Mit Christus geht alles

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Attraktiv: In Frankreich zieht die protestantische Kirche junge Menschen an: Vier neue Mitglieder erzählen ihre Geschichte.

Emilie Gomez (36) aus Palaiseau bei Paris sagt: »Ich bin seit einem Jahr Mitglied der protestantischen Kirche. Wegen meiner Homosexualität. Ich lebe mit einer Frau zusammen. Und die protestantische Kirche bietet Gottesdienste und eine Einsegnung für ho­mosexuelle Paare.«

Früher war Emilie katholisch. Sie sei immer gläubig gewesen. Aber ihre Homosexualität war in ihrem Umfeld schlecht angesehen. Darum habe sie die Katholische Kirche und ihre Familie verlassen. Damals habe sie in Südfrankreich gelebt. In Toulouse. Sie habe der Kirche den Rücken gekehrt bis zum Aufwachsen ihrer Kinder: »Als mein Sohn mich bat, ihn beim Katechismus anzumelden, habe ich mich daran erinnert, dass ich eine umfangreiche religiöse Kultur hatte. Ich habe im Internet gesucht und die Protestantische Kirche gefunden.«

Dann habe sie Pastorin Dominique Hernandez kennengelernt. Sie habe die Gemeinschaft sympathisch gefunden. Und der Kirchenvorstand habe ihr Gesuch um Einsegnung als Paar angenommen. Wie hat sich ihr Leben geändert? »Ich entdecke an mir eine sehr sehr humanitäre Seite.« Im kirchlichen Hilfswerk Agapé veranstalte sie Picknicks für Flüchtlingsfamilien und helfe bei der Beherbergung obdachloser Frauen.

Auf den ersten Blick unscheinbar und doch ein Anziehungspunkt: Die lutherische Kirche Les Billettes im 4. Arrondissement von Paris. Sie gehört zu einer Klosteranlage mit Ursprung im 13. Jahrhundert. 1810 wurde die Kirche der lutherischen Gemeinde von Paris über­geben und restauriert. Der Kreuzgang blieb erhalten und ist heute der letzte der einst zahlreichen Klosterkreuzgänge von Paris. Fotos: Holger Wetjen, privat

Auf den ersten Blick unscheinbar und doch ein Anziehungspunkt: Die lutherische Kirche Les Billettes im 4. Arrondissement von Paris. Sie gehört zu einer Klosteranlage mit Ursprung im 13. Jahrhundert. 1810 wurde die Kirche der lutherischen Gemeinde von Paris über­geben und restauriert. Der Kreuzgang blieb erhalten und ist heute der letzte der einst zahlreichen Klosterkreuzgänge von Paris. Foto: Holger Wetjen, privat

Julien Guitard (35) aus Paris ist seit 2012 Mitglied der Protestantischen Kirche Frankreichs. Getauft wurde er im Herzen von Paris: in der lutherischen Gemeinde Les Billettes, im Pariser Intellektuellen-Viertel Marais. Warum? »Um auf einen Ruf zu antworten, auf eine sehr tiefe Überzeugung. Eine Liebes-Einladung, die Christus im Evangelium ausspricht. Eine Anrufung. Eine Berufung.«

Seitdem habe sich sein Leben vor allem geistig verändert: »Es ist ein Vertrauen, eine Hoffnung. Wenn man Christus hat, hat man alles.« Es gehe darum, die ethischen Fragen wieder aufzugreifen: Solidarität mit den Armen. Nicht im materiellen Sinne. Sondern mit denen, die in einer Armut des Geistes leben.

Julien ist EDV-Ingenieur. In seiner Familie war seine Großmutter lutherisch. Im 19. Jahrhundert sei einer seiner Vorfahren elsässischer Pastor gewesen: Eugène Menegoz. Guitard habe die Gemeinde Les Billettes schon »von außen« gekannt, weil er in der Nähe der Kirche wohnt. Auf der Taufe seines Neffen habe er dann den damaligen Pastor von Les Billettes, Alain Joly, kennengelernt: Das sei der Anlass gewesen, einen geistigen Weg einzuschlagen. »Ich bin Christus begegnet«, beschreibt er seine Erfahrung.

»Der Protestantismus hat mir Lust darauf gemacht, mehr über die Geschichte der Religionen und die biblischen Texte zu erfahren«, sagt Amandine Lebarbier (31), ebenfalls aus Palaiseau. »Er hat mir ermöglicht, einen beruhigten Dialog mit Gott wiederaufzunehmen, in dem die kirchliche Struktur keine Bremse mehr war, sondern eine Hilfe.« Die Doktorandin der Literaturwissenschaft ist infolge eines Bibelkurses Protestantin geworden. Vor vier Jahren. Zuerst sei sie aus reiner intellektueller Neugier dorthin gegangen. Als Französisch-Lehrerin wollte sie mehr über die Bibel erfahren. Aber die Begegnung mit Dominique Hernandez, Pastorin der Kirche von Palaiseau, sei bestimmend gewesen für ihren Willen, den Protestantismus anzunehmen.

Was hat sie am Protestantismus interessiert? »Der neue Bezug zum biblischen Text, den die protestantische Exegese anbietet: eine historisierte, vorsichtige, offene, vielfältige Lesart, niemals versteift.«

Ursprünglich katholisch erzogen, sei sie seit mehreren Jahren nicht mehr zur Messe gegangen: Sie habe sich nicht in Übereinstimmung gefühlt mit dem, was die katholische Kirche ihr angeboten habe. Aber sie sei immer noch angeregt gewesen von einer Lust, sich Gott anzu­nähern. Seit dem Bibelkurs gehe sie mit ihrem Mann regelmäßig in den protestantischen Tempel.

»Der Glaube und die Rückkehr in die Kirche haben mir gezeigt, dass man glücklich sein kann ohne Materielles und ohne ausschweifenden Konsum«, fasst es Morgan Lefèbvre (35) aus Lyon zusammen »In unserer Gesellschaft werden wir dazu angetrieben, immer das schönste Auto zu wollen, den großen Fernseher. Das ist ein Wettlauf nach dem Glück, bei dem es kein Ende gibt. Hingegen: wenn man sich wieder auf die Werte Christi besinnt, schafft man es, sich davon zu lösen und ein Glück zu finden, das gesünder und einfacher ist. Wahrhaftig. Und nicht an das gebunden, was man besitzt.«

Morgan ist Bankier. Die Kirche habe ihm erlaubt, bewusst Entscheidungen zu fällen. »Man vergisst oft, selbst zu denken. Man tut Dinge, die alles sind, außer brüderlich – alles, außer christlich.« Das habe sich geändert, seitdem er Mitglied der Kirche sei: »Heute treffe ich politische Entscheidungen nach Maßgabe des Glaubens und der Lehre Christi.«
Morgan Lefèbvre ist seit drei Jahren Mitglied in der protestantischen Gemeinde von Lyon Rive Gauche. Er sei ursprünglich katholisch erzogen worden. Aber es habe einen Haufen Dinge gegeben, die ihm an der Funktionsweise der katholischen Kirche missfallen hätten: »Meine Glaubensvorstellung und mein Bezug zur Schrift sind anders.« Darum habe er sich von der Kirche zurückgezogen.

Aber nicht vom Glauben.»Zugleich habe ich aber gemerkt: wenn man sich von der Kirche entfernt, entfernt man sich zwangsläufig auch vom Glauben. Man liest nicht mehr das Wort Gottes. Man hört keine Predigt mehr. Aber es gibt Momente im Leben, da ist man auf der Suche nach Werten. Nach Sinn. Und in der Kirche kann ich auf diese Fragen Antworten bekommen.«

Holger Wetjen

Christenlehre für Iraner

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlingsgeschichte: Sie wirkt bei vielen reformierten Gemeinden bis heute nach

Ausgerechnet im Dom zu Halle, dem Schmuckkästchen von Luthers Gegner Kardinal Albrecht, haben die Reformierten im 17. Jahrhundert ihre Heimat gefunden. Die Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Nachdem die Hugenotten von Frankreich auch nach Halle geflohen waren, überließ ihnen der »Große Kurfürst« Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1688 den Dom »zur ewigen Nutzung«. Heute, fast 330 Jahre später, nimmt die Gemeinde selbst Flüchtlinge auf – aus dem Iran und Afghanistan.

»Die Ernsthaftigkeit, mit der diese jungen Menschen ihrer Taufe begegnen, berührt mich und viele andere in unserer Gemeinde«, sagt Jutta Noetzel, Pfarrerin der Domgemeinde und Senior des reformierten Kirchenkreises der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Viele Täuflinge empfinden die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft als Start in ein neues Leben. Zum Teil hatten sie sich im Iran bereits einer christlichen Hauskirche angeschlossen. Manche sind auf der Flucht konvertiert. Andere haben sich in Deutschland dazu entschlossen. Auf die Konversion steht im Iran die Todesstrafe. Oft ist sie zudem mit Verwerfungen in den Familien verbunden.

Das Bekenntnis ist ein Ja zum Christentum, aber auch ein Nein zu einer religiös-fundierten Ideologie, eine Absage an das totalitäre und brutale Regime im Iran. Die Bergpredigt, besonders die Seligpreisungen, seien für viele der Iraner wichtige Texte.

Vor allem bei Geflüchteten, die sich in Deutschland taufen lassen, hinterfragt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Motivation. In etlichen Fällen wird sie als »selbst verschuldeter Nachfluchtgrund« eingestuft. Zu den »Glaubensprüfungen« des Bamf sagt Jutta Noetzel: »Es ist eine pfarramtliche Aufgabe, die Taufe zu verantworten.«

Seit etwa zwei Jahren ist die Domgemeinde Anlaufstelle für christliche Flüchtlinge. Das war nicht forciert. Es ergab sich. Diakonische Aufgaben waren selten und sind bis heute zweitrangig, der Taufwunsch stand stets im Vordergrund. Mittlerweile bietet die Gemeinde »Christenlehre für Iraner« an. Jeden Donnerstag treffen sie sich mit Pfarrerin Noetzel, um mithilfe des Übersetzers Vahid Shahidifar über den christlichen Glauben zu sprechen und die Bibel zu lesen.

Flüchtlingsherberge: Jutta Noetzel vor dem Dom in Halle. Bereits 1688 überließ Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Gotteshaus den reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Foto: Katja Schmidtke

Flüchtlingsherberge: Jutta Noetzel vor dem Dom in Halle. Bereits 1688 überließ Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Gotteshaus den reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Foto: Katja Schmidtke

Dabei kommen bestimmte Themen immer wieder zur Sprache, etwa die Frage nach der Gottessohnschaft Jesu und der Zusammenhang von Altem und Neuem Testament. Der Iran lehnt Israel ab, es gibt dort einen scharfen Antisemitismus. »In dieser Kultur sind sie groß geworden. Wir machen deutlich, dass wir Antisemitismus radikal ablehnen. So steht es auch in unserer Kirchenverfassung.« Vor allem komme es auf eine persönliche Haltung zum Glauben an und darauf, Pluralität zu akzeptieren. Eine feste Gruppe von bis zu 20 Leuten komme regelmäßig – auch in die Gottesdienste. Um sie zu integrieren, wird eine der Lesungen auf Farsi gehalten. Auch ein Handzettel zum Gottesdienstablauf ist in Vorbereitung.

In der 250 Menschen zählenden Domgemeinde sei aufgrund der eigenen Flüchtlingsgeschichte die Akzeptanz groß, erzählt Pfarrerin Noetzel. Die jungen Flüchtlinge brechen radikal die Altersstruktur auf. Das Gemeindeleben sei offener und lebendiger geworden. Am Heiligabend gab es ein gemeinsames Essen: Gans, nach persischem Rezept.

Katja Schmidtke

Europa: Den Blick auf die Flüchtenden im Mittelmeer lenken

28. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Du siehst mich« (1. Mose 16,13) lautet die Losung für den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT). Sie wird auch den Festgottesdienst begleiten, dessen Kollekte für die Rettung von Flüchtenden im Mittelmeer bestimmt ist. Das Geld geht an SOS Méditerranée und Mediterranean Hope, beides Projekte, die Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, helfen.

Schätzungen zufolge sind in den letzten drei Jahren mehr als 10 000 Menschen auf diesen Routen ums Leben gekommen: »Sie waren auf der Flucht vor Krieg, Not und Terror und stießen auf unüberwindliche Grenzen, auf Abschreckung und Abschottung«, heißt es dazu in einer Erklärung des DEKT, und weiter: »Unsere Trauer um diese Toten bringen wir mit einer Schweigeminute am Freitag um 12 Uhr zum Ausdruck – und unterbrechen dafür unsere Veranstaltungen auf dem Kirchentag.«

Rund 1 000 Flüchtlinge aus Afrika und Syrien sind über die dank »Mediterranean Hope« eingerichteten humanitären Korridore« bislang nach Italien eingereist. – Foto: Facebook/Mediterranean hope

Rund 1 000 Flüchtlinge aus Afrika und Syrien sind über die dank »Mediterranean Hope« eingerichteten humanitären Korridore« bislang nach Italien eingereist. – Foto: Facebook/Mediterranean hope

Die 2015 gegründete Hilfsorganisation »SOS Méditerranée« kooperiert unter anderem mit »Ärzte ohne Grenzen« und stellt zivile Rettungsschiffe für in Seenot geratene Flüchtende im Seegebiet zwischen Libyen und Italien zur Verfügung. Sie setzt sich dafür ein, im Mittelmeer ein Seenotrettungsprogramm für Flüchtlinge sowie sichere und legale Fluchtwege einzurichten.

»Mediterranean Hope« ist ein ökumenisches Projekt, finanziert von der italienischen Waldenserkirche, das die lebensgefährlichen Fluchtversuche über das Mittelmeer dauerhaft verhindern soll. Gemeinsam mit der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio hat der italienische evangelische Kirchenbund mit diesem Projekt sogenannte humanitäre Visa möglich gemacht: Flüchtlinge können in Marokko oder im Libanon nach Nachweis einer humanitären Notlage auf der italienischen Botschaft einen Antrag auf ein Visum stellen.

Im Gegenzug haben sich die beteiligten Kirchen gegenüber dem italienischen Staat verpflichtet, ein halbes Jahr für die Eingereisten zu sorgen. Das geschieht unter anderem in zwei Zentren auf den Inseln Lampedusa und Sizilien.

Adrienne Uebbing

Nächstenliebe verlangt Klarheit

26. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Populismus: EKM will die inhaltliche Auseinandersetzung befördern


Christen und Populismus in der Kirche. Darüber sprach Willi Wild mit dem Leiter des Personaldezernats, Oberkirchenrat Michael Lehmann, und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, dem Leiter des Dezernats Gemeinde in der EKM.

Haben Sie Kenntnis von rechtspopulistischen Tendenzen in der EKM?
Lehmann:
Lassen Sie mich, bevor ich auf Ihre Frage antworte, zwei Dinge sagen. Zunächst: Das Personaldezernat spürt nicht den politischen Überzeugungen der Pfarrerschaft und der kirchlichen Mitarbeiter nach. Für uns ist lediglich maßgebend, dass die Glaubwürdigkeit unserer christlichen Botschaft nicht verletzt und der Dienst nicht beeinträchtigt wird. Wir als Landeskirche vertrauen darauf, dass unsere Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst wissen, dass sie an alle ihre Gemeindeglieder gewiesen sind und nicht nur an diejenigen mit gleicher politischer Präferenz.

Zweitens: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, und gesamtgesellschaftliche Tendenzen finden sich auch in unserer Kirche wieder. Im Blick auf unsere Mitarbeitenden ist das im
Prinzip nicht anders. Allerdings sehe ich, wie viele von ihnen sich glaubwürdig gegen Verachtung und Ressentiments aussprechen und auch selbst beispielhaft handeln, indem sie etwa angesichts der Flüchtlinge vor Ort konkrete Hilfe geleistet und organisiert haben.

Nun zu Ihrer Frage: Ja, in der jüngsten Vergangenheit gab es in der EKM einen Fall: Ein Gemeindepädagoge hatte sich aktiv an einer rechtsextremistisch motivierten Demonstration beteiligt. Nach entsprechenden Personalgesprächen blieb dem Kirchenkreis keine andere Möglichkeit, als sich von diesem Mitarbeiter zu trennen. Der Fall kam vor das Arbeitsgericht, das aber hat uns klar in dieser Entscheidung bestätigt.

Fuhrmann: Auch bei ehrenamtlich in der EKM Engagierten gibt es keine Abfrage nach der Parteizugehörigkeit. Die Kirchengemeinden sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und damit gesellschaftspolitischer Positionen. Entscheidend ist für mich dabei, ob es uns gelingt, ein christlich motiviertes Gespräch mit allen hinzubekommen. Ich vermute aber, dass derzeit in den Kirchengemeinden die unterschiedlichen Positionen kaum zur Sprache kommen, weil es schwierig ist, die konträren Standpunkte zusammenzubringen.

Wie schätzen Sie auf der anderen Seite die Bedrohung von Pfarrern in der EKM ein, die sich klar gegen rechte Gesinnung wenden?
Lehmann:
Tatsächlich werden Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche Opfer von Herabwürdigung und Bedrohung im Internet. Als ein Beispiel nenne ich unsere Landesbischöfin, die leider immer wieder zum Ziel rechtsradikaler Hetze wird. Im Fall eines Thüringer Pfarrers nahm die Androhung von Gewalt gegen ihn und seine Familie solche Ausmaße an, dass wir ihm die Aufhebung der Dienstwohnungspflicht angeboten haben. Gerade wer sich für einen mitmenschlichen Umgang mit Menschen anderer Sprache und Herkunft einsetzt, merkt: Das Doppelgebot der Liebe war nicht nur zur Zeit Jesu, sondern ist auch heute für viele ein Ärgernis. Ich sehe aber gerade da, spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise, eine große Glaubensgewissheit und Klarheit in unserer Pfarrerschaft. Das beeindruckt mich sehr.

Wie begegnet die EKM populistischen Tendenzen in Kirchengemeinden?
Fuhrmann:
Aus dem Landeskirchenamt heraus können wir erst mal wenig tun. Was ich als Aufgabe sehe, ist, dass wir immer wieder Impulse setzen für das Gespräch. Wir möchten ermutigen und einladen zur Debatte. Die Initiative sollte aber aus den Kirchengemeinden kommen. Wir unterstützen Angebote der Gemeinden und Einrichtungen, wo es um Begegnung geht, und stehen gern beratend zur Seite.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/rechtsextremismus

Wenn das Amt den Glauben prüft

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Christentum konvertierte Flüchtlinge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf die Ernsthaftigkeit ihres Religionswechsels getestet. Mit teilweise äußerst zweifelhaften Methoden.

Wie heißen die beiden Söhne im Gleichnis vom verlorenen Sohn?« Pfarrer Gottfried Martens aus Berlin-Steglitz kann diese Frage nicht beantworten. Sein iranischer Täufling noch weniger. Denn in der Bibel werden die Namen der beiden Söhne überhaupt nicht erwähnt. Der Iraner allerdings könnte deswegen nun in seine Heimat abgeschoben werden. Denn weil er in seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die kürzlich in Berlin stattfand, diese Frage nicht beantworten konnte, glaubte ihm das Amt nicht, dass er wirklich und aus voller Überzeugung zum christlichen Glauben konvertiert ist.

Ein Einzelfall? Mitnichten. Bei dem zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehörenden Pfarrer Martens häufen sich die Fälle von Konvertiten, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben. »Und fast immer finden sich in den Anhörungsprotokollen Belege dafür, dass Anhörer, Dolmetscher und Entscheider, also alle mit dem jeweiligen Fall betrauten Personen, selbst überhaupt keine Ahnung von dem haben, wonach sie fragen«, sagt Martens.

Vom »Schweinefleischfest« bis zu Luthers Geburtsdatum

So verwechselte eine Anhörende das Apostolische Glaubensbekenntnis mit dem Vaterunser. Ein Dolmetscher übersetzte das Osterfest mit dem Begriff »Schweinefleischfest«. Und ein Konvertit scheiterte an der Frage nach dem Geburtstag Martin Luthers – den vermutlich die wenigsten lutherischen Christen in Deutschland auf Anhieb nennen können.

Rund 1 000 iranische und afghanische Flüchtlinge hat Martens in den letzten Jahren getauft. Alle erhielten einen mehrmonatigen Taufunterricht. Alle mussten am Ende eine Prüfung bestehen. Fast alle halten sich auch nach Jahren noch zur Gemeinde, besuchen die Gottesdienste. Den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Menschen kämen nur zu ihm, um als Konvertiten ein Bleiberecht zu erhalten, weist Martens entschieden zurück. »Ich habe aber den Eindruck, dass es im BAMF mittlerweile die Maßgabe gibt, Konvertiten besonders streng zu beurteilen«, sagt Martens.

Und die Erfahrungen des Berliner Pfarrers sind kein Einzelfall. Auch in Bayern erleben Kirchenvertreter Ähnliches. Auf der vor Kurzem in Nürnberg tagenden Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns berichtete Oberkirchenrat Michael Martin nicht nur davon, dass sich in Bayern ebenfalls viele Flüchtlinge in der Landeskirche taufen ließen. Vielmehr führe auch dort das Bundesamt »Glaubensprüfungen« bei Flüchtlingen durch.

»Unbestritten ist: Die Taufe gehört zum Kernbereich kirchlichen Handelns«, sagte Martin vor der Synode. »Als solche ist sie einer staatlichen Überprüfung entzogen.« Aus kirchlicher Sicht halte man fest, dass Glaube mehr sei als die Ansammlung von Faktenwissen. Deshalb könne er überhaupt nicht überprüft werden.

Vor der Synode berichtete Martin davon, dass einem Täufling aus Bayreuth dazu geraten wurde, seinen Glauben bei einer Abschiebung in den Iran doch einfach zu verleugnen. »Es braucht wohl keine große Begründung dafür mehr, dass es so nicht geht«, sagte Martin.

In der anschließenden Debatte äußerte sich auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm: »Als ich davon gehört habe, war ich entsetzt. Es kann keine Glaubensprüfung durch Menschen geben, die dazu keine Kompetenz haben, und es kann auch nicht angezweifelt werden, dass die Menschen, die von der Kirche getauft werden, aus ernsthaften Motiven getauft werden.« Ähnlich sieht das der Berliner Pfarrer Martens. »Es geht nicht nur um dumme Fragen, es geht hier um einen massiven Eingriff des BAMF in Fragen der kirchlichen Lehre.«

Auf Nachfrage wollte sich das BAMF nicht zu den konkret angesprochenen Fällen äußern. Ein Sprecher betonte jedoch, dass im Rahmen der persönlichen Anhörung die näheren Umstände des Glaubenswechsels geprüft würden. »Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben«, sagte der Sprecher. »Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung.«

Der Entscheider müsse beurteilen, ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung erfolgt sei. »Das Bundesamt zweifelt aber den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel an sich nicht an«, so der Sprecher. Es werde generell unterstellt, dass eine sorgfältige Taufbegleitung vonseiten der christlichen Gemeinden erfolgt sei. Allerdings werde von einem Konvertiten durchaus erwartet, dass er ausführlich schildern könne, welche Beweggründe er für die Konversion hatte und welche Bedeutung die neue Religion für ihn persönlich habe.

Gespräche zwischen EKD und Bundesamt

Inzwischen ist die EKD wegen der umstrittenen »Glaubensprüfungen« mit dem Bundesamt im Gespräch. Das bestätigte der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Martin Dutzmann, auf Nachfrage dieser Zeitung. »Es darf in so einem Verfahren kein ›Glaubensexamen‹ geben«, betont Dutzmann. Gefragt werden könne nur danach, wie der eigene Glaube praktiziert werde – also, ob ein Konvertit etwa regelmäßig den Gottesdienst besuche.

Bundesweit sei zudem eine entsprechende Qualifizierung der Anhörer und Dolmetscher erforderlich. Übersetzer müssten christliche Fachtermini kennen, und Anhörer, die sich mit Konvertiten beschäftigen, sollten über Grundkenntnisse des christlichen Glaubens verfügen. Ein erstes Gespräch darüber mit dem Präsidenten des Bundesamtes, Frank-Jürgen Weise, ist aus Sicht von Dutzmann positiv verlaufen.

Benjamin Lassiwe

Diskriminiert, bedroht, verfolgt

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Rund 100 Millionen Christen weltweit sind von Diskriminierung und Verfolgung betroffen. Die Hilfsorganisation Open Doors macht seit Jahren darauf aufmerksam. Neu im Fokus: Die Situation christlicher Flüchtlinge in deutschen Asylunterkünften. Harald Krille sprach mit dem Leiter von Open Doors, Markus Rode.

Markus Rode leitet den deutschen Zweig von Open Doors. Foto: Open Doors

Markus Rode leitet den deutschen Zweig von Open Doors. Foto: Open Doors

Herr Rode, das Thema Christenverfolgung ist seit einiger Zeit vermehrt in der Öffentlichkeit präsent. Ist die Verfolgung stärker geworden oder ist nur die Aufmerksamkeit dafür gestiegen?
Rode:
Die Verfolgungsintensität ist in den letzten Jahren stärker geworden. Das können wir aus dem von uns seit Jahren veröffentlichten Weltverfolgungsindex ablesen. Wir stellen fest, dass das Niveau der Gewalt und auch der Verfolgungsintensität zugenommen hat.

