Nette Bilder, aber nichts Neues
30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Ernüchterung nach Spitzentreffen

Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)
Sie wurde von vielen als Höhepunkt der Papstreise angesehen: die Begegnung zwischen Benedikt XVI. und den Spitzenvertretern des deutschen Protestantismus im Erfurter Augustinerkloster.
Immerhin das erste Mal in der Geschichte, dass ein katholischer Oberhirte eine Lutherstätte besuchte und das zweite Mal, dass der Bischof von Rom einen Gottesdienst mit evangelischen Christen feierte. Daneben stand das Gespräch im kleinen Kreis, von dem sich viele Menschen – wenn schon nicht die Klärung aller Probleme in der Ökumene – so doch konkrete Impulse, etwa für den Weg zu einem gemeinsamen Abendmahl erwarteten. Und hatten sich wohl auch gewünscht, dass der Papst für Martin Luther nicht nur anerkennende Worte finden, sondern den einst verhängten Kirchenbann aufheben möge.
Doch so nahe sich Papst Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, im ebenso hermetisch abgeriegelten wie sonnendurchfluteten Klosterhof auch kamen (siehe Foto) – die Bilanz fällt ernüchternd aus.
Das Treffen habe in »geschwisterlicher Atmosphäre« stattgefunden, betont Schneider. »Wir haben wirklich aufeinander gehört.« Aber dennoch: »Unser Herz brennt nach mehr«, so Schneider. (GKZ)
Papst Benedikt XVI. hat in seiner Begegnung mit den Vertreterinnen und Vertretern der EKD im Augustinerkloster in Erfurt von unserer gemeinsamen ökumenischen Aufgabe gesprochen, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, tiefer und lebendiger zu glauben. Daran sollten wir anknüpfen.
Natürlich hätten wir uns mehr und konkretere Aussagen zur Ökumene erhofft, auch wenn nicht zu erwarten war, dass wir einen ökumenischen Vertrag unterschreiben würden. Ich verstehe die Aussage des Papstes aber als eine Aufforderung und als Protestanten sind wir bereit, uns gemeinsam auf den Weg zu machen – durchaus in ökumenischer Ungeduld.
Jedenfalls habe ich die Hoffnung und bin ermutigt, dass wir uns jetzt gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche in Deutschland aufmachen, das Fest zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 zu bedenken und zu feiern.
Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Teilnehmerin der Papstbegegnung
Der Besuch des Papstes im Evangelischen Augustinerkloster zur Begegnung mit einer Delegation der EKD und der anschließende gemeinsame Gottesdienst – beides war ein deutliches ökumenisches Signal. Dies wurde mir noch einmal besonders klar am Samstag während der Messe auf dem Domplatz. Im Vergleich zu dieser riesigen Veranstaltung und zur sehr großen Entfernung zwischen Papst und Gemeinde dort war das Treffen im Augustinerkloster ein großes Signal an das Miteinander.
Positiv überrascht hat mich, wie klar und ausdrücklich er Martin Luthers Theologie und geistliches Ringen für unser gemeinsames christliches Zeugnis heute aufgenommen hat.
Und enttäuschend ist für mich, dass er keine weiteren konkreten Schritte im ökumenischen Miteinander angeregt hat, auch nicht auf ausdrückliche evangelische Nachfrage im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 hin. Seine Antwort war dennoch ermutigend. Sinngemäß sagte er: Schaut, ob es Euch in Eurem Herzen drängt, hier mehr Schritte aufeinander zu und miteinander zu tun. So hat er das weitere ökumenische Miteinander – ganz evangelisch – in die Hände und Herzen der Kirchen und Gemeinden vor Ort gelegt.
Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Teilnehmerin der Papstbegegnung
An den Besuch des Papstes hatten sich im Vorfeld viele Erwartungen geknüpft, auch in Bezug auf das ökumenische Verhältnis. Ich sehe es so, dass die Begegnung als solche dementsprechend der ökumenische Zugewinn war, und das wird verstärkt durch den Ort, an dem sie stattfand. So war es wohltuend zu hören, wie der Papst die Person Martin Luther als einen Gottes- und Wahrheitssucher gewürdigt hat.
