Worte gegen die Angst

26. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Advent: Wie die Wochen vor Weihnachten zu einer besinnlichen Zeit werden können, dazu hat der Benediktinerpater und Erfolgsautor Anselm Grün einige Empfehlungen. Mit ihm sprach Willi Wild.

In Ihrem Buch »Achtsam sprechen – kraftvoll schweigen« unterscheiden Sie zwischen dem Sagen, Reden und Sprechen. Worin liegt der Unterschied?
Anselm Grün: Es wird viel geredet und wenig gesprochen. Das wird auch begünstigt durch die kurze Sprache, die wir heute in sozialen Medien per SMS, Twitter oder Facebook verwenden. Dadurch reduziert sich unsere Sprache. Allerdings ist diese Form ja nur virtuell und geschrieben. Schreiben wirkt nie so wie Sprechen. Sprechen kommt immer aus dem Herzen. Und ich spür den ganzen Menschen. In der Stimme wird der ganze Mensch offenbar. Durch das Sprechen kann ein Gespräch, kann ein Miteinander, Gemeinschaft entstehen.

Pater Anselm Grün – Foto: Willi Wild

Pater Anselm Grün – Foto: Willi Wild

Als Christen haben wir aber nur das geschriebene Wort. »Am Anfang war das Wort.« Wo ist die Schnittstelle, der Übergang von der heiligen Schrift zur persönlichen Ansprache?
Anselm Grün: Wir haben nicht ganz genau die Sprache Jesu und die der Evangelisten. Aber wir dürfen vertrauen, dass die Evangelisten die Worte Jesu so überliefern, dass sie uns heute ansprechen können. Ich denke, wenn wir die geschriebenen Worte lesen, können wir schon etwas von der Sprache Jesu erahnen. Zum anderen ist es die Verantwortung derer, die die Bibel vorlesen, ob sie das aus dem Herzen tun oder sich nur selber gefallen wollen und sich mit den Worten schmücken. Wenn jemand durchlässig ist für die Worte Jesu, dann dürfen wir vertrauen, dass Jesus uns dadurch berührt.

Kann das auch passieren, wenn ich mir selber die Worte vorlese oder sie wie ein Mantra vor mir herbete?
Anselm Grün: Die frühen Mönche haben festgestellt, dass negative Gefühle durch Worte verstärkt werden. Die Angst wird verstärkt durch solche Worte: Was denken die anderen von mir, das kann ich nicht und ich bin zu schlecht. Und da sollte man dann ein Wort aus der Bibel nennen als Heilungswort, z. B. Psalm 118: »Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun?« Ich kann das Wort auch laut sprechen. Indem ich diesen Trost höre, fällt es leichter, dem Inhalt zu trauen. Ich komme dann durch das Wort in Berührung mit dem Vertrauen. Das Vertrauen wird gestärkt und die Angst hat nicht mehr so viel Macht über mich.

Wie kraftvoll ist das heilende, gesprochene Wort?
Anselm Grün: Bibelworte sind keine Zaubersprüche. Sie sind eher Teil in einem Prozess. Zunächst ist es wichtig, Ängste oder Verletzungen wahrzunehmen. Wenn dann ein Bibelwort in einer Situation gesprochen wird, können die Angst oder der Schmerz verwandelt werden. Wir streben heute nur noch nach Veränderung. Wir wollen alles im Griff haben. Der christliche Weg ist die Verwandlung. Worte können mich verwandeln. Können meine Angst langsam verwandeln, aber sie ist nicht total weg.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass das viele Reden oft nur dazu dient, der Stille auszuweichen. Wie halten Sie es selbst mit dem Schweigen?
Anselm Grün: Die ersten drei Stunden am Tag sind Schweigen und Beten. Wenn ich im Kloster bin, versuche ich, abends auch zu schweigen. Auf langen Autofahrten schweige ich meistens oder höre Musik. Nicht nur Berieselung, sondern, um wach zu bleiben. Um aufmerksam Musik zu hören, muss ich auch schweigen können.

