Keine schnellen Lösungen

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Diskussion: Hilfswerke stehen in der Kritik – sie tun angeblich zu wenig gegen die Genitalverstümmelung

Das Ritual der Beschneidung gehört jährlich für hunderttausende afrikanischer ­Mädchen zum Erwachsenwerden. Wie sollen Hilfswerke mit dem archaischen Brauch der Genitalverstümmelung umgehen?

Zum traditionellen Stolz von Maasai-Frauen gehört auch das Ritual der Genitalbeschneidung. Weithin wird von den ­Betroffenen der Zusammenhang zwischen dem Eingriff und späteren Komplikationen nicht erkannt. Foto: epd-bild/Martin Moxter

Zum traditionellen Stolz von Maasai-Frauen gehört auch das Ritual der Genitalbeschneidung. Weithin wird von den ­Betroffenen der Zusammenhang zwischen dem Eingriff und späteren Komplikationen nicht erkannt. Foto: epd-bild/Martin Moxter

Mit großen, schwarzen Telleraugen strahlen sie von den Werbeplakaten der Hilfswerke, vor allem in der Weihnachtszeit. Über eine halbe Million Bundesbürger haben ein Patenkind in der Dritten Welt, und jährlich werden es mehr. Dank der Paten in Deutschland und Europa erhalten die Familien der Kinder Hühner, Ziegen und Saatgut, wird den Patenkindern ein Schulbesuch ermöglicht. Und regelmäßig bedanken sich die Kinder in kleinen Briefen für die Spenden, »für den Brunnen, die Schule und das weiße Kleid, das ich zu meiner Beschneidung bekommen habe«.
Das jedenfalls musste eine Patin in Norwegen im Brief ihres Patenmädchens lesen, berichtet Ines Laufer von der Hamburger »Task Force zur effektiven Prävention von Genitalverstümmelung«.

Denn auch die Mädchen in den Patenschaftsprogrammen deutscher Entwicklungshilfeorganisationen seien nicht davor geschützt, dass ihre Eltern ihre Klitoris und die Schamlippen herausschneiden lassen, um sie an der Entwicklung einer eigenständigen Sexualität zu hindern. Zumeist unter unverantwortlichen hygienischen Bedingungen und natürlich ohne Narkose. »Wir schätzen, dass bis zu 400000 Patenmädchen in der Dritten Welt jährlich Opfer von Beschneidung werden«, so Laufer.

Forderung: Hilfswerke sollen mehr Druck ausüben
Zusammen mit Vertretern anderer ­Organisationen, darunter auch der kirchenkritischen Giordano-Bruno-Stiftung, stellte Laufer kürzlich die Kampagne »Patenmaedchen.de« vor, die die Paten in Deutschland mit Plakaten, einem Radiospot und einer Internetseite dazu auffordert, gegen die Genitalverstümmelung der Kinder in den Entwicklungsländern vorzugehen. »Wir wollen, dass es bei Organisationen wie World Vision, der Kindernothilfe oder Plan International zur Vorbedingung für eine Patenschaft wird, dass Patenmädchen nicht beschnitten werden«, sagt Laufer. »Wir wollen einen nachhaltigen und nachweisbaren Schutz der Patenmädchen.«

Ähnlich argumentiert auch Simone Schwarz von der Leipziger Organisation »Tabu«: »Ich hatte vor zwei Jahren von Plan International ein Patenmädchen im Niger vermittelt bekommen«, berichtet sie. Auf die Frage, ob das Kind ebenfalls beschnitten werde, erhielt sie ausweichende Antworten. »Ich dachte, so eine große ­Organisation hat enorme Einflussmöglichkeiten – aber heute gehe ich davon aus, dass Plan International gar kein Interesse hat, beim Thema Genitalverstümmelung etwas zu verändern.«

Vertreter der betroffenen Hilfswerke weisen diese Anschuldigungen energisch zurück »Plan International hat in fünf Ländern 3,5 Millionen Euro in Projekte gegen Genitalverstümmelung investiert«, sagt die Gender-Referentin dieses Hilfswerks, Anja Stuckert. Die Forderung, Hilfswerke sollten den Verzicht auf Genitalverstümmelung zur Bedingung für die Übernahme einer Partnerschaft machen, lehnt sie dagegen ab. »Wir ­können den Menschen in der Dritten Welt nicht einfach Vorschriften machen.«

Ähnlich äußert sich die Pressesprecherin des christlichen Hilfswerks World Vision, Iris Manner: »Unser Ziel sind gesellschaftliche Veränderungen zum Wohl der Kinder.« Dazu sei aber ein Dialog mit der Gesellschaft in den Entwicklungsländern nötig. Ein Hilfswerk wie World Vision könne Alternativen zu »schädlichen Traditionen«, wie der Genitalverstümmelung, vorschlagen, sagt Manner. »Aber wir ­können nicht einfach voraussetzen, dass unsere Werte für die ganze Welt verbindlich sind.«

Aufklärungsarbeit betreibt auch die Duisburger Kindernothilfe. Ein Beispiel dafür findet sich in Äthiopien, berichtet Pressesprecher Sascha Decker. Dort habe das Hilfswerk seit dem Jahr 2000 rund 747000 Euro in zwei je vierjährige Projekte zum Kampf gegen Genitalverstümmelung investiert. Über 1,2 Millionen Menschen wurden damit erreicht. »In der Region, in der wir tätig waren, werden heute nur noch 25 Prozent aller Mädchen beschnitten«, sagt Decker. 2005 seien es noch 62 Prozent gewesen. »Es braucht nachhaltige Aufklärungsarbeit, damit sich etwas ändert.«

Mit erhobenem Zeigefinger ändert man keine Tradition
Ähnlich argumentiert das Evangelisch-Lutherische Missionswerk in Leipzig. Es vermittelt zwar keine Kinderpatenschaften, unterstützt aber vor allem die lutherische Kirche im ostafrikanischen Tansania. »In etwa vier der 20 Diözesen der Partnerkirche sind wir mit dem Problem konfrontiert«, berichtet Tilmann Krause, Afrikareferent des Hilfswerks. Der Brauch sei dort besonders unter den nomadisch lebenden Völkern, allen voran den Maasai, verbreitet. »Sowohl wir als auch die Kirchenleitungen vor Ort sind für das Thema seit Langem sen-
sibilisiert«, konstatiert Krause. Doch »Traditionen ändert man nicht mit dem erhobenen Zeigefinger oder gar mit der Drohung verweigerter Hilfe«, betont Krause. Um die Situation langfristig zu ändern, seien beispielsweise auch alternative Einnahmequellen für die traditionellen Beschneiderinnen notwendig.

Vor allem aber, so Krause, muss die Aufklärungsarbeit durch die afrikanischen Christen selbst geschehen. Und die tun dies durchaus recht drastisch: So wurden bereits in etlichen Gemeinden vor den versammelten Frauen und Männern schonungslose Dokumentarbilder oder sogar -filme des Rituals gezeigt. Mit der Wirkung, dass die Männer selbst plötzlich den Wert dieser Tradition hinterfragt hätten. Mit schnellen und einfachen Patentrezepten, so die übereinstimmende Überzeugung der Hilfswerk­experten, ist das Problem jedenfalls nicht zu lösen.

Von Benjamin Lassiwe
und Harald Krille