Nigerias unheiliger Krieg

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Warum Armee und Polizei in Nigeria dem Terror keinen Einhalt gebieten können

Die Islamisten von Boko Haram wüten immer unverfrorener im Nordosten Nigerias. Militärische Reaktionen ändern daran nichts. Im Gegenteil, sie treiben immer mehr junge Männer zu den Extremisten.

Über die Lage seines Landes könnte Nigerias Präsident Goodluck Jonathan in den sozialen Netzwerken vermutlich noch einiges lernen. Dort läuft die internationale Online-Kampagne »#BringBackOurGirls« auf Hochtouren, für die selbst die US-amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama ein Foto von sich postete. Es geht um das Schicksal der mehr als 240 Schülerinnen, die Mitte April in der Ortschaft Chibok im Nordosten Nigerias von Mitgliedern der Terrorgruppe Boko Haram entführt wurden. Wie viele noch in der Hand ihrer Kidnapper sind und wo sich die Gruppe befindet, ist unklar.

Dennoch erklärte Jonathan vor einer Woche im Fernsehen, er sei glücklich darüber, dass die entführten Schülerinnen unversehrt seien. Weil es für diese Behauptung keine Grundlage gibt, war die Empörung groß. Bekannt ist nur, was der mutmaßliche Anführer von Boko Haram, Abubakar Shekau, in einem Bekennervideo behauptete: »Ich werde sie als Sklavinnen auf dem Markt verkaufen.«

Grenzenloser Schmerz: Ein Frau weint während einer Demonstration für die Befreiung der entführten Schulmädchen. Foto: picture alliance/AP Phote/Sunday Alamba

Grenzenloser Schmerz: Ein Frau weint während einer Demonstration für die Befreiung der entführten Schulmädchen. Foto: picture alliance/AP Phote/Sunday Alamba

Schon davor war die Informationspolitik der Regierung in dem Fall katastrophal. Und das nicht nur aus bösem Willen, meint der Nigeria-Experte Heinrich Bergstresser. Der aus dem prosperierenden Süden stammende Jonathan habe keine Vorstellung vom rückständigen und verarmten Norden, sagte Bergstresser. Der Norden sei für ihn eine andere Welt, mit der er nichts zu tun haben wolle. Stattdessen delegierte er das Problem an seine Berater und das Militär. Weil offensichtlich ist, dass die Regierung die Mädchen nicht befreien kann, haben die USA, Großbritannien und Frankreich Terrorspezialisten nach Nigeria entsandt.

Vor rund einem Jahr verhängte die Regierung den Ausnahmezustand über den Nordosten des Landes, das Kerngebiet von Boko Haram. Trotzdem nimmt die Gewalt weiter zu. Unter den verarmten jungen Menschen im Norden Nigerias hat die zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehörende Gruppe durchaus Zulauf. Der Name der Gruppe heißt übersetzt etwa »Westliche Bildung ist verboten«. Die Miliz macht seit 2009 mit blutigen Anschlägen auf Regierungseinrichtungen, Kirchen und Moscheen von sich reden. Sie hat seitdem Tausende Menschen getötet, allein in diesem Jahr sollen es bisher schon etwa 1 500 sein.

Dass die Regierung den Norden Nigerias seit Jahren vernachlässigt, gehört zu den Hintergründen der Gewalt. Während der Süden Nigerias immerhin etwas von den Erdöl-Einnahmen profitiert, ist die Lage im Norden trist. Teile gehören schon zur trockenen Sahelzone am Rand der Sahara. Wer dort geboren ist, weiß, dass er praktisch keine Zukunft hat. Mehr als die Hälfte der jungen Leute hat nach offiziellen Zahlen keine Arbeit.

Nigeria stand jahrzehntelang unter Militärdiktatur. Nach der Rückkehr zur Demokratie 1999 unterstützten viele Nordnigerianer muslimische Politiker. Sie hofften, dass diese einer islamischen Gerechtigkeit verpflichtet seien und die verzweifelte Lage der Bevölkerung verbessern würden. Doch die Hoffnung trog. In zwölf Bundesstaaten im Norden führten zwar Gouverneure das islamische Recht, die Scharia, ein – aber sie bereicherten sich genauso wie ihre Vorgänger. An der Armut änderte sich nichts. In diesem hochgradig korrupten System klingt es für viele wie ein Heilsversprechen, wenn Boko Haram die Rückkehr zum »wahren Islam« fordert. Die Anhänger träumen von einem transparenten und gerechten Staat, der in ihren Augen nach dem Scheitern des säkularen Systems nur islamisch begründet sein kann.

Dabei werde Boko Haram unter der Hand von lokalen und regionalen Politikern unterstützt, meint Nigeria-Kenner Bergstresser. Die steigende Präzision der Anschläge und Angriffe, zu denen sich die Miliz zuletzt bekannte, gilt außerdem als Indiz für die Kontakte der Gruppe zum Geheimdienst und anderen staatlichen Stellen. Wie sonst, fragt die Bevölkerung, konnte die Gruppe praktisch unter den Augen des Militärs 276 Mädchen aus einer Schule entführen?

