Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

Grabmäler im Scheckkartenformat

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Sachsen-Anhalt und seit Neuestem auch in Thüringen sind Bestattungen in Wäldern erlaubt. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es bislang nur einen solchen Waldfriedhof in kirchlicher Trägerschaft. Ein Besuch in Meisdorf (Kirchenkreis Egeln) am Harzrand.

Die Novembersonne kämpft sich durch das Blattwerk. Die bis zu 155 Jahre alten Eichen haben ihr Sommerkleid noch nicht vollständig abgeworfen, golden leuchten die verbliebenen Blätter. Herbstlicht im Gesicht und raschelndes Laub unter den Füßen – doch ein gewöhnlicher Spaziergang ist das nicht. Wer in Meisdorf im Kirchenkreis Egeln gegenüber dem Schlosshotel, gleich am Kriegsmahnmal, in den Wald abbiegt, geht einen besonderen Weg – zum bislang einzigen kirchlichen Waldfriedhof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Hier gibt es keine geharkten Wege, keinen gemähten Rasen, keine rechteckig abgezirkelten Grabstätten, keine Lilien und Kerzen, keinen Kirchturm. Hier werden Gräber zu Biotopen und Bäume zu Grabmälern. Erkennbar sind sie an Namenstafeln – weiße Schrift auf schwarzem Grund – im Scheckkartenformat und in etwa zwei Metern Höhe am Baumstamm angebracht.

Erdbestattungen sind nicht erlaubt, Grabschmuck nicht erwünscht. Dennoch liegen Blumen im Laub; Rosen und Hortensien. »Die Menschen wollen ihren Angehörigen nah sein. Auch hier«, sagt Ralf Ziesenhenne. Er ist geschäftsführender Revierförster der Kirchlichen Waldgemeinschaft Wippra, diese verwaltet mehr als 1 000 Hektar Kirchenwald, auch jenen der evangelischen Gemeinde Meisdorf.

Als Partner hat sich die Kirche die Ruheforst GmbH aus Erbach im Odenwald dazugeholt. Das Unternehmen ist nicht Friedhofsträger, das ist die Kirchengemeinde, aber Ruheforst steuert Know-how bei und übernimmt die Werbung.

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Der Waldfriedhof dient der Bestattung und dem Gedenken. Und er ist Stätte der Verkündigung des christlichen Auferstehungsglaubens. So steht es in der Friedhofsordnung. Greifbar wird dies beim Andachtsplatz. Bänke stehen im Halbrund um einen Altar aus drei gekappten Stämmen, im Hintergrund ein großes, schlichtes Kreuz. Trotz kirchengemeindlicher Trägerschaft ist der Waldfriedhof konfes­sionsoffen.

In den seltensten Fällen wird der Meisdorfer Gemeindepfarrer für Trauerfeiern angefragt: Johannes Hesse hat in den vergangenen sechs Jahren drei Menschen auf dem Waldfriedhof bestattet. Es sind weniger die Menschen aus den Dörfern am Harzrand als jene aus den Städten, die sich hier bestatten lassen. Sie kommen aus Quedlinburg, Magdeburg, Halle, Erfurt oder Berlin.

Das mag viele Gründe haben. Praktische: Weil keine Grabpflege nötig ist. Finanzielle, weil nur einmal für einen Zeitraum von 99 Jahren Gebühren anfallen. Pro Baum gibt es zwölf Grabstätten, eine kostet ab 600 Euro. Wer einen ganzen Baum für sich oder seine Familie reservieren möchte, zahlt 3 700 Euro. »Es sind viele mittleren Alters.

Sie wollen vorsorgen«, hat Förster Ziesenhenne beobachtet. Die Menschen, die hierher kommen, beschäftigen sich früh mit der eigenen Sterblichkeit. Viele suchen sich ihren Baum aus.

Susann Biehl, im Landeskirchenamt zuständig für Kirchenwald, ergänzt die Beobachtungen von Förster und Pfarrer. »Es sind auch Menschen, die diesen Naturraum lieben, die in Gottes schöner Schöpfung sein möchten«, sagt die Kirchenoberforsträtin.

Im Meisdorfer Forst werden jährlich zwischen 40 und 50 Menschen bestattet. 270 Eichen sind als Grabstätten eingetragen, eine Erweiterung des bislang fünf Hektar großen Waldfriedhofs ist geplant. Konkrete Pläne für weitere kirchliche Waldfriedhöfe in der EKM sind der Kirchenoberforsträtin nicht bekannt. Es gebe einige interessierte Kirchengemeinden, aber nicht immer passen die Gegebenheiten.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Dennoch möchte die Kirche den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Deshalb hat die EKM die Einrichtung von Waldfriedhöfen auch in Thüringen befürwortet. Der Thüringer Landtag hatte Anfang November das Bestattungsgesetz geändert und auch Waldfriedhöfe erlaubt. Kritik kam seitens der Union, die befürchtet, der Tod werde aus den Dörfern und Städten hinausgedrängt.

