Norwegen: App für Konfirmanden

12. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie lernen gehörlose Konfirmanden das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote, Johannes 3,16 oder den Missionsbefehl? Natürlich in ihrer Muttersprache, der norwegischen Gebärdensprache, norsk teiknspråk (NTS). Die Gebärdensprache ist seit 2008 als eigenständige norwegische Minoritätssprache anerkannt. 25 000 benutzen diese täglich. Nur 5 000 von ihnen sind gehörlos oder schwerhörig, doch auch Eltern, Geschwister, Kinder sowie Lehrer oder Dolmetscher benutzten die Sprache. Sie hat damit mehr Benutzer als die drei in Norwegen verbreiteten samischen Sprachen zusammen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und  ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Etwa 80 Prozent davon sind Mitglied der norwegischen Volkskirche. Diese schließt auch einen eigenen landesweiten Kirchenkreis für die Gehörlosen ein. Diese nennen sich selbst stolz »Døve«, »Taube«. Ähnlich wie der reformierte Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands ist dieser Kirchenkreis des Bistums Oslo überregional und für das ganze Land von Alta bis Kristiansand und von Bergen bis Oslo zuständig. Die Mitglieder der Taubenkirche »Døvekirken« sind gleichzeitig Mitglieder der lokalen Gemeinden. Doch da das Mitgliedsregister der norwegischen Kirche ein solches System nicht hantieren kann, sind nur zehn Prozent der Tauben tatsächlich als Mitglieder der Taubenkirche registriert. Diese versucht ihren Mitgliedern, den registrierten und unregistrierten in acht eigenen Gemeinden sowie durch reisende Mitarbeiter im ganzen Land ein vollwertiges kirchliches Angebot anzubieten. Gottesdienste, Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen gehören dabei ebenso dazu wie kirchlicher Unterricht. Alles aber auf Gebärdensprache. Jedes Land hat dabei seine eigene Gebärdensprache, doch allen ist gemeinsam, dass sie keine eigene Schriftsprache haben. Lautsprachen haben mit der Stimme einen Artikulator, Gebärdensprachen hingegen haben mehrere gleichzeitig: die Hände, das Gesicht, die Augen, den Mund und den Oberkörper. Die Veränderung eines davon kann den Inhalt eines gebärdensprachlichen Ausdrucks vollkommen verändern. Deshalb ist bisher auch jeder Versuch einer eigenen Schriftsprache gescheitert. Die norwegische wie die deutsche Schriftsprache geben aber nur die jeweilige Lautsprache wider. Wie also sollen taube Konfirmanden ihr Vaterunser lernen? Für sie war die Antwort eindeutig: Mit einer App! Diese Herausforderung nahmen der Propst und seine Mitarbeiter ernst und nun ist eine App mit dem Namen »Konfirmanttekster« für Android Handys verfügbar. Bald soll auch eine Version für Iphones folgen. Die App ist übrigens über den im Play-Store auch in Deutschland kostenlos verfügbar.

Michael Hoffmann

Dem Glauben Gehör schenken

14. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vorgestellt: Der Gebärdenchor »SignSongs« des Berufsbildungswerkes für Hör- und Sprachgeschädigte Leipzig.
 
»SignSongs« ist ein Freizeitangebot für Auszubildende des Berufsbildungswerkes für Hör- und Sprachgeschädigte Leipzig. Auch ehemalige wie Rommy Rümmler sind dabei.
 

Rommy Rümmler »singt« das Lied mit den Händen. (Quelle: BBW)

Rommy Rümmler »singt« das Lied mit den Händen. (Quelle: BBW)

Laut dröhnt die Musik. »Gib mir’n kleines bisschen Sicherheit«, singt Stefanie Kloß von »Silbermond«. Es klingt gut, und es sieht gut aus. Denn Rommy Rümmler und die anderen des Chores »SignSongs« des Berufsbildungswerkes (BBW) für Hör- und Sprachgeschädigte Leipzig »singen« das Lied mit den Händen; genauer gesagt, sie stellen es in einer Choreografie in Gebärdensprache dar.

Ihre Stimmen benutzen sie nicht, die Lippen formen die Worte lautlos zur Gebärde. Die laute Musik dient ihnen als Orientierung. Die ungewöhnliche Interpretation ist auch für Hörende eine verblüffende Erfahrung, denn man hat mehr vom Lied. Es ist ein akustisches Erlebnis und ein optisches. Und etwas Seltenes, denn in Deutschland gibt es nur etwa zehn Gebärdenchöre.

Gegründet wurde der Chor im Jahre 1997. Er war damals das, was er heute noch ist – ein Freizeitangebot für Auszubildende des BBW, auch ehemalige wie Rommy Rümmler sind dabei. Was macht den Spaß am Chor aus? Für die 28-Jährige ist es das ­Zusammensein mit den anderen: »Wir treffen uns jede Woche zur Probe, ­unternehmen auch viel zusammen.«

Für Rommy ist es nicht nur Hobby, sondern auch Familie. Erst kürzlich ist sie mit ein paar anderen bei einer Hochzeit eines Chormitgliedes aufgetreten: »Das hat richtig Spaß gemacht.« Die Leipzigerin hat am BBW Mediengestalterin gelernt, schult aber gerade zur Heilerziehungspflegerin um, weil »sie mehr mit Menschen machen möchte und nicht nur vor dem Computer sitzen«.