Zu den konkreten Fragen der ökumenischen Situation hat sich der Papst, auch auf Nachfrage, nicht geäußert. Auch wenn man realistischerweise nichts anderes erwarten konnte, so war dies doch bedauerlich. Auch nach diesem Besuch ist nicht damit zu rechnen, dass die römisch-katholische Kirche ihre bisherige Sichtweise in absehbarer Zeit revidiert.
Jochen Bohl, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Teilnehmer der Papstbegegnung
Bestes Wetter, freundliche Stimmung, bunte Bilder. Sonst nichts, was einen Aufbruch auch nur andeuten würde.
Im nichtöffentlichen Teil fand der Papst würdigende Worte für Luthers Gottesringen und dessen christozentrischen Glauben. Die Freiheitsbotschaft blieb ausgespart.
Im öffentlichen Gottesdienst vermied er das »L«-Wort gänzlich. Und zur Verhandlung steht nichts. Folgerichtig waren die Reformen anmahnenden Katholiken keines Gesprächs, nicht einmal eines Wortes wert.
Auch der Bundespräsident blieb ohne Antwort – weil der Oberhirte keinen Hirtenhut aufhatte und die prächtige Mitra zu fest saß. Es geht doch nicht vorrangig um Lehrunterschiede, sondern um gegenseitige Öffnung und Gleichachtung im Geiste Jesu Christi!
Das Ganze blieb so mager wie teuer.
Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Publizist, Wittenberg
»Wo Gott ist, da ist Zukunft« war das Motto des Papstbesuches. Dass das auch für seinen »Stellvertreter auf Erden« gilt, wird man nach Abschluss der Reise nicht sagen können.
Auf alle konkreten Zukunftsfragen der Kirche blieb Benedikt XVI. Antworten schuldig.
Beispiel Ökumene: Den großartigen Kairos, in Erfurt wertschätzende Worte über Martin Luther mit ein paar Anstößen zur Zukunft der Ökumene zu verknüpfen, hat der Papst vertan. Stattdessen die beinharte Position: Über Fragen des Glauben wird nicht verhandelt.
Das war anmaßend und ein Schlag ins Gesicht für alle, die aus ihrem Glauben für ökumenische Öffnungen der Kirchen arbeiten. »Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Diener eurer Freude«, schrieb Paulus an die Korinther (2. Kor, 1,24).
Eine Vertröstungs-Ökumene, die sich anmaßt, endlos mit Gottes Geduld spielen zu können, ist in Erfurt an ihr Ende gekommen. Fazit: Erwartet nichts von oben, lebt Ökumene an der Basis!
Joachim Garstecki, katholischer Theologe, Magdeburg
Lange erwartet, von vielen ersehnt, von manchen erhofft, von einigen abgelehnt, aber immer in der öffentlichen Debatte – der Papst. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag war umstritten, nicht wegen des Inhaltes, denn den hätte man sich erst anhören müssen, um streiten zu können, sondern ob der Tatsache, dass ein Kirchenoberhaupt und der Vertreter des Vatikanstaates im deutschen Parlament spricht.
Ich habe ihn mir angehört und kann für mich feststellen, dass die Rede von Parlamentspräsident Lammert für mich als evangelischen Christ sogar die spannendere war. Denn er mahnte die Ökumene an und viele weltliche Fragen, denen sich auch die Kirche stellen müsste.
Benedikt hat eine professorale Rede vor dem Bundestag gehalten, die auf Werte, Recht und Gerechtigkeit verweist, aber leider auch Anleihen an der Naturrechtslehre nimmt, die er als katholisches Oberhaupt eben katholisch fundamentiert.
Amüsiert habe ich mich allerdings, dass die katholischen Würdenträger der Papstdelegation in ihren roten beziehungsweise violetten Ornaten Platz nahmen auf den leeren Abgeordnetenplätzen der LINKEN. Soviel rot war selten bei uns Roten.
Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender von DIE LINKE im Thüringer Landtag
Papst Benedikt XVI. hat nichts Neues gesagt, nicht in der rechtsphilosophischen Vorlesung vor dem Bundestag, nicht im Augustinerkloster in Erfurt. Der wache Mann mit verschmitztem Humor jenseits des Redemanuskripts bringt religiöse Fragen, Gott, Jesus Christus zur Sprache. Er will diese Welt nicht dem rein Funktionalen und dem »Diktat des Relativen« überlassen. Intellektuell anspruchsvoll, geistlich anregend und zeitgeistig inkorrekt war das. Applaus!