Der Kirche ist es wichtig, christliche Prägungen aufrechtzuerhalten. Für Waldbestattungen heißt das, dass der Friedhof als solcher erkennbar ist, dass es einen christlichen Andachtsplatz gibt und keine anonymen Bestattungen, sagt Susann Biehl. Du bist beim Namen gerufen. So ist es im Leben. Und im Tod.

Katja Schmidtke

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Kirchenland ist teuer, aber die Kirche ist kein Preistreiber

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Thüringer Bauernverband warf der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vor, die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen in die Höhe zu treiben. Willi Wild sprach darüber mit dem Landwirt Mortimer von Rümker.

Foto: privat

Foto: privat

Treibt die Kirche die Preise in die Höhe?
von Rümker:
Ich habe etwa 100 Hektar von der Kirche gepachtet. Das sind ungefähr 15 Prozent meiner Betriebsfläche. Die Kirche als Spekulant zu bezeichnen, wie das in der Tageszeitung geschah, halte ich für falsch. Die Kirche kauft keinen einzigen Hektar, sondern sie besitzt relativ viel und versucht, diesen Besitz zu wahren. Sie tritt aber nicht als Käufer und demzufolge nicht als Spekulant auf.

Es stimmt aber, dass die Kirchenpachten zu den teuersten zählen, die ich im Betrieb bezahle. Die Bezeichnung »Preistreiber« ist in diesem Zusammenhang nicht passend, aber die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) steht bei den Pachtpreisen im Moment ziemlich an der Spitze.

Warum ist das Kirchenland so teuer?
von Rümker:
Bis vor ein paar Jahren waren die Pachtpreise bei der Kirche noch relativ niedrig. Das war für die EKM nicht rentabel. Mittlerweile sind die Pachterlöse eine sehr wichtige Einnahmequelle der EKM. Sie ist eine der größten Landbesitzer in Deutschland. Die EKM ist aber gut beraten, den Bogen bei den Pachtpreisen nicht zu überspannen.

Die Preise werden von den Bietern, also von Ihnen, den Landwirten, gemacht, argumentiert die EKM. Haben Sie da genügend Spielraum nach oben?
von Rümker:
Es gibt einen Mindestpreis, der ist mit 4,60 Euro pro Bodenpunkt für die Qualität des Pachtlandes festgeschrieben. Theoretisch sind bis zu 100 Bodenpunkte pro Hektar möglich. Im Raum Gotha ist der Hektar Land mit 60 Bodenpunkten bewertet. Das wären 276 Euro pro Hektar und, wie ich finde, eine verträgliche Pacht. Unser zuständiges Kreiskirchenamt hat aber bei den letzten Ausschreibungen über sieben Euro pro Bodenpunkt als Mindestpacht angesetzt. Nach den bisherigen Pachtvergabekriterien muss man noch mal 30 Prozent mehr bieten, um bei dem Kriterium Pachtpreis die Höchstpunktzahl zu bekommen. 550 Euro pro Hektar, das ist eine sehr hohe Pacht.

Ackerland ist begehrt und knapp. Da ist es normal, dass Käufer oder Pächter, in dem Fall die Landwirte als Bieter, den Preis in die Höhe treiben. Die Frage ist aber, von welchem Niveau man ausgeht. Der Mindestpreis im Kirchenkreis Gotha ist da schon sehr hoch.

Bei der Pachtvergabe spielen doch auch andere Kriterien eine Rolle. Aber scheinbar geht es nur noch um den Preis?
von Rümker:
Zunächst bemüht man sich als Bieter, in allen Bereichen eine hohe Punktzahl zu bekommen: Kirchenzugehörigkeit, Ortsansässigkeit oder bei der Bewirtschaftungsweise. Aber das Zünglein an der Waage ist eben häufig der Pachtpreis. Da sind mitunter wenige Vergabepunkte entscheidend.

Der Bauernverband kämpft natürlich für seinen Berufsstand und versucht, den Preis zu drücken. Welchen Ruf hat denn die Kirche als Verpächter unter den Landwirten?
von Rümker:
Einige Kollegen waren schon ziemlich sauer, weil die Pachtpreise in vielen Fällen um 100 Prozent und mehr gestiegen sind. Die andere Seite ist, dass die Bauern das Land günstig pachten wollen. In der Vergangenheit war das auch so. Andererseits ist die EKM sogar dafür ausgezeichnet worden, dass sie nicht nur nach dem Höchstgebot ihr Land verpachtet, sondern auch andere Kriterien anlegt.

Es steht im Übrigen jedem frei, sich auf Kirchenland zu bewerben. Wer bisher Kirchenland gepachtet hatte, wird versuchen, dieses Land wieder zu bekommen. Aber ich kenne keinen Fall, wo das existenzgefährdend gewesen wäre, wenn ein Betrieb das Kirchenland nicht wieder pachten konnte.

