Maria aus evangelischer Perspektive
25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Ein neues Buch bietet einen Streifzug durch die Betrachtungsmöglichkeiten der Gestalt der Mutter Jesu

Es ist beachtenswert, wenn aus dezidiert evangelischer Perspektive ein Buch über Maria erscheint. Thomas A. Seidel und Ulrich Schacht haben im Auftrag der Evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden zu Erfurt in dem kürzlich erschienenen Sammelband »Maria. Evangelisch« Beiträge einer im Jahr 2008 stattgefundenen Tagung zur Gottesmutter Maria und andere Artikel zur Marienthematik publiziert.
Neben zehn Beiträgen, von denen die eine Hälfte theologische Reflexionen über Maria sind, und die andere Hälfte unter der Überschrift »Künstlerische Perspektiven« versammelt sind, ist die Übersetzung und der tiefsinnige Kommentar zum Magnifikat, dem Lobgesang Mariens in Lukas 1,46-55, von Martin Luther abgedruckt.
Seidel hat diesen umfassenden Essay eingeleitet. Wie in seinem Beitrag macht er hierin die Bildtheologie als hermeneutischen Schlüssel zum Verständnis der Person Mariens und des lutherischen Marienbildes stark: Vieles wird bei der biblischen und theologischen Rede über Maria verständlich, wenn man sie als metaphorische Rede versteht, z. B. die Jungfrauengeburt.
Luthers Kommentar zum Magnifikat, dem Herzstück des Bandes, steht im geistig-geistlichen Strom der monastischen Marienfrömmigkeit. Darin offenbart sich nicht nur seine für heutige Leser überraschende Zuneigung zu und Verehrung für Maria, sondern entfaltet auch seine Mariologie. In Maria scheint die menschliche Haltung des puren Empfangens der Gnade Gottes auf. Hierin besitzt sie Vorbildcharakter für alle Menschen. Sie »verkörpert das menschliche Gefäß, die empfangsbereite Seele, in die hinein das Wunder der Inkarnation geschieht«.
Auch wenn sich Maria selbst als niedrig einschätzte, wurde sie dennoch von Gott angeschaut (»denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut«) und dazu ausersehen, den Heiland zu gebären. Das bedeutet für Luther, dass auch wir trotz unserer Abgründe von Gott gnädig angeschaut werden. Dass aber gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther auf die Gnade Gottes und nicht auf den Verdienst Mariens zurück (»… denn er hat mir getan große Dinge«).
»Dass aber gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther auf die Gnade Gottes und nicht auf den Verdienst Mariens zurück«
Dieses Marienbild von Luther stellt die interpretative Leitlinie der spezifisch evangelischen Sicht auf Maria dar, was zu reflektieren ja Intention des Sammelbandes ist und in den einzelnen Beiträgen immer wieder aufleuchtet. Die Beiträge nehmen verschiedene theologische Zugänge zum Ausgangspunkt der Reflexion und bieten insgesamt einen guten Streifzug durch die Betrachtungsmöglichkeiten der facettenreichen Gestalt Mariens, also metaphorisch, dogmatisch, ökumenisch, spirituell, frömmigkeitsgeschichtlich, tiefenpsychologisch oder künstlerisch. Wer sich als interessierter Laie mit den verschiedenen Ebenen der Maria vertraut machen möchte, ist mit diesem Band gut beraten.
Neben den schriftlichen Beiträgen beeindruckt der Sammelband durch die knapp 30 Kunstbilder mit Motiven aus dem Leben Mariens oder anderen Mariendarstellungen, wie etwa den Schutzmantelmadonna-Darstellungen. Alle Abbildungen weisen aufgrund des hochwertigen Papiers eine sehr gute Druckqualität auf. Auch wenn der Band auf den ersten Blick wie ein Ausstellungskatalog anmutet, laden viele Bilder zur kontemplativen Betrachtung ein.
Man würde dem Sammelband nicht gerecht werden, verstünde man seinen Titel kontroverstheologisch. Das ausführliche Autorenverzeichnis bezeugt die ökumenische Intention des Bandes. Dort findet man neben evangelischen Autorinnen und Autoren, lediglich einen römisch-katholischen Autor aus Frankreich und einen altkatholischen Theologen.
Dennoch hätte es dem Band mit seinem ökumenischen Anliegen inhaltlich gut getan, die Stimme eines weiteren römisch-katholischen Theologen oder einer Theologin zu Wort kommen zu lassen und die im Band angestoßenen ökumenischen Impulse zu bündeln. Dann wäre ersichtlich geworden, dass die Differenzen in der Mariologie dank der ökumenischen Forschung heute gar nicht mehr so virulent sind.
Es ist Konsens, dass Maria eine unverwechselbare Stellung in der Gemeinschaft der Heiligen einnimmt und alles, was Maria geschah oder was Maria bewirkte, unter der absoluten Gnade Gottes stand (sola gratia). Die Antwort auf diese Gnadengabe ist nur durch ein im Glauben gegebenes Ja möglich (sola fide).
Martina Bär
Die Autorin ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt.
Seidel, Thomas A./Schacht, Ulrich (Hg.): Maria. Evangelisch, Evangelische Verlagsanstalt, 272 S., ISBN 978-3-374-02884-9, 19,80 Euro
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Einspruch!
11. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Im Blickpunkt
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Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro
Die Akten der Staatssicherheit gelten vielen als Kronzeugen für eine erfolgreiche Unterwanderung und Steuerung der DDR-Kirchen. Doch wie zuverlässig sind die Hinterlassenschaften?
