Gemeindesein, das ist Love-Parade

29. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Gedanken zum Reformationstag: Aus der Kirche der Ordnungen die Kirche der Emotionen machen
 

Halloween: der Erfolg des Festes der Gruselkürbisse zeigt auch die Defizite der Kirche auf. (Foto: epd-bild)

Halloween: der Erfolg des Festes der Gruselkürbisse zeigt auch die Defizite der Kirche auf. (Foto: epd-bild)

Halloween macht Kindern Spaß. Klingelstreiche, Süßigkeiten erbetteln, sich verkleiden, welche Kindheit kommt ohne all das aus? Viele Christenleute beargwöhnen den Hokuspokus am Reformationstag. ­Aus­gehöhlt werde der Festtag des Thesengedenkens, wie ein alter Kürbis, in dessen Mitte nur noch ein müdes ­Teelichtlein flackert.

Die Nordelbische Kirche bietet als Kontrazeptivum Lutherbonbons an. Süßes oder Saures, ätsch, wir haben den älteren Feiertag.

Mehr haben die reformatorischen Kirchen nicht zu bieten?

Der spielerische Umgang mit dem Tod durch Totentanzdarstellungen ist eine alte christliche Tradition. Das Abwehren böser Geister durch fratzenhafte Pseudogestalten ist an jedem mittelalterlichen Dom zu finden. Laternen, aus Runkelrüben geschnitzt zum Bannen der unheimlichen Dunkelheit, sind seit Jahrhunderten Teil des evangelischen Martinisingens. Halloween vermischt das alles und hat Erfolg.

Wieso? Sind es nur die ­besseren Marketingstrategien der Halloween-Aktionisten?

Für die sich auf die Reformation berufenden Kirchen ist der Erfolg von Halloween ein wichtiger Indikator für eigene Defizite. In Luthers Zeit kreiste das Denken der Menschen um die Vergänglichkeit des eigenen Lebens und um das Ende der Welt. Apoka­lyptische Szenarien, eschatologische Hoffnungen nahmen nicht nur die theologische Zunft in Beschlag. Sichtbarer Ausdruck für die Suche nach metaphysischer Behaustheit war der boomende Ablasshandel. Schon damals schlugen geschickte Seelenkrämer Kapital aus dem Kitzel um die jenseitigen Dinge. Luther hat mit ­seinen Thesen die entscheidenden ­Fragen gestellt und dem Zauber ein Ende bereitet.

Tod, wo ist dein Stachel? Mit Jesus Christus ist die Macht des Todes zerbrochen, nur durch ihn, Solus Christus.

Diese Erkenntnis hat die Reformationszeit infiziert. Glaube und Leidenschaft waren unauflöslich verbunden. Höhepunkt war das Weihnachtsfest 1521. Karlstadt und Justus Jonas feiern mit der Gemeinde in Wittenberg das Mahl des Herrn in beiderlei Gestalt. Ohne liturgische Gewänder, in deutscher Sprache. Der erste evangelische Gottesdienst. Der Auferstandene ist unsichtbar mitten unter den Feiernden und stärkt sie, auch gegen die Macht des Todes. Ohne Ablasszahlung. Luther sitzt zu dieser Zeit auf der Wartburg fest. Ihn treibt die Angst um, die von ihm begonnene Bewegung drifte in Fanatismus und Anarchie ab. Im Frühjahr kehrt er nach Wittenberg zurück und bremst die Reformation ab. Eine Revolution will er nicht. Nur langsam darf das Werk voranschreiten, auch die Schwachen im Glauben sind mitzunehmen.

Die Bremse ist bis heute angezogen. Evangelische Kirche, da fehlt so oft, die Kirchentage ausgenommen, die Leidenschaft, das Emotionale.

So wichtig es in Luthers Zeit war, die Schwarmgeister einzufangen und die Ordnungen der Kirche aufzurichten, so dringlich ist es heute, aus der Kirche der Ordnungen die Kirche der Emotionen zu machen. Möglich ist das, weil die christliche Tradition ein reiches Reservoir an sinnlichen Elementen kennt, die in neuen Formen emotional anrühren.

Thomasmessen stehen hierfür exemplarisch ebenso wie das Musical »Die Zehn Gebote«, das bei »Ruhr 2010« für Furore sorgt. Gemeindesein, das ist Love-Parade und vorweggenommenes Reich Gottes in einem. Die Tiefensymbolik des christlichen Glaubens, die biblischen Geschichten von Tod und neuem Leben, sie bieten ein Obdach für die Seele. 1521 in Wittenberg leuchten die Augen und zittern die Herzen, während 2000 Menschen den Kelch des Heils teilen.

Zuletzt 1989 sind die Kirchen flächendeckend die Heimat der Emotionen und Ort des Aufbruchs aus gesellschaftlicher Lethargie. Mit ihrem Mix aus spirituellen, sozialen und seelsorgerlichen Potenzen ist die Kirche nicht ohne Grund trotz zweier totalitärer Regime im 20. Jahrhundert mit antikirchlichem Impetus nach wie vor der mit Abstand stärkste Verein in ­vielen Dörfern und allen Städten. In existenziellen Fragen nach Tod und Lebenssinn bietet der christliche Glaube viele Anstöße und, für den mit Glauben Beschenkten, Antworten.

Und was hat dagegen Halloween zu bieten?

Dieser moderne Ablasshandel? Zahle mir so und so viel Euro und du kannst dich mit einem Teufels­kostüm verkleiden. Ein bisschen Spaß muss sein. Aber am 1. November ist der Spuk vorbei. Was aber wenn die Welt voll wirklicher Teufel wär? Und wollt uns gar verschlingen? Halloween hat darauf keine Antworten. Und ein paar Lutherbonbons helfen auch nicht weiter.

Süßes oder Saures?

Der Fürst dieser Welt,
wir sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Felix Leibrock