Der Bauernverband warf der EKM vor, mit der Vergabepraxis vor allem Großbetrieben und Investoren in die Hände zu spielen?
von Rümker:
Das halte ich für ziemlichen Unsinn. Zum einen spielt die Betriebsgröße bei der Pachtvergabe gar keine Rolle. Der 30-Hektar-Betrieb hat genau die gleichen Chancen wie das 3 000-Hektar-Agrarunternehmen. Investoren haben schon allein wegen der vorgegebenen Ortsansässigkeit in der Regel schlechtere Chancen.

Gibt es vergleichbare Verpächter und warum sind die scheinbar günstiger?
von Rümker:
Bisher gab es die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), die lag bei den Preisen noch höher als die EKM. Die BVVG wickelt sich aber allmählich ab, indem sie das Pachtland verkauft. Weitere große Landbesitzer gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt meines Wissens nicht. Ich möchte aber nochmal betonen, dass es die unternehmerische Entscheidung eines jeden Landwirts ist, sich um Pachtland zu bewerben. Keiner wird gezwungen, Land zu einem Preis zu pachten, den er nicht erwirtschaften kann. Es ist bitter, wenn man Land verliert. Mir ist es vor zehn Jahren auch so gegangen. Da habe ich ein Viertel der Betriebsfläche verloren. Als Unternehmer bin ich gefordert umzustrukturieren, beispielsweise Maschinen zu verkaufen.

Sie sind Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Stadtkirchengemeinde in Gotha. Sind Sie als Pächter von Kirchenland da nicht befangen?
von Rümker:
Die Stadtkirchengemeinde Gotha besitzt nur relativ wenig Ackerland. Wenn es ausnahmsweise mal darum geht, halte ich mich natürlich raus. Das Kirchenland, das ich bewirtschafte, gehört den Kirchengemeinden rund um Friedrichswerth, wo mein Betrieb liegt. Die Vergabe von Pachtland entscheidet das Kreiskirchenamt, zum Teil im Einvernehmen mit den Kirchengemeinden, nach den Richtlinien der EKM. Damit habe ich nichts zu tun.

Es bringt Ihnen keinen Wettbewerbsvorteil, dass Sie sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren?
von Rümker:
Überhaupt nicht. Gerüchte gibt es immer wieder, dass ich als Mitglied der Landessynode und Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses Vorteile hätte. Glücklicherweise haben wir ein absolut transparentes Pachtvergabeverfahren. Und wir versuchen gerade durch die Evaluierung, dieses Verfahren zu verbessern. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden in der Herbstsynode der EKM vorgestellt und diskutiert.

Stellungnahme

Landwirtschaftsämter müssen Pachtverträge genehmigen

Für ihr Pachtvertragswesen hat die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit bekommen. Auch andere Landeskirchen und Kommunen interessieren sich für das Pachtvergabeverfahren der EKM, weil es eben mehr berücksichtigt als nur das Geld. Die EKM sieht sich damit auf dem richtigen Weg und will ihn auch weiter gehen: Dieses Verfahren wird zurzeit überarbeitet, um es noch besser und transparenter zu machen. Die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen der Kirchengemeinden und Pfarreien in der EKM werden nicht einseitig festgesetzt; vielmehr wird der Pachtpreis von den Pächtern im Rahmen des kirchlichen Pachtvergabeverfahrens selbst angeboten. Wir gehen davon aus, dass angesichts der vielfältigen Betriebs- und Bewirtschaftungsformen der jeweilige Landwirt am besten weiß, welche Pacht er mit seinem Betrieb auf der konkreten Fläche zu erwirtschaften in der Lage ist.

Einzige preisliche Vorgabe im Verfahren ist – als Voraussetzung zur Teilnahme am Pachtvergabeverfahren – der Mindestpachtzins. Dieser wird von den Kreiskirchenämtern vor Beginn der Ausschreibung festgesetzt. Die Höhe soll sich am Durchschnitt der Pachtpreisangebote aus dem vorangegangenen Pachtvergabeverfahren in dem Gebiet orientieren. In der überwiegenden Mehrzahl der Pachtvergabeverfahren werden von den Pachtinteressenten höhere Pachten angeboten. Des Weiteren ist zu beachten, dass Pachtverträge von den staatlichen Landwirtschaftsämtern genehmigt werden und auch insofern eine Kontrolle besteht, die bei tatsächlich bestehender Unangemessenheit der Pachtpreise einen Vertragsabschluss verhindern würde.

Schlussendlich ist der Pachtzins nicht nur eines von mehreren Differenzierungskriterien, sondern auch ein sehr wichtiges Mittel zur Erfüllung kirchlicher Arbeit und bleibt dabei sogar noch im Kirchenkreis bzw. direkt vor Ort in der Kirchengemeinde: Die Einnahmen dienen der Finanzierung des Verkündigungsdienstes und kommen der Bauunterhaltung und der Kirchengemeinde selbst zugute.

