»Damit sich Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen«

12. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Der jüdische Professor und die Rechtsextremen: Reinhard Schramm spricht seit vielen Jahren mit Straftätern in der Jugendstrafanstalt.

Der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 war der Impuls für den »Thüringen Monitor«: Jenaer Wissenschaftler untersuchen seitdem regelmäßig die politische Kultur im Land. Der These »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns« schloss sich 2017 jeder siebte befragte Thüringer an.

Manche setzen ihre antisemitische Einstellung in Taten um, einige landen letztlich im Gefängnis. Dann sind sie ein Fall für Reinhard Schramm.

Der frühere Professor der Technischen Universität Ilmenau und heutige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen kommt einmal im Monat in die Jugendstrafanstalt des Landes in Arnstadt. Er trifft sich mit Gefangenen, um mit ihnen über seine Familiengeschichte zu sprechen. Darunter sind junge Männer, die auch ihre rechtsextreme Gesinnung hinter Gitter brachte. Die verurteilt wurden, weil sie schlugen oder zündelten.

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Das erste Mal kam Schramm nach dem Anschlag auf die Synagoge. Einer der drei Täter bereute seine Tat. Der Professor traf sich mit ihm, redete mit ihm. Eine Aktion, die nicht allen in der Jüdischen Gemeinde gefiel. Im Gegenteil, manche zweifelten offen am Sinn derartiger Bemühungen.

In diesem Fall zu Unrecht: Schramm bekam später einen Brief des jungen Mannes. Er habe mit dem rechten Zeugs nichts mehr gemein, habe darin gestanden. Ein Zeichen? Ein Ansporn allemal. Seitdem geht der 73-Jährige regelmäßig in den Knast. Monat für Monat, »außer im Sommer«, sagt er und lacht.

Reinhard Schramm lacht gern. Er ist von ansteckender Fröhlichkeit, seine blauen Augen blitzen, wenn er einen Scherz macht. Doch sie werden sehr ernst, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt.

Die jüdische Mutter überlebt, weil sich ihr nichtjüdischer Mann nicht scheiden lässt. Er selbst wird 1944 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Die ersten Monate seines Lebens verbringt er bis zum Kriegsende mit seiner Mutter im Versteck. Außer den beiden werden alle jüdischen Familienmitglieder umgebracht.

Seine Mutter will nach dem Krieg nur noch weg, in den neuen Staat der Juden. Doch Reinhard bekommt Keuchhusten. Im Krankenhaus sorgen sich die Ärzte mit Hingabe um ihn. Er wird wieder gesund. Später erfährt er, die gleichen Ärzte haben in der Nazizeit einem anderen jüdischen Kind die Behandlung verweigert: Bernd Wolfson starb an einer vereiterten Mittelohrentzündung.

Es sind Geschichten wie diese, die seine Zuhörer schlucken lassen. Er setzt sie bewusst ein. Es sind wahre Geschichten, seine Erlebnisse. Sie erzählen davon, wie im NS-Deutschland Nachbarn zu Fremden wurden, der Wert der Juden in den Augen vieler Deutscher von Tag zu Tag sank. »Bis wir nur noch Ungeziefer waren, das man zertreten kann«, setzt Schramm den Schlusspunkt. Dies soll sich nie wiederholen. Deshalb geht er regelmäßig in den Knast.

Schramm ist Ingenieur, kein Träumer. Doch er hofft, dass er mit der Geschichte seines Lebens und seiner Familie bei den jungen Leuten mehr erreichen kann als tumbe Sprücheklopfer. Meist seien seine Zuhörer interessiert, sagt er, fragten gezielt nach. Für fast zwei Stunden können sie seiner Wahrheit nicht entfliehen.

»Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen.« Das ist einer der Sätze, die er gern benutzt. Doch es geht ihm nicht nur um Historie, um die große Welt. Reinhard Schramm kommt auch als Vater. Denn sein Sohn saß selbst im Gefängnis. Zum Ende der DDR machte er aus seiner Meinung über den Arbeiter-und-Bauern-Staat keinen Hehl. Offen sprach er davon, das Land bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen, arbeitete wohl auch aktiv an einem Plan dazu. Der SED-Obrigkeit wurde das zu viel. Sie sperrte ihn kurzerhand ein. Reinhard Schramm hat die Monate seines Kindes im Gefängnis nicht vergessen. Wie die Zeit in der Zelle seinen Jungen veränderte, ihm mit jedem Tag mehr den Lebensmut nahm. Wie der Sohn begann nachzudenken, ob das alles noch Sinn für ihn habe. »Eine schlimme Zeit«, erinnert sich der Vater. Auch deswegen geht er jeden Monat aufs Neue in das Jugendgefängnis. Das bringt ihm immer noch Skepsis, aber auch Anerkennung ein.

»Ich kenne seine Initiative seit dem Brandanschlag und bewundere seine Ruhe und Konsequenz, mit der er sich diesen Gesprächen stellt«, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Er sei beeindruckt davon, wie Schramm immer wieder auf Menschen zugehe, bei denen er unterstellen müsse, dass diese bei einer nächtlichen Begegnung eher Angst auslösen würden. »So baut er Ängste auf beiden Seiten ab«, meint der Regierungschef. Und fügt noch an: »Mehr davon wäre wünschenswert.«

Dirk Löhr (epd)

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Feindlich, staatszersetzend, Christ

22. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerung: Mit dem Porträt des Kirchenhistorikers und Zeitzeugen, Professor Peter Maser, der sich in Sachen Aufarbeitung verdient gemacht hat, startet unsere Serie über »Christen in der DDR«.

Peter Maser steht im Innenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt und blickt auf den Kubus, einen dunklen Würfel, bemalt mit Comiczeichnungen, die von den aufwühlenden Tagen im Spätherbst 1989 in Erfurt erzählen. »Ich glaube, das ist das bisher einzige gelungene und überzeugende Denkmal der friedlichen Revolution, das wir haben«, erklärt er nachdenklich.

Maser ist 74 Jahre alt und seine Geschichte ist eng und untrennbar mit der Andreasstraße verbunden. Dabei hat er zu diesem Ort gar keinen persönlichen Bezug. »Ich habe hier weder eingesessen, noch kenne ich irgendwelche Familienangehörige oder Freunde, die das taten«, betont er. Aber natürlich hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen getroffen, deren Biografie auf fatale Weise mit diesem Ort verbunden ist.

Maser selbst hat auch eine DDR-Vergangenheit. Der gebürtige Berliner, der in Sachsen-Anhalt aufwuchs und heute in Bad Kösen lebt, besuchte in den 1950er-Jahren die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Naumburg. »Das war eine sehr bekannte und traditionsträchtige Lehranstalt, die in der Zeit, als ich da zur Schule ging, gerade mit brachialer Gewalt zu einer sozialistischen Heimoberschule umgestaltet wurde.«

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Maser war aktives Mitglied der Jungen Gemeinde, die der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Nachdem er seine Aktivitäten nicht einschränkte, musste er nach der 10. Klasse die Oberschule verlassen. Er ging ans Proseminar nach Halle, eine der kirchlichen Hochschulen in der DDR, die auf das Theologiestudium vorbereiten durften. »Eigentlich konnten die Absolventen dieser Schulen nur an kirchlichen Hochschulen studieren, aber zu meiner Zeit war es gerade möglich, auch an staatliche Universitäten zu gehen.« So kam er nach Halle, studierte ab 1962 Theologie und machte später dort auch seinen Doktor. Und das ganz ohne Hochschulreife. Er sei wohl der einzige Professor und Direktor eines geisteswissenschaftlichen Instituts in Deutschland, der nie Abitur gemacht habe, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Peter Maser führt durch die verschiedenen Etagen der Andreasstraße. Das Gebäude diente schon zur Kaiserzeit als Gefängnis. Die Nationalsozialisten brachten hier ihre Gefangenen unter. Später nutzte die Stasi diese Räume, um vermeintliche Gegner einzusperren.
»Haft – Diktatur – Revolution« ist die Ausstellung überschrieben. Hier wird die Geschichte des Ortes lebendig. Das wird in der Dauerausstellung, aber vor allem auf der Haftetage deutlich. Man spürt förmlich die Wirkmächtigkeit des DDR-Apparats und das Ausgeliefertsein derer, die sich nicht konform zeigten.

Dem langen Arm der Stasi konnte sich der Kirchenhistoriker nicht entziehen. Der unbeugsame junge Mann, der auch aus seinem Glauben und seinen Ansichten keinen Hehl machte, war der Stasi ein Dorn im Auge. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Wähnte man Maser doch als das Haupt einer feindlichen, staatszersetzenden Gruppe. »Das war ich nicht«, erklärt Maser. »Natürlich waren wir kritisch. Wir haben im privaten Kreis den jungen Marx gelesen und auch über die aktuellen Verhältnisse kritisch diskutiert, aber eine feindliche Gruppe waren wir ganz sicher nicht.«

Die Übergriffe der Stasi wurden immer massiver. Maser stellte 1976 einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin seine Stelle. »1977 reiste ich mit meiner Familie und der tatkräftigen Unterstützung der Kirchenleitung in Magdeburg, die erkannt hatte, dass es mit mir in der DDR nicht mehr lange gutgehen wird, in die Bundesrepublik aus«, so Maser.

Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kirchenamtes der EKD in Hannover und Lehrbeauftragter der Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1988 in Kirchengeschichte. In all diesen Jahren verlor Maser jedoch nie den Blick für die Situation der Kirche in der DDR. Immer wieder publizierte er zu diesem Thema.

Nach der Wende berief man ihn im Bundestag als Berater zur ersten Enquete-Kommission. Es sei schon damals klar gewesen, »dass es im Grunde genommen kein Kapitel der DDR- und SED-Geschichte gab, in dem die Kirche nicht maßgeblich vorkam.«

Peter Maser vereinigt zwei Attribute. Er ist Zeitzeuge und Wissenschaftler. Einer, der sich sehr früh darüber Gedanken machte, wie dieser Teil der deutschen Geschichte aufgearbeitet und tradiert werden sollte. In die Überlegungen zur Nutzung des früheren Stasi-Gefängnisses in der Erfurter Andreasstraße bezog 1992 das Thüringer Kultusministerium Maser ein. »Daraus entwickelte sich dann über mehrere Jahre eine sehr intensive, anstrengende, aber immer spannende Mitarbeit und Zusammenarbeit in Erfurt«, so Maser. Es war von Beginn an keineswegs klar, was werden sollte. Eine aktive Gruppe, die sich im »Freiheits e.V.« zusammengeschlossen hatte und zu der viele ehemalige Häftlinge gehörten, schlug eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Diktatur vor.

Am Ende eines langen Prozesses stand die Entscheidung, hier einen Ort mit zweipoliger Erinnerung zu schaffen, der zwei scheinbar gegensätzliche Themen verbindet: Unterdrückung und Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert an Haft und Repression, an DDR-Unrecht in vielfältiger Form und an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zugleich hält sie die Erinnerung an die friedliche Revolution wach. Deren Geschichte mit der erzwungenen Öffnung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 durch Bürgerrechtler wird hier erzählt.

Peter Masers Engagement für die Andreasstraße ist ungebrochen. An der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR ist er ebenfalls beteiligt. Auch in der Arbeitsgemeinschaft, die die interministerielle Arbeitsgruppe in der Thüringer Staatskanzlei unterstützt, ist er dabei. Er ist zuversichtlich, was die Aufarbeitungsbemühungen anbelangt: »Dass das Thema ›Christen in der DDR‹ mit Ernsthaftigkeit und auf unterschiedlichen Ebenen behandelt wird, wirkt sich allmählich aus«, ist er sich sicher. »Also, ich kann kein Bundesland sehen, in dem das mit dieser Intensität abläuft, wie das hier in Thüringen geschieht.«

Diana Steinbauer

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Christbaum aus dem Kirchenwald

18. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Alle Jahre wieder im Advent beginnt in den Wäldern das Schlagen von Weihnachtsbäumen. Wer selbst die Axt anlegt, wird mancherorts zu Glühwein und einem zünftigen Imbiss eingeladen.

Weihnachtsbäume aus heimischen Wäldern haben in Thüringen eine lange Tradition. Über Generationen holten sich vor allem die Bewohner der waldreichen Bergregionen ihren Christbaum selbst aus dem Wald. Damit kam zum Fest stets ein frisches Exemplar in die gute Stube. Der alte Brauch erfreue sich mittlerweile wieder zunehmender Beliebtheit, sagt Horst Sproßmann vom ThüringenForst: »In einigen Orten ist das Baumschlagen bei Glühwein und Bratwurst oft ein Event für die ganze Familie.«

Auch auf kirchlichen Waldflächen wird so manche Fichte für das Weihnachtsfest geschlagen. Mit etwa 6 000 Hektar entfällt knapp die Hälfte des Kirchenforstes in der mitteldeutschen Kirche auf Thüringen, das wiederum zu einem Drittel mit Wald bedeckt ist – insgesamt mit mehr als 550 000 Hektar. Zu den rund 800 Hektar kirchlicher Waldflächen in Ostthüringen gehören 270 Hektar des Schleizer Geistlichen Hilfsfonds, der bereits am Heiligabend 1605 errichtet wurde. Seither sind die Überschüsse aus der Waldwirtschaft des Fonds jeweils zur Hälfte für kirchliche und für schulische Aufgaben bestimmt. Gelegentlich sei er dabei gewesen, um in diesem Stiftungswald Christbäume für die Kirche zu schlagen, erinnert sich Pfarrer Andreas Göppel. Als er vor einigen Jahren aus Sachsen-Anhalt in die kleine Gemeinde Tanna im Grenzland zu Sachsen und Bayern wechselte, sei es für ihn etwas Neues gewesen, selbst die Axt mit anzulegen.

Gleichwohl seien Christbäume aus dem Kirchenwald in Kirchengemeinden oder Gemeindehäusern eher die Ausnahme, sagt Kirchenoberforsträtin Susann Biehl vom Erfurter Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Als wichtigsten Grund für die Zurückhaltung vermutet sie das Austrocknen der zumeist verwendeten Fichten in geheizten Räumen und das damit verbundene frühzeitige Verlieren der Nadeln.

Aktuelle Trends: Die Nachfrage nach kleineren Bäumen von 1,50 bis 1,75 Meter nimmt zu. Außerdem spielt Regionalität zunehmend eine Rolle: 30 Prozent der Bäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, weitere 30 Prozent im Straßenhandel und der Rest in Supermärkten sowie in Garten- und Baumärkten. Fotos: by-studio – stock.adobe.com

Aktuelle Trends: Die Nachfrage nach kleineren Bäumen von 1,50 bis 1,75 Meter nimmt zu. Außerdem spielt Regionalität zunehmend eine Rolle: 30 Prozent der Bäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, weitere 30 Prozent im Straßenhandel und der Rest in Supermärkten sowie in Garten- und Baumärkten. Fotos: by-studio – stock.adobe.com

Die Verwendung der Nadelbäume als Weihnachtsschmuck ist für die Kirchenwälder ohnehin nur ein Nebenaspekt. In erster Linie gehe es um eine wirtschaftliche Nutzung des natürlichen Rohstoffs Holz, um damit einen Ertrag für die Mitfinanzierung von kirchlichen Aufgaben zu erzielen, sagt die Forstfachfrau. Als Beispiele nennt sie die Pfarrerbesoldung und die finanzielle Unterstützung für den Erhalt von kircheneigenen Gebäuden.

