Wenn der Sohn plötzlich geht …

20. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Freya von Stülpnagel hat die Trauer über den Freitod ihres eigenen Kindes durchlitten

Der Freitod eines nahestehenden Menschen hinterlässt Betroffenheit, Trauer und oft auch Schuldgefühle. Freya von Stülpnagel hat dies persönlich durchlitten.

Es ist Frühling 1998 und Freya von Stülpnagel erholt sich mit ihrer Familie für einige Tage im Skiurlaub. Da erreicht sie die Nachricht vom Freitod ihres Sohnes Benni. Von diesem Moment an ist ihr altes Leben für immer vorüber. Zunächst gerät sie in eine Schockstarre. Tagelang isst sie nichts. Nächtelang schläft sie nicht. Ihre Seele und ihr Körper tun weh. Sie weint und weint. Die Familie steht zusammen, aber auch das kann den Schmerz kaum lindern. »In den ersten Tagen«, sagt sie heute, »ging es einfach nur ums eigene Überleben.« Den Tod eines Kindes könne man nicht denken. Er sei gegen die natürliche Ordnung und deswegen so unfassbar.

Die Trauer ins Leben integriert: Freya von Stülpnagel hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Foto: Stephan Rumpf

Die Trauer ins Leben integriert: Freya von Stülpnagel hat ihren Sohn durch Suizid verloren. Foto: Stephan Rumpf

Am Beginn ihres Trauerprozesses ist ungewiss, ob und wie sie diesen Schicksalsschlag verkraften wird. Einige Zeit arbeitet sie noch weiter in ihrem Beruf als Lehrerin. Das gibt ihrem Alltag Struktur. Irgendwie muss es ja weitergehen. Aber sie kann es irgendwann nicht mehr aushalten, vor Jugendlichen zu stehen, die so alt sind wie ihr Benni, als er starb.

Benni wurde nur 18 Jahre alt. Er ist eines von vier Kindern der von Stülpnagels. Ein fröhlicher Junge, der den Eltern viel Freude bereitet. Als Jugendlicher bekommt Benni plötzlich seelische Probleme, die die Eltern zur damaligen Zeit nicht einordnen können. Es ist eine Depression, die ihn niederdrückt und schwer belastet. Einmal äußert Benni kurz: » Wenn ich nicht wieder gesund werde, bringe ich mich um.« Für Freya von Stülpnagel ist Selbsttötung ein absolutes Tabu. Damals weiß sie noch nicht, dass es in ihrer Familie in dieser Hinsicht eine Belastung, eine Vorgeschichte gibt. Auch ihre Großmutter und ihre Großtante hatten sich das Leben genommen. Niemals jedoch verlor die Familie darüber ein Wort. Es gehörte sich nicht.

So geht sie, aus heutiger Sicht viel zu schnell, über die flüchtig hingeworfene Bemerkung Bennis hinweg. Später leidet sie deswegen an Schuldgefühlen wie alle Eltern, denen »so etwas passiert«. Die Frage danach, was man hätte tun können, ob man es hätte verhindern können, treibt viele verwaiste Eltern um. Die Leichtigkeit des Seins, die Unbeschwertheit des Lebens, wird mit dem Kind zu Grabe getragen.

Freya von Stülpnagel durchleidet eine exzessive Trauerphase. Ihr Pfarrer sagt, dass er selten einen Menschen gesehen hat, der seiner Trauer einen solchen Ausdruck zu verleihen wusste. Er weiß in dem Moment aber auch, dass diese Frau ihre Trauer verarbeiten wird, weil sie ihren Schmerz nicht verdrängt, sondern »herauslässt«.

Es dauert viele Monate, bis sich in ihr endlich wieder ein kleines Fünkchen Lebensmut meldet. Eine Sehnsucht nach Leben, der Wunsch, die Zeit, die ihr noch gegeben ist, auszufüllen und gut zu nutzen. Sie kündigt ihren Lehrerberuf auf und widmet sich dem Dienst an verwaisten Eltern. Die Selbsthilfegruppe ihrer Kirchengemeinde, die sie zunächst als Betroffene besucht, steht heute unter ihrer Leitung. Sie arbeitet als Trauerbegleiterin und gestaltet Trauerfeiern. Bislang schrieb sie zwei Bücher (siehe unten), in denen sie ihre Erfahrungen zu Papier brachte.