Frank Henschel, Referat Grundstücke der EKM

Einer bittet und einer hilft

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Heilung des Bartimäus

Bartimäus kann nicht sehen. Nur Dunkel um ihn herum. Was nah ist, das kann er ertasten. Rau fühlen sich die Steine an, auf denen er sitzt. Rau auch die Hände seines Vaters. Zart das Gesicht der Mutter. Das Wasser des Brunnens ist kalt und frisch.

Was fern ist, das kennt er vom Hören. Seine Eltern haben ihm alles genau beschrieben. Die Berge um Jericho. Bäume. Die Sonne. Und Jesus. Sie hatten von ihm erzählt. Und Bartimäus kann sich nicht satthören. Jedes Mal, wenn er von Jesus hört, versinkt alles andere in ihm und um ihn. Dann will er nur hören. Von diesem Einen. Worte. Geschichten. Ein Gebet: »Vater unser im Himmel«. Wenn Bartimäus von Jesus hört, wird es hell in ihm.

Dann: Lärm auf der Straße. Hunderte Menschen. Lachen, Diskutieren, Füße scharren auf dem Straßenpflaster. »Was ist los?«, fragt Bartimäus. Die anderen Bettler neben ihm sagen: »Eine große Menschenmenge kommt. Sie ziehen durch die Stadt. Sie begleiten Jesus. Jesus von Nazareth.«

Glaube-Alltag-38-2016

Da verwandelt sich Bartimäus. Er hatte immer zugehört. Ganz Ohr ist er gewesen. Nun wird der Hörer zum Rufer. Er wird eine einzige Stimme. Ein einziger Schrei: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Er ruft und ruft und hört nicht auf. Alles – jeder Wunsch, den er je hatte, alle seine Hoffnung –, alles liegt in diesem Schrei.

»Halt den Mund!« »Schweig!« »Schrei nicht so herum!« »Sorg doch endlich einer für Ruhe!« Schon gehen sie auf Bartimäus los und wollen ihn wegbringen. Aber er schreit nur noch lauter: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Seine Stimme hat große Macht. Da klingt ein Mensch selbst. Der blinde Mann: Ein einziger Schrei nach Jesus.

Und der hält an. Bleibt einfach stehen. Der ganze Zug muss anhalten. Für einen einzigen Menschen. Der ist jetzt wichtig. Die andern müssen warten. Jesus geht nicht vorüber. Er hört. Und er bleibt stehen. »Bringt ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Bartimäus springt auf, lässt den Mantel liegen – fast sein ganzes Hab und Gut. Jetzt ist alles andere unwichtig. Sie bringen ihn zu Jesus. »Was willst du, dass ich für dich tue?« »Rabbuni, dass ich sehend werde.« Eine kleine Frage. Und eine schlichte Antwort: »Rabbuni, mein lieber Meister, dass ich sehend werde.« Zwei Männer. Sie stehen einander gegenüber. Eine Frage. Eine Antwort. Eine Bitte. Ganz still. Einer fragt. Einer bittet. Einer hilft. Und da wird etwas heil. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.«

Bartimäus kann sehen. Seine innigste Bitte ist erfüllt. Er sieht: Die Berge und die Bäume. Die Sonne. Und Jesus. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte Jesus nach auf dem Wege.« Aber Bartimäus geht nicht hin. Bartimäus geht mit. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Das hat Bartimäus wörtlich genommen. Von Stund an begleitet er Jesus. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mit Jesus. Mit tausend anderen. Und mit Bartimäus.

Es ist übrigens der letzte Weg, den Jesus geht. In ein paar Tagen wird er am Kreuz sterben. Und Bartimäus wird dabei sein. Kaum kann er sehen, muss er mit anschauen, wie Jesus stirbt. Aber nach ein paar Tagen sieht er ihn wieder. Da sieht er dann alles. Und weiß und versteht. Jesus lebt. Und ich soll auch leben. So bleibt Bartimäus bei Jesus. Die ganze Zeit. Und eine ganze Ewigkeit. Im Leben, im Tod und im Auferstehn. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


»Ermöglicher« – und nicht »Verhinderer«

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In entspannter Atmosphäre auf ihrem Balkon in der Erfurter Altstadt traf Willi Wild die Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, zum Gespräch. Es ging dabei um aktuelle Herausforderungen, Kritik aus den Kirchengemeinden und Perspektiven.

