Schlüsselerlebnis im Stadtwald

12. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: In einer Lebenskrise fand Jana Huster aus Gera zum Glauben

Alles war perfekt. Die Ehe, die gemeinsame Tochter, das Haus mit eigenem Spezialitätengeschäft, zwei veröffentlichte Bücher mit Kurzgeschichten. Jana Huster war die Strahlefrau von Gera: Muntere Augen, ein Lächeln im Gesicht und einen flotten Spruch auf den Lippen. Auf Linken-Parteitagen verkaufte sie mit einer gehörigen Portion Ironie schon mal selbstgemachte rote Socken.

»Dass ausgerechnet mir so etwas passiert, hätte wohl keiner gedacht«, sagt sie und meint einen Zusammenbruch im vergangenen Sommer. Die Welt, wie Jana Huster sie kannte, geriet aus den Fugen. Die Ehe kriselte, Nackenschmerzen, Wirbelblockaden und Panikattacken quälten die junge Frau. Den Laden in der Altstadt sperrte sie zwei Monate lang zu. Nichts ging mehr.
Jana Huster ist in einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen, später tritt die gelernte Rechtsfachwirtin in die Partei »Die Linke« ein. Das Christentum hat sie nie an sich herangelassen, aber es ist ausgerechnet der Glaube, aus dem sie in der Krise Kraft schöpft. Zunächst helfen Mediziner. Physiotherapie, Osteopathie – sie fühlt sich wohl in den Händen dieser Helferinnen, und es stellt sich heraus, dass einige von ihnen Christen sind. Die Gespräche während der Behandlungen werden bald wichtiger als die Behandlung selbst.

Jana Huster blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Silva Görner

Jana Huster blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Silva Görner

Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Gemeindepfarrer, hat sich in Gera einen Namen mit Literatur- und Kunstgottesdiensten gemacht. Dadurch kennen sich die beiden, in diesen Gottesdiensten fühlt sich Jana Huster wohl, die »tollen Geschichten, die spannenden Predigten« fesseln die freiberufliche Autorin. Als Pfarrer Hiddemann den verschlossenen Laden bemerkt, sie anruft, sie zum Spaziergang einlädt, findet sie das beängstigend: »Als Seelsorger will er bestimmt tausend Sachen wissen.« Will er nicht. Zwei Stunden spazieren sie durch den Zaufensgraben. Es tut ihr so gut, dieses gemeinsame Schweigen, dass sie sich regelmäßig mit dem Geistlichen verabredet. »Mein Schlüsselerlebnis hatte ich im Stadtwald. Wir stromerten durchs Gehölz, abseits der Wege, und meine Frage, wohin wir gehen, hat er kaum beantwortet: Ist doch egal, wo wir rauskommen. Ich habe über diese innere Ruhe, diese Angstlosigkeit so gestaunt«, erinnert sie sich.

Gelassenheit dem Kommenden gegenüber ist Jana Huster nicht erst bei Pfarrer Hiddemann aufgefallen. Es ist eine Geisteshaltung, die sie bei vielen christlichen Freunden und Bekannten entdeckt hat. »Wenn irgendetwas nicht klappte, sind diese Menschen, anders als ich, nicht in ein riesiges Loch gefallen«, sagt sie.

Im Winter beschließt sie, sich taufen zu lassen. Sie stürzt sich auf die Bibel, sie liest und hinterfragt. Sie hadert mit »der Sache mit dem ewigen Leben« und sie findet, Gottesdienste sind in ihrem Ablauf zunächst schwer zu verstehen. Zu Himmelfahrt 2016 wird Jana Huster getauft; die Fürbitte hält mit Knut Meenzen ein junger Christ – und Genosse. Auch Jana Huster ist nach wie vor Mitglied bei der Linken. Sie sieht darin keinen Widerspruch. »Gerechtigkeit, Solidarität – da sind viele Gemeinsamkeiten«, meint sie. Ihrer Tochter, die Angst hat, dass die Mama anders wird, sagt sie: »Ich lebe jetzt ein Leben mit Gott. Ich werde ein anderer Mensch sein, aber nicht schlimmer.« Dabei hat sie sich eigentlich nicht verändert: Sie ist fröhlich, im Laden lacht und tröstet sie, sie betrachtet mit wachen Augen und ihrem unverwechselbaren Humor die Welt. Ihre ersten Gedanken zu christlichen Ritualen oder biblischen Geschichten verarbeitet sie derzeit augenzwinkernd in einem Buch.

Und doch ist etwas anders. Der Glaube, sagt sie, gebe ihr Geborgenheit und Ruhe. »Ich hatte Tausend Ängste und die sind jetzt weg.« Das ist das größte Geschenk.«

Katja Schmidtke

Der Himmel geht über allen auf

19. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Engel, Schafe und Hunde auf dem Cranachaltar

Fast in jedem Gottesdienst singt die christliche Gemeinde das »Gloria«. Nach alter Überlieferung singen wir es gemeinsam mit den Engeln im Himmel. Einer dieser Engel ist auch auf dem Weimarer Cranachaltar zu sehen. Rechts neben Jesu wehendem Lendentuch schwebt er in einem Loch im Himmel, das groß und rot wie eine Orange ist. Er hält ein Spruchband vor sich. An dieser Stelle können wir durch das dunkle Himmelsblau in die Welt sehen, die sich dahinter auftut.

Der Weihnachtsengel reißt ein Loch in den Himmel. Zu dem Engel gehören die Hirten auf dem Felde. Sie stehen wie angewurzelt direkt unter Jesu wehendem Lendentuch. Sie haben die Himmelserscheinung gesehen und fürchten sich nicht. Einer kniet. Alle haben die Hände erhoben. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Der Weihnachtsengel reißt ein Loch in den Himmel. Zu dem Engel gehören die Hirten auf dem Felde. Sie stehen wie angewurzelt direkt unter Jesu wehendem Lendentuch. Sie haben die Himmelserscheinung gesehen und fürchten sich nicht. Einer kniet. Alle haben die Hände erhoben. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Auf den ersten Blick könnte es auch die Sonne sein, aus der der Engel herabschwebt. Er käme dann aus dem gleißenden Licht, an das sich die Menschenaugen erst gewöhnen müssten. Blau und Orange sind Komplementärfarben, nichts vom Blau ist im Orange, nichts vom Orange ist in dem Blau. Und doch will der blaue Himmel gerade die Farbe wechseln.

Zart an der Horizontlinie dämmert es rosenfingrig. Ein gelb-rosafarbener Streifen deutet sich an. Was man bisher nur im Loch um den Engel herum sehen kann, dämmert als neuer Morgen. Lucas Cranach benutzt keinen Goldgrund, um das ganz andere darzustellen. Wir sehen, was kein Auge je gespürt.

Zu dem Engel gehören die Hirten auf dem Felde. Sie stehen wie angewurzelt direkt unter Jesu wehendem Lendentuch. Sie haben die Himmels­erscheinung gesehen und fürchten sich nicht. Einer kniet. Alle haben die Hände erhoben.

Wo sind die Schafe der Hirten? Sie stehen ein ganzes Stück abseits. Die Hirten scheinen sie ganz vergessen zu haben. Machen sie etwas falsch? Oder ist es richtig, dass sie sich ganz dem Engel zuwenden und sich vom Moment einfangen lassen? Antwort geben die zwei Hirtenhunde. Verschieden reagieren sie auf die himmlische Erscheinung. Der eine duckt sich ängstlich, klemmt den Schwanz ein und wendet sich vom Engel ab. Der andere bleibt an der Seite seines Herren, legt sich nieder, blickt aber zum Himmel hoch. Hunde sind auf mittelalterlichen Tafelbildern oft Zeichen für die Haltung des Glaubens. Die sprichwörtliche Treue der Hunde zu ihren Herrn macht sie zu Sinnbildern des Vertrauens.

Weiße nackte Hunde stehen meist allegorisch für den Glauben, schwarze, zottige für den Unglauben. Ganz ähnlich auf dem Gemälde: Der Hund, der sich duckt und sich vor dem Engel versteckt, liegt im Schatten und hat schwarze Flecken. Offenbar hat Cranach mehr Sympathie für den Hund, der zwar seinen Schwanz einzieht, aber bei seinem Herrn bleibt und zum Himmel schaut. Er hat das Maul auf. Seine rote Zunge ist zu sehen. Hechelt er vor Freude?

Aber was ist mit den Schafen? Die sind ein gutes Stück entfernt und ohne Schutz. Sie gehören zu den Hirten. Gleichzeitig ergeben sie ein eigenes Sinnbild. Wie nennt Jesus die Menge, die zu ihm kommt? »Sie sind wie Schafe ohne einen Hirten.« (Markus 6,34) In der Mitte des Bildes sind drei Szenen, die die Menschen ohne die Erlösung charakterisieren. Der alte Adam wird rechts von Tod und Teufel gejagt, die Israeliten versammeln sich hinter dem Gesetz, und oben sind die Schafe ohne einen Hirten.

Um den Kreuzstamm herum sind die drei verlorenen Existenzformen. Aber über ihnen schwebt der Weihnachtsengel, der ein Loch in den Himmel reißt und unter ihnen der Auferstandene in seinem wehenden roten Gewand. Zwischen Weihnachten und Ostern spielt sich offenbar das ungetröstete Leben ab. Und der Auferstandene schaut uns direkt an.

