Der Vorsprung

18. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Stefan Petermann mit einer Illustration von Maria Landgraf

Der Vorsprung war die einzige Unebenheit am Berg. Einen knappen Meter ragte er aus dem ansonsten glatten Fels heraus und war kaum zwei Meter lang. Bis zum Boden musste es einen guten Kilometer sein, zum Gipfel deutlich mehr.

Ich trug warme Kleidung, dazu eine wasserabweisende Outdoor-Jacke und hatte außer einem sauber gefalteten Zellstofftaschentuch nichts bei mir. Von meinem Leben besaß ich eine ungefähre Vorstellung, ahnte, wo ich gewesen war, wen und was ich geliebt, wie ich meine Tage verbracht hatte. Einzelheiten konnte ich nur wenige benennen, Jahre keine. Gestern war so unfassbar wie alle Zeiten. Es gab den Vorsprung, und das, was sich zuvor ereignet hatte, verbarg sich in einem Nebel.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Ich blickte vom Vorsprung hinab. Weit ins Land konnte ich schauen. Da lagen Felder brach und Wälder rot, herrlich grün ein See, schwarz die Dörfer, rauchgrau die Straßen. In der Ferne zeichnete sich eine Gebirgskette ab. Ohne es genau bestimmen zu können, schien mir die Gegend vertraut. Menschen waren nicht auszumachen. Es war auffällig still. Geräusche, die zu einer solchen Landschaft gehören sollten, fehlten.

Wie ich auf den Vorsprung gekommen war, wusste ich nicht, doch musste ich alles daransetzen, ihn zu verlassen. Sorgfältig untersuchte ich den Felsen, fuhr mit den Fingern die Oberfläche des Gesteins ab, hoffte so, Unregelmäßigkeiten zu entdecken, Kanten, Zacken oder Brüche, die meinen Füßen und Händen Halt fürs Klettern bieten konnten. Doch da war nichts. Nur eine glatte Fläche. Stein war Stein.

Auch wenn ich keine Höhenangst verspürte, hatte ich Respekt vor der Höhe. Ein falscher Schritt würde den sicheren Tod bringen. Ich hatte von Fallschirmspringern gehört, die viele tausend Meter in die Tiefe gefallen waren und überlebt hatten, weil ein Heuhaufen ihren Sturz gedämpft hatte. Auf einen solchen Zufall durfte ich nicht hoffen. Würde ich vom Vorsprung stürzen, würde, noch bevor ich den Boden erreicht hätte, mein Körper an der Felswand zerschmettert sein. Ein Sprung würde mich vom Vorsprung bringen und zugleich töten.

Besser, ich würde gerettet werden. Also schrie ich. Schall verbreitet sich schnell und wird weit getragen. Im günstigen Fall würde ein Echo entstehen. Zuerst versuchte ich, meine Situation mit vielen Worten zu beschreiben. Bald gab ich die vielen Worte zugunsten eines einzelnen auf. Nach Stunden versagte mir die Stimme. Als ich sie wiedererlangte, schrie ich erneut. Sie versagte, ich schrie, ich schrie, sie versagte, ich verstummte, ich schrie.

Niemand hörte mich.

Ich warf winzige Steinchen den Vorsprung hinab. Trotz ihrer geringen Größe erreichten die Steine eine enorme Geschwindigkeit. Sie konnten eine Gerölllawine auslösen und jemanden verletzen, möglicherweise sogar töten. Insgeheim hoffte ich darauf. Der Tod eines Fremden würde die Wahrscheinlichkeit meiner Entdeckung erhöhen.

Bald stellte ich fest, dass Hunger und Durst mir keine Sorgen bereiten würden. Wenn ich ein Ziehen im Bauch verspürte, kratzte ich Flechten vom Fels. Den Flechten haftete ein erdiger Geschmack an, was mich gut sättigte. Tau, der sich am Morgen gebildet hatte, leckte ich von den Steinen. Wenn ich auf dem Vorsprung bliebe, würde ich überleben können.

Ich verstand, dass ich auf dem Vorsprung nichts zu befürchten hatte. Wenn ich genügsam Flechten kratzen und Tau lecken und mich wenig bewegen würde, würde ich in Sicherheit sein. Niemand würde zu mir sprechen, niemand mich bedrohen, nichts mir etwas anhaben können.

Als ich das begriff, lernte ich, den Vorsprung zu schätzen. Wenn mir die Tage lang wurden und ich in den Nächten kaum zur Ruhe kam, weil ich fürchtete, im Dämmern das Gleichgewicht zu verlieren und zu fallen, machte ich mir bewusst, welchen Schutz solch ein Ort bot und wie dankbar ich sein musste, ihn genießen zu dürfen.

Das Wetter blieb beständig. Ein Wechsel der Jahreszeiten war nicht auszumachen. Das Land lag unheilvoll friedlich vor mir. Die Flechten wuchsen nach, der Morgen brachte beständig neuen Tau. Nichts änderte sich, ich war geschützt.

Auch wenn ich wusste, dass der glatte Felsen mich nicht halten würde, ging ich eines Tages in die Knie, schloss die Finger um den Rand und ließ mich hinab, dem Boden entgegen, um den Vorsprung zu verlassen.

Aus: Petermann, Stefan: Der weiße Globus. Geschichten, Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Wartburg Verlag, 87 S., ISBN 978-3-86160-345-0, 14 Euro

Wenn wir dann noch leben …

17. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Großmutter denkt nach – Eine Erzählung von Kathrin van Booth mit einer Illustration von Maria Landgraf

Da sitz ich nun wieder, den kleinen Benjamin zu Füßen. Eben hat ihn meine Tochter vorbeigebracht, wie jeden Nachmittag zwischen zwei und sechs. Dazu die üblichen Ermahnungen: »Denk daran, keine Süßigkeiten, und wenn er noch so bettelt. Und verfall nicht in die Kindersprache, die wird er sonst niemals los. Und …« –

Das Übliche eben. Ich beklag mich ja nicht.

Bevor Benjamin in diesem Jahr eingeschult wurde, war er auch vormittags von neun bis zwölf Uhr regelmäßig bei mir. Es war etwas anstrengend, vor allem als er ins Fragealter kam: »Oma, sag mal …« Von meinen eigenen vier Kindern kannte ich das ja schon. Aber damals durfte ich – etwa bei der Mutter von Benjamin, die eine besonders hartnäckig Fragende war – schon mal sagen: »Still Kind, ich habe zu tun!« Entscheidende frühkindliche Schäden hat sie, glaube ich, davon nicht zurückbehalten – auch wenn sie mir bis heute vorwirft, dass ich früher nicht genügend Zeit für sie gehabt hätte. Diesen Vorwurf wird Benjamin seiner Mutter später einmal nicht machen müssen. Seine Großmutter hatte ja immer Zeit.

Hat sie das wirklich? Dank meiner Tochter, ja. Die hat nämlich damals bei meiner Pensionierung festgestellt, dass ich eine sinnvolle Beschäftigung brauche, damit ich mich weiterentwickeln kann, und nicht dem – wie sie es so liebenswürdig ausdrückte – »galoppierenden Altersschwachsinn« zum Opfer falle. Und sie half nicht nur mit Rat, sondern gleich mit Tat. Indem sie mir den kleinen Benjamin zweimal am Tag vorbeibrachte.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Ach, nun habe ich den Benjamin mit seinen großen treuen Augen und dem Lockenkopf, mit seinem unerschütterlichen Vertrauen und seiner gewinnenden Herzlichkeit wirklich lieb. Aber gerne hätte ich mich auch vor ein paar Jahren ausgeschlafen – anstatt mit ihm Bauklötze aufzutürmen. Und nachmittags würde ich gerne mit meiner Freundin Johanna einen Kaffee trinken. Aber da muss ich ja nun Lernübungen mit Benjamin machen.

Manchmal wäre mir da ein Gespräch mit Johanna lieber, als mit meinem Enkel seine Probleme zu wälzen: »Du magst den Frieder nicht, weil er dich kneift? Na, dann kneif doch zurück.« – »Aber Frieder ist größer als ich.« – »Na, dann ist es vielleicht wirklich besser, dich zurückzuhalten, bis du aufgeholt hast.«

Mit Johanna könnte ich mal andere Themen besprechen. Sie ist eine ehemalige Chemikerin, hat keine Kinder, keine Enkel – und 24 Stunden am Tag Zeit. Sie liest viel und kann interessant darüber erzählen. Und ich würde ihr gern zuhören. Aber den Morgen möchte ich jetzt endlich für mich allein haben, nachmittags kommt Benjamin – und danach bin ich müde. Viel zu müde, um noch bei Susanne vorbeizufahren, die in einer anderen Stadt wohnt. Und jeden Abend habe ich ja auch nicht frei. Manchmal wollen meine Tochter und ihr Mann ausgehen. Da laden sie mich dann zu sich ein: zu einem Wein und Käsegebäck vor den Fernseher. Falls Benjamin sich meldet, ist dann jemand da. Und beide sind sich ganz sicher, mir einen großen Gefallen zu tun: Was gibt es denn auch Schöneres für Großmütter, als gebraucht zu werden und sich Gedanken machen zu dürfen?