Das Landeskirchenamt ist mitten in Erfurt und Sie wohnen unweit des Domplatzes. Was bekommen Sie von den Demonstrationen am Dom mit und was bewegt Sie dabei?
Andrae:
Auf meinem Nachhauseweg komme ich am Domplatz vorbei. Den Mittwochs-Demonstrationen kann ich da gar nicht entgehen. Ich finde die Polarisierung in der Stadt und insgesamt in der Gesellschaft erschreckend, auch wenn die Zahl der Demonstranten zurückgegangen ist. Natürlich bewegt mich die Frage, wie wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, integrieren können.

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Mein Mann und ich gehören zum Unterstützerkreis der Begegnungsstätte »Café Paul« in der Predigergemeinde. Dort treffen sich Menschen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Das sind erst mal ganz einfache Begegnungen. Ich lerne aber dabei sehr viel über die Menschen und habe plötzlich ein ganz konkretes Bild über die Lebenswirklichkeit von Mustafa und Maarouf. Aber auch sie erfahren etwas über mich.

Wie begegnen Sie auf der anderen Seite Menschen, die Angst vor Überfremdung haben und das christliche Abendland in Gefahr sehen?
Andrae:
Sicher gibt es in unserer Kirche Menschen, die solche Ängste haben. Grundsätzlich müssen wir als Kirche die Ängste vor dem Fremden oder die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ernst nehmen. Was wir derzeit an Gewalt, Krieg und Zerstörung von Lebensgrundlagen erleben, verursacht Ängste. Da nehme ich mich gar nicht aus. Es ist wichtig, eine Gesprächsbasis zu finden.

Was bedeutet das im Umgang mit anderen Religionen?
Andrae:
Da bin ich Lernende. Ich merke immer wieder, wie wenig ich über andere Kulturen, andere Religionen und die Lebenswelten anderer weiß. In der Begegnung wächst mein Verständnis. Ich bin ein offener Mensch und empfinde Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern als Bereicherung. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass mein Arbeitsplatz nicht in Gefahr ist und dass die Flüchtlinge für mich keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sind. Deshalb kann ich mir kein Urteil über Menschen erlauben, die ihre Existenz bedroht sehen.

Seit fünf Jahren ist das Landeskirchenamt der EKM jetzt in Erfurt im Collegium maius mitten in der Altstadt. Welche Verbindung haben Sie als Kirchenbehörde zur Stadt?
Andrae:
Eine enge Verbindung habe ich von Anfang an angestrebt. Dem Ort, dem Collegium maius, der alten Erfurter Universität mit Martin Luther als berühmtesten Schüler und Lehrer, fühlen wir uns verpflichtet. So oft es möglich ist, öffnen wir unser Haus für Veranstaltungen. Die »Collegium-maius-Abende« werden gut angenommen. Wir wollen unser Haus öffnen und wir wollen den gesellschaftlichen Diskurs. Für mich ist die Kunst im Landeskirchenamt ganz wichtig. Regelmäßig organisieren wir Ausstellungen und laden ein zur Teilnahme an unseren geistlichen Angeboten, den Morgengebeten und mittwochs zum Mittagsgebet in der Michaeliskirche, gegenüber dem Landeskirchenamt.

Viele Mitarbeitende im Landeskirchenamt engagieren sich ehrenamtlich. Wir haben im Haus für Flüchtlinge gesammelt oder die Arbeit der Stadtmission unterstützt.

Sie wollen erstmals die Öffentlichkeit ins Landeskirchenamt einladen. Was haben Sie vor?
Andrae:
Am 10. September von 10 bis 14 Uhr gibt es einen »Tag der offenen Tür«. Wir wollen unsere Arbeitsbereiche vorstellen und Menschen einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das weit über Erfurt hinausgeht. Kirchengemeinden und Mitarbeitende sind eingeladen, ihr Landeskirchenamt zu besuchen, um beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit der EKM kennenzulernen oder sich über das EKM-Projekt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen zu informieren. Aber auch Fragen nach der Funktionsweise unseres Finanzsystems in der EKM werden fachkundig beantwortet. Ich möchte die Kirchengemeinden ermuntern, die Möglichkeit für einen Gemeindeausflug zu nutzen.

Das Verständnis für die Arbeit und die Arbeitsweise des Landeskirchenamtes scheint an der Basis nicht sehr ausgeprägt. Angesichts von Strukturreformen, Stellenkürzungen oder der Zusammenlegung von Kirchengemeinden wächst der Unmut. Viele fragen sich, wohin soll die Reise gehen? Was ist das Ziel?
Andrae:
Die Frage nach dem Ziel ist eine gemeinsame und vor allem eine geistliche Frage, die alle Ebenen unserer Landeskirche betrifft. Die Rahmenbedingungen für die kirchliche Arbeit haben sich, auch im gesellschaftlichen Kontext, in den letzten Jahren erheblich verändert. Ich sehe die zentrale Funktion des Landeskirchenamtes darin, unter den geänderten Rahmenbedingungen das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Gemeinden zu ermöglichen und zu gewährleisten. Wir wollen »Ermöglicher« und nicht »Verhinderer« sein. So hat sich bei den Schwerpunkten der Arbeit im Landeskirchenamt einiges verändert. Unsere Aufgaben als Aufsicht gehen zurück, die der Beratung und Dienstleistung nehmen zu. Wir bieten in einigen Bereichen Spezialwissen an, das in Kreiskirchenämtern oder auf Kirchengemeindeebene so nicht vorgehalten werden kann.

