Das Wunder des Jona

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Klassiker der Bibel: Der Prophet im Bauch eines großen Fisches

Über den historischen Jona Ben-Amittai wissen wir so gut wie nichts. Nur dies, dass er aus Gat-Hefer stammte und ein Heilsprophet im 8. Jahrhundert vor Christus war, der die Wiederherstellung des arg gerupften Nordreichs Israel weissagte (2. Könige 14,25). Der literarische Jona aber machte Karriere. Er fand Eingang in die erzählte Welt der Meeresstürme, der zerborstenen Schiffe und Seeungeheuer, in der der lange Faden des Seemannsgarns von Jahr zu Jahr weitergesponnen wird. Denn da war ja die Sache mit dem großen Fisch, von der Martin Luther sagte: »Das kann wohl eine seltsame Schifffahrt heißen. Wer wollt’s auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wenn es nicht in der Schrift stünde?«

Ja, am Wunder des Jona haben sich viele Generationen abgearbeitet. Da waren die Biblizisten, die auf dem Wortsinn des erzählten Geschehens bestanden. Schlunde von Walfischen und anderen Seeungeheuern wurden vermessen. Seemannsgeschichten wie die vom verschlungenen und doch geretteten Fischer James Barthy von den Falklandinseln machten die Runde und stellten sich als Fälschung heraus. Und da waren die Rationalisten, die ihrer vernunftbesessenen Fantasie freien Lauf ließen. Der große Fisch sei gar kein Fisch gewesen, sondern ein Schiff mit dem Namen »Großer Fisch« habe den renitenten Propheten aus dem Wasser gezogen.
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Noch besser, da kurioser, vermutet ein Ausleger des 19. Jahrhunderts, der wahrscheinlich gerne zu tief ins Weinglas schaute, der schiffbrüchige Jona sei an Land gespült worden und daraufhin in einer Seemannskneipe »Zum Walfisch« versackt. So sind sie eben, die Biblizisten und die Rationalisten, verblendet von ihrer Aufklärungswut. Die einen halten das in der Realität Unmögliche für möglich, die anderen das in der Literatur Mögliche für unmöglich. Beide lassen das Wunder nicht Wunder sein! Worin aber besteht das Wunder des Jona? Darin, dass er drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches überlebte?

Erstens darin, dass der große Fisch zur »Kathedrale« wurde! Es sind die Psalmen Israels, die er im Bauch des Fisches betete, die ihm in aller Todesnot Trost und Hilfe brachten. Sie wurden dem, der vor Gott geflüchtet war, zum Rettungsanker.

Zweitens darin, dass es sie gibt, die verkehrte Welt. »Da muss der Fisch, der vorher des Todes Werkzeug war, des Lebens Werkzeug sein, und Jona muss durch denjenigen zum Leben kommen, durch welchen er zum Tode gefangen und geführt wurde« (M. Luther).

Dass die Umkehrung vom Tod zum Leben das eigentliche Wunder des Jona ist, das haben die Jesuserzähler scharfsichtig erkannt. Für sie war der dreitägige Aufenthalt Jonas im Fisch eine Analogie zu den drei Tagen, die der Menschensohn im Schoß der Erde ruhte (Matthäus 12,40), bevor er am Ostermorgen auferweckt wurde.

Drittens darin, dass Ninive, die böse Stadt, nicht böse bleiben muss. Aus dem ärgsten Feind Israels kann ein reuiger Sünder werden. Eine ganze Stadt kehrt um, mit Mann und Maus. Die Kurzpredigt des rebellischen Propheten? »Vierzig Tage noch, und Ninive wird untergehen!«, hat geholfen. Ninive, der Todeskandidat, darf leben. Jona aber, der verstockte, larmoyante Prophet, will sterben. Was für eine Ironie! Ist ihm noch zu helfen? Nur dadurch, dass ihn die göttliche Pädagogik unterm Rizinus einführt in die Schule der Barmherzigkeit, in der auch der zornige Gott umkehrt zum Menschen.

Nicht zuletzt aber ist das Wunder des Jona auch ein Wunder der Poesie. Es hat schon einen guten Grund, dass die alten Griechen das Wunder der Erschaffung des Lebens mitten in der Welt des Todes und das Wunder der Dichtkunst in ein und demselben Wort zusammenfallen ließen: Poiesis, Poesie, Schöpfung! Es ist diese vom biblischen Erzähler erschaffene narrative Welt selbst, die in ihrer Fabulierkunst für viele Dichter und ihre Leser durch Jahrhunderte hindurch zu einem Lebenselixier geworden ist. »Und jener Prophet? Vielleicht ist er noch immer unter uns. Vielleicht geht er wieder auf ein Schiff, zahlt gut, um vor Gott zu flüchten. Vielleicht schläft er sogar in einem entlegenen Winkel über seinem Gewissen, und der Sturm hat ihn noch nicht wachgerüttelt« (M. Strigler).

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.