Haben Sie eine Empfehlung für Stille und Schweigen im Alltag?
Anselm Grün: Da empfehle ich einfache Rituale. Beispielsweise die Hände auf der Brust zu kreuzen und einfach sich selber anzunehmen mit allen Gegensätzen. Das Kreuz ist ein Bild für das Kreuz Jesu: Jesus umarmt uns am Kreuz. Und weil wir von Christus umarmt sind, umarmen wir uns selber. Das Kreuz ist auch ein Schutz für unseren inneren Raum. So spüre ich: Da unter dem Chaos ist ein innerer Raum der Stille. Am Abend halte ich Gott den Tag hin, ohne ihn zu bewerten. Ich will vertrauen, dass Gott all das, was war, in Segen verwandeln kann. So kann ich still und ruhig werden.

Tschechien: Neue Qualität der Erinnerungskultur

22. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eigentlich hatte ich damit abgeschlossen«, sagt Liane Jung, als sie über die 70 Jahre zurückliegenden Ereignisse in ihrem Geburtsort Peterswald, dem heutigen Petrovice, spricht. Als Neunjährige wurde sie im Mai 1945 mit ihrer Mutter aus dem Dorf direkt an der Grenze zu Sachsen als eine der ersten Deutschböhmen vertrieben. Doch nun ist sie wieder von der Erinnerung überwältigt, Tränen stehen ihr in den Augen. Die berüchtigten tschechischen Revolutionsgarden hatten sie morgens vier Uhr aus dem Haus geholt und zusammen mit anderen Dorfbewohnern einfach hinter der Landesgrenze im sächsischen Hellendorf (heute ein Ortsteil von Bad Gottleuba-Berggießhübel), abgesetzt.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Erst kurz zuvor hatte Präsident Edvard Benes wieder die Macht übernommen und die Trennung von der deutschen Minderheit als Reaktion auf die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis formuliert. Liane Jung gehört zu den Letzten, die das Grauen der Vertreibung noch selbst erlebt haben. Das macht dieses Jubiläum so bedeutungsvoll als Zeitenwende in der Geschichtsschreibung. Gleichzeitig haben einige Ereignisse in diesem Jahr deutlich gemacht, wie viel sich in den letzten 15 Jahren verändert hat. Längst ist die Vertreibung der Deutschen, aber auch die Suche nach den eigenen, deutschen Wurzeln ein wesentliches Thema der tschechischen Zivilgesellschaft.

So verabschiedete die zweitgrößte Stadt des Landes, Brno/Brünn, in diesem Jahr eine Erklärung, in der die Opfer des berüchtigten Brünner Todesmarschs bedauert werden. Und die Stadt organisierte einen symbolischen Marsch der Versöhnung in umgekehrter Richtung. Brno steht dabei stellvertretend für viele andere Städte, in denen in der Vergangenheit in ähnlicher Weise die Geschichte aktiv aufgearbeitet wurde. Auch die tschechischen Medien widmeten sich ausführlich und in aller Breite der Vertreibung.

Eine völlig neue und drastische Form der Auseinandersetzung wählte der Abiturient Dominik Feri aus Teplice/Teplitz. Auf seiner im sozialen Netzwerk Facebook gegründeten satirischen Seite »Sudeten – der schönste Ort in der Hölle« bekommt jeder sein Fett weg. Damit macht er sich nicht beliebt, trotzdem zählt seine Seite nach wenigen Wochen bereits über 4 200 Abonnenten. Die größte Reaktion erzielte übrigens seine Aufforderung, jeder möge seinen Wohnort nennen, aber mit dem historischen deutschen Namen. »Das Thema braucht einen neuen Impuls«, begründete Feri seine Entscheidung, sich der Vertreibung und ihren Folgen satirisch zu nähern.

Für Liane Jung ist es ein großer Trost, erleben zu können, wie an die Stelle des Hasses und der Verbitterung aufrichtiges Interesse getreten ist. Dass in ihrem Heimatdorf nun sogar die Kirche wieder aufgebaut wird, macht sie glücklich. Für die 79-jährige ist ihre Flucht aber noch auf eine andere Weise aktuell geworden. In ihrem Haus in Bayern hat sie selbst eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen.