Ach, so eine Großmutter bin ich nicht! Ich führe meine Gedanken ganz gern spazieren. Und flöge auch mal ganz weit weg. Nach Israel beispielsweise. Stattdessen fahre ich wieder mit Benjamin nach St. Peter-Ording. Und statt neuer Welten sehe ich verendete Fische und lasse mich von Benjamin befragen: »Großmutter, warum liegen die Tiere so stille da?« Und am liebsten würde ich antworten: »Sei du still, Benjamin, ich brauche mal Zeit für meine Gedanken.« – Das darf ich nicht. Schließlich hat meine Tochter mir für alle erdenklichen Fälle genaue Erziehungsanweisungen gegeben. Etwa: »Das Kind braucht Wärme, Aufmerksamkeit und genaue Antworten auf seine Fragen.« Ja, Gott, hoffentlich gebe ich die richtigen.
Mag sein, dass ich meine Tochter als Kind nicht immer verstanden habe. Aber sicher ist das: Heute sieht sie mich als altes Kind, das sie lenken will und führen und das sie auch nicht versteht! Ach ja, jetzt irgendwo einen Kaffee mit Johanna trinken. Das wär schon was. Mag sein, dass unsere Zeit kommt, wenn Benjamin groß ist. Vielleicht habe ich dann endlich Zeit für Reisen und Gespräche mit Johanna. Wenn wir beide dann noch leben.

Eine chinesische Parabel

17. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung: »Der kluge Kaiser« von Werner A. Wolf mit einer Illustration von Maria Landgraf

Vorzeiten herrschte im alten China ein mächtiger Kaiser, der wollte, als er alt geworden war und sein Ende nahen fühlte, wissen, was den Menschen nach seinem Tod im Jenseits erwarte.

Er rief deshalb alle Gelehrten und Weisen seines riesigen Reiches in seinen Palast und befahl ihnen, bei allem Volk, ob arm oder reich, hoch oder nieder, klug oder dumm, nachzuforschen, ob einer von ihnen aus eigener Erfahrung über das Leben nach dem Tode etwas berichten könne. Bei dem riesigen Volk müsse es doch den einen oder anderen geben, der von drüben zurückgekehrt sei. Meinte der Kaiser.

Nach einem Jahr sollten sich die Versammelten zur gleichen Zeit im Palast erneut einfinden und vom Ergebnis ihrer Nachforschung berichten. Wer aber keinen Erfolg gehabt hatte und nichts zu sagen habe, der solle des Todes sterben, denn dann könne er am eigenen Leibe erfahren, wie es dort drüben zugehe.

Da erschraken die Gelehrten und Weisen sehr. Sie machten sich aber auf den Weg und schwärmten aus. Pünktlich nach einem Jahr traten sie erneut vor den Kaiser. Keiner hatte Erfolg gehabt, keiner konnte etwas berichten – und keiner wollte sterben!

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Aber ein Jeder hatte sich eine Geschichte ausgedacht und zurechtgelegt. Einige berichteten, ein Zurückgekehrter habe drüben erfahren, dass der Mensch nach dem Tode in eine wunderbare überirdische lichte Welt eingehe, wo es weder Streit noch Neid gebe und ewiger Friede herrsche. Andere wieder wollten gehört haben, jeder Mensch werde nach seinem Ableben von allen seinen Angehörigen und Freunden freudig empfangen und in diese Gemeinschaft wie im irdischen Leben wieder aufgenommen. Eine dritte Gruppe meinte, jeder Verstorbene kehre nach einer Zeit der Läuterung und Meditation auf die Erde zurück. So gab es noch viele Meinungen, und bald brach zwischen den Gelehrten und Weisen ein lautes Gezänk und Geschrei darüber aus, wer wohl die Wahrheit gefunden habe, sie nannten sich gegenseitig Lügner und Betrüger und bald herrschte im Kaiserpalast ein wildes Chaos. Der alte Kaiser aber war des schrillen Gezeters bald überdrüssig und befahl, die ganze Gesellschaft in den Kerker zu werfen.

Da trat ein alter weißhaariger Mann vor und bat um Gehör. Der Kaiser hob seine Rechte und alles verstummte. Es war ganz still. »Herr,« sagte der Alte, »ich lebe schon viele Jahre auf dieser Erde, ich bin ein alter Mann und der Tod schreckt mich nicht. Mir ist es gleich, ob ihr mich richten lasst, wenn ich euch die Wahrheit sage. Alles, was ihr bisher gehört habt, dient den Erzählern nur dazu, ihr Leben zu retten, denn kein Irdischer wird jemals wissen, was uns Menschen nach unserem Tod bevorsteht. Und wer darüber berichtet, lügt. Hört diese Fabel: Auf dem Grund eines Teiches leben hässliche und bösartige Larven. Wenn ihre Zeit gekommen ist, steigt jede einzelne Larve aus dem Wasser, um niemals zurückzukehren. Jede Larve verspricht aber den Zurückbleibenden darüber zu berichten, was nach dem Verlassen des Teiches geschehen ist. Denn die Frösche hatten das Gerücht verbreitet, dass sich jede Larve auf der anderen Seite der Welt nach einer Zeit der Verpuppung in eine wunderschöne Libelle mit grazilem Leib und bunt schillernden Flügeln verwandeln wird. Aber keiner Libelle wird es je möglich sein, wieder auf den Grund des Teiches zurückzukehren, um den Zurückgebliebenen Kunde zu bringen. Und so wissen die Libellenlarven bis zum heutigen Tag ebenso wenig wie wir Menschen, was nach dem Übertritt in die andere Welt geschehen wird, denn der Tod ist das größte Geheimnis des Lebens.

Nach der Rede des alten Mannes war der Kaiser sehr nachdenklich geworden, er saß in sich gekehrt auf seinem goldenen Thron und bewegte die Parabel in seinem Herzen. Und weil er nicht nur ein gestrenger, sondern auch ein kluger Kaiser war, ließ er den Greis nicht richten, vielmehr lobte er ihn und machte ihn wegen seiner Weisheit zu einem seiner Ratgeber. Die scheinheilige Gesellschaft der Gelehrten und Weisen aber jagte er mit Schimpf und Schande aus seinem Palast.

Pfarrer Abraham

21. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Christoph Kuhn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Kurz vor unserem Auftritt saß ich in der Kirchenbank, hatte die Perücke schon auf, schraubte das Mundstück ans Saxophon, als eine Frau auf mich zukam, mit ausgestrecktem Arm. Herr Pfarrer Abraham!«, rief sie laut. – Ich hatte das Saxophonblatt zwischen den Lippen, um es feucht zu halten, und konnte nur »Guten Tag« nuscheln. Eine Hand löste ich vom Instrument und reichte sie ihr. Sie drückte sie mit beiden Händen fest und lange. Lieber Herr Pfarrer Abraham, wie schön, Sie wiederzusehen nach so langer, langer Zeit!« – Die Frau strahlte mich an. Sie trug einen langen grünen Rock und einen langen grauen Zopf, und an ihrer olivfarbenen Strickjacke Sticker mit rot durchgestrichenen Hakenkreuzen und Atommailern.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Sie ist eine typische Kirchentagsbesucherin, dachte ich wohlwollend, eine, die – wie auch ich – schon auf zahlreichen Kirchentagen unterwegs gewesen ist, eine, für die Kirchentage Höhepunkte im Leben sind.

Neben ihr stand eine jüngere Frau mit knallroten raspelkurzen Haaren, die mich auch innig anblickte. Vom Altarplatz her rief mich Jan zum Soundcheck. Ich warf den Frauen noch über die Schulter einen entschuldigenden Blick zu und eilte nach vorn.

Wir hatten uns nur wenig vorbereiten können, waren aber in bester Spiel­laune und kriegten viel Beifall. Karl am Schlagzeug, Jan am Bass und ich mit Sax – wir sind keine Profis, und wir haben alle drei denselben Tick, nur in Verkleidung vor Publikum auftreten zu können: Jan in einer alten Armeeuniform, Karl genügt eine Clownsnase, ich trage eine Langhaarperücke.

In der ersten Reihe saßen die beiden Damen, die ältere klatschte besonders frenetisch.

Unser Repertoire ist bescheiden, aber wir sind unübertroffen im Arrangieren, Improvisieren und Variieren. So überlassen wir uns regelmäßig gegenseitig die Soli, singen abwechselnd und in allen möglichen Kombinationen mehrstimmig, auch a cappella.

Jan und Karl mussten nach dem Konzert eilig zur nächsten Mucke in einer anderen Band ans andere Ende der Stadt. Ich wollte noch etwas von der Nacht der Möglichkeiten erleben, setzte mich aber erst einmal vor ein Café ins Freie, gleich neben der Kirche. Ich bestellte einen Latte macchiato und beobachtete die Leute. Backstage hatte ich mich sofort der Perücke entledigt und genoss es nun, wie mir der frische Wind über die Glatze wehte.