Während die Armee offensichtlich unfähig ist, die Bürger im Norden des Landes vor Angriffen der Terrorsekte zu schützen, berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder auch von Übergriffen der nigerianischen Armee und anderer Sicherheitskräfte auf die Bevölkerung. Seit die Regierung den Ausnahmezustand über den Nordosten des Landes verhängte, haben unabhängige Beobachter kaum noch Zugang. Wer genau welche Verbrechen an den unbewaffneten Menschen verübt, kann fast niemand überprüfen.

Bettina Rühl (epd)

Die Granaten-Bibel

9. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die digitale Bibliothek Europeana zeigt private Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg

Der Infanterist Kurt Geiler schlief fest, als die Granate in den Unterstand einschlug. Seit fast vier Jahren lag Geiler in den Schützengräben von Verdun im Nordosten Frankreichs, wo sich der deutsche Angriff in einem Stellungskrieg festgefahren hatte. Die Granate explodierte und verteilte ihre tödlichen Splitter.

Über Geiler brach das Inferno aus. Stützbalken zerbarsten, Erde und Dreck krachten herunter. Schlaftrunken rettete sich der 23-Jährige ins Freie. Überall lagen Tote und Verwundete, aus dem Inneren des Unterstandes ertönten die Schreie der Verschütteten. Nur Geiler blieb unverletzt.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Später sammelte er seine Habseligkeiten in den Trümmern zusammen und fand dabei auch seine Bibel wieder. Ein zwei Finger breiter, scharfkantiger Granatsplitter hatte sich in das Buch gebohrt. Wie immer hatte Geiler das Buch zum Schlafen unter seinen Kopf gelegt. Das hatte ihm das Leben gerettet. Das war 1917.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv »europeana1914–1918.eu« zu sehen. Mit dem im März 2011 gestarteten Projekt »Erster Weltkrieg in Alltagsdokumenten« will die europäische digitale Bibliothek Europeana die privaten Erinnerungen von Menschen verschiedener Nationen an diese »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« sichern und öffentlich zugänglich machen. Zum Jubiläumsjahr wurde das Portal in Berlin offiziell freigeschaltet.
Unter Federführung der Staatsbibliothek Berlin wurden seit 2011 europaweit Hunderttausende Zeitdokumente aus der Zeit des Ersten Weltkrieges digitalisiert und eingestellt. Allein 400 000 Dokumente kommen aus zehn europäischen Nationalbibliotheken und Archiven. Zudem sind 90 000 private Dokumente und Erinnerungsstücke aus zwölf europäischen Ländern sowie über 660 Stunden Filmmaterial aus 21 europäischen Filmarchiven zu sehen.

Für die Digitalisierung privater Erinnerungsstücke und Dokumente wurden bislang über 130 Aktionstage, sogenannte collecting days, veranstaltet, darunter in Deutschland, England, Luxemburg, Irland, Slowenien, Dänemark, Belgien, Zypern, Italien, Frankreich, Rumänien und der Slowakei. Koordiniert wird das Projekt in Deutschland von dem Historiker Frank Drauschke vom Historical Research Institute Facts & Files in Berlin.

Seit 2011 wirbt Drauschke unermüdlich in zwölf europäischen Ländern dafür, private Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg digitalisieren zu lassen oder sie eigenständig in der Datenbank online zu stellen. Gesucht und erfasst wird alles: Feldpostbriefe, Orden, Tagebücher, Fotos, Filme, Tonaufnahmen und die dazugehörigen persönlichen Geschichten. »Jeder, der persönliche Erinnerungsstücke an die Zeit zwischen 1914 und 1918 besitzt, ist weiterhin eingeladen, sich zu beteiligen«, sagt Drauschke.

Die Geschäftsführerin der Europeana Foundation, Jill Cousins, spricht von einer Ressource, die es in diesem Ausmaß in Europa bisher noch nicht gegeben habe. »Zudem hat es unsere Länder in bemerkenswerter Weise zusammengebracht«, betont Cousins. Die ursprüngliche Idee für die virtuelle Sammlung stammt von der Oxford University, die 2008 in Großbritannien dazu aufrief, das Great War Archive um private Exponate zu ergänzen. Finanziert wird die Europeana aus EU-Mitteln und Mitteln der jeweiligen Länder.

»Mein Vater war schon als frommer Mann in den Krieg gezogen«, erinnert sich der Sohn des Infanteristen Kurt Geiler, Gottfried Geiler, heute in Leipzig. Dass die Bibel ihn »im wörtlichen Sinne rettete«, habe ihn natürlich darin bestärkt, auch wenn er später noch zweimal verwundet werden sollte, davon einmal schwer. Aber Kurt Geiler überlebte den Krieg. Die Bibel mit dem Granatsplitter bewahrt sein Sohn sorgfältig in einer Kiste auf. Dass sie und diese Geschichte seines Vaters durch das Internetportal nun zum Teil eines europäischen Gedächtnisses geworden ist, findet der 86-Jährige großartig.