Steffen Neumann

Teuflische Macht gegen das Schöne

11. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Meditation zum Thema der Fastenaktion »Du bist schön«

Ich bin in einem Gefängnis. Und mein Körper ist die Mauer. Nein, das stimmt nicht ganz, auch wenn es sich so anfühlt. Die Mauer liegt tiefer. Gebaut ist sie aus Seelenbrocken, die sich auftürmen zu einem undurchdringlichen, uneinnehmbaren Ganzen. Keine Tür, kein Riss, keine Luke. Nur Mauer. Es ist die Mauer der Depression und der Angst. Seit Schulzeiten ist sie da. Es sind wohl schon 15 Jahre.

Durch die Mauer, in das Seelengefängnis, dringt kein Licht. Kein noch so kleiner Funken. Isolationshaft: Isoliert von mir, in mir. Und Gott? Gott schweigt. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ein hässliches Gesicht. Er trägt meine, von der Depression entstellten, Züge.

»Du bist schön.« Die Stimmen von außen werden absorbiert. Nur ein dunkles Murmeln dringt hindurch in das mauerumwehrte Innen. Die Depression ist klug wie eine Schlange. Sie zieht sich die Worte von außen an und verdreht sie in das Gegenteil. Das »Du bist schön« klingt, gemurmelt und gebrochen: »Du bist hässlich. Nicht nur von außen. Alles an und in dir ist hässlich.« Die Depression ist perfide. Sie schafft, dass ich der gemurmelt, gebrochenen, der Schlangenstimme glaube. »Ja«, sage ich ergeben, »ja, du hast recht.«

In den vielen langen Momenten der Klarheit, in denen die Mauer zu einem Mäuerchen zusammengeschrumpft ist, ist die Welt schön. Schlicht schön. Und schön schlicht. Das Grün an meiner Küchenwand, das samtige Abendlicht am Klinker des Hauses auf der anderen Straßenseite, die Fotos mit eingefrorenen Erinnerungen, der vom Fett durchgeweichte Pizzakarton vom Italiener um die Ecke – schön.

Da liegt ein Vaterstolz in der Luft nach den ersten Atemzügen der Welt.

Das Schöne rutscht, bricht, reißt

Vielleicht hat Gott eine Träne verdrückt nach sechs Tagen des Schaffens. Mit seinen Händen hat er eine Ahnung von sich selbst in den Lehm, das Wasser, in Alles eingeschrieben. Als wollte er sagen: »Seht das Schöne, Menschenkinder. Und seht mich.« Schön gemeint. Und schön gemacht. Alles Lebendige atmet Schönheit. Doch nicht lange. Durch die erste Sünde versandet das Schöne, das Hässliche zieht ein und spielt sich auf als mächtiger Gegner des Schönen. Das Schöne Gottes, das die Schöpfung ist, erodiert. Es rutscht, bricht, reißt. Die Schönheit des Anfangs ist eine Schönheit ohne Ideal. Sie ist rein. Reine Schönheit. Die Schönheit nach dem Apfelbiss ist gebrochen. Da ist Scham, Angst, da sind Mauern. Sie verstellen den Blick.

Als Joseph Ratzinger noch Papst Benedikt XVI. war, schrieb er: »Die Wahrheit ist schön, Wahrheit und Schönheit gehören zusammen: Die Schönheit ist das Siegel der Wahrheit.« Schön, wer das sagen kann. Heißt das: Wenn ich mich ganz, und nicht nur meine Hülle, als schön empfinde, ist dann Eden in mir? Ist dann die Tür zum ersten reinen Schönen des Paradieses offen? Ein Stück weit, wenigstens? Meine Gedanken verheddern sich. Gott ist Wahrheit. Wahrheit ist Schönheit. Ich bin Ebenbild. Bin ich wahr? Bin ich schön?

Die Depression glaubt dies nicht. Sie hat ihre eigenen Gesetze. »Das Leben, dein Leben ist Falschheit. Und Falschheit ist hässlich. Beides gehört zusammen und besonders bei dir. Deine innere Hässlichkeit besiegelt deine Falschheit«, sagt sie und ich gebe ihr die Hand und gebe ihr recht. Sie wächst ein bisschen und grinst mich überlegen an.