Die beiden Damen traten aus der Kirche. – Dass der Pfarrer Abraham so toll Saxophon spielt, hätte ich nie im Leben gedacht!« sagte die ältere. »Litt er nicht ständig darunter, unmusikalisch zu sein?«

Sie nahmen am Nachbartisch Platz. »Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sein Haar so voll ist«, fuhr die Frau fort. Und ihre Begleiterin antwortete: »Mich darfst du das alles nicht fragen, ich habe diesen Pfarrer Abraham nie gesehen, kenne ihn nur von deinen Erzählungen.« – »Ach so«, sagte die ältere etwas verdrießlich und fügte nachdenklich hinzu: »Vielleicht sollte er sie sich nicht zu lang wachsen lassen. Was meinst du? – Schade nur, dass er keine Zeit hatte und nach dem Konzert so schnell weg war …«

Sie blickten gelegentlich gleichmütig desinteressiert in meine Richtung, ohne stutzig zu werden, und ich sah keine Veranlassung, mich an sie zu wenden und die ältere Dame auf ihren Irrtum hinzuweisen.

Frühlingsliebe

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Georg Heim, Illustration von Maria Landgraf

Der Tag verlor seine Farben. Die Sonne verschwand, und das Abendrot verflatterte am feurigen Himmel. Es wurde dunkel. Und der Duft der Dämmerung schien sich fern hinter den Wäldern zu verlieren, wie ein Lied, das schweigt, wie ein Kuss, der stirbt. – Der See vor mir bewahrte, wie eine große Blume, noch für eine Weile die Blässe des rosafarbenen Lichtes, den Widerschein einer hohen Wolke, die einsam im Blauen dahinsegelte.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Ich lag oben auf einem Hügel des Parkes unter ein paar Büschen verborgen. Einige Meter darunter, mir zur Hälfte zugewandt, befand sich eine Ruhebank. Und nun wurde ich Zeuge einer seltsamen Szene.

Ein buckliger Mann kam am See entlang, ein entsetzlicher Zwerg. Die Hälfte seines Gesichtes schien ihm außerdem einmal von einem Geschwür zerfressen zu sein. Denn man sah noch überall große Narben, die weißen Häute, die sich über fressenden Wunden bilden. Er ging einige Male vor der Bank hin und her, stand einen Augenblick still, ging wieder einige Schritte, sah nach der Uhr. – Er hatte das Gebaren eines Verliebten, der auf seine Geliebte wartete. Er zog einen Brief aus seiner Tasche und las ihn. Dann drückte er auf den Namen am Schlusse einen langen Kuss. Kein Zweifel, das Wesen da unten liebte, es war ein Verliebter. Aber wer sollte ihn denn lieb haben, gab es denn jemand, der diese Liebe erwiderte? Ich war schon geneigt, an irgendeine Perversität zu glauben, als ich um die Ecke des Weges ein Weib biegen sah, das auf den Zwerg zuging. Er hatte sie schon erkannt, das Entzücken schoss in sein Gesicht, er lief ihr entgegen und begrüßte sie, strahlend vor Freude.

Ich konnte der Frau nun gerade ins Gesicht sehn. Sie war vielleicht fünfzig bis sechzig Jahre alt, eisgrau schon, verwelkt, aber eine dicke Schicht Schminke lag auf ihren unzähligen Runzeln. Es war eine jener schrecklichen Huren, die sich auf keine Straße mehr wagen können, weil sie befürchten müssen, mit Steinen verjagt zu werden. Nun sitzen sie nachts auf den Bänken eines Parks oder lauern in einem dunklen Gange, alten Spinnen gleich, die zwischen den Bäumen ihre Netze ausspannen. – Aber die Szene da unten auf der Bank hatte nichts von Gewerbsmäßigkeit an sich. Die beiden saßen nebeneinander, mit verschlungenen Händen. Sie versenkten die Augen ineinander, sie neigten sich zueinander und küssten sich.

Nun erzählten sie sich etwas mit flüsternder Stimme, sie lachten, sie küssten sich wieder. Und ich hörte, wie die alte Hure sagte: »Du bist ja das einzige auf der Welt, was ich noch liebe. Ach, du kleiner Lilly.« Und er erfasste ihre Hand, während ein Lächeln unsagbarer Zärtlichkeit über seine Narben lief, die in unzähligen kleinen Hautfalten zitterten.

Georg Heym (1887–1912 ) gilt als einer der wichtigsten Lyriker des frühen literarischen Expressionismus.

Das Schweinebad

30. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Margret Holthaus

Das Leben auf dem Bauernhof war früher wesentlich vielseitiger als heute. Die Unterschiede kenne ich noch aus meiner Kinderzeit. Spezielle Mastställe gab es damals noch nicht. Deshalb tummelten sich viele Tiere – Kühe, Schweine, Schafe oder auch Gänse und Enten – auf dem Hof. Wir hatten viele Hühner und eine Glucke, die ihre Küken noch selbst ausgebrütet hat. Menschen und Tiere lebten unter einem Dach. Nur ein langer Flur trennte Wohnbereich und Stallungen voneinander.

Bei den Tieren traten, genau wie bei den Menschen, auch Krankheiten auf, die von den Bauern meistens mit einfachen Hausmitteln auskuriert wurden. Einmal, so erinnere ich mich, hatte sich unter den Ferkeln eine Schuppenflechte ausgebreitet. Nun war guter Rat teuer. Den hatte der Tierarzt zwar parat, aber er hatte damals kaum Medikamente zur Verfügung. Also mussten wir mit dem Fahrrad viele Kilometer bis zur nächsten Stadt zurücklegen, um die verordnete Seife für die Tiere zu bekommen. Als wir sie besorgt hatten, erwies sich das Baden der Ferkel als eine schwierige Prozedur. Das Wasser wurde in unserem großen Wasserkessel erhitzt, auf Badetemperatur gebracht und in eine Zinkwanne gefüllt, worin mein Bruder die Ferkel badete. Das gefiel den Ferkeln überhaupt nicht. Sie wehrten sich so sehr, dass auch wir dabei pitschnass wurden.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Plötzlich standen zwei junge Mädchen in der Tür – und staunten! Sie kamen aus Berlin und waren zu Besuch bei ihrem Onkel, der in unserer Nachbarschaft ein Textilgeschäft führte. In Berlin hatten sie keine Gelegenheit, sich auf einem Bauernhof umzusehen. Natürlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass sich auf unserem Hof sogar Schweine in der Wanne tummelten, wo doch damals selbst für Menschen selten eine Badegelegenheit bestand. Interessiert schauten sie deshalb dem Treiben bei uns zu und fanden den Anblick der eingeseiften Kerlchen spannend wie im Tierfilm.

Die Sau im Stall war wohl vom Quieken ihrer Ferkel beunruhigt. In ihrer Aufregung hatte sie hektisch den Mist mit der Schnauze aufgewühlt und sah entsprechend aus. Nun wollten die Mädchen wissen, ob denn auch die Mutter der Ferkel ein Bad bekäme. Es sähe ja ganz danach aus, dass sie es nötig hätte. Als wir mit dem Kopf nickten, wollten sie auch gleich wissen, wie man denn so eine dicke Sau in die Wanne befördere. Mein Bruder Matthias hatte gleich eine Erklärung parat. Nach dem Ferkelbaden brauche er nur die Wanne in den Stall zu stellen, die Sau würde sich dann von allein hineinsetzen. Sie müsse dann nur noch eingeseift werden. Die beiden Mädchen waren von der Sache so sehr angetan, dass sie gleich ihrem Onkel davon erzählten. Dem verschlug es fast die Sprache, als er sich davon überzeugen konnte, dass bei uns die Ferkel tatsächlich gebadet wurden!

Aus: Wir Kinder vom Lande. Unvergessene Dorfgeschichten. Band 6/1916–1976. Zeitzeugen-Erinnerungen, Zeitgut Verlag, 256 S., ISBN 978-3-86614-227-5, 11,90 Euro

Den Ostertag geschaut: Magdalene

6. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Karl Röttger (1877 bis 1942)

Das blinde Mädchen saß an dem sonnenhellen Ostertag vor der Haustür. Die Hyazinthen dufteten von den Fensterbänken. Sie lauschte den Stimmen im Haus. Sie hörte die Mutter, die Brüder, die Großmutter. Als sie nach draußen kamen, wendete sie den Kopf und sagte mit heller Stimme: »Seid ihr fertig?« – »Ja«, sagte die Mutter, »und du wirst dich nicht verlassen fühlen?« – »Nein«, antwortete sie mit leisem Lächeln, tastete nach der Mutter und schmiegte sich ein wenig an sie. »Wird Großmutter hier draußen bei mir sein?« – »Ja, sie wird neben dir im Liegestuhl sitzen.« Und dann ging sie, die Mutter mit ihren Kindern. Magdalene lauschte den Schritten und den Stimmen nach. Dann war es still. Die Turmglocke schlug; die Schläge verzitterten in der stillen Luft. Die Großmutter sagte: »Nun haben sie doch vergessen, mir das Buch herzulegen, das ich dir vorlese. Ich will aufstehen und es holen.« – »Lass nur«, sagte Magdalene. »Wir können ja ein wenig träumen.« So saßen sie denn, beide in den hellen Ostertag lauschend, die Alte mit einer leisen Müdigkeit in den Augen, das Kind mit einem feierlichen Warten in den Mienen.