Wann kann man überhaupt von Verfolgung sprechen?
Rode:
Wir lehnen uns im Prinzip an die Erklärung der Vereinten Nationen an. Man erkennt aber schnell, dass es letztlich keine valide Definition von Verfolgung gibt, weil sie immer ein subjektives Element hat und fließend ist. Wann fühlt sich ein Mensch wirklich verfolgt? Beginnt Verfolgung schon damit, dass jemand als Christ ausgeschlossen wird, bestimmte Berufe zu erlernen oder unter Druck gesetzt wird, weil er nicht in die Moschee geht?

Wenn beispielsweise in Indien ein Mob von Hinduisten Steine gegen das Haus eines zum Christentum konvertierten Menschen wirft und ihm droht, ihn und seine Kinder zusammenzuschlagen – ist das schon Verfolgung oder ist das »nur« schwere Diskriminierung? Wir sprechen in solchen Fällen von Verfolgung und definieren dann die verschiedenen Formen.

Wie sieht das konkret aus?
Rode:
Wir schauen uns sechs Bereiche an. Das eine ist das Privatleben. Darf ein Mensch seine Religion privat leben, ungestört beten oder die Bibel lesen?

Dann gehen wir in die Ebene der Familien: Hat er die Möglichkeit, auch innerhalb der Familie seinen Glauben zu leben? Oder wird er als Christ von der Familie verstoßen oder sogar direkt verfolgt?

Danach der gesellschaftliche Bereich: Darf ein Christ beispielsweise noch den Dorfbrunnen benutzen? Wird er von der Gemeinschaft diskriminiert oder gar ausgestoßen?

Es folgt die Ebene des Staates: Gibt es verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit? Dürfen Christen am öffentlichen Leben teilhaben oder sind sie Bürger zweiter Klasse?

Die vorletzte Ebene ist das kirchliche beziehungsweise gemeindliche Leben. Also: Dürfen sich Christen versammeln, Gemeindehäuser bauen oder erwerben, öffentlich ihren Glauben bezeugen und Gottesdienste halten?

Und als Letztes erfassen wir physische Gewalttaten. Diese sechs Bereiche gewichten wir alle gleich im Weltverfolgungsindex. Und so können wir im Laufe der Jahre sehen, wie sich aus diesen verschiedenen Bereichen der Gesamtindex eines Landes entwickelt.

Gibt es auch Beispiele von Ländern, wo Verfolgung geringer geworden ist?
Rode:
Das gab es immer mal wieder. Derzeit ergeben sich Verbesserungen im Ranking einzelner Länder eher dadurch, dass die Index-Punkte, also das Level der Verfolgung, in einigen Ländern stärker zugenommen hat, während andere Länder auf dem gleichen Niveau bleiben.

Unter den Flüchtlingen, die aus dem Nahen Osten zu uns kamen und kommen, sind auch Christen. Sie haben dazu eine alarmierende Studie vorgelegt. Wie kamen Sie dazu?
Rode:
Wir haben Hilferufe bekommen von Pastoren und Kirchengemeinden, und Organisationen, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind, wie etwa dem Zentralrat Orientalischer Christen. Selbst hochrangige Polizeibeamte haben sich vertraulich an uns gewandt. Daraufhin haben wir uns ein Bild gemacht, denn wir sind ja im Dienst der verfolgten Christen weltweit. Dabei hatten wir allerdings bisher Deutschland nie im Fokus.

Und wie haben Sie sich ein Bild gemacht?
Rode:
Indem wir eine Erhebung erstellt haben. Wir haben einen Fragebogen entwickelt und als überkonfessionelles christliches Hilfswerk in unserem bundesweiten Netzwerk nachgefragt, wer einen vertrauensvollen Kontakt zu christlichen Flüchtlingen hat und diese befragen kann. Im Ergebnis bekamen wir zwischen Februar und Mai 231 Rückläufer, in denen Flüchtlinge über Drohungen und Gewalterfahrungen berichteten.

Dabei muss man bedenken, dass die Betroffenen oft Angst haben, über ihre Situation zu sprechen. Deshalb haben Flüchtlinge überwiegend aus Regionen geantwortet, wo Kirchengemeinden ihnen besonderen Schutz gewährten.

Es gab daraufhin die Kritik, es handele sich nur um Einzelfälle, zudem mehrheitlich aus dem Raum Berlin.
Rode:
Obwohl die Kritik unberechtigt war, haben wir die Erhebung deutlich erweitert, auch in Zusammenarbeit mit anderen NGO’s und dem Zentralrat Orientalischer Christen. Wir bekamen bundesweit Rückläufe von 743 christlichen Flüchtlingen sowie von zehn Jesiden, die unsere erste Erhebung bestätigten und von massiven religiös motivierten Übergriffen berichteten.

56 Prozent der Befragten haben Körperverletzungen erlebt, 42 Prozent berichteten von Todes- und Morddrohungen. Über 80 Prozent der Betroffenen haben Angriffe und Drohungen wiederholt erlebt. Das sagt etwas über die Intensität der Verfolgung.

Das klingt, als seien die Flüchtlingsheime voller Extremisten?
Rode:
Nein. Die Muslime, die ja circa 90 Prozent der hier Ankommenden ausmachen, sind keine Extremisten oder gar Terroristen. Aber sie kommen aus Herkunftsländern, die bei uns im Weltverfolgungsindex unter den ersten zehn Platzierten sind, und dort gibt es keine Religionsfreiheit. Das heißt, sie bringen eine religiöse Prägung durch den Islam mit, in der gilt: Christen sind Unreine, Ungläubige. Und besonders die Konversion vom Islam zum Christentum ist nach dem Koran ein todeswürdiges Verbrechen.

Was können Christen und Kirchengemeinden in dieser Situation tun?
Rode:
Wichtig ist, die Flüchtlinge in den Unterkünften zu besuchen, ihnen als Christ zu begegnen und dadurch zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Und dass man einen Übersetzer des Vertrauens dabei hat, der dann auch in der Lage ist, den Christen eine Stimme zu geben, und sie in einen Gottesdienst einlädt.

Die Christen brauchen ein Klima des Vertrauens, denn das haben sie in diesen Unterkünften oft überhaupt nicht. Weil sie umgeben sind von muslimischer Security, die bei der Umfrage sogar zu über 20 Prozent nicht als Schutz, sondern als Mittäter erlebt wird. Und auch viele Übersetzer, die aus islamischem Hintergrund kommen, übersetzen bewusst falsch.

Wo sehen Sie die Politik in der Pflicht?
Rode:
Ein Problem ist, dass man in den Asylunterkünften oft verschweigt, dass es religiös motivierte Übergriffe auf Christen und andere Minderheiten gibt, weil das politisch ein heißes Eisen ist. Doch wer dieses Unrecht aus politischen oder anderen Beweggründen verharmlost, verschweigt oder für eigene Zwecke missbraucht, ermutigt die Täter in ihrem Tun und macht sich mitschuldig am Leid der Betroffenen. Deshalb müssen die Politiker jetzt endlich handeln und Schutzmaßnahmen auf den Weg bringen. Einen Forderungskatalog haben wir vorgelegt.

Hintergrund

Open Doors: Die Arbeit des überkonfessionellen Hilfswerkes für verfolgte Christen begann vor mehr als 60 Jahren durch den Holländer Anne van de Bijl, bekannt als »Bruder Andrew«. Der deutsche Zweig hat seine Zentrale in Kelkheim bei Frankfurt/Main.

Die Forderung: In Auswertung ihrer jüngsten Erhebung unter christlichen Flüchtlingen in Asylunterkünften fordert Open Doors unter anderem mehr Präventionsmaßnahmen zum Schutz religiöser Minderheiten während des gesamten Asylprozesses, die regelmäßige Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften und die Bereit­stellung von christlichen Vertrauenspersonen.

www.opendoors.de

Fluchtgeschichten: Ereignisse, die verbinden können

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Flucht und Vertreibung – ein Thema so alt wie die Menschheit. Das Erlebte zu verarbeiten ist schwer. Um Begegnung und Austausch geht es bei einem kirchlichen Projekt im Harz. Flüchtlinge von einst und jetzt erzählen ihre Geschichte.

Was bedeutet es, wenn man vertrieben wird? Viele Menschen können davon erzählen. Das hat Vikarin Ann-Sophie Schäfer in Benneckenstein (Kirchenkreis Halberstadt) erfahren. »Wer sich für die alten und neuen, die schmerzhaften und hoffnungsvollen Erzählungen von Flüchtlingen interessiert, der hat die Chance auf echte Begegnung. Der kann den anderen mit seiner Geschichte begreifen und vielleicht auch ein Stück der eigenen Geschichte neu verstehen.«

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Die Vikarin hat zusammen mit 15 Freiwilligen einen Abend zum Thema »Fluchtgeschichten« organisiert. Der Interkulturelle Abend im April 2015 war ein voller Erfolg. Sechs Fluchtgeschichten wurden auf Arabisch und Deutsch vorgestellt. Eine syrische Band spielte, die Harzer Heimatgruppe trat auf und beim interkulturellen Buffet konnte man sich begegnen.

»Wir waren eine kleine Gruppe von vier jungen Männern, die sich schon länger mit Fluchtplänen befasst hatte …« Diese Geschichte, die hier ihren Anfang nimmt, spielt nicht heute, sondern vor über 40 Jahren mitten in Deutschland, an der deutsch-deutschen Grenze.

Einer von uns hatte sich bei einem Westbesuch die Grenze von der Westseite aus ansehen können und eine Landkarte vom Westharzland mitgebracht. Dort waren noch alle Vorkriegswege eingezeichnet, und wir konnten sie mit unserer Ostkarte abgleichen und so einen für uns günstigen Weg aussuchen. Wie wir leider feststellen mussten, war einer von uns ein Verräter, er wurde als Spitzel von uns enttarnt. So kam es, dass wir früher fliehen mussten als geplant. Wir packten unsere Sachen und es ging um 20 Uhr zu Fuß Richtung »Drei Annen« los. Wir wählten dann den nach unserer Vorstellung sichersten Weg über die »Steinerne Renne«, dann Richtung Ilsenburg und Brockenmoor, und schließlich Richtung Eckertalsperre-Torfhaus. Wir waren vorsichtig und leise.

Anonym

Flucht ist oft lebensgefährlich. Davon berichtet die 1944 in Elbingerode geborene Person, die nicht namentlich genannt werden will. Anonym wurde der Text an Ann-Sophie Schäfer weitergeleitet. Flucht ist nicht gleich Flucht und gesellschaftspolitische Hintergründe lassen sich nicht vergleichen. Aber einander Erlebtes zu erzählen, das bringt Menschen näher zueinander. Erzählen schafft Begegnung.

Mein Name ist Khaled, ich bin 1978 geboren – in der Stadt Abu Kamal. Sie liegt an der syrisch-irakischen Grenze und ist bis heute schwersten Bombardierungen ausgesetzt. In der letzten Zeit sind die Bombardierungen durch die Luftwaffe des Regimes und auch durch die russische Luftwaffe sogar noch heftiger geworden. Viele Menschen sind ums Leben gekommen oder durch den »Islamischen Staat« vertrieben worden. Ich und meine Frau haben uns schließlich entschlossen, Syrien zu verlassen, vor allem, weil es keine Schulen und keine Krankenhäuser mehr gab.

Wir haben uns mit dem Fahrer eines Kleinbusses geeinigt und sind eines Nachts aus Abu Kamal nach Al-Mayadin geflohen. Von dort haben wir die Wüstenstraße Richtung Aleppo genommen, wo die Menschen in die Türkei geschleust werden. Die Reise war immer wieder sehr riskant: Auf der einen Seite die Straßensperren des »Islamischen Staates« und auf der anderen Seite die Flieger, deren Brummen man nachts hörte. Unsere erste Reise dauerte neun Stunden, dann kamen wir endlich im syrisch-türkischen Grenzgebiet an. Wir fanden jemanden, der uns in die Türkei schleusen konnte. Zwischen Olivenbäumen liefen wir zehn Kilometer zu Fuß. Ab und zu gab es Bombardierungen in den nahegelegenen Gebieten. Wir hörten scharfe Schüsse und Artillerie. Unsere Kinder und wir hatten große Angst.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled und Farkhozad leben mit ihren Familien seit dem vergangenen Jahr im Oberharz. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, erklärt Khaled. Dennoch hat es beiden viel bedeutet, den Menschen im Oberharz von ihrem vorherigen Leben und den Umständen ihrer Flucht zu berichten. Sie möchten, dass die Menschen verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Und sie wollen zeigen, dass sie sich wünschen, in Deutschland ganz anzukommen. Sie wollen nicht nur so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, sondern die Menschen kennenlernen, die hier leben. Ihre Hoffnung ist es, besonders für ihre Kinder, ein Leben in Frieden zu führen.

Der Weg fort aus Syrien war furchtbar. Wir waren gezwungen, endlose Wege zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, jemals das rettende Ufer zu erreichen. Uns erging es genauso wie vielen anderen Menschen auch. Wir sind schwer zugängliche Wege gegangen, überquerten Gewässer und Gebirge. Meine kleinen Kinder haben mir furchtbar leidgetan, vor allem wenn sie nicht mehr laufen konnten.

Drei Stunden trieben wir auf dem Wasser herum. Wir beteten zu Gott, dass er uns hilft. Einige von uns weinten. Plötzlich war da ein Journalist auf dem Wasser, der Fotos machte. Er hatte uns entdeckt. Wir haben angefangen, mit den Händen zu winken und lauthals zu schreien. Schließlich kam er uns zu Hilfe. Er zog uns bis ans Ufer. Dieser Mann, der uns geholfen hat, ist ein wunderbarer Mensch. Für mich war es ein schmerzlicher Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

»Ich weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Wenn ich vom Krieg in Syrien und der Flucht höre, dann weiß ich, dass vor allem auch die Kinder davon nicht unberührt bleiben. Das bleibt. Ich war auch erst neun, Ende Mai 1945 wurde ich zehn Jahre. Das ist wie ein Kaleidoskop, wie ein wahrer Film, der bleibt.« Edith Lippe wurde vor 81 Jahren in Stolp in Pommern geboren. Am 8. März 1945, als die Russen von Osten schon nach Pommern vorgerückt waren, treckte endlich, doch viel zu spät, auch ihr Dorf Richtung Westen.

Es war eisig kalt, die Pferde rutschten bergauf auf der vereisten Straße aus. Vor dem Ort Putzig gerieten wir in die Kampfhandlungen. Ein unübersehbarer Treck von Flüchtlingen fuhr in Richtung Danzig. Alle wollten versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Von Osten kamen uns russische Panzer entgegen und trafen auf die deutschen Truppen. Die schoben unsere Treckwagen in den Straßengraben. Die Geschosse flogen aus allen Rohren. Wir versteckten uns hinter aufgestapelten Holzstämmen. Meinem 11-jährigen Bruder flog eine Granate so knapp am Ohr vorbei, dass er wochenlang nichts hören konnte.

Edith Lippe

Edith Lippe

Edith Lippe

Als die kleine Edith 1947 nach der entbehrungsreichen Flucht mit der kranken Mutter und den Geschwistern im Oberharz ankam, spürte sie, dass sie hier nicht willkommen waren. Ein neues Leben anzufangen war nicht leicht in den schweren Jahren der Nachkriegszeit. Heute engagiert sich Edith Lippe mit ihrem Mann Hans-Henning in der Flüchtlingshilfe. Inzwischen sind sie, wie sie erzählen, für eine syrische Familie eine Art Großeltern geworden.

Und so klingen Fluchtgeschichten heute zusammen. Auch wenn die Schicksale so verschieden sind. »Ich finde, das ist jetzt ganz was anderes als damals bei uns. Wenn dort Krieg ist und sie flüchten, weil es um Leben und Tod geht, dann kann ich das gut verstehen, dass sie hierher kommen und dass die Leute auch freundlich sind zu denen. Das kann ich alles verstehen. Aber ich muss sagen: Wir hatten auch nichts und uns hat keiner was gegeben. Wir haben hier gehungert. Wir haben Kräuter gesucht, Brennnesseln, was man essen konnte. Das haben wir gesammelt und die Mutter hat dann Suppe davon gekocht. Es gab keine Kleiderkammer wie heute.« So sieht es Margot Papra.

Margot und Detlef Papra

Margot und Detlef Papra

Die gebürtige Schlesierin Margot Papra hat gemeinsam mit Sohn Detlef ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Detlef Papra war es auch, der diese beim Interkulturellen Abend in Benneckenstein vorlas. Er kennt die Geschichten aus der alten Heimat der Eltern und Großeltern, ist mit anderen Dialekten und schlesischer Küche aufgewachsen.

»Durch diesen Abend und dadurch, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe, ist mir das noch mal sehr bewusst geworden und hat für mich auch noch mal eine Verbundenheit mit der Heimat meiner Großeltern und Eltern gebracht. Ich habe mich mehr damit beschäftigt und auch ein anderes Verständnis für die Menschen bekommen, die heute auf der Flucht sind«, erklärt Detlef Papra.

Lebensschicksale lassen sich nicht einfach vergleichen. Die Hintergründe von Flucht und Vertreibung sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden müssen. Aber das gegenseitige Erzählen und Anteilnehmen verbindet. So war es jedenfalls in Benneckenstein. »Einander von sich erzählen können, das hilft einfach«, sagt Ann-Sophie Schäfer.

Diana Steinbauer

»Wir können die Menschen ja nicht einfach ertrinken lassen«

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Dreiste Schlepper und ausgehungerte Flüchtlinge: Nach zwölf Seetagen haben die deutschen Marineschiffe das ganze Elend Afrikas an Bord. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche besuchte jetzt die Soldaten im Mittelmeereinsatz.

Viktor Onyeka erinnert sich: »Ich hatte Angst um mein nacktes Leben.« Der 34-jährige Nigerianer ist Christ – doch in seiner Heimat treiben die islamistischen Terrorbanden des Boko Haram ihr Unwesen. »Meine Mutter und meinen jüngeren Bruder haben sie ermordet, und auf mich wurde geschossen.« Viktor Onyeka entschloss sich zur Flucht, reiste durch den Niger, die Sahara und durch Libyen.

Viktor Onyeka floh vor dem Wüten der Terrorgruppe Boko Haram aus Nigeria und wurde halbtot von den deutschen Marinesoldaten aus dem Mittelmeer geborgen. Foto: Benjamin Lassiwe

Viktor Onyeka floh vor dem Wüten der Terrorgruppe Boko Haram aus Nigeria und wurde halbtot von den deutschen Marinesoldaten aus dem Mittelmeer geborgen. Foto: Benjamin Lassiwe

Heute sitzt Onyeka im Hof eines Flüchtlingsheimes der italienischen Caritas in der Nähe von Cagliari auf Sardinien. Dass er am Leben ist, verdankt er einem deutschen Schiff. »Es waren Deutsche, die mich im Herbst 2014 aus dem Mittelmeer gefischt haben«, sagt Onyeka. Mit unzähligen anderen Menschen hatte er sich auf einem Zodiac-Schlauchboot eingeschifft, 700 US-Dollar an den Schleuser bezahlt. »Viele Menschen waren schon tot, als sie uns endlich gefunden haben.«

Viktor Onyeka ist einer von vielen Zehntausenden, die in den letzten Jahren den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zurückgelegt haben. Tausende andere haben es nicht geschafft, sie erstickten an Abgasen, verdursteten oder ertranken auf sinkenden Booten auf hoher See. Seit dem Herbst 2015 ist deswegen die Deutsche Marine im Mittelmeer im Einsatz. Mit zwei Schiffen, dem Flottentender »Werra« und dem Minenjagdboot »Datteln«, beteiligt sie sich an der Flüchtlingsrettung. »Bis zu 600 Menschen sind an Bord der Boote, die wir hier draußen treffen«, sagt der Kommandant der »Werra«, Korvettenkapitän Mirko Preuß.

Am vergangenen Sonnabend hatte die »Werra« hohen Besuch. Im Hafen von Cagliari war die Mannschaft auf der Back, dem erhöhten Vorschiff, angetreten, die Bootsmannsmatenpfeife ertönte. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und der evangelische Militärbischof Sigurd Rink kamen an Bord des Schiffes.

»Ich bin gekommen, um Ihnen Danke zu sagen«, sagt Bedford-Strohm. »Danke für Ihren Dienst, danke für das, was Sie hier tun.« Der bayerische Bischof hat kleine Lebkuchenherzen im Gepäck, die er an die Marinesoldaten verteilt. Es sei eine wichtige polizeiliche Funktion, die die deutschen Schiffe im Mittelmeer ausüben. »Denn es ist ein Verbrechen, wenn sich Menschen auf seeuntaugliche Boote setzen müssen und ihren Tod riskieren.«

Lebkuchenherzen hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Militärbischof Sigurd Rink am vergangenen Sonnabend bei ihrem Besuch der deutschen Marineeinheiten auf Sizilien im Gepäck. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Lebkuchenherzen hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Militärbischof Sigurd Rink am vergangenen Sonnabend bei ihrem Besuch der deutschen Marineeinheiten auf Sizilien im Gepäck. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Als er am Nachmittag einen Gottesdienst auf der Back des Schiffes feiert, wird Bedford-Strohm noch deutlicher: Jenseits aller Diskussionen um die Rolle der Bundeswehr sei der Einsatz im Mittelmeer ein »eindrucksvoller Samariterdienst«. »Die Gefahr ist groß, dass wir im sicheren Deutschland einfach wegsehen«, sagte Bedford-Strohm. »Aber würde Europa hier wegsehen, würde es seine Seele verlieren.« Jeder Tote habe eine persönliche Geschichte, sagte Bedford-Strohm. Um jeden Toten trauerten ein Vater, eine Mutter oder dessen Geschwister. »Für jeden dieser Menschen gelte der erste Satz des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Dass Flüchtlinge manchmal mehr als 1 000 Euro bezahlen, um auf diesem Wege nach Europa zu kommen, zeige, »dass wir auch legale und sichere Wege benötigen, über die die Menschen nach Europa kommen können«, betonte Bedford-Strohm gegenüber der Kirchenzeitung. »Und wir brauchen Maßnahmen vor Ort, die die Lage in den Herkunftsländern der Menschen stabilisieren.«

An Bord des Schiffes haben die Geistlichen viel Gelegenheit, sich mit den Soldaten zu unterhalten. Zum Beispiel mit Bootsmann Felix S. aus der Nähe von Kiel. Für ihn ist die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer der erste Einsatz auf der »Werra«, erst seit Mai ist er an Bord. »Wenn man sieht, wie dankbar die Menschen sind, wenn wir sie hier an Bord nehmen, dann ist das schon ein gutes Gefühl«, sagt der Bootsmann. »Dass dieser Einsatz Sinn macht, steht für mich völlig außer Frage.«

Auch Fregattenkapitän Jan D. aus Husum, der als Rechtsberater auf dem Schiff mitfährt, sieht das so. Im heimatlichen Schleswig-Holstein höre er aber auch andere Meinungen: »Könnt ihr nicht einfach ein paar von denen übersehen?«, würden Freunde in der Heimat manchmal fragen. »Ich sage dann, dass wir die Verpflichtung haben, Menschen in Not zu helfen«, sagt Jan D. »Wir können die Menschen ja nicht einfach ertrinken lassen.«

Einen härteren Umgang pflegt die Besatzung der »Werra« indes, wenn sie Schlepper bei der Arbeit beobachtet. »Wir hatten da ein hochmotorisiertes schnelles Boot, dass zwei Schlauchboote im Schlepp hatte«, berichtet Kapitän Preuß. Der Vorgang wurde von einem Hubschrauber aus gefilmt. Das finnische Boarding-Team, das an Bord der »Werra« eingeschifft ist, enterte das Schlepperboot, die Besatzung wurde in Gewahrsam genommen und im nächsten Hafen den italienischen Behörden übergeben. Denn auch der Kampf gegen die Schleusernetzwerke gehört zum Aufgabenbereich der EU-Mission. Und er wird in dem Maß wichtiger, in dem sich auch private Organisationen der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer widmen.

Mittlerweile hätten diese Vereine schon 3 000 Plätze auf ihren Booten zur Verfügung, berichtet der »Werra«-Kapitän. »Aber die Organisationen berichten uns auch von der Dreistigkeit der Schlepperbanden: Wenn die Flüchtlinge an Bord der Helferschiffe seien, kommen die Schakale genannten Schlepper mit ihren Booten und versuchen die benutzten Schlauchboote für den nächsten Einsatz zurück nach Libyen zu bringen.« Auch deswegen sei es wichtig, die leeren Flüchtlingsboote nach der Übernahme ihrer Insassen zu versenken.

Für die Mannschaft ist ein Einsatz wie der auf der »Werra« aber auch belastend. Zwölf Tage ist das Schiff ununterbrochen im Einsatzgebiet. Doch im Unterschied zu anderen Bundeswehreinsätzen im Ausland hat die Besatzung der »Werra« keine Möglichkeit, per Internet mit der Familie daheim zu kommunizieren. Und wenn das Schiff auf See ist, füllt es sich schnell mit dem kompletten Elend Afrikas. »Das sorgt an manchen Tagen auch für gemischte Gefühle«, sagt Jan D.