Während ihrer Zeit am BBW hat Rommy Rümmler zum Glauben gefunden. Aus einem atheistischen Elternhaus stammend hatte sie keinen Bezug zu Gott. Dass der Träger des BBW die Diakonie ist, war für die Schülerin »unwichtig«, wie sie sagt. Doch dann sah sie einen Aushang: Thomas Günzel, der Religionslehrer und Seelsorger der Schule, lud zur Rüstzeit nach Italien ein. Rommy Rümmler las nur Italien und war gleich Feuer und Flamme. Dass auch mal aus der Bibel gelesen wird, war ihr klar. Machte ja nichts.

Erst im Jahr darauf, als es wieder zur Rüstzeit nach Italien ging, kam für die Atheistin Rommy Rümmler der Wendepunkt: »Ich weiß noch genau das Datum, es war der 17. August 2006.« Theologe Thomas Günzel hatte eine Andacht zum Thema Aberglaube gehalten und Rommy fragte sich und ihn: »Ist mein Aberglaube, meine Beschäftigung mit der schwarzen Magie, der Grund dafür, dass ich nicht an Gott glauben kann?«

Es folgten viele Gespräche und schließlich ihre Entscheidung, sich taufen zu lassen. Sie bestand auf einer Ganzkörpertaufe, auch für Thomas Günzel war das ungewöhnlich. Rommy Rümmler wusste damals, dass ihre Verwandten, Bekannte und Freunde kamen, ihre Mutter wollte eigentlich nicht: »Aber letztendlich ist Mama doch noch über ­ihren Schatten gesprungen, und war bei der Taufzeremonie dabei. Das hat mich berührt. Sie hat mir deutlich ­gezeigt, dass sie noch da ist, und ich sie nicht verloren habe.«

Bis heute ist es für Rommy Rümmler nicht leicht, als Einzige in ihrer ­Familie den Glauben zu leben. Aber man akzeptiert und toleriert sich ­gegenseitig.

Im BBW sind Christen in der Minderheit. Der studierte Theologe Thomas Günzel erzählt: »Einige gehen sehr offen damit um, andere eher versteckt.« Manchem hilft der Glaube, mit seinem Handicap als Schwerhöriger oder Gehörloser besser umzugehen: »Aber es ist wie so oft im Leben. Wer gut klarkommt, sucht weniger Rat und Hilfe. Wer aber mit seinem Schicksal hadert, der sucht Trost im Glauben.« Rommy Rümmler gehört nicht zu den Zweiflern.

Die junge Frau macht ­einen lebenslustigen, fröhlichen Eindruck trotz ihrer Behinderung, mit der sie offen umgeht. Sie kann gut von den Lippen absehen und besitzt ein Resthörvermögen, mithilfe ihrer Hörgeräte ist ihr so eine gute Kommunikation mit Hörenden möglich.

Als Thomas Günzel seine Stelle vor zwölf Jahren antrat, kamen nur 16 Jugendliche in den Religionsunterricht, inzwischen sind es 105. Darauf ist der Seelsorger stolz. Thomas Günzel hat das Konzept umgestellt. Der Unterricht findet nicht mehr eine Stunde pro Woche statt, sondern es gibt fünf ganztägige Projekttage im Jahr. So geht er mit seinen Schützlingen beim Thema Juden, Israel und Palästina in die Leipziger Synagoge, beim Thema Liebe, Sex und Geburt in ein Geburtshaus: »Unsere Dolmetscherin übersetzt die Erklärungen der Hebamme in Gebärdensprache. Da wird oft deutlich, warum gerade für Jungs das ­Gebärden und das Fragen manchmal schwierig ist.« Auch er selbst als Hörender habe viel gelernt durch die ­Gebärdensprache, die er inzwischen nach zwölf Jahren am BBW ganz gut beherrscht: »Anfangs habe ich das Gebärden als Zurschaustellen meiner Gefühle und Empfindungen empfunden. Aber Freunde und Bekannte ­meinen, ich hätte viel gewonnen und könne mich jetzt durch Mimik und Gestik viel besser ausdrücken.«

Auch beim Chor, in dem Rommy Rümmler Mitglied ist, ist das Besondere die Gebärdensprache. »Der Chor tritt meist vor gemischtem Publikum auf, also vor Hörenden und Nicht-­Hörenden. Das macht auch den Reiz aus«, erklärt Sandy Kober, eine von drei Gebärdensprachdolmetscherinnen im Berufsbildungswerk, die den Chor leiten. So erfahren die schwer oder gar nicht Hörenden im Publikum, was zum Beispiel Michael Jackson da eigentlich singt. Denn die Texte werden quasi zweimal übersetzt, vom Englischen ins Deutsche und dann in Gebärdensprache.

Heidrun Böger