Heute hat sich Freya von Stülpnagel mit ihrem Schicksal ausgesöhnt. Sie sagt: »Es geht mir gut. Ich habe den Verlust von Benni in mein Leben integriert und kann gut damit umgehen.« Wichtig sei, dass in der akuten Phase der Trauer mindestens ein Mensch da ist, der zu einem steht, der die Trauer mit aushält, ohne zu vertrösten. Denn es gäbe keinen Trost beim Verlust des eigenen Kindes. Diese Untröstlichkeit gilt es anzuerkennen und offen damit umzugehen. Wichtig sei, authentisch zu leben, das Unfassbare zum Ausdruck zu bringen und immer wieder darüber zu sprechen.

Ihre Trauer, sagt sie, habe sich über die Jahre verwandelt. Sie sei inzwischen nicht mehr lebenshemmend, sondern lebensbegleitend.

Freya von Stülpnagel engagiert sich heute als Trauerbegleiterin im »Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister«. Regionale Gruppen gibt es auch in Mitteldeutschland. Sie sind auf der Internetseite des Bundesverbandes zu finden.

Petra Franke

www.veid.de

Buchtipp:
von Stülpnagel, Freya: Warum nur? Trost und Hilfe für Suizid-Hinterbliebene, Kösel-Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37067-2, 14,99 Euro
von Stülpnagel, Freya: Ohne dich. Hilfe für Tage, an denen die Trauer besonders schmerzt, Kösel-Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37049-8, 15,99 Euro

Hier finden Suizidgefährdete und deren Angehörige Hilfe
Kostenlos und rund um die Uhr stehen die rund 8 000 ehrenamtlichen Ansprechpartner der in ökumenischer Verantwortung betriebenen Telefonseelsorge allen Betroffenen zur Verfügung.
Rufnummern: (08 00) 111 0 111 und (08 00) 111 0 222
Daneben gibt es in Mitteldeutschland unter dem Dach der Diakonie Beratungsstellen mit qualifizierten Ansprechpartnern.

Diakonische Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt
Aschersleben: Ehe-, Lebens-, Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Silke Ben Amor, Eislebener Straße 5/6, 06449 Aschersleben, Telefon (0 34 73) 8 40 84 66
Bitterfeld-Wolfen: Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Iris Kroboth, Ratswall 18, 06749 Bitterfeld-Wolfen, OT Bitterfeld, Telefon (0 34 93) 4 26 49
Dessau: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Mandy Rüdiger, Georgenstraße 13-15, 06842 Dessau, Telefon (03 40) 2 60 55 34
Genthin: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Jana Berger, Magdeburger Straße 27, 39307 Genthin, Telefon (0 39 33) 80 18 41
Halle: Evangelische Beratungsstelle für Ehe-, Erziehungs-, Familien- und Lebensfragen, Silke Bauch, Kleine Märker Straße 1, 06108 Halle, Telefon (03 45) 2 03 10 16
Wittenberg: Erziehungs- und Familienberatung, Jana Ehrlich, Juristenstraße 1–2, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Telefon (0 34 91) 40 60 24
Magdeburg: Erziehungs- und Familienberatung, Susanne Granse, Leibnizstraße 48, 39104 Magdeburg, Telefon (03 91) 5 32 49-13
Quedlinburg: Familienberatungsstelle, Christine Schwindak, Carl-Ritter-Straße 16, 06484 Quedlinburg, Telefon (0 39 46) 37 40

Diakonische Beratungsstellen in Thüringen
Gera: Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensberatungsstelle Gera, Katrin Teichmüller, Zabelstraße 2, 07545 Gera, Telefon (03 65) 7 73 63 21
Bad Langensalza: Beratungsstelle für Eltern Kinder und Jugendliche, Nadja Walter, Wiebeckplatz 3, 99947 Bad Langensalza, Telefon (03 03) 84 25 83
Eisenach: Evangelische Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensberatungsstelle, Roland Fleischer, Schillerstraße 6, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 26 03 40
Erfurt: Psychologische Beratungsstelle für Erziehungs-, Paar-, Familien- und Lebensberatung Frau Roth, Schillerstraße 12, 99096 Erfurt, Telefon (03 61) 3 46 57 22
Gotha: Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Claus Hild, Klosterplatz 6 99867 Gotha, Telefon (0 36 21) 30 58 40
Greiz: Evangelische Beratungsstelle für Ehe-, Familien-, Erziehungs- und Lebensfragen, Antina Eichler, Kirchplatz 3, 07073 Greiz, Telefon (0 36 61) 26 17
Meiningen: Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Ines Müller, Alte Henneberger Straße 2, 98617 Meiningen, Telefon (0 36 93) 5 01 90
Pößneck: Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Paar- und Lebensberatung, Gisela Külkens, Straße des Friedens 14, 07381 Pößneck, Telefon (0 36 47) 42 28 35
Saalfeld: Ehe-, Erziehungs-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Christiane Blaschke, Brudergasse 18, 07318 Saalfeld, Telefon (0 36 71) 45 58 91 20