Benedikt XVI. schreibt weiter: »Und es scheint gleichsam, als wolle der Teufel ständig die Schöpfung beschmutzen, um Gott zu widersprechen und seine Wahrheit und Schönheit unkenntlich zu machen.« Teuflisch ist es, was die Krankheit macht. Als trenne sie mich ab von allem, was Leben, was Schönheit spendet. Alles, was ich von Gott weiß, ist weg. Es wird unglaublich, unglaubbar. ER wird unglaubbar, unglaubwürdig.

Gerne würde ich die Krankheit abschneiden wie faules Fleisch. Und dem, was ich von Gott und mir weiß und glaube, wieder Glauben schenken. Zu mir sagen: »Du bist schön.« Aber ich kann sie nicht abschneiden, ohne zu verbluten. Denn das bin auch ich. Das Finstere, Dunkle ebenso wie das Helle und Leichte.

Die Stimme des vaterstolzen Gottes

Zufällig lese ich einen Satz, den ein guter Freund bei Facebook teilte. Er stammt von dem Komponisten Georg Alexander Albrecht: »Wo Menschen sind, wird geliebt. Wo geliebt wird, gibt es Schönheit.«

Einige Tage später sehe ich wieder auf diesen Text hier. Ich möchte ihn ändern, am liebsten löschen. Und rufen: »Das bin ich nicht.« Lange, lange höre ich in mich. Leise, ganz leise, sage ich: »Doch, das bist du.« Und von irgendwoher, ich weiß nicht woher, klingt ein Echo in meiner Seele. Flüsternd fast. Ich muss mich ausstrecken danach. »Ja, das bist du«, echot es in mir. Die Stimme des vaterstolzen, tränennassen, ahnungschenkenden Gottes. »Und so bist du schön.«

Stefan Körner

Israel: Erstmals Gedenktag für Juden aus arabischen Ländern

26. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Am Sonntag, den 1. Advent, wird in diesem Jahr erstmals in Israel mit einem offiziellen Gedenktag an den Exodus der Juden aus den arabischen Ländern erinnert. Kurz nach der Gründung des Staats Israel, Anfang der 1950er Jahre, kam es in allen arabischen Staaten von Marokko über Ägypten, Jemen und Syrien bis zum Irak zu einer fast vollständigen »ethnischen Säuberung« von Juden. Jüdische Gemeinden, die 2 600 Jahre existierten, wie im biblischen Babylon, dem heutigen Irak, oder 2 000 Jahre, wie in Nordafrika, wurden ausgelöscht. Über eine Million Menschen mussten ihr Hab und Gut, darunter auch uralte Handschriften und Thorarollen, zurücklassen.

Etwa 850 000 kamen nach Israel, wo sie in Flüchtlingslagern oder in den Häusern geflohener Araber untergebracht wurden. Heute machen Juden aus den arabischen Ländern etwa die Hälfte der Bevölkerung Israels aus. Obgleich diese Juden und ihre Nachfahren noch die verschiedenen arabischen Dialekte sprechen und ihre mitgebrachte arabische Kultur mit Gesang und eigener Küche pflegen: Wegen ihrer traumatischen Erfahrungen bei der Vertreibung bieten ausgerechnet sie keine Brücke zu der mit Israel verfeindeten arabischen Welt.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

In vielen arabischen Ländern wie Libyen lebt heute kein einziger Jude mehr. In Ägypten ist kürzlich die Vorsitzende der nur noch aus zehn Seelen bestehenden Gemeinde in Kairo gestorben. Im Irak, wo einst eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden der Welt bestand und wo der Talmud, das wichtigste jüdische Gesetzeswerk, verfasst worden ist, sollen noch 13 Juden verblieben sein. Ob es in Syrien noch Juden gibt, ist fraglich, obwohl Damaskus und Aleppo einst wichtige jüdische Zentren waren. Ebenso der Jemen, wo heute angeblich nur noch etwa 100 Juden unter Polizeischutz leben. Um die wenigen in der arabischen Welt zurückgebliebenen Juden nicht zu gefährden, geizt die »Jewish Agency« mit genauen Angaben. Diese Organisation bemüht sich mit Hilfe von Vermittlern anderer Nationen, die letzten arabischen Juden nach Israel zu bringen.