Nicht als strahlender Held, heroisch. Sein Blick ist sehr mild, als wollte er sagen: »Flieht und fehlt nur kräftig, letztlich verlaufen auch eure Irrwege unter dem Himmel, der sich öffnet.«

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren. Mit diesem Beitrag endet die Serie.

Gottesnähe – ein Erlebnis voller Glanz

14. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Cranachaltar sind Moses Hörner transparent, sie könnten auch Lichtstrahlen sein

Unter der Kanzel der Schloss- und Dorfkirche St. Justinus und St. Laurentius in Ettersburg bei Weimar hockt ein gehörnter Mann. Es ist Mose. Auf seinen zehn Geboten ruht die ganze Verkündigung. Deshalb trägt er gleichsam den Kanzelkorb. Und doch hörte ich dort schon den Satz: »Da unter der Kanzel hockt der Teufel!«

Woher hat Mose seine Hörner? Sie sind ein Übersetzungsfehler. Oder sagen wir vorsichtig, ein Missverständnis eines geschriebenen hebräischen Wortes. In der hebräischen Schrift wurden zunächst nur die Konsonanten notiert. Die Schrift war lediglich die Erinnerungsspur des Gedankens. So war der Leser gezwungen, sich zu erinnern, wenn er einzelne Buchstaben zu Worten formte, und dabei die Vokale selbst hinzufügte. So kam es, dass der Glanz, den Moses Gesicht abstrahlte, als er Gott getroffen hatte, von manchen anders übersetzt wurde, nämlich als »Hörner«. Vor allem tat das die erste lateinische Bibelübersetzung. Die gesamte mittelalterliche Kunst bezog sich auf diese Ausgabe, die »Vulgata« genannt wurde. Also wurde Mose mit Hörnern dargestellt. Die berühmteste ist Michelangelos Skulptur des gehörnten Moses in Rom.

Mit den zwei Tafeln des Dekalogs vor seiner Brust steht Mose fast im Zentrum des Bildes. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Mit den zwei Tafeln des Dekalogs vor seiner Brust steht Mose fast im Zentrum des Bildes. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Die Bibel berichtet von diesem glanzvollen Moment: »Während Mose vom Berg herunterstieg, wusste er nicht, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, weil er mit dem Herrn geredet hatte. Als Aaron und alle Israeliten Mose sahen, strahlte die Haut seines Gesichtes Licht aus, und sie fürchteten sich, in seine Nähe zu kommen.« (2. Mose 34,29 f.) Als Mose ausgeredet hat, wird ihm vorsichtshalber ein Schleier über das Gesicht gelegt.

Dieser Schleier wird gebraucht, um die Spuren Gottes auf Moses Antlitz so zu vermindern, dass sein Licht für die anderen erträglich wird. Glanz ist für uns etwas, das wir gern mit der Größe Gottes verbinden. Aber auch die Hörner haben etwas für sich. Denn der Gott Israels war zu Anbeginn seiner Entdeckung durch Abraham mit den Eigenschaften eines Fruchtbarkeitsgottes verknüpft. Darum bauen die Israeliten zunächst ein goldenes Kalb, um ihn darzustellen und zu verehren.

Dieses Kalb ist ein Jungstier, der ungestüme Kraft und Fruchtbarkeit symbolisiert. Und es ist gut denkbar, dass Mose zu Beginn seiner Priesterschaft Hörner trug, um seine Nähe zu Gott darzustellen. Cranach scheint diese Dimension im Blick zu haben. Wie die Reformation selbst, steht unser Altar auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. So trägt der Mose noch die lateinischen Hörner. Aber sie sind transparent, wie die Siegeszeichen des Christus. Sie könnten auch Lichtstrahlen sein. Mit den zwei Tafeln des Dekalogs vor seiner Brust steht Mose fast im Zentrum des Bildes. Links neben ihm verläuft der zeigende Unterarm des Johannes, rechts die linke Wade des Gekreuzigten. Dort steht die kleine Gruppe der Israeliten. Fünf zusammengedrängte Gestalten mit Mose und Aaron in der vorderen Reihe und drei Sippenhäupter Israels in der hinteren. Aus Moses Stirn ragen die beiden Hörner. Sie sind fast durchsichtig, als seien sie verwandt mit der Lanze des Auferstandenen und der Siegesfahne des Lammes, die beide von göttlicher oder besser gesagt, überirdischer Materialität sind und deshalb eben transparent.

Und Mose ist ein gedrungener, eher bäurischer Mann, der gekleidet ist wie ein Handwerker. Ganz anders Aaron neben ihm, der eine Art Königsmantel trägt. Aaron sammelte das Gold des Volkes ein und buk daraus ein goldenes Kalb. Mose ist der Gehörnte, aber auch der, der die Schrift trägt. Er hatte die besseren Antennen für Gott.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Gott, ein Turm, eine Burg

6. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Der Cranachaltar zeigt Gott als Zuflucht und Retter in der Not

Jerusalem, du hoch gebaute Stadt,
wollt Gott, ich wär in dir!
Mein sehnend Herz
so groß Verlangen hat
und ist nicht mehr bei mir.
Weit über Berg und Tale,
weit über Flur und Feld
schwingt es sich über alle
und eilt aus dieser Welt.
Choral von Johann Matthäus Meyfart aus dem Jahr 1626

Ein Herz macht sich auf und fliegt schon mal vor. Jerusalem, die Stadt auf dem Berge, ist sein Ziel. Johann Matthäus Meyfart besingt in seinem lutherischen Choral »Jerusalem, du hoch gebaute Stadt« die Sehnsucht nach Jerusalem, die zugleich eine Got­tessehnsucht ist.

Jerusalem ist auf vielen protestantischen Gemälden, auch auf einigen Vorgängern des Weimarer Altarbildes, im Hintergrund zu sehen. Das himmlische Jerusalem ist die Braut Gottes und der Fluchtpunkt unseres Lebens. Wenn diese Welt vergeht, wird diese Stadt aus dem Himmel herab schweben und eine unzählbare Schar von Frommen aufnehmen.

Auf unserem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel, steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem. Ich vermute an dieser Stelle ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg.

»Denn du bist meine Zuversicht, ein starker Turm vor meinen Feinden«, heißt es in der Bibel (Psalm 61, 4). Und an anderer Stelle: »Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.« (Psalm 31, 4).

Auf dem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem, sondern eher ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Auf dem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem, sondern eher ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Hier, wo der Berg steht, thront auf vielen mittelalterlichen Altären Gott selbst. Freundlich blickt er aus dem Himmel wie ältere Damen aus dem Fenster. Vor sich die Hände auf einem Wolkenkissen gekreuzt, ein weißer Bart, ein milder Blick.

Gott als alter untätiger Mann. Das ist ein Gottesbild aus der Zeit der Patriarchen. Für uns ist das eher schwer nachvollziehbar. Aber ist es nicht so? Ein Patriarch, der nicht angegriffen wird, betrachtet die Welt mit großzügiger Gelassenheit. Wenn er ruht, und solange er ruht, ist die Welt in Ordnung. Er nimmt die Arme erst vom Kissen, wenn Gefahr droht.

Dieses Gottesbild stammt aus Zeiten, die Gott unbedingt souverän sehen wollten. Allein und unberührt musste er sein. Ein Gott, der sich nicht selbst im Weltgebäude aufhält, sondern höchstens zum Fenster hineinschaute, um zu sehen, ob auch alles ruhig lief.

Cranach hatte – anders als wir – noch kein echtes Problem mit dem milden Patriarchen-Gott. Und dennoch ist bei ihm Gott kein alter Mann, sondern eben ein Turm oder eine Burg. Das liegt daran, dass er das Gottesverhältnis existenziell versteht.

Wir sehen Gott, wie wir ihn in unserer Not oder in unserer Sehnsucht sehen. Im Choral von Johann Matthäus Meyfart sah die Sehnsucht die hoch gebaute Stadt Jerusalem, das Ziel der Sehnsucht. In unserem Altar geht es um Blicke in der Situation der Angst, die retten können, wenn die Richtung des Blickes die richtige ist.

Die Israeliten rechts oben im Zeltlager blicken zur Schlange hoch. Cranach der Ältere, der weißbärtige Mann, auf dessen Haupt der Blutstrahl endet, hat gerade zum Kreuz hoch geblickt. Selbst der alte Adam, der verzweifelt vor Tod und Teufel flieht, sieht verzweifelt zum Kreuz hoch. Wir sehen Gott so, wie wir ihn brauchen.