Die beiden großen Kirchen haben deswegen auch bei diesem Einsatz ihre Militärseelsorger an Bord. Jeweils im Wechsel kommen ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher auf die »Werra«. »Es sind zwar nur wenige Soldaten konfessionell gebunden, aber wir spüren eine große Nachfrage bei unseren Pfarrern«, sagt der evangelische Militärbischof Sigurd Rink. Eine Nachfrage, die so groß ist, dass auch die Kirche an ihre Grenzen kommt. »Die Marine wird als Teilstreitkraft derzeit über Gebühr belastet«, sagt Rink. Viele Einheiten seien überall auf dem Globus im Einsatz. »Aber wir haben nur zwölf Marinepfarrer.«

Derzeit ist auf dem deutschen Tender der katholische Dekan Jochen Folz im Einsatz. Regelmäßig feiert er Andachten auf der »Werra«, bei Hafenaufenthalten nimmt er interessierte Soldaten mit in die Messe. An Bord ist er ein gefragter Gesprächspartner – ob ein Besatzungsmitglied familiäre Probleme hat oder auch bei den ganz normalen Alltagsthemen. Und einmal feierte er sogar schon eine Kindstaufe. »Da hat eine Flüchtlingsfrau aus Nigeria ein Kind bekommen«, sagt Folz. »Als sie erfuhr, dass ich katholischer Priester bin, bat sie um die Taufe.« Gesagt, getan: Aus der Kombüse des Schiffes besorgte sich der Priester eine Sauciere und eine Schüssel, »an Wasser haben wir hier ja keinen Mangel«. Das Kind wurde auf hoher See getauft – und Militärseelsorge und Deutsche Marine waren um eine Episode reicher, die man wohl so nur beim Flüchtlingseinsatz im Mittelmeer erleben kann.

Benjamin Lassiwe

Seelsorge in allen Facetten

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Österreichs Bundesheer ist traditionell multireligiös organisiert. Das gilt auch für die Militärseelsorge.

Die Armee in der Donau-Monarchie war immer ein Schmelztigel für Soldaten verschiedenster Herkunft und unterschiedlichen Glaubens«, meint der Leiter des »Institutes für Religion und Frieden« und zuständiger Militärpfarrer für Oberösterreich, Militärkurat Stefan Gugerel. Das »Institut für Religion und Frieden« ist eine Einrichtung des katholischen Militärordinariats der Republik Österreich. Es wurde 1997 gegründet, um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sicherheitspolitischen Veränderungen im Hinblick auf die katholische Soziallehre zu fördern. Ganz ökumenisch im selben Gebäude der Wiener Stiftskaserne in der Mariahilferstrasse arbeitet die evangelische Militärseelsorge. Geleitet wird sie von Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner. Das Pendant zum katholischen Institut ist das evangelische »Institut für militärethische Studien«, kurz IMS.

Angehörige des österreichischen Bundesheeres sind regelmäßig Teilnehmer der internationalen Soldatenwallfahrt  in das französische Lourdes. Foto: Bundesheer/Karlovits

Angehörige des österreichischen Bundesheeres sind regelmäßig Teilnehmer der internationalen Soldatenwallfahrt in das französische Lourdes. Foto: Bundesheer/Karlovits

Mit angewandter Militärethik wollen beide Einrichtungen das Bildungsangebot für das Österreichische Bundesheer bereichern. Im Blickpunkt stehen die Grundwehrdiener und die Berufssoldaten und Offiziere. Seelsorgliche Praxis bedeutet hier, dass die Militärseelsorger zu den in Österreich Angelobungen genannten Vereidigungen eine kurze Ansprache halten und ein Gebet sprechen. Seit einiger Zeit finden diese Angelobungen auch interkonfessionell und sogar interreligiös statt. Dazu gibt es auch einen orthodoxen und seit 2015 einen muslimischen Geistlichen.

Karl-Reinhart Trauner resümiert die Situation im schönsten Wienerisch: »Es woar a bisserl in den vergangenen Jahren verlorengegangen, dass mer so verschiedene Herkünfte erlebt hat, oaber jetzt koan mer alle Facetten beim Bundesheer erleben.«

Für die Grundwehrdienstleistenden wird ein konfessioneller lebenskundlicher Unterricht angeboten. Die Aufgaben des österreichischen Bundesheeres bewegen sich zwischen Auslands- und Assistenzeinsatz. Assistenzeinsätze bedeuten Hilfeleistung bei Elementar­ereignissen und Unglücksfällen sowie Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Inneren.

Vater Alexander Lapin leitet die orthodoxe Militärseelsorge im österreichischen Bundesheer. Foto: Bundesheer

Vater Alexander Lapin leitet die orthodoxe Militärseelsorge im österreichischen Bundesheer. Foto: Bundesheer

Momentan sind also auch Soldaten an den Grenzen eingesetzt, um Flüchtlinge zu betreuen. Die Kernaufgabe der Militärseelsorge ist, in jedem Fall dort zu sein, wo Soldaten sind, das heißt, auch im Auslandseinsatz oder aktuell beim Grenzschutz. Militärsuperintendent Trauner sieht im Moment viel Gesprächsbedarf in der Flüchtlingsfrage: »Da mües mer nachbereiten, woas der Einzelne so erlebt hat.« So erlebten Grundwehrdiener manchmal, dass das Essen oder die Kleidung wieder weggeworfen wird. Hinzu kommt gelegentlich auch viel Aggressivität. Die Militärseelsorger bemühen sich in Gesprächen deshalb um eine entspannte Situation. Grundsätzlich dauert der Grundwehrdienst in Österreich sechs Monate.

In der Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die einst viele Völker vereinte, spielte die Integration anderer Religionen in der Armee schon früh eine Rolle. Bereits 1874 wurde der Rabbiner Alexander Kisch zum ersten Feldrabbiner ernannt. Derzeit erfolgt die religiöse Betreuung der jüdischen Soldaten im Auftrag des Oberrabbiners.

Schlüsselübergabe: 2015 wurde Imam Abdulmedzid Sijamhodzi als muslimischer Militärgeistlicher eingeführt und erhielt symbolisch den Schlüssel zum Gebetsraum. Foto: Bundesheer/Karlovits

Schlüsselübergabe: 2015 wurde Imam Abdulmedzid Sijamhodzi als muslimischer Militärgeistlicher eingeführt und erhielt symbolisch den Schlüssel zum Gebetsraum. Foto: Bundesheer/Karlovits

1881 wurden in der k.u.k. Armee spezielle Vorschriften für die Wahrung der religiösen Bedürfnisse und Gebräuche der muslimischen, bosnischen Wehrpflichtigen erlassen. Bereits 1882 kam es zur Einrichtung einer islamischen Militärseelsorge und sogar zum Bau einer eigenen Militärmoschee. Das römisch-katholische Militärordinariat Österreich wird von Bischof Werner Freistetter geleitet. Zu ihm gehören derzeit 19 hauptamtliche Seelsorger. Schon seit 1969 existiert die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten, kurz AKS, deren Mitglieder die Militärseelsorger unterstützen.

Die evangelische Militärseelsorge ist im Bundesheer mit sechs evangelischen Militärgeistlichen unter der Leitung von Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner im Einsatz, darüber hinaus gibt es in allen Bundesländern Pfarrer im Nebenamt sowie eine Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Soldaten (AGES).

Thomas Janda

»Das zerstört unsere Hoffnung auf Europa«

26. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Griechenland: Die kleine evangelische Kirche setzt sich trotz Wirtschaftskrise für die Flüchtlingshilfe ein

Die Griechische Evangelische  Kirche ist klein: nur  5 000 Gemeindemitglieder in 32 Gemeinden. Doch in der aktuellen Flüchtlingskrise zeigt sie ein bemerkenswertes Engagement. Doreen Just sprach mit dem leitenden Pfarrer Meletis Meletiadis.

Die Griechische Evangelische Kirche ist – misst man sie am Datum ihrer staatlichen Anerkennung – eine erst junge Kirche …
Meletiadis:
Unsere Kirche geht auf griechisch-stämmige Missionare aus den USA zurück. Sie machten den evangelischen Glauben Anfang des 19. Jahrhunderts im damaligen Osmanischen Reich unter der griechischsprachigen Bevölkerung bekannt. Erst im Jahr 2004 haben wir einen Antrag auf Anerkennung beim zuständigen Ministerium eingereicht. Es war ein langer Weg. Aber im Jahr 2014 hat das griechische Parlament dann das neue Religionsgesetz beschlossen, und seit April 2015 ist die Griechisch-Evangelische Kirche offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Was hat sich damit für die Kirche und ihre Gemeinden verändert?
Meletiadis:
Jetzt können die Gemeinden beispielsweise auf ihren Namen Bankkonten eröffnen oder Grundbesitz eintragen lassen. Das war vorher nicht möglich. Da mussten solche Dinge – mit all den Risiken – über private Personen abgewickelt werden. Wir dürfen jetzt auch Radio- oder Fernsehprogramme ausstrahlen, uns an europäischen Programmen beteiligen usw. Unsere Stimme wird in der griechischen Gesellschaft anders wahrgenommen.

Meletis Meletiadis leitet als Moderator die Griechische Evangelische Kirche. Foto: privat

Meletis Meletiadis leitet als Moderator die Griechische Evangelische Kirche. Foto: privat

Wie erleben Sie die derzeitige Flüchtlingskrise?
Meletiadis:
Die Situation der Flüchtlinge überwältigt uns alle. Unsere Gemeinden helfen, wo sie können. Das bekannteste Beispiel ist sicher Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die Bedingungen im Camp sind unvorstellbar. Was wir dort sehen und erleben, zerstört unsere Hoffnung auf ein an christlichen Werten orientiertes Europa.

Wie können die Gemeinden einer so kleinen Kirche etwas in einem Camp wie Idomeni bewirken?
Meletiadis:
Seit Februar 2015 helfen unsere Gemeinden in Idomeni. Sie besuchen das Camp drei- bis viermal in der Woche. Anfangs haben wir je 1 000 Sandwiches und Wasserflaschen verteilt, dazu Kleidung sowie Hygiene- und Babyartikel. Nun, wo die Grenzen entlang der Balkanroute geschlossen sind, hat sich die ohnehin angespannte Lage dramatisch verändert. Wenn unsere Gemeinden jetzt nach Idomeni fahren, verteilen sie 6 000 Mahlzeiten. Seit einigen Wochen haben wir unsere Hilfen zudem auch auf drei sogenannte Hot Spots, offizielle staatliche Flüchtlingscamps, ausgedehnt.

Griechenland steckt selbst seit Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise – wie können da Menschen noch anderen helfen?
Meletiadis:
Die Menschen hier teilen das, was sie haben mit den Flüchtlingen. Ein alter Mann aus unserer Gemeinde in Mylotopos hat vier Tonnen Holz gespendet, die wir nach Idomeni gebracht haben für Lagerfeuer. Es gibt Frauen, die sich treffen, um warme Schals, Mützen und Handschuhe für die Kinder im Camp zu stricken. Viele unserer Gemeindemitglieder helfen, Mahlzeiten zuzubereiten, die Transporte zu organisieren und die Hilfsgüter zu verteilen. Inzwischen haben Gemeindemitglieder damit begonnen, Flüchtlinge mit zu sich nach Hause zu nehmen. Wie könnten wir unberührt bleiben von dem Drama, das sich hier abspielt?

Welt-2-17-2016

Gibt es dabei auch eine ökumenische Zusammenarbeit?
Meletiadis:
Ökumenische Beziehungen gibt es in Griechenland offiziell nicht, zumindest nicht zur orthodoxen Mehrheitskirche. Doch auf Gemeindeebene ist das etwas anderes. Zum Beispiel: Die orthodoxe Gemeinde in Volos betreibt eine sehr gute Suppenküche, die täglich mehr als 2 000 bedürftige Menschen versorgt. Die evangelische Gemeinde in Volos beteiligt sich. Sie liefert derzeit jeden Monat 500 Kilogramm frisches Obst an diese Küche. Ein weiteres Beispiel guter ökumenischer Zusammenarbeit ist die griechische Bibelgesellschaft, in der Orthodoxe, Katholiken und Evangelische im Geiste gegenseitiger Anerkennung und Akzeptanz zusammenarbeiten.

Das Gustav-Adolf-Werk mit Sitz in Leipzig unterstützt die Flüchtlingsarbeit der Griechischen Evangelischen Kirche und leitet zweckgebundene Spenden gern weiter.
Konto: KD-Bank – LKG Sachsen, IBAN:
DE42 3506 0190 0000 4499 11, BIC: GENOD
ED1DKD, Kennwort: Flüchtlingsarbeit Griechenland

www.gustav-adolf-werk.de

Islamischer Extremismus in Deutschland

13. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Expertenmeinung: Die Mehrheit der Flüchtlinge ist friedlich – doch ohne Integration wächst die Gefahr der Radikalisierung

Mit der Gefahr des islamistischen Terrors in Deutschland beschäftigte sich der diesjährige jüdische Jugendkongress. Mehr als 400 Teilnehmer diskutierten dabei in Frankfurt am Main mit hochrangigen Terrorismus-Experten.

Es gehe nicht darum, die jungen Menschen zu verunsichern. Aber man dürfe die Augen nicht verschließen, mahnt Abraham Lehrer, Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: »Ich glaube, Juden haben ein besseres Feingefühl, eine größere Empfindlichkeit für diese Dinge, weil Juden im Laufe ihrer Geschichte immer wieder verfolgt und angegriffen worden sind. Von daher haben wir vieles aus unserer Vergangenheit gelernt und wissen, wenn wir uns nicht damit beschäftigen, dann wird es uns vielleicht wieder überrennen.«

BKA-Chef: »IS« will vor allem verunsichern

Auffallend viele hochrangige Terror­experten referierten beim Jugend­kongress. Holger Münch etwa, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), sprach über die aktuelle Anschlagsgefahr. Ziel der Dschihadisten sei es vor allem, in Europa Verunsicherung zu verbreiten: »Wir sehen, dass der ›IS‹ das Flüchtlingsthema gezielt nutzt. Zwei der Attentäter, die in Paris eine Rolle gespielt haben, sind über die Balkanroute eingereist. Und wenn man dann seinen Reisepass zum Anschlag mitnimmt, sodass man letztlich eine Visitenkarte für die Polizei hinterlässt, dann kann man davon ausgehen, dass das auch sehr schnell erkannt werden sollte.«

Das Bundeskriminalamt kenne aktuell 471 Gefährder, von denen eine unmittelbare Gefahr ausgehe. Davon lebte aber etwa die Hälfte nicht in Deutschland, 60 bis 70 seien derzeit in Haft, der Rest aber bewege sich auf freiem Fuß. Das Unterstützer-Potenzial, meist aus der salafistischen Szene, schätzt das BKA aktuell auf rund 43 000 Personen.

Enttäuschte Hoffnungen können radikalisieren

Der dschihadistische Terrorismus sei das eine, das andere seien die Millionen Flüchtlinge, die auch bis nach Deutschland gelangten. Holger Münch sieht nicht, dass von ihnen eine höhere Kriminalität oder gar Terrorgefahr ausgehe. Aber es gebe ein gewisses Potenzial in den Asylbewerberheimen: »Wir sehen, dass salafistische Gruppierungen versuchen, bei den Flüchtlingen zu werben. Wir sehen, dass bislang die Anfälligkeit nicht sehr groß ist. Wir haben aber viele Personen, die Brüche in ihrem Leben erlebt haben, die nach Anschluss, nach Halt suchen. Diese Hoffnung kann auch enttäuscht werden. Das alles ist auch ein Nährboden für Radikalisierung«, warnt der BKA-Präsident.

Zweite Generation ist anfälliger für Extremismus

Von einer massenweisen Einschleusung von Dschihadisten nach Europa könne derzeit keine Rede sein, meint auch Peter Neumann, Terrorismus­experte am Londoner King’s College. Die Syrien-Flüchtlinge, von denen viele säkular und eben nicht religiös seien, hält er nicht für »IS«-Sympathisanten. Aber er mahnt zur dringenden Inte­gration dieser Flüchtlinge.
»Was wir aus der Geschichte wissen, ist, dass es typischerweise nicht die erste Einwanderergeneration ist, die für extremistische Gruppen ansprechbar wird, sondern deren Kinder.

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Wenn das mit der Integration nicht klappt in den nächsten fünf bis zehn Jahren, gibt es eine Frustration, die sich in Richtung des Salafismus oder des dschihadistischen Salafismus lenken lassen kann«, warnt Neumann.

So ähnlich schätzen das auch israelische Terrorexperten ein, etwa Anat Hochberg-Marom von der Herzliya-University in Tel Aviv. Zwar befänden sich Israel und Syrien offiziell immer noch im Kriegszustand. Praktisch aber schwiegen schon lange die Waffen. Man könne nicht davon ausgehen, dass nun alle Syrer automatisch gegen Juden und Israel eingestellt seien. Im aktuellen Bürgerkrieg würden viele Syrer Israelis vielmehr als Helfer erleben.

Die meisten Syrer sind keine verbohrten Muslime

»Wir müssen daran erinnern, dass Israelis im Norden von Israel auf den Golanhöhen verletzten Syrern helfen. Sie sind nicht Feinde, sondern es geht um eine humanitäre Krise und wir versuchen zu helfen. Die meisten Flüchtlinge sind säkular und nicht verbohrte Muslime, die einfach nur Juden hassen«, meint Hochberg-Marom.

Der israelische Sicherheitsexperte Chaim Tomer weist darauf hin, dass Syrien ein heterogener Vielvölker-Staat ist. 80 Prozent sind Muslime, 20 Prozent gehören anderen religiösen Gruppen und Minderheiten an. Zwar hätten die Kriege gegen Israel einst das Land geeint. Doch die Propaganda gegen Juden greife heute nicht mehr. Die Baath-Partei, die Familie Assad und die Alawiten dominierten die sunnitische Mehrheit. Der Feind sei für viele daher zuallererst das eigene Regime.

Jüdische Gemeinden engagiert für Flüchtlinge

Auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland gebe es eine große Bereitschaft, sich für Flüchtlinge einzusetzen, meint Benjamin Fischer. Er ist Präsident der Europäischen Union jüdischer Studenten, die rund 160 000 Mitglieder zählt. Man habe Erfahrung damit, eine Vielzahl von Menschen schnell in die deutsche Gesellschaft integrieren zu müssen, denn ab den 1990er Jahren kamen mit den sogenannten Kontingent-Flüchtlingen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland.

»Das geschah vor allem mit der russischen Sprache. Nun ist es so, dass viele der Geflüchteten aus Syrien Russisch sprechen. Und der Erfahrungsschatz lässt sich nun ganz direkt anwenden. Zudem gibt es viele Juden, die Arabisch sprechen aufgrund der Herkunft aus arabischen Ländern«, betont Benjamin Fischer.

Thomas Klatt

Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Für Fernsehmoderator Peter Hahne heißt an die Auferstehung zu glauben, den Verstand einzuschalten

Der Fernsehjournalist Peter Hahne ist der bestplatzierte christliche Autor auf der Jahresbestsellerliste 2015 für religiöse Bücher. Sein Buch »Niemals aufgeben« rangiert auf Platz vier. Darüber und über Ostern sprach mit ihm Sabine Kuschel.

Herr Hahne, was würden Sie predigen, wenn Sie Ostern auf der Kanzel stünden?
Hahne:
Hoffnung, Hoffnung und nochmal: Hoffnung. Und keine politischen Ratschläge zu Flüchtlingen oder Parteien! Weil das Grab Jesu leer ist, sind seine Verheißungen keine leeren Versprechungen. Bei ihm gibt es Leben angesichts des Todes, denn er hat den Tod besiegt. Allein daraus resultiert sein Anspruch, die Hoffnung der Welt zu sein. Deshalb gibt es für Christen keine hoffnungslosen Fälle.

Was heißt es für Sie, an die Auferstehung Christi zu glauben?
Hahne:
Meinen Verstand einzuschalten – denn der Bericht von der Auferstehung ist die bestbezeugte Tatsache der Antike. Als Paulus das aufschrieb (1. Korintherbrief, Kapitel 15), lebten ja die Zeugen noch. Lüge wäre sofort entlarvt worden! Und für Lug und Trug hätte ein Bonhoeffer oder die heute (bis in die Flüchtlingslager!) verfolgten Christen ihr Leben wohl kaum geopfert. Glauben heißt: Wissen, was trägt.

Angesichts des Glaubensnotstandes ist Ihr Buch »Niemals aufgeben« ein Appell, sich der lebensnotwendigen christlichen Wurzeln zu besinnen. Woran kranken Gesellschaft und Kirche?
Hahne:
An Oberflächlichkeit und Beliebigkeit. Interessant ist nur, was uns konkurrenzlos wichtig ist und macht. Wir haben die freiheitlichste Verfassung der Welt, weil das Grundgesetz aus den Quellen der Bibel gewachsen ist: »In Verantwortung vor Gott und den Menschen.« Zurück zu den Wurzeln! Offensiv unseren Glauben bekennen und leben! Deshalb fürchte ich mich nicht vor der Stärke des Islams, sondern vor der Schwäche des Christentums.

Was hilft Christen in ausweglos erscheinenden Situationen, nicht aufzugeben?
Hahne:
Nicht der Appell: »Steh auf, reiß dich zusammen!«, sondern sich helfen lassen. Das schlüssele ich in dem Buch auf: Glaube, Gottes Wort, Gebet und vor allem Gemeinschaft schenken Motivation in Resignation. Allein geht man ein.

Peter Hahne. Foto: privat

Peter Hahne. Foto: privat

Das Leid in der Welt ist groß – wie lautet Ihrer Meinung nach die Antwort des Glaubens?
Hahne:
Niemand kann tiefer fallen als in die Hand Gottes, das ist unser Trost. Christen werden ja nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern aus dem Jenseits getröstet. Glaube ist ein Vertrauen, das einen auch mit unbeantworteten Fragen leben lässt. Viele bezeugen: Erst das Leid brachte mich zu Gott und damit zu sinnvollem Leben.

Osterfreude – hat Sie Raum im Alltag eines Fernsehmoderators?
Hahne:
O ja! Ich bin ein Sonntagskind, am 9. November geboren. Dass ich mit Ihnen jetzt reden kann, ist dem schönsten Geburtstagsgeschenk vor 26 Jahren zu verdanken. Schon Luther sagte: »Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens.« Deshalb verstehe ich nicht, dass viele Christen mit einem Gesicht herumlaufen, als wären sie dauernd auf dem Weg zum Zahnarzt …

Es ging das Gerücht, Sie wollten zur katholischen Kirche konvertieren?
Hahne:
Ich halte es mit Martin Luther, der ist auch nicht konvertiert, sondern hat reformiert. Bis er merkte, dass politische Predigt und volle Kassen seiner Kirche wichtiger waren als Jesus Christus und sein Wort von Gericht und Gnade, Gesetz und Evangelium, Himmel und Hölle. Eine Kirche, die sich nach dem Evangelium und nach Luther nennt, sollte radikal werden, das heißt (lateinisch: radix = Wurzel) zu ihren reformatorischen Wurzeln zurückkehren. Sonst ist alles Etikettenschwindel, den die Leute durchschauen.

Ich bin froh und dankbar über jeden Pfarrer, der sich der Theologie der leeren Kirchenbänke widersetzt! Es gibt lebendige Gemeinde, Gott sei Dank!

Am 15. April erscheint ein weiteres Buch von Peter Hahne:
Hahne, Peter: Finger weg von unserem Bargeld! Wie wir immer weiter entmündigt werden, Bastei Lübbe, 128 S., ISBN 978-3-8699-5085-3, 10 Euro

Sammeln will gelernt sein

14. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Fundraisingtag: Es geht um viel mehr als Geld – nämlich um die Kunst, Gunst zu gewinnen

Auf einer dramatischen Flucht von Syrien in Richtung Europa das eigene Kind zu verlieren, ist etwas, das für Eltern ein kaum vorstellbares Grauen ist. Einer kurdischen Flüchtlingsfamilie, die im Juni vergangenen Jahres in den Saale-Orla-Kreis kam, ist genau dies passiert.

Über soziale Medien konnten sie das Mädchen ausfindig machen. Doch wie das Kind zu den Eltern zurückholen? Dabei erwies sich Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz als Retter in der Not. Unterstützt durch viele Mitstreiter in seiner Gemeinde und im ganzen Umkreis und gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat, dem DRK-Suchdienst, dem Bundesamt für Migration, dem türkischen Generalkonsulat und der Deutschen Botschaft sowie vielen anderen Behörden, fand er das Mädchen, flog mit den Eltern in die Türkei und konnte die Familie wieder zusammenzuführen und nach Deutschland bringen. Dafür erhielt Groh im Rahmen des Mitteldeutschen Fundraisingtages am 8. März in Jena den Mitteldeutschen Fundraisingpreis 2016.

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

»Ich bin dankbar für diese Auszeichnung und freue mich, dass mein Handeln in dieser Sache von anderen als hervorhebenswert angesehen wird. Ich will mit dem, was ich tue, Menschen dafür gewinnen, ähnliche Dinge zu tun«, erklärt Fabian Groh. »Doch unendlich mehr als der Preis bedeuten mir die Menschen und die Momente, die ich in dieser Geschichte erleben durfte: in die Augen der Menschen zu sehen, die sich wieder haben und wissen, was ich an ihnen getan habe. Das ist mein Glück«, betont der 38-Jährige. Ohne die Unterstützung vieler Menschen, auch mit Geld, hätte die Geschichte der Familie kein so gutes Ende nehmen können.