Christoph Roch (epd)

www.europeana1914-1918.eu

»Not lehrt beten«

21. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Unfall eines Ex-Rennfahrers zeigt plötzlich die eigenen Grenzen – und löst einen wahren Gebetsboom aus

Ein Ex-Rennfahrer verunglückt – und die halbe Welt scheint plötzlich zu beten. Was steckt hinter dieser plötzlichen Frömmigkeit? Beobachtungen zu einem Phänomen.

Foto: pix4U-Fotolia.com

Foto: pix4U-Fotolia.com

Der schwere Ski-Unfall des ehemaligen Formel-1-Rennfahrers Michael Schumacher zieht gewaltigen Medienrummel nach sich. Man mag daran Anteil nehmen. Man kann es für überzogen halten. Aber etwas fällt doch auf: Die halbe Welt betet für »Schumi«.
Das ist erstaunlich. Plötzlich ist es nicht mehr peinlich, die Worte »Gebet« und »Gott« in den Mund zu nehmen. Tennis-Legende Boris Becker etwa rief zu Gebeten für den 44-jährigen Schumacher auf, der mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma im Koma liegt: »Lasst uns alle für Michael Schumacher beten!«

Auch Schumachers früherer Team-Kollege Felipe Massa meldete sich ähnlich zu Wort: »Ich bete für dich, mein Bruder! Gott segne dich!« Kaum ein Promi, der momentan nicht beteuert, für den Rekordweltmeister zu beten.

Und per Computer zogen zigtausende nach. Bei populären Internet-Diensten wie Facebook oder Twitter versammeln sich Trauernde und Hoffende in Scharen unter Gruppennamen wie »1 Like = 1× beten für Schumi« oder »PrayForSchumi«.

Manchem mag da ganz schwindelig werden: So viel Frömmigkeit mit einem Mal? Das ist ein bisschen ähnlich wie nach der Love-Parade-Katastrophe, als es die Menschen in die Gottesdienste zog. Oder nach einem Amoklauf. Einem Tsunami. Oder den Terroranschlägen auf die Twin-Towers in New York am 11. September 2001.

Selbst die Stärksten, Reichsten, Erfolgreichsten fühlen in solchen Momenten die Ohnmacht. Man kommt an eine Grenze. Man kann nichts mehr tun.
Aber es drängt einen, doch etwas zu tun. Irgendetwas – was vielleicht doch noch helfen könnte. Auch wenn es auf einer ganz anderen Ebene liegt als der, auf der man sonst lebt. Plötzlich taucht da wieder die Vorstellung von einer höheren Macht auf.

Not lehrt beten, heißt es im Volksmund. Das ist wie ein Instinkt. »Auch wenn ich dich sonst nie ernst genommen habe, ich brauche jetzt deine Hilfe.« – »Lieber Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann …« »Ab Windstärke zehn gibt es keinen Atheisten mehr«, soll der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer einmal gesagt haben.

Man kann darüber die Nase rümpfen oder die Motive der Betenden hinterfragen. »Wer sich nur in der Not auf Gott besinnt, degradiert ihn zum Erfüllungsgehilfen«, wettert etwa der TV-Journalist und Bestsellerautor Peter Hahne. Natürlich hat Hahne recht. Zum Gespräch mit Gott gehört auch der Dank und der Lobpreis, und wer wissen will, wie ein Gebet idealerweise aussehen sollte, schaue sich noch einmal das »Vaterunser« an. Aber: Um zu Gott zu rufen, muss man nicht erst eine Bibelschule besuchen.

Diese Ahnung, dieses Bauchgefühl, wenn es soweit ist, dieser Instinkt: »Aus tiefer Not schrei ich zu dir«, das scheint eine menschliche Grundregung zu sein, sie gehört zum Menschen dazu.

Ein Ahnen, dass den meisten im Alltag vielleicht längst verloren gegangen ist. Und das bald wieder schlummern mag.
Bis zur nächsten Katastrophe.

Gerd-Matthias Hoeffchen

Schwungvolles Plädoyer für die vernetzte Generation

17. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Dieses Buch, von einem Großvater geschrieben, einem in den USA und in Frankreich lehrenden Professor, sollten alle Großeltern und Eltern lesen. Hier erfahren sie von einem der Ihren, der ihre Sprache spricht und ihre Erfahrungen teilt, in welcher Welt Kinder und Enkel leben: in einer vollständig vernetzten Welt, in der alles bisherige Wissen jederzeit für jeden Menschen verfügbar ist. Durch ihre Handys sind ihnen alle Menschen erreichbar, durch GPS alle Orte. Seit den 70er Jahren habe sich die Welt so verändert, dass die junge Generation tatsächlich in einer anderen Welt lebe.