Der Reformationsaltar zeigt den Kampf der menschlichen Seele um Erlösung. Luther suchte den gnädigen Gott, der ihm helfen konnte. Und so ist das Gottesbild unseres Altars ein Turm, Zuflucht und Rettung aus Gefahr in der Situation großer Not.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Jetzt ist die Zeit des Heils

27. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Cranachaltar steht ein Zeitgenosse – Luther – unter dem Gekreuzigten

Unter so einem Altar möchte ich nicht beten?« Verblüfft schaue ich mich um. »Warum denn nicht?« – »Na, Luther und Cranach, zwei Menschen neben Christus, die will ich nicht anbeten. Sollen das Heilige sein?« Ich denke kurz nach. Genauso muss das gemeint gewesen sein. Darüber werden sich auch die Leute damals gewundert haben. Denn 1555 waren Luther und Cranach Zeitgenossen, zwei Leute, die man in Weimar öfter gesehen hatte, auch wenn sie bei der Enthüllung des Altarbildes nicht mehr lebten. Die Jetztzeit hat damals offenbar eine viel größere Rolle gespielt. Denn das Jetzt war die Gnadenzeit.

Die Kirchen waren bis zum Mittelalter voller Figuren und Bilder, die Bezüge zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herstellten. Der Cranachaltar ist das erste Bild der Kunstgeschichte, auf dem das neutestamentliche Gegenbild mit einem Zeitgenossen besetzt wird. Martin Luther wird hier als der neue Mose gezeigt. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Die Kirchen waren bis zum Mittelalter voller Figuren und Bilder, die Bezüge zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herstellten. Der Cranachaltar ist das erste Bild der Kunstgeschichte, auf dem das neutestamentliche Gegenbild mit einem Zeitgenossen besetzt wird. Martin Luther wird hier als der neue Mose gezeigt. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Lucas Cranach der Ältere steht unter dem Kreuz und er ist nicht gekleidet wie ein Jünger Jesu, sondern wie ein reicher Bürger seiner Zeit. So sah der Bürgermeister von Wittenberg aus. So war Cranach gekleidet, als er dieses Amt innehatte. Martin Luther trägt seinen Gelehrtenkittel, den er später auch für liturgische Zwecke verwendete. Auch die Zelte rechts oben stammen aus der Zeit der ersten Betrachter. Es sind echte Landsknechtszelte aus dem 16. Jahrhundert.

Cranach war mit seinem Regenten in der Kriegsgefangenschaft gewesen. Er hat solche Zelte gesehen. Und doch sind es hier die Zelte des Volkes Israel, als sie in der Wüste waren und eine Schlangenplage erdulden mussten. Als Mose eine Stange aufstellte, auf der eine Schlange zu sehen war, entstand hier eine Parallelgeschichte zur Kreuzigung. Nur das Aufsehen zum Zeichen Gottes hat die Israeliten in der Wüste geheilt, keine Leibsorge, keine Pharmazie! Nur der Blick in die richtige Richtung konnte ihnen helfen, der Blick zum Heil. Luther nannte diese Szene in der Wüste: »Das Evangelium im Alten Testament«.

Die Kirchen waren bis zum Mittelalter voller Figuren und Bilder, die solche Bezüge zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herstellten. Das hieß Typos und Antitypos, Vor-und Gegenbild, könnte man übersetzen oder Vorausschau und Erfüllung. In manchen Kirchengebäuden stehen auf der einen Seite zwölf alttestamentliche Propheten und auf der anderen Seite die zwölf Apostel. Unser Cranachaltar ist das erste Bild der Kunstgeschichte, auf dem das neutestamentliche Gegenbild mit einem Zeitgenossen besetzt wird.

Martin Luther wird hier als der neue Mose gezeigt. Im Hintergrund, rechts neben dem Kreuzesstamm, steht Mose mit einigen Israeliten. Er zeigt uns die Gesetzestafeln. Luther hält uns mit der gleichen Geste eine Bibel entgegen. Und er steht auch wie Mose breitbeinig und unverrückbar. »Hier stehe ich und kann nicht anders«, mag schon Mose gesagt haben. Und wie Mose die Worte Gottes vom Berg geholt hat, so hat Luther die Worte Gottes übersetzt und dem Volk gebracht. Und er hat sie durch seine Sicht der Schrift neu verstehbar gemacht. Er hat ihre Mitte hervor gespielt. Allein Christus ist das Heil. Zu ihm blicken wir auf, damit wir gesund werden wie die Menschen in der Wüste.

Denn das Jetzt, das auf dem Altar eine so ungeheure Rolle spielt, ist immer wichtig, wenn wir selbst vom Wort Gottes ergriffen werden. Wenn wir es nicht nur lesen, sondern wenn es bei uns Wirklichkeit wird. Wenn es uns aufhilft, rettet oder heilt, auch körperlich wie bei den Menschen in der Wüste. Und immer wenn das passiert, dann ist es »jetzt«!

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Dem Ideal ganz nahe

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Cranachaltar ist der Deuter Johannes Christus ähnlich

Johannes steht gleich neben dem Gekreuzigten. Er ist ihm der Nächste. Seine Beine sind nackt, seine Füße stehen direkt im Gras. Sein Untergewand ist aus groben Kamelhaaren. Wie grob sein Unterhemd ist, sehen wir im Vergleich mit dem feinen Pelz des reichen Malers Cranach neben ihm. Über dieser Wüstenkleidung aber liegt ein rotes Tuch. Diese Bekleidung teilt er mit dem Auferstandenen. Und auch die Physiognomie ähnelt stark den Gesichtszügen und der Barttracht Christi. Seine Kopfhaltung und Blickrichtung gleicht dem Gekreuzigten.

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Johannes versteht viel von Jesus. Er hat ihn einst erkannt, als er noch im Leib seiner Mutter war. Das Kind hüpfte, als sich Maria mit dem kleinen Jesus im Bauch nahte. Später wiederholte sich die Szene. Beide waren erwachsen geworden. Johannes taufte die Bußwilligen am Jordan. Jesus kam zu ihm. Da erkannte ihn Johannes und rief aus: »Da ist das Lamm Gottes!«

Johannes starb, bevor Jesus starb. Deswegen ist dieser Johannes unter dem Kreuz genauso wenig eine historisch korrekte Darstellung wie der Maler Cranach oder Martin Luther, die neben ihm stehen. Aber Johannes steht hier, um den theologischen Sinn des Kreuzestodes auszusprechen oder besser, zu zeigen.

Die erhobene Hand mit einem herausgestreckten Zeigefinger weist auf das Kreuz; die andere Hand zeigt mit zwei ausgestreckten Zeigefingern auf das Lamm. Das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. So steht es auch auf der transparenten Fahne, die das Lamm zierlich in seiner Beuge hält, nur eben in Latein: »Ecce agnus dei, qui tollit peccata mundi.« Johannes ist der Deuter, der den Heiland persönlich gekannt hat und der als privilegierter Zeuge die Tiefendimension des Geschehens am Kreuz versteht.

Er erkennt in Jesus den Gottesknecht aus dem Buch des Propheten Jesaja. Da heißt es: »Er trug unsere Krankheit, und um unserer Sünden willen wurde er geschlagen.« Und dort wird über ihn, den erwarteten Messias gesagt: »Wie ein Lamm auf der Schlachtbank tat er seinen Mund nicht auf.«

Auf anderen Altären stehen an dieser Stelle rechts neben dem Kreuz Maria und Johannes. Die Mutter und der liebste Jünger. Am nächsten stehen ihm also gewöhnlich Verwandte und Freunde. Dadurch wird betont: Alle sind gegangen, nur die engsten Angehörigen sind geblieben. Hier bei Cranach stehen drei Männer unter dem Kreuz. Der Deuter Johannes, der Maler selbst und Luther. Sie standen nicht unter dem historischen Kreuz. Sie haben eine Botschaft für uns Betrachter. Sie zeigen, wie man sich mit Jesus verbinden kann. Der erste ist der Augenzeuge, Johannes. Der zweite ist der Mensch, der das Geschehen aus der Schrift erkennt und auf die richtigen Stellen der Bibel zeigt, Luther. Und dann der dritte, der getroffen wird und uns ansieht, Cranach. Wie im biblischen Leben ist Johannes der Vorläufer. Er tut etwas Wichtiges, verzichtet aber auf die Lorbeeren. Seine Jünger laufen zu Jesus über. Unter dem Kreuz ist er ein Diener. Neben ihm endet der Blutstrahl der Gnade auf dem Haupt eines Zeitgenossen. Dieser macht eine direkte Gotteserfahrung, er wird direkt berührt, während Johannes und Luther mit Zeigegesten beschäftigt sind. Cranachs Hände ruhen im Gebet. Er atmet die Ruhe der Erlösung.

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Ein altes Ideal hat er erreicht: Christus ähnlich werden.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Zweideutigkeit auf dem Altar

15. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Bild von Lukas Cranach ist der ängstliche Zug, alles eindeutig zu machen, überwunden

Es ist eine Frühlingswiese. Es ist die Jahreszeit des Aufbruchs, der Veränderung, des kommenden Lebens. In der Blumenwiese zu Füßen Luthers, Cranachs und Johannes’ wachsen lauter Frühblüher. Eine dieser Blumen wird von fast allen Betrachtern zunächst für ein Tier gehalten. Fast alle Betrachter sagen nach dem ersten intensiveren Blick auf den Altar: »Da! – Vor dem gelben Stiefel Cranachs ist ja ein dicker Käfer zu sehen.« Schaut man noch genauer hin, ist es eine Blume. Aber – schon wendet sich das Blatt wieder – diese Blume symbolisiert ein Tier. Die Akelei hat ein längliches Honigblatt, das aus der Blüte hervor lugt. Wer will, kann darin eine Taube sehen.