Ein Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist »Fundraising« – »Schätze heben« könnte man den englischen Begriff übersetzen, der heute in aller Munde ist. »Beim Fundraising geht es darum, Menschen für eine gute Sache zu gewinnen, für eine Idee, einen gemeinsamen Wert«, erläutert Doris Voll, Organisatorin des Fundraisingtages in Jena. »Wir alle haben eine Verantwortung, die Welt ein Stück besser zu machen und Fundraising gibt dazu das Handwerkszeug«, so Voll.

Fundraising – die sanfte Kunst, die Freude am Spenden zu lehren? Geht es also nur ums Geld? Fabian Groh hält diese Sichtweise für falsch. Natürlich sei Geld zur Verwirklichung von Zielen wichtig und auch die finanzielle Unterstützung durch andere, aber: »Für mich ist etwas anderes wichtig beim Fundraising: Es ist für mich das Gewinnen von Menschen für ein Ziel. Ich will die Herzen der Menschen gewinnen. Gespendete Lebenszeit und Lebenskraft, das Engagement für andere ist viel mehr wert als totes Gold«, betont Fabian Groh.

Der Fundraisingtag gilt als größtes Treffen von Vereinen, Verbänden, Kirchgemeinden und gemeinnützigen Unternehmungen in Mitteldeutschland. Organisatorin Doris Voll freute sich auf den Austausch und viele Kontakte. Auch Volker Maibaum nahm an der Veranstaltung teil. Der Gemeindepfarrer von Gotha-Sundhausen ist einer von mehreren ausgebildeten Fundraisern in der EKM. Für ihn steht der Beziehungsaufbau an erster Stelle in Sachen Fundraising. »Eine Beziehung aufzubauen braucht immer Zeit. Das ist bei allen Beziehungen so, ob privat, beruflich oder eben für soziale und karitative Projekte. Um ein gutes Vorhaben voranzubringen, muss man eine gute Beziehung aufbauen: zum Spendenprojekt und zu den Spendern. Man muss aufeinander hören, die Beziehung festigen und man darf sich nicht scheuen, nach Unterstützung und eben auch nach Geld zu fragen«, so Volker Maibaum. Lokale Projekte seien gut geeignet, damit Menschen sich für sie engagieren. So zum Beispiel die Erneuerung des Glockenturms einer Gemeinde oder die Anschaffung einer neuen Orgel. Ebenso können aber auch Projekte mit Gruppen, in der Jugendarbeit oder mit Kindern gefördert werden. »Die Menschen wollen sehen, dass das für sie einen Mehrwert hat und dann sind sie auch bereit, dieses zu unterstützen«, weiß Maibaum. Er glaubt, dass die Gemeinden schon vieles in dieser Richtung richtig machen. Ein Fundraising-Workshop kann sie dabei unterstützen und ihnen professionelle Möglichkeiten und Wege aufzeigen. Dafür bietet der Gemeindedienst der EKM Unterstützung an.

Fundraiser: Volker Maibaum

Fundraiser: Volker Maibaum

Für den Fundraising-Preisträger Fabian Groh steht ebenso wie für Volker Maibaum die Beziehung zwischen Menschen beim Fundraising an erster Stelle. »Durch konkretes Engagement für Menschen wachsen Beziehungen«, ist sich der Pfarrer sicher. »Das ist etwas anderes als wenn ich anonym etwas spende.« Wer Menschen kennenlerne, dem wachsen diese quasi ans Herz, man mache echte Erfahrungen und erlebe gemeinsam etwas mit anderen. »Mir hilft das sehr, mich in dieser bewegten Welt zu verorten. Durch persönliches Engagement bekommt mein Leben in dieser Welt eine ganz neue Qualität als wenn ich die Welt nur am Bildschirm wahrnehme«, so Groh.

Mehr noch als alle anderen Einrichtungen, Träger und Wohlfahrtsverbände, die beim Mitteldeutschen Fundraisingtag teilnehmen, sind es vor allem die Kirchen, die von jeher im Besonderen vom Engagement ihrer Mitglieder leben. Und dennoch: Viele Kirchenmitglieder verweisen auf die Einnahmen der Kirchensteuer und wollen sich nicht an Projekten beteiligen. Ebenso im säkularisierten Bereich – der Staat möge doch mehr regeln. »Das ist eine fatale Sichtweise«, sagt Doris Voll. »Sowohl der Staat als auch die Kirche als Institution kann und soll auch nicht alles regeln. Ich glaube, dass das bürgerschaftliche, das christliche Engagement sozusagen das Salz in der Suppe ist, etwas, das zusammenschweißt, neue Energie gibt und Identität stiftet.« Alles Dinge, die beim Fundraising nicht nur das Projekt, sondern die Gemeinschaft an sich weiterbringen können. Die Frage, warum es wichtig ist, sich als einzelner zu engagieren und nicht alles den Institutionen zu überlassen, ist eine Frage, die sich Pfarrer Fabian Groh so noch gar nicht gestellt hat. »Ich suche in meiner Biografie vergeblich nach Anknüpfungspunkten, wo ich andere verantwortlich gesehen hätte, wenn meine Angehörigen, Klassenkameraden oder Freunde in Not waren. Jesus sagt: Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten. Dass ich mich als einzelner Bürger engagiere, ist wichtig, weil ich Mensch, weil ich Gottes Geschöpf bin.«

Diana Steinbauer

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Mit Hilfe des Fundraisings werden Unterstützer für gemeinnützige Projekte gewonnen. Es geht nicht nur um die Einwerbung von Spendengeldern, sondern auch darum, Begeisterung und Gemeinsinn zu wecken sowie am Leben zu erhalten. Fundraising versteht sich als »Kunst, Gunst zu gewinnen«.

Fundraising in den Gemeinden:
Der Gemeindedienst der EKM berät Gemeinden und vermittelt, wie Fundraising funktioniert: Wie entwickeln wir ein Projekt weiter? Wie erreichen wir Unterstützer und Spender? Wie dokumentieren und begleiten wir die Unterstützer?
Informationen unter www.gemeindedienst-ekm.de/themenfelder

Service rund ums kirchliche Fundraising:

Unter www.fundraising-evangelisch.info finden Sie auf der Internetseite der Fundraising­akademie Material, Anleitungen und Beispielprojekte.

Fundraisingtage:

Diese sind eine gute Anlaufstelle. Vorträge und Workshops führen ein in die Welt des Fundraising.

Polens Klerus steht bisher mehrheitlich zur neuen Regierung

17. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Seine Aussage von Ende Januar sorgt in Polen für Gesprächsstoff: »In Polen kam es zu einer Stimme des kranken Nationalismus, die glaubt, dass die Wertschätzung des eigenen Landes sich in Hass auf Fremde äußert. Das sind Menschen, die ihre Identität verloren haben«, sagte Stanislaw Gadecki, Erzbischof von Poznan/Posen. Gadecki äußerte dies, nachdem ihm Ausländer von ihrer Furcht vor Übergriffen berichteten. Nun rudert die Kurie zurück – die Aussage des Erzbischofs sei keinesfalls allgemein für Polen zu verstehen. Mit Kritik an der Lage der Nation will sich der Klerus offensichtlich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen.

Die Kirche hält fest zur seit Mitte November regierenden »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) und umgekehrt. Denn in dem Land, in dem über 90 Prozent der Bevölkerung der Katholischen Kirche angehören, ist der »geistliche Beistand« für eine konservative Partei entscheidend. Die bis Mitte November regierende liberal-konservative »Bürgerplattform« (PO) sank in der Gunst des Klerus, da sie eine Verschärfung des ohnehin strikten Abtreibungsgesetzes ablehnte und ein Förderprogramm für die künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibes in die Wege leitete. Daraufhin forderte das Episkopat die Gläubigen auf, diejenige Partei zu wählen, die sich für den Lebensschutz stark macht.

Jens Mattern berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Jens Mattern berichtet für unsere Zeitung aus Polen

Zwar beeilt sich auch die PiS derzeit nicht mit der Umsetzung entsprechender Gesetze. Marek Jedraszewski, der stellvertretende Vorsitzende der Bischofskonferenz, will der Regierung dennoch einen Bonus gewähren, da diese »einem großen Druck von innen und von außen« ausgesetzt sei. Eine Anspielung auf die Demonstrationen im Land und die Kritik aus Brüssel.

»Jede Hand, die gegen die Kirche erhoben wird, ist gegen Polen erhoben«, unterstrich PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski den Bund mit dem Episkopat. »Die Kirche ist keine nationale Institution«, konterte allein der emeritierte Weihbischof Tadeusz Pieronek. Der als scharfzüngig bekannte 81-Jährige wehrt sich allgemein gegen die Vereinnahmung der Kirche von der Politik.

Doch ansonsten ist keine Kritik zu hören. Vielmehr stellen sich einige Würdenträger deutlich auf die Seite der Regierung und ihrer umstrittenen Änderungen. So warf Wladyslaw Mering, der Bischof von Wlocwalek, der außerparlamentarischen Protestbewegung »Komitee zur Verteidigung der Demokratie« (KOD), »wilden Hass« vor. Aber auch der liberale Erzbischof Stanislaw Dziwisz, Erzbischof von Krakau, kritisierte die bislang friedlichen Demonstrationen.

In der Flüchtlingsfrage könnte der Bund zwischen Episkopat und Politik allerdings Risse bekommen. Schließlich hat Papst Franziskus mit seinem Credo der Barmherzigkeit die Kirchen aufgefordert, Flüchtlinge zu beherbergen. Der Erzbischof von Posen gehörte bisher zu den wenigen Geistlichen Polens, die sich für die Aufnahme von Flüchtlingen in ihrer Diözese ausgesprochen haben.

Jens Mattern

Übergriffe in Flüchtlingsheimen

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Meldung ging Anfang Januar durch die Medien: In der kleinen Flüchtlingsunterkunft im anhaltischen Ballenstedt hatte ein muslimischer Syrer einer Christin aus dem nordafrikanischen Eritrea gedroht: »Ich komme im Schlaf und schlachte dein Baby.« Auslöser war eine Diskussion über den Glauben, bei der die Frau sich wohl offen zu ihrem Christsein bekannte. Sie hatte den Mut, die Polizei zu verständigen, die die Drohung erst nahm. Der syrische Mann kam mitsamt seiner Familie zurück in das Aufnahmelager in Halberstadt.

Nicht ausblenden, sondern benennen

Ballenstedts Oberpfarrer Theodor Hering kennt die Frau von ihren gelegentlichen Gottesdienstbesuchen. Es ist in Ballenstedt bisher ein Einzelfall und Hering ist erstaunt über den Widerhall, den die Meldung in den Medien und in Netzwerken fand. Aber er erlebt auch, dass solche Vorfälle heruntergespielt werden. Sicher oft in guter Absicht, keine Ressentiments gegenüber Flüchtlingen im allgemeinen und Muslimen im besonderen zu schüren. »Aber man muss klar zur Kenntnis nehmen, dass es solche Fälle von Bedrohungen gibt, und sie nicht ausblenden, sondern beim Namen nennen«, so der Pfarrer. Die Situation der Christen in den muslimisch dominierten Flüchtlingsunterkünften sei eine große Herausforderung für die ehrenamtlichen Helfer.

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Das bestätigt auch Cordula Haase, Migrationsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. In ihrem Arbeitsbereich wisse man »informell« um solche Bedrohungssituationen christlicher Asylbewerber und Flüchtlinge. »Informell« bedeute, dass man von derartigen Vorfällen zumeist nur im seelsorgerlichen Gespräch erführe. Besonders würden Ängste zunehmen, wenn ehemalige Muslime Kontakt zur christlichen Gemeinden finden, die Religion wechseln wollen und den Taufunterricht besuchen, so Haase.

Glaube soll außen vor bleiben

Die Beauftragte gibt offen zu, dass man bisher kaum wisse, wie mit den Problemen umgegangen werden kann. Und sie macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: In Sachsen-Anhalt bekämen kirchliche Mitarbeiter Probleme mit den Betreibern der Unterkünfte, wenn seelsorgerliche Anliegen thematisiert würden. »Solange wir nur rein karitative Hilfe anbieten, sind wir willkommen, aber sobald wir über unseren Glauben reden, soll das außen vor bleiben«, beschreibt sie die Situation. Selbst gedruckte Einladungen zu seelsorgerlichen Angeboten dürften in manchen Heimen nicht ausgelegt werden, beklagt Haase.

Dass dies in Thüringen anders ist, bestätigt Adelino Massuvira Joao. Der gebürtige Mosambikaner ist Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises Suhl und gehört zum Beirat der großen Flüchtlingsunterkunft in der Stadt. Bedrohungen von christlichen Flüchtlingen erlebt er derzeit nicht. Den einzigen Fall im vergangenen Jahr sieht er vor allem als Folge der damals gravierenden Überbelegung des Wohnheimes. Gelegentliche Rangeleien hätten eher nationale Hintergründe, so Massuvira Joao.

Harald Krille

Die Spaltung in der Gesellschaft

30. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitgespräch: Vom Umgang mit Ängsten und ungelösten politischen Fragen und wie wir uns kritisch damit auseinandersetzen lernen

Zwischen besorgten Bürgern und gefährlichen Mitte-Extremisten. Wie gehen wir um mit den Ängsten, ob begründet oder unbegründet, und wo ist die Grenze zwischen berechtigter Sorge, Zukunftsangst und rechtem Populismus? Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker aus Halle, spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Der streitbare Jenaer Jugendpfarrer Lothar König hält Populisten und Mitläufer in der aktuellen Flüchtlingsdebatte für gefährlicher als Rechtsextremisten. Maaz und König diskutierten miteinander, moderiert von Willi Wild.

Dr. Maaz, Sie fordern einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut auf der Straße. Ihrer Meinung nach sind nur wenige, die bei Pegida mitlaufen, Rechtsextremisten. Geht Ihr Verständnis für die besorgten Wutbürger nicht etwas zu weit?
Maaz:
Im Gegenteil. Ich bin am meisten besorgt über die Spaltung in unserer Gesellschaft: also Pegida oder No-Pegida. Ich halte die Pauschalablehnung von Pegida für ziemlich starke Hetze. Die ist von den Politikern angezettelt worden. Sicher gibt es bei Pegida Personen, die nicht akzeptabel sind. Die Themen, die auf die Straße getragen werden, die sollten verstanden, analysiert und diskutiert werden. Außerdem sind einzelne Kritikpunkte, die Pegida vor einem halben Jahr genannt hat, mittlerweile ziemlich aktuell.

Herr König, Sie bezeichnen die Mitläufer als Mitte-Extremisten. Damit treffen Sie aber inzwischen eine große gesellschaftliche Gruppe?
König:
Mitte-Extremisten deshalb, weil wir in der Vergangenheit immer nur nach links und rechts geschaut haben. Mitte-Extremisten halte ich für am gefährlichsten, weil sie sich zurücklehnen und zu wenig reflektieren. Da haben wir dann die Gesellschaft, vor der Herr Maaz hier warnt.
Maaz: Wenn wir solche Worte wie Extremisten oder auch Nazis benutzen, besteht immer die Gefahr, dass man glaubt, mit so einer abwertenden Bezeichnung habe man das Problem erfasst. Wir müssten uns vielmehr mit den Gründen befassen, warum sich Menschen zu Extremisten entwickeln oderextremistische Positionen vertreten?

Ist es nicht Zeichen einer Demokratie, Unmut und Angst in Demonstrationen zu äußern, ohne dass man gleich in eine Extremistenecke gestellt wird?
Maaz:
Ja selbstverständlich. Pegida ist allerdings von Anfang an überhaupt nicht ernst genommen worden. Es gehört zu unseren demokratischen Grundregeln, dass man protestieren kann, dass man eine Meinung hat und dass man über Meinungen streiten kann und muss. Aber genau das hat die Politik kritisiert.
König: Wir demonstrieren und sagen die Meinung, streiten miteinander und versuchen auf einen Nenner zu kommen. Das ist das eine. Aber wir leben hier in einer Welt, die ist von Gewalt geprägt ist. Auch wenn Politiker uns etwas anderes erzählen wollen, kein Mensch ist gewaltfrei. Ich bin noch dabei zu lernen, wie es dem Herrn Jesus gelungen ist, gewaltfrei und friedlich mit der Peitsche die Leute aus dem Tempel zu prügeln. Ja, da findet Gewalt statt. Und wir brauchten eine Gewaltdebatte, vor allen Dingen von den Theologen. Wir leben halt nicht im Himmelreich. Das ist eine Zielvorstellung.
Maaz: Ich möchte dem sehr zustimmen, Herr König. Ich spreche von einer strukturellen Gewalt in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Gewaltdebatte, wo wir uns fragen: Wie entsteht Gewalt, woher kommt das, was sind soziale und auch seelische Probleme, die zu Gewalt führen und wie kann man damit umgehen? Was kann man tun, damit Gewalt nicht ständig wächst und ausufert?
König: Eine der Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Glaubens ist der Psalm 23, der fängt an: »Der Herr ist mein Hirte.« Pegida und andere Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen fühlen, sagen: Niemand behütet mich! Wenn ich Menschen treffe, die Angst haben, dann sage ich, das brauchst du nicht. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Wenn Sie zu diesen Menschen sagen, dass sie Mitte-Extremisten sind, wirkt das vertrauensbildend?
König:
Das eine ist die seelsorgerliche und das andere die politische Seite. Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben klein angefangen. Man hat sie laufen lassen. Kein Schwein hat das interessiert. Wenn ich sehe, was sich für Neonazis in Dresden unter die Demonstranten mischen, da haben wir als laue Christen – wie es Luther ausdrückt – versagt. Ich habe mitbekommen, wie dann am Rande Menschen gejagt worden sind, die irgendwie anders aussahen. Da ist für mich eine Grenze überschritten, das geht gar nicht. Wenn es den kritischen Dialog gäbe, dann würde ich sofort einsteigen. Aber es geht nicht, dass hier Stimmung auf Kosten anderer gemacht wird. Ein Mensch ist immer erst mal eine Chance, eine Hoffnung.

Wie können wir denn zu einem gesunden Umgang miteinander kommen?
Maaz:
Man hat ja immer wieder versucht, das Gespräch zu führen. Das ist natürlich kaum möglich bei solchen Demonstrationen. Was wir machen können ist, dass wir anfangen, die Themen aufzugreifen, die ernsthaften Positionen und sie in einer größeren Öffentlichkeit diskutieren.
König: Was in Paris passiert ist und vielleicht demnächst in Deutschland passiert, das ist eine Rechnung, die wir geliefert bekommen, nicht für zehn Jahre falscher Politik, nicht für 50 Jahre, für mindestens 500 Jahre. Unser Abendland ist so reich geworden und wir haben jedes Maß verloren. Heute kriegen wir eine Rechnung präsentiert und niemand weiß, wie diese Rechnung zu bezahlen ist.

Auch in kirchlichen Kreisen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen sagen – wie die Kanzlerin – wir schaffen das und alle sind willkommen. In den Gemeinden scheint es zunehmend zu rumoren, weil sich die Menschen alleingelassen fühlen.
König:
In der Kirche wird die Welt ständig schöngeredet. Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft und in unserer Welt haben wir fast völlig aus dem Blick verloren. Wir sind kaum mehr konfliktbereit und schon gar nicht in der Lage zu streiten. Wir müssen auch thematisieren, wie viele menschenfeindliche Gedanken unter uns Christen vorhanden sind.
Maaz: Die Verantwortlichen vertreten eine Willkommenskultur und die Bevölkerung, die das entgegenzunehmen hat, spürt zunehmend die Überforderung und die eigentlich notwendige Begrenzung. Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Gründe für Flüchtlinge zur Wahrnehmung des Asylrechtes werden wachsen. Wenn wir nicht die Aufnahme von Flüchtlingen begrenzen, ersticken wir irgendwann. Wir erkennen natürlich, dass wir wesentlichen Anteil haben mit unserer westlichen Lebensart, an der gewachsenen sozialen ungleichen Verteilung des Reichtums. Wir sollten vielmehr unseren Reichtum verwenden, um Armut vor Ort zu bekämpfen. Die Milliarden und vor allem unser technisches Know-how müssen aufgewendet werden, um wirksam die Armut zu bekämpfen und um Kriege zu verhindern.
König: Wir haben uns lange Zeit da wenig eingemischt. Das einzige was wir gemacht haben ist, unsere Waffen dorthin zu verkaufen. Jetzt wundern wir uns, dass mit den Waffen nicht Kartoffelanbau betrieben, sondern geschossen wird.
Maaz: Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass in unserer Gesellschaft eine wachsende soziale Ungerechtigkeit existiert, die man nicht pauschal mit unserem Reichtum beruhigen kann. Wir müssen auch in unseren Gesellschaften um eine größere soziale Gerechtigkeit kämpfen.

Sie empfehlen den kritischen Dialog als Lernprozess. Was könnte das für Kirchen und Kirchengemeinden bedeuten?
Maaz:
Uns droht eine Spaltung zwischen den Obrigkeiten und der Gemeinde. In den Gemeinden müssen alle Probleme, alle Sorgen, alle Ängste tatsächlich angesprochen werden, ohne dass man gleich in eine Ecke von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus gestellt wird. Wenigstens in den Kirchen sollte Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, damit konstruktive Kritik geübt werden kann.
König: Wir sollten wieder anfangen, das Evangelium zu predigen: Das Himmelreich ist nahegekommen. Sorgt euch nicht, werft alle Sorgen auf ihn. Und wir fangen an, hier zu leben und zu streiten, zu suchen und zu finden und Fehler zuzugestehen, Fehler zu korrigieren. Das ist, was uns stark macht.

Der, der den Mantel teilte

10. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: 1700 Jahre Sankt Martin – Feiern in Tours an der Loire

Start ins Martins-Jahr: Die französische Stadt Tours, Grablege des populärsten europäischen Heiligen, rüstet zur 1700. Wiederkehr seines Geburtstages.

In Frankreich, wo 237 Städte und Dörfer und 3 600 Kirchen den Namen Martins tragen, hoffen viele auf einen Besuch von Papst Franziskus am Grab des heiligen Martin. Wie der neue Papst, heißt es in Tours, hätte sich auch Martin ganz den Armen verpflichtet gefühlt, den Ausgestoßenen, Flüchtlingen, Bettlern und Gefangenen, deren Schutzheiliger Martin ebenso ist wie der von Soldaten, Reisenden und Reitern.

»Martin war vergessen, aber wir entdecken ihn jetzt wieder«, sagt Antoine Selosse im Martin gewidmeten europäischen Kulturzentrum. Im Heiligen sieht er einen konsequenten Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit. Sein jüngstes Projekt ist »Das grüne Band des heiligen Martin«, ein mehr als zweitausend Kilometer langer Streifen quer durch Europa, der Ungarn mit Frankreich verbinden soll.

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

Ein paar Kilometer rechts und links davon sollen in den nächsten Jahren zahlreiche umweltverträgliche, nicht primär kommerzielle Projekte erstehen. »Auf jedem Hektar kreieren wir neue Jobs, vom Biobauern bis zum Kunsthandwerker«, gibt sich der Projektplaner kämpferisch. »Dabei soll vor allem die Grundidee Martins propagiert werden: nämlich zu teilen!« Bekanntlich war dem Heiligen vor den Stadttoren von Amiens als römischer Soldat ein Bettler begegnet, dem er die Hälfte seines Mantels schenkte. In der Nacht darauf träumte er von Jesus, der genau diesen Mantelteil trug und zu ihm sagte: »Dies ist Martin, der römische Soldat, der nicht getauft ist. Er hat mich gekleidet.« Es war diese Vision, die ihn ermutigte, sich taufen zu lassen und ein neues Leben anzufangen.

Fachmännisch restauriert zeigen sich die Reste der alten Martins-Basilika, die mit über 100 Metern Länge einmal eines der größten Gotteshäuser Europas war. »Auch wenn man nicht gläubig war,« sagt Annick, die heute Touristen in deutscher Sprache auf den Spuren des Heiligen durch Tours führt, »die Größe dieser Kirche hat jeden bekehrt«. Vom um das Jahr 1 000 erbauten Turm Karls des Großen bietet sich dem Besucher heute ein einmaliger Blick über Tours. Im Friseursalon zu seinen Füßen finden sich noch ein paar Gewölbereste der Kirche, die einmal Martins Grablege war.

Schon bald nach seinem Begräbnis setzte der Pilgerstrom nach Tours ein, entwickelte sich »Martinopolis« zur Stadt, die Kaiser und Könige besuchten, die immer wieder aber auch Ziel kriegerischer Angriffe war. Als die Wikinger die Stadt einzunehmen suchten, heißt es in Tours, hätte man die Schädelknochen Martins auf die Stadtmauer gelegt, woraufhin die Angreifer vor Schrecken geflüchtet seien.