Mit ihren flinken Fingern steuern sie ihre Smartphones, kommunizieren und informieren sich. Serres schreibt: »Nachdem ich voller Bewunderung gesehen habe, wie sie, schneller als ich mit meinen steifen Fingern es je vermöchte, mit ihren beiden Daumen SMS verschicken, habe ich sie mit der größten Zuneigung, die ein Großvater zum Ausdruck bringen kann, auf die Namen Däumelinchen und Kleiner Däumling getauft.«

Kultur-50-2013

Buch-Cover

Die alten Zugehörigkeiten wie Gewerkschaften, Kirchengemeinden oder Familienverbände seien weithin zerfallen. Die junge Generation suche sich ihre »Freunde« virtuell über Facebook. Der Autor sieht eine komplexe, freiheitliche Gesellschaft entstehen, in der das Individuum zu seinem Recht kommt, ohne dass sie dadurch weniger sozial oder weniger solidarisch würde.
Das ganze Buch ist ein schwungvolles Plädoyer für die Lebensweise und die Chancen der jungen Generation.

Freilich verklärt und beschönigt Serres einiges: die durch Facebook zusammengetrommelten Tausende sind durchaus nicht nur friedlich – wie die nordafrikanischen Revolutionen gezeigt haben. Und durch das schnell verfügbare Wissen erlangt kein Mensch höhere Entscheidungskompetenz. Wenigstens das Denken und der gründliche Austausch müssen gelernt werden. Und für die Lösung der großen Probleme wie Hunger, Umweltzerstörung und Ressourcenvernichtung genügt es nicht, unverbindlich mit der halben Welt vernetzt zu sein.

Trotz dieser einschränkenden Bemerkungen bleibe ich dabei: Alle vor 1970 geborenen sollten dieses Buch lesen.

Jürgen Israel

Serres, Michel: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Suhrkamp Verlag, 76 S., ISBN 978-3-518-07117-5, 8,00 Euro

Tummelplatz der Milizen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Schon längst ist der Bürgerkrieg zu einem Konflikt mit internationaler Beteiligung mutiert

Menschen aus etwa 50 Ländern dieser Erde, so die Erkenntnisse von ­Geheimdiensten, kämpfen inzwischen auf Seiten der Milizen in Syrien.

Erster Israeli im Kampf gegen Assad gefallen«, lautete die Schlagzeile in israelischen Medien am Vorabend des Laubhüttenfestes vor wenigen Tagen. Die arabische Familie Dschuma’ah aus Muschirfa, einem kleinen Dorf neben Umm al-Fahm im israelischen Wadi Ara, hatte eine Nachricht und das Bild von einem zerschossenen Leichnam aus Syrien bekommen. Die Familie glaubt, ihren Sohn Mu’eid eindeutig identifizieren zu können. Angesichts dieser und anderer Meldungen stellt sich die Frage: Wer kämpft da eigentlich in dem Bürgerkrieg, der bereits weit mehr als 120000 Menschen das Leben gekostet hat?

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wird in der eigenen Bevölkerung vor allem von einer Minder­heitenkoalition aus Alawiten, Drusen, Kurden, Christen und Schiiten gestützt. Hinzu kommen aber auch viele sunnitische Muslime. Diese sind zwar wenig begeistert von der Diktatur Assads, ziehen deren säkularen Charakter aber der radikal-islamischen Alternative, die sich am Horizont unverkennbar abzeichnet, vor. Aktiv im Kampf wird Assad zudem von der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und den Revolutionsgardisten aus dem Iran unterstützt. Dazu kommen noch säkular orientierte palästinensische Gruppierungen, wie etwa die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC). Auf der internationalen Bühne schließlich stehen neben dem Iran vor allem Russland und China hinter der syrischen Regierung, die sie auch massiv mit Rüstungsgütern unterstützen.
Gegen das syrische Regime unter Präsident Assad steht ein Konglomerat aus lose verbundenen und kaum koordinierten Milizen, die sich grob in drei Gruppierungen einteilen lassen:

Erstens gehört dazu die sogenannte »Freie Syrische Armee« (FSA), ein Zusammenschluss von Milizen, die sich wiederum aus desertierten Soldaten der syrischen Armee gebildet haben. Sie wollen ein vereintes, säkulares Syrien, wie es einmal war, allerdings ohne Assad. Der Islam ist definitiv nicht auf ihrer Agenda. Dies ist die Gruppe, die westliche Länder, allen voran die USA und die Europäer, gern unterstützen möchten.

Neben der FSA gibt es lokale Milizen, die in der sunnitischen Bevölkerung verwurzelt sind. Sie sind von der sunnitischen Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und streben einen normalen Staat an. Eventuell sehen sich dieser zweiten Gruppe eine ganze Reihe der eher islamistischen Palästinenserorganisationen, wie etwa die Hamas oder der Islamische Dschihad, verbunden. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise schon in vierter Generation in Syrien leben, haben zwar keine Staatsbürgerschaft, können Syrien aber auch nicht verlassen, weil niemand weltweit sie aufnehmen will.