Zeichnung: Maria Landgraf

Zeichnung: Maria Landgraf

Dann kam Magdalene aus ihrem tiefen Lauschen wieder herauf. Es war ihr gewesen, als hätte sie etwas gehört: das Atmen eines Mundes, einen leisen Schritt. »Großmutter«, sagte sie, »bist du noch da?« Aber sie blieb ohne Antwort. Da neigte sie sich ein wenig vor und hörte leise, regelmäßige Atemzüge. Die Großmutter war eingeschlafen. – Wieder lauschte sie in den festlichen Tag. Die ganze Welt ist doch jetzt lebendig, dachte sie. Jede Stunde brechen neue Knospen auf – und man hört nichts. Es müsste doch so feine Ohren geben, dass man es einmal hören könnte. Dann wendete sie sich halb zur Seite und fragte leise, doch bestimmt: »Ist jemand da?« Sie blieb ohne Antwort. Nur ein Atem hob sich leise und senkte sich wieder. Ein paar Schritte tasteten und hielten vor ihr an. Sie fühlte einen Schatten. »Es ist jemand da?«, sagte sie noch einmal. Wieder blieb es still. Da sagte sie eindringlich: »So sag doch: Wer ist es?«

Eine Stimme flüsterte ihr entgegen: »Ich bin’s. Darf ich ein wenig hier sein?« Das Mädchen besann sich eine kleine Weile und sagte dann: »Ja. Aber ich kenne deine Stimme nicht. Wer bist du?« – Der Schatten sprach: »Ich bin gekommen. Ich bin auch allein wie du. Ich habe dich manchmal hier sitzen sehen. Steh auf und geh ein wenig mit mir, hier die Wiese entlang bis an den Weiher mit den Birken darum. Ich werde dich führen und dich auch wieder zurückbringen.«

Sie stand auf und nahm seine Hand, und so gingen sie, den Pfad an der Wiese entlang bis unter die Birken. Er setzte sie auf einen Baumstumpf und sprach: »Ich will hinaussehen für dich in die Weite, bis auf den Wald da fern, in den blauen Himmel und manchmal auch auf dein Gesicht.« – »Gut, so erzähl mir davon. Aber dabei musst du mir deine Hand geben, dass ich sie halte.« Er schaute und sprach: »Eine Straße liegt weithin durchs Heideland. Sie ist weiß von der Sonne. Niemand geht auf ihr. Sie führt bis weit in den Horizont. Man denkt, warum auf ihr nicht eine Gestalt hergeschritten kommt, ein König oder ein Ritter, wie im Märchen.« – »Oder Er,« flüsterte das Mädchen. – »Wer? Wen meinst du?« – »Den Auferstandenen, der die Blinden sehend macht«, sagte sie.

»Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?«

Er aber fuhr fort: »Es stehen an der weißen Straße hin in endloser Reihe die Birken, weiß die Stämme, begrünt die Kronen. Die dünnen Zweige schwanken.« – »Sprich weiter; ich sehe es, sprich weiter …«, sagte das Mädchen. – »Hier, nahe bei dir: Die Birken haben Kätzchen, die hängen herunter.« – Der Knabe neigte seinen Kopf zu ihr hin und sprach mit leise bebender Stimme: »Tut es weh?« Sie hob den Kopf: »Was denn?« – Er errötete: »Weil du doch blind bist.« – »Das meinst du?«, sprach sie. »Oh, ich habe es schon lange. Die Welt verblasste mir in den Jahren allmählich, wie es den Sehenden jeden Abend geschieht, wenn die Nacht heraufkommt. Aber erzähle
weiter.«

»Eine Lerche steigt auf. Sie singt sich in den Himmel hinein. Hörst du sie singen?« – Sie schüttelte den Kopf. Plötzlich fasste sie seine Hand fester: »Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du gekommen bist. Sag es!« – Er errötete und sagte: »Ich weiß es nicht; wenn ich mein Ohr an die jungen Knospen lege und frage: Warum seid ihr gekommen? So werden sie antworten: Wir wissen es nicht, wir sind eben da.«

Sie saßen eine Weile still. Dann sprach sie leise, erregt: »Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?« – »Nein, Magdalene, das bin ich nicht. Lege deine Hand auf meinen Kopf und fühle, dass ich nur ein Knabe bin.« – »Ja«, sagte sie, und es war eine leise Traurigkeit in ihr. Dann schwieg sie lange. Aber auf einmal wurde ihr Gesicht ganz hell, und sie sagte: »Du könntest es ja doch sein!« – »Aber er ist ja längst wieder im Himmel«, sagte der Knabe. Sie schüttelte den Kopf: »Warum sollte er nicht wiedergekommen sein? Es sind noch immer genug Blinde auf der Welt.« – »Du liebst ihn sehr?«, fragte der Knabe. Und er wartete die Antwort nicht ab, sondern sagte: »Nun muss ich dich heimführen. Die Sonne wird groß und rot.«

Sie gingen heim. Er geleitete sie zu ihrem Stuhl. Die Großmutter schlief noch. Er ging still fort und sagte: »Ich komme wieder.«

Als die Großmutter erwachte, fragte sie: »War jemand hier?« – »Ja«, sagt das Mädchen, »aber ich weiß nicht, wer er war. Er hat mich den Ostertag schauen lassen. Ich fragte ihn, wer er sei, aber er sagte seinen Namen nicht. Dann fragte ich ihn, ob er der Auferstandene sei, aber er sagte kein Wort. Nun will ich nachdenken, wer er war.«

So saß sie weiter in der Dämmerung des Ostertages und lauschte und wartete auf die Wiederkehr des Unbekannten.

Dieser Streifen am Tier

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Katrin Marie Merten

Den spärlich behaarten Streifen zwischen der immer feuchten Nase und der Stelle, an der die Kugelförmigkeit des Schädels ihren Anlauf nimmt, mag ich am liebsten. Sie ist immer kühl, diese Bahn, ich streiche mit dem Zeigefinger von der Nasenwurzel an aufwärts oder berühre das Tier kurz mit den Lippen zwischen den Augen wenn ich ihm begegne, wie man im Vorübergehen den Arm hinstreckt, seine Fingerspitzen gleiten lässt über die raue Oberfläche einer Mauer, an der man entlanggeht, um ihre Unebenheit zu spüren, sie auf Wahrhaftigkeit hin zu prüfen.

Natürlich habe ich meine Lieblingsstelle an diesem Tier, wie ich sie an jedem Menschen finde: Sei es eine besonders dunkle Sommersprosse oberhalb seines linken Mundwinkels, die wie ein Erkennungszeichen aus anderer Zeit Schönheit behauptet; ein Grübchen, das sich erst beim Lachen zu erkennen gibt oder die Art eine Augenbraue über Gebühr in die Höhe zu ziehen als Zeichen für Skepsis, und Skepsis gefällt mir immer.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Bei dem Tier aber ist es anders. Jeden Tag gehe ich meinen Weg und es folgt. Es folgt mir ungefragt zu jedem Ziel und wieder zurück nach Haus, zu einem zu Hause, das ich selbst nur durch die Begleitung des Tieres als mein zu Hause erkenne. Jeden Abend kurz vor Mitternacht trage ich es hinunter, all die Stufen, all die Etagen. Ich trage schwer daran, das Tier hat ein hohes Gewicht.

Jede Nacht schlafe ich halb nur, denn das Tier dreht sich in seinem Korb – rechtsherum, linksherum, wieder und wieder zurück und die Weidenäste rund um seinen Körper biegen sich quietschend. Jeden Morgen stehe ich auf, bin müde. Ich dusche und trockne mich ab, kleide mich an, schaue für Sekunden nur in den Spiegel, bestreiche mein Brot mit Butter, Pflaumenmus, nehme es auf die Hand und gehe hinunter, das Tier muss auf die Erde. Es hat keine Scheu vor Boden jeder Art, es braucht ihn, immer.

Das Tier schmiegt sich an Graswiesen, Asphalt, Beton, als wäre es weicher Stoff. Bleibe ich länger an einem Ort, etwa auf Arbeit, in Cafés und U-Bahnen, auch an Bahngleisen, in Warteschlangen, in Einkaufscentern oder in fremden Wohnzimmern, beginnt das Tier seinen Schlaf: Es überdehnt seinen Körper, sodass es von oben gesehen zum Halbmond sich fügt.

Häufig liegt das Tier bald rücklings und streckt seine Bauchkuhle der Welt entgegen. Es hat keine Scheu vor dem Abgleiten, nicht vor dem Übertreten in eine andere Welt, nicht vor der Schwelle dazwischen und auch nicht vor Verletzung.

Bleibe ich einem Menschen fern, sitzt das Tier unter meinem Stuhl und wartet auf Frieden. Grüße ich einen Freund, springt es ihm quer über die Straße oder durch jeden anderen Raum freudig entgegen. Manchmal im Traum bewegt das Tier seine Pfoten als würde es laufen. Ich wünsche es dann noch mehr als sonst auf eine Wiese mit Gänseblumen oder getreidehohem Gewächs. Ist aber niemand im Raum, wird es zum Halbmond. Dann sitze ich Stunden und schaue ihm zu, als würde es ein Kunststück vollführen.

