»Ein witziges, muthiges und beherztes Weib«

20. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Frauen des Mittelalters: Katharina von Schwarzburg, die »Heldenmütige«

Als Friedrich Schiller im Sommer 1788 die Erzählung »Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt im Jahre 1547« schrieb, setzte er damit einer überaus mutigen Frau der Reformationszeit ein literarisches Denkmal: Katharina von Schwarzburg, »die Heldenmütige« genannt. Schillers Episode erfuhr bis heute zahlreiche Adaptionen, doch der Erste, der die Geschichte überliefert, war der Jurist Cyriakus Spangenberg in seinem 1591 erschienenen »Adelsspiegel«. Die Gräfin ­selber hatte sie ihm am 24. Mai 1552 erzählt.

Darstellung der Gräfin Katharina von Schwarzburg auf einer Chorstuhlwange in der Marienkirche Hanau. Foto: wikipedia

Darstellung der Gräfin Katharina von Schwarzburg auf einer Chorstuhlwange in der Marienkirche Hanau. Foto: wikipedia

Es war im Juni 1547, kurz nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes gegen das Heer Karls V., als ein Teil der kaiserlichen Truppen ­unter dem berüchtigten Herzog Alba durch schwarzburgisches Gebiet in Richtung Rudolstadt zog. Hier residierte Gräfin Katharina von Schwarzburg-Blankenburg, Witwe Heinrichs XXXII. In weiser Voraussicht hatte sie die Brücke über die Saale so weit vom Stadtzugang verlegen lassen, dass der Einzug des feindlichen Heeres kaum möglich war. Allerdings hatte sich Herzog Alba selber zum Frühstück bei der Gräfin eingeladen. Weil sie dieses Ansinnen schwerlich zurückweisen konnte, ging der Herzog am 26. Juni mit dem Herzog von Braunschweig und einigen seiner Gefolgsleuten zu ihr auf das Schloss. Doch während man speiste, kamen Boten Katharinas und berichteten, die Truppen des kaiserlichen Heeres würden plündernd durchs Land ziehen. Und das, obwohl die Gräfin einen kaiserlichen Schutzbrief besaß, der ihre Untertanen vor diesen Plünderungen bewahren sollte! Katharina war zutiefst empört. Ohne dass es Alba bemerkte, hieß sie ihre Diener, welche die hohen Gäste umsorgten, sich zu bewaffnen und die Türen abzuschließen. Danach stellte sie den Herzog zur Rede und forderte, wenn ihren Bauern nicht sogleich das geraubte Vieh wiedergegeben würde, müsse sie eben »Fürstenblut für ­Ochsenblut« nehmen. Offensichtlich brachte sie ihre Forderung so nachdrücklich vor, dass Alba sich schriftlich verpflichtete, diese unverzüglich zu erfüllen. So kamen die Untertanen der Gräfin, aber auch der Herzog, noch einmal glimpflich davon.

Katharina wurde im Januar 1509 als Tochter des Grafen Wilhelm von Henneberg-Schleusingen geboren. 1524 heiratete sie Heinrich XXXII. von Schwarzburg-Blankenburg. Aus der Ehe gingen drei Töchter und zwei Söhne (?) hervor, über deren Geburt ein von ihr selbst angelegtes Verzeichnis unterrichtet. Auch einige ihrer Briefe sind erhalten. Danach scheint sie tatsächlich »ein witziges, muthiges und beherztes Weib«, gewesen zu sein, wie C. F. Paulini im Jahre 1700 anmerkt, die zudem »im Gesetz des Herrn Tag und Nacht geforscht« habe.