ErSommerlogo GuHreicht Sie die Kritik aus den Kirchengemeinden?
Andrae:
Ja, natürlich erreicht mich die Kritik. Und ich nehme wahr, dass es unter den geänderten Rahmenbedingungen für die Gemeinden und Kirchenkreise nicht leicht ist, Schwerpunkte zu setzen oder die Arbeit in bestimmten Bereichen neu zu organisieren. Die Verantwortung liegt vor Ort. Über den Stellenplan für den Verkündigungsdienst beschließt die Kreissynode. Wie die konkrete Dienstanweisung für die Pfarrerin oder den Pfarrer aussieht, wird zwischen diesen und den Kirchengemeinden unter Beteiligung des Superintendenten ausgehandelt. Das Landeskirchenamt hat lediglich eine Rahmenanweisung erlassen, um einer Überlastung vorzubeugen. Damit wollen wir die Pfarrerinnen und Pfarrer im Verkündigungsdienst unterstützen.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Da müssen im Landeskirchenamt der EKM große Aufgaben geschultert werden. Was ist Ihnen wichtig?
Andrae:
In erster Linie wollen wir als EKM gute Gastgeber sein. Natürlich sind wir stolz auf die vielfältigen Schätze, die wir in der EKM haben. Die schönen Kirchen, die wunderbare Kirchenmusik, die Kunst und die Menschen in unseren Kirchengemeinden. Wir wollen zeigen, dass wir eine lebendige Kirche sind, die sich – ganz im Sinne der Reformation – verändert. Das Reformationsjubiläum ist eine Chance, dass wir als EKM noch stärker unsere gemeinsame Identität finden. Wir gehören zusammen und vieles verbindet uns, ob wir in Eisenach oder in der Altmark leben.

Welche Perspektive hat Ihrer Meinung nach die EKM?
Andrae:
Eine Frage, die uns weiter beschäftigen wird: Wie kann es uns gelingen, neben dem Bewährten etwas Neues zu etablieren, in den Veränderungsprozessen, in denen wir uns befinden? Gute Traditionen erhalten und Neues ausprobieren. Ein gutes Nebeneinander von Tradition und Innovation. In den »Erprobungsräumen« nehmen missionarische Projekte einen wichtigen Platz ein. Bunte Vielfalt anstatt ausschließlich starrer Formen.

Eine zweite wichtige Frage ist, wie es uns gelingt, religiöse Themen in die Gesellschaft einzubringen. Wo erreichen wir die Lebenswirklichkeit der Menschen? Da ist Phantasie gefragt. Ich wünsche mir natürlich auch eine Kirche, die verantwortlich mit ihren Ressourcen umgeht. Und ich wünsche mir, dass man gerne in dieser Kirche arbeitet. Sei es im Haupt- oder im Ehrenamt. Wenn wir etwas von der Freude des Evangeliums ausstrahlen, fände ich das wunderbar.

Sie hatten im vergangenen Jahr einen runden Geburtstag?
Andrae:
Ach ja.
Sonne-web

Denken Sie schon über die Zeit nach dem Berufsleben nach? Und welche Ziele haben Sie, was möchten Sie bewegen?
Andrae:
Ich bin 60 geworden. Nach wie vor macht mir die Arbeit viel Freude. Die verbleibenden fünf Jahre bis zu meinem Ruhestand möchte ich nutzen, um zwei Anliegen zu befördern: Das ist zum einen die strategische Personalentwicklung für den Verwaltungsdienst in der EKM. Hier haben wir für die Entwicklung und Implementierung ein Projekt für das Landeskirchenamt und exemplarisch in drei Kreiskirchenämtern aufgelegt. Zum anderen: Wie gelingt es, das Landeskirchenamt noch stärker zukunftsfähig zu machen? Wie können wir den Erwartungen der Adressaten noch besser entsprechen? Wo setzen wir inhaltliche Schwerpunkte? Diese Fragen sind vor dem Hintergrund der Einsparungen in 2019 zu lösen. Nach jetzigem Stand sind auf der landeskirchlichen Ebene zweieinhalb bis drei Millionen Euro einzusparen.

Und das, obwohl sich die Einnahmesituation im vergangenen Jahr doch erheblich verbessert hat?
Andrae:
Die Einnahmen im Haushalt der EKM bestehen nur zu 50 Prozent aus eigenen Mitteln, der Kirchensteuer, 30 Prozent kommen aus dem EKD-Finanzausgleich und 20 Prozent sind Staatsleistungen. Trotz der Einnahmesteigerung geht die Gemeindegliederzahl kontinuierlich um jährlich zwei Prozent zurück. Bis 2025 wird es circa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler in der EKM geben. Darauf müssen wir auf der Ausgabenseite reagieren.

