Verhältnis der EKD zur Russisch-Orthodoxen Kirche

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD.  (Foto: EKD)

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD. (Foto: EKD)

Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) kriselt es. Was die EKD darüber denkt, erklärt Auslandsbischof Martin Schindehütte im Gespräch mit Benjamin Lassiwe.

Herr Bischof Schindehütte, nach der Wahl der geschiedenen Frau Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden kündigte der Leiter des Außenamtes der ROK, Erzbischof Hilarion Alfeyev, an, die Kontakte zur EKD abzubrechen. Wie sieht die EKD zurzeit ihr Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche?
Schindehütte:
Unser Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche darf man nicht eindimensional sehen. Wir haben derzeit einen offenkundigen ­Konflikt mit Erzbischof Hilarion und dem Außenamt der ROK, aus dem ein Problem für die Beziehungen mit der ROK insgesamt entstehen kann, aber nicht muss, denn wir hören auch Stimmen aus der Russisch-Orthodoxen Kirche, die an einer Fortsetzung des Dialogs interessiert sind. Dabei ist uns klar, dass wir keinen Dialog an unserer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann vorbeiführen werden. Wenn Hilarion zur Bedingung macht, den Dialog nur mit mir als Auslandsbischof fortzusetzen, um Margot Käßmann zu umgehen, dann geht das nicht.

Was hat denn der Dialog der letzten 50 Jahre eigentlich gebracht, wenn man jetzt in so eine Situation gerät?
Schindehütte:
Was wir jetzt erleben, ist eigentlich nichts Neues. Der Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche war immer auch schwierig. Meine Vorgänger Rolf Koppe und Heinz-Joachim Held standen als Auslandsbischöfe der EKD mehrfach vor Situationen, in denen die ROK damit drohte, den Dialog abzubrechen. Aber es ist immer weitergegangen – gerade zuzeiten des Eisernen Vorhangs waren die Gespräche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche wichtige Brücken zwischen Ost und West.

Worum geht es denn bei den Dialogen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche überhaupt?
Schindehütte:
Ich will mal Beispiele nennen: 2008 haben wir über die Menschenrechte als christliche Verpflichtung gesprochen. Auch die Themen Säkularisierung und Globalisierung waren von Bedeutung. Russland befindet sich zurzeit in einem gewal­tigen Säkularisierungsprozess. Wir in Deutschland haben bereits Erfahrungen damit, wie wir unter diesen Bedingungen unseren Glauben bezeugen können. Wir behandeln auch aktuelle Themen, von denen wir denken, dass wir voneinander lernen können.

Wie stellt sich die EKD eine Fortsetzung dieser Gespräche vor?
Schindehütte:
Wir hoffen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zur ökumenischen Grundhaltung zurückkehrt, wonach wir als Kirchen trotz ­aller Unterschiede miteinander reden, und akzeptieren, dass der ökumenische Partner manches anders macht als wir selbst. Dass russisch-orthodoxe Bischöfe im Dialog auf Margot Käßmann treffen, heißt ja nicht, dass sie deswegen in der eigenen Kirche Priesterinnen einführen müssen. Aber wir erwarten von ihnen, dass sie akzeptieren, dass wir uns für eine Bischöfin als Ratsvorsitzende entschieden haben – so wie wir es nicht zur Vorbedingung für einen Dialog machen, dass die Russisch-Orthodoxe ­Kirche Frauen im Priesterinnenamt zulässt.

Ende Januar findet vielerorts die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Wie sollen evangelische ­Kirchengemeinden reagieren, wenn russisch-orthodoxe Geistliche und Gemeinden teilnehmen?
Schindehütte:
Von evangelischer Seite gilt: Wir bleiben einladend und offen und freuen uns über jedes gemeinsame Gebet, das bei dieser Gelegenheit gesprochen wird. Wenn Geistliche der Russisch-Orthodoxen Kirche an der Gebetswoche teilnehmen wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen. Wir werden definitiv niemanden in die Ecke stellen – denn wir sind ökumenisch offen, und wollen das auch bleiben, trotz aller Spannungen, die wir zurzeit mit Moskau haben.