Mensch und Ebenbild Gottes sein

16. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Vorgestellt: Dr. Martina Bärs Erkenntnisse über die Würde von Mann und Frau.

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Vom Haupteingang der Erfurter Universität führt der Weg über den Campus in südwestlicher Richtung zur Villa Martin, dem Sitz der Katholisch-Theologischen Fakultät. Wer denkt, dass hier nur Männer studieren, irrt. Obwohl in der katholischen Kirche die Frauenordination abgelehnt, nur Männer zum Priester geweiht werden, sind 50 Prozent der etwa 150 Studierenden Frauen. Die Möglichkeit als Pfarrerin zu arbeiten, ist ihnen zwar verwehrt.

Aber für Theologinnen gebe es in der katholischen Kirche viele Betätigungsfelder, so Dr. Martina Bär, wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments. Frauen können nach dem Studium als Pastoralreferentin, Gemeindereferentin, Lektorin, Lehrerin oder Dozentin arbeiten. In dem 13-köpfigen Professorenkollegium an der Erfurter ­Fakultät sind drei Frauen. »Das ist viel im Vergleich mit ­anderen Universitäten, wo teilweise gar keine Professorinnen sind«, erklärt Bär. Sie wurde kürzlich für ihre Dissertation mit dem Maria-Kassel-Preis 2011 der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster für Nachwuchswissenschaftler in der Theologie ausgezeichnet. Das Thema Bärs Arbeit: »Mensch und Ebenbild Gottes sein. Zur gottebenbildlichen Dimension von Mann und Frau.«

Martina Bär, 1976 geboren, zählt sich zur zweiten Generation der Frauenbewegung. Während die erste Generation sich für die Befreiung von Frauen aus ihrer nachgeordneten Stellung in der Gesellschaft einsetzte, nehme sie auch die Männer mit in den Blick, so die Theologin. Sie erkennt, im Kontext der Emanzipation der Frauen seien Männer die Verlierer, die ihre Rolle erst noch finden müssten. Warum werden Männer zu Tätern?

Im ersten Teil ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich die Wissenschaftlerin mit dieser Frage. Als Ursache für die Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder sieht sie Minderwertigkeitsgefühle und Erfahrungen von Unterdrückung an, wie sie in hierarchisch geordneten Strukturen erlebt würden. Nicht nur zwischen Männern und Frauen gehe es hierarchisch zu, sagt sie, sondern auch zwischen Männern. Ihr Anliegen sei das Gespräch zwischen Männern und Frauen, denn dieser »Dialog ist ein wichtiger Baustein für ein friedliches Zusammen­leben der Geschlechter«.

Den Akzent legt die Theologin nicht auf die Befreiung von Frauen, sondern auf die vorausgesetzte Befreiung, die Freiheit. Bär beruft sich dabei auf die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, deren Erkenntnis besagt: »Jeder Mensch ist ein freier Mensch.« Wenn der Mensch diese seine Freiheit erkannt habe, so Bär, könne er sein Leben und seine Beziehungen selbst gestalten. Er sei nicht Sklave einer gesellschaftlichen Rolle. »Der Mensch kann sich sowohl zu ­seinen körperlichen Vorgaben als auch zu seiner sozialen Rolle verhalten«, will sagen: Festgelegte Rollen und Strukturen müssen nicht auf ewig akzeptiert, sie können verändert werden.

Wer sich seiner eigenen Freiheit und deren Wertes bewusst sei, anerkenne auch die Freiheit eines jeden anderen Menschen und fordere ihn sogar auf, von seiner Freiheit Gebrauch zu machen, folgert die Wissenschaftlerin. Sie stützt sich dabei auf Fichtes Aufforderungslehre.

Typisch Mann, typisch Frau! Solche Kategorien will sie nicht gelten lassen. »Wir müssen aufhören, das andere Geschlecht zu interpretieren.« Die feministische Bewegung habe früh darauf aufmerksam gemacht, dass von körperlichen Geschlechtsmerkmalen soziale Normen, Rollen, Ordnungen und Gesellschaftsstrukturen abgeleitet worden seien. »Der Körper diente als Legitimationsgrundlage, den Frauen eine nachgeordnete Stellung in der Gesellschaft und in den Beziehungen der Geschlechter zu geben«, betont Bär. Aber es sei falsch, den Menschen über den Körper und das Geschlecht zu definieren. »Die Selbsterkenntnis »Ich bin« ist geschlechtsneutral.

Der Mensch nehme sich ­zuerst als Mensch, erst danach als ­geschlechtliches Wesen wahr. Diese Erfahrung entspreche dem biblischen Schöpfungsbericht Genesis 1, Verse 26 und 27. »Der Clou daran ist, Gott schafft den Menschen, erst in einem zweiten Schritt wird präzisiert, dass der Mensch männlich und weiblich geschaffen ist.« In der Theologiegeschichte sei man immer davon ausgegangen, dass der Begriff »Mensch« nur auf den Mann bezogen sei. In ­ihrer Doktorarbeit belege sie, dass »Mensch« auf Mann und Frau bezogen sei.

Das Argument, der Mann sei zuerst von Gott erschaffen worden, entlarvt die Theologin als männliche Interpretation. Ebenso die harsche neutestamentliche Reglementierung, dass die Frau in der Gemeinde zu schweigen habe. »Das ist nicht von Paulus«, erwidert sie. Hier handle es sich um redaktionelle Eingriffe, interessegeleitet, jedoch nicht im Sinne des Apostels.

Die katholische Kirche ist für manche Überraschung gut. Einerseits ist die Frauenordination ein Tabuthema. Andererseits ist eine Dissertation wie die von Martina Bär möglich, worin sie darlegt, dass Christus von Männern und Frauen repräsentiert werden könne. Die junge Frau kennt die beschränkten Möglichkeiten für Theologinnen in ihrer Kirche, dennoch fühlt sie sich ihr verbunden. »Ich bin in meiner Kirche verwurzelt.« Und sie hat eine gute Alternative, zu arbeiten und zu wirken. »Hier an der Uni fühle ich mich frei und nicht eingeschränkt.« Zurzeit bereitet sie sich auf ihre Habilitation vor. Dabei beschäftigt sie sich mit einem ganz anderen Thema, mit antiken Stätten. Sie forscht, warum Großstädte – die Geburtsstätten des Christentums – so wichtig waren für die Verbreitung des Evangeliums. Eine Frage, nicht minder spannend als die nach der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Sabine Kuschel