Dass die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) trotz ihres erhaltenen Aktenbestandes von 178 laufenden Kilometern nicht ausreicht, um der DDR-Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, wird niemand infrage stellen. Was der Geheimdienst bienenfleißig, interessengeleitet und menschenverachtend an Informationen gesammelt hat, kann nicht für bare Münze genommen werden, sondern muss sich an anderen Quellen messen lassen. Selbst als zeitgeschichtliche Primärquelle können sie nicht dienen, obschon die Enthüllungsliteratur der 90er Jahre dies weitgehend praktiziert hat. »Wer dem problematischen Charakter der Stasiakten nicht Rechnung trägt, setzt ihr Zerstörungswerk fort«, ist sich der Thüringer Oberkirchenrat i. R. Ludwig Große sicher. »Auch die verheerende Wirkung missbrauchter oder fahrlässig gehandhabter Akten gehören zur Wirkungsgeschichte des MfS.«
1999 wurde Ludwig Große von seiner Landeskirche und der Jenaer Theologischen Fakultät beauftragt, Einflussversuche des MfS auf die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen und über sie auf die Organe des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR (BEK) exemplarisch zu prüfen und den Umgang mit Stasiakten aus hermeneutischer Sicht zu erörtern.
Der 1933 in Zeutsch geborene Tannrodaer Gemeindepfarrer, Saalfelder Superintendent, Leiter der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft und Eisenacher Oberkirchenrat für Ausbildung und Erziehung weiß, wovon er redet, war er doch selbst 28 Jahre lang aktenkundig im Visier der Staatssicherheit, wurde in drei operativen Vorgängen mit dem Ziel der Zersetzung bearbeitet und war wegen seines mutigen Auftretens der Lieblingsfeind staatlicher Stellen. Als Synodaler seit 1964 in Thüringen und seit 1974 auch im DDR-Kirchenbund, Mitglied in der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen, in der Beratergruppe zwischen ostdeutschem BEK und westdeutscher EKD und schließlich im Thüringer Landeskirchenrat, bekam der Theologe auf allen Ebenen Informationen aus erster Hand. Offizielle kirchliche Verlautbarungen, aber auch sorgsam archivierte interne Gremienprotokolle und persönliche Aufzeichnungen ermöglichten es, der vielschichtigen Wahrheit im Vergleich von Stasiakten, kirchlicher Überlieferung und Zeitzeugeninterviews näherzukommen. Wobei letzteren besondere Bedeutung zukommt, wenn es um die Geschichte einer Diktatur geht, in der Widerständiges aus naheliegendem Grund oft nur mündlich oder verschlüsselt weitergegeben wurde.
Nun liegt das Ergebnis der Recherchen vor in einem von der Evangelischen Verlagsanstalt herausgegebenem dicken Band mit dem Titel »Einspruch!« und einem Vorwort des letzten Thüringer Landesbischof Christoph Kähler. Gleich die ersten Buchseiten zeigen am Beispiel der Vorgänge um den Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen«, wie unterschiedlich bis gegensätzlich die verschiedenen Quellen reden. Während staatliche Stellen und das MfS von der gelungenen Spaltung der Landeskirchen einerseits und der Träger des Symbols und den Kirchen andererseits zu berichten wissen, dokumentieren kirchliche Informationen, u. a. im Blick auf das am 7. April 1982 stattgefundene Gespräch der Konferenz der Kirchenleitungen mit Staatssekretär Klaus Gysi in dieser Sache, eine geschlossene kirchliche Front. »Wer die staatlichen Texte mit den kirchlichen vergleicht, muss sich fragen: Ist hier von der gleichen Veranstaltung die Rede?«
Wenn ein Zeitzeuge die Akten ehemaliger Gegner liest und sie bei einer Fülle von Fallbeispielen mit eigenen Quellen und den Erfahrungen Dritter zusammenbringt, wird auch nicht die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit herauskommen. »Ein bewusst oder unbewusst wirksames Vorverständnis liegt jeder Untersuchung zugrunde, auch dieser«, gibt der Autor zu. Wer ihn kennt, wird ohnehin nicht eine leidenschaftslos nüchterne Bilanz erwarten, sondern eine Streitschrift.
Sie bietet auftragsgemäß und notwendigerweise keine lückenlose Chronik der MfS-Einflussversuche auf die Thüringer Kirche, sondern nur exemplarisch untersuchte Vorgänge und Texte. Wobei sich manches, was in der Superintendentur Saalfeld vor sich ging, nicht unbedingt auf alle anderen Regionen oder Landeskirchen übertragen lässt. Immer wieder wichtig ist dem Autor der Hinweis auf die von den Genossen völlig unterschätzte politische Wirkung biblischer Texte als Handlungsgrundlage einer Kirche, die Ludwig Große immer als Versammlung aller Gläubigen und nicht als Institution begreift.
Dass die Einschätzung der Kirche durch das MfS nach energischem »Einspruch« verlangt und deren geheime Akten der Auslegung bedürfen und nicht als Kronzeugen verwendet werden können, wird durchgängig deutlich. Und auch, dass jeder Vorgang für sich bewertet werden muss im Spiegel unterschiedlicher Aussagen. Wenn dafür jetzt mehr kirchliche Quellen und Zeitzeugenberichte zur Verfügung stehen als vorher, ist das ein Verdienst dieses Buches und seines kenntnisreichen Verfassers. Eine Unmenge von Anmerkungen, Dokumenten, umfangreiche Literatur-, Personen- und Sachregister fördern Verständnis und Weiterarbeit.
Christine Lässig
Große, Ludwig: Einspruch!
Das Verhältnis von Kirche und Staatssicherheit im Spiegel gegensätzlicher Überlieferungen,
Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig,
776 S., ISBN 978-3-374-02713-2, 38,00 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161