In der Blumenwiese zu Füßen Luthers, Cranachs und Johannes’ blühen Mohn und Akelei. Die Akelei ist doppeldeutig. Sie ist ein Zeichen für die sieben Gaben des Heiligen Geistes und der heimlichen Liebe. Der Mohn gilt als Teufelsblume und er steht in Zusammenhang mit Schlaf, Tod und Vergessen. Auf dem Erlösungsbild dürfen auch zweideutige Blumen blühen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

In der Blumenwiese zu Füßen Luthers, Cranachs und Johannes’ blühen Mohn und Akelei. Die Akelei ist doppeldeutig. Sie ist ein Zeichen für die sieben Gaben des Heiligen Geistes und der heimlichen Liebe. Der Mohn gilt als Teufelsblume und er steht in Zusammenhang mit Schlaf, Tod und Vergessen. Auf dem Erlösungsbild dürfen auch zweideutige Blumen blühen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Ist man böswillig, kann man auch ein phallisches Objekt sehen, denn in der Spitze des Blattes, steckt der Nektar, auf den die Insekten scharf sind. Deswegen hat auf vielen mittelalterlichen Gemälden eine leicht bekleidete Frau eine Akeleiblüte in der Hand. Sie ist das Zeichen der heimlichen Liebe, der gleichsam als Blume getarnten Liebesabsicht. Diese Blume ist zweideutig. Im Volksmund heißt sie auch Venuswagen oder Elfenhandschuh, in Südmähren aber Tauberln, und im Englischen sagt man Columbine.

Die Akelei ist doppeldeutig. Und es ist nicht einmal richtig zu sagen, auf mittelalterlichen Tafelbildern bedeute sie immer den Heiligen Geist, denn manche liebeslustige Dame hält sie auch dort in der Hand. Ich unterstreiche diese Unbotmäßigkeit der Blume, weil ich an der reformatorischen Souveränität meine Freude habe. Noch auf den Vorgängerbildern zu Gesetz und Evangelium, auf denen sich das protestantische Bildprogramm entwickelte, prägen ein dicker Schriftbalken und viele andere Schriftzüge das Bild. Alles, was irgendwie missverständlich sein könnte, wird mit einem Bibelspruch eindeutig gemacht.

Unser Reformationsaltar ist das letzte, reife und souveräne Bild des Meisters Cranach. Schrift ist in der Bibel Luthers zu sehen. Er hält sie so, dass wir darin lesen können und sollen. Schrift ist auf den Schrifttafeln, die Mose uns entgegenhält und die unser Besitz sind. Aber die Blumen dürfen unbeschriftet blühen, obwohl sie auch Bedeutung haben. Der ängstliche Zug, alles eindeutig zu machen, also die Vieldeutigkeit der Bilder zu vermeiden oder einzuschränken, ist überwunden. Ein stilles Tableau, ein Bild der Erlösung, ein freies Spiel der Bedeutungen. Der Mohn als Teufelsblume, die Akelei als Liebesblume sind da und dürfen frei ausgelegt werden.

Der Mohn wächst auf der linken Seite des Altars, direkt vor dem Arm des Teufels. Diese Blume begleitet ihn, und auch sein Gewand ist auf den Bühnen Europas stets mohnrot gewesen. Der Mohn war die teuflische Gegenblume zur himmlischen Rose. Er wird auch Klatschrose genannt. Und wegen der Wirkung der Opiate, die besonders aus einer Unterart der Papaver somniferum gewonnen wird, ist der Mohn mit Schlaf, Tod und Vergessen assoziiert. Aber der Mohn ist auch so rot wie das Gewand des Auferstandenen, rot wie das Rettungsblut Christi, und so könnte die rote Mohnblume dem Teufel auch in den Arm fallen.

Die siebenblütige Akelei zwischen den Füßen Cranachs und Luthers ist ein Zeichen für die sieben Gaben des Heiligen Geistes: Sapientia, Intellectus, Consilium, Fortitudo, Sciencia, Pietas und Timor. Oder wie es bei Jesaja heißt: »Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.« Wir glauben gerne, dass diese Gaben den Reformator und seinen Maler leiteten.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Die gelben Stiefel des reichen Mannes

8. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Wie ein Diener des Mammon doch noch die Kurve kriegen kann

Sie sind ein Blickfang. Irgendwie landen die Augen des Betrachters recht bald auf Cranachs gelben Stiefeln. Sie sind aus feinem Leder, umschließen den Fuß, mehr noch die Waden und auch das Knie, fest wie eine zweite Haut.

Sie sind auch deshalb ein Blickfang, weil zwei Käfer oder dicke Fliegen vor Knöchel und Wade zu sehen sind. Bei näherer Betrachtung stellen sich diese allerdings als Blüten heraus. Es sind die Köpfchen der Akelei, die in Südmähren auch Tauberln genannt werden. Weil das Honigblatt dieser Blüte einer Taube ähnelt, steht die Pflanze, wenn sie sieben Blüten hat, für die Gaben des Heiligen Geistes. Doch dazu später mehr.

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Das gelbe Leder ist Saffianleder, erkannten Zeitgenossen. Der Mann ist reich. Und über den Stiefeln endet ein mit feinem Pelz behangener schwarzer Mantel. Ein Mann im Ornat eines Bürgermeisters steht da, breitbeinig und selbstbewusst, nicht nur reich, sondern auch mächtig.

Die edlen Stiefel aus gelbem Leder des wohlhabenden Cranachs stehen in scharfem Kontrast zu dem barfüßigen Johannes. Dennoch steht der reiche Mann auf dem Altarbild für die erlöste Menschheit. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Die edlen Stiefel aus gelbem Leder des wohlhabenden Cranachs stehen in scharfem Kontrast zu dem barfüßigen Johannes. Dennoch steht der reiche Mann auf dem Altarbild für die erlöste Menschheit. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Cranach war außerordentlich wohlhabend. Bei einer Volkszählung war der langjährige Bürgermeister von Wittenberg der zweitreichste Mann der Stadt. Auch als Apotheker war Cranach in der Stadt zugelassen. Er verkaufte dort neben Heilmitteln Pigmente für die Farbherstellung, die er selbst nutzte. Pictor celerrimus, der aller schnellste Maler, steht auf seinem Grabstein. Bereits damals galt in der Malwerkstatt: Zeit ist Geld.

Der feine Pelz und das edle Leder bilden einen scharfen Kontrast zum Täuferpropheten Johannes. Der steht neben ihm, und seine Füße sind ebenso nackt wie seine Waden und Knie. Bloße Haut ist da, wo Cranach von seinen Lederstiefeln geschützt und geschmückt wird. Auch Johannes trägt ein pelziges Gewand. Im Evangelium steht, es sei aus Kamelhaaren gewesen. Gleich neben der rosigen Nase des Lammes rollt sich das rohe Gewand unordentlich auf. Es hat nicht die edle Form, den gepflegten Schnitt des cranachschen Schmuckpelzes. Sagte Jesus nicht: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel?«

Dennoch spielt Cranach hier die Rolle des neuen Adam. Er steht für die erlöste Menschheit.

Links im Hintergrund unseres Altarbildes wird der alte Adam von Tod und Teufel gehetzt. Auf den Vorgängerbildern unseres Altars steht auf der rechten Seite derselbe Mensch unter dem Kreuz. In schöner Ruhe hat er die Hände gefaltet und wird vom Blut benetzt. Er ist erlöst.

Genau diese Figur ist auf dem Weimarer Altarbild der Maler Cranach. Auf seinem Haupt endet der Blutstrahl der Gnade. Seine Füße stehen noch in Schritthaltung. Eben hat er zum Kreuz emporgeblickt, jetzt hat er den Kopf gedreht und sieht zu uns, der reiche gerettete Mann.

Der reiche Mann ist ein schwerer Fall für die Erlösung. Nachdem die Jünger gehört haben, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher in den Himmel, fragen sie Jesus entsetzt: Aber wie kann er gerettet werden? Und der antwortet, bei den Menschen ist es nicht möglich. Aber alles ist möglich bei Gott.

Dieser Fall steht vor unseren Augen. Wenn ein reicher Mann erlöst werden kann, dann fallen alle Schranken. Wenn der, der dem Mammon diente, die Kurve kriegen kann, dann gilt die Erlösung selbst für uns. Der reiche Cranach blickt uns an. Wer das bemerkt hat, schaut sich in der Regel auch die anderen Figuren an. Wohin blicken die?

Da ist noch einer, der uns ansieht, nämlich der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand, dessen Saum mit goldenem Garn verziert ist. Er hat Tod und Teufel unterworfen. Sie liegen unter seinen Füßen. Sie jagen uns nicht mehr.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Eine Lanze aus Licht

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Die geistlichen Waffen gegen Tod und Teufel auf dem Cranachaltar

Wenn ich mit Konfirmanden vor dem Weimarer Cranachaltar stehe, behauptete ich immer: »Jesus hat ein Laserschwert!« Das Wort klingt im Altarraum einer Kirche fremd, aber ich benutze es bewusst. Denn der Laserstrahl ist gebündeltes Licht. Und das Laserschwert aus den »Star Wars«-Filmen ist die Lichtwaffe eines geistlichen Ordens, der Yedi-Ritter.
Wer gegen die Finsternis kämpft, dessen Waffe ist das Licht. Das war immer so in den Religionen. Auch auf unserem Cranachaltar ist dieses Prinzip deutlich zu erkennen. Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels, der seine Zunge herausstreckt, die wie eine Flamme züngelt. Mit beiden Händen umfasst er den Stab und wendet offenbar Kraft auf, um sich zu wehren.

Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels. Mit dieser Lanze aus Licht hält Christus das Böse nieder, sie ist seine Waffe im Kampf gegen das Böse. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels. Mit dieser Lanze aus Licht hält Christus das Böse nieder, sie ist seine Waffe im Kampf gegen das Böse. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Im Gegensatz zu ihm umfasst der Auferstandene die Waffe offenbar, ohne Mühe aufwenden zu müssen. Auf vielen anderen mittelalterlichen Bildern hält der Erzengel Michael eine ähnliche Waffe ebenso mühelos und dazu mit einer Körperbewegung, die oft etwas Tänzerisches hat. Ein Erzengel hat natürlich auf unserem erzprotestantischen Altar nichts zu suchen. Christus ist es selbst, der mit der gleichen Geste der Leichtigkeit das Böse beziehungsweise den Bösen niederhält.

Cranach war ein Meister darin, transparente Gegenstände zu malen. Oft halten die schönen nackten Damen, die er malt – zum Beispiel seine Lucretia –, ein transparentes Gewebe in der Hand. Die Unverhülltheit und die makellose Beschaffenheit der gemalten Haut werden durch den graziös gehaltenen durchsichtigen Schal noch hervorgehoben.

Christus und sein symbolisches Pendant, das Lamm, halten jeweils eine Art durchsichtigen Acrylstab mit einer ebenso durchsichtigen Fahne. Auf unserem Bild ist dies natürlich kein galantes Detail, sondern der Gegensatz zur grobstofflichen Materialität des Bösen.

Hinter dem Auferstandenen jagen Tod und Teufel einen kleinen Menschen, den alten Adam. Der Tod sticht nach ihm mit einer Lanze aus Holz, auf der eine Spitze aus Metall sitzt. Der Teufel holt neben ihm mit einem knorrigen Knüppel aus. Der Tod hält seine Lanze, wie man eben eine Lanze hält. Kraftübertragung ist wichtig, Schnelligkeit auch und die Verletzung der Haut des Opfers. Er hat es fast schon erreicht.

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Tod und Teufel bedienen sich der Kräfte des Irdischen. Aber die Kräfte, die gegen Tod und Teufel angehen, brauchen andere Waffen. Solche aus Licht. Und sie liegen eher in der Hand wie eine Feder, mit der man schreibt. Der Sieg über das Böse beruht auf anderen Prinzipien als das Böse selbst.

Deswegen ist der Lichtstab des Auferstandenen am Ende doch kein Laserschwert. Es ist keine Waffe neben anderen Waffen, die gewinnt, weil sie die stärkere ist. Dieser Lichtstab zeigt vor allem, dass das Böse mit den gleichen Waffen bekämpft werden kann. Nicht die dickere Lanze gewinnt, sondern die Lanze, die ganz anders ist. Sie ist eine geistliche Waffe und ihr Sieg ist von der Art des Kreuzes, das neben ihr steht.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Speise der Seligen

22. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Die Walderdbeeren und die Erlösungsbotanik auf dem Cranachaltar

Jesu, meine Freude! Die letzte Strophe des Liedes nennt Jesus sogar den »Freudenmeister«. Freude ist in der Regel bewegt. Man hüpft vor Freude, tanzt einen Reigen, klatscht in die Hand. Nur auf dem Cranachaltar scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier herrscht der »Stillstand der Erlösung«. Bewegt ist nur der kleine Mensch Adam, der vor Teufel und Tod flüchtet. Bewegt züngeln die Höllenflammen um den Berg. Doch das Erlösungstableau ist unbewegt. Aber wo ist dann die Freude geblieben?

Johannes der Täufer, Lucas Cranach der Ältere und Martin Luther stehen nicht mehr auf dem Wüstenboden der Verdammnis im Bildhintergrund, sondern auf dem grünen Land der Erlösten. Die Blumen und Gewächse sind dabei nicht zufällig verteilt. Sie haben ihre theologische Bedeutung, wie auch die Walderdbeere vor Luthers rechtem Fuß. – Fotos: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer/Candy Welz

Johannes der Täufer, Lucas Cranach der Ältere und Martin Luther stehen nicht mehr auf dem Wüstenboden der Verdammnis im Bildhintergrund, sondern auf dem grünen Land der Erlösten. Die Blumen und Gewächse sind dabei nicht zufällig verteilt. Sie haben ihre theologische Bedeutung, wie auch die Walderdbeere vor Luthers rechtem Fuß. – Fotos: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer/Candy Welz

Sie steckt in den Walderdbeeren. Die kleinen süßen Früchte hängen schwer über dem rechten Fuß Luthers. Mancher wird sich erinnern, wie er als Kind die winzig kleinen, aber sehr süßen Früchte gepflückt und gleich in den Mund geschoben hat. So viele man auch gegessen hat, satt wird man davon nicht. Sind Walderdbeeren nicht ein Zeichen vergeblicher Lust?

Die Erfahrungen, die man mit bestimmten Früchten oder Blumen machen kann, stecken ja immer auch in den symbolischen Bedeutungen, die ihnen zugeschrieben werden. Und so ist diese Süße ohne Sättigung der Punkt, der den Walderdbeeren ihre geistliche Bedeutung verleiht. Sie sind die Speise der Seligen, die der grob stofflichen Nahrungszufuhr nicht mehr bedürfen. Luther, der acht Jahre vor der Vollendung des Altarbildes starb, wird auf diese Weise zu den Seligen gerechnet.

Überhaupt steckt in der mittelalterlichen Tafelmalerei Freude in der Botanik und eben auch die Erlösungsfreude. Wo Erlösung ist, da breitet sich auf unserem Bild ein Rasenteppich aus, in dem viele kleine Blütenstauden wachsen. Keine von ihnen ist eine Fantasieblume. Alle sind botanisch und theologisch identifizierbar. Ein Stück der wirklichen Welt, und der Spuren Gottes in ihr.

Dass die Erdbeere die Speise der Seligen ist, ist nicht ihre einzige Botschaft. Aus ihren Eigenschaften ergibt sich noch mehr. Die Erdbeere blüht weiß. So ist sie ein Symbol der Unschuld. Das Blatt der Erdbeere ist dreigeteilt. So will sie auf die heilige Trinität verweisen. Und natürlich verweisen die roten Früchte auch auf Jesu Wunden.

Und auch das Gras selbst hat seine Bedeutung. Denn die Erlösten, Johannes, Cranach und Luther stehen nicht nur unter dem Kreuz, sondern auch auf einer Grasinsel. Wo der Auferstandene steht, treibt die Erde allerlei Gewächse ans Licht, sprosst das Gras hervor. Auch Tod und Teufel müssen ins Gras beißen.

Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister,
Jesus tritt herein. Denen, die Gott lieben,
muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn,
dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu meine Freude.

Johann Franck

Mose selbst hat das Gelobte Land nur sehen, aber nicht betreten dürfen. So erstreckt sich vor ihm und Aaron eine Grasinsel, sie selbst stehen aber auf Wüstenboden. Oder anders gesagt im rötlichen Staub, auf Hebräisch »Adamah«, aus dem der erste Mensch Adam einst geformt wurde.

Auch die Hirten, Tod und Teufel und die Schlangenszene in der Wüste spielen auf dem Erdboden, der aus Staub und Sand besteht. Sie warten erst auf das neue Leben, das sich regt, die Frühblüher der Erlösung. Die Welt begann in einem Garten und sie endet glücklich wieder dort. Die Zeitgenossen Luther und Cranach stehen erlöst auf Gras, auch wenn es an einigen Stellen etwas schütter wirkt. Unsere Füße zwischen Walderdbeeren und Adonisröschen. Eia, wär’n wir da!

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lucas Cranach dem Jüngeren.

Folterinstrument oder Lebensbaum?

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Ein Zweiglein fordert eine Entscheidung

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. (Jesaja 11, 1)

Dies ist eine Weissagung aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie kündet den neuen Daviden an, den Friedenskönig, den Mann, auf dem der Geist des Verstandes und der Weisheit ruhen wird und der mit dem Stabe seines Mundes – also mit Worten – den Gottlosen schlagen wird.

Isai ist der Vater Davids. Der Stumpf Isais ist die Königsdynastie Davids, die zur Zeit des Jesaja abgehauen ist, nicht mehr existiert. Ein Reis wird aus dem Stumpf hervorgehen. Das spielt auf die Fähigkeit mancher Bäume an, aus dem Stumpf neue Triebe hervorzubringen. Eine Weide oder einer Linde können sich auf diese Weise erneuern. Die meisten anderen Bäume bilden lediglich Stocktriebe. Die sehen aus wie Reisig, und daraus wird kein neuer Baum, sondern nur eine Art Busch, was man über die Nachfolger großer Dynastien öfter sagen kann.

