»Frühling in der Kirche«: 20 Jahre Frauenordination in England

30. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Frau auf der Kanzel gehört auch in der anglikanischen Kirche heute zum ganz normalen Bild. Das war jedoch nicht immer so. Im Gegenteil: In der Geschichte der Church of England sind ordinierte Pfarrerinnen noch eine recht neue Erscheinung. Erst 1994, vor genau 20 Jahren also, wurden die ersten Frauen ordiniert. An diesen Jahrestag wird nun Anfang Mai mit einem nationalen Festakt und Gottesdienst in London erinnert.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Die erste Ordination war dabei allerdings nicht in London. Am 12. März 1994 wurden in der Kathedrale von Bristol die ersten 32 Frauen zu Pfarrerinnen der anglikanischen Kirche ordiniert. Die erste dieser Frauen war an diesem Tag Angela Berners-Wilson. Sie erinnert sich: »Der Gottesdienst selbst war wunderbar, berührend und vom Geist erfüllt. Das Gefühl der Erwartung und Freude, das uns von der versammelten Gemeinde entgegenschlug, als wir zum Beginn des Gottesdienstes einzogen, war fast greifbar. (…) Der Frühling war in der Kirche angebrochen.«

Bis dahin war es ein langer Weg gewesen. Bereits 1975 gab es die ersten Vorstöße in diese Richtung. In jenem Jahr stellte die Generalsynode fest, dass es im Grunde nichts gegen eine Frauenordination einzuwenden gäbe. Bis zur tatsächlichen Umsetzung dauerte es jedoch noch fast 20 Jahre.

Als es schließlich 1994 zu den ersten Ordinationen kam, fanden diese nicht völlig ohne Proteste statt. Doch England wäre nicht England, wenn man dabei nicht auch die humorvolle Seite entdecken würde. Im November 1994 wurde die erste Folge der Komödie »The Vicar of Dibley« (Der Pfarrer von Dibley) im Fernsehen ausgestrahlt. Die Serie, die die Erlebnisse einer Pfarrerin in einem kleinen Dorf zum Inhalt hat, war dabei so erfolgreich, dass sie mit Preisen und Auszeichnungen geradezu überschüttet wurde. Als Grundlage für die komischen Alltagsszenen einer Dorfpfarrerin dienten dabei die Erfahrungen von Joy Carroll, einer der ersten ordinierten Pfarrerinnen.

Heute besteht ein Drittel der Geistlichkeit in der anglikanischen Kirche aus Frauen. Zu Protesten kommt es deshalb schon lange nicht mehr, stattdessen wird gefeiert. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Brüder und Schwestern in der englischen Staatskirche durchaus noch nicht die gleichen Möglichkeiten haben. Denn der Aufstieg zur Bischöfin bleibt den Frauen nach wie vor verwehrt. Alle dahin gehenden Bemühungen sind bis dato noch nicht von Erfolg gekrönt. Die bislang letzte Abstimmung erfolgte im November 2012 und verpasste ganz knapp die erforderliche Mehrheit. Nun erhofft man sich ein besseres Ergebnis, wenn es 2015 zur nächsten Abstimmung kommen wird. Denn erst wenn Pfarrerinnen auch Bischöfinnen werden können, wird es »Sommer in der Kirche« sein, wie es Angela Berners-Wilson ausdrückt.

Julia Wohlgemuth

»Wir hoffen, dass die Vernunft siegt«

8. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Russland: Offiziell stehen die Lutheraner der ELKRAS zur Frauenordination – doch unumstritten ist sie nicht
 
In ihrer Heimat gelten sie als Exoten. Oder als Avantgarde. Die zwölf Pastorinnen der ­russischen Lutheraner trafen sich im Erfurter Augustinerkloster zu ihrer ersten ­Theologinnenkonferenz.
 
Bis diesen Mittwoch waren die zwölf Pastorinnen der Evangelisch-Lutherischen  Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS) in Erfurt erstmals zu einer gemeinsamen Tagung zusammen. (Foto: GAW)

Bis diesen Mittwoch waren die zwölf Pastorinnen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS) in Erfurt erstmals zu einer gemeinsamen Tagung zusammen. (Foto: GAW)

Auf Einladung des Gustav-Adolf-Werkes in Leipzig waren sie vom 25. September bis 7. Oktober gekommen: Ein Dutzend Pastorinnen, die mit insgesamt 104 Pastoren und Predigern Dienst tun. Ihr Arbeitgeber heißt offiziell »Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien«. Eingebürgert hat sich indes die Bezeichnung ELKRAS. Sie steht für »Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland und anderen Staaten«.

