischen Funktion und nutzt sie als autonomes Mittel der Gestaltung.

In seinen Kirchenfenstern wendet er sich der Abstraktion zu, der Befreiung vom Überflüssigen. Er sucht die Stille, die Andacht. Seit den 1960er Jahren findet sich in nahezu jeder seiner Arbeiten die U-Form als Symbol für die geöffnete Hand wieder. Sorgfältig gestaltet er Linien, Ornamente, Rechtecke und Netze, die oft durch Quereinschüsse gebrochen sind, »so wie das kontemplative Betrachten ­eines Ozeans durch einen vorüberfliegenden Vogel«.

S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seit 1995 seine Entwürfe. »Soli Deo Gloria« – zur Ehre Gottes will er arbeiten, so lange er kann. »Das hält mich lebendig.«

Von Dieter Schneberger (epd)