Es sind solche Geschichten, Legenden zumeist, welche die Pilgerreisen nach Tours bis heute beleben. Immer neue Erzählungen, die den Mythos um Martin seit Jahrhunderten beflügeln. Eine erzählt von Gänsen, deren Geschnatter ihn angeblich verraten hätte, als er sich vor seiner Wahl zum Bischof versteckt haben soll. Eine andere von seinem Esel, der im Sommer die Blätter von den Weinstöcken gefressen habe, worauf ihn seine Mönchsfreunde beschimpft hätten. Als im Herbst aber größere und süßere Trauben an den Reben hingen, werteten sie die Fresssucht des Esels rückblickend als ein Wunder. Und noch heute schwört mancher Winzer der Region darauf, dass es Martin gewesen sei, der den Qualitäts-Weinbau an der Loire so entscheidend beeinflusst hat.

Prächtige Herbergen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeugen in der Altstadt vom mittelalterlichen Pilgerstrom. Eine große Brücke führt über die Loire. Dort, auf der anderen Flussseite und nur ein paar Autominuten weiter, liegt das Kloster Marmoutier. 372 hatte es Martin gegründet, der auch nach der Wahl zum Bischof anno 371 ein asketischer Mensch blieb und keinen Wert auf bischöfliche Kleidung legte. Mit 80 Weggefährten soll er hier in kleinen Höhlen gehaust haben.

Am nächsten kommt man Martins Welt in der mächtigen Kathedrale von Tours, die dem ersten Bischof der Stadt, Gatianus, geweiht ist. Saint Gatien heißen ihn die Franzosen. Auf den großen, um 1300 entstandenen Glasfenstern der Kathedrale, die zu den ältesten und sehenswertesten Europas gehören, wird sein Leben lebendig. Sie zeigen Martin unter anderem als Exorzist, bei der Versuchung durch den Teufel, bei der Totenerweckung eines zur Taufe bestimmten Jünglings, beim Treffen mit dem Kaiser und dem Engel, der ihm den Zugang zum kaiserlichen Hof erst ermöglicht haben soll. Andere Fensterbilder zeigen, wie Heiden neben ihm einen Baum fällen ohne Martin zu verletzen, oder bei einem visionären Treffen mit den drei heiligen Frauen Maria, Agnes und Tecla.

Zu den Prunkstücken zählen die Darstellungen seiner Bischofsweihe am 4. Juli, weshalb Tours das Jubiläumsjahr bis zum 4. Juli 2017 ausdehnt. An diesem Tag gedenkt Frankreich heute des Heiligen – ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo der 11. November das Martinsfest markiert. An diesem Tag feiern die Franzosen seit 1918 traditionell den Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg. Damals hatten Frankreich und Großbritannien in einem Eisenbahn-Salonwagen im nordfranzösischen Compiegne das Ende bewaffneter Auseinandersetzungen mit Deutschland besiegelt – ein Friedensschluss, heißt es in Tours, der ebenfalls der Fürsprache des heiligen Martin gedankt sei.

Günter Schenk

Die Welt ist kleiner geworden

19. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wolfgang Bauer machte sich getarnt als Englischlehrer aus dem Kaukasus mit Syrern auf den Weg übers Meer

Das Buch »Über das Meer« beschreibt die Flucht von Syrern nach Europa. Der ZEIT-Reporter Wolfgang Bauer hat die fliehenden Menschen im September 2014 begleitet. Ein Jahr später ist die damals schon große Flutwelle riesig geworden und seine Reportage aktueller denn je. Claudia Götze sprach mit dem Autor.

Herr Bauer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, syrische Flüchtlinge bei ihrer Flucht über das Meer nach Europa zu begleiten?
Bauer:
Ich fahre seit 1990 regelmäßig in diese Region. Ich bin mit ihr mittlerweile sehr verwachsen und habe dort viele Kontakte. So habe ich mitverfolgt, wie immer mehr meiner Bekannten und Freunde aus Syrien flohen. Einer meiner Bekannten, ein Arzt aus Syrien, hatte bei der Flucht seine Frau und seine drei Kinder im Mittelmeer verloren. Ich habe kurz darauf mit ihm telefoniert. Und er erzählte mir, wie er im untergehenden Boot seine Frau festhielt, sie aber loslassen musste, weil ihm selber die Luft ausging. Er überlebte, sie starb. Durch die Auseinandersetzung mit ihm ist in mir die Idee entstanden, die Flucht über das Meer zu dokumentieren. Die Menschen dabei zu begleiten. Wir konnten aber nicht als Journalisten reisen, das wäre zu gefährlich gewesen. Der Fotograf und ich haben uns eine Geschichte von Englischlehrern aus dem Kaukasus zurechtgelegt, die nach Europa wollten. Unsere Tarnung war ein russischer Bibliotheksausweis. Ein widerliches Theaterspielen. Wichtig war, immer in der Rolle zu bleiben. Aus der Rolle zu fallen, hätte unser Leben gekostet.

Hatten Sie Angst?
Bauer:
Welche Angst meinen Sie? Wir hatten vor so vielen Dingen Angst. Bei so einer Flucht gibt es viele Unwägbarkeiten: Seenot, Ertrinken, Gefangennahme. Ich hatte vorher Kontakt zur italienischen Seite aufgenommen, damit die im Falle einer Festnahme meinen Namen kannten. Wir beschafften uns Neopren-Unterwäsche, Satelliten-Telefone. Ich hatte einen Seglerausstatter wegen der Ausrüstung befragt.

Würden Sie es noch einmal machen?
Bauer:
Nein!

Was haben Sie sich von dieser riskanten Recherche versprochen?
Bauer:
Ich wollte klarmachen, dass die Bürgerkriegsflüchtlinge nicht des Geldes wegen zu uns kommen. Die fliehen vor den Bomben, die suchen hier Sicherheit. Viele, die mit mir flohen, hatten früher Fabriken besessen, das sind Akademiker und Ärzte. Die Armen bleiben in Syrien oder schaffen es nur bis in die Nachbarregion.

Wolfgang Bauer: »Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht.« Foto: picture alliance

Wolfgang Bauer: »Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht.« Foto: picture alliance

Was bleibt als wichtige Erfahrung?
Bauer:
Wie wichtig es auf der Welt ist, den richtigen Pass in die Wiege gelegt zu bekommen. Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht. Ich habe auf der Reise großartige Menschen kennengelernt, die sich gegenseitig stützen. Wir haben aber auch schlechte Menschen getroffen, die Freunde verraten, nur um selber einen kleinen Vorteil davon zu bekommen. Nie vergessen werde ich sicher auch die Entführung. Zusammen mit den anderen Flüchtlingen wurden wir gekidnappt und vier Tage als Geiseln gehalten.

Warum ist Deutschland bei den Flüchtlingen so beliebt, wie erklären Sie das positive Deutschland-Bild?
Bauer:
Wir sind das Idol im mittleren Osten. Fußball, Wertarbeit, teure Autos. Hitler wird dort noch sehr verehrt, etwas, was mich immer sehr beschämt.

Die arabischen Golf-Staaten schauen dem Drama nur zu?
Bauer:
Sie schauen nicht zu, sie liefern Waffen, liefern sehr viel Lebensmittel an die im Land verbliebende Bevölkerung, aber sie nehmen keine Flüchtlinge auf. Das ist ein Skandal.

Wie kann die Fluchtwelle gestoppt werden ?
Bauer:
Wichtig wäre eine Flugverbotszone. Die meisten Menschen fliehen vor den Bomben. Wenn es gelingt, die Gefahr aus der Luft zu beseitigen, werden auch weniger Menschen fliehen. Assads Flugzeuge dürfen nicht mehr aufsteigen. Das hat der Westen in den letzten fünf Kriegsjahren versäumt. Jetzt haben die Russen ihre Jets in der Luft und bombardieren vor allem die gemäßigten Rebellen. Eine Katastrophe, die dem »IS« noch viel mehr junge Leute zuführen dürfte.

Welche Rolle spielt Russland?
Bauer:
Eine schlechte. Es verlängert den Krieg durch seine Waffen und jetzt auch direkt mit seinen Truppen um viele Jahre.

Warum haben hierzulande Menschen ein Problem mit den vielen Flüchtlingen?
Bauer:
Weil sie überfordert sind. Weil sie zu satt sind. Weil sie nicht begreifen, dass wir uns von der Welt nicht abkehren können. Die Welt ist kleiner geworden. Wir können aber die Flüchtlinge nicht aufhalten. Ihre Verzweiflung ist so enorm, dass sie kommen werden, egal wie. Die einzige Möglichkeit sie aufzuhalten ist: sie zu erschießen. Die Grenze mit Selbstschussanlagen auszustatten. Aber das wollen wir hoffentlich nicht. Deswegen, weil wir sie nicht stoppen können, müssen wir alles Mögliche tun, um den Vorgang so erträglich wie möglich für beide Seiten zu machen. Schnell Deutschkurse, schnell kulturelle Unterrichtungen, damit Missverständnisse vermieden werden können. Ich glaube, schon mittelfristig werden wir als Wirtschaft in Deutschland von den Bürgerkriegsflüchtlingen sehr profitieren.

Wie geht es weiter?
Bauer:
Wir sollten den Bürgerkriegsflüchtlingen etwas anbieten, was wir schon einmal denen aus Bosnien Anfang der 90er Jahre angeboten haben. Keine Einzelfallprüfung, sondern alle aus dem Kriegsland dürfen kommen, wenn sie sich bei Einreise verpflichten, nach Beendigung der Krise wieder zurückzureisen. Bei Bosnien hat das wunderbar funktioniert. Hunderttausende kamen, Zehntausende blieben, in Freundschaft und ohne Schlepper und ohne Tote an der Grenze.

Buchtipp:
Bauer, Wolfgang: Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa, Suhrkamp-Verlag Berlin 2014, 133 Seiten, ISBN 978-3-51-806724-6, 14 Euro

»Ich habe mich sehr getragen gefühlt«

18. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Zum ersten Mal spricht die Landesbischöfin über die schwere Zeit ihrer Erkrankung und die Aufgaben, die vor ihr liegen

Mehrere Monate konnte Landesbischöfin Ilse Junkermann krankheitsbedingt keine öffentlichen Termine wahrnehmen. Leserinnen und Leser haben bei uns nachgefragt, wie es ihr geht. Willi Wild hat die Landesbischöfin getroffen.

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Frau Landesbischöfin, wie geht es Ihnen?
Junkermann:
Mir geht es schon viel besser, aber noch nicht wieder ganz gut. Ich bin gerade in der Wiedereingliederung, um zu sehen, wie meine Belastbarkeit sich entwickelt. Es handelt sich um eine Hirnhautentzündung, ausgelöst durch einen nicht identifizierbaren Virus. Mein Körper musste es aus eigenen Kräften stemmen, das zehrt. Deshalb muss ich gut aufpassen, dass mein Körper – um die Ärzte zu zitieren – eine Chance hat und ich sie ihm gebe.

Sie waren über ein halbes Jahr krank. Haben Sie in der Zeit einmal daran gedacht, Ihr Amt abzugeben?
Junkermann:
Ja, im Sommer gab es ein paar kritische Tage. Ich habe immer gewartet, dass es besser wird. Ich musste mich in Geduld üben, weil es über Wochen nicht besser wurde. Und dann ist es sogar noch schlechter geworden. Da habe ich gedacht, wenn sich bis September keine Besserung zeigt, muss ich überlegen, ob ich mein Amt aufgebe, denn es ist ja ein wichtiges Amt in der Kirche. Dieses Amt kann vertreten werden, aber nicht auf Dauer.

Apropos Vertretung: Wer macht Ihre Arbeit, wenn Sie so lange nicht da sind?
Junkermann:
Alle Regionalbischöfe und die Regionalbischöfin waren äußerst hilfsbereit, haben eigene Termine abgesagt, um landesbischöfliche Aufgaben wahrzunehmen. Besonders der stellvertretende Landesbischof, Propst Kamm, hat viel übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar und habe mich gefreut, auch in dieser Hinsicht getragen zu sein. Ich hätte beispielsweise gern unsere Kirche beim Kirchentag in Stuttgart vertreten und zum Reformationsjubiläum eingeladen. Gut, dass Propst Kasparick als mein Beauftragter die Einladung im Schlussgottesdienst aussprechen konnte.

Haben Sie überhaupt die notwendige Zeit der schrittweisen Wiederherstellung?
Junkermann:
Ich nehme sie mir. Ich muss bewusst entscheiden, wie ich mit meiner Zeit umgehe. Vorrang hat, dass ich wieder ganz gesund werde. Für mich ist neu, dass ich nur im Lassen etwas dazu beitragen kann. Wir leben ja in einer Zeit, die davon ausgeht, dass man durch Tun alles bewältigen kann. Ich kann nichts tun, nur lassen, indem ich Freiräume schaffe, mehr auf Pausen setze. Ich hoffe, dass ich das mit hinübernehmen kann in die Zeit, wenn ich dann wieder ganz gesund bin.

Als Seelsorgerin geben Sie ja den Menschen normalerweise Rat und Hilfe. Nun sind Sie auf Hilfe angewiesen. Wie gehen Sie damit um?
Junkermann:
Die Ärzte in der Uniklinik Magdeburg in der Neurologie haben gut seelsorgerlich gehandelt, indem sie ganz klar benannt haben, wie die Situation ist. Es hieß, mein Körper könne damit umgehen, brauche aber ausreichend Zeit. Das Zuhören und die offene Art der behandelnden Ärzte haben mir gut getan. Ich habe mich aber auch von vielen anderen sehr getragen gefühlt. Viele Grüße haben mich erreicht, Briefe und Karten mit einer großen Anteilnahme. Ich war bis auf die Krise im Sommer über die Wochen gelassen und habe mich selber darüber gefreut, dass ich mich so getragen fühlen und auf Gott vertrauen kann, dass er den Weg für mich weiß.

Der EKM-Gebetskalender liegt Ihnen am Herzen und ist gewissermaßen Chefsache. Was bedeutet Ihnen Gebet, auch in Bezug auf Ihre Erkrankung?
Junkermann:
Das Gebet verbindet uns auch miteinander. Nur so sind wir Kirche: Dadurch, dass Gott uns ruft und uns einen Auftrag in dieser Welt gibt und uns seine Hilfe zusagt. Und wenn wir über den Gebetskalender voneinander wissen und füreinander beten, festigt das unsere Gemeinschaft.

So hoffe ich ganz stark, dass für das geistliche Zusammenwachsen innerhalb dieser großen und weiten Landeskirche das Gebet eine ganz entscheidende Kraft wird. Die äußere Ordnung, gleiche Strukturen und Gesetze, sind auch wichtig, aber das Gebet ist die geistliche Ordnung für unser Leben.

Gebet ist für Sie demnach ein ganz zentraler Punkt?
Junkermann:
Unbedingt, jeder Tag beginnt damit. Ich habe einen persönlichen Gebetskalender mit besonderen Anliegen für jeden Tag. Ich bete beispielsweise für alle neu ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer ein Jahr lang jede Woche. In meine Gebete schließe ich beispielsweise unsere Partnerkirchen und weitere kirchliche Anliegen ein. Das hilft. Das Gebet braucht eine gewisse Disziplin, aber es braucht auch Freiheit. Besonders gerne bete ich im Auto, da kann mich niemand stören und ich sehe die weite Welt und kann meinen Blick zum Himmel wandern lassen, da ich glücklicherweise meistens nicht selber fahren muss.

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

In den letzten Monaten sind viele Flüchtlinge zu uns gekommen. Sind wir als Kirche gerüstet? Wie können wir den Menschen begegnen?
Junkermann:
Ich denke, dass niemand wirklich dafür gerüstet ist. Dass es so viele sind, führt uns vor Augen, was wir in unserem Alltag ausgeblendet haben. Gott legt uns die Not vor die Füße in der kleiner gewordenen Welt. Die große Willkommenskultur, über die sich jetzt manche schon abfällig äußern oder mit großen Bedenken, ob es nicht zuviel ist, zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Menschen haben aber auch Ängste. Und dann gibt es eine Minderheit, die sich diese Ängste und die Unsicherheit zunutze machen will. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Kirche im Vertrauen, dass Gott uns Ängste nimmt und die nötigen Kräfte gibt, beherzt handeln. Wir sollten Jesus ernst nehmen, der sagt, dass er uns in den Fremden selbst begegnet. Es sind nach wie vor genügend Lebensmittel für alle Menschen auf der Erde da, sie sind in der Welt, aber auch in unserem Land schreiend ungleich verteilt. Und wenn die Armen vor unserer Tür liegen, wie es im Gleichnis vom armen Lazarus der Fall ist, dann sind wir gefragt, ob wir jetzt helfen.

Das ist zunächst die tätige Nächstenliebe, die selbstverständlich die Aufgabe von Kirche und Diakonie ist und zu der wir gerufen sind.

Es gibt Forderungen von außen, die Kirche möge ihre Häuser für Flüchtlinge öffnen.
Junkermann:
Dort, wo es möglich ist Menschen aufzunehmen, haben wir das angeboten. Allerdings ist es so, dass wir die Kapazitäten, die benötigt werden, nicht in der erforderlichen Größe zur Verfügung stellen können. Ich weiß aber, dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Häuser und Wohnungen öffnen, um Menschen zu beherbergen. Wir haben die Räume im Bischofshaus in der Hegelstraße in Magdeburg angeboten, da laufen die Verhandlungen. Und ich freue mich, Flüchtlinge als Nachbarn zu bekommen neben mir und über mir. Auf der anderen Seite werden viele Gemeinderäume als Orte der Begegnung und Kommunikation genutzt, um sich auf Augenhöhe als Mitmenschen zu begegnen. Dort können Flüchtlinge und Einheimische hinkommen, sich austauschen, Rat und Hilfe suchen.

Was halten Sie von der Vermittlung unserer christlichen Werte, Stichwort: Flüchtlingsmission?
Junkermann:
Mission ist unser Auftrag immer, der Grundauftrag Jesu: Tragt das Evangelium in die Welt. Allerdings stellt sich die Frage, welche Form angemessen ist. Von Carl Friedrich von Weizsäcker stammt das Zitat, das es meines Erachtens auf den Punkt bringt: Sprich nie über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst. Und wenn du gefragt wirst, dann sei auch sprachfähig, dann wisse, was du zu sagen hast.

Das inszenierte Chaos

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ungarn: Das Problem der Flüchtlinge spaltet das Land – Regierung und katholische Kirche zeigen Härte, Lutheraner helfen

Ginge es nach Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán und einigen katholischen Klerikern, dürften wohl überhaupt keine muslimischen Flüchtlinge nach Europa einreisen. Doch es gibt auch das andere Ungarn.

Der Herbst ist auch in der ungarischen Hauptstadt angekommen, und am Ostbahnhof spielen sich seit Wochen chaotische Szenen ab. Auf gespendeten Decken schlafen Hunderte, manchmal Tausende Menschen, tagelang müssen sie hier ausharren – und auf eine baldige Weiterreise hoffen. In den Hallen und Unterführungen räumen die ehrenamtlichen Ungarn von der Hilfsinitiative »Migration Aid« zusammen mit den Asylsuchenden jeden Morgen auf und entsorgen den Müll.

Gestrandet: Neben vielen kleinen privaten Hilfsorganisationen kümmern sich vor allem auch Ungarns Lutheraner um die Flüchtlinge – während sich katholische Würdenträger dagegen aussprechen. Fotos: László Mudra

Gestrandet: Neben vielen kleinen privaten Hilfsorganisationen kümmern sich vor allem auch Ungarns Lutheraner um die Flüchtlinge – während sich katholische Würdenträger dagegen aussprechen. Fotos: László Mudra

Mal fahren die Züge in Richtung Westen, mal wird der ganze Verkehr bis auf Weiteres eingestellt. Mal dürfen die Flüchtlinge in die Wagen einsteigen, mal sperrt die Polizei alle Eingänge ab. Die ungarische Regierung gibt Deutschland und der »linken« EU die Schuld für die Krise und möchte selber gar keine Asylsuchenden aufnehmen. Menschenwürdige Bedingungen zu schaffen kommt für Viktor Orbáns »Christdemokraten« nicht in Frage. Stattdessen verschärften sie vor Kurzem die Gesetze so, dass bald alle Angereisten dauerhaft inhaftiert werden können.

Flüchtlinge fühlen sich den Behörden ausgeliefert

In den vergangenen Wochen protestierten viele Asylsuchende, vor allem Flüchtlinge des syrischen Bürgerkrieges am Budapester Ostbahnhof (Keleti), weil sie auch mit gültigen Fahrkarten nach München oder Zürich nicht weiterreisen konnten. Immer wieder machen sich Menschen zu Fuß auf den Weg nach Österreich, nachdem die Polizei versuchte, den Asylsuchenden eine Falle zu stellen: Die angekündigten Züge nach Westen wurden Wochen umgeleitet, die Beamten rissen unter Anwendung von Gewalt Menschen aus den Wagen, um sie ins Aufnahmelager in Bicske zu bringen. Schließlich beschloss das Kabinett nach Absprache mit den österreichischen und deutschen Kollegen, den Flüchtlingen Busse zur Verfügung zu stellen und auf die Registrierung zu verzichten. So erreichten rund 20 000 erst Wien, dann München.

In den an den Bahnhöfen oder nahe der serbischen Grenze eingerichteten »Transitzonen« läuft die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln nur, weil viele kleine Initiativen vor allem junger Ungarn sich auf ehrenamtliche Basis darum kümmern. Ein Hilfsangebot des UN-Kommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) lehnte die Regierung ab. Auch die meisten christlichen Hilfsorganisationen glänzen durch Abwesenheit: Das Flüchtlingsthema spaltet die historischen Kirchen Ungarns. Kardinal Péter Erdö, der katholische Erzbischof von Budapest und Esztergom, erklärte etwa, die Kirchen seien »nicht befugt«, den Flüchtlingen Unterkünfte anzubieten. Man dürfe sich nicht zum Schleuser machen, so der wichtigste Geistliche im Lande.

Ungarns Lutheraner helfen mit Kleidung und Essen

Ganz anders ist die Position der Evangelisch-Lutherischen Kirche Ungarns (ELKU), die sich seit Wochen zusammen mit den säkularen Hilfsinitiativen aktiv für die Flüchtlinge engagiert. Sie ist eine der Partnerkirchen des Gustav-Adolf-Werkes. Angesichts des Einbruchs der Kälte werden in den Gemeinden Kleider, Schlafsäcke, Matratzen und Decken gesammelt. Für eine bessere Koordination der Arbeit der ehrenamtlichen Helfer entwickelte die Evangelisch-Lutherische Diakonie auch ein Computerprogramm. Darüber hinaus bringt die ELKU täglich 150 Portionen warmes Essen für die am Ostbahnhof gestrandeten Asylsuchenden. »In Ungarn spüren wir besonders, wie groß die Spannung ist«, sagt der für die Diakonie zuständige Bischof Tamás Fabiny. »Vonseiten unserer Kirche tun wir alles im Interesse der Verwirklichung der gegenseitigen Annahme, der Würde und Liebe anstelle von Vorurteilen und Hass«, versichert Fabiny im Namen der Kirchenleitung.

Verdacht: Das Chaos ist politisch gewollt

Währenddessen verfolgen Viktor Orbán und seine regierende Fidesz-Partei ihren harten Kurs weiter. So muss man sich fragen, ob die teilweise chaotischen Zustände der letzten Tage nur das Ergebnis von Inkompetenz oder Überforderung sind? Wenig spricht dafür. Ungarn verfügt – anders als etwa die Balkanländer – über einen Verwaltungsapparat, der grundsätzlich in der Lage ist, komplexe Aufgaben zu bewältigen. Es muss wohl vielmehr davon ausgegangen werden, dass das chaotische Management der Situation größtenteils beabsichtigt ist.

Das Thema »illegale Einwanderung« erwies sich für Regierungschef Orbán als Chance, seine wegen der schlechten Wirtschaftslage und der zahlreichen Korruptionsskandale sinkende Popularität wieder einmal zu steigern, indem er sich als Retter des Volks präsentiert. Die jüngsten Umfragen bestätigen die Effizienz dieser Taktik.

Silviu Mihai

Grenzen der Nächstenliebe?

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Der Ansturm auf Europa und vor allem Deutschland fordert das »christliche Abendland« heraus

Mehr als 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland um Asyl bitten, vielleicht auch noch mehr. Gibt es ein Zuviel an Zuwanderung? Die Kirche muss Antworten finden.

Wenn es eine menschliche Welle gibt in Deutschland, dann ist es eine Welle des guten Willens. Flüchtlingshelfer arbeiten, um Abertausende Flüchtlinge aufzunehmen. Ehrenamtliche, Beamte, Christen und Nicht-Christen. Bis zur Erschöpfung. Gibt es eine Grenze?

Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU), Protestant aus Sachsen, hat sie unlängst so definiert: Das Grundrecht auf Asyl habe keine Obergrenze – aber 800 000 Flüchtlinge pro Jahr wie derzeit »sind auf Dauer zu viel« für Deutschland. Am Wochenende hat er wieder Kontrollen an Deutschlands Grenzen eingeführt. Auch de Mazières früherer Landesbischof, der Ende August aus dem Amt geschiedene Jochen Bohl, mahnte eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern aus Syrien und den Balkanländern an: »Einwanderung ist etwas anderes als Flucht.« Die Probleme in Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Große Koalition sieht das ähnlich wie die EU. Die grüne und linke Opposition ist mehr oder weniger dagegen. An realen und virtuellen Stammtischen wird heftig gestritten.
Es gibt nur die Wahl zwischen einem großen Übel und einem noch größeren: Notleidende abzuweisen, um noch Notleidendere aufnehmen zu können. Zwischen Schuld und größerer Schuld. Denn die Fakten sind: Auch ohne Krieg ist das Elend groß auf dem Balkan oder in Afrika. Die Staatswesen im Kosovo, in Albanien und Montenegro sind von Korruption und organisierter Kriminalität verseucht, Minderheiten wie die Roma werden diskriminiert. Fast die Hälfte der Kosovaren lebt nach UN-Angaben von weniger als 1,42 Euro am Tag, schätzungsweise 70 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeit und Perspektive. Kein Grund, das Weite zu suchen?

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

»Ich finde die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen problematisch«, sagt Ulf Liedke, Ethik-Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Hinter dem Reden von Grenzen der Aufnahmebereitschaft in Deutschland steht ganz häufig die Angst vor Einschränkungen und das Gefühl, zu kurz zu kommen. Objektiv verdient wegen der Flüchtlinge niemand weniger – die Ressourcen für ihre Aufnahme stehen unserem reichen Land zur Verfügung.«

Doch schon bringt ein Finanzexperte des renommierten Ifo-Instituts die Rücknahme der Rente mit 63 ins Gespräch, um die Milliardenkosten für Flüchtlinge zu bezahlen. Es wäre ein erster Test, wie teuer vielen ihre Nächstenliebe ist. Doch da gibt es noch die andere Rechnung: Wie viel Gewinn Flüchtlinge für Deutschland sein könnten. Menschlich – aber auch in der Wirtschaft. So wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädiert der Berliner Bischof Markus Dröge für ein Einwanderungsgesetz: »Auch wer politisch nicht verfolgt ist, muss eine faire Chance haben, einwandern zu können«, sagte Dröge auf einer Friedenskonferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Gibt es ein Zuviel? Was es mit Sicherheit gibt, ist ein Zuviel an Ungerechtigkeit weltweit – viel Armut dort, viel Reichtum hier. Beides oft unverdient. Und mitunter hängt beides zusammen. Gibt es auch ein Zuviel an Nächstenliebe?

Heinrich Bedford-Strohm machte sich gemeinsam mit Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie-Katastrophenhilfe, am Montag in Ungarn und Serbien selbst ein Bild der dortigen Lage. Abschottung, egal ob in Ungarn oder in Deutschland, halten beide für das falsche Mittel in der Flüchtlingspolitik. Grenzkontrollen dürften nur eine Notmaßnahme, eine Atempause in einer Krisensituation sein, mahnt Bedford-Strohm. »Aber es kann nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht, mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen.« Das Selbstverständnis der EU würde mit Füßen getreten, wenn sich Europa wie eine Festung gegenüber anderen abschottet. »Wer verzweifelt ist, findet seinen Weg. Wenn man in Ungarn diesen Zaun baut, dann werden die Menschen sich andere Routen nach Europa suchen.«

»Wir haben kein harmloses Evangelium, das uns nur in dem bestärkt, was wir sind. Die Liebe Gottes fließt zu uns und muss aus uns weiterfließen«, sagt der Dresdner Ethik-Professor Ulf Liedke – und er sieht, wie es im tausendfachen Engagement geschieht. »Aber manchmal erlebe ich uns so wie die Jünger in Jesu Heilungsgeschichten, wenn einer am Wegesrand um Erbarmen ruft – und sie zu ihm sagten: Bleib still!«

Andreas Roth

Der Samariter mit den Bonbons

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Wie Fabian Groh innerhalb von 48 Stunden zum Seelsorger für Flüchtlinge in Budapest und Saalfeld wurde

Die Bilder von den Flüchtlingen haben ihn nicht mehr losgelassen. Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz will helfen, nicht nur reden. Spontan packt er Wasser, Brot, Plüschtiere und Süßigkeiten in sein Auto und fährt los – ohne Navi, ohne Landkarte. Sein Ziel ist der Ostbahnhof in Budapest. Dort, wo viele Hundert Menschen aus Syrien, Pakistan und anderen Ländern ausharren. Über seine Eindrücke sprach er mit Willi Wild.

Warum sind sie spontan nach Budapest gefahren?
Groh:
Ich hielt das für notwendig. Die Handlungsanweisung dazu finde ich in der Bibel, mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder Matthäus 25, Vers 40: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Wenn wir als Kirche weitermachen wie bisher und die halb toten Leute vor unserer Tür liegen lassen, dann werden wir dem Herrn nicht gerecht. Ich bin losgefahren und habe mich in Budapest durchgefragt zum Ostbahnhof, zur Keleti-Station. Und bin dort einfach hingegangen.

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Was haben Sie vor Ort erlebt?
Groh:
Tausende Menschen lagen und lagerten im Bahnhof auf der Erde, bedroht von Hooligans, geschützt von der Polizei. Ich traf auf Familien mit Kindern, aber auch alte und kranke Menschen. Einige hatten mich gebeten, sie doch nach Deutschland mitzunehmen. Der alte Mann mit Katheter, der neben seinem Rollstuhl auf der Erde lag, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Diese verzweifelte Situation ging mir so zu Herzen, dass ich still stehen blieb und gebetet habe.

Konnten Sie den Menschen helfen?
Groh:
Allein, dass ich da war, die Not gesehen habe, hat den Menschen geholfen. Ich habe zugehört, von meinen Hoffnungen erzählt. Nahrungsmittel und Getränke, die ich mitgebracht hatte, habe ich verteilt. Eine kleine »Schatzkiste« hatte ich ebenfalls eingepackt. Darin waren Bonbons, die ich sonst an Kinder im Gottesdienst verteile. Die Kiste habe ich aufgemacht. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen konnten sich Bonbons nehmen. Das Wichtigste war, einfach nur da zu sein, um den Menschen zu zeigen, ihr seid nicht allein und ihr seid willkommen.

In der Nacht sind sie dann wieder zurückgefahren?
Groh:
Das war nicht abzusehen. Nach Mitternacht kamen Busse an. Sie sollten die Flüchtlinge an die österreichische Grenze bringen. Keine Ansage, kein Offizieller. Wir wenigen Freiwilligen haben auf Zuruf denen, die uns verstanden, die Informationen weitergesagt. Einige waren gerade erst eingeschlafen. Mir wurde die Aufgabe zuteil, dafür zu sorgen, dass alle geweckt werden. Das ging auf Zuruf. Eine mir fremde Frau sprach mich an und bat mich zu helfen. Die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die meisten aus Syrien, aber auch aus Pakistan, und anderswo, strömten in Richtung der Busse. Nachdem die vielen Menschen den Bahnhof verlassen hatten, habe ich mich auch auf den Weg gemacht. Am nächsten Tag sollte ich schließlich in Thüringen eine Trauung halten.

Sie wurden von den Ereignissen eingeholt. Ein Zug mit 500 Flüchtlingen war auf dem Weg nach Saalfeld. Wie haben Sie reagiert?
Groh:
Im Autoradio habe ich davon gehört. Obwohl ich müde war, wollte ich doch in Saalfeld dabei sein, in der Hoffnung, Menschen vom Budapester Ostbahnhof wiederzuerkennen. Es war überwältigend am Saalfelder Bahnhof. Da kamen all die Menschen vom Keleti-Bahnhof auf mich zu: der alte Mann im Rollstuhl mit seiner Familie, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Wie am Vorabend in Budapest habe ich ihnen Bonbons aus meiner Schatzkiste gereicht, jetzt in Deutschland. Das hätten wir am Vorabend nicht zu träumen gewagt. Einige haben mich gleich umarmt, und voller Freude haben wir uns in die Augen geschaut.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Groh:
Neben dem Dienst in den Gemeinden und der Situation hier vor Ort, gilt mein Engagement den Menschen, die noch weiter südlich von Ungarn unterwegs sind. Ich denke, wir haben als Kirche den Auftrag, uns um diese Menschen zu kümmern. Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, diese Leute vor der Südgrenze Ungarns zu empfangen. Die Bundeskanzlerin habe ich aufgefordert, das Botschaftspersonal in den europäischen Staaten zu erhöhen, sodass Menschen dort über die Botschaft legal nach Deutschland einreisen können.

Wir brauchen legale Zuwanderungswege nach Deutschland. Es geht nicht, dass wir die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir brauchen legale Fähren, Sonderzüge an den syrischen Grenzen.

Auch unsere Landesbischöfin Ilse Junkermann habe ich gebeten, auf die Deutsche Katholische Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuzugehen mit diesem Thema. Die christlichen Kirchen haben die Aufgabe, sich für die Flüchtlinge bei der Bundesregierung stark zu machen.

Was ist Ihre Motivation?
Groh:
Schlicht und einfach fühle ich mich als Christ dazu berufen. Das hat auch viel mit meiner Biografie zu tun. Ich bin durch verschiedene Lebenssituationen so geprägt und will Menschen in Not nicht allein lassen. Das ist ein Grund, warum ich Pfarrer bin. Dem Landkreis Saale-Orla habe ich angeboten, in meiner Dienstwohnung Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben ein leer stehendes Gästezimmer und bewohnen zu viert 140 Quadratmeter. im Pfarrhaus. Das ist viel zu viel für uns. Da ist durchaus noch Platz, beispielsweise für eine Mutter mit Kindern.

Eduard lernt schwimmen

31. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Im thüringischen Tabarz zeigt sich, wie eine lebendige Willkommenskultur für Asylbewerber aussehen kann

Neun Familien aus dem Balkanraum leben derzeit als Asylbewerber in Tabarz. Ein ehrenamtlicher Arbeitskreis kümmert sich um die Belange der häufig als »Wirtschaftsflüchtlinge« diskriminierten Menschen. Und macht die Erfahrung, dass der Einzelfall dann oft gar nicht so eindeutig ist.

Eduard lernt schwimmen. Er kommt aus dem Kosovo, ist acht Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit November letzten Jahres in Tabarz. Unter seinen langen Wimpern schaut er ein wenig schüchtern, als er um acht Uhr morgens im Schwimmbad Friedrichroda ankommt. Er wirkt zaghaft, ganz anders als sein großer Bruder Shemai (11), der ihn an diesem Tag zum Schwimmkurs begleitet und mutig einen Kopfsprung wie aus dem Lehrbuch vom 3-Meter-Brett zum Besten gibt.

Doch heute traut sich auch Eduard: Nach einer Woche Schwimmkurs hüpft er erstmals beherzt vom Rand ins Becken, wo ihn Schwimmmeister Peter Liebau mit offenen Armen erwartet und für seinen Mut lobt: »Toll, Eduard!« Auch sein Bruder und Hanfried Victor vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz«, der ihn jeden Morgen zum Kurs bringt, jubeln. Dann geht es auf die Bahn. Geduldig korrigiert Peter Liebau die Beinarbeit seines Schützlings und ist zuversichtlich, dass Eduard schon bald ohne Hilfsmittel schwimmen wird.

Ein Arbeitskreis koordiniert die Hilfe für Flüchtlinge

Dass Eduard schwimmen lernen kann, noch dazu an diesem geschichtsträchtigen Ort – 1936 und 1940 trainierte in der heute denkmalgeschützten Anlage die deutsche Olympiamannschaft – hat er vielen Menschen zu verdanken: Dem Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« mit Pfarrer i.R. Hanfried Victor und der engagierten Schulleiterin Sabine Geißler an der Spitze, der Gemeindeverwaltung und natürlich Schwimmmeister Liebau, der in seinen 37 Berufsjahren schon etlichen Menschen das nasse Element vertraut gemacht hat und der sich mit Eduard trotz sprachlicher Verständigungsschwierigkeiten bestens zu verstehen scheint.

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Fotos: Adrienne Uebbing

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Foto: Adrienne Uebbing

Im November 2014 kamen die ersten Familien aus den Balkanstaaten nach Tabarz. »Im Ort wusste keiner Bescheid und es existierte Hilflosigkeit auf allen Seiten«, so Hanfried Victor. Es gab spontane, oft noch unkoordinierte Hilfsaktionen, aber auch kritische Stimmen im Ort: Sowohl zu den Flüchtlingen als auch zur Situation und durchaus auch »über manchen, der sich engagiert«. Vor diesem Hintergrund kam es zur Gründung des Arbeitskreises »Asyl in Tabarz« mit dem erklärten Ziel, die diversen Hilfsaktionen zu bündeln, den Asylbewerbern bei der Bewältigung und Gestaltung des Alltags, bei der Beschaffung beispielsweise von Möbeln oder Kleidung zu helfen sowie Patenschaften für die Familien zu übernehmen, kurzum: Willkommenskultur zu üben und zu pflegen.

Eine Kleiderkammer, die allen Bürgern offensteht

Zurzeit leben neun Familien – 18 Erwachsene und 21 Kinder, bzw. Jugendliche – aus Serbien, Albanien und dem Kosovo in Tabarz. Je nach Familiengröße belegen sie eine Wohnung allein oder zwei Kleinfamilien teilen sich eine Bleibe. Die Tabarzer Wohnungsgesellschaft stellte dem Arbeitskreis im Wohnblock der Asylbewerber zwei Wohnungen kostenlos zur Verfügung, in denen unter anderen eine Kleiderkammer eingerichtet wurde, die übrigens allen bedürftigen Tabarzern offensteht.

Inzwischen gehören rund 25 Tabarzer Bürgerinnen und Bürger zum Arbeitskreis – die Kirchengemeinde ist durch den Pfarrer, einen Kirchenältesten und Gemeindeglieder vertreten, die Kommune durch den Bürgermeister und eine Mitarbeiterin des Rathauses. Auch der Sozialausschuss ist involviert. Die monatlichen Treffen dienen dem Erfahrungsaustausch, der Fortbildung und der Vorbereitung von Aktivitäten. Man stimmt sich mit vergleichbaren Arbeitskreisen der benachbarten Orte Friedrichroda und Waltershausen, mit dem Ausländerbeauftragten des Freistaates Thüringen sowie dem für alle Asylfragen zuständigen Zweiten Beigeordneten des Landkreises ab.

Zusätzlich gibt es noch einen Freundeskreis, der im Bedarfsfall für Einzelaktionen ansprechbar ist. In den monatlich erscheinenden Rathausinformationen und der Informationsbroschüre der Gemeinde berichtet der Arbeitskreis regelmäßig über aktuelle Entwicklungen.

Mit Transparenz gegen Gerüchte und Vorurteile

Solche Transparenz wirkt dem Entstehen von Gerüchten entgegen und baut Vorurteile ab. Das gemeinsame Engagement zeigt Wirkung und hat ganz wesentlich zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. »Es gibt im Ort kaum mehr laute Stimmen gegen die Asylbewerber«, konstatiert Victor.

Auch zwischen den meisten Flüchtlingsfamilien hat sich ein gutes Miteinander etabliert: Ob beim Aufräumen rings um den Wohnblock, bei der – von drei Rentnern aus Tabarz unterstützten – Anlage eines »interkulturellen Blumenbeets« oder beim Straßenfest zum Ende des Ramadan.

Dank langfristiger ehrenamtlicher Unterstützung kann regelmäßiger Deutschunterricht für die Erwachsenen angeboten werden. Leider, so bemängelt Schulleiterin Sabine Geißler, gibt es derzeit und laut zuständigem Schulamt auch auf absehbare Zeit trotz der wachsenden Anzahl von ausländischen Kindern und Jugendlichen keine DaZ- (Deutsch als Zweitsprache) Lehrkraft für ihre Schule. Die Pädagogin hat kurzerhand die Unterrichtung der ausländischen Schüler selbst übernommen: »Man muss doch etwas tun!«

Über Eduard und seiner Familie hängt das Damoklesschwert der Abschiebung. Immer nur für einen Monat wird ihr Bleiberecht verlängert. Weil Vater Muhamet (42) im Kosovokrieg für die NATO als Dolmetscher für Englisch, Spanisch und Serbisch gearbeitet hat, galt er danach in seinem Heimatland als »Verräter«, wurde seines Hauses beraubt und bekam seit 1999 keine Arbeit. Die Familie fand seither nur Unterschlupf auf Zeit bei diversen Verwandten. 2014 kamen sie nach Deutschland und haben Asylantrag gestellt. Auch wenn Muhamet bisher nur wenig Deutsch spricht, ist er aufgrund seines sozialen Engagements und seiner Englisch-, Albanisch- und Serbischkenntnisse ein ganz wichtiger Ansprechpartner für die Belange der Flüchtlinge, und – unterstützt durch seinen schon fließend Deutsch sprechenden Sohn Shemai – für den Arbeitskreis eine enorme Hilfe.

»Sichere Herkunftsländer« sind nicht für jeden sicher

Die Chance, in Deutschland bleiben zu können, ist für Flüchtlinge vom Balkan sehr gering. In der aktuellen Diskussion werden sie zumeist als Wirtschaftsflüchtlinge abgestempelt. Solche pauschalen Urteile, die – so gestehen Hanfried Victor und Sabine Geißler freimütig ein, im ein oder anderen Fall tatsächlich zutreffen mögen – laufen an der Realität vorbei. Immer gibt es das Einzelschicksal, das es zu berücksichtigen gilt. Trotzdem, darin sind sich die beiden einig, müssen die Asylanträge deutlich schneller als bisher bearbeitet und die Entscheidung dann auch konsequent umgesetzt werden. Die Ungewissheit jedenfalls sei weder für die Betroffenen selbst noch für die Gesellschaft förderlich.

Wann endgültig über den Antrag von Eduards Familie entschieden wird, ist nicht absehbar. Der Kleine jedenfalls freut sich schon auf das neue Schuljahr. Mathe und Werken mag er besonders.

Adrienne Uebbing


Die Kindernachrichtensendung »logo!« des ZDF plant für diesen Sonnabend, 29. August, um 11 Uhr einen Beitrag zur Flüchtlingsarbeit in Tabarz.

Schwimmendes Auge

29. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Initiative: Ein privater Kutter soll zwischen Malta und Libyen patrouillieren und Flüchtlingen in Seenot helfen


Den Mauerfall 1989 in Berlin bejubeln und gleichzeitig Mauern an den EU-Außengrenzen hochziehen und den Tod von Flüchtlingen in Kauf nehmen – das ging für vier Familien aus Brandenburg nicht länger zusammen. Mit einem Kutter wollen sie nun selbst helfen.

Bei den Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November dachte Harald Höppner plötzlich: »Das ist doch verkehrte Welt.« Zu feiern, dass die deutsche Grenze weg ist und gleichzeitig eine Mauer um Europa zu bauen. Die Menschen, die aus dem Osten in den Westen abgehauen waren, als Helden zu würdigen, und Mittelmeerflüchtlinge aus Afrika als illegal abzulehnen. Das brachte den 41-Jährigen aus dem brandenburgischen Landkreis Barnim, der selbst in der DDR aufgewachsen ist, zum Grübeln: »Wenn ich älter gewesen wäre, wäre ich vielleicht auch durch die Ostsee geschwommen.«

Mit Freunden diskutierte Höppner am Küchentisch darüber, wie sie helfen könnten, damit nicht weiter Tausende Mittelmeerflüchtlinge ertrinken würden. Rasch war die Idee geboren: »Wir brauchen ein Schiff, um dorthin zu fahren.« Schon wenige Wochen später gab es dieses private Schiff, das auf die Initiative von vier brandenburgischen Familien zurückgeht, tatsächlich.

»Wenn ich älter gewesen wäre, wäre ich vielleicht auch durch die Ostsee geschwommen«, sagt der in der DDR aufgewachsene Harald Höppner. Mit seinem Kutter »See Watch« will er nun im Mittelmeer helfen, Flüchtlinge zu retten. – Foto: epd-bild

»Wenn ich älter gewesen wäre, wäre ich vielleicht auch durch die Ostsee geschwommen«, sagt der in der DDR aufgewachsene Harald Höppner. Mit seinem Kutter »See Watch« will er nun im Mittelmeer helfen, Flüchtlinge zu retten. – Foto: epd-bild

Die 21 Meter lange und fünf Meter breite »Sea Watch« ist ein fast 100 Jahre alter Fischkutter, der im Januar aus den Niederlanden nach Hamburg-Harburg gebracht wurde und dort hochseetüchtig gemacht wurde. Am 19. April, einen Tag nach der jüngsten Flüchtlingskatastrophe ist das Schiff in Hamburg ausgelaufen, ab Mai wird es im Mittelmeer zwischen Malta und der Küste Libyens kreuzen. Dort liegen die Hauptrouten der Bootsflüchtlinge.

Die »Sea Watch« kostete »so viel wie ein Oberklassewagen«, sagt Projektleiter Höppner. Ähnlich viel Geld wurde in den Umbau gesteckt, ausgerüstet wurde der Kutter zum Beispiel mit Satellitentechnik für stabiles Internet und Funk. Aus dem Mehrfamilienprojekt wurde inzwischen eine Bewegung mit rund 100 Unterstützern. Seit den ersten Presseberichten hängt Höppner nur noch am Handy. Seine kleine Firma muss seitdem vor allem seine Frau führen.

Flüchtlinge aufnehmen will das Schiff indes nicht. Die Organisatoren sehen den Kutter als »schwimmendes Auge auf See«: Sie wollen Patrouille fahren, und wenn sie Menschen im Wasser entdecken, einen Notruf absetzen. Dann sind die offiziellen Rettungsbehörden verpflichtet, zu kommen.

Das Engagement der »Sea Watch« ist Aus Sicht der Initiatoren legal: »Es gibt mehrere Tausend Jachten im Mittelmeer, die von A nach B fahren. Genau das machen wir auch«, sagt Höppner. Eine enge Zusammenarbeit mit der Initiative »Watch the Med« ist vereinbart, um die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Alle Aktionen wird die »Sea Watch«-Crew dokumentieren, zudem soll es fortlaufend mediale Berichterstattung geben. Ferner kann die »Sea Watch« Ersthilfe leisten: An Bord sind Rettungsinseln und Schwimmwesten für 300 bis 400 Menschen, Wasser und Lebensmittel. Das Projekt ist mit Blick auf die privaten und freiwilligen Ressourcen zunächst auf drei Monate angelegt, Höppner selbst wird einen Monat lang Teil der Crew sein.

Ende Oktober war die großräumige Operation »Mare Nostrum« der italienischen Marine und Küstenwache, die mehr als 100 000 Flüchtlinge rettete, beendet worden. Seit November gibt es stattdessen den wesentlich kleineren »Triton«-Einsatz der EU-Grenzschutzbehörde Frontex. Der Fokus der Operation Triton liegt jedoch nicht auf der Rettung von Flüchtlingen, sondern der Sicherung der EU-Außengrenze vor illegaler Einwanderung. Hilfsorganisationen kritisierten wiederholt, dass dadurch die Zahl der Mittelmeertoten wieder steigen werde.

Wenn sie es beim Erfolg der Mission nach drei Monaten nicht schafften, »Leute zu motivieren, das weiterlaufen zu lassen, dann verliere ich mein Vertrauen in die Gesellschaft«, sagt Höppner. Ein größeres Ziel sei die Wiedereinführung einer Operation wie »Mare Nostrum«, auf jeden Fall aber »eine bessere Flüchtlingspolitik«. Der Beitrag der »Sea Watch« könne nur ein kleiner sein, um vielleicht die Zahl der Opfer leicht zu reduzieren.

Angst hat der dreifache Familienvater nicht. Und einschätzen kann er auch, was ihn auf hoher See Dramatisches erwarten könnte: »Wir alle kennen die Bilder ja aus dem Fernsehen.«

Nadine Emmerich (epd)

www.sea-watch.org

Gestrandet auf Malta

22. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: In der Hauptstadt Valletta bietet die deutschsprachige Andreasgemeinde Hilfe

Für Paulus war Malta einst Zufluchtsort. Die evangelische Andreasgemeinde in der Hauptstadt Valletta sieht sich in der Tradition des Apostels stehen und bietet Flüchtlingen Hilfe an. Doch das Warten hat damit für sie kein Ende.

Zu Malta gehört der heilige Paulus als Schutzpatron. In der Apostelgeschichte heißt es, dass Paulus und einige andere Gefangene mit einem Schiff von Palästina nach Rom unterwegs waren. Hinter Kreta gerieten sie in einen schweren Sturm und trieben zwei Wochen lang steuerlos im Wasser, bevor das Schiff in einer kleinen Bucht strandete – der Insel Malta. Drei Monate soll der Apostel nach diesem Schiffbruch im Jahr 60 nach Christus auf der kleinen Mittelmeerinsel verbracht und in dieser Zeit dort den christlichen Glauben verbreitet haben. Die Malteser sind stolz, vom heiligen Paulus selbst christianisiert worden zu sein. Doch heute ist die nur 316 Quadratkilometer große Insel mit beschränkten wirtschaftlichen Ressourcen für die vielen neu ankommenden Flüchtlinge vor allem aus Afrika einfach zu klein geworden. Das schafft Konflikte.