Als dritte Gruppierung, die in vieler Hinsicht einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Syrien ausübt, sind die »Internationalen Dschihadisten« erkennbar. Von Antiterrorexperten sind bisher Gruppen und Einzelpersonen aus Afghanistan, Ägypten, Australien, Bahrain, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Irak, Irland, Israel, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Norwegen, Pakistan, Palästina, Russland, Somalia, Tunesien, Türkei, Tschetschenien, USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert worden.

Man geht davon aus, dass am syrischen Bürgerkrieg Bürger aus etwa 50 Staaten aktiv beteiligt sind. Insofern ist es nicht ganz unrichtig, wenn Baschar al-Assad behauptet, der Krieg in seinem Land sei ein internationales Komplott, sein Regime zu stürzen. Somit stehen die etwa 200000 Soldaten, die nach wie vor dem Regime Assads loyal sind, vermutlich 100000 Kämpfern in schätzungsweise mehreren Hundert Milizen ganz unterschiedlicher Prägung, Ausbildung, Kampfstärke, Ideologie und Zielsetzung gegenüber.

In der dritten Gruppe sticht ein Verbund durch seine klare ideologische Zielsetzung, aber auch durch seine effektive Vorgehens- und Kampfesweise besonders heraus: die »Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham«, was übersetzt so viel wie »Unterstützungsfront für das Volk von Großsyrien« bedeutet. Kurz wird die Organisation gemeinhin »Dschabhat al-Nusra« genannt.

Diese Gruppierung wird nicht selten als »al-Qaida-nahestehend« bezeichnet. Sie lehnt »Staaten« als eine westlich-kolonialistische Erfindung grundsätzlich ab – wie übrigens auch nicht wenige Ideologen der Hamas. Ihre Anhänger reden nicht von »Syrien«, sondern von »Asch-Schams«, einem Gebiet, das man als »Großsyrien« bezeichnen könnte, und das auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. »Dschabhat al-Nusra« will die alawitischen »Götzenanbeter« beseitigen, sieht den Kampf gegen das jüdische Israel erklärterweise als nächsten Schritt und hat als Ziel die Verbreitung des Islam über die ganze Welt. Die Türkei unterstützte die »Al-Nusra-Front« in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen.

Ob der israelische Inlandsgeheimdienst »Schin Bet« oder andere ­west­liche Polizei- und Geheimdienste: Keinem ist wohl bei dem Gedanken, dass Hunderte von Bürgern ihrer eigenen Länder in Syrien nicht nur ideologisch radikalisiert werden, sondern zudem eine praktische Ausbildung und Kampferfahrung erhalten.

Johannes Gerloff

»Es ist berührend den Menschen zuzuhören«

30. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Frankreich: Eine junge Deutsche leistet Friedensdienst in der Pariser Schoah-Gedenkstätte

Versöhnung im Doppelpack: Die 18-jährige Münchnerin Hannah arbeitet als Freiwillige in der Schoah-Gedenkstätte in Paris. Denn Versöhnung ist eine Daueraufgabe.

Ein Schwarz-Weiß-Foto nach dem anderen legt die alte Dame auf den Tisch. Hannah Arnu schaut sich die Bilder genau an und hört der Französin zu, die ihre Familiengeschichte erzählt. Die 18 Jahre alte Münchnerin Arnu arbeitet als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen in der Pariser Schoah-Gedenkstätte. Regelmäßig trifft sie dort mit Holocaust-Überlebenden oder deren Nachfahren zusammen. »Ich bin immer wieder überrascht, wie offen Menschen mir hier begegnen«, sagt die junge Deutsche. »Manche sagen mir, dass sie es mutig und lobenswert finden, dass ich hier bin.«

50 Jahre Élysée-Vertrag, 55 Jahre Sühnezeichen

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Frankreich und Deutschland im Élysée-Vertrag vom 22. Januar 1963 ihre Erbfeindschaft beendeten und offiziell miteinander Freundschaft schlossen. Die deutsch-französischen Beziehungen sind längst Routine geworden. Doch Versöhnung bleibt eine Daueraufgabe.

Hannah Arnu ist eine von 18 Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen, die derzeit ihren Friedensdienst in Frankreich leisten. »Natürlich ist es für unsere Generation nicht immer leicht, einen direkten Bezug zu der Vergangenheit herzustellen«, sagt sie nachdenklich. Dann stelle sich eben auch die Frage: Was habt Ihr eigentlich noch damit zu tun? »Aber gerade in der Schoah-Gedenkstätte wird mir bewusst, wie wichtig es ist, sich weiterhin für Versöhnung einzusetzen«, sagt sie.