Für die Bewirtschaftung ihrer Waldflächen hat die EKM strenge Kriterien festgelegt. Sie sollen dazu beitragen, den Wald als Teil der Schöpfung zu erhalten und zu pflegen. »Dabei hat Nachhaltigkeit die oberste Priorität«, betont Biehl. Die wichtigsten Grundsätze seien der Verzicht auf Kahlschlag und Pestizide, schonende Verfahren zur Holzernte und die ständige Einbeziehung des Naturschutzes.

Dazu gehörten neben dem Schutz von Boden- und Wasserflächen auch der Beitrag des Waldes zum Klimaschutz als Speicher für Kohlenstoff. Darüber hinaus sei der Erhalt des Waldes als Kulturgut unverzichtbar, fügt sie hinzu. Vor diesem Hintergrund sei der Waldumbau von der Monokultur zu einem Mischwald mit anderen Nadel- und Laubbäumen auch für den Kirchenwald eine besondere Herausforderung. Erste positive Veränderungen auf diesem Gebiet hat die jüngste Inventur der kirchlichen Waldflächen in Thüringen ergeben. Gegenüber der Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2002 zeige sich der Thüringer Kirchenwald heute gemischter und auch stabiler gegenüber Klimaveränderungen, resümiert die zuständige Mitarbeiterin im Erfurter Kirchenamt. Rund ein Drittel des Bestands seien Buchen, Eichen und andere Laubbäume.

Am häufigsten wachsen jedoch auf den kirchlichen Waldflächen nach wie vor Fichten. Sie haben das romantische Bild vom »deutschen Wald« seit dem 19. Jahrhundert auch in Thüringen maßgeblich geprägt. Mit dem grundlegenden Waldumbau sollen diese Bestände keineswegs verschwinden, sagt Biehl. Doch künftig werde es auch im Kirchenwald mehr andere Nadelbäume geben, die als Weihnachtsbaum langlebiger sind. Wie etwa die Weißtanne, so die Forstfachfrau.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Wissenswertes
Das Saatgut der hierzulande als Weihnachtsbaum beliebten Nordmanntanne wird vor allem aus Georgien importiert. Zur Ernte werden die Zapfen von Bäumen oft in einer Höhe von 60 Metern von Hand gepflückt. Übrigens: Die Forschung, z. B. an der Uni Kopenhagen, sucht nach dem noch perfekteren Weihnachtsbaum mit noch schönerem Wuchs, höherer Frosttoleranz, geringerem Nadelverlust und sogar nach dem schwerer entflammbaren Baum. Auch der Online-Weihnachtsbaum­verkauf wächst kontinuierlich, bisher noch auf niedrigem Niveau. Das Angebot in diesem Jahr war bereits umfangreicher. Eine Lieferung ins Haus – sogar geschmückt – ist inzwischen möglich.


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Nächstenliebe kommt zum Zug

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Streckenposten: Am zweiten Advents-Wochenende nimmt die Deutsche Bahn ihre neue »Rennstrecke« zwischen Berlin und München komplett in Betrieb. Reisende, die Hilfe brauchen, bekommen diese am Knotenbahnhof Erfurt von der Bahnhofsmission.

Heute kommen Uwe Friese, Magdalena Steinhöfel und Beate Wichmann ganz schön ins Schwitzen. Vier Stunden lang arbeiten sie an diesem Freitagnachmittag ehrenamtlich für die neue Bahnhofsmission am Erfurter Hauptbahnhof. Diebe haben auf der Strecke in Richtung Leipzig Teile der Oberleitung gestohlen. Das wirbelt den Fahrplan gehörig durcheinander. Viele Reisende sind stundenlang verspätet, verpassen Anschlüsse und sind froh, dass sie jemanden haben, der mit Rat und Tat zur Seite steht.

Foto: Markus Wetterauer

Foto: Markus Wetterauer

Oft sind es nur kleine Gesten, die weiterhelfen: Mal ist es ein Hinweis auf den Anschlusszug, für die Mutter mit Kinderwagen ist es der Tipp mit dem Aufzug. Seit Juni sind die 15 Freiwilligen der Erfurter Bahnhofsmission unterwegs als »Engel am Zug«. Jeden Freitagnachmittag helfen sie. Entstanden ist die Bahnhofsmission aus einer Gruppe von Menschen, die sich ganz allgemein für andere engagieren wollte. Schnell fand sich der Bahnhof als Ort, wo Menschen immer wieder Hilfe brauchen.

»Sowohl beim Bahn-Management als auch bei den Mitarbeitern in den Geschäften und bei der Stadt haben wir viel Resonanz erfahren und offene Türen eingerannt«, erinnert sich Hubertus Schönemann, selbst leidenschaftlicher Zugfahrer und einer der Initiatoren.
Im Gegensatz zu den Bahnhofsmissionen in anderen deutschen Städten läuft bisher alles auf freiwilliger Basis ab. Es gibt keine hauptamtlichen Mitarbeiter. Und vor allem: Es fehlt an einem Raum. »Das ist eine schwierige Situation, weil es Fälle gibt, wo es drauf ankäme, jemanden mal hinzusetzen, ein Gespräch zu führen und ein Glas Wasser zu geben«, so Schönemann. Hätte man einen solchen Raum, »dann könnten wir auch längere Zeiten abdecken« – und nicht nur den Freitagnachmittag.

Meistens sind zwei oder drei Freiwillige zu den Diensten am Gleis eingeteilt. Zu Beginn waren die Helfer ohne die leuchtend blauen Jacken der Bahnhofsmission unterwegs. Das war manchmal etwas schwierig, wie sich Magdalena Steinhöfel erinnert. »Es ist niemand auf uns zugekommen, weil wir ja auch normale Reisende hätten sein können«, so Steinhöfel, die praktische Theologie an der Universität Jena studiert und gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt. »Wenn wir dann Hilfe angeboten haben, wurden wir erst mal skeptisch angeschaut.« Das hat sich geändert: Alle sind klar als Bahnhofsmission erkennbar: »Wir gehören quasi zum Inventar des Bahnhofs und die Leute verbinden mit uns Hilfeleistung.«

Auch Dagmar Schumann hat bei Zugreisen schon die Hilfe der Bahnhofsmission in Anspruch genommen: Zug verpasst, Anschluss weg – und sie wusste nicht, was sie machen sollte. Als sie vor Kurzem hörte, dass in Erfurt eine Bahnhofsmission gegründet wird, wollte sie mitmachen, »und die Hilfe weitergeben, die ich bekommen habe«. Jetzt ist sie selbst im Einsatz am Bahnsteig.

Hubertus Schönemann wünscht sich noch mehr Freiwillige für das Team. Zwischen 25 und 30 strebt er an. Künftig gehört auch Luzia Rosenstengel-Kromke dazu. »Ich war ein paar Mal zum Schnuppern da«, erzählt sie. Bei einem Rundgang durch den Bahnhof hat sie so alle wichtigen Einrichtungen und das Bahnpersonal kennengelernt. Schon bisher wurde sie bei ihren Bahnreisen immer wieder mal angesprochen und von anderen Reisenden um Hilfe gebeten. Jetzt will sie andere regelmäßig unterstützen: »Das macht ja auch für einen selbst einen Sinn.«

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Helfen und etwas weitergeben, das wollen die Helfer der Erfurter Bahnhofsmission aus christlicher Überzeugung. An den Adventsfreitagen soll das auch durch Fünf-Minuten-Impulse am großen Christbaum in der Eingangshalle des Bahnhofs geschehen: ein kurzes Musikstück, ein Gedanke zum Mitnehmen, ein Segensspruch für die Reisenden.

Wie wichtig Reden und Zuhören ist, hat Hubertus Schönemann vor ein paar Wochen erst wieder erfahren. Bei einem Einsatz traf er einen älteren Herrn, der im Urlaub einen Herzinfarkt hatte. Bevor dessen Frau ihn abholte, kümmerte sich Schönemann zwei Stunden lang um ihn, setzte sich zu ihm in den Wartesaal, gab ihm ein Glas Wasser, hörte ihm zu. Der Mann erzählte seine Lebensgeschichte und wie es ihm jetzt geht mit dem Herzinfarkt. Dann kam die Frau an, weinend, weil sie sich so gesorgt hatte, wie Hubertus Schönemann berichtet. »Wenn ich so etwas erlebe, dann weiß ich, warum ich das mache.«

Markus Wetterauer

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Ein Zeichen für alle

15. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sich bekreuzigen: Warum ein katholischer Lehrer evangelische Christen für einen alten Ritus gewinnen will

Ein Thüringer Katholik will ein sichtbares Zeichen für die Ökumene setzen – das Kreuzzeichen. Ginge es nach Klaus Töpfer, bekreuzigten sich schon bald auch die Protestanten nach dem Gottesdienst und überließen die Geste nicht nur dem Mann oder der Frau vor dem Altar. Mit vielen Christen spricht der 73-Jährige in den letzten Monaten darüber, mit hochstudierten Professoren, mit Amtsträgern und Laien. Auch die Bischöfe in Magdeburg und Erfurt versucht er, für seine Idee zu gewinnen.

Seine Argumentation klingt schlüssig. Der Glaube an den einen Gott sollte wichtiger sein als die über Jahrhunderte gepflegte Betonung alles Trennenden zwischen den Konfessionen. In seinem Heimatdorf, Salomonsborn vor den Toren Erfurts, könne man sich das auch gar nicht mehr leisten.

Katholiken und Protestanten feierten hier zusammen Gottesdienst; mal seien die einen, mal die anderen in der Mehrheit. Immer – außer zu Weihnachten – blieben dennoch viele Kirchenbänke frei. Im Ort selbst seien die Christen eh in der Minderheit, so Klaus Töpfer. Mehr noch, beschwört der pensionierte Lehrer die gemeinsame Stärke, keine der beiden Konfessionen allein hätte die Sanierung der inzwischen so schmucken Dorfkirche allein stemmen können. Nur eine Seite hätte auch nicht die stolze Summe von 84 000 Euro zusammengebracht. So viel Geld ging nach seinen Angaben in den letzten Jahren in Form von Spenden und Zuwendungen beim Förderverein von St. Dionysius ein. Nein, es ist nur noch zusammen zu schaffen; sprich: ökumenisch. Also schreibt er freundliche Briefe an die beiden Bischöfe. Und bekommt freundliche Antworten.

Das Kreuzzeichen sei ein Gestus, den auch Martin Luther praktiziert und empfohlen hat, schreibt Anfang Juli Ilse Junkermann an den gebürtigen Eichsfelder. Das Zeichen zeige »die Verbundenheit mit Christus und ist deshalb immer auch eine Tauferinnerung«, so die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Wenn es die Protestanten heute nicht praktizierten, sei das keine »Herabsetzung« mehr, sondern ein »Vergessenhaben«. Allerdings, schränkt sie ein, spielten für ihre Konfession Gebetshaltungen und Gesten generell eine sehr untergeordnete Rolle. Und dennoch – gerade von den Jüngeren werde das Kreuzzeichen inzwischen wieder entdeckt und immer häufiger angewandt.

Also gibt die Landesbischöfin grünes Licht? Nicht ganz. Da das Kreuzzeichen ein sehr persönlicher Gestus sei, könne dieser »nicht einfach für die eigene Frömmigkeitspraxis verordnet werden«. Eine starke Verankerung sei nur »über Vorbild, Nachahmung und Einübung« möglich, endet ihr Antwortschreiben an Klaus Töpfer ein wenig im vagen Unverbindlichen.

Auch ihr Amtsbruder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster. Er bitte um Verständnis, dass er als katholischer Bischof nicht in die Gottesdienstagenda evangelischer Pfarrer eingreifen möchte, heißt es im Brief von Ulrich Neymeyr ein paar Wochen später. Es wäre für Klaus Töpfer als ökumenisch engagierten katholischen Christen »wesentlich leichter«, diesen Vorschlag zu machen. Es könne nicht seine – des Bischofs des Bistums Erfurt – Aufgabe sein, evangelische Christen darüber zu belehren, »dass sie beim katholischen Segen das Kreuzzeichen mitmachen können, ohne dabei ihre evangelische Identität zu verraten«.

Klaus Töpfer lässt sich davon nicht entmutigen. In Ricklef Münnich findet er den richtigen Partner. Dann ist es so weit. In der kleinen Kirche zu Salomonsborn lädt der evangelische Pfarrer zum Ende des ökumenischen Gottesdienstes die Protestanten dazu ein, es den Katholiken gleichzutun und ein Kreuz zu schlagen. Trotz Anleitung und Erklärung trauen sich aber noch nicht alle an das ungewohnte Ritual heran.

Jegliches hat seine Zeit. Auch das Kreuzzeichen. Ob in Erfurt, wie vor über 500 Jahren schon einmal, wieder Weltgeschichte beginnen kann? Klaus Töpfer schmunzelt. Als Martin Luther am 17. Juli 1505 an die Pforte des Augustinerklosters klopft, will er nur ein Mönch unter vielen sein. Historische Bedeutung bekommt dieser Moment erst Jahre später …

Dirk Löhr (epd)

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Wie sagt man? – Danke!

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Lebenshaltung: Dankbarkeit kann man mit einer einfachen Formel lernen

Haben Sie heute schon jemandem gedankt? – Nein? Dann überlegen Sie mal schnell, wem Sie heute danken könnten – Ihrer Frau oder Ihren Kindern? Der Postfrau oder dem Kollegen? Gott oder dem Leben? Und wenn Sie schon dabei sind, dann überlegen Sie gleich weiter: Wofür können Sie danken? Was haben Sie heute schon Schönes erlebt oder bekommen, gefühlt oder gesehen?

Es gibt tausend Gründe, dankbar zu sein – und das Erntedankfest ist eine gute Möglichkeit, sich wieder daran zu erinnern. Nicht nur für jetzt und dieses Fest, sondern für immer. Nicht nur aus Höflichkeit, wie wir es gelernt haben, sondern aus vollem Herzen.

Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung. Und sogar eine, die das ganze Leben verändern kann. Wer dankbar ist, hat einen anderen Blick auf das Leben. Wer dankbar ist, hat einen Blick für das Schöne und Gelungene, für die vielen Geschenke, die das Leben uns macht. Wer dankbar ist, nimmt nichts als selbstverständlich hin. Alles ist Geschenk und kann zu etwas Kostbarem werden, wenn wir es so sehen lernen. Jede Begegnung, jeder einzelne Augenblick unseres Lebens, die wichtigen Dinge, die uns umgeben – alles ist einzigartig. Und je bewusster wir sie wahrnehmen, desto tiefer kann unsere Dankbarkeit und desto reicher wird unser Leben sein.

Lebenshaltungen kann man einüben, auch die Dankbarkeit. David Steindl-Rast, Benediktiner-Mönch und Meister der Dankbarkeit, hat dafür eine einfache Formel gefunden: »Stop – Look – Go« – das bedeutet »Innehalten – Schauen – Handeln«. Um Dankbarkeit als Lebenshaltung zu lernen, braucht es nichts weiter als dieses: Innehalten – um wahrzunehmen, was gerade passiert. Anhalten mitten im Alltagstrubel, für einen Augenblick. Spüren, was gerade guttut. Was spüren Sie gerade? Was tut Ihnen jetzt gerade gut?