Dieter Paul vor einem Bild mit dem Apostel Paulus. Foto: privat

Dieter Paul vor einem Bild mit dem Apostel Paulus. Foto: privat

Neuankömmlinge waren irgendwann einmal auch die rund 70 Mitglieder der deutschsprachigen evangelischen Andreasgemeinde in der Hauptstadt Valletta. Es sind Frauen, die die Liebe nach Malta verschlug, Firmenleute und Pensionäre, die die Sonne lieben. Auch sie sehen sich dabei in der Tradition von Paulus, für den Malta damals ein Zufluchtsort war. Deshalb engagieren sie sich für Flüchtlinge, die auf abenteuerlichen Schiffswegen von der afrikanischen Küste kommen. Sie finden bei den Gemeindemitgliedern rund um Pfarrer Dieter Paul Unterstützung, denn ihr Wunsch in Europa Freiheit und Arbeit zu finden strandet oft auf Malta, das im Verhältnis zu seiner geringen Einwohnerzahl von rund 400 000 die meisten Flüchtlinge in Europa aufnimmt.

Die Hilfe der Andreasgemeinde kennt dabei viele Beispiele. Als 2011 feststand, dass 150 Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten in Syrien nach Deutschland dürfen, kümmerte sie sich um einen Schnellkurs Deutsch. Einem anerkannten Flüchtling aus Eritrea wurde finanziell ermöglicht, dass seine Familie nachkommen kann und mit der Aktion »Help the Children of Hal Far« werden Transportkosten für Kinder aus einem Flüchtlingslager übernommen, die einige unbeschwerte Urlaubstage auf der zu Malta gehörenden Insel Gozo verbringen können. Die Gemeinde beteiligt sich an einem »microfinance fonds«, der Darlehen für Existenzgründungen und Ausbildung vergibt. Sie tut das in guter ökumenischer Gemeinschaft mit der benachbarten Schottischen Kirche, den Presbyterianern, aber auch mit der deutschsprachigen katholischen Gemeinde St. Barbara und dem Flüchtlingshilfswerk der Jesuiten.

Wie wichtig hier Ökumene ist, sei besonders nach der Katastrophe im Oktober 2013 vor der benachbarten Insel Lampedusa deutlich geworden, wo rund 400 Menschen starben, sagt Dieter Paul. Damals gab es einen Gottesdienst mit Vertretern aller Religionen. »Wir sind wie der Fisch im Wasser, zwar klein, aber sehr rege«, vergleicht der Pfarrer im Ruhestand, der seit 2013 der Andreasgemeinde vorsteht. Man versuche, soziale Lücken zu füllen. Dem ehemaligen Mitglied der Berliner Härtefallkommission für Flüchtlinge war dabei die Migrationsproblematik schon vor seinem Dienst in Malta gut vertraut.

Hier muss sich Dieter Paul allerdings auch damit auseinandersetzen, dass Flüchtlinge bei der Bevölkerung wenig willkommen sind. Einfach zu klein sei ihre Insel, sagen die Leute. Das spiegelt sich in der offiziellen Regierungspolitik wider. Bis zu 18 Monate müssen Asylsuchende in Spezialgefängnissen verbringen. Dann werden sie in sogenannte offene Zentren verlegt, wo sie in der Regel zwei weitere Jahre warten bis über ihren Aufenthaltsstatus in der Europäischen Union entschieden wird. Die Praxis der Unterbringung in Spezialgefängnissen soll sich nach massiven Interventionen auch der Kirchen zwar demnächst ändern, aber die Hoffnungslosigkeit der rund 8000 Flüchtlinge auf Malta wird das nicht wesentlich beeinflussen. Viele bekommen nach Prüfung ihres Antrages lediglich eine Duldung, weil die Abschiebung zum Beispiel in ein Bürgerkriegsland nicht erfolgen kann. Dann geht das Warten weiter, denn weiterreisen wie einst Paulus dürfen sie nicht.

Andreas Herrmann

Ein Treffen ohne Partymotto

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Was können wir vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart erwarten? Im Gespräch mit Ellen Ueberschär

2015 ist wieder ein Kirchentagsjahr: Vom 3. bis 7. Juni werden mehr als 100 000 Besucher zum Protestantentreffen in Stuttgart erwartet. Was wird angesichts der aktuellen Diskussionen den Kirchentag prägen, welche Impulse von ihm ausgehen? Benjamin Lassiwe sprach darüber mit der Generalsekretärin des Laientreffens, Ellen Ueberschär.

Frau Ueberschär, der Kirchentag in Stuttgart soll das Motto »Damit wir klug werden« tragen. Warum?
Ueberschär:
Dem Präsidium lag daran, das Wort »klug« im Mittelpunkt des Kirchentags zu stellen. Denn es fordert dazu auf, über Nachhaltigkeit nachzudenken. Und über die Frage: Wie gestalte ich mein Leben, sodass ich am Ende sagen kann, das war sinnvoll? Denn vor der Losung steht ja in der Bibel der Vers »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen …« (Psalm 90,12) Viele Menschen, die eine evangelische Sozialisation haben, hören das sofort mit, wenn sie die Losung hören.

Welche Erfahrungen machen Sie bisher mit der Losung?
Ueberschär:
Menschen, die die Losung zum ersten Mal hören, sind nicht sofort begeistert. Das ist kein Partymotto. Im Gegenteil, nach ganz kurzer Zeit stellt sich Nachdenklichkeit ein. Die ganz große Chance dieser Losung ist, dass wir damit Themen ansprechen können, die ansonsten als Tabus gelten. Und das werden wir in Stuttgart nutzen.

In der Gesellschaft läuft derzeit die Debatte über Suizidbeihilfe. Welche Rolle wird das auf dem Kirchentag spielen?
Ueberschär:
Die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit allen Phasen des Lebens einschließlich der letzten Phase, wird auf dem Stuttgarter Kirchentag eine Rolle spielen. Es wird dazu eine große Podiumsdiskussion und eine Veranstaltungsreihe auf einer Open-Air-Bühne geben.

Wird sich die Behandlung des Themas dabei von der aktuellen gesellschaftlichen Debatte unterscheiden?
Ueberschär:
Der Kirchentag ist in der Tiefe, in der er Themen angeht, nicht unbedingt abhängig von der aktuellen Debatte. Die aktuelle Situation kann dazu beitragen, dass bestimmte Themen des Kirchentags stärker wahrgenommen werden. Wir bieten Themen grundsätzlich einen Raum und ein Forum. Was die Teilnehmenden dann daraus machen, ob sie zum Beispiel eine Resolution zur Sterbehilfe oder zur Flüchtlingsproblematik verabschieden, ist Sache der Teilnehmenden.

Was heißt das für die Sterbehilfe-Debatte?
Ueberschär:
Da bin ich sehr gespannt darauf, wie die Teilnehmenden des Kirchentags reagieren. Umfragen sagen ja, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung wünscht, dass assistierter Suizid in Deutschland möglich ist. Ob das auch für Kirchentagsteilnehmende repräsentativ ist, wird sich zeigen. Die in dieser politischen Debatte Verantwortung tragen, werden in Kontakt kommen mit den Menschen von der Basis. Ich rechne damit, dass auch der Ruf nach einer Verbesserung der palliativen Versorgung auf dem Kirchentag Verstärkung findet.

Sie sprachen bereits die Umfrageergebnisse an. Was würden Sie machen, wenn beim Kirchentag eine Resolution für den assistierten Suizid beschlossen wird?
Ueberschär:
Die Resolutionen sind ja Äußerungen der Kirchentags-Teilnehmenden. Das ist ein basis-demokratisches Element. Die Resolutionen richten sich dann an bestimmte Institutionen. Und unsere Aufgabe ist, das zu makeln und an die Öffentlichkeit zu bringen. Und wenn das der Wunsch und die Meinung der Teilnehmenden ist, und eine Mehrheit im Saal stimmt dazu ab, dann geht das durch.

Welche anderen Themen will der Kirchentag in Stuttgart setzen?
Ueberschär:
Wichtig ist uns das Thema »Gesellschaft verantwortet Wirtschaft«. Unser Kirchentagspräsident Andreas Barner, der Vorsitzende der Unternehmensleitung von Böhringer Ingelheim, steht ja an der Spitze eines wichtigen Unternehmens. Damit bleiben wir auch in der Kontinuität zum Kirchentag in Hamburg, wo wir uns auch schon mit der Wirtschaftsethik beschäftigt haben. In Stuttgart wird es auch Satellitenveranstaltungen in Stuttgarter Unternehmen geben.

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Und das andere Thema, das im Moment präsent ist und wichtig bleiben wird, ist die Flüchtlingskrise. Die Vermeidung von Krieg ist heute eine mehrdimensionale Aufgabe, die auch Klimaschutz oder Waffenkontrolle umfasst. Es genügt nicht, nur die Kriegsfolgen zu bearbeiten. Wenn dieser Kirchentag gut wird, wenn er gelingt, dann werden die Themen des Friedens in ihrer multiplen Verknüpfung wahrgenommen. Dazu gehört auch, dass das Präsidium sich entschlossen hat, alle Kollekten des Kirchentags in Flüchtlingsprojekte zu geben – Projekte in Syrien und im Libanon ebenso wie in Deutschland und an den Grenzen der EU.

Das Thema Flüchtlinge beschäftigt viele, die bei den Pegida-Demonstrationen auf die Straße gehen. Wie wird der Kirchentag darauf reagieren?
Ueberschär:
Der Kirchentag wird mit einem klaren Bekenntnis zur Verantwortung jedes und jeder Einzelnen gegenüber Schutzbedürftigen reagieren und zu den demokratischen Institutionen, deren Wert von den Pegida-Demonstranten ganz offensichtlich bestritten wird.

Sehen Sie die Gefahr einer Spaltung in Deutschland?
Ueberschär:
Nein, das sehe ich nicht. Mir gibt allerdings zu denken, dass die Demonstrationen gerade in Sachsen so viele Anhänger finden. Auf dem Kirchentag 2011 in Dresden zeigten sich die Sachsen weltoffen und verantwortungsbewusst. Ich hoffe sehr, dass alle, die vor vier Jahren fröhlich beim Kirchentag mitgemacht haben, ob als Gastgeber, Mitwirkende oder als begeisterte Teilnehmende, im Alltag ihre Verantwortung wahrnehmen und die Zweifler vom Wert der Nächstenliebe und der Demokratie überzeugen können.

Kann der Kirchentag dazu beitragen, dass Menschen, die den Medien und der Politik nicht glauben, am Ende anders über Flüchtlinge und Zuwanderung denken?
Ueberschär:
Auf dem Kirchentag versammeln sich Menschen, die nicht einfach irgendetwas glauben, sondern sich selbst eine Meinung bilden, in dem sie kritische Fragen stellen, nicht zuletzt an die politisch Verantwortlichen. Meine Befürchtung ist, dass viele, die Überfremdungsängste haben, sich dieser Debatte gar nicht erst aussetzen. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Menschen, auch solche, die gegenüber einer offenen Asylpolitik kritisch eingestellt sind, am Kirchentag teilnehmen und das einzigartige Diskussionsforum nutzen.

Blick-9-2015

Ihr Weg nach Stuttgart

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag lädt unter dem Motto »damit wir klug werden« vom 3. bis 7. Juni 2015 nach Stuttgart ein. Zu dem Großereignis werden ähnlich wie
zu den vergangenen Treffen wieder mehr als 100 000 Menschen erwartet.

Anmeldungen und Kosten:

Anmeldungen sind schriftlich aber auch über das Internet möglich. Eine Dauerkarte kostet regulär 98 Euro und ermäßigt 54 Euro, Familien zahlen 158 Euro. Die Ermäßigung gilt zum Beispiel für Jugend­liche bis 25 Jahre, Rentner sowie Menschen mit Behinderung. Eine Förderkarte zum Preis von 28 Euro wird beim Bezug von Grundsicherung und ALG II angeboten.

Bei der Online-Anmeldung können Besucher ihre Karten und Quartierwünsche auswählen, zwischenspeichern und selbst nach dem ersten Absenden noch ändern oder ergänzen. Auf einem Faltblatt finden sich alle wichtigen Informationen.

Es wurde in einer Auflage von 460 000 Exemplaren gedruckt und kann unter der Servicenummer (07 11) 6 99 49-100 oder per E-Mail <service@kirchentag.de> bestellt werden. Das Faltblatt enthält auch eine Antwortkarte und ein Formular, mit denen sich Einzelpersonen und Familien anmelden können.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag besteht seit 1949 und wird alle zwei Jahre in einer anderen deutschen Stadt veranstaltet. In Stuttgart war der Kirchentag bereits dreimal zu Gast: 1952 kamen unter dem Motto »Wählt das Leben« rund 40 000 Gäste in die baden-württembergische Landeshauptstadt, 1969 folgten 17 500 dem Motto »Hungern nach Gerechtigkeit« und 1999 trafen sich rund 98 000 Teilnehmer unter dem Motto »Ihr seid das Salz der Erde«.

www.kirchentag.de

So viele Tränen wie Worte

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ungewisse Zukunft: Irakische Christen auf der Flucht vor der Terrorgruppe »IS«

Amar Al-Katib zeigt Fotos auf seinem Smartphone, um verständlich zu machen, warum er und seine Familie geflohen sind: Blut an Häuserwänden, zwei Jugendliche, die niedergeschossen wurden. Einer nur hat überlebt. Amar Al-Katib sitzt im Jugendraum unter der Herz-Jesu-Kirche in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Die Kirche gehört zum Lateinischen Patriarchat von Jerusalem der römisch-katholischen Kirche.

Amar Al-Katib mit seinem jüngsten Sohn Joel – die Familie floh vor dem »IS«-Terroraus dem Irak. Foto: Ralf-Uwe Beck

Amar Al-Katib mit seinem jüngsten Sohn Joel – die Familie floh vor dem »IS«-Terroraus dem Irak. Foto: Ralf-Uwe Beck

Hier leben seit August dieses Jahres zehn christliche Familien. Die mehr als 60 Menschen kommen aus der Region um Mossul im Norden Iraks. Darunter das Ehepaar Al-Katib, beide etwa 30 Jahre alt, mit ihren Kindern Rama und Joel. Im Juni dieses Jahres hatte die Terrorgruppe »IS« diese zweitgrößte Stadt des Irak eingenommen. Die Christen wurden vor die Alternative gestellt, zu konvertieren und Schutzgeld zu zahlen, zu fliehen oder ermordet zu werden. »Sie haben ein arabisches ›N‹ an die Häuser gemalt und daneben geschrieben ›Eigentum des IS‹«, schildert einer der Flüchtlinge. Das »N« steht für die Anhänger des Mannes aus Nazareth. 25 000 Christen sind daraufhin geflohen. Wer noch Geld hatte oder sich von Verwandten im Ausland helfen lassen konnte, hat ein Flugticket gekauft. So sind bisher rund 6 000 Flüchtlinge allein in Amman gelandet – zu all den Hunderttausenden, die aus Syrien in das kleine Königreich geflohen sind. In acht Kirchen der Stadt sind insgesamt 600 irakische Christen untergekommen. Sie leben in nur notdürftig hergerichteten Gemeinderäumen. Aus Hartfaserplatten sind Trennwände mit einer kleinen Falttür eingebaut. So hat jede Familie eine eigene Kammer. Es ist eng und laut. Aber sie sind sicher und haben ein Dach über dem Kopf.

Versorgt werden sie von der katholischen Caritas. Die Trennwände hat der Lutherische Weltbund finanziert, dazu Toiletten, kleine Küchen. »Wir leben hier wie eine Großfamilie«, redet Amar Al-Katib die Situation schön und sich selbst Mut zu. Doch das Gespräch hat so viele Tränen wie Worte. Sie haben alles verloren, haben Freunde sterben sehen und werden wohl nie in ihre Heimat zurückkehren. »Wir haben wie Brüder zusammengelebt, Christen und Muslime. Aber das ist vorbei«, sagt er.

Wohin sie gehen wollen? Das entscheide das UN-Flüchtlingshilfswerk. Ihnen sei das egal, einfach nur dorthin, wo sie sicher leben können. Ein Foto zeigt Amar Al-Katib zum Abschied noch. Zu sehen ist ein Taufbecken. Jemand hält den kleinen Joel darüber, gerade 15 Tage alt. Er ist in Amman geboren. Sie sind hinuntergefahren zum Jordan und haben ihn taufen lassen, dort, wo Johannes der Täufer einst Jesus getauft hat.

Ralf-Uwe Beck

Der Lutherische Weltbund (LWB) will noch zwei weitere Kirchen in Amman für Flüchtlinge herrichten, benötigt dafür aber dringend weitere Spenden:
Deutsches Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes, IBAN DE21 5206 0410 0000 4195 40, BIC GENODEF1EK1, Stichwort: Jordanien

www.dnk-lwb.de/spenden

Asyl für Prager Protestanten

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Im Zuge der Gegenreformation flüchteten einst rund 30 000 böhmische Protestanten nach Sachsen

Die Reformation verbindet Tschechen und Deutsche bis heute. Das zeigt die 400 Jahre alte Salvatorkirche.

Keine Prag-Besichtigung ohne Jan Hus. Stets ist der tschechische Reformator dicht umlagert von Touristengruppen. Noch ist das expressive Bronzemonument, 1915 von Ladislav Šaloun (1870–1946) auf dem Altstädter Ring errichtet, halb eingerüstet. Es wird einer Schönheitskur unterzogen, denn 2015 steht ein für das Nachbarland bedeutsamer Gedenktag an: 600 Jahre Hinrichtung von Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Das Ereignis verbindet Tschechen und Deutsche. Hingerichtet wurde der um 1369 in Südböhmen geborene Kirchenerneuerer 1415 in Konstanz. Der Tag seiner Verbrennung, der 6. Juli, ist seit 1925 tschechischer Staatsfeiertag.

Dargestellt sind auf dem Denkmal auch seine Anhänger, die zur Zeit der katholischen Gegenreformation nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 flüchten mussten. Um die 30 000 insgesamt. Asyl fanden viele von ihnen im benachbarten Sachsen, in Dresden. Dort wird die Tradition jener böhmischen Exulanten bis heute wachge­halten.

Abgerissen sind die Beziehungen nach Prag nie. Jetzt wurden sie erneuert. Als die Salvatorkirche, Hauptgebäude der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB), jüngst ihr 400. Jubiläum beging, feierten auch Gäste aus Dresden mit.

Sie kamen aus der im Jahr 2000 aus einer Fusion hervorgegangenen Johanneskirchgemeinde – der Name der ersten Kirche, welche die Glaubensflüchtlinge 1650 erhielten. 1880 bauten sie sich eine neue. Die nannten sie, an ihre Prager Herkunft erinnernd, Erlöserkirche – die deutsche Übersetzung des lateinischen »Salvator«. 1945 wurde sie zerstört. Die Erlöser-Andreas-Gemeinde entstand, heute Teil der Dresdener Johanneskirchgemeinde.

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Die bewahrt noch immer wertvolle Dokumente auf, darunter das »Pirnaer Wappenbuch«, gestiftet 1628 vom evangelischen Rektor der Prager Universität. Es verzeichnet Namen der Glaubensmigranten. An hohen Feiertagen bekommen Gottesdienstbesucher Wein aus Abendmahlskelchen, die noch aus Prag stammen sollen. Historiker Frank Metasch vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde hält das für eine Legende. Doch gleichviel: »Das materielle und ideelle Erbe der Prager Salvator-Gemeinde hatte enormen identitätsstiftenden Wert«, sagt er. Etliche der rund 800 Mitglieder der Prager Salvator-Gemeinde wiederum zeigten beim Jubiläum lebhaftes Interesse an diesen historischen Verbindungen.

»Die böhmischen Exulanten sind eine der Wurzeln unserer Gemeinde«, sagte Carola Ancot, Pfarrerin der Dresdner Gemeinde, während des Festgottesdienstes in Prag. »Schon zu DDR-Zeiten waren sie ein Vorbild an Glaubenszuversicht und Standhaftigkeit.« Markus Pape, seit 1990 in Prag lebender Deutscher und Mitglied im Leitungsgremium der Salvator-Gemeinde, meint: »Mit diesen historischen Beispielen können wir Kindern weitergeben, was es bedeutet, jemandem auf der Flucht zu helfen und selbst auf der Flucht geholfen zu bekommen.«

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Die evangelische Salvatorkirche ist für Prag-Besucher nicht leicht zu finden. Von Wohnhäusern dicht umbaut, steht sie nördlich des Altstädter Rings an der Kostecˇná, einer kleinen Nebenstraße. Doch nun ist sie zumindest nicht mehr zu überhören. 1916 hatte sie ihre Glocken der Rüstungsindustrie opfern müssen. Zum 400. hat sie vier neue bekommen. Ein Geschenk aus dem Saarland. Zuvor hingen sie in der 1958 errichteten evangelischen Betonkirche in Quierschied. Die aber hatte die kleiner gewordene Gemeinde in Fischbach verkaufen, den Turm abbrechen müssen. Als er sie jetzt in Prag läuten hörte, kamen Pfarrer Hans-Lothar Hölscher und einigen seiner mit ihm angereisten Gemeindemitglieder Freudentränen: »So haben sie bei uns nie geklungen.«

Tomas Gärtner

Von wegen Freiheitsstatue

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: In der Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit kommen Minderjährige aus Mittelamerika illegal über die Grenze

Es sind Kinder und Teenager, die seit Monaten zu Tausenden ohne Papiere von Mexiko in die Vereinigten Staaten kommen. Experten sprechen inzwischen von einer humanitären Katastrophe.

Seit Oktober vergangenen Jahres hat die US-Grenzbehörde 57 000 »unbegleitete Minderjährige« aus Honduras, El Salvador, Guatemala und Mexiko in Gewahrsam genommen. Die jungen Menschen werden meist von Menschenschmugglern, sogenannten »Coyotes«, an die Grenze gebracht. Einmal in den USA, suchen die Teenager und Kinder nach Grenzern, um sich zu stellen – in der Hoffnung, im Land ihrer Hoffnung bleiben zu dürfen.

Eine Gruppe von illegalen Einwanderern aus Honduras und El Salvador wird im US-Bundesstaat Texas hinter der Grenze zu Mexiko von der Grenzpolizei gestoppt. Viele der Migranten sind Minderjährige. Foto: picture alliance

Eine Gruppe von illegalen Einwanderern aus Honduras und El Salvador wird im US-Bundesstaat Texas hinter der Grenze zu Mexiko von der Grenzpolizei gestoppt. Viele der Migranten sind Minderjährige. Foto: picture alliance

Über parteipolitische Grenzen hinweg ist man sich einig: Hier geschieht eine humanitäre Katastrophe. Doch in den USA weht ein kalter Wind. Präsident Barack Obama ist unter Druck: »Illegale Einwanderung« erregt die Gemüter. Man könne nicht alle aufnehmen, heißt es gern. Die Grenze dicht machen und die »Illegalen« postwendend zurückschicken, fordern deshalb viele Politiker. Das sei auch das Beste für die Kinder. Die Migration werde nur aufhören, »wenn Flugzeuge voller Kinder nach Zentralamerika zurückkehren«, tönte jüngst der republikanische Senator John McCain.

Unbegleitete Minderjährige kommen schon seit vielen Jahren. Doch nie war der Andrang so stark. Früher waren es hauptsächlich junge Menschen aus dem Nachbarland Mexiko. Gegenwärtig stammen drei Viertel aus El Salvador, Guatemala und Honduras. Hilfsverbände machen die dort eskalierende Drogen- und Bandengewalt verantwortlich. Es fliehen Jugendliche wie der 18-jährige Oscar Leonel Turcios Funez aus Honduras. Sein Vater, Eigentümer eines Internet-Cafés, sei ermordet worden, weil er kein Schutzgeld zahlen wollte, sagte Oscar einem Rechtshilfeverband. Er selber sei bedroht worden und habe sich deshalb auf den Weg nach Norden gemacht.

Die größten Fürsprecher der Kinder sind gegenwärtig die Kirchen. Die biblische Heilige Familie habe auch keine Papiere gehabt bei der Flucht nach Ägypten, sagte die Leitende Bischöfin der Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika, Elizabeth Eaton. Und auch Papst Franziskus fordert, man müsse »die Kinder willkommen heißen und schützen«. Der Empfang müsse begleitet werden von Warnungen vor der Gefahr der Migration und von Maßnahmen, »die Entwicklung in den Heimatländern zu fördern«.

Die gerichtliche Prüfung soll ausgehebelt werden

Nach geltendem Recht dürfen Grenzbeamte junge Mexikaner ohne Papiere zurückschicken. Bei undokumentierten Minderjährigen aus Ländern, die nicht an die USA angrenzen, muss jedoch ein Gericht prüfen, ob Asyl gewährt oder ein Visum erteilt wird. Der Lutherische Einwanderungs- und Flüchtlingsdienst und andere Hilfsorganisationen haben skeptisch reagiert auf Obamas Krisenplan. Sein 3,7 Milliarden-Dollar-Vorhaben, dem der Kongress noch nicht zugestimmt hat, soll die Kinder versorgen helfen und die Grenze weiter befestigen. Zudem will Obama anscheinend das Immigrationsgesetz ändern, so dass alle Minderjährigen so behandelt werden wie die aus Mexiko.

Der Direktor der Hilfsorganisation Raices im texanischen San Antonio erklärte in der »New York Times«, vielen mittelamerikanischen Minderjährigen drohe Lebensgefahr in ihrer Heimat. Das stelle man erst fest, wenn man die Fälle genau prüfe.