Wenn das Tier dann ganz still bleibt, warte ich weiter. Ich warte auf einen, der kommt und mich und das Tier noch über das nächste Taglicht hinaus begleitet. Ich warte auf einen, der, wie von selbst, den spärlich behaarten Streifen zwischen der immer feuchten Nase und der Stelle, an der die Kugelförmigkeit des Schädels ihren Anlauf nimmt, nach oben streicht.

Aus: Merten, Katrin Marie: Rückwärtslaufen. Erzählungen, Wartburg Verlag, 72 S., ISBN 978-3-86160-335-1, 11 Euro

Beschenkt

26. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kultur-51-2014Eine Woche vor Weihnachten. Es regnete. Beinahe unentwegt schütteten dunkle Wolken ihre Nässe herunter. Sicher wollten sie Raum schaffen für »weiße Weihnacht«.

Heute hatte die 47-jährige Renate bis zum Abend Dienst. Die privaten kleinen Pflichten mussten also ausfallen. Sie sprintete zum Briefkasten auf die gegenüberliegende Straßenseite. Neben zwei üblichen Weihnachtskarten entnahm sie einen Schlüssel für die Paketanlage in der Querstraße. Fach Nr. 71. Irgendjemand hatte ihr einen dickeren Gruß zugedacht. Sicher unter der Beschriftung: »Geschenksendung. Keine Handelsware!« (So waren Westpakete im Allgemeinen gekennzeichnet.) Diesen wertvollen Schlüssel steckte sie in die Brieftasche mit den Adressen ihrer Schreibfreunde. Abends würde sie gleich auf das Paketfach zusteuern. Sie war gespannt.

Mit zwei Beuteltaschen am Arm eilte sie in ihre Dienststelle. Die Arbeitsstunden waren – wie fast immer – abwechslungsreich. Heute gab es noch eine zusätzliche Besonderheit. – Vor einigen Monaten hatte sie einer Kundin Geld geliehen – etwa in Höhe ihres damaligen Monatslohns (260 Mark). Es muss ja wohl ein dringender Grund vorgelegen haben. Als die Schuldnerin danach nicht wiederkam, hatte sie dieses Geld in den Wind geschrieben. Doch heute hatte diese Frau sie überrascht – trotz des unliebsamen Wetters. »Weihnachten steht vor der Tür«, hatte sie gesagt, »da werden Sie Ihr Geld brauchen.« Na, und ob – hatte Renate bei sich gedacht. Die Menschen sind doch besser, als man manchmal befürchtet, das hatte sie auch gedacht. Sie war dankbar.

Als sie ihren Nachhauseweg antrat, war es schon dunkel. Der Regen prasselte auf sie ein. Sie fingerte an ihrem Schirm. Der klemmte mal wieder. Beim Aufspannen hatte sie nicht wahrgenommen, dass ihr der blaue Beutel vom Arm gerutscht war, der mit dem teuren Inhalt und mit dem Westpaketschlüssel. Erst nach mehreren eiligen Schritten entdeckte sie dieses Malheur. Es durchfuhr sie an Leib und Seele. Sofort kehrte sie um. Meter um Meter suchte sie den Gehsteig ab. Nichts. Nichts zu sehen, noch zu finden. Wie war so etwas denn möglich? Sie war sehr erregt. Brieftasche, Ausweis, Portemonnaie, Geld … samt dem Schlüssel Nr. 71. … alles weg …

Dieser Mensch weiß jetzt eine Menge von mir, ging es ihr durch den Kopf; und ich von ihm? … rein gar nichts … Allerdings … an der Paketanlage müsste sie ihn ja abfangen können. Dass ein Dieb ihrem Laufschritt zuvorkommen könnte, konnte sie sich nicht vorstellen. Schon stand sie in der Querstraße vor dem Fach Nr. 71 … Es verschlug ihr die Sprache. Da steckte ihr Schlüssel. Das Fach war leer.

In der darauffolgenden Woche hatte sie viel zu bedenken, viele Wege: Nachforschungen über den Paketabsender, Postbehörden, Polizei. Ohne Ausweis konnte sie den Ort ja gar nicht verlassen … Wie eine ausgeplünderte Kirchenmaus kam sie sich vor. Hätte die Schuldnerin ihr wenigstens das Geld noch nicht zurückgebracht! … Wie sollte sie fertigwerden mit ihrer Aufgeregtheit? Schließlich gelang es ihr, indem sie am laufenden Band sich selbst predigte: »Jesus ist auch für Halunken geboren.«

24. Dezember 1979: Am frühen Nachmittag war ihr das berührende »Holzkistenerlebnis« beschert worden, von dem sie später manchmal erzählt hat. Mitten in der warm geheizten Stube hat ihr schönstes Weihnachtsgeschenk seinen Ehrenplatz gefunden.

Bis 1995 hatte sie noch Ofenheizung. Die Kohlen aber zur Glut zu bringen, das war täglich eine mühsame Aktion. Nun hatte für sie in den vorweihnachtlichen Tagen ein Konfirmand überraschenderweise Holz gehauen. Er hatte die Splitter für sie in eine Kiste geschichtet als Feueranmachhilfe. Da stand der stämmige große Junge in ihrem Türrahmen: »Ich spiele heute im Krippenspiel einen Weisen aus dem Morgenland«, hatte er gesagt. »Die Weisen bringen doch Geschenke mit. Meins kann ich nicht in die Kirche tragen. Darum bringe ich es Ihnen.« Ja, wirklich, das war ihr schönstes Weihnachtsgeschenk.

Am späten Nachmittag machte sie sich auf in die Kirche zu besagtem Krippenspiel. Die lästigen Regengüsse hatten inzwischen aufgehört. Echter Winter-Weihnachts-Schnee hatte sich auf Häuser und Straßen gelegt. »Weiße Weihnacht!« Renate freute sich auf den stillen Heiligen Abend in ihrer Eremitage. Aber … Es kam wieder einmal alles ganz anders. Auf dem Heimweg kam nämlich ein eifriger Kirchgänger auf sie zu. »Darf ich Sie nach Hause begleiten?«, fragte er. Das war ihr allerdings gar nicht recht. Doch einfach nur Nein sagen, das ging an so einem Abend wohl auch nicht. Darum antwortete sie: »Wenn Sie bis vor meine Haustür mitkommen wollen, können wir uns bis dorthin ja noch ein wenig unterhalten.« Zu zweit bogen sie gerade in die nächste Straße ein, als sich ihnen aus dem Dunkel ein fremder junger Mann näherte. Der fragte sie, ob sie wüssten, wo man hier Zigaretten kaufen könnte. »Die Geschäfte sind heute alle schon geschlossen«, gab sie Auskunft, als ihr einfiel, dass der Familienvater, vor dessen Haus sie sich befanden, vielleicht aushelfen könnte. Sie klingelte an der Haustür. Der Hausherr sah sie zwar recht befremdlich an, doch dann reichte er ihr eine angebrochene Schachtel mit »Westzigaretten«. »Es kostet nichts«, meinte er, »heute ist ja Weihnachten.« Der Weihnachtswunsch des Unbekannten war erfüllt worden.

Da standen sie nun zu dritt auf der Straße im Schnee. Was nun? »Meine Wirtin erlaubt es nicht, dass ich Gäste mitbringe«, sagte der Erste. Der Raucher erklärte: »Na ja, ich gehe in meine Bude, leg mich ins Bett und rauche.«

Alles Mögliche und Unmögliche wirbelte der alleinlebenden Frau durch Herz und Hirn … Die ganze aufregende Woche hindurch hatte sie gesagt: »Jesus ist auch für Halunken geboren.« Wenn sie nun vielleicht wirklich vor ihr stehen? … Sie gab sich einen inneren Ruck. »Wenn Sie mögen, lade ich Sie beide zu einem schlichten Abendessen zu mir ein.« Ja, sie mochten. Ihren Verstand aber hatte sie noch nicht ganz abgegeben. Als sie das Haus betraten, schickte Renate die beiden Geladenen voraus. Sie wolle die Familie im Parterre informieren. Der Vater schüttelte zweifelnd den Kopf. »Sie sind aber auch eine …« Eine was? Das hatte er verschluckt.

Ihre Wohnung lag unter dem Dach. Direkt vom Hausflur aus kam man in die Wohnstube. Der Jüngere stolperte beinahe gleich über die Holzkiste. »Was ist denn das?« So waren sie also bei den orientalischen Weisen und ihren Geschenken angekommen. »Ich bin bestohlen worden«, erzählte Renate, »und ich bin beschenkt worden.« Die Männer schienen etwas betreten zu sein, darum sagte sie jetzt: »Das Wenige, das ich im Kühlschrank habe, teilen wir. Beim ersten Weihnachten in Bethlehem haben sie sicher auch nur das Nötigste gehabt.«

Tee und Zucker kam auf den kleinen Tisch. Brot, Butter, Käse, etwas Wurst, einige Apfelscheiben, saure Gurkenstücke … Fehlt etwas? Ach ja, die Weihnachtskerze. Wie schön. Ihr Schein beleuchtete die Gesichter der drei Beschenkten. Am Hals des jungen Mannes mit den schwarzen Haaren flatterte ein Schmetterling – tätowiert – was damals noch selten so offen zu sehen war. Renate starrte auf dieses eingebrannte Zeichen. »Aus dem Knast … ein Jahr … missglückte DDR-Flucht«, gestand er. Hm, ja, sie wussten, wo sie lebten.