Namen und Schicksale: Hannah ­Arnu vor den Stehlen mit den Namen der Schoah-Opfer. Foto:epd-bild

Namen und Schicksale: Hannah ­Arnu vor den Stehlen mit den Namen der Schoah-Opfer. Foto:epd-bild

Der Gründungsaufruf für Aktion Sühnezeichen wurde 1958 auf der ­Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands verlesen. Ihr Gründer Lothar Kreyssig, Konsistorialpräsident und Präses der Synode der damaligen Kirchenprovinz Sachsen, war von dem Gedanken angetrieben, die protestantische Kirche habe während des Nationalsozialismus weitgehend versagt. Durch praktische Arbeit sollten Zeichen der Versöhnung in Europa gesetzt werden. In den ersten Jahren halfen die Freiwilligen etwa beim Bau einer Synagoge in Villeurbanne bei Lyon und der Kirche der ökumenischen Taizé-Gemeinschaft. Später kamen soziale Projekte hinzu, seit 1961 auch in Israel.

Die 18-jährige Hannah Arnu arbeitet im Wechsel in der Bibliothek und im Archiv der Gedenkstätte, die nur wenige Schritte vom Seine-Ufer entfernt liegt. Jeden Dienstag nimmt sie an einer Art Sprechstunde teil: Nachkommen von Schoah-Opfern können dort Fotos archivieren lassen und ihre Geschichte erzählen. »Es vergeht keine Woche, in der niemand kommt«, berichtet Hannah. Häufig sind es alte Menschen, die nicht wollen, dass ihre Familiengeschichte verloren geht; manchmal auch junge Leute, die im Nachlass ihrer Großeltern historische Aufnahmen gefunden haben.

Wenn der eigene Großvater Nazi war

»Es ist oft berührend, den Menschen zuzuhören«, sagt Hannah. Sie scannt die Bilder, macht Notizen und hilft bei der Übersetzung von deutschen Texten. Besonders ergriffen war sie vom Briefwechsel eines Mannes, der während der deutschen Besatzung mehrere Jahre in einem Internierungslager war. »Seine Frau bekam ein Kind von ihm, er hat es nie gesehen.« Schließlich sei er im Vernichtungslager Bergen-Belsen an Typhus gestorben. »Je mehr Details man kennt, desto schwieriger ist es, Distanz zu halten«, sagt Hannah mit leiser Stimme.

Deutschland hatte den Norden Frankreichs bereits wenige Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs besetzt. Im Süden etablierte sich die mit den Nazis zusammenarbeitende Vichy-Regierung unter Philippe Pétain. Bis zur Befreiung von Paris 1944 gingen die deutschen Besatzer teils mit Unterstützung der französischen Behörden gegen Juden und andere Minderheiten vor. Etwa 76000 Juden wurden aus Frankreich deportiert, unter ihnen rund 11000 Kinder. Die meisten von ihnen kamen in Auschwitz ums Leben.

Warum entscheiden sich junge Menschen für einen Friedensdienst im Ausland – anstatt etwa mit dem Rucksack durch die Welt zu reisen oder als Au-pair den Anschluss an eine Familie zu suchen? Vielleicht spielte bei Hannah auch ihre eigene Familie eine Rolle. »Mein Urgroßvater war Nazi, ich habe mich viel mit ­un­serer Familiengeschichte beschäftigt«, sagt sie.
Ulrike Koltermann (epd)

Streit über die Homo-Ehe

30. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Frankreich: Auch der protestantische Dachverband des Landes lehnt eine geplante Gesetzesnovelle zur Ehe ab


Konservative Politiker, aber auch Kirchenvertreter Frankreichs mobilisieren gegen das geplante Gesetz zur »Öffnung der Institution Ehe für alle«.

Homo-Ehe und Adoptionsrecht für homosexuelle Paare sind das Wahlversprechen Nummer 31 des französischen Präsidenten François Hollande. Der Gesetzentwurf zur »Öffnung der Institution Ehe für alle« soll am 7. November im Ministerrat vorgestellt werden. Die anschließende Debatte im Parlament verzögert sich noch bis Mitte Januar. Die Abgeordneten wollen mehr Zeit, um sich mit der Frage zu befassen. Denn Homo-Ehe und Adoptionsrecht für Lesben und Schwule sind umstritten in Frankreich. Und der Ton des Streites ist rau.

Vorwurf: »Warum keine Heirat mit Tieren«
Für den konservativen Bürgermeister des 8. Pariser Arrondissements, François Lebel, ist die Homo-Ehe der Anfang der Legalisierung von Inzest und Pädophilie. Der Lyoner Erzbischof Philippe Barbarin befürchtet, dass dann auch bald die Polygamie erlaubt werde, wie auch die rechtsextreme Parteichefin Marine Le Pen. Die konservative Bürgermeisterin Brigitte Barèges bemerkte: »Und warum keine Heirat mit Tieren?«

Seit Jahren fordern Frankreichs Homosexuelle die Homo-Ehe und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. – Foto: picture-alliance

Seit Jahren fordern Frankreichs Homosexuelle die Homo-Ehe und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. – Foto: picture-alliance

Psychiater warnen vor den Folgen für die Kinder, die von zwei Frauen oder zwei Männern erzogen werden: Die Begriffe »Mutter« und »Vater« würden ihren Sinn verlieren, lautet ihr Argument. Der traditionalistische Lobbyverein »Civitas« will schließlich gegen die Homo-Ehe eine Million Flugblätter verteilen. Darauf sind zwei in Lederstring gekleidete Männer abgedruckt sowie die Frage: »Möchten Sie solchen Leuten Kinder anvertrauen?« Mitte November will die Organisation in Paris einen Protestmarsch veranstalten.

