Halbierter Segen über die Schöpfung

25. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Während kirchliche Treffen - wie hier der Kirchentag in Bremen - oft von Frauen dominiert sind, spielt weibliches in der Theolgoie weithin nur eine Nebenrolle. Foto: Steffen Giersch

Während kirchliche Treffen - wie hier der Kirchentag in Bremen - oft von Frauen dominiert sind, spielt weibliches in der Theolgoie weithin nur eine Nebenrolle. Foto: Steffen Giersch


Von der Notwendigkeit der geschlechtergerechten Theologie

Warum beginnt die Bibel mit dem Buchstaben Bet, dem zweiten Buchstaben des hebräischen Alefbets, und nicht mit Alef? Die Bibel beginnt mit Bet/B, so lautet eine der jüdischen Antworten, weil dies der Anfangsbuchstabe des Wortes beracha (= Segen) ist, während das Wort für Fluch mit Alef/A beginnt. Schon dem ersten Buchstaben der Bibel lässt sich also entnehmen, dass Gott von Anfang an Segen im Sinn hat. Gott segnet das Erschaffene – von den Wassertieren und Vögeln bis hin zum siebten Tag, dem Ruhetag.

Der Mensch, männlich und weiblich erschaffen, die ganze Menschheit wird gesegnet, nicht nur der Mann. Umso mehr muss überraschen, wenn dann wenige Kapitel später, beim Neuanfang nach der Flut, nur noch davon die Rede ist, dass Gott Noah und dessen Söhne, nicht aber Noahs Frau und die Schwiegertöchter segnet. Der Schöpfungssegen ist halbiert!

Ich lese diese kleine Notiz als einen sensiblen Beleg für biblischen Realismus und als eine Verlustanzeige: Zu den empfindlichsten Störungen der ursprünglich sehr guten Schöpfung gehören das Unsichtbarmachen, die Minderung und Verunglimpfung von Frauen, gehören männerorientierte und -zentrierte Strukturen, die unsere Lebenswelten bis heute prägen. Theologie und Kirche haben ihrerseits viel zur Etablierung und Aufrechterhaltung solcher Strukturen beigetragen. Sie haben etwa die Schwestern neben den Brüdern, die Jüngerinnen neben den Jüngern, die Prophetinnen neben den Propheten zum Verschwinden oder zum Schweigen gebracht. Sie haben Frauen ihre Gottesbildlichkeit abgesprochen und ihnen zugleich eine besondere Schuld am Bösen in der Welt aufgebürdet. Sie haben sie aus Leitungsfunktionen und -ämtern in den Gemeinden gedrängt und in den Raum der Familie verbannt.

Es ist seit Jahrzehnten das besondere Verdienst feministischer Theologie, dies aufzudecken und zugleich die verschütteten, verzerrten und verschwiegenen Gegentraditionen wiederzuentdecken. Welche verborgenen Schätze gilt es da neu zu heben!

Wir brauchen gar nicht so spektakuläre Fälle wie die Verwandlung der Junia in einen Junias (Römer 16,7) zu bemühen, um zu erkennen, wie schon in unseren Bibelübersetzungen unbewusste Tendenzen und bewusste Strategien am Werk sind, um Frauen zum Verschwinden zu verbringen. Dies setzt sich – um Vieles verschärft – in der Auslegungsgeschichte und der mit ihr verbundenen Dogmatik fort. Nur ein Beispiel dafür: Während man in der Alten Kirche einen gebärenden Gottvater kannte, während ein offizieller Konzilstext sogar von einer Gebärmutter Gottes des Vaters (uterus patris) spricht, gehen aktuelle dogmatische Lehrbücher davon aus, dass weibliche Lebenswelten nicht gleichnisfähig für Gott sind. In unserem Glaubensbekenntnis bezeugen wir Gottes »eingeborenen Sohn«. Nehmen wir dabei aber noch wahr und ernst, dass dies bedeutet: Gott gebiert? Wir sprechen im Zusammenhang der Taufe von Wiedergeburt. Doch wer gebiert uns da?

Nun ist »feministische Theologie« für viele Menschen, auch für manche Frauen in unseren Gemeinden, ein Reizwort, mit dem sie nichts zu tun haben möchten. Was aber ist so beunruhigend, was gar bedrohlich daran, dass Frauen sich nicht länger mit gemeint sehen, wenn von Brüdern die Rede ist? Dass sie auch sprachlich sichtbar sein wollen und vor allem Freude daran haben, das eigene Erbe einer unerwartet reichen Theologie- und Kirchengeschichte anzutreten? Lernen Sie doch einmal die Frauen der Reformation (und nicht nur die Frauen der Reformatoren!) oder die Mystikerinnen kennen! Freunden Sie sich doch einmal mit weiblichen Bildern für Gott an! Entdecken Sie die Heilige Geistkraft!

Feministische Theologie ist keine nur von Frauen für Frauen gemachte Theologie. Sie geht uns alle an. Und sie lässt sich auch nicht auf einige wenige Frauenfiguren und -traditionen beschränken. Es geht ihr um nicht weniger als den ganzen Segen für Männer und Frauen. Deshalb möchte ich auch lieber von geschlechtersensibler, geschlechtertransparenter oder geschlechtergerechter Theologie sprechen. Eine solche Theologie ist und bleibt notwendig, bis es wirklich wahr wird, dass es in Christus nicht mehr männlich und weiblich gibt (Galater 3,28). Der Geschlechterdual ist ja viel zu eng, um die bunte Vielfalt des Lebens zu beschreiben, das uns nach biblischer Verheißung blüht.

Magdalene L. Frettlöh

Literaturhinweis:
Schottroff, Luise, Wacker, Marie-Theres (Hg.): Kompendium Feministische Bibelauslegung,
Gütersloher Verlagshaus,
832 S., ISBN 978-3-579-00552-2, 39,95 Euro

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Systematische Theologin an der Ruhr-Universität Bochum