Unsere Existenz – Gottes Treuebeweis

28. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Von der Treue im Kleinen und von Gottes großer Treue

Unübersehbar erinnert ein großes Transparent vom Kirchturm in Borna bei Leipzig an: »500 Jahre Martin Luther – 1517 – Thesenanschlag zu Wittenberg.« Das nenne ich »Treue«! Treue des Protestantismus. Unsere evangelische Kirche bekennt sich also bis heute zu den Protesten Luthers, die sich gegen Verzerrung und willkürliche Auslegung biblischer Lehren richteten. Luther weist auf die Bibel. Die Treue zur Heiligen Schrift bedeutete dem Reformator alles. Er war dafür bereit, in Worms sein Leben aufs Spiel zu setzen. Nur ein biblischer Gegenbeweis hätte ihn zum Widerruf bewegt. Welch Lehrstück!

Luther Treue zur Heiligen Schrift prägt den Protestantismus bis heute: Ein Relief am Sockel des Eislebener Lutherdenkmals zeigt den Reformator bei der Übersetzung der Bibel auf der Wartburg. Foto: Archiv

Luther Treue zur Heiligen Schrift prägt den Protestantismus bis heute: Ein Relief am Sockel des Eislebener Lutherdenkmals zeigt den Reformator bei der Übersetzung der Bibel auf der Wartburg. Foto: Archiv

Sein »Vierfaches Allein« prägen den Protestantismus wie den Pietismus bis heute: Allein die Gnade; Allein Jesus Christus; Allein der Glaube; Allein die Heilige Schrift.

Bei aller Positionssuche heute hat sich diese Lutherposition nicht geändert. Unter dem Wort »Treue« im Internet steht: »fest sein, sicher sein, vertrauen, hoffen, glauben, wagen«. Treue wird als eine Tugend bezeichnet, welche Verlässlichkeit einem anderen gegenüber ausdrückt.

In der revidierten Fassung der Lutherbibel von 1984 begegnet »Treue« im Guten etwa 220-mal, wobei die Treue Gottes überwiegt. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch beide Testamente. Das »Lied des Mose« in 5. Mose 32,3/4, jubelt: »Denn ich will den Namen des Herrn preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre! Er ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alles, was er tut, das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er.«

Treue in Familie und Gesellschaft

Paulus schreibt als erstes den Korinthern (1. Kor. 1,9): »Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.«

Ein Treuebeweis Gottes ist unsere Existenz. Hätte Gott nicht allen Grund, die Geduld mit uns Menschen zu verlieren? Wie oft schenkte er uns eine »zweite Chance« und wie selten haben wir aus Erfahrung gelernt. In den Klageliedern Jeremias 3,22f heißt es: »Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.« Wir haben unser Leben der Treue Gottes zu verdanken!

Treue ist der biblische Qualifikationsmaßstab für Mitarbeiter. »Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.« (1. Korinther 4,2) Dazu gehört die Treue im Alltag, im Miteinander der Familie, Gemeinde und Gesellschaft. »Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.« (Lukas 16,10)

Als Junge musste ich einmal auf Anweisung meiner Mutter fünf Pfennige, die ich beim Wechseln vom Bäcker zu viel erhalten hatte, zurückbringen. Das war ein heilsames Lehrstück für mein ganzes Leben.

Die »Treue im Kleinen« ist ein Übungsfeld für große Aufgaben.

Zur Treue gehören noch andere göttliche Eigenschaften. Was wäre Liebe ohne Treue? Schwächelt die Liebe, stabilisiert die Treue oder umgekehrt. Schon Jakob bat seinen Sohn Josef ihn aus Liebe und Treue nicht in Ägypten zu begraben (1. Mose 47,29).

