Friedhofskultur auf Skandinavisch

9. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: An diesem Wochenende ist Totengedenken – Gottesäcker mit viel weniger Regeln als in Deutschland.

Pflegeleicht und wenig Regeln: Die Friedhofsvorschriften in Norwegen zwingen niemanden, aus Angst vor der Überforderung durch die Grabpflege auf ­anonyme Grabfelder auszuweichen. Foto: Michael Hoffmann.

Pflegeleicht und wenig Regeln: Die Friedhofsvorschriften in Norwegen zwingen niemanden, aus Angst vor der Überforderung durch die Grabpflege auf ­anonyme Grabfelder auszuweichen. Foto: Michael Hoffmann.


Am ersten Wochenende im November besuchen die Skandinavier die Gräber ­ihrer Lieben. Es ist der »Alle helgens dag«, das einzige große kirchliche Fest des Herbstes.

Der »Alle helgens dag« ist aus dem katholischen Fest Allerheiligen hervorgegangen, das auch als das Osterfest des Herbstes bezeichnet wird. Dieses Fest wird in orthodoxen Kirchen am ersten Sonntag nach Pfingsten und in der römisch-katholischen und der anglikanischen Kirche am 1. November gefeiert.

Es wurde ursprünglich zum Gedenken an alle Märtyrer begangen, die keinen eigenen Feiertag haben. Der in Halle geborene Arzt Johann Friedrich Struensee (1737–1772) verlegte 1770 als Regent des Königs von Dänemark-Norwegen den Feiertag im Rahmen einer Feiertagsreduktion.

In Dänemark und Norwegen wird er nun am ersten Sonntag im November und in Schweden einen Tag früher ­gefeiert. Inhaltlich entspricht er eher dem ­Allerseelentag, der in der katholischen Kirche am 2. November begangen wird und dem evangelisch-deutschen Ewigkeitssonntag: Es wird der im vergangenen Jahr Verstorbenen gedacht.

Alle Friedhöfe in Norwegen sind kirchliche Friedhöfe, auch wenn es in einigen Städten inzwischen muslimische Grabfelder gibt. Die Vorschriften für Beerdigungen sind sehr übersichtlich: Es gibt ein Gesetz. Dieses schreibt vor, in der Regel innerhalb von acht Tagen nach dem Todesfall zu beerdigen und es sichert, dass ein ­einfaches Grab in der Kommune des Wohnsitzes 20 Jahre kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

»Kultur ist lebendig, sie entwickelt und verändert sich. Dies gilt auch für christliche Friedhofskultur«

 
Es gibt eine Vorschrift zum Gesetz, das die Normen für die Einrichtung von Friedhöfen, die Abmessungen von Gräbern, einen Sargzwang, Regeln für die Behandlung von Särgen und Urnen, den Betrieb von Krematorien und insgesamt acht Paragrafen über Grabsteine auf Gräbern enthält.

Es soll in der Regel nur ein Grabstein pro Grab aufgestellt werden. Text, Fotografien, Verzierungen und Symbole sollen zurückhaltend eingesetzt und normalerweise nur die Namen der dort Beerdigten verzeichnet werden. Der Stein muss aus einem Material sein, das das norwegische Wetter und das Rasenmähen auf dem Friedhof verträgt, und er darf nicht zu groß sein.

Ein Gewicht von 300 Kilogramm soll nicht überschritten werden. Doch Ausnahmen sind möglich, so lange der Stein entsprechend der Vorschriften mit einem Fundament und Bolzen gegen Umfallen gesichert ist. Weitere Vorschriften gibt es nicht. Trotzdem ist der Friedhof ein Platz des stillen Gedenkens und kein Platz des Wettbewerbs.

Im Gegensatz zu deutschen Friedhöfen sind die Gräber meist nicht gegeneinander abgegrenzt. Manche, aber nicht alle, nutzen die Fläche eines A3-Blattes vor dem Grabstein für Blumen und Grabschmuck. Der Rest des Grabes ist mit Rasen überwachsen und wird von der Kirchengemeinde mit dem Rasenmäher gepflegt.

Kaum ein alter Mensch muss sich, aus Angst davor, seine Angehö­rigen mit der Grabpflege zu überfordern, für ein anonymes Grab entscheiden. Ich habe in Deutschland den Schmerz von Menschen erlebt, deren Angehörige in einem anonymen Grabfeld auf einem städtischen Friedhof weit weg beerdigt wurden, und die nun kein Grab haben um ihre Trauer auszudrücken.

Oft wünschten sich die Verstorbenen, die selbst viele Jahre lang Gräber aufopferungsvoll gepflegt hatten, für sich selbst ein einfach zu pflegendes Grab: Ohne regelmäßiges Harken und Bepflanzen, ein Ort für Andacht und stilles Gedenken. Doch dafür war auf dem kirchlichen Friedhof vor Ort kein Raum.

Ich verstehe, dass kirchliche Friedhöfe auch als solche zu erkennen sein sollen. Doch wer hat entschieden, dass es nur die eine christliche Friedhofskultur gibt? Warum ist es nicht möglich, einen Blick nach Herrnhut zur Brüder-Unität, ins katholische Bayern oder gar über die Landesgrenzen hinaus zu werfen? Vielleicht steckt hinter den oft detaillierten Friedhofsordnungen aber auch ein deutsches Bedürfnis, alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten zu regeln?

Kultur ist lebendig, sie entwickelt und verändert sich. Dies gilt auch für christliche Friedhofskultur. Jeder Versuch, sie unverändert in einem engen Korsett zu konservieren, muss auf Dauer scheitern. Ich bin in meinen zehn Jahren als Pfarrer in Norwegen noch mit keiner Friedhofssatzung in Berührung gekommen. Mein persönlicher Entschluss steht übrigens auch fest: Ich möchte in einem einfachen norwegischen Grab beerdigt werden und nicht in einem engen deutschen kirchenbürokratischen Korsett.

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Pfarrer im norwegischen Haram und Fjørtoft.