Der Pomp, das Papstamt an sich und die Prinzipienreiterei stehen auf einem anderen Blatt. Die römisch-katholische Kirche hat einen langen Atem. Da kann Protestanten schon mal die Luft ausgehen.
Die nicht überraschende Konsequenz lautet: Am Miteinander von Protestanten und Katholiken ändert der Besuch nichts. Nichts zum Guten und nichts zum Schlechten.
Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Witten, und Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen
Mut zum Frieden in Zeiten des Krieges
9. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Museum zum Gedenken an die fast 3.000 Opfer des 11. Septembers 2011 in New York. (Quelle: picture-alliance/dpa)
Gedenken: Der 11. September 2001 und die Folgen auf die Weltpolitik und die Friedensethik
Die Terroranschläge in den USA vor zehn Jahren haben die Welt verändert. Doch es gilt, sich nicht nur mit den Folgen, sondern auch mit den Ursachen auseinanderzusetzen.
Von Friedrich Schorlemmer
Dieser 11. September 2001 ist zum Menetekel geworden. Aus »heiterem Himmel« kam es zu einer Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß, deren Bilder sogleich um die ganze Welt gingen. Alles, was in Horror-Filmen über Monster- und Marsmenschen erdacht wurde, geschah. Plötzlich war »Ausnahmezustand«. Die Spaßgesellschaft war am Ende.
Vorläufig.
Unvergesslich: Ein Eingeschlossener winkte in 380 Meter Höhe mit einem Tuch, bis der erste Turm in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus, generalstabsmäßig, wie bei einer Sprengung, und begrub alles unter sich: Menschen, Einrichtungen, den Stolz Amerikas.
Im World Trade Center hatte sich die Welt-Markt-Macht symbolisiert, wie die militärische Macht im Pentagon. Eine Weltmacht taumelte in Trauer, Wut, Kränkung.
Sie wollte der Welt bald beweisen, dass sie stark genug ist, die Schuldigen zu finden und auszulöschen. Die Täter waren mit äußerster Brutalität vorgegangen, gnadenlos mit ihren Opfern, gnadenlos mit sich selbst. Der Hass hatte eine ungeheuerliche kriminelle Energie freigesetzt.
»Warum hassen sie uns so?«, fragte die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (1933 bis 2004) und wurde dafür selber gehasst. Die USA, die seit Ronald Reagan »das Fenster der Verwundbarkeit« schließen und sich gegen »Schurkenstaaten« aus dem Weltraum schützen wollten, waren nun durch Gotteskrieger mit den Mitteln des zivilen Weltverkehrs getroffen worden. Die Utopie der Unverletzbarkeit zerstiebte.
Was da ersonnen und durchgeführt wurde, das war das Böse, das von sich selbst glaubt, es richte sich gegen das Böse. Es hat Nährboden gefunden. Es hat Gründe, es hat Geld. Es hat Verführungskraft.
Die Ursachen rechtfertigen nicht solches Tun, aber dieses Tun ist auf seine Ursachen hin zu untersuchen. Was geschehen ist, war nicht mit einem Schlag, auch nicht mit vielen Schlägen aus der Welt zu schaffen, schon gar nicht aus der Luft.
George W. Bush reagierte mit archaischen Rachemustern. Er rief den New War aus und versprach, die Täter überall zu jagen, forderte Afghanistan auf, die alsbald ausgemachten Anführer »auszuspucken«.
Das amerikanische Volk wäre gut beraten gewesen, gemeinsam mit der Völkergemeinschaft alles dafür zu tun, dass mit der Stärke des Rechts konsequent gegen terroristische Banden, Organisationen, Staaten, Einzelpersonen oder Ideologien vorgegangen wird. Nichts wäre nötiger gewesen als die Mobilisierung der Solidarität der Völkergemeinschaft über alle kulturellen, religiösen und sozialen Schranken hinweg.
Niemand sollte einen mörderischen Kulturkampf vom Zaune brechen, sondern ihm jede Rechtfertigung entziehen! Nichts ist mehr sicher. Die moderne Welt und alle ihre Einrichtungen sind gefährdet. Die offene Gesellschaft ist gefährdet.
Sollte sie sich abschließen und auf die Freiheit verzichten und der Illusion garantierbarer Sicherheit alles opfern?