Als David seinen Gegner Saul zur Rede stellt, spricht er von Gerechtigkeit und Treue. Ein andermal von Barmherzigkeit und Treue oder von Gnade und Treue. Die Psalmen erzählen von Güte und Treue Gottes. Welch ein treuer Gott!

Wie lange hält er das durch? Wird unsere Untreue seine Treue begrenzen? Paulus klärt das: »Dass aber einige nicht treu waren, was liegt daran? Sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben? Das sei ferne!« (Römer 3,3/4a)

Dennoch gilt hier Dietrich Bonhoeffers Warnung von der »Billigen Gnade«. Jesus stand als Einziger zur Ehebrecherin, aber er sagte ihr auch: »Tu’s nicht wieder.« (Johannes 8,11)
Unmissverständlich steht in der Bibel: »Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.« (1. Johannes 1,9)

Hervorzuheben ist auch Gottes Treue zu seinem Wort und zu seinem Volk. »Denn der HERR wird sich über Jakob erbarmen und Israel noch einmal erwählen und sie in ihr Land setzen.« (Jesaja 14,1) – Welch eine Liebes­erklärung!

Weil Gottes Treue berechtigte Hoffnung bewirkt, abschließend ein Vers aus dem Hebräerbrief 10,23: »Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat.«

Stefan Püschmann

Der Autor lebt in Chemnitz. Vor dem Eintritt in den Ruhestand war er Referent im Sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« des sächsischen Gemeinschaftsverbandes.

Tabus in der Familie

11. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Geheimnisse: Was zu tun ist, wenn es in der Familie etwas gibt, an das nicht gerührt werden darf.

Ein Geheimnis zu haben, muss nicht schlecht sein. Dunkle Geheimnisse jedoch, über die hartnäckig geschwiegen wird, können viel Unheil anrichten.

Von Karin Vorländer

Zum Schweigen verurteilt. Foto: picture-alliance

Zum Schweigen verurteilt. Foto: picture-alliance

Geheimnisse schützen das Private. Sie schaffen so etwas wie einen eigenen Raum, betont die Psychologin Ursula Nuber. Geheimnisse sind Vorfälle, Geschehnisse und Geschichten, die »im Heim« bleiben, die nicht für andere und für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Bei Geheimnissen unterscheidet Familientherapeutin Rosemarie Welter-Enderlin zwischen »Skeletten im Keller und Schätzen auf dem Dachboden«. Zu den »Schätzen« zählt sie alles, was einem Menschen allein gehören soll, was jemandem lieb und teuer ist – Tagebücher oder Liebesbriefe etwa. Aber es gibt auch die »Skelette«: dunkle, destruktive Geheimnisse, Lügen, Täuschungen und Tabus in der Familiengeschichte, an die niemand rühren darf und über die in einer Art Familienschwur hartnäckig geschwiegen wird: Die Nazivergangenheit eines Großvaters, eine Abtreibung, der Suizid einer Tante, die Alkoholsucht der Großmutter, Missbrauch, Straffälligkeit eines Familienmitglieds, eine Adoption, ein uneheliches Kind, Bereicherung mit unlauteren Mitteln, Homosexualität eines Familienmitgliedes. Im Prinzip kann jedes Thema zum Geheimnis werden, wenn es als peinlich gilt, wenn es real oder gefühlt nicht zu den Idealen passt, die die Familie nach außen hin vertritt.

Wer ein destruktives Geheimnis hütet, muss enorm viel psychische Kraft und mentale Arbeit aufbringen. Ständiges Lügen, Täuschen und Verschweigen brauchen so viel Energie, dass die emotionale Beziehung und die Kommunikation mit anderen in der Familie leiden. Die Angst vor ­Entdeckung führt häufig zu psycho­somatischen Erkrankungen oder zur Suchtgefährdung.

Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Familientherapie zeigen, dass dunkle Geheimnisse eine Partnerschaft und eine Familie erschreckend nachhaltig belasten. Sie können sogar über Generationen hinweg Unheil anrichten, wenn sie nicht aufgedeckt werden. Dabei leiden auch diejenigen, die von dem Geheimnis gar nichts wissen, oft schwer. Edelgard Meinolf* (56) und ihr Bruder Helmut* (44) litten genau wie ihre Mutter jahrelang an Depression. Helmut erlebte sich als bindungsunfähig, Edelgards Ehe scheiterte. Ihre Tochter litt an ständig neuen psychosomatischen Symptomen. Erst als Edelgard von ­einer Tante erfuhr, dass ihre Mutter als Kind vom Vater missbraucht ­worden war, fanden alle drei mit ­therapeutischer Begleitung aus dem dunklen Tal.