Ihre Aufgabe nimmt Sie sehr in Beschlag. Gibt es da überhaupt noch ein Leben außer des Amtes?
Andrae:
Gott sei Dank! Ja.

Wobei können Sie entspannen?
Andrae:
Mein Mann und ich entspannen, wenn wir mit unseren beiden Kindern und deren Familien zusammen sind. Mit unseren beiden Enkelinnen fahren wir in den Urlaub an die Ostsee. Die Große wird elf und die Kleine ist fünf, die kommt das erste Mal mit. Wir lieben das Meer. Anschließend sind wir in Mecklenburg mit unserem alten DDR-Faltboot unterwegs.

Daneben interessiere ich mich für Kunst oder sitze gern mal gemütlich in einem Café.

Fast wie ein Familientreffen

6. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Posaunenchor Thale: Die Liebe zur Musik und der christliche Glaube verbinden seit über 50 Jahren

Zur Ehre Gottes erklingen am Wochenende beim zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag in Dresden die Instrumente unter dem Motto »Luft nach oben«. Mit dabei ist auch der Posaunenchor der Harzer Kirchengemeinde Thale.

Sie sei die Dienstälteste im Posaunenchor, erzählt Ursula Meckel, Pastorin im Kirchenkreis Halberstadt. »Gleich, als ich vor 40 Jahren hierher kam, habe ich mitgemacht.« Doch die Geschichte reicht viel weiter zurück. Der aus Oschersleben zugezogene Heinz Ehrhardt entschloss sich 1961, in Thale einen Posaunenchor zu gründen und begann mit zwei ganz alten Instrumenten, bei denen er fehlende Schrauben durch Streichhölzer ersetzte. Zunächst mit zwei interessierten Jugendlichen; wenig später kam seine Ehefrau Doris dazu. Die beiden sind zwar nicht mehr aktiv, doch noch heute tragen vier Mitglieder des Posaunenchores den Namen Ehrhardt: Sohn Stefan ist unterdessen der organisatorische Leiter, dazu Schwiegertochter und zwei Enkelsöhne. Während Doris und Heinz als Ehrengäste beim Posaunentreffen in Dresden dabei sind, gehört ihr Sohn zu den »Strippenziehern«, die im Stadion dafür sorgen, dass das Zusammenspiel von rund 22 400 angemeldeten Musikern klappt.

Generationsübergreifendes Miteinander: Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Kirchenmusikerin Christine Bick. An diesem Wochenende geht es gemeinsam zum zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag. Foto: Uwe Kraus

Generationsübergreifendes Miteinander: Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Kirchenmusikerin Christine Bick. An diesem Wochenende geht es gemeinsam zum zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag. Foto: Uwe Kraus

An Freitagabenden wird das Gemeindehaus St. Andreas in Thale zum »klingenden Haus«; dann treffen sich dort zwölf Menschen zwischen 14 und 66 Jahren zur gemeinsamen Probe. »Das gleicht einem Familientreffen: Zwei Paare mit jeweils zwei Kindern, Vater und Sohn, ein Ehepaar. Irgendwie fühlen wir uns als Bläser-Familie, viele sind freundschaftlich und durch Patenschaften miteinander verbunden«, erläutert Ursula Meckel. »Wir waren schon 2008 beim ersten deutschlandweiten Posaunentag in Leipzig im Stadion dabei, dieses Jahr werden wir als Thalenser wieder komplett anreisen. Uns verbindet die gemeinsame Liebe zur Musik ebenso wie der christliche Glaube.«

Seit 1965 ist der Chor »spielfähig«, etwa 80 Bläser zählten über das halbe Jahrhundert dazu, an die 60 von ihnen hat Heinz Ehrhardt ausgebildet. Mal übernahmen hauptamtliche Kantoren den Chor, mal gab es Hilfe vom Posaunenwerk der Landeskirche, mal dirigierte der Gründer selbst. Seit dem 40. Chorjubiläum gibt die Quedlinburger Kantorin Christine Bick den Takt vor. »Wir wollen das Evangelium laut in die Welt hinausposaunen«, sagte Stephan Eichner beim ersten Kreisposaunentag des Kirchenkreises Halberstadt. Er ist Pfarrer in Osterwieck und als Obmann des Posaunenwerks der EKM einer der Macher des Dresdner Posaunentags.