Schauen – um den Reichtum des Lebens zu sehen. Schauen Sie sich um! Was gibt es gerade alles, wofür Sie danken könnten? Die Sonne vor dem Fenster? Das Lachen Ihres Kindes? Das neue Kleid? Der duftende Kaffee? Und schließlich: handeln – also danken. Gott danken mit einem Lied oder einfach mit einem stillen Lächeln. Ihrem Kind mit einer Umarmung. Oder der Postfrau mit einem guten Wort. – Und hat Ihnen eigentlich heute schon jemand gedankt?

Als ich die Kinder meiner Gruppe gefragt habe, wo sie Dankbarkeit erleben, habe ich nicht schlecht gestaunt: Fast alle Kinder haben davon erzählt, dass sich jemand bei ihnen selbst bedankt hat. Sie haben Dankbarkeit am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren. Und sie haben gespürt, wie gut dass tut: »Danke, dass du den Tisch gedeckt hast!« – »Danke, dass du mir deinen Stift geborgt hast!« – »Danke, dass du meine Freundin bist.«

Kinder lernen offenbar Dankbarkeit am besten, wenn wir ihnen danken. Wenn sie uns, die Erwachsenen, als dankbare Menschen wahrnehmen. Und wenn sie erleben können, was für ein schönes Gefühl durch die Dankbarkeit entsteht. Wie schön das ist zu hören: »Danke! Du tust mir gut.«

Es ist Erntedank. Wir danken Gott für die Erntegaben, für die Fülle unseres Lebens, für all die Momente, in denen das Glück von ganz allein in die Dankbarkeit fließt. Wir danken den Menschen, die uns guttun und die uns lieben und wärmen. Und vielleicht üben wir uns auch über das Fest hinaus in Dankbarkeit, immer wieder. – Halten Sie inne, schauen Sie hin – und danken Sie. So oft Sie es aus vollem Herzen können. Sie werden sehen, welche Wunder das wirkt!

Wer dankbar ist, lebt bewusster und kann das Leben tiefer genießen. Werden Sie Genießer! Und stecken Sie andere mit Ihrer Dankbarkeit an. Dann wird aus dem Erntedank ein Lebensdank und aus dem einen Fest eine neue Lebenshaltung. Eine, die das ganze Leben heller strahlen lässt. Und das ist ja dann schon wieder ein Grund, dankbar zu sein.
Übrigens: Danke, dass Sie sich die Zeit für diesen Artikel genommen haben.

Friederike Hempel, Gemeindepädagogin, Erfurt

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Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Flagge zeigen für das Miteinander

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerungsort: »Topf & Söhne« symbolisch mit ACHAVA-Fahne markiert

Menschen zusammenführen und einladen zum Lernen und zur Begegnung, das ist das Ziel von »ACHAVA«, dem jüdischen Impuls für interreligiösen Dialog. Die Festspiele für Toleranz und Dialog fanden 2015 erstmals in Thüringen statt. In diesem Jahr hat das Festival zwei neue Veranstaltungsorte und -partner gefunden: den Thüringer Landtag und den Erinnerungsort »Topf & Söhne«.

Hissen der Flagge:  Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort  Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Hissen der Flagge: Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf und Söhne«, die Entlüftungsanlagen und gasdichte Türen für die Gaskammern zahlreicher Konzentrationslager baute, wurde deshalb am Tag vor der Eröffnung des Festivals ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA gehisst.

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne« betonte die Bedeutung eines solchen Zeichens: »Es ist sehr wichtig, dass an einem solchen Ort wie diesem, an dem Techniker gedacht und produziert und dabei die Folgen ihres Tuns für die Menschen ignoriert haben, dass gerade hier nicht nur der Taten erinnert, sondern auch ein Zeichen für Toleranz und Verständigung gesetzt wird.«

Mit dem Banner wolle man nicht nur auf ACHAVA und die zahlreichen und vielfältigen Veranstaltungen bis zum
11. September in Erfurt aufmerksam machen. »Wir wollen auch zeigen, dass dieser Ort ein offenes Haus und nicht auf die Vergangenheit ausgerichtet ist. Hier bewegt sich etwas«, so die Kuratorin.

Der Kulturdirektor der Stadt Erfurt, Tobias Knoblich, erklärte, die Stadt wolle nicht nur Veranstaltungsort, sondern intensiver Partner des Festivals sein. Knoblich betonte die besonderen Herausforderungen, die die Globalisierung an die Gesellschaft stelle. »Es gibt viele Widerstände und Grenzen. Wir müssen uns aufmachen, Unbekanntes kennenzulernen und Differenzen akzeptieren zu können«, so Knoblich.

Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Landtag und dem Erinnerungsort. Er hofft, dass das Festival auch in diesem Jahr wieder viele Menschen anziehen und begeistern wird. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, Meditation und vieles mehr wird dem Publikum in diesen Tagen in Erfurt geboten.

Kranz hofft, dass bis zu 10 000 Besucher zum Festival kommen werden. »Wir machen den Erfolg von ACHAVA jedoch nicht an einer Zahl fest«, so Kranz. »Für uns zählt die Qualität der Beiträge und jeder Einzelne, den wir erreichen.«

Diana Steinbauer

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


»Ermöglicher« – und nicht »Verhinderer«

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In entspannter Atmosphäre auf ihrem Balkon in der Erfurter Altstadt traf Willi Wild die Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, zum Gespräch. Es ging dabei um aktuelle Herausforderungen, Kritik aus den Kirchengemeinden und Perspektiven.

Das Landeskirchenamt ist mitten in Erfurt und Sie wohnen unweit des Domplatzes. Was bekommen Sie von den Demonstrationen am Dom mit und was bewegt Sie dabei?
Andrae:
Auf meinem Nachhauseweg komme ich am Domplatz vorbei. Den Mittwochs-Demonstrationen kann ich da gar nicht entgehen. Ich finde die Polarisierung in der Stadt und insgesamt in der Gesellschaft erschreckend, auch wenn die Zahl der Demonstranten zurückgegangen ist. Natürlich bewegt mich die Frage, wie wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, integrieren können.

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Mein Mann und ich gehören zum Unterstützerkreis der Begegnungsstätte »Café Paul« in der Predigergemeinde. Dort treffen sich Menschen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Das sind erst mal ganz einfache Begegnungen. Ich lerne aber dabei sehr viel über die Menschen und habe plötzlich ein ganz konkretes Bild über die Lebenswirklichkeit von Mustafa und Maarouf. Aber auch sie erfahren etwas über mich.

Wie begegnen Sie auf der anderen Seite Menschen, die Angst vor Überfremdung haben und das christliche Abendland in Gefahr sehen?
Andrae:
Sicher gibt es in unserer Kirche Menschen, die solche Ängste haben. Grundsätzlich müssen wir als Kirche die Ängste vor dem Fremden oder die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ernst nehmen. Was wir derzeit an Gewalt, Krieg und Zerstörung von Lebensgrundlagen erleben, verursacht Ängste. Da nehme ich mich gar nicht aus. Es ist wichtig, eine Gesprächsbasis zu finden.

Was bedeutet das im Umgang mit anderen Religionen?
Andrae:
Da bin ich Lernende. Ich merke immer wieder, wie wenig ich über andere Kulturen, andere Religionen und die Lebenswelten anderer weiß. In der Begegnung wächst mein Verständnis. Ich bin ein offener Mensch und empfinde Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern als Bereicherung. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass mein Arbeitsplatz nicht in Gefahr ist und dass die Flüchtlinge für mich keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sind. Deshalb kann ich mir kein Urteil über Menschen erlauben, die ihre Existenz bedroht sehen.

Seit fünf Jahren ist das Landeskirchenamt der EKM jetzt in Erfurt im Collegium maius mitten in der Altstadt. Welche Verbindung haben Sie als Kirchenbehörde zur Stadt?
Andrae:
Eine enge Verbindung habe ich von Anfang an angestrebt. Dem Ort, dem Collegium maius, der alten Erfurter Universität mit Martin Luther als berühmtesten Schüler und Lehrer, fühlen wir uns verpflichtet. So oft es möglich ist, öffnen wir unser Haus für Veranstaltungen. Die »Collegium-maius-Abende« werden gut angenommen. Wir wollen unser Haus öffnen und wir wollen den gesellschaftlichen Diskurs. Für mich ist die Kunst im Landeskirchenamt ganz wichtig. Regelmäßig organisieren wir Ausstellungen und laden ein zur Teilnahme an unseren geistlichen Angeboten, den Morgengebeten und mittwochs zum Mittagsgebet in der Michaeliskirche, gegenüber dem Landeskirchenamt.

Viele Mitarbeitende im Landeskirchenamt engagieren sich ehrenamtlich. Wir haben im Haus für Flüchtlinge gesammelt oder die Arbeit der Stadtmission unterstützt.

Sie wollen erstmals die Öffentlichkeit ins Landeskirchenamt einladen. Was haben Sie vor?
Andrae:
Am 10. September von 10 bis 14 Uhr gibt es einen »Tag der offenen Tür«. Wir wollen unsere Arbeitsbereiche vorstellen und Menschen einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das weit über Erfurt hinausgeht. Kirchengemeinden und Mitarbeitende sind eingeladen, ihr Landeskirchenamt zu besuchen, um beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit der EKM kennenzulernen oder sich über das EKM-Projekt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen zu informieren. Aber auch Fragen nach der Funktionsweise unseres Finanzsystems in der EKM werden fachkundig beantwortet. Ich möchte die Kirchengemeinden ermuntern, die Möglichkeit für einen Gemeindeausflug zu nutzen.

Das Verständnis für die Arbeit und die Arbeitsweise des Landeskirchenamtes scheint an der Basis nicht sehr ausgeprägt. Angesichts von Strukturreformen, Stellenkürzungen oder der Zusammenlegung von Kirchengemeinden wächst der Unmut. Viele fragen sich, wohin soll die Reise gehen? Was ist das Ziel?
Andrae:
Die Frage nach dem Ziel ist eine gemeinsame und vor allem eine geistliche Frage, die alle Ebenen unserer Landeskirche betrifft. Die Rahmenbedingungen für die kirchliche Arbeit haben sich, auch im gesellschaftlichen Kontext, in den letzten Jahren erheblich verändert. Ich sehe die zentrale Funktion des Landeskirchenamtes darin, unter den geänderten Rahmenbedingungen das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Gemeinden zu ermöglichen und zu gewährleisten. Wir wollen »Ermöglicher« und nicht »Verhinderer« sein. So hat sich bei den Schwerpunkten der Arbeit im Landeskirchenamt einiges verändert. Unsere Aufgaben als Aufsicht gehen zurück, die der Beratung und Dienstleistung nehmen zu. Wir bieten in einigen Bereichen Spezialwissen an, das in Kreiskirchenämtern oder auf Kirchengemeindeebene so nicht vorgehalten werden kann.

ErSommerlogo GuHreicht Sie die Kritik aus den Kirchengemeinden?
Andrae:
Ja, natürlich erreicht mich die Kritik. Und ich nehme wahr, dass es unter den geänderten Rahmenbedingungen für die Gemeinden und Kirchenkreise nicht leicht ist, Schwerpunkte zu setzen oder die Arbeit in bestimmten Bereichen neu zu organisieren. Die Verantwortung liegt vor Ort. Über den Stellenplan für den Verkündigungsdienst beschließt die Kreissynode. Wie die konkrete Dienstanweisung für die Pfarrerin oder den Pfarrer aussieht, wird zwischen diesen und den Kirchengemeinden unter Beteiligung des Superintendenten ausgehandelt. Das Landeskirchenamt hat lediglich eine Rahmenanweisung erlassen, um einer Überlastung vorzubeugen. Damit wollen wir die Pfarrerinnen und Pfarrer im Verkündigungsdienst unterstützen.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Da müssen im Landeskirchenamt der EKM große Aufgaben geschultert werden. Was ist Ihnen wichtig?
Andrae:
In erster Linie wollen wir als EKM gute Gastgeber sein. Natürlich sind wir stolz auf die vielfältigen Schätze, die wir in der EKM haben. Die schönen Kirchen, die wunderbare Kirchenmusik, die Kunst und die Menschen in unseren Kirchengemeinden. Wir wollen zeigen, dass wir eine lebendige Kirche sind, die sich – ganz im Sinne der Reformation – verändert. Das Reformationsjubiläum ist eine Chance, dass wir als EKM noch stärker unsere gemeinsame Identität finden. Wir gehören zusammen und vieles verbindet uns, ob wir in Eisenach oder in der Altmark leben.

Welche Perspektive hat Ihrer Meinung nach die EKM?
Andrae:
Eine Frage, die uns weiter beschäftigen wird: Wie kann es uns gelingen, neben dem Bewährten etwas Neues zu etablieren, in den Veränderungsprozessen, in denen wir uns befinden? Gute Traditionen erhalten und Neues ausprobieren. Ein gutes Nebeneinander von Tradition und Innovation. In den »Erprobungsräumen« nehmen missionarische Projekte einen wichtigen Platz ein. Bunte Vielfalt anstatt ausschließlich starrer Formen.

Eine zweite wichtige Frage ist, wie es uns gelingt, religiöse Themen in die Gesellschaft einzubringen. Wo erreichen wir die Lebenswirklichkeit der Menschen? Da ist Phantasie gefragt. Ich wünsche mir natürlich auch eine Kirche, die verantwortlich mit ihren Ressourcen umgeht. Und ich wünsche mir, dass man gerne in dieser Kirche arbeitet. Sei es im Haupt- oder im Ehrenamt. Wenn wir etwas von der Freude des Evangeliums ausstrahlen, fände ich das wunderbar.

Sie hatten im vergangenen Jahr einen runden Geburtstag?
Andrae:
Ach ja.
Sonne-web

Denken Sie schon über die Zeit nach dem Berufsleben nach? Und welche Ziele haben Sie, was möchten Sie bewegen?
Andrae:
Ich bin 60 geworden. Nach wie vor macht mir die Arbeit viel Freude. Die verbleibenden fünf Jahre bis zu meinem Ruhestand möchte ich nutzen, um zwei Anliegen zu befördern: Das ist zum einen die strategische Personalentwicklung für den Verwaltungsdienst in der EKM. Hier haben wir für die Entwicklung und Implementierung ein Projekt für das Landeskirchenamt und exemplarisch in drei Kreiskirchenämtern aufgelegt. Zum anderen: Wie gelingt es, das Landeskirchenamt noch stärker zukunftsfähig zu machen? Wie können wir den Erwartungen der Adressaten noch besser entsprechen? Wo setzen wir inhaltliche Schwerpunkte? Diese Fragen sind vor dem Hintergrund der Einsparungen in 2019 zu lösen. Nach jetzigem Stand sind auf der landeskirchlichen Ebene zweieinhalb bis drei Millionen Euro einzusparen.