Über das Schicksal dieser Juden aus der arabischen Welt wird in Israel fast nie gesprochen. Eine hebräische Facebook Seite mit dem Titel »Ich bin ein Flüchtling« hat nur etwa 2 000 »Freunde« und wurde 2013 zum letzten Mal aktualisiert. Bei der Friedenskonferenz von Madrid 1991 wurde das Flüchtlingsthema angesprochen, wobei 750 000 arabische Flüchtlinge aus Palästina den 850 000 jüdischen Flüchtlingen aus den arabischen Ländern gegenüberstehen. Während sich über 100 UN-Resolutionen mit den palästinensischen Flüchtlingen befasst haben und sogar eine separate Flüchtlingshilfeorganisation (UNRWA) allein für diese Gruppe geschaffen worden ist, hat die UNO nicht eine einzige Resolution zu den jüdischen Flüchtlingen aus der arabischen Welt verabschiedet.

Neben teilweise erheblichen Geld- und Sachwerten sollen die Juden bei ihrer Flucht Privatland zurückgelassen haben, das etwa der 14-fachen Größe des Staates Israel entspricht. Doch der Umfang des jüdischen Privateigentums in den arabischen Ländern, für das niemals Entschädigung gezahlt wurde, wird bisher von den israelischen Behörden wie ein »Staatsgeheimnis« behandelt.

Ulrich W. Sahm

Auf der Suche nach dem »wahren Leben«

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die junge Generation hat es schwer, ihren Weg zu finden

Über zwei Millionen Menschen haben sich das Gedicht der jungen Psychologiestudentin Julia Engelmann im Internet angeschaut. Bis in die Hauptnachrichten hat es dieser kleine Film auf der Internet-Plattform YouTube geschafft. Dabei ist es kein heiterer Film. Vielmehr handelt er – sehr berührend – von verpassten Chancen und Lebensträumen einer jungen Generation. Die Aussage des Gedichtes, das sich gegen die Lethargie junger Menschen wendet, lässt sich in einer Liedzeile bündeln, die sehr nachdenklich macht: »Eines Tages werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.«

Im Mai 2013 trat die Bremer Studentin und Schauspielerin Julia Engelmann beim Poetry Slam, einem Dichterwettstreit, an der Universität Bielefeld auf. Mit ihrem Aufruf, das Leben besser zu nutzen, hat sie einen Internet-Hit gelandet. Mit dem, was sie da poetisch vorträgt, berührt die 21-jährige Psychologie- Studentin offensichtlich das Herz vieler Menschen – und hält gleichzeitig der Generation Facebook und den Smartphone-Besessenen einen Spiegel vor. Sie spricht über die Schwierigkeiten, die viele Menschen im Alltag davon abhalten, gelegentlich auch die eigenen Träume zu leben. »Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können«, sagt sie. »Ich würde gerne so vieles tun«, setzt sie nach. »Meine Liste ist so lang, aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.«   www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8. Foto: picture-alliance/dpa

Im Mai 2013 trat die Bremer Studentin und Schauspielerin Julia Engelmann beim Poetry Slam, einem Dichterwettstreit, an der Universität Bielefeld auf. Mit ihrem Aufruf, das Leben besser zu nutzen, hat sie einen Internet-Hit gelandet. Mit dem, was sie da poetisch vorträgt, berührt die 21-jährige Psychologie- Studentin offensichtlich das Herz vieler Menschen – und hält gleichzeitig der Generation Facebook und den Smartphone-Besessenen einen Spiegel vor. Sie spricht über die Schwierigkeiten, die viele Menschen im Alltag davon abhalten, gelegentlich auch die eigenen Träume zu leben. »Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können«, sagt sie. »Ich würde gerne so vieles tun«, setzt sie nach. »Meine Liste ist so lang, aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.« www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8. Foto: picture-alliance/dpa

Man könnte meinen, einer jungen, schlauen und gut aussehenden Frau stände die Welt offen und das Leben läge ihr zu Füßen. Hört man aber einmal bewusst dieser Generation zu, wird man bemerken, dass eine tiefe Traurigkeit und Angst in ihnen ist. Dass sie nach außen vor Selbstbewusstsein strotzt, aber tief in ihrem Inneren von Selbstzweifeln zernagt ist. Woran mag das liegen, hab ich mich oft gefragt, wenn ich diese Mitzwanziger treffe und ihnen im Gespräch begegne.