Sollten die Geheimdienste, die versagt hatten, alle Macht bekommen, alle Vollmachten über uns und alles permanent überwacht werden?
Wir sind aus der Unbefangenheit vertrieben.
Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Globalisierung auch bedeutet, dass alles mit allen und allem zusammenhängt und deshalb auch alles von allen abhängt.
Aber die Bomben, mit denen ganze Völker in Geiselhaft genommen wurden, weil ihre Führer Terroristen beherbergten, wurden selber zum Futter für neue Extremisten. Bombenfutter.
Die zivilisierte Menschheit bleibt gefordert, die Täter und ihre Hintermänner dingfest zu machen, sie zu verurteilen und zugleich alles zu vermeiden, was Hass schürt. Es gilt, sich mit seinen Ursachen, nicht nur mit seinen Folgen zu beschäftigen.
Er lässt sich nicht totbomben, denn Tod – zumal durch »Kollateralschäden« – wurde Anlass für neuen Hass und führte wieder zum (heimtückischen) Tod. Der nun zehn Jahre tobende Afghanistankrieg wird militärisch nicht zu gewinnen sein.
Es ist der größere Mut gefordert, der Mut zum Frieden in Zeiten des Krieges, der sich der Vergeltung enthält und einen gerechten Frieden anstrebt.
»Die Hauptsache ist der Effekt«
8. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Karikatur: NEL
Wie medien- und öffentlichkeitswirksam soll die Kirche sein? Braucht sie Events?
Dazu ein mit spitzer Feder geschriebener Beitrag von Friedrich Schorlemmer.
Der Kirche fehlt’s an Zulauf. Jetzt meint mancher, wir müssten mehr pressetaugliche Tabubrüche wagen, statt immer das blasse »mehr Vertrauen« zu wagen. Es muss etwas sein, woran die Presse einfach nicht vorbei kann. Also brauchen wir Bilder und Menge. Events eben, die die Massen erreichen. Wie sang zu meinen Kindertagen im Wirtshaus im Spessart das Duo Müller/Neuss: »Die Hauptsache, Hauptsache ist der Effekt.«
Nur der Erfolg gilt. Ergo wird in Luthers Taufkirche in Eisleben aufwendig eine Ganz-Körper-Taufgrube ausgehoben. Da muss der Pfarrer/die Pfarrerin mit ins Nass, wie sonst? Aber in welchem liturgischen Outlook? Ein treffliches Thema für ökumenischen Austausch mit den Baptisten. Ich frag aber: Warum nicht lieber in den Whirlpool gehen, wo das gemeine, so entchristlichte Volk sowieso ist. Also, endlich von der Komm- zur Gehkirche gelangen! Doch: Äußerste Vorsicht ist geboten bei ungeübter Ganz-Körper-Taufe: dass daraus kein Waterboarding mit lebenslangem Tauchtrauma wird!
Das Eventstadel Wittenberg machte es 2010 vor: 800 Leute standen am 2. September um 17.00 Uhr hinter einer kleinen, putzigen Luther-Kunststoff-Figur. Sie wussten und sagten indes nicht, wofür sie standen, außer für ein Foto. Und für Masse eben. Jedem sein klein Lutherlein. Und der Superintendent versprach als Strafe für seine verlorene Wette Würstchen für einen guten Zweck auszugeben. Da wird die Kirche doch endlich einmal volkswürstlich.
Und 800 Leute, das gibt es sonst doch nur zu Heiligabend. Ließe sich nicht der Heilige Abend noch aufpeppen? Also: süßer die Flocken nie klingeln, während Zuckerwattenschnee von den Emporen geschüttet wird. So süüüße Weihnacht. Vielleicht auch noch ein Leuchtfeuer, eine 20 Meter hohe Kerze mit einem Durchmesser von einem Meter.
Wenn man für Ostern keinen von den so populären Osterhasen zur Verfügung hat, so würden’s doch auch kuschlige Kaninchen tun, die man zum Ostergottesdienst mitbringen darf. Das zentrale Himmelfahrtsevent würde fortan von Cap Canaveral aus ökumenisch angeboten. Mit Public Viewing bis in jedes Nest. Also die Auffahrt in den blauen Himmel bei Bier und Brause. Wetten, dass die Leute kämen? Zumal Blau-Sein bei Himmelfahrt schon lange populär ist.