Im Laufe des Tri-Gespräches rückte der eifrige Kirchgänger damit heraus, dass er auch mal ein Jahr im Gefängnis war. Unterschlagung im Betrieb. Dass er sich nicht in seine Unschuld hineingelogen hat, brache ihm Renates Respekt ein. Sie schwiegen miteinander.

Der Schmetterlingsträger fragte, ob er rauchen dürfe. In warmer Zufriedenheit schaute er in den Tabaknebelstreifen. »Wie kommt es nur, dass ich heute hier sitze?« – »Weil heute Weihnachten ist«, sagte Renate. Was sollte sie auch sonst sagen? »Und welchen Wunsch haben Sie für diesen Abend?«, fragte sie den anderen Gast. Er wünschte sich 15 Minuten Fernsehnachrichten. Damals hatte sie noch den Fernseher ihres Vaters, und mit der einfachen Zimmerantenne kriegte sie DDR-II herein. »Mauerblümchenwelt«. Aber immerhin … Schließlich äußerte sie als Dritte ihren Weihnachtswunsch. Der fast abgedankte Plattenspieler funktionierte noch mit einer Auswahl von Weihnachtsliedern. Kruzianer? Thomaner? »O Bethlehem, du kleine Stadt …«

Immer wenn sie dieses Lied hörte, stand ihr die kleine Stadt ihrer Kindheit vor Augen … im Schnee … unterm »Sternenzelt«. Auch das andere Lied, das böhmische – weckte Erinnerungen … »Uns zum Heil erkoren ward er heut geboren …«

Als der Uhrzeiger fast schon auf zehn Uhr vorrückte, stießen die beiden Unbekannten sich an. »Wir müssen wohl gehen …« Renate brachte ihre Gäste hinunter bis an die Haustür. Wie beschenkte Weihnachtskinder verabschiedeten sie sich mit guten Wünschen. »Alles okay«, antwortete sie dem Familienvater im Parterre.

Illustration: Steffi Kaiser

Mittag am alten Schafstall

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung: Gedanken eines Rekonvaleszenten nach einem Infarkt

Dem Wunsch vieler Leser folgend veröffentlichen wir monatlich einen literarischen Beitrag. Diesmal eine Erzählung von Theodor Weißenborn.

Ich sitze im Gartensessel am Schafstall und blinzle, auf der Schwelle zum mittäglichen Schlaf, aus dem Schatten des Sonnenschirms in die Hitze, die wabernd und sengend den Hang heraufsteigt, über den Dächern des Dörfchens brütet und die Menschen in der dämmrigen Kühle der Häuser hält. Dort riecht’s in Kellern und Küchen nach unbekanntem Gewürz, rumort Madame Ligaut in der Vorratskammer, quengeln die Kinder über ihren Schulaufgaben, verkriechen sich Katze und Hund in die schattigsten Winkel und sind Mensch und Tier geplagt von den immer schwirrenden Scharen der Fliegen, die zum Land gehören wie die Autos zur Stadt.

Dies ist die Südwestecke des hochgelegenen Gartenplateaus, die kleine Bastion aus Granitmauerwerk, das das Gelände zur Straße hin stützt, Restgemäuer aus der Zeit, als an der Stelle der Schule ein Schlösschen stand. Der Lehrer, dessen Wohnung über den Klassenräumen lag und der, irgendwann im vergangenen Jahrhundert, aus den Steintrümmern den Stall für seine Schafe errichtete, hat diesen Ausguckplatz ausgespart, indem er nur einen Teil der Westmauer als Fundament nutzte, sodass in der Mauerecke selbst ein geschützter Terrassenplatz blieb, den nun im Norden die Mauer des Schafstalls begrenzt.

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

Am grauen Gestein klettern Efeuranken hinauf bis zur Kante des steingedeckten Daches; dort haben sie keinen Halt mehr gefunden, keine Fläche für ihre sich anklebenden Füßchen, oder der Sturm hat sie losgerissen, nun wehen sie im Wind, pendeln matt in den warmen Mittagslüften oder rudern wild, wenn zerrende Böen bald einsetzenden Regen ankündigen. Bei kurzen Schauern, wenn der Wind durchs Laub fegt, die Sträucher verstört und die Wipfel der Maronen- und der Nussbäume aufregt, aber auch bei Gewitter, wenn Blitzschlag droht und in den Bergen die Donner rollen, stelle ich mich unter im Stall, dessen Tür Gaspards Schafen freien Eintritt und Ausgang gewährt.

Mensch und Hund und Schafe teilen sich dann den Platz inmitten der vom Regen umtosten Dämmerung und blicken, je nach Temperament, mit Gleichmut, Groll oder Behagen hinaus ins strähnende Grau, in vom Boden aufsteigende wallende Nebel und schieben allenfalls einmal eine Nasenspitze hinaus in den Wasserschleier, der vom Dach herabstiebt und sich windet im Wind. Und am wachsenden Brausen in der kleinen Schlucht jenseits der Westmauer ist zu hören, wie die Ouze anschwillt, und kommt gar ein Wolkenbruch oder ein Hagelschlag, so klirrt’s im Bachbett von rutschendem, schiebendem Gestein, und du weißt: nun wird’s eng im Gewölbebogen unter der Straße nach Châtelet, und in den nächsten Tagen haben dort wieder die Bagger zu tun.

Aber jetzt wärmt die Sonne im Übermaß. Das Gemäuer wirft die Hitze zurück, und die schwarzen basaltnen Decksteine der Mauerkrone sind so heiß, dass der Hund seine Pfoten nicht daraufsetzen mag. Er wollte sich aufstemmen, um zu sehn, wer auf der Straße daherkommt und jetzt unten am Fuß der Bastion entlanggeht, denn das muss er wissen, so wie Madame Juillard Wesentliches zu versäumen fürchtet, wenn sie mir, scheu hinter der Gardine stehend, nachschaut, wenn ich durchs Dorf gehe mit Kuno oder gar einen Besucher bei mir habe wie den vollbärtigen Serge.

Also, Kuno, ich sag dir, wer da unten geht: Wanderer, Bergsteiger sind’s, die den Plomb du Cantal erklimmen wollen. Ich sehe sie zwar nicht, aber ihre Stimmen gehen vorüber, und ich höre, wie einer von ihnen sagt: »Das Schlimmste ist die Schleiferei, le bizutage! Das ist grauenhaft! Entwürdigend!« – was mir Anlass gibt, darüber nachzudenken, ob er von der Sorbonne oder von der Fremdenlegion spricht.

Dann sind die Leute vorüber. In der Serpentinenkurve oben bei La Gazelle taucht zehn Minuten später noch einmal ein weißes Hütchen auf, dann verschwindet auch das; und nun herrscht wieder Ruhe im Massiv Central, und nur ein Hahnenschrei ist zu hören aus dem Garten der Ligauts und einmal das triumphierende Gegake einer Henne, die einen riesigen Wurm gefunden oder ein Ei gelegt hat.

Der Hund liegt hechelnd im Schatten der Mauer, eine Fliege summt und wird lästig, aber ich bin schon zu müde, sie zu verjagen. Die Lider fallen mir zu, meine Arme werden schwer, die Linke mit dem Buch sinkt ins Gras, eine wohlige Spanne Zeit verharre ich noch auf der Schwelle, dann gebe ich nach, lasse mich fallen und entgleite in exotische Gefilde, schwebe über tintenfarbigen Seen inmitten moosgrüner Wälder, steige zu Bergwiesen auf und lande auf Inseln, deren Bewohner entzückt sind, mich kennenzulernen, mich zum Rundtanz laden – Sirtaki –, mir Saitenins­trumente bringen, auf denen ich spielen soll, und ein Mann mit Brille, der Lehrer, behauptet, ein Buch über mich geschrieben zu haben, das heißt »Der Zupfgeigenhansel«.

Und dann summt wieder die Fliege und ist lästig, ich erwache und scheuche sie und richte mich auf, gieße mir aus der schon bereitstehenden Thermoskanne meinen Nachmittagskaffee ein und genieße, sehr bewusst und mit Behagen, meine Rekonvaleszenz, das Kurgastgefühl der Senioren, diese milchig-cremige Melange aus Wehmut und Euphorie, schwindender Sorge und wachsender Zuversicht, und lasse mich durchströmen von jener großen Ruhe, die mich auf die Frage, was der Infarkt mir gebracht habe, antworten ließ: »Gelassenheit und Distanz im Umgang mit Dingen und Menschen.«

Am Ende der Spielzeit

30. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Christoph Kuhn

In der Ausgabe Nr. 13 vom 30. März haben wir eine Erzählung von Theodor Weißenborn veröffentlicht. Damit haben wir in unserer Kirchenzeitung eine Reihe eröffnet, die in dieser Ausgabe ihre Fortführung erfährt. Monatlich einmal können Sie nun auf unserer Kulturseite etwas Literarisches lesen. Wir wollen dem vielfach geäußerten Wunsch unserer Leserschaft nach mehr Geschichten nachkommen.