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Für die Christen ist Jesus Christus das Reis Isais, der neue Friedenskönig, der nicht mit Gewalt, sondern mit Weisheit und der Kraft seines Wortes regiert. Der Weimarer Cranachaltar spielt mit einem kleinen Detail auf diese messianische Weissagung an. Das Kreuz, an dem der tote Jesus hängt, ist kein säuberlich geputztes Zimmermannskreuz, kein Balkenkreuz, sondern ein Baum. Die Rinde ist nicht abgeschält. Nur dort, wo Jesus hängt und wo die Balken aufeinandergefügt werden mussten, ist das Holz glatt geschnitten.

Cranach hat sein Signet, die geflügelte Schlange auf diese glatte Holzfläche gezeichnet, gleich unterhalb der Füße Jesu, gleichsam auf die Wunde des Holzes. Weiter unten, wo die Rinde den Stamm glatt umschließt, ist tatsächlich ein Trieb zu sehen, zwischen dem Lamm und seiner transparenten Siegesfahne schlägt der Stamm aus, lugt ein kleiner Trieb hervor. Ganz dezent setzt Cranach dieses Zweiglein. Er ist verwechselbar mit einem beim Säubern des Stammes übersehenen kleinen Ast. Wer es wahrnimmt, kann verstehen: Das Kreuz ist ein Lebensbaum. Es gibt andere Bilder, die das Kreuz als Lebensbaum zeigen wollen, bei denen der Querbalken des Kreuzes bereits dicke Knospen getrieben hat.

Das Kreuz in der Mitte ist entweder ein schlecht geputzter Baum oder ein Kreuz, das sich an seinen Baumcharakter zurückerinnert, das einen neuen Trieb hervorbringt. Hier ist eine Entscheidung erforderlich. Eben dieselbe Entscheidung, zu der der Altar auch in seinen anderen Stücken auffordert. Der Maler Lukas Cranach hat eben zum Kreuz emporgeblickt und wurde erlöst, wie die Kinder Israels in der Wüste bei den Zelten, die zur Schlange aufgesehen haben. Seine Füße stehen noch im Gestus des Schrittes, aber er wendet uns den Kopf zu und blickt uns an.

Wie wollt ihr es halten mit dem Emporblicken zum Kreuz? Ist es ein Folterinstrument oder ist es ein Lebensbaum?

Das kleine Reis, das aus dem Stamm des Kreuzes hervorgeht, stellt dieselbe Frage. In prägnanter Nähe zum Deutungstier Lamm – auch eine Anspielung auf ein Wort aus dem Jesajabuch – macht es den Balken zum Lebensbaum. Ein Zweiglein, das übrig bleibt, ein Zweiglein, das ausschlägt, oder um es mit einem Adventslied zu sagen: ein Zweiglein der Glückseligkeit.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Der Geheimcode auf dem Vorhang

8. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: VDMIAE – ein versteckter Wahlspruch auf dem Cranach-Altar

»Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.« (Jesaja 40,8). Dieser biblische Spruch aus dem Jesajabuch ist auf unserem Altar versteckt. Das Detail, dem wir uns heute zuwenden, ist auf dem linken Seitenflügel des Reformationsaltars zu finden. Dort knien Johann Friedrich der Großmütige und die Frau des Fürsten Sybilla von Cleve. Vor ihnen eine aufgeschlagene Bibel und hinter ihnen ein reich verzierter Vorhang, der wie ein Baldachin über das Paar gespannt ist. Von einer Kordel gehalten hängt das reich gefältelte Endstück zwischen den Häuptern des Fürstenpaares. Kann sein, der Vers ist auf dem Vorhang teilweise ausgeschrieben. Wir sehen durch die Fältelung nur die ersten Buchstaben. Sie lauten VDMIAE und sie stehen für: Verbum Dei Manet In Aeternum. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.

Johann Friedrich I. von Sachsen, auch »der Großmütige« genannt, trug von 1532 bis 1547 die Kurfürstenwürde. Als Führer des Schmalkaldischen Bundes wurde er in der Schlacht bei Torgau 1547 verwundet und gefangen genommen. Er verlor die Kurwürde und große Teile seiner Länderreien. – Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Johann Friedrich I. von Sachsen, auch »der Großmütige« genannt, trug von 1532 bis 1547 die Kurfürstenwürde. Als Führer des Schmalkaldischen Bundes wurde er in der Schlacht bei Torgau 1547 verwundet und gefangen genommen. Er verlor die Kurwürde und große Teile seiner Länderreien. – Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Der massige Körper des Fürsten, für damalige Verhältnisse Symbol seiner Mächtigkeit, seiner Schwere, seines unerschütterlichen Regententums, wirkt heute eher unbeweglich, kloßartig. Und so fällt uns gleich der erste Teil des Spruches wieder ein: Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Und so war es auch damals gemeint. Es ist eine Erinnerung an die Vergänglichkeit der Körper, zugleich aber auch eine Auferstehungshoffnung. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Und wir in ihm, wenn wir in ihm leben. Und dass der Fürst das tut, beweist die Bibel, in die er gerade noch hinein gesehen hat. Jetzt sieht er uns an.

»Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit«, ist sein Wahlspruch. Er steht auch auf seiner bronzenen Grabtafel in der gleichen Kirche. Und es kann auch als Motto seines Tuns, seines Lebenswerks, verstanden werden: Das Wort Gottes wieder aufzurichten unter den Menschen.

So hätte Luther das genannt, was wir Reformation nennen. Johann Friedrich war einer der Fürsten, die die reformatorische Bewegung unterstützten. Er geriet sogar in Kriegsgefangenschaft nach der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547. Und Kaiser Karl, der Sieger, hielt es für notwendig, ihn als gefangenen Fürsten mit sich zu nehmen, wohin er auch reiste und wo er auch Hof hielt. So hatten es die antiken Kaiser gemacht, die es sehr chic fanden, immer ein paar besiegte Stammesfürsten mitzuführen, als Teil ihres imperialen Auftretens. So zogen Johann Friedrich und sein Hofmaler Cranach mit dem Kaiser durch die Gegend. Die Maler des Kaisers porträtierten ihn als Nabal, einer der fiesesten biblischen Fürsten und Widersacher des Königs David.

Aber Peter Roddelstedt, ein Maler der auf Vorhänge spezialisiert war und vielleicht auch Cranach bei dem unsrigen geholfen hat, malte ihn als Daniel in der Löwengrube. Der Fürst betend wie hier auf dem Altar, die Löwen friedlich eingeschlafen. Ein Bild für jemanden, der überwältigt wurde und bestraft, aber dem die Strafe letztlich nicht schaden konnte.

Auf unserem Bild kniet Johann Friedrich unter einem imperialen Baldachin, der ebenso antiken Kaisern abgeschaut sein könnte. Aber er kniet, über ihm sein Wahlspruch: »Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.« Er hat alles dafür getan, dass das so bleibt. Und es lag auch mit in seiner Hand, dass die Reformation Wirklichkeit blieb.

Und dennoch heißt der vollständige Spruchnach der heutigen Lutherbibel: »Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.« Auch ein Fürst der Reformation steht schließlich vor dem Ende seiner Macht. Und das weiß dieser Mann auf dem Altar, der uns ansieht.

Was würde er sagen, wenn er gleich den Mund auftut? Seid Täter das Wortes, aber dabei vergesst nicht, was nicht in eurer Hand liegt!! »Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt. Nur das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich!«

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Der Blutstrahl der Gnade

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Das Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren in der Weimarer Stadtkirche (2)

1515 wurde Lucas Cranach der Jüngere geboren. Anlässlich seines 500. Geburtstages würdigt die Lutherdekade in diesem Jahr den Maler unter dem Motto »Bild und Bibel«. Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul stammt nach neusten Forschungen von Lucas Cranach dem Jüngeren. In einer zwölfteiligen Beitragsserie widmen wir uns dem Meisterwerk und seinen Glaubensaussagen.

Einmal führte ich zwei japanische Aikido-Meister durch die Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Wie viele Besucher blieben sie staunend vor dem Cranach-Altar stehen. Ich ließ ihnen Zeit. Dann sagte der ältere, würdigere von ihnen: »Wie der ideale Schwertschlag!« Er meinte den Blutstrahl im Zentrum des Bildes. Wir nennen ihn den Blutstrahl der Gnade.

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

In einem perfekten 90 Grad Winkel verlässt er die Seitenwunde Christi. So saust offenbar ein Aikido-Schwert nieder, wenn es meisterlich geführt wird. So fließt Blut nicht, und so verläuft kein Blutstrahl. Offenbar hat der Maler nicht nach der Natur gemalt. Dieser Blutstrahl hat eine symbolische Bedeutung.

Es gibt Kreuzigungsdarstellungen besonders im Spätmittelalter, da ist der Leib Christi Blut überströmt. Das extreme Leiden Christi spiegelt das extreme Leiden der Christen dieser Zeit. Das ist bei Cranachs Bild nicht der Fall.

