Eigene Grenzen überschreiten
11. Juni 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH
Anhand der biblischen Geschichte vom Feldhauptmann Naaman (2. Könige 5) wenden wir uns dem Thema Heilung zu. In einer dreiteiligen Serie wird beleuchtet, wie Naaman geheilt wird und welche seiner Erfahrungen uns auch heute helfen können.
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung ist für Naaman, den erkrankten Feldhauptmann, das Eingeständnis eigener Hilfsbedürftigkeit. Er geht auf den Rat der Dienerin seiner Frau nach Israel, um dort Heilung und Hilfe für sich zu suchen. Dabei muss er nicht nur die Grenze seines Landes überschreiten, sondern auch die Grenzen seines bisherigen Glaubenshorizontes.
Naaman geht zum Propheten Elisa in der Erwartung, dass ein magisches Ritual an ihm vollzogen wird, so wie die Heiler das in Aram und in der Antike getan hätten. Doch als Naaman vor Elisas Haus steht, lässt dieser ihm durch einen Boten mitteilen: »Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.«
Elisa kommt bewusst nicht aus dem Haus zu Naaman heraus, um deutlich zu machen, dass die Heilkraft nicht bei ihm auf magischer Ebene liegt, sondern bei Gott selbst. Naaman muss eine Grenze des Glaubens überschreiten, ein magisch verfasstes Welt- und Heilungsverständnis verlassen, um ein Vertrauensverhältnis zum Herrn des Heilens zu gewinnen. Denn im Horizont des Glaubens bedeutet Heilung einerseits das Vertrauen zu Gott. Dabei sind Menschen auf die Vermittlung angewiesen. Heilendes Handeln ereignet sich durch ärztliches Tun. Den Rahmen bildet dabei die medizinische Kunst und das Vertrauen in sie ist wichtig. Erkrankungen der Haut bedürfen je nach Schwere einer medizinischen Betreuung. Eine Heilmethode, durch die die Ursache beseitigt wird, steht nicht in jedem Fall zur Verfügung, etwa bei falschen Reaktionen des Immunsystems auf Grund genetischer Veranlagung. Oft können nur die Symptome behandelt werden.
Naaman muss die Grenze seiner Lebenseinstellung überschreiten. Ihm leuchtet nicht ein, dass er sich im Jordan waschen soll. Die Flüsse in Aram hält er für viel geeigneter. »Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?« Diese seine Haltung ist Ausdruck von Überheblichkeit.
Die Diener Naamans treten mit den Worten an ihn heran: »Wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein?« Der Weg zur Änderung der Lebenseinstellung und -haltung beginnt hier im Gespräch mit Menschen, die andere Erfahrungen haben. Der Diener Naamans ist ohne Macht und ohne Selbstbestimmung. Seine Stärke ist, dass er sich selbst gegenüberstehen kann. Er weiß, wie viel im Leben unverdient ist.
Naaman muss sich aus dem Korsett seiner Ideale, seinem Leistungsdenken befreien lassen.
Er lässt sich von seinen Dienern überzeugen, taucht im Jordan siebenmal unter. »Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein.« Durch welche Erfahrung mag Naaman rein und heil geworden sein? Wodurch wurde er zur neuen Einsicht über Gott geführt?
Er hat sich im Jordan siebenmal gewaschen. Die Sieben gilt als heilige Zahl. Das Grundwort für Waschen ist hier ein Fachbegriff für die rituelle Reinigung vor Gott. Die griechische Übersetzung dieses Begriffes wird im Neuen Testament im Rahmen der Taufhandlung für den Moment der Reinigung verwendet.
Der Vorgang, der hier beschrieben wird, verändert Naamans Einstellung zu sich selbst und zu Gott grundlegend. Die Rückkehr zum Propheten wird darum mit einem Bekenntnis verbunden sein: »Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.«
Indem Naaman wahrnimmt, dass er vorbehaltlos angenommen wird, tritt er in den Machtbereich Gottes ein. Vor sich selbst muss er nicht mehr machtbewusst, unverletzbar und dynamisch sein. Es kommt darauf an, alles loszulassen, was ihn hindert,
sich in seiner Haut wohl zu fühlen.
Viele Naturheilmethoden wie Meditation, Atemtherapie oder autogenes Training können helfen, loszulassen und frei zu werden von krankmachenden Einstellungen. Heilendes Handeln im Horizont des Glaubens und die christliche Meditation haben zum Ziel, die Gegenwart Gottes bewusst wahrzunehmen, sich bewusst in den Machtbereich Gottes zu stellen.
Jürgen Wolf
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Hermsdorf. Nebenamtlich ist er Dozent für Praktische Theologie im Kirchlichen Fernunterricht.