Hier steckst du also«, sagt Tanja und geht auf den Tisch am Fenster zu, wo David sitzt und schreibt. Er sieht nur kurz vom Papier auf und hinaus zum Gewimmel der Straße.

Illustration: Steffi Kaiser

Illustration: Steffi Kaiser

Tanja setzt sich ihm gegenüber. »Dein Lieblingslokal? Bist du öfter hier?«
»Manchmal«, sagt er.
»Du haust nach jeder Probe und nach jeder Vorstellung sofort ab, und niemand weiß wohin …«
»Ist das ein Problem? Ich habe zu tun, wie du siehst.«
»Was schreibst du denn?«
»Darüber spreche ich erst, wenn’s fertig ist …«
»Geheimnisvoll wie immer, Jesus.«
Die Serviererin kommt, Tanja bestellt einen Rotwein. David sagt: »Nenn mich nicht Jesus, ich sag ja auch nicht Maria oder Mutti zu dir.«
Sie prostet ihm zu, trinkt. »Das
ist was andres, ich bin eine Fehlbesetzung, habe meine Mutterrolle nie akzeptiert.«
»Du merkst das zu spät, hättest es mit Gottfried verhandeln sollen. Aber sein Casting war schon okay, einen besseren Regisseur konnten wir nicht finden.«
»Wie man’s nimmt. Der Abend ist lang geworden, an dem wir ihn davon überzeugten, dass die letzte Aufführung mit dem Passahfest enden muss, mit der Auferstehung.«
»Ach, das habt ihr beschlossen, und die Hauptperson weiß noch nichts davon.«
»Wie denn, du bist ja nicht da, hältst dich von uns fern. Deshalb hab ich dich ja gesucht, um es dir zu sagen.«
»Die letzte Aufführung ist morgen. Denkst du, ich lerne bis dahin noch mehr Text?«
»Du hast keinen weiteren Text. Nur wir reden. Reden über deine Auferstehung, über dich …«
»Wie immer, hinter meinem Rücken.«
»Und dann brechen wir auf.«
»Wer wir? Aufbrechen?«
»Wir alle, unsere Gruppe und viele aus dem Publikum, du wirst sehen, wie wir dir alle folgen.«
David lacht auf. »He, sag mal, spinnst du jetzt total! Wohin sollte mir jemand folgen?«
»Der Weg ist das Ziel der Wanderschaft.«
Tanja hat ihr Glas ausgetrunken. David blickt sie entgeistert-belustigt an, wedelt sich mit der Hand vorm Ge-
sicht herum. »Wandern! Querfeldein, durch Wald und Flur, die Autobahn entlang …«
»Wir können auch den Theaterbus nehmen, je nachdem.«

Er antwortet nicht, schreibt weiter. Tanja bestellt sich noch ein Glas. »Weißt du, wie sie alle, wie wir alle, auf dich stehen! Du weißt es nicht, weil du uns meidest, weil du nicht auf die Leute achtest. – Ich will dich dann auch nicht länger stören.«

David wird laut: »Was redest du für ein Zeug! Das Spiel ist morgen aus. Ich hab getan, was ich konnte, und wenn jemand denkt, ich predige weiter, hat er sich getäuscht. Und mir folgt auch niemand nach. Weil ich hierbleibe.«

Tanja sagt ruhig: »Du hast einfach keine Ahnung, wie sehr die Leute auf dich gewartet haben, wie wichtig du bist. Jesus – zwei Millionen Ergebnisse zeigt Google an. Es steht geschrieben, und du sagst es selbst, dass der Sohn Gottes wiederkommt. Ich wusste es schon in Israel, wo wir alle zusammen waren, am See Genezareth, auf dem Ölberg, in Jerusalem, dass du der richtige bist.«

Fassungslos starrt er auf die Zeitung, die Tanja ihm über den Tisch schiebt, mit einem großen Foto von ihm und der Schlagzeile Jesus – wer, wenn
nicht er!

Daneben liegt der Text, an dem er arbeitet: die Geschichte eines Jesus-Darstellers, der das Spiel Wirklichkeit werden lässt. Er merkt, über Heilkraft zu verfügen und fordert die Menschen, denen er geholfen hat auf, ihm zu folgen.

»Du hast keine Wahl, kannst dich nicht verweigern«, sagt Tanja und geht.

Esels Ohr auf halb sieben

24. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Sabine Hoffmann

Auf mich hört ja keiner! Ich bin ja nur die Schwiegermutter. Abgeschoben hat man mich. In einen Verschlag nahe dem Stall. Weil ich nichts mehr kann und nur noch Ballast bin. Aber jahrzehntelang die Wäsche machen in der Herberge und in der Küche die Töpfe putzen. Das durfte ich. Mein lieber Herr Schwiegersohn denkt, er macht alles richtig. Aber diesmal hat er mal wieder nicht so weit gedacht, wie ein kleines Kind springen kann. Zuerst hörte ich immer nur dieses Wimmern und Klagen. Zuerst dachte ich: Wieder diese Bettler, die ein wenig Brot zur Nacht wollen. Meine Ohren sind ja nicht mehr so gut. Aber dann war das Klagen doch zu weinerlich. Nur wegen Brot so ein Aufstand, das konnte nicht sein!

In meinem Verschlag nahe am Stall sehe ich die Tür zur Herberge nicht. Die Neugier trieb mich auf die alten Beine und ich humpelte zur Stalltür. Da sah ich die beiden. Er war ein einfacher Mann, der seine Frau stützte. Und jetzt sah ich auch warum. Die Frau keuchte und japste, der Bauch war nicht zu übersehen. Sogar ich mit meinen alten Augen sah den bebenden Leib. Da war ganz eindeutig ein Kindlein unterwegs und nicht erst in ein paar Monaten. Was schleppt der Mann denn seine hochschwangere Frau durch die Weltgeschichte! Da bleibt man doch zu Hause.

Foto: openlens – fotolia.com

Foto: openlens – fotolia.com

Diesmal tat mein Schwiegersohn recht daran, dass er die beiden abwies. Wer soll denn bitteschön diese Schweinerei wegmachen? Ein Lamm schlachten ist dagegen gar nichts. Ist die Herberge denn ein Hospital? Auf dem Bett will doch keiner mehr schlafen! Wer ersetzt uns denn den Schaden? Nein, da hatte er mal ausnahmsweise recht.

Aber er hatte ein Erbarmen. Er zeigte zum Stall. Schnell humpelte ich in meinen Verschlag zurück und schob die Decke vor. Die sollten sich ja nicht einbilden, ich mache da noch die Hebamme. Kluge Ratschläge habe ich in meinem Leben genug gegeben. Und was ist der Dank? Ein Verschlag hinten am Stall. Ich war auch meist alleine bei den Geburten und habe mich nicht so geziert.

Bei dem Gelärme wurden die Tiere ganz unruhig. Nur der Esel stand ruhig. Ist halt der Esel. Die sind töricht, wenn es ihnen passt. Zuerst weiß das Dummchen nicht, wie sich legen. Und ob überhaupt. Der Mann ist ja auch keine Hilfe. Wie denn auch, er ist ein Mann. Ein Glück, dass er nicht noch Hilfe bedurfte. Aber irgendwie schaffte sie es. Das war ein Gestöhne. Endlich klatscht da was ins Stroh und gleich hört man es schreien.

Ich sage es ungern, aber da hüpfte mein Herz schon. Neun Monate schleppt man da was im Leib herum, man weiß nicht, was es ist, ob es einen zerreißt und ob man es später satt bekommt. Aber wenn es dann da ist – unbeschreiblich. Ach, da heulten sie beide, Arm in Arm, mit dem Kindchen. Ich wischte mir auch drei Tränen weg, aber mehr waren es wirklich nicht gewesen.

Der Esel trat an das Trio heran und schnupperte ganz vorsichtig. Sonst immer der Tölpel, aber jetzt ganz elegant. Einfach mal so eine Geburt mitzuerleben, das ist schon ein Erlebnis. Mir wurde richtig blümerant. Nur vom Zuschauen. Irgendwie rennt einem da das eigene Leben durch den Kopf. Sieben Kinder habe ich geboren, vier davon sind noch im Kindbett gestorben. Da war das Nächste schon im Bauch unterwegs. Es blieb keine Zeit zum Trauern.

Kinder sind schon was Schönes. Warum lebt man sonst? Mein Mann war gut und hatte goldene Hände. Ein Stück Holz und er baute daraus Bett und Truhe. Der Ackerboden warf das ab, was wir brauchten, hungern mussten wir nicht. Meine älteste Tochter hat mich zu sich geholt als er starb. Die Söhne sind weit fort. Habe keinen mehr gesehen. Die erste Zeit in der Herberge von meinem Schwiegersohn war schwer. Mein Mann hat mir gefehlt. Da nützt die Tochter nichts. Vielleicht habe ich zu viel geschimpft und mich immer eingemischt. Aber was macht mein Schwiegersohn auch immer für Dusseleien! Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Da kann man doch nicht ruhig sein. Der Mund ist zum Reden da, nicht nur zum Essen. Jedenfalls bei mir ist das so. Die Tochter sagte dann immer: »Mutter, gib Ruh.« Nun ja. Sie stand zu ihrem Mann. Habe ich aber keine Ruh gegeben. Und irgendwann reichte es dem Schwiegersohn. Er wies mir den Anbau am Stall zu und verbot mir das Haus.