1999 beschloss die aus den Wurzeln deutschstämmiger Lutheraner hervorgegangene ELKRAS eine Kirchenordnung, in der es heißt: »In der Evangelisch-Lutherischen Kirche können grundsätzlich alle Ämter und Dienste Männern und Frauen übertragen werden.« Als erste Pfarrerin wurde Inessa Thierbach ordiniert, heute Pröpstin im Ural-Gebiet. Doch nicht nur bei Orthodoxen oder Katholiken, auch in der eigenen Kirche sind die Frauen im Talar nach wie vor umstritten.

»Frauen als Pastorinnen müssen sehr viel Mut haben«, fasst es Olga Temirbulatowa, Pfarrerin der Gemeinde in Samara an der Wolga, zusammen. Oft spürten sie, dass sie nur »aus der Not heraus« akzeptiert würden. Die Kirche mit derzeit rund 120000 Mitgliedern, von denen allerdings nur etwa 20000 Kirchensteuern zahlen, finde zum Beispiel kaum Männer, die sich für wenig Geld etwa in eine sibirische Gemeinde schicken ließen. Denn diese verfügten meist noch nicht einmal über eigene Gebäude, geschweige denn über eine Pfarrwohnung.

Viele, vor allem der älteren männlichen Kollegen, entstammen zudem der Tradition der »Brüdergemeinden«. In den Zeiten der Verfolgung fanden sich in den kommunistischen Straf- und Arbeitslagern die Laien-«Brüder« zusammen, beteten gemeinsam und legten die Bibel aus. So überlebte der lutherische Glaube. Die Kehrseite: In den Brüderkreisen herrscht vielfach eine schlichte Theologie mit wortwörtlichem Bibelverständnis und der entsprechenden Ablehnung von Frau­en in kirchlichen Leitungsämtern. Manche der Frauen fühlt sich von baptistischen oder sogar orthodoxen Geistlichen eher akzeptiert, als von den eigenen Kollegen.

»Wir spüren, dass der Beschluss zur Ordination von Frauen auch ­kippen kann«, sagt eine Pfarrerin aus Tadschikistan. Das Beispiel der lettischen Lutheraner, die erst vor wenigen Jahren die dort eingeführte Berufung von Frauen in geistliche Ämter stoppte, wirke auf manche Vertreter in der Synode sehr verlockend. »Wir hoffen, dass in unseren Männern die Vernunft siegt, weil sonst an vielen Stellen die geistliche und diakonische Arbeit gefährdet ist«, sagt unter lauter Zustimmung eine Pastorin aus Sibirien.

Der Kampf gegen Traditionen ist auch auf einer anderen Ebene nötig. Denn in »Russland und anderen Staaten« gibt es immer weniger Russlanddeutsche. Eine Öffnung der Kirche für die jeweils einheimische Bevölkerung ist nötig. Und gewollt: »Wir sind keine deutsche Gemeinde! Das müssen wir auch unseren eigenen Leuten immer wieder sagen«, betont etwa Maria Goloshschapova aus dem Kaliningrader Gebiet. »Wir predigen auch nur noch russisch, aber wir singen und beten oft in Deutsch«, hält Olga Temirbulatowa dagegen. »Denn das sind unsere Wurzeln, zu denen wir stehen müssen.« »Was sind unsere Wurzeln?«, fragt sofort eine Kollegin zurück.

»Glaube oder Sprache?« Russlands Lutheranerinnen jedenfalls bleiben in der Diskussion nicht bei der Selbstbespiegelung stehen.

Harald Krille

Marsch durch die Institutionen

8. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Frauen im geistlichen Amt: Auf Kanzeln sind sie selbstverständlich – in Leitungsfunktionen allerdings weniger

Vor 60 Jahren in Deutschland noch undenkbar: Frauen auf der Kanzel sind in den evangelischen Landeskirchen inzwischen Normalität. Und auch Freikirchen ­öffnen sich mehr und mehr für Pastorinnen. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)

Vor 60 Jahren in Deutschland noch undenkbar: Frauen auf der Kanzel sind in den evangelischen Landeskirchen inzwischen Normalität. Und auch Freikirchen ­öffnen sich mehr und mehr für Pastorinnen. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)


Vor wenigen Wochen hat der Bund Freier evangelischer Gemeinden beschlossen, dass in der protestantischen Freikirche Pastorinnen tätig werden können. Anlass zu einer Bilanz.

Es war eines der großen Themen, die der Protestantismus im 20. Jahrhundert kannte: die Einführung der Frauenordination. 1991 hatte die letzte Landeskirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die kleine Evangelisch-Lutherische Landeskirche von Schaumburg-Lippe, den Weg für Pfarrerinnen/Pastorinnen frei gemacht. Mittlerweile sind laut der 2009 erschienenen EKD-Broschüre »Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben« 7196 der 22636 evangelischen Theologen im aktiven Dienst der 22 Landeskirchen weiblich: Die Frauenquote beträgt derzeit also 31,8 Prozent.