Oft schweigen auch die Opfer. »Wir haben unseren Kindern 15 Jahre lang nicht erzählt, dass wir Holocaust Überlebende sind – aber die haben gespürt, dass ein Schatten über uns liegt«, berichtet die KZ Überlebende Rahel Grünebaum (88). Sie hofft, dass die Generation ihrer Enkel endlich zu unbeschwerter Lebensfreude findet.

Vertuscht, gelogen, verschwiegen oder ­verdrängt wird aus Scham, aus Angst vor Strafe oder aus Furcht vor dem Verlust an Prestige, Geltung und Ansehen. Oft wird ein Geheimnis auch deshalb nicht offengelegt, weil Eltern glauben, Kinder könnten die Wahrheit nicht verkraften. Kinder, die von einem Geheimnis ihrer Eltern ausgeschlossen werden, spüren dennoch, dass etwas nicht stimmt. »Ich hatte immer das Gefühl, falsch, fremd und irgendwie verkehrt zu sein«, weiß Frauke Berkunin* (54), deren emotionale Unsicherheit sich als Kind und Jugendliche darin äußerte, dass sie ständig stolperte oder stürzte. Als ihre Eltern ihr kurz vor ­ihrer eigenen Hochzeit offenbarten, dass sie ein Adoptivkind ist, war sie ­erleichtert. Den offenen Umgang mit dem Thema Adoption halten Psychologen heute für richtig. Denn schon Kinder begreifen viel, wenn ihnen die Wahrheit einfühlsam gesagt wird.

Judith Wagner* (27) litt unter Schwindelanfällen. Als ihr Vater ihr nach dem Abitur offenbarte, dass er homosexuell ist, suchte sie psychologische Hilfe – und die Schwindelattacken verschwanden. Der Bitte ihres Vaters, das Geheimnis gegenüber den Geschwistern und der Großmutter zu bewahren, ist sie allerdings nachgekommen. »Ich habe nicht das Recht, ihn gegen seinen Willen zu outen«, sagt sie.

Das Geheimnis preiszugeben ist nicht angeraten, wenn dahinter nur die Hoffnung steckt, selbst sofort und unmittelbar Entlastung, Absolution und Verständnis zu erfahren. Ein Geheimnis, das aus Wut oder Rache eingestanden wird, hat eine schädliche Wirkung. Etwa wenn ein Kind in einer Konfliktsituation zwischen den Eltern vom vermeintlichen Vater erfährt, dass es »das Ergebnis« einer außerehelichen Beziehung der Mutter ist.

Gute Motive, ein Geheimnis zu lüften, liegen dagegen vor, wenn jemand ehrlich davon überzeugt ist, dass die Lebenskraft eines anderen dadurch gestärkt wird. Heidi Schlicht (62) erlebte es als – allerdings viel zu späte – Belebung ihres Lebens, als ihre 90-jährige Mutter ihr endlich offenbarte, dass ihr Vater ein russischer Zwangsarbeiter war. »Sie hat mir ein Bild von ihm gezeigt. Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, freue ich mich, dass ich seine Augen habe.«

Ein Familiengeheimnis zu lüften kann erleichtern, der Anfang eines neuen Lebens für alle Beteiligten sein. Es kann aber auch neue Probleme schaffen. Wut und Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Kränkung oder Scham und Unverständnis müssen verkraftet werden. Womöglich gibt es sogar Trennungen oder Abschiede. Vor einem klärenden Gespräch kann man Unterstützung in Form von professioneller Beratung in Anspruch nehmen und überlegen, ob der Zeitpunkt gut gewählt ist und in welchem Rahmen und wie das Geheimnis gelüftet werden soll.
(* Name geändert)

Buchtipps
Perner, Rotraud A.: Darüber spricht man nicht. Tabus in der Familie. Das Schweigen durchbrechen, Kösel-Verlag, 256 S., ISBN 978-3-466-30841-5, 14,95 Euro
Nuber, Ursula: Lass mir mein Geheimnis! Warum es gut tut, nicht alles preiszugeben, Campus Verlag, 239 S., ISBN 978-3-593-38234-0, 19,90 Euro; Audio-CD, ISBN 978-3-593-38462-7, 14,95 Euro