Und das, obwohl sich die Einnahmesituation im vergangenen Jahr doch erheblich verbessert hat?
Andrae:
Die Einnahmen im Haushalt der EKM bestehen nur zu 50 Prozent aus eigenen Mitteln, der Kirchensteuer, 30 Prozent kommen aus dem EKD-Finanzausgleich und 20 Prozent sind Staatsleistungen. Trotz der Einnahmesteigerung geht die Gemeindegliederzahl kontinuierlich um jährlich zwei Prozent zurück. Bis 2025 wird es circa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler in der EKM geben. Darauf müssen wir auf der Ausgabenseite reagieren.

Ihre Aufgabe nimmt Sie sehr in Beschlag. Gibt es da überhaupt noch ein Leben außer des Amtes?
Andrae:
Gott sei Dank! Ja.

Wobei können Sie entspannen?
Andrae:
Mein Mann und ich entspannen, wenn wir mit unseren beiden Kindern und deren Familien zusammen sind. Mit unseren beiden Enkelinnen fahren wir in den Urlaub an die Ostsee. Die Große wird elf und die Kleine ist fünf, die kommt das erste Mal mit. Wir lieben das Meer. Anschließend sind wir in Mecklenburg mit unserem alten DDR-Faltboot unterwegs.

Daneben interessiere ich mich für Kunst oder sitze gern mal gemütlich in einem Café.

Wenig Schlaf für den jungen Luther

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: In Erfurt begann Martin Luther zu studieren, bis ein heftiges Gewitter ein Leben veränderte. Der wohlhabende Student wurde zum Bettelmönch. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

In Erfurt erzählt fast jeder Pflasterstein eine Geschichte. Auf einige von ihnen hat zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch der junge Martin Luther (1483–1546) seine Füße gesetzt. Im Jahr 1501 kam der spätere Reformator nach seiner Schulzeit in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach nach Erfurt. Rund zehn Jahre später verließ er sie als Mönch. Zunächst studierte er, wie damals oft üblich, an der »Hierana« die »Sieben Freien Künste«, wie Grammatik, Rhetorik und Astronomie.

Die Erfurter Universität bestand schon mehr als 100 Jahre. Manch ortsansässiger Historiker nennt sie gar die älteste Universität Deutschlands, stammt doch das Privileg zu ihrer Einrichtung aus dem Jahr 1379. Erfurt hatte damals 20 000 Einwohner und zählte zu den fünf größten Städten im Reich. Heute hat die thüringische Landeshauptstadt gut 200 000 Einwohner und bietet einen großen mittelalterlich geprägten Altstadtkern.

Damals übte der Ruf von Stadt und Universität auf den jungen Mann aus wohlhabendem Hause eine magische Anziehungskraft aus. Zudem versprach sich sein strenger Vater vom späteren Studium der Jurisprudenz einen Grundstein für eine steile Karriere als Beamter an einem Fürstenhof.

Doch es kam anders. Die Legende berichtet, dass der junge Mann am 2. Juli 1505 auf der Rückreise von einem Besuch bei seinen Eltern im rund 90 Kilometer entfernten Mansfeld auf einem Feld bei Stotternheim, das heute zu Erfurt gehört, von Blitz und Donner überrascht wurde. In Todesangst rief er: »Ich will Mönch werden!« Das setze er um und trat zwei Wochen später in das strenge Augustinerkloster ein. Forscher vermuten, dass er schon vorher mit dem Gedanken gespielt hatte, aber Angst vor der Reaktion des Vaters hatte.

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Im heutigen Augustinerkloster wird deutlich, wie die Mönche des Bettel­ordens vor 500 Jahren lebten. Und wie Luther sich mit der Frage quälte: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« In der Dauerausstellung unter dem Dach sind Mönchszellen zu sehen. Allerdings dienten sie nicht privaten Bedürfnissen, erzählt Kurator Carsten Fromm. Geschlafen wurde in einem Raum, die Zellen dienten allein als Rückzugsorte für die Glaubensarbeit.

In einem der kleinen Räume werden hinter dicken Eisenstäben schwere Folianten aufbewahrt. Sie sind Teil der berühmten Bibliothek des Klosters. Durch eine Glasscheibe hindurch können die Besucher aus der Ausstellung in ihren Lesesaal blicken. Im Fenster der Kirche ist die Rose zu sehen, die den Reformator zu seinem Siegel inspiriert haben soll. Im Kapitelsaal bekommt der Gast eine kleine Vorstellung von der Strenge des klösterlichen Lebens. Mehr als vier Stunden Schlaf waren für die Mönche nicht drin, den Rest des Tages widmeten sie sich Gebet und Studium der Heiligen Schrift.

Heute ist das Kloster eine Bildungs- und Begegnungsstätte. Wer ohne Parkplatz und Telefon auskommen kann, ist hier richtig. »Wir versuchen eine Reduktion auf das Wesentliche«, beschreibt Kurator Fromm das Anliegen seines Hauses. Von hier aus lässt sich Luthers Erfurt erkunden.

Nur wenige Schritte sind es vom Kloster hinüber zum Dom, wo Luther 1507 zum Priester geweiht wurde. Der Weg führt durch das alte lateinische Viertel der Universität, über kurze Abstecher gelangt man zur Krämerbrücke, der einzigen bebauten Brücke nördlich der Alpen, und in die Waagegasse zur ältesten erhaltenen Synagoge Mitteleuropas. Dort ist seit einigen Jahren auch der Goldschatz zu sehen, den ein reicher Jude vor dem Pogrom von 1349 vergrub.

Vieles lässt sich in Erfurt entdecken, was an Luthers Aufenthalt bis 1511, seinem Wechsel nach Wittenberg, erinnert. Die Humanistenstätte Engelsburg zum Beispiel, die heute Studentenclub ist. Dort soll der kranke Martin Luther 1537 behandelt worden sein. Und die pittoresken Bursen, Fachwerkhäuser am Flussufer, die als Studentenwohnheime dienten. So gründete sich vor einigen Jahren der Verein »Georgenburse Erfurt«, der das Haus betreut, in das der Student Luther Ende April 1501 eingezogen sein soll. Es gibt eine kleine ökumenische Pilgerherberge und eine Ausstellung darüber, wie die Studenten im Mittelalter so lebten.

Von Dirk Löhr und Wiebke Rannenberg (epd)

Glaskunst für den Glauben

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Kunsthistoriker Bertram Lucke über zerbrechliche Kostbarkeiten

Zu den wichtigsten, aber auch empfindlichsten Ausstattungselementen von Kirchen gehören Glasmalereien. Mit diesen Kunstwerken beschäftigt sich der promovierte Kunsthistoriker Bertram Lucke vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Erfurt. Mit dem Fachmann sprach Susann Winkel über Stifter, Motive und Gefahren.

Herr Dr. Lucke, Ende 2016 wurde in der Kirche Marisfeld im Landkreis Hildburghausen ein restauriertes Glasgemälde geweiht, das die Kreuzigung Christi zeigt. Dem voran ging ein glücklicher Fund.
Lucke:
Der Kopf und Oberkörper der Christusfigur waren im Original aus dem Jahr 1885 nicht mehr erhalten, eine ältere, qualitativ unbefriedigende Ergänzung sollte jetzt ersetzt werden. Im Archiv der Mayer’schen Hofkunstanstalt GmbH in München stieß ich im vergangenen Sommer auf einen umfangreichen Bestand historischer Fotografien. Diese zeigen Kartons – die Eins-zu-eins-Vorlagen – zu Glasgemälden von C. H. Burckhardt & Sohn, München. Aus deren Werkstatt stammt auch die Marisfelder Kreuzigungsdarstellung. Hiervon existiert ein Kartonfoto, das dankenswerterweise für die Ergänzung zur Verfügung gestellt wurde.

Welche Kirchen in der Region Süd­thüringen wurden noch von der Werkstatt Burckhardt ausgestattet, deren Begründer ursprünglich aus Eisfeld kommen?
Lucke:
Die evangelischen Kirchen in Eisfeld (kriegszerstört), Stepfershausen, Meiningen (kriegszerstört, Fragmente erhalten), Oberstadt, Veilsdorf, Sonneberg und Saalfeld erhielten in sehr unterschiedlichem Umfang Glasmalereien aus der Werkstatt Burckhardt.

Wer stiftete Glasmalereien und aus welchem Anlass?
Lucke:
Die Palette der Stifter ist breit: Landesherrn, Geistliche, Patronatsherrn, Fabrikanten, Bürger verschiedenster Professionen, Familien, Kinder zum Andenken ihrer Eltern und umgekehrt, Vereine und Vereinigungen etc. Die Meininger Stadtkirche beispielsweise erhielt im Zuge ihres 1884 bis 1889 erfolgten Umbaus zwei landesherrliche Stiftungen, weitere Fenster stifteten die »Künstler-Klause«, »Frauen und Jungfrauen der Stadt«, »Bürger der Stadt«, »Freunde der Kirche«, der Gewerbeverein und die »Gesellschaft ›Sängerkranz‹«. Zu den vielen Stiftungsanlässen zählen Neubauten, Umbauten und Renovierungen von Kirchen, Jubiläen von Personen und Ereignissen, das Gedächtnis an Gefallene oder der Dank für die Heimkehr aus dem Krieg.

Das restaurierte Glasfenster in der Marisfelder Kirche. Foto: Susann Winkel

Das restaurierte Glasfenster in der Marisfelder Kirche. Foto: Kathrin Rahfoth

Werden heute noch neue Glasgemälde in der Art des Marisfelder Fensters eingesetzt oder bleibt es bei der Bewahrung des Bestandes?
Lucke:
Der Begriff »Glasgemälde« ist eng gefasst, die Münchener Kunsthistorikerin und Glasmalereiexpertin Elgin Vaassen spricht hier von der »bildhaften Richtung der Glasmalerei« im Gegensatz zur mosaikartig gefügten. Auf der Grundlage dieser Definition geantwortet: Neue Glasgemälde entstehen heute nur noch wenige, neue, in den verschiedensten Techniken geschaffene Kirchenfenster sind hingegen keine Seltenheit.

Welche Rolle spielen Glasmalereien für die Ausstattung von Kirchen?
Lucke:
Die Glasmalerei zählt in den Epochen, in denen die Fenster der Sakralbauten quasi selbstverständlich damit versehen wurden, zu den wesentlichen Ausstattungselementen. Die Art ihrer »Durchlichtung« bestimmt das Maß der Abgrenzung von innen und außen, ihre jeweilige Farbgebung ist von erheblicher Wirkung auf die Raumstimmung, die durch den Wechsel von Art und Intensität des einfallenden Lichtes zudem ständig variiert. Eine weitere wichtige Rolle kommt der Glasmalerei als Bildträger im Rahmen des ikonografischen Programmes des jeweiligen Sakralraumes zu.

Gibt es Unterschiede hinsichtlich der Konfessionen?
Lucke:
Ja. Neben einer Reihe in Gotteshäusern beider Konfessionen anzutreffender Darstellungen, insbesondere sind dies die Hauptereignisse der christlichen Heilsgeschichte, gibt es auch viele bekenntnisbezogene Motive oder Bildprogramme.

Wie ist der Zustand der Glasmalereien in den Thüringer Kirchen?
Lucke:
Der trotz bedeutender Verluste noch sehr umfangreiche Bestand von Glasmalereien aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Kirchen, Kapellen und Feierhallen ist im Auftrag des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie von Falko Bornschein und Ulrich Gaßmann inventarisiert, zustandsseitig erfasst und 2006 in Buchform publiziert worden. Der Erhaltungszustand im Einzelnen variiert von bereits konservierten und restau­rierten Fensterbeständen bis zu solchen, für die dies bald geboten ist.

Was sind die großen Gefahren und Chancen für ihre Bewahrung?
Lucke:
Neben Zerstörungen durch Krieg, Vandalismus und Umwelteinflüsse zählt die Nicht-Wertschätzung der Werke der Glasmalerei des Historismus zu deren großen Gefahren. Allerdings kann man hierüber zunehmend in der Vergangenheitsform reden, auch gibt es inzwischen einige Beispiele, wo mit großem Engagement dafür Sorge getragen wird, dass einzelne Fenster oder schrittweise ganze Kirchenverglasungen besagter Entstehungszeit konserviert und restauriert werden. Die gebührende Wertschätzung dieser oft kostbaren Zeugnisse aus einer großen Epoche der Glasmalerei ist eine wesentliche Voraussetzung ihrer Bewahrung für die Gegenwart und Zukunft.

Die Spaltung in der Gesellschaft

30. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitgespräch: Vom Umgang mit Ängsten und ungelösten politischen Fragen und wie wir uns kritisch damit auseinandersetzen lernen

Zwischen besorgten Bürgern und gefährlichen Mitte-Extremisten. Wie gehen wir um mit den Ängsten, ob begründet oder unbegründet, und wo ist die Grenze zwischen berechtigter Sorge, Zukunftsangst und rechtem Populismus? Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker aus Halle, spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Der streitbare Jenaer Jugendpfarrer Lothar König hält Populisten und Mitläufer in der aktuellen Flüchtlingsdebatte für gefährlicher als Rechtsextremisten. Maaz und König diskutierten miteinander, moderiert von Willi Wild.

Dr. Maaz, Sie fordern einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut auf der Straße. Ihrer Meinung nach sind nur wenige, die bei Pegida mitlaufen, Rechtsextremisten. Geht Ihr Verständnis für die besorgten Wutbürger nicht etwas zu weit?
Maaz:
Im Gegenteil. Ich bin am meisten besorgt über die Spaltung in unserer Gesellschaft: also Pegida oder No-Pegida. Ich halte die Pauschalablehnung von Pegida für ziemlich starke Hetze. Die ist von den Politikern angezettelt worden. Sicher gibt es bei Pegida Personen, die nicht akzeptabel sind. Die Themen, die auf die Straße getragen werden, die sollten verstanden, analysiert und diskutiert werden. Außerdem sind einzelne Kritikpunkte, die Pegida vor einem halben Jahr genannt hat, mittlerweile ziemlich aktuell.

Herr König, Sie bezeichnen die Mitläufer als Mitte-Extremisten. Damit treffen Sie aber inzwischen eine große gesellschaftliche Gruppe?
König:
Mitte-Extremisten deshalb, weil wir in der Vergangenheit immer nur nach links und rechts geschaut haben. Mitte-Extremisten halte ich für am gefährlichsten, weil sie sich zurücklehnen und zu wenig reflektieren. Da haben wir dann die Gesellschaft, vor der Herr Maaz hier warnt.
Maaz: Wenn wir solche Worte wie Extremisten oder auch Nazis benutzen, besteht immer die Gefahr, dass man glaubt, mit so einer abwertenden Bezeichnung habe man das Problem erfasst. Wir müssten uns vielmehr mit den Gründen befassen, warum sich Menschen zu Extremisten entwickeln oderextremistische Positionen vertreten?