Dreimal am Tag kommt die Tochter mit Essen und schaut nach mir. Jetzt laufen mir schon wieder die Tränen, diese fremden Leute machen mich noch ganz kirre. Ich bin doch sonst nicht so. Das Baby schmatzt jetzt schon an der Brust und eigentlich würde ich schon gern wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tippe auf Junge. Ist ein ziemlicher Brocken. Es ist so ruhig im Stall. So friedvoll. Also, die Schafe können ganz schön spinnen. Wenn mal ein Lamm geschlachtet wird, dann blökt die Mutter drei Tage. Und alle anderen im Chor. »Böhhh. Böhhh.« Und drei Nächte dazu. Bis es dem Esel zu viel wird und er selber schreit. Dann geben die Schafe Ruhe. Aber jetzt ist es still und irgendwie komisch. Sie sollen das Baby nur ja gut einwickeln.

Die Schafe scharen sich jetzt um die drei. Sonst sind sie Angsthasen in Person. Mir soll es recht sein. Die Schafe wärmen gut. Der Esel posiert am Kopf der Frau. Das eine Ohr hängt auf halb sieben, das andere steht aufrecht wie ein Soldat. Na, das ist ein Bild. Jetzt kichere ich leise vor mich hin. Das habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Mit meinem Mann habe ich gelacht. Da wackelte das ganze Haus. Aber später konnte ich nicht mehr. Meine Tochter hat keinen Humor, die hat nur Verständnis. Und mein Schwiegersohn hat Humor, aber den will ich nicht. Mit dem Humor ist das so eine Sache.

Vielleicht schaut meine Tochter später noch vorbei. Und wenn ich Lust habe, erzähle ich ihr von dem Bild mit dem Esel und der Frau. Vielleicht lacht sie dann auch. Sie kann dann gleich Milch und Suppe bringen. Die sollen sich nicht so haben. Suppe ist immer genug da. Und Milch auch. Wenn ich so drüber nachdenke, es ist bestimmt besser, dass das Kindchen im Stall zur Welt gekommen ist. In der Herberge sind manchmal harte Gesellen. Die haben kein Gefühl. Hier im Stall ist es doch gut.

Jetzt habe ich den Namen gehört: Jesus. Ich wusste es – ein Junge. Jona wäre mir ja persönlich lieber, aber mich fragt ja keiner. Mir wird richtig warm ums Herz. Irgendwie komisch. Da sind wildfremde Leute. Die kriegen ein Kind. Vor meinen Augen. Und mir laufen die Tränen, als ob ich Zwiebeln schäle. Das kann nur ein Zeichen sein. Wenn mein Schwiegersohn kommt und sie verscheuchen will, dann werde ich ihm aber …! Man kann sie nicht wegjagen. Es ist irgendwie etwas Heiliges darum.

Nachruf auf meinen Vater

3. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Theodor Weißenborn

Anlässlich des Weltfriedenstages am 1. September ­veröffentlichen wir eine ­Erzählung des Schriftstellers Theodor Weißenborn (Jahrgang 1933). Er schildert die dramatische Geschichte ­einer verunglückten Vater-Sohn-Beziehung.

Mein Vater unterrichtete Sport, in der Unterstufe – es war in den frühen 30er Jahren –, hatte ich das Unglück, ihn als Lehrer zu haben. Ich war der einzige Schüler, den er schlug. Er ohrfeigte mich mit Vorliebe in der Gegenwart meiner Mitschüler, damit, wie er sagte, niemand auf die Idee komme, dass er seinen Sohn bevorzuge.

Außer Sport hatte er Biologie als Fach. Mitte der 30er Jahre promovierte er mit einer Arbeit über »Rassenkunde«. Wenn meine Mutter musizierte, pflegte er zu lesen. Seine besondere Verehrung galt Nietzsche und Charles Darwin. Später kamen Spengler und Rosenberg hinzu. Nach dem Krieg dann wohl Udo Walendy.

Zeichnung: Klaus Bose

Zeichnung: Klaus Bose

Eines Tages, noch in der Sexta, war es soweit, dass wir schwimmen lernen mussten. Die Klasse marschierte ­unter dem Kommando meines Vaters im Gleichschritt zum Freibad. Wir standen aufgereiht am Rand des Schwimmbeckens, und mein Vater ­erklärte: »Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass jedes Säugetier, wenn es ins Wasser fällt, schwimmen kann. Das gilt auch für den Menschen, denn der Mensch ist ein Säugetier, und er braucht nichts zu lernen, was er von Natur aus schon kann. Probandum est!« Und mit den Worten: »Ich mach euch das jetzt mal vor«, packte er mich an den Oberarmen und warf mich ins Wasser, wo ich, wild um mich schlagend und schreiend, sogleich versank. Und wenn ich auch wieder auftauchte und aus eigener Kraft den Rand des Beckens erreichte, wo meine Klassenkameraden mich an Land zogen, so war doch meine Angst vor dem Wasser von Stund an so groß, dass ich’s niemals als bergend und tragend empfand und nur ein einziges Mal und nur in größter Not mich ihm preisgab: im Krieg, bei einem Feuergefecht vor Dünaburg, als ich, um mich zu retten, in die Winisja sprang.

Als Kind, nach jenem Schulvormittag, floh ich aus meiner Verstörung in die Arme meiner Mutter, die mich auffing und barg und der ich alles Vertrauen danke, ohne dass ich nicht hätte sein können, weder damals noch später. Und ich erinnere mich, dass sie meinem Vater an jenem Tag beim Mittagessen die heftigste Szene machte, die ich je mitbekam. Mit einem ganz bestimmten Satz, genauer: einer ganz bestimmten Frage, die sich mir einprägte, vertrieb sie ihn so nachhaltig vom Tisch, dass er das Haus verließ und – wahrscheinlich weil er sich betrunken hatte – die nächste Nacht in einem Hotel verbrachte. Die Frage hatte gelautet, ob er mit Brutalität seine Potenzschwäche kompensieren wolle.

Das hatte nicht nur ihm, sondern auch mir zu denken gegeben, und so gewitzt war ich schon mit meinen zehn Jahren, dass ich mich unter Benutzung des stets unverschlossenen Bücherschranks meiner Eltern sogleich sachkundig machte. Und wenn auch mein Vater mich »Muttersöhnchen« schalt und wenn schon der Pimpf, der ich war, ihm nicht hart, zäh und flink genug schien, um eine Zierde der HJ zu werden – dem Wesen und Verhalten meiner Mutter danke ich’s, dass mein Gott weibliche Züge trägt und dass gleichwohl Tatkraft in meiner Vorstellung mit Weiblichkeit gepaart ist. Und ich wusste, um mit Adorno zu reden, wo einzig ich geliebt war: da, wo ich Schwäche zeigen durfte, ohne Stärke zu provozieren.

Ich bin nicht sicher, dass meine Mutter meinen Vater zu jener Zeit noch zur Familie zählte.

Er war ohnehin wenig zu Hause, sondern entweder in der Schule oder im Parteibüro. »Er gehört nach Cayenne!«, sagte meine Mutter, und wenn jemand nicht gleich verstand und nachfragte, sagte sie: »Weil da der Pfeffer wächst.« Später kam er mit der Waffen-SS an die Ostfront, und als er wenige Tage vor Unterzeichnung der Kapitulation in Zivil vor unserer Wohnungstür stand – er hatte von Stuttgart aus vorher angerufen –, da fand er keinen Einlass, aber seine Koffer vor der Tür, und er begriff und trollte sich und sah meine Mutter nur noch ein einziges Mal: beim Scheidungsprozess.

Dies erfuhr ich, als ich aus der ­Gefangenschaft heimkam, aus den ­Erzählungen meiner Mutter. Sie war inzwischen selbst in den Schuldienst gegangen – ihr Fach war Musik –, und über den Verbleib meines Vaters wusste sie wenig zu sagen. Einmal war sein Name in einer Pressemeldung aufgetaucht, im Zusammenhang mit einer »Wehrkampfgruppe«. Seine Ehre hieß Treue. Jahre später erzählte mir eine Cousine meines Vaters, zu der ich Tante sagte, dass er »unrühmlich« gestorben sei: bei einem »Kampfsporteinsatz«, infolge eines Unfalls, dessen Ursache nie völlig geklärt wurde. Es soll Alkohol im Spiel gewesen sein.

Natürlich hätte ich Spuren suchen und das Leben, vor allem die Kindheit meines Vaters erforschen können. Er war, nach dem frühen Tod seiner ­Eltern, kraft Autorität seines Onkels, der ihn adoptierte, in einer Kadettenanstalt erzogen, nein, deformiert worden. Aber um dem nachzugehen, hätte ich ihn lieben müssen.

Ich liebe meine Mutter. So wie Konfuzius nicht seine Feinde, sondern seine Freunde liebte.

Ich war vaterlos.

Theodor Weißenborn