Erst kürzlich bat der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich die Frauen seiner Kirche um Entschuldigung: Die Landeskirche habe ihnen über lange Zeit verwehrt, »das gleichberechtigte Zeugnis von Jesus Christus ausrichten zu dürfen«, sagte der Theologe, der auch leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) ist, Ende September bei einem Gottesdienst aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums des bayerischen Theologinnenkonvents in Nürnberg. Die Kirche habe Schuld auf sich geladen, »indem sie Männern und Frauen in der Nachfolge Jesu nicht den gleichen Wert und die gleichen Möglichkeiten geräumt hat, wie es der Glaube an Jesus Christus geboten hätte«.

In Führungsämtern ist das freilich immer noch der Fall: Nach den Rücktritten von Margot Käßmann und Maria Jepsen ist die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann derzeit die einzige leitende Geistliche in der EKD. Und auch auf der Ebene der Regionalbischöfe und Generalsuperintendenten sind Frauen unterrepräsentiert, sieht man einmal von der Potsdamer Generalsuperintendentin Heilgard Asmus, der Münchener Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler und der hannöverschen Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann ab.

Die Gründe dafür sind vielfältig – vor allem aber liegt es daran, dass die mit der Kandidatenfindung beauftragten synodalen Gremien keine Frauen aufstellen. So wie bei der nächsten anstehenden Bischofswahl, jener in Hannover, wo sich mit dem Berliner Generalsuperintendenten Ralf Meister und dem hessen-nassauischen Diakonieexperten Wolfgang Gern, zwei Herren um die Nachfolge von Margot Käßmann bewerben.

Ähnlich ist die Situation in den Freikirchen: Mittlerweile ordinieren fast alle in Deutschland aktiven Freikirchen Frauen zu Pastorinnen. Und ihre Frauenquoten gleichen sich immer mehr jenen der Landeskirchen an – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: In der von William Booth gegründeten und seiner Tochter Evangeline fortgeführten Heilsarmee sind die Frauen in der Mehrheit. 57 Prozent aller in Deutschland stationierter Heilsarmee-Offiziere (gleichbedeutend mit Pastoren) sind Frauen und 43 Prozent Männer, bestätigte ein Sprecher des Nationalen Hauptquartiers im vergangenen Jahr.

Und es sind die Methodisten, die mit Rosemarie Wenner die neben Ilse Junkermann zweite evangelische Bischöfin in Deutschland haben, während es bei den Baptisten mit der Theologin Regina Claas mittlerweile eine Generalsekretärin gibt (die den Baptistenbund nach innen und außen vertritt).

Selbst die Kirchen, die lange mit ­einer Entscheidung für die Frauenordination zögerten, denken mittlerweile um: Im September beschloss der Bund Freier evangelischer Gemeinden auf seinem Bundestag es ­seinen Gemeinden freizustellen, ob sie Pastorinnen ordinieren oder nicht. Anders ist die Lage noch in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), die derzeit so wie ­russlanddeutsche Brüdergemeinden keine Frauen ordiniert. Doch auch in der SELK gibt es mittlerweile eine ­lebendige Diskussion über die Einführung der Frauenordination, deren Befürworter in ihrer Kirche freilich noch keine Mehrheit haben.

Benjamin Lassiwe

Frauenordination in Deutschland

Kirchen, in denen Frauen Pastorin/Pfarrerin sein können:
  • Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit 22 Mitgliedskirchen, ca. 25 Millionen Mitglieder
  • Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden/Baptisten (BEFG), ca. 84000 Mitglieder
  • Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden, ca. 50000 Mitglieder
  • Evangelisch-methodistische Kirche (EmK), ca. 57000 Mitglieder
  • Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP), ca. 44100 Mitglieder
  • Bund Freier evangelischer Gemeinden (FeG), ca. 37000 Mitglieder
  • Alt-Katholische Kirche, ca. 15000 Mitglieder
  • Evangelische Brüderunität/Herrnhuter Brüdergemeine, ca. 6200 Mitglieder
  • Die Heilsarmee, ca. 4000 Mitglieder
Kirchen, in denen Frauen nicht Pastorin/Pfarrerin sein können:
  • Römisch-katholische Kirche, ca. 25,2 Millionen Mitglieder
  • Orthodoxe Kirchen, ca. 1,3 Millionen Mitglieder
  • Brüdergemeinden, ca. 45000 Mitglieder (geschätzt)
  • Russlanddeutsche Gemeinden, ca. 30000 bis 40000 Mitglieder (geschätzt)
  • Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK), ca. 35600 Mitglieder
  • Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, ca. 35400 Mitglieder

(GKZ)