Die breite öffentliche Debatte um die Homo-Ehe angestoßen hat der Pariser Erzbischof André Vingt-Trois mit einem Gebet für die traditionelle Familie bei einer Messe an Mariä Himmelfahrt. Doch es sind nicht nur die Katholiken, die sich ablehnend äußern. Inzwischen hat sich mit dem Protestantischen Bund von Frankreich auch der Dachverband der evangelischen Kirchen, dem immerhin rund 2,1 Prozent der Bevölkerung angehören, dem Nein zur Homo-Ehe angeschlossen. Ebenso wie die jüdischen und muslimische Institutionen.

Die Stimmung im Land ist seit Sommer gekippt
Die Stimmung in Frankreich ist gekippt: War im Sommer noch eine große Mehrheit der Franzosen (65 Prozent) für die Homo-Ehe, sind laut einer repräsentativen Umfrage der Zeitschrift »Nouvel Observateur« heute nur noch 58 Prozent für die Heirat von homosexuellen Paaren. Ähnlich verhält es sich mit dem Adoptionsrecht: Nach einer Erhebung des »Figaro« stieg die Zahl der Gegner der Adoption für Homo-Paare auf eine knappe Mehrheit von 52 Prozent.

Grundsätzlich gilt: Frauen, Linke, junge und gut Ausgebildete sind in der Regel mehrheitlich für die neuen Rechte für Homosexuelle. Männer, Konservative und Senioren stehen Ehe und Adoption eher skeptisch gegenüber. Unterdessen geht den Homosexuellen-Vereinigungen der Gesetzentwurf nicht weit genug. Sie fordern eine echte Gleichstellung der Familien homosexueller Paare.

Die sozialistische Justizministerin Christiane Taubira erklärte in der Homo-Zeitschrift »Têtu«: Um das Familienrecht zu ändern, brauche es mehr Zeit. Innerhalb der Sozialistischen Partei ist umstritten, ob lesbischen Paaren die In-vitro-Fertilisation erlaubt werden soll. Der künftige Parteivorsitzende Harlem Désir ist dafür, Premierminister Jean-Marc Ayrault dagegen. Laut der Umfrage des »Nouvel Observateur« sind über die Hälfte der Franzosen dafür, Frauen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben, die künstliche Befruchtung zu erlauben. Der Gesetzentwurf sieht das indes nicht vor.

Die meisten konservativen Abgeordneten der Union für eine Volksbewegung (UMP) wollen gegen den Gesetzentwurf stimmen – auch wenn einige Parteimitglieder wie die ehemalige Sportministerin Chantal Jouanno befürchten, die Gesellschaft werde sich dann eben »ohne die Partei« entwickeln. Aus Rücksicht auf ihre homosexuellen Freunde oder Verwandten wollen sich andere enthalten. Möglicherweise wird es keine Parteivorgabe geben. Jeder Abgeordnete kann dann frei nach seinem Gewissen abstimmen. Das Gesetz, das Ehe und Adoption erlaubt, soll im nächsten Frühjahr in Kraft treten.

Martina Zimmermann (epd)

Michael und die Schlacht ums Licht

25. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Dank sei dem Erzengel, der laut der Legende selbst den Bau befahl: Heute gehört das Felsenkloster im Atlantik zum Weltkulturerbe.

Die Klosterinsel Mont-Saint-Michel im Wattenmeer vor der normannischen Küste wird von rund 3,5 Millionen Menschen im Jahr besucht – darunter wieder ­zunehmend mehr christliche Pilger. (Foto: Walter G. Allgoewer/JOKER)

Die Klosterinsel Mont-Saint-Michel im Wattenmeer vor der normannischen Küste wird von rund 3,5 Millionen Menschen im Jahr besucht – darunter wieder ­zunehmend mehr christliche Pilger. (Foto: Walter G. Allgoewer/JOKER)

Jeder im Leben ist ein Pilger mit einem Ziel vor Augen«, sagt John Cowley, »und schließlich kommt man am Ende eines langen Weges an.« 75 Jahre ist er alt. Ein Pilger aus Leidenschaft, seit Tagen unterwegs nach Mont-Saint-Michel. Zu Frankreichs populärster Pilgerstätte, der mehr als Tausend Jahre alten Glaubens-Festung im Atlantik.