Schon früh hatten sich Katharina und ihr Gemahl zu Luther bekannt und 1527 die Reformation in der Oberen Herrschaft eingeführt. Als Heinrich XXXII. 1538 starb, übernahm seine Frau die Regierungsämter Rudolstadt und Blankenburg und setzte sein Werk entschlossen fort. Sie kümmerte sich um die Verbesserung des Schulunterrichts, berief evangelische Lehrer und Geistliche und gewährte den wegen ihres Glaubens Verfolgten Schutz. So beherbergte sie 1548 heimlich den Lutherfreund und Pfarrer in Saalfeld Kaspar Aquila für mehrere Monate auf ihrem Schloss, über den die Reichsacht verhängt worden war. Als 1564 auch in Rudolstadt der sogenannte »Wucherstreit« um die Rechtmäßigkeit der Zinsgeschäfte entbrannte, ließ Katharina Gutachten von Universitäten, Theologen und ­Juristen einholen, um die lutherische Position in diesem Streit moraltheo­logisch zu stärken.

Allerdings konnte sie ihre Interessen auch mit Härte verteidigen, wie die Bewohner des Dorfes Mörla 1563 zu spüren bekamen. Weil sie die Wasserleitung, die von ihrer Quelle zum gräflichen Schloss führte, zerstört hatten, ritt Katharina mit Bewaffneten ein und ließ einige der Männer einsperren. Dafür rächten sich die Mörlaer, so erzählt man, auf ihre Weise: Als die Gräfin wieder einmal an der Quelle nach dem Rechten sehen wollte, soll sie von als »Butzemänner« verkleideten Männern in den Quellteich gestürzt worden sein. Noch heute feiert man hier das »Butzelmannfest«, bei dem Katharina höchst unfein vom Pferd in den Teich gestoßen wird.

Als Katharina am 7. November 1567 starb, wurde sie in der Stadtkirche St. Andreas in Rudolstadt beigesetzt, ihre Grabplatte befindet sich im Chorbereich. Ein Denkmal in der Marktstraße zu Rudolstadt erinnert noch heute an die resolute Fürstin, die als »Katharina, die Heldenmütige« und eine der berühmtesten Frauenpersönlichkeiten der Schwarzburger in die Geschichte einging.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin.

Flöte spielender Kriegsherr

21. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Jubiläum: Vor 300 Jahren wurde Friedrich der Große, der König von Preußen geboren, er gilt als Repräsentant des aufgeklärten Absolutismus

Berlin und Brandenburg ­feiern 2012 den 300. Geburtstag Friedrich des Großen.
Der preußische König ging als Inbegriff eines aufgeklärten Monarchen in die Geschichte ein. Doch der ­Herrscher­alltag sah anders aus.

Seine Taufe war die letzte, die im Berliner Stadtschloss mit barockem Pomp gefeiert wurde. Als Friedrich II. vor 300 Jahren am 24. Januar 1712 geboren wurde, da wollte sich sein Großvater und erster preußischer König eine solche »Solennität« (Feierlichkeit) noch nicht nehmen lassen. Der Täufling wurde bei dem Zeremoniell nicht nur mit dem Segen Gottes versehen, sondern gleich auch mit dem Orden vom Schwarzen Adler dekoriert, dem höchsten preußischen Orden.

Mit Thomas Mann, Adolf Hitler und Erich Honecker könnte die Schar seiner späteren Verehrer unterschiedlicher nicht sein, von den Preußen-Enthusiasten heutiger Tage ganz zu schweigen. Hingegen verbannte Helmut Schmidt eine Friedrich-Büste aus seinem Büro, als er 1969 Verteidigungsminister wurde. Mit dem »Alexander dem Großen im Taschenformat« wollte der Sozialdemokrat nichts zu tun haben.

Schon Zeitgenosse Friedrich Schiller mochte »diesen Charakter nicht lieb gewinnen«. Nicht erst mit einem Zeitabstand von zwei Jahrhunderten konnten die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit ins Auge stechen. Kein anderer Monarch hatte sich bis dato so zu den Ideen der Aufklärung bekannt, sich gar als Flöte spielender »Philosoph auf dem Thron« verstanden und Freundschaften zu Intellektuellen geknüpft – wie Friedrich zu Voltaire.