Ich glaube, dass die mittlere und ältere Generation es einfacher hatte, ihren Lebensweg zu beginnen. Es gab klare Strukturen, Menschen und Institutionen, an denen man sich reiben konnte und eine Welt, die es einem nicht immer einfach gemacht hat. Wir, die Älteren von uns, lernten Fahrradfahren ohne Helm, man konnte auf Bäume klettern ohne Väter und Mütter, die unten standen und besorgt nach oben schauten. Die Wege unserer Kindheit hörten nicht 500 Meter hinter dem Elternhaus auf. Wer sich verletzte, wurde meist erst ausgeschimpft und bekam dann ein Pflaster. Wer Ärger in der Schule hatte, musste sehen, wie er selber damit klar kam. All das ist den jungen Erwachsenen versagt geblieben. Unter den besorgten Blicken der Eltern wachsen die meisten überbehütet auf. Sie werden verteidigt und umsorgt, wo es nur geht. Sicherheitsmaßnahmen werden überall ergriffen, dass keinem ein Leid geschieht. Eine Rechtschutzversicherung haben viele, damit sie gegen Lehrer und Institutionen klagen können. Vom »wahren Leben« werden sie gerne abgeschirmt. Alltagstauglichkeit steht bei den wenigsten im Erziehungsprogramm. Der Glaube als Lebensbegleiter findet nur noch selten statt.

Natürlich liegt es in der Natur der Eltern, dass sie wollen, dass es dem Nachwuchs gut geht. Aber wo endet es, wenn man versucht, alles Leid und Komplikationen des Lebens von ihnen fernzuhalten? Sind sie erwachsen, sind sie zutiefst verunsichert, was denn das nun eigentlich ist – das Leben. Selbst gemachte Probleme – mag man denken. Aber die Uhr zurückdrehen kann man ebenso wenig, wie den Lauf und den Geist einer Zeit.

Was wir aber machen können ist, dieser Generation zur Seite zu stehen. Ihnen – im besten Falle – als Vorbild dienen und sie unterstützen bei der Suche nach dem »wahren Leben«. Ihnen bei ihrer Angst beistehen, wenn sie vor all den Möglichkeiten, die sie heute haben, den Weg nicht finden. Und ihnen auch die Geborgenheit und den Trost in Gott vorleben.

Inge Wollschläger

Digitale Kommunikation

2. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: Über die Gefahren und Risiken von online-Beziehungen

Welche Auswirkungen hat die moderne Kommunikation und Erreichbarkeit rund um die Uhr? Wie geht es den Seelen im Netz? Um diese Fragen ging es bei einer ­Tagung der Evangelischen Akademie Berlin.

Schon lange wird nicht mehr nur über die phantastischen Möglichkeiten des world-wide-web geschwärmt, sondern vor allem in Deutschland auch über Gefahren und Risiken von online-Beziehungen und -Existenzen diskutiert. Kein Wunder also, dass sich auch die Kirchen darum kümmern, wie es den Seelen im Netz geht. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Berlin hat sich jetzt die Frage gestellt: Wie wirkt das Netz?

Für Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, sind die neuen Medien ein zweifach Ding. Einerseits sind sie ein Segen. Gerade das aktuelle Hochwasser habe gezeigt, wie moderne Kommunikation dazu beitragen kann, Solidarität zu organisieren. Auf Facebook-Seiten wurden Hilfegesuche etwa nach Notquartieren gepostet, die kurze Zeit später schon positiv beantwortet wurden. Für Bischof Meister ein Beweis für die Existenz eines »Empathie-Netzwerkes«.