Der Körper wirkt nicht gemartert. Die Haut ist glatt. Selbst die Nagelwunden erzeugen nur einen spärlichen Blutstrom. Das fällt dem auf, der vergleichbare Darstellungen gesehen hat, die die Heilswirkung des Blutes zum Thema machen. Oft schweben kleine Engel unter den Wunden und fangen ganze Blutströme von Händen und Füßen mit Kelchen auf. Es sind die Sakramentsgefäße der Kirche, die darin das von Christus erworbene Heil an uns weitergeben. Manchmal fängt auch die Kirche selbst das Blut auf. Sie ist dann als allegorische Gestalt abgebildet, als Frau Kirche, lateinisch »Ecclesia«. Manchmal nimmt auch ein Brunnen diese Mittelstellung ein. Christi Blut füllt ihn, und die Kirche schöpft daraus.

Bei Cranach trifft der Blutstrahl direkt. Deshalb heißt das Bild auch Reformationsaltar. Gnade ist nicht vermittelbar. Das ist eine der zentralen Botschaften Luthers. Niemand besitzt die Gnade und gibt sie an uns weiter. Jeder steht direkt vor Gott. Der Blutstrahl trifft direkt.
Schauen wir in die Bibel, die Martin Luther auf der rechten Bildseite aufgeschlagen uns entgegenhält. Bei einiger Vergrößerung könnten wir es klar lesen: »Das Blut Jesu Christi reinigt uns von allen Sünden« (1. Johannes 1,7) Und ebenso einen zweiten Spruch: »Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden.« (Hebräer 4,16) Cranach ist aufs Kreuz zugetreten und der Blutstrahl zeigt, dass er Gnade gefunden hat.

Und sofort flieht eine Schlange, könnte man meinen. Genau dort, wo das Ende des Blutstrahls sein Haupt berührt, scheint sie sich davonzumachen. Sie gehört eigentlich zur Szene in der Wüste. Aber wenn wir Cranachs Kopf näher betrachten, ist es fast unmöglich, sie nicht mit hinzuzunehmen. Schlange und Kopf bilden eine Sinneinheit

Die geflügelte Schlange ist auch Cranachs Wappen, das ihm einst Kurfürst Friedrich der Weise verlieh. Er hat es mit Stolz verwendet und signierte jedes Bild damit. Die Schlange hatte ursprünglich aufgestellte Flügel. Er legte sie nach dem Tod seines Sohnes Hans in Bologna (1537) nieder. Er gebrauchte von da an die Schlange mit liegenden Flügeln.

Wir sind Sünder und Gerechte zugleich, hat Luther festgestellt. Und auch diese Wahrheit ist zu Häupten des Malers im Reformationsaltar festgehalten. Er schaut uns an. Erlöst und doch der alte geblieben. Die Schlange flieht und ist doch sein Zeichen, an dem er wiedererkannt wird. Seine Sünde ist offenbar eng mit ihm verknüpft. Darin ist er uns ähnlich.

Frank Hiddemann

Der Autor ist Pfarrer in Gera und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Die Choreografie der Blicke

28. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Das Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren in der Weimarer Stadtkirche

1515 wurde Lucas Cranach der Jüngere geboren. Anlässlich seines 500. Geburtstages würdigt die Lutherdekade in diesem Jahr den Maler unter dem Motto »Bild und Bibel«. In einer zwölfteiligen Beitragsserie widmet sich Frank Hiddemann dem cranachschen Altarbild und seinen Glaubensaussagen.

Drei Männer stehen rechts unter dem Kreuz. Und meist geschieht es zufällig. Wir realisieren, dass eine der Personen uns direkt anblickt. Der Maler, auf dessen Haupt der Blutstrahl landet, fixiert uns mit seinem Blick: »Wo willst du hinschauen?«, scheint uns Lukas Cranach der Ältere zu fragen. Neben ihm steht Johannes der Täufer. Der blickt vom Kreuz weg zu seinen Zeitgenossen. Er weist mit Fingergesten auf den gehenkten Christus, mit der anderen Hand auf das Lamm. Auf diese Weise zeigt er: »Er ist das Lamm, von dem euch der Prophet Jesaja sagt!«

Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul, hier im Bild der Mittelteil, galt lange als Meisterwerk des alten Cranach. Doch nach neuesten Forschungen ist es das genuine Werk von Lucas Cranach dem Jüngeren, der zu Unrecht lange im Schatten seines Vaters stand. Das Werk wurde im vergangenen Jahr restauriert. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul, hier im Bild der Mittelteil, galt lange als Meisterwerk des alten Cranach. Doch nach neuesten Forschungen ist es das genuine Werk von Lucas Cranach dem Jüngeren, der zu Unrecht lange im Schatten seines Vaters stand. Das Werk wurde im vergangenen Jahr restauriert. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Links neben Cranach steht Martin Luther. Breitbeinig signalisiert er: »Hier stehe ich und kann nicht anders!« Ein offenes Buch hält er so, dass wir Betrachter es lesen können. Es sind biblische Verse, die er selbst aus dem Griechischen übersetzt hat. Sein Blick ist gedankenverloren. In der Art eines Visionärs schaut er unbestimmt in die Ferne. Dazwischen Cranach. Er schaut uns an, die Betrachter. Ein Blick über fast fünfhundert Jahre hinweg. Das ist einmalig in der mittelalterlichen Malerei. Wie kommt er dazu? Schauen wir genauer hin und sortieren wir die Füße der drei Herren rechts unter dem Kreuz. Luthers Füße stehen breit auseinander. So steht jemand, der nicht so leicht aus dem Lot zu bringen ist. Johannes der Täufer steht – frontal zu uns – fast ebenso selbstbewusst. Seine Füße sind nicht so leicht zu finden, weil er als der historisch Älteste am meisten im Hintergrund steht.

Aber sobald wir die Spitzen seiner Zehen gefunden haben – sie sind rechts neben Luthers linkem Fuß zu entdecken – sehen wir auch, wie Cranach steht. Seine Füße befinden sich in Schrittstellung. Er hat gerade noch mit dem Gesicht zum Kreuz gestanden. Vielleicht ist er einen Schritt auf das Kreuz zugegangen und hat hochgesehen.

So wie die Kinder Israels in der Wüste, die im Hintergrund zu sehen sind, schaut er in die Höhe. Und wie die Kinder Israels gesund wurden, als sie zur Schlange hinaufsahen, so wird Cranach erlöst. Der Blutstrahl der Gnade, der auf seinem Kopf endet, zeigt es augenfällig. Und nun verklärt sich Cranachs Blick eben nicht. Er blickt nicht nach innen, um seiner Erlösung nachzuspüren, so wie man etwas genießt, dass man lange begehrt hat. Er blickt nach außen. Er dreht sich in der Hüfte, wendet uns den Oberkörper zu und fragt stumm: »Wohin wollt ihr blicken?« Sein Körper ist noch zum Kreuz gerichtet, sein Gesicht wendet sich uns zu.

Wenn wir uns bewusst machen, was sonst auf der Mitteltafel eines Triptychons geschieht, wird dieser Blick noch verblüffender. Der Blick auf die Mitte eines Flügelaltars sollte uns zeigen, worauf wir uns verlassen können. Das Heil, das durch Christus für uns erwirkt wurde. Es geschah ohne uns, aber für uns. Manchmal durften die Stifter des Altars bei der Kreuzigung zuschauen. Etwas abseits standen sie und freuten sich über ihren Platz in der ersten Reihe. Aber keiner von ihnen würde je aus dem Bild herausblicken, denn sie hatten für ihre privilegierte Position bezahlt.

Cranach nimmt sich nicht einmal die Zeit, sich zu uns umzuwenden. Die Bewegung in der Hüfte reicht. Die betenden Hände sind noch auf dem Weg, seine Augen haben uns bereits gefunden. Das ist der protestantische Blick der Erlösung. »Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!«, sagte Jesus einmal.

Und wenn wir zurücksehen, animiert von diesem Blick, sehen wir noch eine weitere Figur, die uns ansieht, den auferstandenen Christus. Sein rotes Gewand weht, eine durchsichtige Lanze hält er beinahe spielerisch in den Händen. Seine Füße stehen auf den beiden Wesen, die im Hintergrund den alten Adam verfolgten: Tod und Teufel. Sie sind besiegt. Wir sind bewegt. Durch Blicke.

Aufruhr um Reichsadler

12. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion um Jenaer Kunstwerk: Was kann und was darf Kunst im kirchlichen Raum?

Am Eingang steht ein Zitat des Philosophen Karl Popper: »Das Wichtigste ist, allen jenen großen Propheten zu misstrauen, die eine Patentlösung in der Tasche haben und euch sagen: Wenn ihr mir nur volle Gewalt gebt, dann werde ich euch in den Himmel führen. Die Antwort darauf ist: Wir geben niemandem volle Gewalt über uns! Wir wollen, dass die Gewalt auf ein Minimum reduziert wird! Gewalt ist selbst von Übel und wir können nicht ein Übel mit einem anderen Übel austreiben.« Das Zitat ist Teil eines im vorigen Jahr fertiggestellten Wandbildes im Eingang der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena. Und auf dem prangen unübersehbar rund zwei Dutzend NSDAP-Reichs­adler, die in ihren Klauen Symbole wie Davidsstern und Kruzifix, Facebook- und Apple-Symbol halten – und eben auch das NS-Hakenkreuz.