Ist es nicht Zeichen einer Demokratie, Unmut und Angst in Demonstrationen zu äußern, ohne dass man gleich in eine Extremistenecke gestellt wird?
Maaz:
Ja selbstverständlich. Pegida ist allerdings von Anfang an überhaupt nicht ernst genommen worden. Es gehört zu unseren demokratischen Grundregeln, dass man protestieren kann, dass man eine Meinung hat und dass man über Meinungen streiten kann und muss. Aber genau das hat die Politik kritisiert.
König: Wir demonstrieren und sagen die Meinung, streiten miteinander und versuchen auf einen Nenner zu kommen. Das ist das eine. Aber wir leben hier in einer Welt, die ist von Gewalt geprägt ist. Auch wenn Politiker uns etwas anderes erzählen wollen, kein Mensch ist gewaltfrei. Ich bin noch dabei zu lernen, wie es dem Herrn Jesus gelungen ist, gewaltfrei und friedlich mit der Peitsche die Leute aus dem Tempel zu prügeln. Ja, da findet Gewalt statt. Und wir brauchten eine Gewaltdebatte, vor allen Dingen von den Theologen. Wir leben halt nicht im Himmelreich. Das ist eine Zielvorstellung.
Maaz: Ich möchte dem sehr zustimmen, Herr König. Ich spreche von einer strukturellen Gewalt in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Gewaltdebatte, wo wir uns fragen: Wie entsteht Gewalt, woher kommt das, was sind soziale und auch seelische Probleme, die zu Gewalt führen und wie kann man damit umgehen? Was kann man tun, damit Gewalt nicht ständig wächst und ausufert?
König: Eine der Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Glaubens ist der Psalm 23, der fängt an: »Der Herr ist mein Hirte.« Pegida und andere Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen fühlen, sagen: Niemand behütet mich! Wenn ich Menschen treffe, die Angst haben, dann sage ich, das brauchst du nicht. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Wenn Sie zu diesen Menschen sagen, dass sie Mitte-Extremisten sind, wirkt das vertrauensbildend?
König:
Das eine ist die seelsorgerliche und das andere die politische Seite. Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben klein angefangen. Man hat sie laufen lassen. Kein Schwein hat das interessiert. Wenn ich sehe, was sich für Neonazis in Dresden unter die Demonstranten mischen, da haben wir als laue Christen – wie es Luther ausdrückt – versagt. Ich habe mitbekommen, wie dann am Rande Menschen gejagt worden sind, die irgendwie anders aussahen. Da ist für mich eine Grenze überschritten, das geht gar nicht. Wenn es den kritischen Dialog gäbe, dann würde ich sofort einsteigen. Aber es geht nicht, dass hier Stimmung auf Kosten anderer gemacht wird. Ein Mensch ist immer erst mal eine Chance, eine Hoffnung.

Wie können wir denn zu einem gesunden Umgang miteinander kommen?
Maaz:
Man hat ja immer wieder versucht, das Gespräch zu führen. Das ist natürlich kaum möglich bei solchen Demonstrationen. Was wir machen können ist, dass wir anfangen, die Themen aufzugreifen, die ernsthaften Positionen und sie in einer größeren Öffentlichkeit diskutieren.
König: Was in Paris passiert ist und vielleicht demnächst in Deutschland passiert, das ist eine Rechnung, die wir geliefert bekommen, nicht für zehn Jahre falscher Politik, nicht für 50 Jahre, für mindestens 500 Jahre. Unser Abendland ist so reich geworden und wir haben jedes Maß verloren. Heute kriegen wir eine Rechnung präsentiert und niemand weiß, wie diese Rechnung zu bezahlen ist.

Auch in kirchlichen Kreisen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen sagen – wie die Kanzlerin – wir schaffen das und alle sind willkommen. In den Gemeinden scheint es zunehmend zu rumoren, weil sich die Menschen alleingelassen fühlen.
König:
In der Kirche wird die Welt ständig schöngeredet. Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft und in unserer Welt haben wir fast völlig aus dem Blick verloren. Wir sind kaum mehr konfliktbereit und schon gar nicht in der Lage zu streiten. Wir müssen auch thematisieren, wie viele menschenfeindliche Gedanken unter uns Christen vorhanden sind.
Maaz: Die Verantwortlichen vertreten eine Willkommenskultur und die Bevölkerung, die das entgegenzunehmen hat, spürt zunehmend die Überforderung und die eigentlich notwendige Begrenzung. Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Gründe für Flüchtlinge zur Wahrnehmung des Asylrechtes werden wachsen. Wenn wir nicht die Aufnahme von Flüchtlingen begrenzen, ersticken wir irgendwann. Wir erkennen natürlich, dass wir wesentlichen Anteil haben mit unserer westlichen Lebensart, an der gewachsenen sozialen ungleichen Verteilung des Reichtums. Wir sollten vielmehr unseren Reichtum verwenden, um Armut vor Ort zu bekämpfen. Die Milliarden und vor allem unser technisches Know-how müssen aufgewendet werden, um wirksam die Armut zu bekämpfen und um Kriege zu verhindern.
König: Wir haben uns lange Zeit da wenig eingemischt. Das einzige was wir gemacht haben ist, unsere Waffen dorthin zu verkaufen. Jetzt wundern wir uns, dass mit den Waffen nicht Kartoffelanbau betrieben, sondern geschossen wird.
Maaz: Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass in unserer Gesellschaft eine wachsende soziale Ungerechtigkeit existiert, die man nicht pauschal mit unserem Reichtum beruhigen kann. Wir müssen auch in unseren Gesellschaften um eine größere soziale Gerechtigkeit kämpfen.

Sie empfehlen den kritischen Dialog als Lernprozess. Was könnte das für Kirchen und Kirchengemeinden bedeuten?
Maaz:
Uns droht eine Spaltung zwischen den Obrigkeiten und der Gemeinde. In den Gemeinden müssen alle Probleme, alle Sorgen, alle Ängste tatsächlich angesprochen werden, ohne dass man gleich in eine Ecke von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus gestellt wird. Wenigstens in den Kirchen sollte Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, damit konstruktive Kritik geübt werden kann.
König: Wir sollten wieder anfangen, das Evangelium zu predigen: Das Himmelreich ist nahegekommen. Sorgt euch nicht, werft alle Sorgen auf ihn. Und wir fangen an, hier zu leben und zu streiten, zu suchen und zu finden und Fehler zuzugestehen, Fehler zu korrigieren. Das ist, was uns stark macht.

Viel Fingerspitzengefühl

11. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Stuhlflechterei: Sehen, mit welchem Geschick blinde Handwerker in den Erfurter Werkstätten arbeiten

Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) versteht sich als Chancengeber und Mutmacher. In den Erfurter Werkstätten arbeiten zwei blinde Handwerker in der Stuhlflechterei.

Niels Grobb ist glücklich: »Das ist ein cooler Faden, ein echt cooler Faden!« Der junge Mann, der so erfreut über den Stuhlflechtfaden aus Rattan jubelt, den ihm Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder sorgfältig ausgesucht hat, setzt zufrieden seine Arbeit fort. Das komplizierte Wiener Geflecht fordert seine volle Konzentration, denn er ist blind. Von Geburt an. Weil er vor 35 Jahren im Brutkasten zu viel Sauerstoff bekommen habe, erzählt er. Auch sein Gehör sei nicht gut, deshalb trage er ein Hörgerät.

Direkt neben ihm sitzt Maik Benschig, ebenfalls blind. »Ich war ein Frühchen«, erklärt er kurz und knapp den Grund. Der 36-Jährige und sein Nebenmann kennen sich schon fast drei Jahrzehnte. Beide besuchten als Kinder die Blindenschule in Chemnitz. Danach trennten sich ihre Wege.

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb wusste damals nicht, welchen Beruf er erlernen sollte. Wäre es nach dem Wunsch seiner Eltern gegangen, hätte er eine Ausbildung als Bürokraft machen sollen. Aber den ganzen Tag am Computer – das sei ihm einfach zu langweilig gewesen. Beim Probearbeiten in Erfurt hat er dann das Korbflechten für sich entdeckt und es bot sich die Möglichkeit, eine entsprechende Ausbildung in der Landesblindenschule Hannover zu absolvieren – weit weg von zuhause. »Da hat mir ganz schön das Herz gebubbert, als ich die ersten Male allein mit der Bahn dorthin musste«, erzählt er. Aber der Einsatz hat sich gelohnt, er habe neben der Praxis auch viel theoretisches Wissen mit auf den Weg bekommen, erklärt der gelernte Korb- und Rahmenflechter stolz.

Auch Maik Benschig fand bei einem Praktikum in den Erfurter Werkstätten Gefallen an der Flechtkunst. Begonnen hat er zunächst mit Übungsrahmen. Immer wieder hat er das probiert, bis die Spannung stimmte und er das richtige Gefühl für die Muster hatte.

Die Handwerkskunst aus den Erfur­ter Werkstätten wird hoch geschätzt. Auch ohne Werbung ist die Auslastung dank Empfehlungen zufriedener Kunden hoch, so Hans-Günther Altenfelder. Zudem nutzen Restauratoren gerne den Sachverstand und das hohe handwerkliche Niveau der Erfurter Stuhlflechter.

Es ist beeindruckend, mit welchem Geschick die beiden die Rattanfäden verflechten – wobei sie sich nur auf ihren Tastsinn verlassen können. Und natürlich auf Hans-Günther Altenfelder, der sofort zur Stelle ist, wenn Hilfe gebraucht wird. Wie beim Einarbeiten eines neuen Fadens oder beim Ausrichten des Schergeflechtes. »Als ich hier begonnen habe, mit blinden Kollegen zu arbeiten, habe ich das Flechten erst einmal selbst mit geschlossenen Augen versucht. Ich zolle ihnen größten Respekt für das, was sie leisten!« Mit sicherem Gespür greifen die zwei nach dem benötigten Werkzeug. Als gestandene Handwerker haben sie es ordentlich sortiert neben sich platziert.

Natürlich sei die Arbeit nicht immer einfach, gibt Altenfelder unumwunden zu. Aber er ist sehr zufrieden. »Meine christliche Lebenseinstellung ist der Motor«, bringt er seine persönliche Motivation auf den Punkt. Maik Benschig, größter Fan des Korbmachermeisters, strahlt: »Und wir sind mit Herrn Altenfelder sehr zufrieden!« Momente wie dieser tun gut und lassen Altenfelders Tätigkeit als »Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung« zur Berufung werden.

Dass der blinde Kollege auch ganz besondere Talente als Sänger habe, verrät Hans-Günther Altenfelder noch:

»Maik hat eine sehr sehr schöne Stimme!« Und das sei das Besondere in den Erfurter Werkstätten. Denn nicht nur Arbeit steht auf dem Tagesplan, hinzu kommen auch viele arbeitsbegleitende Angebote, wie eben der Musikkreis. Die ganzheitliche Förderung gehört zum Konzept. Maik Benschig freut sich sehr darüber und hat mit seiner Gruppe unter anderem einen dritten Platz bei einem Musikwettbewerb der Stiftung Finneck vorzuweisen. Im Moment probt er mit seinen Mitstreitern für ein großes Musiktheaterprojekt.

Und Niels Grobb war vor einigen Jahren Deutscher Vizemeister beim Blindenschießen – so etwas gibt es: Anders als im »normalen« Schießsport besitzen die Gewehre einen Lichtsensor, der auf Helligkeit reagiert. Wenn sich der Lauf im hellen Zentrum der Zielscheibe befindet, wird ein akustisches Signal an den Schützen weitergeleitet; entfernt sich der Lauf von der Mitte, wird durch die dunklere Farbe ein anderer Ton erzeugt, der Schütze kann also gewissermaßen mit den Ohren »zielen«. Er habe diesen Sport wieder aufgegeben, weil er ihm wegen seines eingeschränkten Gehörs zu anstrengend geworden sei. Aber Spaß habe es ihm schon gemacht.

Echte Multitalente also, die in den Erfurter Werkstätten aktiv sind – und ganz beeindruckende Handwerker.

Adrienne Uebbing

Kontakt zur Stuhlflechterei: Telefon (03 61) 78 34-428 (Herr Altenfelder)

www.cjd-erfurt.de
www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Fest der Religionen und Kulturen

24. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Warum braucht Thüringen noch ein weiteres Festival?


Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt bekommt ein neues Kunst- und Kulturfest. Bei den Achava-Festspielen (Achava, hebräisch: Brüderlichkeit) stehen der interkulturelle und interreligiöse Dialog im Vordergrund.
Künstlerischer Leiter ist Jascha Nemtsov (52), Professor an der Hochschule für Musik in Weimar. Mit ihm sprach Willi Wild.

Thüringen hat bereits viele Kulturfeste im Sommer. Gerade ist in Weimar das Festival Yiddisch Summer zu Ende gegangen. Warum noch ein weiteres jüdisches Kulturfestival?
Nemtsov: Das ist natürlich eine legitime Frage. Die Achava-Festspiele sind aber kein weiteres jüdisches Kulturfestival. Das ist eine ganz neue Form. Die gibt es so weder in Thüringen noch sonst in Deutschland. Das ist ein Festival, in dessen Mittelpunkt der Dialoggedanke steht; es ist also ein interreligiöses und interkulturelles Festival. Es war den Initiatoren außerdem ein ganz wichtiges Anliegen, dass wir dieses Festival zusammen mit möglichst vielen verschiedenen Akteuren aus der kulturellen, religiösen und politischen Szene machen. Da sind die katholische und evangelische Kirche dabei, die Jüdische Landesgemeinde, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Reformationsbeauftragte der Landesregierung, die Evangelische Schulstiftung, politische Stiftungen, die Gedenkstätte Buchenwald, der Thüringer Literaturrat, die Weimarer Hochschule für Musik »Franz Liszt«, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, der Verein »West Östlicher Divan« und andere.

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Auch muslimische Verbände beteiligen sich?
Nemtsov: Uns ist es wichtig, dass möglichst viele Konfessionen vertreten sind. Dieses Jahr sind es die beiden großen christlichen Kirchen, die Jüdische Gemeinde und der Zentralrat der Muslime. Aber wir hoffen, dass im nächsten Jahr auch andere Religionsgemeinschaften vertreten sein werden.

Was unterscheidet Achava von anderen Festivals?
Nemtsov: Es ist diese Mischung aus rein kulturellen Veranstaltungen, Konzerten mit hochkarätigen Künstlern und Veranstaltungen, in deren Mittelpunkt der Dialog steht. Die Musik ist etwas, was alle zusammenbringt. Die diskursiven Veranstaltungen sind dagegen ein Ort, wo unterschiedliche Meinungen artikuliert werden können und sollen. Es ist nicht unser Ziel, dass nach so einem Gespräch die Leute rausgehen und sagen, jetzt weiß ich, was richtig ist. Für mich persönlich ist es auf alle Fälle wichtig, die Dialogkultur und Meinungsvielfalt zu fördern.

Wie ist der Untertitel »Ein jüdischer Impuls für den interreligiösen Dialog« zu verstehen?
Nemtsov: In der Hebräischen Bibel begegnet uns die Idee der Toleranz und des Friedens. Toleranz heißt ja nicht Liebe. Der Prophet Micha meint: »Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.« Das erscheint so einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander einen Glauben, eine Meinung oder eine Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.

Was sind für Sie die herausragenden Veranstaltungen bei diesen Festspielen?
Nemtsov: Das kann man so gar nicht sagen. Da sind ja etliche weltbekannte Musiker, die zu uns kommen. Beispielsweise haben wir ein Konzert am 30. August, bei dem der großartige israelische Mandolinist Avi Avital zusammen mit dem iranischen Cembalisten Mahan Esfahani musiziert. Auch eine Begegnung der besonderen Art. Sie werden zusammen klassische Werke spielen und auch Kompositionen aus ihrer Prägung und Tradition.