In den Kirchtürmen allüberall sollte man Taubenschläge einrichten und in der Nacht vor Pfingsten diese Kirchentauben einfangen und in das Kirchenschiff entlassen. Mal sehen, auf wessen Kopf sie sich setzen, jene Symbole für den Heiligen Geist. Zum Festgottesdienst wird zudem ein echter Pfingstochse durch den Mittelgang geführt. Der Pfarrer folgt, die Gemeinde steht auf. Es bleibt unentscheidbar, vor wem sie aufstehen.
Erotik-Shows haben sich ja bereits bewährt. Da kommen die Leute aller Generationen! Denn wir sind doch nicht mehr prüde. Und hatte es David nicht mit den Weibern gehabt? Und wie war es mit Jesus und dem Lieblingsjünger, ja mit der treuen Maria-Magdalena und ihren schönen langen Haaren? Der sexuell verklemmte Paulus hat uns wirkungsgeschichtlich den Weg in die griechische Liebesgöttinnen-Welt versperrt – samt allem Dionysischen. Also weg damit! Wir sind doch auch sexy als Kirche. Nicht nur Berlin.
Der Reformationstag fände künftig als Nacht-Licht-Show mit überall gruseliger Faszination statt, wenn die erleuchteten Kürbisköpfe aus den Grüften steigen und singen: »Alles vorbei, Tom Dooley, morgen da bist du tot. Trinke noch einen Whisky …« Das Schimpfen gegen Halloween bringt doch nichts. Wir müssen das assimilieren. (Die ganze Kirchengeschichte ist voll von Assimilationen des Heidnischen und der Volksbräuche!)
Eine Kunstaktion auf der Wartburg brächte sicheren Zulauf: Tintenfass-Wettwerfen auf den Teufel vor weißer Leinwand und Versteigerung der entstandenen Kunstprodukte für einen guten Zweck (diesmal ohne Würstchen). Und wer genauer wissen will, wie es in Luthers Bauch ausgesehen hat, der esse eine Woche lang lediglich (nicht ganz gare) Hülsenfrüchte und verstehe sodann besser, wieso Luther auf die Idee kommen konnte, dem Teufel, diesem Tausendkünstler-Tausendsassa, jenem Diabolus, dem geschickten Durcheinanderbringer des Glaubens, notfalls auch mit einem Furz abzuweisen. Das waren Zeiten, als diese noch so richtig rochen …
Also, an jedem Sonntag ließe sich ein (durchaus wiederholbarer, also traditionsbildender) massenanlockender Gag finden. Bevor sich das alles durchgesetzt hat: ab nach Eisleben zur Ganz-Körper-(Wieder)-Taufe. Zum Taufevent.
Nun aber mal ganz im Ernst: Das alles ist die Not-Taufe einer Kirche, die ihrer Sache nicht mehr traut. Wo die Kirche sich populistisch den Events unterwirft, kommt sie theologisch auf den Hund. Wo sie freilich weiterhin nur theologische Richtigkeiten verbreitet, aber das Emotionale, das Anschauliche, das Sinnliche, das Spielerische, das Symbolische versäumt, da erkaltet sie und erreicht den Menschen nicht – weder äußerlich, noch im Innersten. Sie wird lehrreich, aber leer. Doch das Medium muss der Sache dienen und ihr angemessen bleiben. Alles andere ist Verrat an der Sache, der durch den Erfolg nicht gerechtfertigt werden kann. Das Verfremdete, das Gestaltete, auch Aufrüttelnde hat seinen Platz in der Kirche, die vom kreativen Überschuss, von überzeugten und begeisterten Menschen lebt, die gerne anderen das Evangelium auf vielerlei Weise nahebringen wollen. Und wenn Gott keinen Humor hätte, würde selbst ER unglücklich.
Eine Kirche, die populistisch & eventig wird, treibt mit dem guten Geschmack auch das aus, »was uns unbedingt angeht«. Martin Luther war bekanntlich die Taufe unendlich wichtig. Immer wenn er in tiefe Selbstzweifel kam sagte er sich: »Ich bin getauft.« Ich bin in Christus eingetaucht, von ihm bestimmt und erlöst. Aber nun Luthers Taufkirche so hervorzuheben, dass man Taufe zu einem Eislebener Luthertaufkirchenevent macht, widerspräche ganz und gar seinen Anliegen, nicht zuletzt unserer seit Jahrzehnten mit guten Gründen geübten Praxis, die Taufe innerhalb des Gottesdienstes in der Ortsgemeinde zu vollziehen. In der Ortsgemeinde!
