Bei einer Geburt begegnen wir dem Heiligen

11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Familie

Comments Off

Schwangerschaft und Geburt: Eine besondere spirituelle Zeit der Grenzerfahrung, des Schmerzes und der Seligkeit

Ein neuer Mensch ist in dieser Welt angekommen. Foto: epd-bild

Ein neuer Mensch ist in dieser Welt angekommen. Foto: epd-bild

Jede Geburt ist ein Wunder und für die werdenden ­Eltern ein großes spirituelles ­Ereignis. Die Kirche sollte sie in dieser besonderen Situation begleiten.

Wenn eine Schwangerschaft beginnt, ist das für die Eltern eine Zeit der tief greifenden Veränderung und deshalb auch eine Zeit der Offenheit für Glauben und Spiritualität. Jede Geburt ist ein Wunder. Für die ganz großen ­Gefühle von Freude und Ehrfurcht werden meist kein Raum und keine Zeit gelassen.

Das Gesundheitssystem verspricht eine absolute Sicherheit durch die technisch-medizinische Begleitung bis hin zum Kaiserschnitt auf Wunsch. Es ist eine trügerische Verheißung, gegen die Hebammen ankämpfen, denn sie wissen, dass gebärende Frauen keine Patientinnen sind, sondern für Schwangerschaft und Geburt geschaffen, und dass Vertrauen ebenso wichtig ist wie Sicherheit. In der Kirche sind diese Erfahrungen nur dann im Blick, wenn es um Beratung, Ethik oder Trauerbegleitung geht. Warum nehmen die Mitarbeitenden in den Kirchengemeinden und in den Theologischen Fakultäten diese sensible Zeit im Leben der Menschen nicht wahr? Spüren sie nicht die Sehnsucht nach Sinngebung und Getragensein?

Zum einen galt der Körper der Frau jahrtausendelang als unrein, der Mutterschoß als Herkunftsort der Erbsünde und deshalb wurde erst die Taufe der Anfang wahren Menschseins. Und zweitens richtet sich der Blick von Theologie und Kirche auf Tod und Sterben und nicht auf das Geborensein. Das ist merkwürdig, denn in der Bibel ist der Mutterschoß nach dem Herzen das am häufigsten erwähnte Organ. »Du hast mich gebildet im Mutterleibe«, heißt es in Psalm 139, Vers 13.

Mit Hannah Arendt haben wir entdeckt, dass nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die Geburtlichkeit ein menschliches Grundfaktum ist. Und zur Geburt selbst schreibt die Philosophin: »Wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Tatsache der Geburt ge-
geben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt.

Auf die Frage, was das Besondere an der Geburt ist, nannten Hebammen wiederholt diese Begriffe: Grenzerfahrung, Ergriffenheit, Seligkeit, Wunder des Lebens, Schmerz, Krankheit und Tod, Raum und Zeit, Atmosphäre und Stille. Auch Mütter und Väter haben mir ihre Erlebnisse erzählt. Ich verstehe dies nun als eine Begegnung mit dem Heiligen. Das Heilige kann uns in vielen Lebensbereichen ergreifen, es ist nicht an einen religiösen Kontext gebunden. Das Heilige begegnet uns als fascinosum, als Seligkeit und Ekstase. Ebenso kann es uns aber auch als tremendum im Entsetzen über eine Krankheit oder gar den Tod ergreifen.

Das Geburtsgeschehen ist ein dramatischer Prozess. Die Beteiligten kommen an ihre äußersten Grenzen. Der Umschlag von überwältigenden Schmerzen zu vollkommener Seligkeit und Freude berührt und erschüttert die seelische Tiefe von Mutter und Vater. Das Heilige bindet sich an dieses dramatische Geschehen, denn es ist das Lebendige, das Leben Schaffende. Indem die Mutter mit all ihrer Kraft das Kind ins Leben schiebt, offenbart sich das schöpferische Heilige.

Zeit und Raum, Atmosphäre und Stille – auch dies sind Phänomene, die auf das Heilige hinweisen. Wenn die Mutter das Kind geboren hat, wenn die Hebamme es mit ihren Händen aufgefangen hat, wenn so ein neuer Mensch in dieser Welt angekommen ist, dann ist der ganze Raum erfüllt von einer dichten Atmosphäre. Jetzt ergießen sich die Gefühle von Leid – bei Krankheit des Kindes oder bei einem nicht gewollten Kind – und Freude über das gesunde Neugeborene und der Umschlag von größter Kraftanstrengung zu vollständiger Entspanntheit in den Raum. Die Zeit ist jetzt nicht messbare Zeit, chronos, sondern kairos, inhaltlich gefüllte Zeit. Sie steht plötzlich still. Diese Erfahrung machen wir auch bei der ­Sterbebegleitung.

Auch die Schmerzen gehören dazu. Es sind Schmerzen zum Leben hin.
Wenn wir Schwangerschaft und Geburt als Begegnung mit dem Heiligen, als eine besondere spirituelle Zeit verstehen, gewinnen wir eine Tiefendimension des Lebens zurück. Eine Mutter schrieb mir, nachdem sie ihr Kind geboren hatte: »Ich möch­te Frauen Mut machen, ihrer inneren Stimme zu folgen, auf ihren Körper und auf göttliche Führung vertrauend eine Geburt zu wagen, die eben kein angstvoll erwarteter, erschreckender Moment sein muss, sondern ein bewusst erlebtes, feierliches Ereignis, das zur großen Kraftquelle auch für spätere Zeiten werden kann.«

Was würde sich im kirchlichen Handeln ändern, wenn wir die erste Heimat im Mutterschoß und das Geburtsgeschehen mit einbeziehen würden? In manchen Gemeinden wird die Geburtsglocke geläutet. Eltern können die Geburt ihres Kindes beim Pfarramt melden. Dann wird morgens um 9.30 die Geburtsglocke eine halbe Stunde lang geläutet. In einer Leipziger Klinik wird jeden Monat eine Segnungsfeier für Neugeborene angeboten.

Fürbittgebete für Familien, die ein Kind erwarten, und Familiensegnung am Schluss der Taufe müssten den Unterschied zwischen Mutter und ­Vater ansprechen: Die Mutter hat dem Kind ihren Körper hingegeben, der Vater ist Schutz und Wärme für die ­Familie.
Bei alldem unterscheiden wir zwischen der Mutterschaft derer, die Kinder geboren haben und der Mütterlichkeit – eine Tugend, die heute bei Frauen und Männern sehr gefragt ist.

Für Kirche und Theologie tut sich ein weites Tor auf, werdende Eltern fühlen sich ernst genommen in ihren Sorgen und Hoffnungen, in ihrer Offenheit gegenüber dem Transzendenten, in ihrer Sehnsucht nach Vertrauen und in ihrem Angewiesensein auf mitfühlende Begleitung.

Von Hanna Strack

Die Autorin ist Pastorin im Ruhestand und lebt in Pinnow bei Schwerin. Sie hat drei Kinder. 2006 erschien ihr Buch »Die Frau ist Mit-Schöpferin. Eine Theologie der Geburt«, Christel Göttert Verlag, 357 S., ISBN 3-922499-85-6, 19,80 Euro