»Unter dem Feigenbaum«, heißt eine Reihe, bei der es auch um aktuelle Themen geht, zum Beispiel Syrien und Irak, Verfolgung, Flucht und Genozid.
Nemtsov: Wir haben bei dieser Diskussionsrunde Vertreter aus Politik und von Religionsgemeinschaften. Neben Heinz Buschkowski, dem ehemaligen Bürgermeister aus Berlin-Neukölln, sind es auch die jesidische Journalistin Düzen Tekkal und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek. Selbst die Moderatoren gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an: Martin Kranz ist evangelischer Christ, ich bin Jude.

Das klingt spannend, aber auch nicht ganz spannungsfrei.
Nemtsov: Auf alle Fälle. Ich glaube, wenn man Veranstaltungen organisiert, bei denen nur das gesprochen wird, was man ohnehin überall hört, hat es überhaupt keinen Sinn und Zweck. Wir wollen gerade Punkte ansprechen, die sonst ausgeklammert werden.

Mit der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland werden zwei Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler angeboten.
Nemtsov: Es geht darum, dass sich die jungen Menschen ein Bild über verschiedene Religionen aus erster Hand machen können. Dass sie nicht nur in die Kirche gehen, sondern eben in die Synagoge und in eine Moschee. Und dass dort authentische Eindrücke vermittelt werden.

Mit Abraham geht es dabei auch um den Stammvater der Juden, Christen und Muslime. Das klingt nach der Botschaft: Alle monotheistischen Religionen sind eigentlich eins!
Nemtsov: Ich hoffe nicht. Man muss erklären, woher die Spannungen kommen, die es schon seit vielen Jahrhunderten gibt. Ich glaube, wir verstehen uns eher, wenn wir unsere Unterschiedlichkeit deutlich machen. Die Religionen sind wirklich sehr verschieden. Da sind ganz unterschiedliche Welten, Denkweisen und philosophische Systeme. Das soll deutlich werden, und darüber wollen wir reden.

Beim Eröffnungskonzert im Erfurter Dom sind der RIAS Kammerchor und drei der weltbesten jüdischen Kantoren zu hören.
Nemtsov: Das ist ein Programm mit Psalmvertonungen in synagogaler Musik. Die Psalmen verbinden Judentum und Christentum, weil sie in beiden Religionen einen hohen Stellenwert haben. Die Werke, die zur Eröffnung erklingen, kommen aus der jüdischen liturgischen Musik, allerdings mit teilweise deutlichen stilistischen Einflüssen der christlichen Musik.

Mit Azi Schwartz ist der bekannteste jüdische Kantor vertreten?
Nemtsov: Er kommt aus Israel und wirkt seit ein paar Jahren als Kantor der Park Avenue Synagoge in New York. Das ist die größte und wichtigste Synagoge des sogenannten konservativen Judentums.

Zu welchen Anlässen werden die Kompositionen gesungen?
Nemtsov: Zu unterschiedlichen liturgischen Anlässen. Neben den Sabbat-Psalmen gibt es auch Psalmen aus dem sogenannten Pessach-Hallel (Psalmen 113 bis 118).

Wer eine Bibel mitbringt, kann also den Inhalt nachlesen?
Nemtsov: Im Prinzip schon. Die Psalmen werden auf Hebräisch gesungen, und man kann die Texte nach der deutschen Übersetzung verfolgen.

www.achava-festspiele.de

Dieser Artikel erschien in Glaube+Heimat Nr. 34

Fehlt ein Aufschrei?

27. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulturwandel: Früher waren Rüstzeitheime Selbstläufer – heute müssen sie um ihre Existenz kämpfen

So manches christliche Gästehaus wurde in den vergangenen Jahren geschlossen. Darunter selbst renommierte Einrichtungen. Wo liegen die Ursachen? Der Versuch einer Umschau.

Es war ein richtiger kleiner Bauboom, der da in den letzten drei Jahrzehnten der DDR ausbrach. Hin und her im Lande wurden ungenutzte Pfarrhäuser oder Pfarrscheunen zu Begegnungsstätten und Übernachtungsherbergen ausgebaut. In ihnen traf man sich nicht wie heute zu Freizeiten, denn über die organisierte Freizeitgestaltung beanspruchten Staat, Schule und gesellschaftliche Gruppen die Hoheit. Christen trafen sich zur Zurüstung im Glauben, zu »Rüstzeiten«. Besonders für Jugendgruppen war der Bedarf enorm.

Ob Großhettstedt bei Stadtilm, Bad Berka, Großbreitenbach, Gotha-Siebleben oder Zethlingen in der Altmark: In beachtlicher Eigenleistung – und oft mit Hilfe der Patengemeinden im »Westen« – entstanden Schlafräume, eine kleine Küche, ein Gruppenraum. Der Standard war zumeist bescheiden. Getrennte Waschräume mit Waschbecken, vielleicht sogar mit einem Gasdurchlauferhitzer für warmes Wasser, waren schon schierer Luxus. Eine Tischtennisplatte und zwei feste Pfosten im Pfarrgarten, an denen der Jugendwart das selbst mitgebrachte Volleyballnetz spannen konnte, markierten gehobene Ausstattung. Betten und Bettzeug stammten oft von »Dachbodenspenden«. Wachte man nachts auf, hatten sich die Bettfedern links und rechts zu einem festen Wall verklumpt, während man oben in der Mitte fror …

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Freilich gab es auch bessere Häuser. Die Wartezeiten betrugen dann aber, besonders in den Ferienzeiten oder zu Ostern, Pfingsten und Silvester oft Jahre. Und für eine Rüstzeit einen Termin in einem Haus mitten auf der Insel Rügen zu bekommen, war trotz kilometerweiter Wege bis zum Strand wie ein Fünfer im Lotto.

Dennoch – für Tausende Jugendliche wurden die Tage in den Rüstzeitheimen zu prägenden Erlebnissen, zu Zeiten der Glaubensstärkung, zur bescheidenen Freiheitserfahrung im gegängelten Lebensrhythmus. »Noch heute kommen manchmal Leute vorbei und berichten begeistert davon, dass sie in unserer ausgebauten Pfarrscheune bei Rüstzeiten dabei waren, berichtet etwa Pfarrer Ulrich Matthias Spengler aus Bad Berka.

Das dortige Haus wurde, wie viele andere, schon bald nach der Wende geschlossen. Zu hoch wären die Investitionskosten für eine zeitgemäße Sanitäranlage oder für eine energetische Sanierung, für die Erfüllung von Hygieneauflagen gewesen.

Doch das Sterben der inzwischen in Freizeit- und Tagungshäuser »umgelabelten« Etablissements geht weiter. Auch bekannte Häuser innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mussten in den vergangenen Jahren schließen. Erinnert sei an den Lutherpark in Erfurt oder das in Toplage Weimars untergebrachte Hedwig-Pfeiffer-Haus. Um manches weitere Heim schwirren Alarmmeldungen, sei es das Freizeit- und Tagungsheim Schönburg bei Naumburg oder die Evangelische Jugendbildungsstätte Neulandhaus in Eisenach.

»Wo bleibt der Aufschrei unserer Gemeinden?«, fragt angesichts der Lage Gerhard Bemm vom Förderverein Evangelische Tagungs- und Freizeithäuser in Magdeburg. Für ihn ergibt sich derzeit der Eindruck, dass sich die Träger der Häuser und die Landeskirche insgesamt langsam aus der »langjährig praktizierten gesamtkirchlichen Gastfreundschaft« und »der Ermöglichung der Einübung in christliche Lebensgemeinschaft bei Rüst- und Freizeiten« verabschieden.

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote  bereits staatliche  Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote bereits staatliche Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Wer sich im Lande umhört, stößt freilich zumeist auf ähnliche Probleme: Neben ins Haus stehenden teuren Umbau- und Sanierungsarbeiten, etwa wegen Brandschutzauflagen, ist es vor allem die zu niedrige Auslastung, die zu geringe Nachfrage, die den Häusern Probleme bereitet. Selbst eine gehobene und behindertengerecht ausgestattete Einrichtung wie das Evangelische Allianzhaus in Bad Blankenburg verweist auf Belegungszahlen von rund 50 Prozent bei den Zimmern und 40 Prozent bei den Betten. Bei Touristikfachleuten rangiert es damit schon in der Spitzengruppe Thüringer Beherbergungsstätten in ländlichen Regionen. Den Betreibern stehen dennoch Sorgenfalten im Gesicht.

Die Zeiten haben sich geändert, die Welt steht offen. Entsprechend hat sich auch das Freizeitverhalten angepasst. »Wer für Jugendliche ein Beach-Camp anbietet, kann schon kaum noch mit dem Ostseestrand locken«, weiß etwa Christiane Hildebrandt zu berichten, die beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Sachsen-Anhalt das Freizeitenprogramm betreut.

Auch bei Erwachsenen sind die Ansprüche an den Standard eines Gästehauses heute deutlich höher, sagt Martina Klein. Sie ist als Oberkirchenrätin für die Bildungsarbeit in der EKM zuständig und beklagt unter anderem auch, dass etwa die Fortbildungen kirchlicher Träger deutlich weniger geworden sind, und zugleich bei entsprechenden Angeboten die Verweildauer in den Tagungshäusern kürzer ausfällt. Nach ihren Beobachtungen müssen die Freizeit- und Gästehäuser deutlich professioneller in der Leitung und vor allem in der Vermarktung auftreten: »Es kommt niemand mehr von allein in ein Haus, nur weil es in kirchlicher Trägerschaft ist.«

Weshalb die Fragen des Marketings einer der Schwerpunkte des Gesamtkonzeptes ist, das derzeit für die fünf Häuser in direkter Trägerschaft der EKM erstellt wird: für das Neulandhaus in Eisenach, das Zinzendorfhaus in Neudietendorf, das Augustinerkloster in Erfurt, Burg Bodenstein im Eichsfeld und Kloster Drübeck im Harz.

In Vorbereitung ist außerdem eine Kooperation zwischen dem Neulandhaus als Jugendbildungsstätte und der Evangelischen Akademie in Neudietendorf: Während die hauswirtschaftliche Leitung des Neulandhauses künftig vom Zinzendorfhaus aus erfolgt, sollen die bisher oft mangelhaft nachgefragten Bildungsangebote des Eisenacher Hauses auch über die Akademieschiene vermarktet werden. Und die Akademie will für eigene Jugendangebote künftig das Neulandhaus nutzen, statt in andere Häuser auszuweichen.

Dass es auch positive Zeichen gibt, zeigt beispielhaft das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen zwischen Stendal und Salzwedel. Dort haben sich die Synoden beider Kirchenkreise 2004 dafür dafür entschieden, das 1965 eingerichtete Rüstzeitheim zu erweitern und ein erlebnispädagogisches Konzept zu erstellen sowie die Finanzierung einer entsprechenden Fachkraft zu übernehmen. »Ein mutiger Schritt«, wie Martina Klein es nennt. Doch mit Erfolg: Für viele kirchliche Kindergruppen, aber auch für immer mehr Grundschulen ist das Haus Anlaufstelle. So gut wie alle Wochenenden seien ausgebucht, sagt Birgit Moll, Hausleiterin und Bildungsreferentin des Hauses. Ohne laufenden festen Zuschuss der Kirchenkreise geht es freilich nicht.

»Wir danken unsere Existenz der Einsicht der Synodalen in den Bildungsauftrag der Kirche«, bringt es die ordienierte Gemeindepädagogin Birgit Moll auf den Punkt.

Harald Krille

www.evangelische-freizeithaeuser.de

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Das dreimal geöffnete Tor

17. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine auf den ersten Blick gar nicht adventliche Geschichte – von Ulrich Schacht

Adventskalender, offene Türen: Die Redaktion bat vor etlichen Wochen den Autor Ulrich Schacht um eine kleine Geschichte zum Thema »offene Türen«. Er sandte uns den folgenden Beitrag. Auf den ersten Blick wenig adventlich, oder doch?

Das Foto zeigt zwei Männer im Alter von ungefähr vierzig Jahren. Sie sind dunkel gekleidet und gehen, die Hände am Körper oder auf dem Rücken, fast im Gleichschritt durch ein großes Tor, eingelassen in eine mächtige, braunrote Wand. Das Tor hat keine Flügel. Wenn es geöffnet wird, auf Knopfdruck aus der Torwache, schieben sich dröhnend zwei schwarzgraue Metallwände zur Seite, auf denen rote Warnlampen leuchten. Fast schon eingerastet, sind sie auf dem Foto kaum noch zu sehen. Hinter den Männern aber erhebt sich die Frontseite eines mächtigen Ziegelbaus, dessen Fenster mit Gittern bestückt sind. Eine Inschrift auf hellem Grund sagt unübersehbar, wo sich der Ankömmling befindet. Die beiden Männer scheinen sich, während sie durch das offene Tor schreiten, zu unterhalten; sie lächeln sogar ein wenig, obwohl der Ort nichts ausstrahlt, was einen Menschen lächeln lassen könnte.

Ulrich Schacht (rechts) mit seinem Freund und früheren Mitgefangenen 1990 beim Verlassen der »Strafvollzugseinrichtung« (STVE) in Brandenburg. Foto: Jürgen Ritter

Ulrich Schacht (rechts) mit seinem Freund und früheren Mitgefangenen 1990 beim Verlassen der »Strafvollzugseinrichtung« (STVE) in Brandenburg. Foto: Jürgen Ritter

Das Foto liegt seit einem Vierteljahrhundert in meinem Archiv, manchmal sehe ich es mir an, und wenn es dann vor mir liegt, starre ich auf die beiden Männer, als wären es Fremde. Doch einer der Männer bin ich. Das Tor, das ein Freund und ich auf dem Bild durchschreiten, ist die Schleuse eines großen Gefängnisses, in dem wir beide einmal Gefangene waren, für Jahre, aus politischen Gründen. Als der Staat, der es betrieb, zusammenbrach, schon lange hatten wir ihn da verlassen, wurden wir im Sommer seines Verschwindens eingeladen, es wieder zu besuchen als Begleiter eines hohen Beamten, der es für das Justizministerium des zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz wieder vereinten Landes inspizieren sollte.

Empfangen wurde unsere kleine Delegation vom amtierenden Leiter des Gefängnisses, der schon zum Zeitpunkt unserer Gefangenschaft im Dienst gewesen war. Wir wussten, wer er war, wie wir auch wussten, dass er bald entlassen werden würde. Er wiederum ahnte nicht eine Sekunde, warum wir das eine so genau wussten wie das andere. Beflissen erklärte er nach der Begrüßung dem hohen Beamten und uns, seinen Begleitern, das Gefängnis anhand eines imposanten Modells der Anlage, als wäre es auch für uns etwas Neues. Irgendwann jedoch, wir hatten detailgenau gefragt, auch Namen fielen, begriff er, dass wir mitnichten Gäste waren, denen er etwas erklären musste: »Sie wissen aber gut Bescheid!«, sagte er plötzlich. Lächelnd und ohne ihm etwas abzuverlangen, klärten wir ihn auf.