Luther, Zwerge und jede Menge Streit
20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Luther zum »Begreifen«: Seit vergangenem Sonnabend bevölkern rund 800 verkleinerte Nachbildungen des Lutherdenkmals den Wittenberger Marktplatz. Bis zum 12. September sollen dazu jeweils werktags ab 17.45 Uhr und sonntags ab 12 Uhr Texte des Reformators gelesen werden. (Foto: Achim Kuhn)
In Wittenberg regt bis September eine spektakuläre Kunstaktion zur Auseinandersetzung mit dem Reformator an
Martin Luther ist etwa einen Meter groß und ganz aus Plastik. Rund 800 rot, grün oder blau gefärbte Luther-Zwerge des Nürnberger Aktionskünstlers Ottmar Hörl stehen derzeit auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg, ganz ordentlich in Reih und Glied. Alle sind sie dem normalerweise auf dem Marktplatz stehenden, im 19. Jahrhundert von Johann Gottfried Schadow errichteten Lutherdenkmal nachempfunden, das noch bis zum 12. September restauriert wird.
»Martin Luther hat sich selbst nie auf einen Sockel gestellt«, sagte Hörl bei der Übergabe des Kunstwerks am vergangenen Sonntag. »Luther hat sich immer ganz kleingemacht.« Aus Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), deren Bevollmächtigter in Wittenberg, Prälat Stephan Dorgerloh, die Initiative zu der Kunstaktion ergriffen hatte, sollen die Lutherfiguren zur Auseinandersetzung mit dem Reformator anregen. »Ist Luther ein Heiliger, gehört er auf einen Sockel oder mitten ins Leben?«, fragte Dorgerloh bei der Eröffnung der Kunstaktion. »Ich glaube, Luther stünde heute mittendrin, und würde versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.«
Friedrich Schorlemmer sieht das anders. Der ehemalige Direktor der Evangelischen Akademie Wittenberg und frühere DDR-Bürgerrechtler bezeichnete das Kunstwerk als »theologisches und ästhetisches Schindluder«, das mit Luther getrieben werde. »Martin Luther ist doch nicht serienmäßig zu haben«, wetterte der Theologe, der schon Monate vor Beginn der Kunstaktion scharfe Kritik daran äußerte. Mehr noch, es sei ein »geschmackloser Ablasshandel mit Plastefiguren«, wenn die Lutherzwerge nach Ende der Aktion an Interessierte in der ganzen Welt verkauft werden.
Stephan Dorgerloh allerdings hält dagegen: »Von Feuerland bis Lappland entsteht dann ein Netz aus Botschaftern für Wittenberg«, beschreibt der Prälat die Vision. Schon heute fände sich eine Lutherfigur in Thailand, und eine weitere im Arbeitszimmer des finnischen Erzbischofs.
Und der Oberbürgermeister Wittenbergs, Eckhard Naumann (SPD), erinnerte daran, dass Martin Luther eine »universelle Persönlichkeit« gewesen sei. Luther zufolge sei jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. »Deswegen kann auch jeder, der sich eine kleine Lutherfigur kauft, selbst entscheiden, was er damit macht.«
Benjamin Lassiwe
Wie Gottes Wort von der Kanzel hörbar werden kann
18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Die protestantische Predigtkultur – Ein Beitrag von Friedrich Schorlemmer
Bei uns Protestanten kommt alles aufs Wort an. Auf das zutreffende und treffende, das tröstende und mahnende, das befreiende und verpflichtende. Das Wort, das von Herzen kommt und das im Herzen ankommt, freilich auch der Kopf nicht entbehrlich wird. (»Verkopft« lautet oft der Vorwurf.) Wir sind in einer Zeit der Bilderdominanz schlecht dran, vor allem dann, wenn wir das Wort nicht wirksam zu handhaben wissen, wenn das Wort uns nicht so ergreift, dass auch andere ergriffen werden.Es gibt eine große protestantische Predigtkultur von Luther über Löscher bis zu Schleiermacher und Bonhoeffer. Ich selber habe Menschen erleben können, große Prediger aus unserer Region, an die ich mich so dankbar erinnere. An Dietrich Mendt und Ludwig Große, an Christof Ziemer und das Ehepaar Gabriele und Andreas Herbst, an Klaus-Peter Hertzsch und Heino Falcke, an Werner Krusche und Johannes Jänicke. Die haben mich mit ihrer besonderen Begabung nie kleingemacht, sondern mir Mut gemacht. Sie konnten und können nicht nur reden, sondern hatten etwas zu sagen, das ganz aus ihnen kam und ansprechend zu uns Hörern »rüberkam«.