Erfolgreich, anerkannt, hautkrank
3. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
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Wie der Feldhauptmann Naaman vom Aussatz geheilt wurde – Wege zur Heilung
Anhand der biblischen Geschichte vom Feldhauptmann Naaman (2. Könige 5) wenden wir uns dem Thema Heilung zu. In einer dreiteiligen Serie wird beleuchtet, wie Naaman geheilt wird und welche seiner Erfahrungen uns auch heute helfen können.

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH
Naaman, ein Feldhauptmann der Aramäer, leidet an einer Erkrankung der Haut, die auch mit dem Begriff Aussatz oder Lepra bezeichnet wurde. Erkrankungen der Haut können unterschiedliche Ursachen haben: die Infektion mit einem Erreger, ein irregeleitetes Immunsystem oder eine genetische Veranlagung. Bestimmte Lebenserfahrungen und Umstände führen dann zum Ausbruch der Symptome. Die Heilung ist mitunter sehr schwierig. Naaman geht einen Weg zur Heilung, auf dem nicht nur die Krankheit verändert wird, es verändert sich auch seine Haltung zum Leben. In dieser biblischen Geschichte von Naaman ist eine tiefe Weisheit enthalten, die auch uns heute Wege der Heilung zeigen kann.
Naaman ist ein erfolgreicher Feldhauptmann, der von seinem König wertgeschätzt wird. Von Naaman heißt es, »durch ihn gab der Herr den Aramäern Sieg«. Doch trotz seines Erfolges fühlt Naaman sich nicht wohl in seiner Haut. So können auch heute Menschen erfolgreich sein, aber ihre innere Selbstwahrnehmung ist eine andere. Sind es Zwänge und der Druck, immer erfolgreich sein zu müssen? Ist es bei Naaman die Angst, die Wertschätzung des Königs zu verlieren? Der Text selbst gibt darüber keine Auskunft. In tief gehenden Gesprächen mit hautkranken Menschen klingen aber solche Momente an.
»Die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans.« Diese Dienerin weiß Rat, wie Naaman geheilt werden könnte. Sie weist auf die Möglichkeit der Heilung durch den Propheten Elisa in Israel hin: »Ach, dass mein Herr bei dem Propheten in Samaria wäre! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.« (2. Könige 5,2) Damit beginnt für Naaman der Prozess einer Heilung. Gleichermaßen ist es ein Weg mit Grenzüberschreitungen.
Naaman geht zu seinem König. Dieser sendet ihn mit einem Schreiben zum König nach Samaria. Der König zerreißt seine Kleider, als er den Brief liest, weil der aramäische König darum bittet, dass er, der König von Israel, Naaman heilen soll. Das Zerreißen ist Ausdruck des Entsetzens und der Trauer. Der König von Israel macht darin auch deutlich, dass nur Gott von Krankheiten heilen kann. »Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen kann«, sagt er. Er wittert auch die Suche nach einem Kriegsgrund oder Spionage. »Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht.«
Naaman ist einen innerlich weiten Weg gegangen. Bereits die Einsicht, dass er Hilfe braucht, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung. Das Eingeständnis von Hilfsbedürftigkeit ist auch ein Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit, der eigenen Endlichkeit und Machtlosigkeit. Naaman, der erfolgreiche, der mächtige und der militärisch unverletzliche Staatsdiener, muss sich eingestehen, dass er Hilfe braucht. Diese Hilfe vermittelt ein Mädchen. Es ist Opfer eines Raubzuges und wie viele Opfer von Raubzügen in seiner Selbstbestimmung verletzt. Gleichermaßen ist es aber stark genug, Wege zum Heil und zur Heilung zu sehen, gerade durch seine Verletzungen. Dieser offene Blick des Mitgefühls und der Wegweisung ist Ausdruck einer Stärke, die aus der Verletzung erwächst.
Aus einer Verletzung kann Stärke erwachsen. So kann auch uns Hilfe vermittelt werden durch die Aufmerksamkeit auf das Starke, das aus einer Verletzung entspringt und uns zur Selbsterkenntnis führt. Dieser Gedanke entspricht nicht den Idealen unserer Zeit von Jugendlichkeit, Dynamik und Leistungsstärke. Wenn wir dieser Einsicht folgen, müssen wir wie Naaman die Grenze des Landes überschreiten, in dem Stärke, Macht und Jugendlichkeit gelten. Jenseits dieser Grenze findet sich Selbsteinsicht, aber auch ein Weg zur wahren Heilung.
Jürgen Wolf
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Hermsdorf. Nebenamtlich ist er Dozent für Praktische Theologie im Kirchlichen Fernunterricht.