Fortan übersah er den hohen Beamten fast, versuchte stattdessen, uns jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Einer unserer Wünsche war, noch einmal den Arrestblock halb unter der Erde zu sehen, in dem wir während unserer Zeit in seinem Gefängnis isoliert worden waren. Als wir in die düsteren Zellen starrten, starrte er tief bewegt mit uns in die düsteren Zellen, als sähe er sie zum ersten Mal. Ich glaube, er hat sie tatsächlich zum ersten Mal gesehen: so, mit unseren Augen.

Als wir das Gefängnis wieder verließen, bat ich ihn, das große Tor, hinter dem wir einst für Jahre verschwunden waren, für uns zu schließen und wieder zu öffnen, damit der uns begleitende Fotograf ein Erinnerungsfoto von uns machen könne, wie wir durch dieses Tor in die Freiheit gingen. Aber gerne, sagte der Leiter, das kann ich gut verstehen. Zuvor hatte ich dem Fotografen zugeflüstert, er solle dem Gefängnischef zweimal bedeuten, dass es nichts geworden sei, damit er das Tor dreimal für uns öffnen müsse.

So ist es geschehen, und deshalb sieht man auf dem Foto, das ich seit fünfundzwanzig Jahren in meinem Archiv weiß, die beiden dunkel gekleideten Männern im Alter von ungefähr vierzig Jahren versteckt lächelnd einen Ort verlassen, an dem ihnen einmal das Lächeln ausgetrieben werden sollte. Oder das, was man die Hoffnung nennen könnte.

Ulrich Schacht studierte in Rostock und Erfurt evangelische Theologie, wurde 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt und 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Er lebt heute in Schweden.

Gottes Wort – klar und einfach

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Türen öffnen: Mit leichter Sprache Menschen mit Lernschwierigkeiten die Frohe Botschaft vermitteln

Dass sich für alle Menschen eine Tür zum Glauben öffnet, ist Anliegen des Erfurter Büros für Leichte Sprache.

Um Gottes Wort hören, lesen und erfassen zu können, dazu bedarf es der Sprache. Sie ist eine Tür für den Glauben. Doch es gibt Menschen, die haben Mühe, die Bibel, Andachten, Predigten, die theologische Rede über Gott zu verstehen: Zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit Seh- und Hörschwächen, alte Menschen, Demenzkranke oder Migranten. Durch komplizierte Texte bleiben ihnen Informationen verschlossen, woraus Benachteiligungen entstehen können. Auch die Entscheidung für Gott, für den Glauben ist von der Sprache abhängig. Wer die Geschichten der Bibel oder Pfarrer nicht versteht, dem kann der Zugang zum Glauben fehlen.

Das Büro für Leichte Sprache in Erfurt, ein Angebot des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland (CJD), will für Menschen mit Lernschwierigkeiten Türen öffnen: mittels »Leichter Sprache«. Das heißt komplizierte, also für Menschen mit Lernschwierigkeiten schwer verständliche Texte werden in die Leichte Sprache übersetzt. Kein leichtes Vorhaben, im Gegenteil, teilweise schwere Arbeit, so Nancy Brack, Jahrgang 1980, die Leiterin des Büros. Sie studierte Erziehungs- und Rechtswissenschaften, promovierte zum Thema »Wirklichkeitskonstruktion von Menschen, die von ihrer Umwelt als ›geistig behindert‹ bezeichnet werden«. Im 13-köpfigen Team des Erfurter Büros arbeiten zehn Menschen mit unterschiedlichen Lernschwierigkeiten als Prüferinnen und Prüfer. Sie sind die Experten für Leichte Sprache, sie prüfen, ob Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu verstehen sind.

Heiko Schneider, Sabine Juppe, Ute Koch (v. li.). Foto: Sabine Kuschel

Heiko Schneider, Sabine Juppe, Ute Koch (v. li.). Foto: Sabine Kuschel

Sabine Juppe, Jahrgang 1968. Wenn sie Nachrichten hört oder liest, erfasst sie oft nicht den Inhalt der Worte, entweder weil zu schnell gesprochen wird oder die Sätze zu kompliziert sind. Als Kind sei ihre linke Gehirnhälfte ausgefallen, sie litt unter schweren Anfällen. »Ich kann zwar gut logisch denken«, sagt sie. Aber Lesen fällt ihr schwer.

Heiko Schneider, Jahrgang 1967. Wenige Tage nach der Geburt bekam er epileptische Anfälle, in deren Folge sein Sehnerv abgestorben ist. Lesen bereitet ihm Probleme, zusätzlich erschwert durch die eingeschränkte Sehkraft.

Ute Koch, Jahrgang 1966. Durch Sauerstoffmangel bei der Geburt wurde ihr Gehirn geschädigt, sie kann lesen und schreiben, jedoch nicht rechnen.

Die drei arbeiten in den Erfurter Werkstätten des CJD, betraut etwa mit Aufgaben wie Verbandsmaterial in Schachteln zu verpacken. Und sie sind Prüferinnen und Prüfer für Leichte Sprache. Wöchentlich kommen sie für zwei Stunden in das Erfurter Büro, um Texte auf Verständlichkeit zu testen. Ein Ergebnis ihrer Bemühungen liegt nun als Buch vor: »Leichtes über Gott. Gedanken über Gott und die Welt in Leichter Sprache«. Es soll Menschen mit Lernschwierigkeiten Türen öffnen für Gottes Wort.

Am Anfang standen Fragen: Wie kann man christlichen Menschen mit Förderbedarf ermöglichen, eine Andacht besser zu verstehen? Welche Texte eignen sich? Pfarrer Christoph Victor, tätig im Diakonischen Werk Mitteldeutschland, stellte den Initiatoren die Manuskripte seiner im Rundfunk gehaltenen Andachten zur Verfügung. Diese wurden den Prüferinnen und Prüfern vorgelesen, sie durften auswählen, welche der Andachten ihnen besonders gut gefielen und deshalb in das Buch aufgenommen werden sollten. Zehn Prüfer, Christen und Nichtchristen, waren an der Entscheidung beteiligt. Es sei heftig diskutiert worden, erzählt Nancy Brack. Über Gott und das Leben, darüber, wo Gott war, als dies oder das passierte, wann er half oder wann nicht. Viele Wochen dauerte dieser Prozess. Die nach Meinung der Prüfer schönsten Andachten fanden Eingang in das Buch. Nachdem die Texte ausgewählt worden waren, machte sich Nancy Brack an die Arbeit, die in sogenannter schwerer Sprache verfassten Andachten in Leichte Sprache zu übersetzen. Etwa 40 Regeln habe das Netzwerk für Leichte Sprache aufgestellt. Kriterien für gute Lesbarkeit sind Schriftgröße und Zeilenabstand. Die Sätze sollten kurz sein und keine fremden Worte enthalten. Die allerwichtigste Regel: Menschen mit Lernschwierigkeiten sind die Experten. Sie prüfen, ob die Texte gut zu verstehen sind. Die von Nancy Brack übersetzten Andachten nahmen die Prüferinnen und Prüfer wieder »unter die Lupe«. Sie strichen an, was ihnen unverständlich war, kritisierten, was ihnen nicht gefiel, suchten hier und dort nach einer anderen Formulierung. Zum Schluss überlegten alle noch, welche Bilder zu den Texten passen könnten. Viele Ideen lagen auf dem Tisch. Die zum Team gehörende Grafikerin Katharina Magerl illustrierte die Geschichten – klar und farbenfroh. Entstanden ist ein ansprechendes Buch mit »schönen Gedanken über Gott«. Welches Anliegen und welche Hoffnung die Macher mit diesem Projekt verbinden, klingt in Leichter Sprache so: »Jeder Mensch soll Texte über Gott verstehen. Deshalb sind Texte über Gott in Leichter Sprache wichtig. Jeder Mensch ist einzigartig. Deshalb brauchen die Menschen verschiedene Türen zu Gott. Mit diesem Buch wollen wir Türen öffnen.«

Sabine Kuschel

www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Victor, Christoph; Brack, Nancy: Leichtes über Gott. Gedanken über Gott und die Welt in Leichter Sprache, Wartburg Verlag, 72 S., ISBN 978-3-86160-267-5, 14,80 Euro

Ermutigung zum Fliegen

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Würdigung: Mann des Wortes und Vordenker – der ostdeutsche Theologe Heino Falcke wird 85 Jahre

Falken nisten gerne auf Kirchtürmen. Sie haben schon aufgrund der Augenstellung einen extrem weiten Rundblick; ihre Anatomie ist auf den aktiven Flug hin ausgerichtet. Vielleicht gilt dies auch für Heino Falcke, der vielen Christen in der DDR zum Ermutiger wurde.

Heino Falcke erinnert sich: »Als uns 1980 Roger Schutz aus Taizé besuchte, kam es auf dem Domberg in Erfurt zu folgender Szene: Wir standen als Leiter des Gottesdienstes oben vor dem Dom, da löste sich aus der Gemeinde zu Füßen der Domstufen ein kleiner Junge und stieg ganz alleine vor allen die Treppen hinauf. Wir hielten den Atem an. Das war ein wunderbares Symbol für uns Christen in der DDR – sich zu wagen, alleine aus der Menge heraus seinen Weg zu gehen.«

Nicht zufällig ist dem ökumenisch weitblickenden Heino Falcke die Spiritualität von Taizé nahe. Und nicht zufällig ist das Kind auf der Treppe auch ein gutes Bild für Falckes Lebensleistung: die Ermutigung zu eigenen Schritten. Der Mann mit der prägnanten viereckigen Brille und dem weißen Haarkranz wird am 12. Mai 85 Jahre alt. »Ich bin ein Mann des Wortes«, meint Falcke von sich, »nicht so sehr begabt in Aktionen.« Seine Worte boten vielen jedoch Auftrieb für den aktiven Flug. »Prediger des Protestes« wurde der ostdeutsche Theologe genannt, »Mahner«, »Vordenker« der friedlichen Revolution.

Ja, Heino Falcke besitzt die Gabe des messerscharfen Wortes, doch seine Stimme ist leise und reibt angenehm, wenn er berichtet, was ihn prägte. Im ehemaligen Westpreußen geboren und in Königsberg aufgewachsen, erlebte er in seinem bildungsbürgerlichen Elternhaus Nationalgefühl und preußisches Soldatenethos und als Flakhelfer die Luftangriffe der britischen Flieger auf die Stadt. Im Januar 1945 floh die Familie über die Ostsee. In einer »Jungen Gemeinde« wurde Falcke, der sich bis dahin als distanzierten Christen beschreibt, durch einen Jugendpfarrer für den Glauben begeistert: »Er war stark durch Bonhoeffer geprägt; seine Art Christ zu sein, das war authentisch, aus einem Guss.«

Aufruf zum Christsein im Hier und Jetzt

Darauf folgte das Theologiestudium in Berlin, Göttingen und in Basel bei Karl Barth, dem großen Theologen der Bekennenden Kirche, Promotion und Habilitation in Rostock, später eine Pfarrstelle in Wegeleben am Harz. Von 1973 bis 1994 war Falcke Propst der Kirchenprovinz Sachsen in Erfurt. Diese Stelle als »kirchenleitender Libero« sei ihm auf den Leib geschneidert, »Propst Falcke« wurde zur Instanz.

Grenzübergreifende Erfahrungen prädestinieren für Grenzen übergreifendes Denken. Falckes Rede »Christus befreit – darum Kirche für andere«, gehalten 1972 vor der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, rief die Christen zum Engagement im Hier und Jetzt auf, für eine verbesserliche Kirche in einem »verbesserlichen Sozialismus«.

Die Rede wurde von Kirchenleuten kontrovers diskutiert, der Staat reagierte wie üblich gekränkt. Falcke aber wurde zum wichtigen Sprecher der Friedensbewegung in der DDR, zu einer der treibenden Kräfte des ökumenischen »Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«. Der Erfurter Propst beflügelte die sich bildenden Friedens- und Umweltgruppen. Freiheit, Frieden, Umwelt, Ökumene und der Ruf nach christlich-authentischem Leben blieben Falckes Lebensthemen. Als 2011 Papst Benedikt XVI. in die Erfurter Lutherstätte Augustinerkloster einzog, da kamen dem evangelischen Theologen die Tränen. Der Akt selbst erfüllte für einen Moment die ökumenischen Hoffnungen; was der Papst dann zur Ökumene sagte, fand Falcke enttäuschend.

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die evangelische Kirche sieht er heute als eine unter vielen Stimmen der Zivilgesellschaft. Hier sollte sie ihre Positionen stärker profiliert ins Gespräch einbringen und sich nicht als Moderator oder Konsens-Sucher gebärden. »Wir stehen vor notwendigen, tiefgreifenden Korrekturen im Kapitalismus; das ist eine enorme Herausforderung für die Kirchen unterhalb des Politischen«, sagt Falcke. »Wir sollten gegen den Mainstream hoffen – und nicht auf die Weltrevolution. Das geht nur, indem wir als Gemeinde exemplarisch leben und die Korrekturen im Selbstverständnis und in der Lebensweise der Menschen ansetzen lassen und bewirken.«

Verbesserlicher Markt und unverbesserlicher Kapitalismus

»Ich möchte noch etwas präzisieren«, sagt Heino Falcke später am Telefon. »zur Frage nach dem verbesserlichen Kapitalismus. Ich möchte unterscheiden zwischen Kapitalismus und Markt. Der Kapitalismus, mit dem Ziel der Kapitalvermehrung, ist überhaupt nicht verbesserlich, aber der Markt mit freiem Wettbewerb ist verbesserlich. Er bedarf des politischen Rahmens, der ihn in den Dienst des Gemeinwohls zwingt.« Eigene Schritte sind gefragt.

Rechts neben Falckes Hauseingang steht ein relativ neues, rotes Graffiti auf dem Putz: »Wir bleiben alle!«. Jawohl. Heino Falcke lehrt uns Zähigkeit, Genauigkeit und Geduld, die zum Wandel nötig sind. Wir werden sie brauchen.

Jürgen Reifarth

Hinweis:
Am 14. Mai wird anlässlich des 85. Geburtstages von Dr. Heino Falcke zu einem Symposium in das Erfurter Collegium maius (Landeskirchenamt) eingeladen. Beginn der Veranstaltung unter dem Titel »Gemeinde neu denken« ist um 16 Uhr.

Von Beruf Pfarrer

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Beruf des Pfarrers steht im Mittelpunkt eines Dokumentarfilmes, der am 6. April in Halle seine Kinopremiere erlebte. Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben ein Jahr lang eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Endphase ihrer Ausbildung zum Pfarrer begleitet. Nach dem akademischen Studium ging es nun um die praktische Ausbildung im Vikariat. Der Ort des Geschehens ist das Predigerseminar in Wittenberg, direkt am Lutherhaus gelegen, sowie die Schlosskirche am anderen Ende der Innenstadt. Seit 10. April ist der Dokumentarfilm »Pfarrer« in den Kinos.

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Das Einüben des liturgischen Singens, das Verfassen von Predigttexten und die Gestaltung der Gottesdienste sind die äußeren Handlungsfelder, die von den Filmemachern aus nächster Nähe erfasst werden. Noch größeren Raum nehmen die Gespräche der angehenden Pfarrer untereinander und das jeweils formulierte Selbstverständnis und Glaubensbekenntnis ein. Auch die zuweilen auftauchenden Selbstzweifel werden thematisiert.