1781, acht Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt der damals schon mehr als vier Jahrzehnte regierende preußische König, »dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind«. Die Gesetze seien dazu da, »die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen«. Schon zuvor hatte Friedrich erklärt, der Fürst sei »nur der erste Diener des Staates«.

Bereits vier Tage nach seiner Thronbesteigung hatte er die Folter abgeschafft, nur nicht für Hochverrat. Weitere zwei Tage später hob Friedrich auch die Zensur auf. Ein halbes Jahr danach, als er ohne Kriegserklärung Schlesien überfiel, führte er sie jedoch wieder ein.
Durch die Annexion soll sein Land zur Großmacht aufsteigen, was Friedrich auf friedlichem Wege nicht erreichen kann. Das Preußen des Jahres 1740 ist dafür zu schwach, ein rückständiger Flickenteppich.

Im Keller des Berliner Schlosses liegt allerdings ein Staatsschatz von acht Millionen Goldtalern, und die Armee ist von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. gut ausgebildet. In jungen Jahren hatte der »Soldatenkönig« selbst den Kronprinz zum Spiel mit Zinnsoldaten und Pistolen gezwungen. Wenn sich Friedrich beim Abfeuern von Kanonen als »hasenfüßiges Kind« zeigte, verachtete der Vater ihn. Dieser Drill führte dann auch zur ­Auflehnung gegen den Vater und zu der Tragödie um die Fluchtpläne mit Freund Hans Hermann von Katte, für die dieser hingerichtet wurde.

Im fünfjährigen Schlesien-Krieg zeigt der neue König dann keine Abneigung mehr gegenüber dem Militär. Beim Triumphzug durch Berlin rufen ihn Claqueure zu »Friedrich dem Großen« aus. Es folgen Reformen nach innen. Der König kümmert sich persönlich um die Bauern, macht den Oderbruch urbar. Es entsteht der Mythos vom fürsorglichen Landesherren. Die Leibeigenschaft schafft Friedrich aber nicht ab. Knechte wie auch Juden dürfen nicht »nach ihrer Façon« leben.

Nach den jüngst veröffentlichten »Schatullrechnungen« war es auch mit einer angeblichen Sparsamkeit nicht so weit her. Seine berühmten Windspiel-Hunde, neben denen er unbedingt begraben werden wollte, waren ihm pro Jahr 20 Taler wert – es war das Jahresgehalt seiner Klofrau. Und um auch im Januar sein Lieblingsobst verspeisen zu können, gab er für Kirschen 396 Taler aus.

Es sind nicht die einzigen Kosten, die dem Staat entstehen. Friedrichs »Siebenjähriger Krieg« (1756–1763) gegen Österreich, Russland und Frankreich wird nicht nur zum finanziellen Desaster.

Ganze Landstriche werden verwüstet, mit einer Million Toten verliert das Land proportional mehr Einwohner als Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nur der frühe Tod der russischen Zarin rettet Friedrich. Um die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, reduziert er sogar heimlich den Edelmetallanteil. Der Monarch wird zum Falschmünzer.

Der Krieg bringt Friedrich an den Rand der Selbsttötung. Fast hätte er zu den 18 giftigen Opiumpillen gegriffen, die er ständig um den Hals trägt. Doch der Tod ereilt ihn erst mehr als zwei Jahrzehnte später. Friedrich, schwerkrank und unter wachsender Atemnot leidend, stirbt in einer Augustnacht 1786 in einem Sessel des von ihm erbauten Lieblingsschlosses Sanssouci in Potsdam. Seine Gemahlin, mit der er keine Kinder hatte und die er auch schon mal als »Kuh« angesprochen haben soll, hatte er ein halbes Jahr zuvor das letzte Mal gesehen.

Nicht nur in ihren Augen dürfte Friedrich »das alte Ekel« gewesen sein. Die Trauer nach seinem Tod hielt sich offenbar in engen Grenzen: »Alle Welt beglückwünschte sich«, ­notierte einer seiner letzten Besucher, der französische Marquis de Mirabeau. »Kein Bedauern wird laut.«

Jürgen Heilig, (epd)