Friedensnobelpreisträger Oscar Arias, der frühere Präsident von Costa Rica, schrieb am Wochenende in der »Washington Post«, die »Gewalt und Armut, die das Leben der Kinder unerträglich macht« stamme von den zentralamerikanischen Bürgerkriegen der achtziger Jahre. Nach dem Ende der Kriege seien aus Soldaten und Guerillas Gang-Mitglieder geworden. Statt in mehr Grenzbefestigung müssten die USA in Entwicklungsprogramme investieren. Mit nur 62 Millionen Dollar für ein Ausbildungsprogramm, wie es derzeit bereits in Costa Rica bestehe, könne man die in den letzten Monaten an der Grenze aufgegriffenen Kinder und Jugendlichen ein Jahr lang zur Schule schicken. Doch auch die drastischen Unterschiede zwischen Arm und Reich in Guatemala, El Salvador und Honduras selbst müssten angegangen werden: Es sei unentschuldbar, dass Zentralamerika trotz so viel Armut die niedrigsten Steuersätze der Welt für die Reichen habe.

Konrad Ege

Christen zwischen den Mühlsteinen

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Irak: Sie nennen sich selbst Assyrer und leben seit Jahrhunderten als christliche Minderheit im Norden des Irak

Iraks Christen gehören zu den ältesten Kirchen der Welt. Doch nun geraten sie zwischen die Mühlsteine der islamistischen und der kurdischen Interessen.

Yakoub Afram ist voller Sorgen. Der Vorsitzende der Assyrischen Föderation in Schweden, der größten Interessenvertretung der Volksgruppe in Europa, beobachtet die derzeitige Situation im Irak sehr genau, telefoniert täglich mit den Betroffenen in seiner Heimat.

Assyrer ist die geläufigste Selbstbezeichnung der Christen im Norden Iraks und Syriens sowie im Südosten der Türkei. Sie gehören verschiedenen Kirchen an, haben jedoch als gemeinsames Idiom das Aramäische, eine altsemitische Sprache.

In Mossul gibt es bereits keine Christen mehr, da dort die Truppen der Gruppe Islamischer Staat (IS), eine Vereinigung radikaler Muslime, die Christen praktisch vertrieben hat. Vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2003 lebten in der zweitgrößten Stadt des Landes 50 000 Christen. Seit dem 22. Juni wurde dort zum ersten Mal seit Jahrhunderten kein christlicher Gottesdienst mehr gehalten.

Hunderte von geflohenen irakischen Christen demonstrierten am 24. Juli vor den Büros der Vereinten Nationen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region, und forderten mehr Schutz vor dem Terror der islamistischen Truppen. Foto: picture alliance

Hunderte von geflohenen irakischen Christen demonstrierten am 24. Juli vor den Büros der Vereinten Nationen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region, und forderten mehr Schutz vor dem Terror der islamistischen Truppen. Foto: picture alliance

»Die meisten Flüchtenden aus Mossul kommen in die Ninive-Ebene, dort ist die Situation etwas besser«, erläutert Yakoub Afram.Die Region gilt als eine der letzten im Nahen Osten, in der Christen in der Anzahl dominieren. Die fruchtbare Ninive-Ebene gilt als Brotkammer des Irak, worauf freilich die im Norden ansässigen Kurden schon lange öffentlich Ansprüche anmeldeten.

Die Kurden nutzten die Konfliktsituation mit den IS-Truppen aus, um ihre eigene Position in der Ninive-Ebene zu stärken. Demnach hätten am 25. Juni kurdische Einheiten sunnitische Araber nahe der Stadt Al Hamdaniya, rund 30 Kilometer südöstlich von Mossul, angegriffen. Dort gingen bereits Gerüchte um, dass IS-Truppen die Stadt einnehmen würden, was eine Massenpanik unter den vornehmlich assyrischen Einwohnern auslöste.

Ziel der (vornehmlich sunnitischen) Kurden sei es, die Stadt Tigrit als südliche Grenze des autonomen Kurdengebietes zu etablieren. Seit dem 9. Juni, seit die irakischen Streitkräfte nach Süden geflohen sind, weht in allen Gegenden, wo Minderheiten leben und die Kurden militärisch dominieren, die kurdische Fahne. Teils hätten auch die Kurden Assyrer verhaftet und deportiert, so Afram. Afram glaubt, dass den Assyrern die Erlaubnis gegeben werden müsste, sich selbst zu bewaffnen. Es gab seit 2005 Anläufe, für die Bewohner der Region der Ninive-Ebene eine regionale Streitmacht in Bataillonsstärke zu etablieren. Auch das amerikanische »Joint Operation Center« war in den Beschluss mit einbezogen. Aber die Kurdische Regionalregierung sowie Vertreter der Demokratischen Partei Kurdistans hätten dies verhindert. Es existierten darum heute keine bewaffneten Gruppen auf Seiten der Assyrer, die ernsthaften Widerstand leisten können.

Die kurdische Okkupation würde zudem den Autonomiebestrebungen der Region zuwiderlaufen, die vor Kurzem umgesetzt werden sollten. Der irakische Ministerrat stimmte im Januar dafür, der Ninive-Ebene den Status einer Provinz zuzugestehen, um den Assyrern mehr Autonomie zu ermöglichen und sie zum Bleiben zu bewegen. Denn von den einst etwa 1,5 Millionen Christen im Irak sind seit dem zweiten Golfkrieg 2003 bereits mehr als eine Million geflohen.

Die Föderation in Schweden fordert deshalb eine »Fact-Finding-Mission«, die die Ereignisse um Al Hamdaniya untersucht, sowie eine internationale Unterstützung für mehr politische Selbstständigkeit der Bevölkerung der Ninive-Ebene.

Doch die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben droht aktuell von den IS-Truppen. Viele Assyrer sind deshalb nach Norden, nach Ankawa geflohen, einer vornehmlich von Assyrern bewohnten Vorstadt der kurdischen Metropole Arbil. Dort versucht sie Ignatius Joseph III., Patriarch der syrisch-katholischen Kirche zur Rückkehr zu motivieren. »Unser Überleben steht auf dem Spiel«, sagte der Geistliche kürzlich gegenüber dem schwedischen Staatsfernsehen. »Wir müssen darum mutig sein und uns verteidigen.«

Die Stadt schwillt von christlichen Flüchtlingen immer mehr an, die teilweise ohne Hab und Gut fliehen mussten. Ignatius Joseph III. sieht die Ursache für den militärischen Erfolg der Islamisten in der Finanzierung durch arabische Staaten. Der Westen kritisiere dies nur deshalb nicht so laut, da er das Öl dieser Staaten brauche, so der streitbare Geistliche.

Wer es sich von den verbliebenen Christen im Irak leisten kann, flieht in den Westen. Schweden fährt eine besonders großzügige Flüchtlingspolitik. Von den Assyrern kennt fast jeder die schwedische Stadt Södertälje, in der Mittelstadt sind bereits ein Drittel der Bevölkerung syrischer Herkunft. Das nordische Land wird so bald das Zentrum der orientalischen Christen sein, sollte sich die Regierung in Bagdad nicht behaupten können.

Jens Mattern

Sorgenvoller Blick nach Norden

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Georgien: Im kleinen Land zwischen Großem und Kleinem Kaukasus wecken die Vorgänge in der Ukraine alte Ängste

Mit Sorge beobachten derzeit die Menschen in Georgien die Vorgänge in der Ukraine. Bei vielen herrscht die Angst, das nächste Ziel russischer Eroberung zu werden.

Vom Norden her blinken die noch immer schneebedeckten Gipfel des Großen Kaukasus in der Morgensonne. Doch viele Menschen in der Republik Georgien schauen in diesen Tagen nur mit Sorgen in diese Richtung – verläuft doch auf dem Kamm des Gebirges die Grenze zur Russischen Föderation. Seit der Unabhängigkeitserklärung von 1991 hat das kleine Land mit seinen rund vier Millionen Einwohnern ein mehr als gespanntes Verhältnis zum großen Nachbarn. Mit Russlands Unterstützung erklärte sich die eigentlich mehrheitlich von Georgiern bewohnte autonome Republik Abchasien für unabhängig, ebenso das Gebiet Südossetien. Beide Regionen, rund 20 Prozent Georgiens, sind von russischen Truppen besetzt.

Immer im Blick: Die schneebedeckten Hänge des Großen Kaukasus sind im kleinen Georgien praktisch von überall am Horizont zu sehen – wie hier von der Stadt Telawi im Osten des Landes. Auf dem Kamm des Gebirges verläuft die Grenze zu Russland. Foto: Harald Krille

Immer im Blick: Die schneebedeckten Hänge des Großen Kaukasus sind im kleinen Georgien praktisch von überall am Horizont zu sehen – wie hier von der Stadt Telawi im Osten des Landes. Auf dem Kamm des Gebirges verläuft die Grenze zu Russland. Foto: Harald Krille

Etwa 250 000 Flüchtlinge strömten in den 90er Jahren aus den besetzten Gebieten in das Kernland. Noch einmal rund 30 000 kamen nach dem gescheiterten Versuch der Rückgewinnung der Hoheit über Südossetien im Jahr 2008 hinzu.

Die meisten der jüngsten Flüchtlinge leben bis heute in mit Hilfe von EU-Staaten errichteten Notunterkünften. Zum Beispiel am Rande der Stadt Gori, südlich des besetzten Südossetien. Gebaut wurde die Siedlung von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. In 300 kleinen Häusern, je 52 Quadratmeter groß, wohnen insgesamt 1 100 Menschen.

»Fast in jeder Familie hat wenigstens eine Person inzwischen Arbeit gefunden«, berichtet stolz Tamaz Gwidmradze, Vertreter des für Flüchtlingsfragen zuständigen Ministeriums in Gori. Die Kinder besuchen die normalen Schulen der Stadt, ein eigener Kindergarten ist gerade im Entstehen. Die Wohnsiedlung steht wie die anderen sechs in der Umgebung unter Selbstverwaltung. Inklusive einer in Eigenleistung errichteten Kirche und eines eigenen Priesters, der mit seiner Gemeinde aus Südossetien fliehen musste.

Nach Auskunft von Tamaz Gwidmradze steht es allen Flüchtlingen offen, sich auch in anderen Landesteilen oder bei Verwandten niederzulassen. In diesem Fall seien sie frei, die zugewiesenen Häuser zu verkaufen. Doch nur die wenigsten machen davon Gebrauch. Auch wenn die kleinen Gärtchen mustergültig angelegt sind, etliche Familien in diesem Jahr gerade mit der Imkerei beginnen und sich die Politik für die volle Integration der Flüchtlinge einsetzt – »die Leute wollen auf jeden Fall zurück«, so Gwidmradze.

Doch die Hoffnung, in die seit Jahrhunderten angestammten Städte und Dörfer zurückkehren zu können, hat durch die aktuellen Ereignisse auf der Krim und in der Ukraine einen deutlichen Dämpfer bekommen. Wie ein Schock wirkte dazu kürzlich die Erklärung von US-Präsident Obama, dass weder die Ukraine noch Georgien in absehbarer Zeit Mitglied der NATO werden könnten. Denn viele fürchten, dass Georgien und Armenien die nächsten Ziele in der strategischen Planung von Russlands Präsident Putin sein werden. »Ja, wir haben Angst vor Russland«, bekannte erst vor wenigen Tagen Georgiens Außenministerin Maja Panjikidze in Berlin. Um so mehr Hoffnung setzt man nun auf das vor dem Abschluss stehende Assoziierungsabkommen mit der EU.

Auch wenn angesichts der derzeitigen Lage kaum eine Chance auf baldige Rückkehr der Flüchtlinge besteht – Joseph Bubuzidze, sechsfacher Familienvater, spricht wohl vielen seiner Mitbewohner aus dem Herzen: »Jeden Tag hoffe ich auf die Rückkehr. Es geht um die Heimat. Die kann man doch nicht aufgeben.«

Harald Krille

Lampedusa in der Wüste von Arizona

16. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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In den USA beziehen Bischöfe Stellung für Flüchtlinge

Hierzulande schauen wir auf das Mittelmeer und auf Lampedusa, aber Migrantenströme gibt es auch woanders. In den USA haben rund 6 000 Flüchtlinge seit 1998 beim Versuch des Grenzübertritts von Mexiko in die USA ihr Leben verloren.

In der seit Jahren laufenden Diskussion um die Reform der US-Einwanderungsgesetze haben die katholischen Bischöfe ein ungewöhnliches Zeichen gesetzt: Ein Dutzend US-Bischöfe versammelten sich Anfang April zu einer Messfeier direkt an dem zehn Meter hohen Grenzzaun nach Mexiko in der Wüste von Arizona. Zusammen mit mehreren Jugendlichen legte Kardinal Seán O’Malley einen Blumenkranz nieder. Hunderte Menschen aus Mexiko und Mittelamerika sterben jedes Jahr in der Wüste beim Versuch, in die USA zu gelangen. Bei der Gerichtsmedizin des Grenzlandkreises Pima lagen laut dem Jahresbericht des Amtes bei Jahresende 2012 mehr als 700 nicht identifizierte Leichen.

O’Malley betonte in seiner Predigt, die oftmals zu »Illegalen« abgestempelten Migranten seien »unsere Brüder und Schwestern«. Seine Familie komme aus Irland, und die meisten US-Amerikaner seien selber Einwanderer oder Nachfahren von Einwanderern. Die Wüste sei »das Lampedusa der Vereinigten Staaten«, erklärte Weihbischof Eusebio Elizondo, der Vorsitzende des bischöflichen Komitees für Migration. Im Juli 2013 hatte Papst Franziskus auf der Mittelmeerinsel für Migranten gebetet und die »Globalisierung der Gleichgültigkeit« angeprangert. Elizondo forderte bei einer Pressekonferenz, die US-Regierung müsse »noch in diesem Jahr« eine umfassende Einwanderungsreform beschließen. Immigration sei ein moralisches und ethisches Anliegen, nicht nur ein politisches und wirtschaftliches.

Der Verband der katholischen Bischöfe der USA setzt sich schon seit Jahren für Reform ein. Den mehr als 10 Millionen Migranten in den USA ohne Papiere müsse ein »Pfad zur Staatsbürgerschaft« geöffnet werden. Außerdem müssten die Abschiebepraxis und die Grenzkontrollen menschlicher gestaltet werden. Hauptgrund der illegalen Einwanderung sei »extreme Armut«. Eine dauerhafte Lösung der »undokumentierten Migration« sei nur mit langfristigen Wirtschaftsmaßnahmen für mehr soziale Gerechtigkeit möglich. Kritiker haben jedoch bemängelt, dass sich die Bischöfe beim Thema Einwanderung anscheinend mit weniger Energie und Deutlichkeit einmischten als bei der Kontroverse, ob Krankenversicherungen im Zuge der Gesundheitsreform auch für Empfängnisverhütungsmittel zahlen müssten.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Kardinal O’Malley machte nach der Messfeier den US-Kongress für das gegenwärtige Stocken der Einwanderungsreform verantwortlich. Präsident Barack Obama sei bereit, ein umfassendes Reformgesetz zu unterzeichnen. Im Repräsentantenhaus, einem der beiden Häuser im Kongress, haben jedoch die Republikaner die Mehrheit. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, hat in den letzten Monaten mehrmals signalisiert, seine Partei werde nicht für Reform stimmen. Der vorgeschlagene »Pfad zur Legalisierung« sei eine »Amnestie für Illegale« und belohne den illegalen Grenzübertritt.

In hispanischen Bürgerverbänden kommt in den letzten Monaten freilich auch zunehmend Kritik hoch an Obama. Während seiner Amtszeit seien fast zwei Millionen Menschen abgeschoben worden, viele mit Familienangehörigen in den USA, beklagte der Latino-Verband »National Council of La Raza«. Bei der Messfeier auf der US-amerikanischen Seite des Grenzzaunes versammelten sich auch Hunderte Menschen auf der mexikanischen Seite. Bei der Kommunion wurden die Hostien durch die mehrere Zentimeter breiten Spalten zwischen den Eisenstangen zu den Gläubigen in Mexiko gereicht.

Konrad Ege

Niemand weiß, wie viele auf dem Weg sterben

19. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Afrikanische Migranten träumen von einem besseren Leben in Europa

Viele fliehen vor Krieg und Gewalt, andere wollen der Armut entkommen. Doch für die meisten afrikanischen Flüchtlinge geht der Traum eines besseren Lebens in Europa nie in Erfüllung.

Allein die spanische Migrationsbehörde geht davon aus, dass in den vergangenen Jahren jeweils etwa 6000 Afrikaner bei ihrem Versuch, auf maroden Booten die Kanarischen Inseln zu erreichen, ertrunken sind. An allen europäischen Küsten des Mittelmeeres ist die Situation ähnlich. Die maltesische Sozialarbeiterin Sandra Schembri arbeitet in ­einem Flüchtlingsheim auf Malta. Sie bezweifelt, dass irgendeine Behörde verlässliche Zahlen der Todesopfer hat: »Diese Leute kaufen sich ja kein Ticket an ­einem Schalter. Sie haben die Sahara durchquert und versuchen irgendwie, übers Mittelmeer zu kommen. Ich habe schon oft von Booten gehört, die gekentert sich. Einer hat mir erzählt, dass er einer von fünf Überlebenden ist, auf einem Boot, das mit 50 Leuten gestartet war.«

Kaum Hoffnung für die Überlebenden: Viele Flüchtlinge leben jahrelang zusammengepfercht in ­Heimen oder Lagern, wie hier in Hal Far auf Malta. Foto: Andreas Boueke

Kaum Hoffnung für die Überlebenden: Viele Flüchtlinge leben jahrelang zusammengepfercht in ­Heimen oder Lagern, wie hier in Hal Far auf Malta. Foto: Andreas Boueke

Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben die völkerrechtliche Pflicht, bei jedem einzelnen Afrikaner, der illegal in Europa ankommt, festzustellen, aus welchem Grund er auf der Flucht ist. Oberkirchenrat Thorsten Leisser, Referent für Migration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), betont, dass Flüchtlinge einen Rechtsanspruch auf Schutz genießen. Er weiß aber auch, dass dieser Schutz nicht immer gewährt wird: »In der Tat gibt es Schwierigkeiten aufgrund der Fülle von Anträgen. Aber wenn man sich weltweit die Flüchtlingsstatistiken anschaut, ist die Zahl der Personen, die von Afrika nach Europa kommen, ein verschwindend kleiner Bruchteil dessen, was es global gesehen an Flüchtlingsbewegungen gibt.«

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, der UNHCR, spricht von mindestens fünf Millionen Menschen, die innerhalb Afrikas auf der Flucht sind. Nur die ­wenigsten versuchen, Europa zu erreichen. Die EU-Grenzagentur »Frontex« geht davon aus, dass im Jahr 2011 etwa 70000 Afrikaner illegal nach Europa gekommen sind. Aber die Sozialarbeiterin Sandra Schembri kommentiert auch diese Zahlen mit Skepsis: »Man weiß, dass Millionen Menschen an den Grenzen darauf warten, nach Europa zu kommen. Aber niemand weiß, wie viele ihre Länder verlassen ­haben und auf dem Weg umgekommen sind. Manche werden erschossen, andere sterben bei einer Razzia, an Durst in der Wüste oder in Gefangenschaft in Libyen.«

Auch der ghanaische Menschenrechtsanwalt Ahmed Bugri kann keine konkreten Zahlen nennen, obwohl er seit Jahren afrikanische Flüchtlinge betreut, die Malta erreicht haben. Er will seine Landsleute davon abhalten, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Womöglich zeichnet er deshalb ein besonders hoffnungsloses Bild: »Viele Leute sterben. Wir kennen ja nur diejenigen, die es schaffen. An den europäischen Küsten werden viele Leichen angeschwemmt, genauso wie in Libyen. Wie hoch ist der Anteil derjenigen, die es schaffen? Ich würde sagen zwei Prozent oder fünf Prozent.«

Warum machen sich dann trotzdem viele junge Afrikaner auf den Weg nach Europa? »Sie wollen ein besseres Leben«, sagt Ahmed Bugri. »Europa bietet jungen Afrikanern Möglichkeiten, die ihnen die afrikanischen Regierungen nicht bieten. In vielen dieser Länder ist der Staat instabil und zeigt kein Interesse am Wohlergehen seiner Bürger. Europa kennen sie aus dem Fernsehen. Sie glauben, dort ist alles besser. Viele junge Leute kennen jemanden, der es geschafft hat und der Geld nach Hause schickt. Die ­Eltern sagen dann: ›Schau mal, dein Freund ist in Europa und sieh, was er geschickt hat.‹ Hundert Euro sind eine Menge Geld in diesen Dörfern.«

Die Erfahrung zeigt: Abschreckung funktioniert nicht. Der Flüchtlingsaktivist Ahmed Bugri glaubt, eine angemessenere Antwort Europas wäre es, sich mehr und direkter um eine Verbesserung der Lebenssituation in den Herkunftsländern zu bemühen: »Die Entwicklungspolitik in Afrika muss bei den Menschen ankommen. Wenn Deutschland hunderttausend Euro an Afrika gibt, wo landet das Geld? In den Händen von Politikern. Aber die Flüchtlinge kommen aus Dörfern. Viele sind zur Schule gegangen. Sie haben einen Schulabschluss, aber keine Arbeit. Sie gehen in die Städte. Da gibt es auch keine Arbeit. Also ­gehen sie woanders hin. Sie suchen nach einem Ort, der es ihnen ermöglicht, ihre Familien zu ernähren. Deshalb riskieren sie ihr Leben, um nach Europa zu kommen.«

Andreas Boueke

Selig sind, die anders handeln

Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt

Margot Käßmann zu den Seligpreisungen

(Fortsetzung von Eine Vision in Worte gefasst)

Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden: All zu viele finden sich ab. Wen interessiert in den reichen Industrienationen, dass fast eine Milliarde Menschen hungern. Das Elend der zwangsprostituierten Kinder? Die geschlagenen Frauen? Die gefolterten Menschenrechtsaktivisten?

Einen Hunger nach Gerechtigkeit für sie brauchen wir, damit sich etwas ändert. Einen Hunger, der etwas wagt, um satt zu werden. Eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die es wagt, die Stimme zu erheben für die stumm Gemachten dieser Erde.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen: Bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter stöhnen viele – alles bekannt. Aber wie sehr brauchen wir alle Barmherzigkeit! Wir sind doch keine Glamourwesen, die alles perfekt hinbekommen, so sehr manche Lebensfassade das auch vermitteln will. Barmherzig mit Fehlern und Verfehlungen der anderen, mit Schuld, die Menschen im Leben auf sich laden. Solche Barmherzigkeit zu erfahren macht frei, selbst barmherzig zu sein.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Was ist eigentlich das Gegenteil eines reinen Herzens? Verschlagen sein? Berechnend? Zynisch? Ein reines Herz ist wohl ein naives, das alles zum Besten kehren will. Es berechnet nicht, was das Beste wäre, sondern lebt frei und liebt unbefangen, vertraut ohne Vorbehalte. Ein Segen für die, denen ein solches Herz geschenkt ist, sie sind Gott nahe.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen: Was für eine Zumutung in der Welt der Waffenlobbyisten. Deutschland exportiert wieder vermehrt Waffen, auch in Krisengebiete. In kriegerische Auseinandersetzungen ist die Bundeswehr verwickelt. Wenn mir dann der Bundeswehrbeauftragte der Bundesregierung sagt, ich solle mich doch mit den Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten, dann denke ich, das ist sicher weitreichender, als Tanklastzüge zu bombardieren. Mir fehlt weiterhin Fantasie für den Frieden in unserem Land.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich: Erinnern will ich an die Gefolterten im Iran, in den Gefängnissen dort, die für Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten sind. Frauen wurden brutal vergewaltigt, weil sie für ihre Rechte eintraten. Und Deutschland will kaum einen der Flüchtlinge aufnehmen, die in der Türkei auf Visum und Ausreise so dringend warten. Selig sind sie, weil sie Mut haben! Selig sind sie, die ­Geschundenen und Gefolterten und Vergewaltigten und Verängstigten dieser Erde! Was für ein Kontrastprogramm zu all der Macht, Gewalt, zu all dem Auftrumpfen der Gewehre und der Furchteinflößung.

Selig sind, die anders handeln. Widerständig, mit einer unbändigen Hoffnung treten sie an gegen alles ­Unrecht, das die Erde beherrscht. Alle sind dabei offenbar gemeint, nicht nur die Gläubigen, die Rechtschaffenen, die Angehörigen einer bestimmten Klasse oder Religion. Eine inklusive Hoffnungsgemeinschaft, die Grenzen überwindet – das macht die Seligpreisungen so anstößig und so bewegend. Sie werden Christinnen und Christen immer wieder aufrütteln, sich nicht anzupassen, auch wenn das für eine Kirche manches Mal angemessen scheint. Die Kirchen tun gut daran, diese Gedanken des Jesus von Nazareth wachzuhalten, auch als selbstkritischen Faktor, wenn sie allzu ruhig werden angesichts der Lage der Welt. Die Seligpreisungen sind nicht eine Vertröstung auf eine bessere Welt, sondern eine Aufforderung zur Einmischung in unserer Zeit und Welt. Ihr Kraftpotenzial hat sich durch die Jahrhunderte immer wieder erwiesen.

Margot Käßmann