Den für das Vikariat am Predigerseminar typischen Ordnungspunkten des Tages folgend, zeigt der Film besondere Momente wie das Morgenlob, die Andacht oder das Abendmahl, aber ebenso das Beisammensein am Grill oder den Spaziergang an der Elbe. Zwischendurch werden ästhetische Akzente gesetzt durch Nahaufnahmen von Blüten oder der Skulptur der Katharina von Bora, ein Blick aus dem Fenster die Collegienstraße herunter oder Details aus dem Inneren der Kirche geben Raum, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren.

Ein einziges Mal kommt es zu einem kurzen Disput zwischen dem Filmemacher Chris Wright, der seine atheistische Position benennt, und einigen der Vikare, doch zu einer tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzung zweier Sichtweisen auf Gott und die Welt kommt es nicht. Dafür sind zum einen die Vikare als Gruppe viel zu stark, zum anderen sind sie deutlich besser in der Lage, ihren Glauben und ihre Überzeugungen in Worte zu fassen.

Die stärksten Momente hat der Film durch seine visuellen Stimmungen und wenn die Momente des gemeinsamen Singens mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt werden.

Zu Beginn heißt es, Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun, womit der Alltag eines Pfarrers gemeint ist, und auch gegen Ende des Films werden die paradiesischen Zustände in Wittenberg angesprochen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die wirklichen Bewährungsproben allen angehenden Pfarren noch bevorstehen und so endet der Film im Abspann mit den Terminen der jeweiligen Ordination, die in einem Fall offenbleibt.

Mathias Tietke

Offizieller Kinostart für »Pfarrer« war am 10. April. Der 90-Minuten-Film wird unter anderem in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Halle, Magdeburg, Wittenberg, Bremen und Erfurt gezeigt.

Im Fernsehen ist die mit Unterstützung des MDR entstandene Produktion voraussichtlich nächstes Jahr zu Ostern bei arte zu sehen.

»Geht hin und verkündigt es …«

28. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauenpower: Leeres Grab, auferstandener Christus – wie Frauen heute mit der Osterbotschaft umgehen

»Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern …«, sagt ­Jesus nach dem Zeugnis der Bibel (Matthäus 28,10) den Frauen, die seinen Leichnam suchten. Sie wurden die ­ersten Zeugen der Auferstehung. Wir baten Frauen aus unterschiedlichen Bereichen um Antwort darauf, was sie heute beim Thema Auferstehung bewegt – und was ihnen Ostern im Alltag bedeutet.

Die Frauen am Grab Jesu: Ausschnitt aus einem Fresko des italienischen Malers Fra Angelico. Es entstand zwischen 1437 und 1445. Repro: akg-images/Electra

Die Frauen am Grab Jesu: Ausschnitt aus einem Fresko des italienischen Malers Fra Angelico. Es entstand zwischen 1437 und 1445. Repro: akg-images/Electra

Gabriele Phieler

Gabriele Phieler

Christus ist auferstanden?! Als junge Frau habe ich diesen Glaubenssatz wegschieben können, ja es hat mich aufgeregt, dass ausgerechnet diese unmögliche Botschaft der Dreh – und Angelpunkt von allem sein sollte. Ich hab mich eher an das gehalten, was mir sonst von Jesus wichtig war. Das war auch gut so. Allmählich bin ich dann wohl in die Auferstehung Jesu »hineingenommen« worden. Sie gehört einfach dazu: zu Jesus und seiner Botschaft der Vers öhnung, seinem Leben und Sterben. Sie ist wahr, denn nicht der tote, sondern der lebendige Christus begegnet uns.

Mich fasziniert immer wieder, wie dieser Christus auch heute Menschen beruft, erneuert, lebendig macht und in eine Gemeinschaft stellt, die Grenzen überschreitet. Mit meinem Glauben an diese Gegenwart Gottes – es gibt keine Beweise dafür – erlebe ich eine ungeheure Freiheit und erfahre eine Tiefe des Lebens, die Menschen auf einmalige Weise verbindet.

Gabriele Phieler, Pfarrerin, Oberin und Vorstand der Diakonissenhausstiftung Eisenach


Franziska Schwarzbach

Franziska Schwarzbach

Man sagt, es gäbe fünf Ursachen, warum Jesus zuerst einer Frau, Maria Magdalena, erschien und begründet es mit »ihrer brennenden Liebe« zu ihm. Das liest sich alles sehr spannend. Für mich ist Auferstehung Verwandlung – vielleicht nur Wandlung. Hier trifft das Ende auf den ­Anfang, die Nacht auf den Tag. Aus Krankheit entsteht Kraft.
Durch Sterblichkeit gibt es ewiges Leben. Ohne Tod gibt es kein Leben. Leben ist ­immer wieder Hoffnung. Stirbt ein Mensch, steht seine Seele auf. Unser gegenwärtiges Leben ist gelebtes Leben, ist Geschichte, ist Poesie, Kultur und Kunst und all das Böse, die Machenschaften um uns herum, der ständige Kampf.
Auferstehung heißt für mich: Immer wieder die Chance zu haben, neu Beginnen zu können und dann fällt mir der »Osterspaziergang« ein: … sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden …«

Franziska Schwarzbach, aufgewachsen im Erzgebirge, lebt als freiberufliche Bildhauerin in Berlin

Brigitte Seifert

Brigitte Seifert

Christus ist auferstanden« – dieses Wunder sprengt meine Vorstellungskraft. Dennoch ist das für mich eine reale Wirklichkeit mit kosmischen Dimensionen. Es bedeutet: Auch wo etwas absolut hoffnungslos scheint und mit menschlichen Möglichkeiten nichts mehr zu retten ist, steht von Gottes Seite her das Tor zum Leben offen. Selbst wo durch menschliche Schuld unsagbares Leid entstanden ist, wird Gott zu seiner Zeit daraus etwas Neues machen. Das ermöglicht Versöhnung.
Oft fühle ich mich ohnmächtig. Dann weiß ich mich Christus in Gethsemane nahe. Ich hoffe dann auf den Ostermorgen, an dem alles verwandelt ist und in neuem Licht leuchtet. Es ist mir ein starker Trost zu wissen: Gottes Wege enden nicht im Leid und im Tod, sondern er will das Leben neu aufblühen lassen. Wie er das tut, bleibt sein Geheimnis und immer ein Wunder. Aber diese Hoffnung gibt mir die Kraft, zuversichtlich das Meine zu tun.

Brigitte Seifert, ­Pfarrerin und Leiterin des Hauses der Stille in Drübeck.


Martina Apitz

Martina Apitz

Jeden morgen erlebe ich eine Auferstehung, wenn mir frische Kräfte nach einer friedlichen Nacht zugewachsen sind, nachdem ich abends todmüde ins Bett gesunken bin. Aber das ist noch nicht die Auferstehung, die uns verheißen wird, denn die Kräfte nehmen im Laufe des Tages wieder ab. Einst werden wir zur ewigen Freude ohne Kräfteverschleiß und ganz ohne dunkle Schatten auferstehen. Darauf lebe ich zu, finde Kraft für alle Tage hier auf Erden aus dieser Hoffnung, die dadurch gestärkt wird, dass Christus der »Erstling derer, die da schlafen« erstanden ist vom Tod. Daran denke ich zu Ostern und nach diesem kräftezehrenden Winter ganz besonders!

Martina Apitz, Kirchenmusikdirektorin in Köthen


Diemut Bestehorn

Diemut Bestehorn

Ich glaube an die Auferstehung. Aber ich verstehe sie nicht. Jesus musste sterben und auferstehen, um unsere Schuld zu bezahlen und uns zu erlösen – das ist absurd. Gott musste diesen Weg nicht wählen, es gibt keine zwingende Logik dafür. Er hat ihn so gewählt, warum auch immer. Und wieso dieser Weg unsere Erlösung bewirkt, das ist ein Geheimnis. Und mir gefällt die Konsequenz nicht: Wenn Jesus auferstanden ist, gibt es auch für uns eine Auferstehung, ein Leben nach dem Tod. Ich will nicht ewig leben. Ich wäre zufrieden damit, alt und lebenssatt zu sterben. Aber da man sich ja nicht aus einer Religion nur die Dinge auswählen kann, die einem gefallen, vertraue ich einfach, dass Gott etwas vorbereitet hat, was mich dann irgendwann einmal umhauen wird.

Diemut Bestehorn, Mathematikerin und mitarbeitende Ehefrau in einem Maschinenbau-Familienunternehmen in Aschersleben


Katharina Bracht

Katharina Bracht

Ich verlasse mich darauf, dass die Frauen, die vom leeren Grab Jesu und seiner Auferstehung berichteten, Wahres gesagt haben. Sie haben von einem Ereignis erzählt, das ihr Leben grundlegend verändert und ihm eine Perspektive gegeben hat.
Die Auferstehung Jesu ist mir wichtig, weil mein alltägliches Leben mit all seinen Freuden, seiner Geschäftigkeit und seiner Mühsal mir vergebens und perspektivlos erschiene, wenn ich keine Hoffnung über den Tod hinaus hätte – und Grund dieser Hoffnung ist, dass Gott Jesus Christus als ersten von uns auferweckt hat. Dass Gott Jesus Christus auferweckt hat, zeigt mir, dass Gott noch immer, wie in der ersten Schöpfung, das Leben will. Ich bin sicher, dass Gott immer wieder tun kann, was er schon einmal, ganz am Anfang getan hat: Aus dem Nichts, aus dem Tod Leben zu schaffen. Und ich vertraue darauf, dass das auch für mich selbst gilt – dass Gott mich dabei wie jeden anderen Menschen ganz persönlich ansieht und bei der Hand nimmt, so wie Jesus das Töchterchen des Jairus.

Katharina Bracht, Professorin für ­Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena


Brigitte Andrae

Brigitte Andrae

Aufgewachsen in einem nichtkirchlichen Elternhaus, habe ich den Zugang zu Ostern zuerst über die Kunst gefunden. Was für eindrückliche Darstellungen, was für eine wundervolle Musik gibt es, die das Ostergeschehen lebendig machen. Erst später habe ich in den Evangelien gelesen. Wie unterschiedlich wird da von der Auferstehung Jesu berichtet. Die Begegnung von Maria aus Magdala und Jesus, den sie zunächst für den Gärtner hält, ist die wohl schönste und anrührendste Schilderung (Johannes 20, 11-18). Gleichwohl ist mir das Ostererlebnis der Frauen im Matthäusevangelium (Matthäus 28, 1-10) näher. Den Schmerz, die Trauer und Verzagtheit der Frauen, die zum Grab gehen, kann ich gut nachempfinden. Auch, wie sich ihre Furcht allmählich in große Freude verwandelt.

Eine ganz ähnliche Erfahrung des lebendigen Gottes habe ich im Zusammenhang der Krebserkrankung unseres damals dreijährigen Sohnes selbst gemacht. Gott hat unsere Angst und unseren Schmerz in Freude verwandelt.

Brigitte Andrae, Juristin und Präsidentin des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Erfurt

Bewegende Menschenbilder

27. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Am 21. Januar wurde im Erfurter Landeskirchenamt eine Ausstellung über Demenz eröffnet

Der Blick geht in die Ferne – ein Blick zwischen neugieriger Erwartung und Angst. Die Frau wirkt ruhig, in sich gekehrt. Ein Mann scheint zu fragen: Was will ich hier? Dann ein Schrei, geschlossene Augen, Verzweiflung … Die Bilder der Ausstellung »Das Vergessen vergessen«, die am Montag im Erfurter Landeskirchenamt eröffnet wurde, treten mit dem Betrachter in einen Dialog, erzählen von Menschen, die in einer anderen Welt leben. Der Mediengestalter und Fotograf Marco Warmuth hat im Rahmen seiner Masterarbeit Geschichten von Demenzkranken eingefangen.

In einer anderen Welt und mit einem Kopfpolster geschützt vor den Auswirkungen, die Demenz mit sich bringen kann – berührende Bilder zeigt die Ausstellung »Das Vergessen vergessen«. Foto: Marco Warmuth

In einer anderen Welt und mit einem Kopfpolster geschützt vor den Auswirkungen, die Demenz mit sich bringen kann – berührende Bilder zeigt die Ausstellung »Das Vergessen vergessen«. Foto: Marco Warmuth

Warum beschäftigt sich ein 32-Jähriger mit diesem Thema? »Der Auslöser war die Demenz meines Großvaters. Ich habe den ganzen Prozess miterlebt: Von der Phase, als noch gar nicht klar war, was mein Großvater hat, bis zur Suche nach einem Heimplatz und den Jahren danach.« Mit den Fotografien hat er selbst verarbeitet, was in seiner Familie geschieht und öffnet gleichzeitig anderen eine Tür, die selbst in ihrer Verwandtschaft mit Demenz konfrontiert sind oder mit solchen Menschen arbeiten. Er habe gelernt, mit der Erkrankung seines Großvaters umzugehen, sagt Marco Warmuth. Das sei wichtig gewesen, um alles verarbeiten zu können.

Ein Jahr lang hat er in drei Heimen – zwei in Halle, eins in seiner Heimatstadt Oschatz (Sachsen) – fotografiert, zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. Die Diakonie Mitteldeutschland beauftragte ihn, daraus eine Ausstellung zu konzipieren. Im Collegium maius sind nun 17 großformatige Aufnahmen zu sehen, die berühren, auch erschrecken – aber, so die Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM bei der Eröffnung, die Würde habe der Fotograf gewahrt und die Schönheit der Menschen gezeigt.

Deutschlandweit gebe es 1,2 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind, informierte Kristin Schulze von der Diakonie Mitteldeutschland. Für sie als Referentin der Altenhilfe soll die Ausstellung bewirken, mit der Gesellschaft in einen Dialog zu kommen. Wie soll Altenhilfe heute und morgen aussehen? Man wolle Menschen zeigen, die auf Hilfe angewiesen sind, und gemeinsam überlegen, was kann ein ambulanter Dienst, was müssen Einrichtungen leisten und wo ist Nachbarschaftshilfe gefragt.

Friederike Spengler, die persönliche Referentin der Präsidentin, stellte zur Vernissage ein Kinderbuch vor: »Der Fuchs, der den Verstand verlor« von Martin Baltscheit, das 2012 den Jugend-Literaturpreis erhielt. Das Kinderbuch, so Warmuth, habe ihn sehr bewegt, weil es genau die Phasen beschreibt, die sein Großvater durchlebte: vom ersten Vergessen bis zum deutlichen Ausbruch der Krankheit.

Blicke und Schreie – und daneben eine Frau, die ihre Beine lässig über die Armlehne eines Stuhles baumeln lässt, so als wolle sie gleich aufspringen und davonlaufen. Eine schöne Frau – trotz ihrer Krankheit, die das Bild erst auf den zweiten Blick preisgibt.
Dietlind Steinhöfel

Die als Wanderausstellung konzipierte Exposition ist bis zum 28. März im Collegium maius, Erfurt, Michaelisstraße 39, montags bis freitags, von 8 bis 16 Uhr zu sehen.