Damit trage das Internet beinahe schon religiöse Züge. Auch Jesus forderte Nachfolge, so wie heute Twitter, facebook und andere Social Media. Nur gebe es anders als zu Jesu Zeiten eine neue Dynamik. Kommunikation ist derzeit global und funktioniert fast in Echtzeit. Und anders als Jesus, der sich für seine Botschaft sogar kreuzigen ließ, stehe hinter dem geposteten Wort keine Person mehr, die sich zu verantworten habe. Jeder darf alles ­sagen und schreiben, ohne dafür in der Regel persönliche Konsequenzen ziehen zu müssen.

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

»Es entsteht eine Gegenöffentlichkeit ohne Bremsen und ohne Filter. Darin kann man einen ungeheuren Gewinn an Autonomie und ein Beispiel enthierarchisierter Kommunikation sehen. Aber Shitstorms generieren große Mengen extremer Haßkommentare. Darin ist das Netz eben auch eine Welt der großen Logorrhoe geworden. Es ist eine krankhafte Sprachausbreitung«, warnt der Bischof.
Meister selbst hat zumindest mit Antritt seines Bischofsamtes seinen facebook-account gelöscht. Er möchte lieber analog Aug in Aug kommunizieren statt via Social Media.

Aber die medial-technische Entwicklung lässt sich durch persönlichen Verzicht kaum aufhalten. Die Kirchen müssen der Tatsache ins Auge schauen, dass die modernen Medien nicht nur den Alltag, sondern auch den Feiertag beherrschen. Der heilige arbeitsfreie Sonntag etwa ist ein Relikt aus dem analogen Zeitalter.

»Der Sonntag ist der stärkste Tag im Online-Einkauf. Selbstverständlich kann sich heute kein Anbieter mehr leisten 24 Stunden zu warten. Natürlich wird die Auftragsbearbeitung sofort erfolgen und natürlich wird ein Logistik-Zentrum auch am Wochenende bedient und dort wird gearbeitet. Das ist heuchlerisch zu ­sagen, die Läden müssen am Sonntag zu bleiben, aber der Handel online geht munter weiter«, weiß Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg.

Wer Sonntags in den Gottesdienst gehe und anschließend online shoppe, unterstütze diese Entwicklung. Gerade die Kirchen aber müssten auf diese radikalen Veränderungen auf dem Konsummarkt eine ­sinnvolle Antwort finden. Durch die modernen Rund-um-die-Uhr-Medien wandelt sich die Arbeitswelt radikal. Sabria David betreibt in Bonn das Slow Media Institut. Sie rät Firmen: weniger Kommunikation sei oft mehr.
»Das berufliche Feld ist über die ­digitalen Techniken auf 24 Stunden,

7 Tage die Woche ausgeweitet. Es gibt keine privaten Rückzugsmechanismen mehr. Es wird permanente Erreichbarkeit verlangt. Wenn Sie in so einem ständigen Grundzustand von Alarmbereitschaft sind, dann hat das nachweisbar gesundheitsschädliche Auswirkungen«, warnt David.

Verantwortungsvolle Chefs sollten von ihren Untergebenen nicht den ­totalen stand-by-Modus fordern. Und auch während der Arbeitswoche lassen sich Datenströme sinnvoll reduzieren. Es gibt bereits Unternehmen, die bei der internen Kommunikation komplett auf E-Mails verzichten, weil manche Mitarbeiter bis zu 25 Wochenarbeitsstunden nur mit der Be-
arbeitung der elektronischen Post ­beschäftigt waren.

»Die kommunizieren wieder wie früher ganz analog, face to face oder per Telefon«, weiß Unternehmens­beraterin Sabria David.

Der hannoversche Landesbischof Meister rät dringend dazu, die alte christliche Tradition des Fastens auch auf den Medienkonsum anzuwenden. Wer ein Mal in der Woche oder vielleicht sogar ganz biblisch 7 Wochen verzichtet und offline lebt, bekommt den Kopf frei für anderes. Denn der Mensch sei mehr als nur die Summe der Informationen über ihn. Hinter jedem Mensch stecke auch ein Geheimnis, und das könne man eben nur ­analog entdecken. Manche nennen das dann auch ganz einfach Liebe!

Thomas Klatt