Vor allem anderen steht die Frage, wie SEIN Wort in meinen Worten von der Kanzel herab hörbar wird. Wie bekommt das Göttliche im Menschlichen Stimme? Es war der Germanist Walther Jens, der die Predigt als Rede(kunst) wiederzuentdecken empfahl. Das WAS bestimmt das WIE, der Inhalt die Sprachform, der Anlass die Sprechweise. (Um es nett zu sagen: Unsere Predigtkultur ist in einem durchaus verbesserungsfähigen Zustand.)
Das Wichtigste bleibt die Frage, was den Prediger/die Predigerin treibt: als wache Zeitgenossen, als einfühlsame Seelsorger, als denkende Subjekte mit tiefem Respekt vor dem Bibelwort – die Kunst des Verstehens und des Verständlichmachens so gut es eben geht zu beherrschen. Wie bringen sie den Text des Lebens mit dem auszulegenden Abschnitt aus der Schrift zusammen? Der Prediger braucht nicht mehr und nicht weniger als ein gutes Gefühl für die Sprache, die Fähigkeit zum Sprechen und die Erkenntnis dessen, was jetzt zur Sprache kommen soll. Alle die, die zu einem Gottesdienst bei uns Evangelischen kommen, erwarten besonders etwas von der Predigt und beurteilen den ganzen Gottesdienst von der Predigt her. Das ist geradezu misslich. Gehören dazu nicht die Lieder, die Psalmen, die Gebete, die Lesungen, der Raum, das Licht, das Kirchenjahr und die Mithörenden, die ganze Atmosphäre?
Unser Dilemma kommt aus einer gewichtigen theologischen Entscheidung Martin Luthers bei der Übersetzung des Römerbriefes, wo er übersetzt: »Der Glaube kommt aus der Predigt.« (Römer 10,17) Dort heißt es eigentlich: Der Glaube kommt aus dem Hören. Luther hat nicht falsch übersetzt, aber damit Glaubensvermittlung zu sehr an unser (Kanzel-) Predigen gebunden, wiewohl jeder Hausvater es auch tun soll.
Inzwischen hat das Predigen im allgemeinen Sprachgebrauch eher einen pejorativen Klang. Wenn es da heißt, dass ein Schriftsteller oder gar ein Kabarettist predigen würde, so meint man, dass sie etwas ernst und gut gemeint hätten, aber das gut Gemeinte würde das Peinliche.
Unsere bestallten Prediger sollten mehr lernen von den großen Rednern und wissen, dass die Predigt eine Rede ist. Sie hat einen Unterhaltungswert, der nicht zu gering zu schätzen ist, sofern das nicht flapsig wird. Es muss in jeder Weise ein Vergnügen sein zuzuhören. Was da gesagt wird, mag nahegehen und angehen. Und es ist nicht schlecht, wenn man es »schön gesagt hat«. Zur Fortentwicklung der Predigtkultur in jeder Zeit gehört, dass Predigende täglich ein gutes Stück Literatur zu sich nehmen und dass sie die Heilige Schrift auch als Literatur zu würdigen verstehen.
Der aus der Antike stammende Gleichklang von docere, movere und delectare ist schon ein guter Kompass für die Predigtvariationen. Man kann sich das auch so übersetzen: Orientieren, Anrühren und Aufmuntern. Dem Wort in der Geräuschwelt und im Talk-Geschwätz etwas zutrauen, dem Wort nachhören, ehe man es selber zur Sprache bringt. Bloße Predigttechnik jedenfalls reicht nicht nur nicht aus, sondern wäre das Falscheste, was wir machen könnten; doch was man machen und lernen kann, soll man wohl auch machen und lehren.