Vor drei Wochen ist John in England gestartet. Gut 250 Kilometer Fußmarsch liegen hinter ihm und seinen Freunden, zehn Engländern und acht Franzosen. Eine christliche Gemeinschaft aus Anglikanern und Katholiken, die das Pilgern verbindet. Jetzt sitzen sie an langen Tischen zusammen in einem großen Zelt am Rand der Bucht gegenüber dem Klosterberg. Auf Papptellern servieren Helfer Hähnchen mit Brot. Rotwein und Bier gibt es in Plastikbechern.

Französisch und englisch wird gesprochen, Verständigungsprobleme kennt die Gruppe keine. Die Wallfahrer gehören zur »Association les Chemins du Mont-Saint-Michel«, einer vor einem guten Jahrzehnt gegründeten Gemeinschaft, die sich der Wiederentdeckung alter Pilgerwege zum Mont-Saint-Michel widmet. Schließlich war die Klosterinsel neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela das wichtigste Pilgerziel des Mittelalters.

Mit der Ebbe kommt die Touristenflut

Schon früh sind am Michaelstag, dem 29. September, die Parkplätze zu Füßen der Festung belegt. Bis 18 Uhr spätestens, mahnen große Schilder, müssten sie wieder geräumt sein, andernfalls drohe die Flut die Blechkisten zu verschlucken. Bis zu 14 Meter beträgt hier der Tidenhub, der Unterschied zwischen hohem und niedrigem Wasserstand. Jetzt aber ist Ebbe, wälzen sich Tausende von Touristen im dichten Nebel Richtung Abtei, mitten durch eine enge Gasse, vollgepackt mit Kneipen und Souvenir­läden.

Auf halbem Weg nach oben liegt die Pfarrkirche des Inseldörfchens. In ihrer Seitenkapelle reckt sich der ­heilige Michael in Silber, umrahmt von einem Meer brennender Kerzen. Im Hinterzimmer segnet ein Priester kleine Holzfiguren des Erzengels. Treppen führen hoch zum alten Benediktinerkloster, das die Insel überragt. Brüder und Schwestern der »Gemeinschaft von Jerusalem« sind hier inzwischen eingezogen. Halbtags arbeiten sie in einem Beruf, der ihnen den ­Lebensunterhalt sichert, den Rest widmen sie kontemplativem Gebet. Schwestern und Brüder leben getrennt, gebetet und gefeiert aber wird gemeinsam.

Auch am Michaelstag. Zum großen Gottesdienst ruft die Glocke, die wie seit Jahrhunderten per Seil geläutet wird. Spärlich ist der Festschmuck, ein paar Blumen, daneben Kerzen, meditativ die Orgelklänge. Ganz langsam zieht der Weihrauch Richtung Himmel.

Die echten Pilger ziehen barfuß durch das Watt

In seiner Predigt erinnert der Ordensvorsteher an den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, an die »Schlacht für das Licht und den Glauben«, der sich Sankt Michael verpflichtet fühlt. Fast aufs Stichwort schickt die Sonne ihre ersten Strahlen, hellt kurz das Kirchenschiff auf, in dem eine hölzerne Statue des Erzengels steht. Brot und Wein werden schließlich zur Kommunion gereicht.

Auch für die japanischen Touristen, die heute einen Großteil der mehr als drei Millionen Besucher jährlich auf dem Mont-Saint-Michel stellen. Vom heiligen Michael freilich erfahren sie kaum etwas auf ihrer Ausflugs­tour, dafür viel über Architektur und Lage der Inselkirche. Draußen bietet sich bei gutem, windigen Wetter einer der schönsten Blicke Frankreichs: über die Meeresbucht, die langsam zu Versanden droht. Ein neuer Gezeitendamm, der im nächsten Jahrzehnt fertig wird, soll das verhindern. Dann auch sollen die inselnahen Parkplätze verschwunden sein, wird eine Stelzenbrücke anstelle des festen Dammes den Mont-Saint-Michel mit dem Festland verbinden.

Hinten am Horizont nähern sich Hunderte von Pilgern. Barfuß sind sie am Festtag zum Mont-Saint-Michel unterwegs. Bei dichtem Nebel sind sie losgelaufen, jetzt zwingt sie die Septembersonne aus Pullovern und Anoraks. Von der Abtei-Terrasse nehmen sie die Japaner mit ihren Teleobjek­tiven ins Visier. Mittags hat auch die französisch-britische Pilgergruppe ihr Ziel erreicht. John, der Senior, ist glücklich und zufrieden. »Die Tour hat sich gelohnt.« Für ihn war nicht der Weg das Ziel, so wie für die vielen jungen Pilger, die sich heute aus sportlichem Ehrgeiz auf die große Wanderschaft gemacht haben. »Sie kennen die Antwort auf das Leben noch nicht«, sagt John, der schon viele Wallfahrten hinter sich hat, zum Abschied.

Günter Schenk