Ausschnitt aus dem Wandbild im Eingang der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena. Foto: Rainer Borsdorf

Ausschnitt aus dem Wandbild im Eingang der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena. Foto: Rainer Borsdorf

Der Künstler Torsten Solin, Meisterschüler-Absolvent der Dresdener Kunstakademie, sieht die Verwendung der NS-Reichsadler als umlaufenden Wandfries so: »Das Karl-Popper-Zitat erklärt den Sinn des ganzen Bildes. Es gab nichts Dogmatischeres in der jüngeren Geschichte als die ­Nazis, die es auch mit ihrer Ästhetik geschafft haben, die Massen zu mobilisieren.« Der Adler tauche immer in Verbindung mit Macht auf – und heute stünden eben Marken oder die Bio-Welle in der Gefahr, Macht über die Menschen zu erlangen. Er nehme sich da selbst nicht aus.

»Was kann mich fesseln, ideologisieren, was kriegt Gewalt über mich?«, fragt sich Stadtjugendpfarrer Lothar König. Doch er erkläre keine Kunst, denn die »steht für sich selber und erregt Widerspruch, Zustimmung oder auch Unverständnis«. Auch unter den Jugendlichen seiner Jungen Gemeinde (JG) führe die Verwendung des NS-Reichsadlers »immer wieder neu zu Diskussionen« – ein Effekt, den der Künstler durchaus beabsichtigt hat, war er doch selbst einmal JG-Mitglied. Paradox dabei: 2011 erstattete die Thüringer NPD Anzeige wegen der »Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole«, erzählt König. Der Richter habe aber damals entschieden, dass die NS-Symbole Teil des Kunstwerkes seien und deshalb unter »künstlerische Freiheit« fielen.

Anstoß erregt das Wandbild auch außerhalb der JG: Als Wolfgang Eisenberg, engagiertes Mitglied der Jenaer Kirchengemeinde, kürzlich mit einer israelischen Jugendgruppe den Eingang der JG Stadtmitte betrat, waren die Jugendlichen entsetzt über die NS-Symbole: »Die haben gleich mit ihren Eltern telefoniert«, erinnert sich Eisenberg und fügt hinzu: »Kunst kann provozieren, aber nicht mit Hakenkreuzen.« Die NS-Symbole hätten ihn dermaßen geärgert, dass er dem restlichen Wandbild kaum noch Beachtung geschenkt habe.

Ricklef Münnich, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft »Kirche und Judentum in Thüringen«, nimmt die Reaktion der israelischen Besucher sehr ernst: »Das Spiel mit den NS-Symbolen ist geschmacklos und verletzt gerade Juden und andere NS-Opfer zutiefst.« Es gehe ihm nicht um Kunstzensur, aber eine Debatte über Kunst in und an kirchlichen Räumen wünsche er sich schon. Antisemitismus oder gar eine Verharmlosung des NS-Regimes sei aber bei der JG Stadtmitte, ihren Aktivitäten und ihrer Geschichte definitiv ausgeschlossen.

Für einen entspannten Umgang mit dem Werk plädiert hingegen Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland: »Kunst hat ihre eigenen Konventionen. Sie soll die ganze Wirklichkeit darstellen und sich nicht religiösen oder politischen Stoppregeln unterwerfen müssen.« Er verstehe zwar, dass eine israelische Gruppe bei den NS-Symbolen zunächst zusammenzucke, jedoch: »Wenn man nur noch Positives abbilden darf, sind wir schnell beim Kitsch oder in der Diktatur.«

Rainer Borsdorf

Ostern – Das Leben erkennen

23. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Warum die Auferstehung sich leise ins Leben schleicht.

Ein Paukenschlag war die Auferstehung Jesu nicht. Sie verlief eher unbemerkt. Gekreuzigt dagegen wurde Jesus in aller Öffentlichkeit. Hohepriester, Schriftgelehrte und Kriegsknechte standen unter dem Kreuz – und nicht zu vergessen das Volk. Spottrufe flogen durch die Luft. Lautes Gelächter folgte darauf. Und oben die Schmerzensschreie der Gehenkten.

Wer gedacht hatte, Jesus kommt genauso laut zurück, hatte sich getäuscht. Kein Triumphzug durch die Stadt! Keine Erscheinung über den Wolken! Keine Zurechtweisung der Welt! Und mehr noch: Es hatte nicht einmal einer erwartet. In den Evangelien stehen Leidensankündigungen. Und für uns Leute nach Ostern sind auch die Vorboten der Auferstehung unübersehbar.

Das Zeichen des Jona, der Tempel, der nach drei Tagen wieder aufgebaut wird. Die Auferweckung ist mit den Händen zu greifen.

Und doch denkt keiner daran. Die Jünger und die Frauen um Jesus sehen die Kreuzigung nur aus der Ferne. Als sie zum Grab gehen, wollen sie den Leichnam salben. Keiner der Menschen um Jesus erwartete die Auferstehung. Sie erkannten ihn nicht einmal, als er vor ihnen stand.

Die zwei Jünger, die nach Emmaus unterwegs waren, treffen einen Mann, der den gleichen Weg hat wie sie. Sie wandern mit ihm eine Zeit lang und erzählen ihm von ihrer Hoffnung. Sie hielten Jesus von Nazareth für den Auserwählten Israels. Aber nun ist er tot, und sie sind resigniert.

Als Jesus ihnen die Bibel aufschließt und die Stellen zeigt, die zur Hoffnung Anlass geben, zucken sie mit den Schultern und lächeln freundlich. Was soll das noch?

Erst als er mit ihnen isst und das Brot bricht, wie er es immer gebrochen hat, erkennen sie ihn. Und genau in diesem Moment verschwindet er auch wieder. Maria aus Magdala steht vor ihm und hält ihn für den Gärtner. »Wo haben Sie meinen Herrn hingelegt?«, fragt sie.

Er hatte sie angesprochen, und sie hatte ihn nicht einmal an der Stimme erkannt. Erst als er ihren Namen nennt, wendet sie ihren Blick. Sie hatte Richtung Tod geblickt, obwohl sie vor Jesus stand. Und nun blickt sie ins Leben.

Im Auferstehungsbericht des Matthäus ist viel Zinnober. Ein Engel, der einen Stein wälzt und wie ein Blitz aussieht. Sein Gewand ist weiß wie Schnee, und die Soldaten fallen in Ohnmacht als er erscheint. Staunend sehen die Frauen in dieses Gewitter der Ereignisse und kriegen dann zu hören: Der Auferstandene ist gar nicht da.

Alle Aufregung geschieht in seiner Abwesenheit. Erst viel später in Galiläa sehen sie Jesus selbst. Erzählt wird das mit diesem schlichten Satz: »Da begegnete er ihnen und sprach.«

Warum geschieht die Auferstehung so beinahe heimlich?

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)

 

Ein Bild des Malers Herbert Falken ­inspiriert mich zu einer Antwort. Seine Arbeit »Unvollendetes Doppelkreuz« entstand 1969 und ist Teil einer Serie, die »Scandalum Crucis« heißt, also den Skandal des Kreuzes abschreitet. Auf der unteren Bildhälfte ist ein Teil des Gekreuzigten zu sehen. Mit dicker, pastös aufgetragener Farbe hat der Maler einen braunroten Torso aufgeschichtet und mit flüchtigen Strichen Rippen und Bauchnabel angedeutet. Sand ist den Farben beigemischt, der die Gestalt schmutzig und flüchtig erscheinen lässt.

Oben am Rand des Bildes ist die Überschrift des Kreuzes in Latein und Deutsch eingezeichnet. Farbschichten sind hier weggekratzt und geritzt, damit der Schriftzug erscheinen kann. Dazwischen ist eine Aussparung. Eine weiße Silhouette erhebt sich mit Haupt und Armen aus dem dunklen Untergrund. Dieses Weiß ist nicht gemalt, sondern einfach der Untergrund der Leinwand.

Das könnte der Grund sein, warum die Auferstehung sich so heimlich ins Leben schleicht. Das Leid ist gut sichtbar. In vielen Schichten prägt es unsere Lebensgeschichte und drückt es unsere Seele. Die Prophezeiungen und Erwartungen üben zusätzlichen Druck aus. Sie assistieren den Narben unserer Biografie.

Auferstehung schafft ein unbeschriebenes Stück Land. Das Leben kann anders weitergehen. Nicht mehr den Tod anstarren, sondern das Leben erkennen, das genau vor einem steht. Das war die Aufgabe der Maria. Dem schneeweißen Engel glauben und nach Galiläa gehen, um dort irgendwo Jesus zu begegnen. Jesus beim Brotbrechen verschwinden sehen, um ihn fortan in jedem Brotbrechen neu zu begrüßen.

Auferstehung schafft ein Stück Neuland. Es ist zuerst kaum sichtbar und schwer zu erkennen. Es erscheint leise. Aber jedes Osterfest erlaubt uns, anders fortzusetzen als wir begonnen haben. Der Freiraum, den wir haben, ist geformt wie der verklärte Jesus.

Frank Hiddemann

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Gera.