Ansonsten muss man es kommen lassen: natürlich, authentisch, selber errungen – um dann genau das zu sagen, was einen wirklich drängt. Wes das Herz nicht übergeht, der soll auch nicht reden. Es gilt zuförderst zuhören zu lernen, den Text zu lesen und noch einmal zu lesen und noch einmal zu lesen. Laut. Die Poesie der Schrift zu entdecken und sie hörbar zu machen. Das Reden als einen ganzheitlichen Vorgang verstehen. Predigen ist der stetige Versuch, ein Schriftwort zu erklären, Dunkles und Verworrenes zu klären, aber auch zu überzeugen. Und das Gesagte ins Gespräch zu bringen – mit mündigen Mitchristen, mit allen existenziell Fragenden, mit Suchenden und (Ver-) Zweifelnden.
Luther hat 1530 in seiner Vorrede zu den Seligpreisungen so wunderbar gesagt, was zu einem Prediger gehört: Auftreten. Mund auftun. Etwas sagen. Rechtzeitig aufhören. Und fügte hinzu: frisch und getrost. Nichts verschweigen oder nur murmeln. Alles unerschrocken und klar heraussagen, es treffe, wen oder was es wolle. Ordentlich zurechtgemacht sein, schade auch nicht.
P. S.: Warum kommen nicht alle Pfarrer regelmäßig zu einer Predigt-Weiterbildung zusammen? Eine Art Balint-Gruppe für Prediger!
Aber, Ihr Prediger und Predigerinnen, vergesst nicht: ohne die Musik wird alles nichts, denn sie geht ins Herz. Das am Freitag in Lutherstadt Wittenberg eröffnete »Zentrum für evangelische Predigtkultur« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird viel zu tun haben. Das mag (un)merklich allen zugute kommen.
Friedrich Schorlemmer

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Begegnung mit den Vertreterinnen und Vertretern der EKD im Augustinerkloster in Erfurt von unserer gemeinsamen ökumenischen Aufgabe gesprochen, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, tiefer und lebendiger zu glauben. Daran sollten wir anknüpfen.
Der Besuch des Papstes im Evangelischen Augustinerkloster zur Begegnung mit einer Delegation der EKD und der anschließende gemeinsame Gottesdienst – beides war ein deutliches ökumenisches Signal. Dies wurde mir noch einmal besonders klar am Samstag während der Messe auf dem Domplatz. Im Vergleich zu dieser riesigen Veranstaltung und zur sehr großen Entfernung zwischen Papst und Gemeinde dort war das Treffen im Augustinerkloster ein großes Signal an das Miteinander.
An den Besuch des Papstes hatten sich im Vorfeld viele Erwartungen geknüpft, auch in Bezug auf das ökumenische Verhältnis. Ich sehe es so, dass die Begegnung als solche dementsprechend der ökumenische Zugewinn war, und das wird verstärkt durch den Ort, an dem sie stattfand. So war es wohltuend zu hören, wie der Papst die Person Martin Luther als einen Gottes- und Wahrheitssucher gewürdigt hat.
Bestes Wetter, freundliche Stimmung, bunte Bilder. Sonst nichts, was einen Aufbruch auch nur andeuten würde.
»Wo Gott ist, da ist Zukunft« war das Motto des Papstbesuches. Dass das auch für seinen »Stellvertreter auf Erden« gilt, wird man nach Abschluss der Reise nicht sagen können.
Lange erwartet, von vielen ersehnt, von manchen erhofft, von einigen abgelehnt, aber immer in der öffentlichen Debatte – der Papst. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag war umstritten, nicht wegen des Inhaltes, denn den hätte man sich erst anhören müssen, um streiten zu können, sondern ob der Tatsache, dass ein Kirchenoberhaupt und der Vertreter des Vatikanstaates im deutschen Parlament spricht.
Papst Benedikt XVI. hat nichts Neues gesagt, nicht in der rechtsphilosophischen Vorlesung vor dem Bundestag, nicht im Augustinerkloster in Erfurt. Der wache Mann mit verschmitztem Humor jenseits des Redemanuskripts bringt religiöse Fragen, Gott, Jesus Christus zur Sprache. Er will diese Welt nicht dem rein Funktionalen und dem »Diktat des Relativen« überlassen. Intellektuell anspruchsvoll, geistlich anregend und zeitgeistig inkorrekt war das. Applaus! 