Ob ihre Mitglieder zehn oder über 70 Jahre alt sind, die Posaunenchöre des Kirchenkreises Halberstadt verfügen über etwa 100 Mitglieder, jeder vierte Ton kommt dabei von einer Frau. In vielen Gemeinden werde die Jugendbläserarbeit ehrenamtlich betreut oder in Zusammenarbeit mit Musikschulen betrieben und zeige gute Ergebnisse. »Wir gehören gerade zum ländlichen Raum einfach dazu. Das ist schön und eine Anerkennung für uns«, so Ursula Meckel, die als Vertretungspfarrerin unterdessen 47 Gemeinden im Kirchenkreis kennengelernt hat.

Die Programmhöhepunkte der nächsten Monate stehen: »Am 10. Juni gestalten wir den ökumenischen Gottesdienst zum 1 050. Ortsjubiläum im Burghof von Hessen (Harz), im benachbarten Zilly blasen wir im September zum großen Erntedankgottesdienst des Dorfes.«

Uwe Kraus

Losfahren und ankommen

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Unterwegs: Die Zahl der Radfahrerkirchen und Radgottesdienste in Mitteldeutschland wächst stetig

Mancher freut sich über stille Einkehr, andere über ein intensives Gemeindeerlebnis. Radwegekirchen erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Kristin Jahn ist auch zwei Wochen später noch begeistert. »Für uns war es eine Premiere, und zwar eine gelungene«, bilanziert die Pfarrerin an der Wittenberger Stadtkirche. Die Kirchengemeinde hatte am 30. April zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen, mit über vier Stunden Länge und zwei Ortswechseln. Fast zwei Dutzend Menschen kamen mit ihren Drahteseln zum ersten Radtourgottesdienst rund um Wittenberg, an den Stationen schlossen sich weitere Männer und Frauen an. »Unsere Fahrt lebte von gastfreundlichen Gemeinden, wir haben Kirchspielgrenzen überschritten, und es war so viel kommunikativer«, schwärmt Pfarrerin Jahn. Denn die Gottesdienst-Besucher seien nicht bloße Konsumenten, jeder allein ins Gebet vertieft. »Die Gemeinschaft hat sich ganz anders erlebt. Es entstehen viel einfacher Gespräche«, berichtet Kristin Jahn.

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Selbst am Ausgangspunkt der Reformation, in der Lutherstadt Wittenberg, genügt es scheinbar nicht mehr, das Kirchenjahr einfach abzufeiern. Auch hier lassen sich Geistliche und Gemeindeglieder etwas einfallen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen. Die Wittenberger Premiere ist ein Steinchen in einem Mosaik aus Radfahrerandachten, Radgottesdiensten und Radwegekirchen in der EKM und der Anhaltischen Landeskirche.

67 mit Siegel zertifizierte Radkirchen gibt es aktuell auf dem Gebiet der EKM, von Hildburghausen in Südthüringen über Weßnig im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch bis nach Seehausen in der Altmark. In der Landeshauptstadt Magdeburg öffnen sich vier Kirchen den Radfahrern in besonderer Weise, selbst in der Kleinstadt Wiehe im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda sind es zwei Gotteshäuser. In Anhalt – Deutschlands kleinster Landeskirche – haben bereits elf Kirchen das Zertifikat, am bekanntesten ist wohl Steckby an der Elbe.

Doch auch die Städte ziehen mit: Allein drei Kirchen in Bernburg tragen das Signet mit Radfahrer-Piktogramm und Kirche. Die meisten Radfahrerkirchen befinden sich an den großen Radwegen. Aber auch abseits breiter Pfade lässt sich viel entdecken: einen Internet-Reiseführer zu den Dorfkirchen im Wittenberger Land und rund um die Dübener Heide bietet der Verein »Mitteldeutsche Kirchenstraße« an, und im EKM-Veranstaltungskalender werden regelmäßig herzliche Einladungen ausgesprochen, wie Ende April im 180-Seelen-Ort Kriechau bei Weißenfels. Das dortige Kirchlein ist keine offizielle Radwegekirche, liegt aber direkt am Saale-Radweg. Zum jährlichen Saisonstart organisiert Kirchenälteste Beate Schlegel eine Tour zu umliegenden Kirchen.

Zu den bekanntesten Radfahrerkirchen gehört Weßnig bei Torgau. Das rund 200 Jahre alte Kirchengebäude liegt direkt am Elberadweg, wird seit 2003 als Radfahrerkirche genutzt, und ist damit Deutschlands erste Radwegekirche. 5 000 Radfahrer machen hier jährlich Halt – die Ankommenden werfen einen kleinen Stein in eine Box, das ermöglicht eine Schätzung der Besucherzahlen – und rasten vom Radeln. »Sie halten aber auch inne, beten und lassen ihren Gedanken freien Lauf«, weiß Pfarrer Maik Hildebrandt. Manche tragen sich in das Gästebuch ein oder hinterlassen auf losen Zetteln ihre Gedanken – Hildebrandt greift dies oft im Fürbittengebet auf. Der Theologe betont, dass in der Kirche jeder willkommen ist. »Aufgrund der Einträge im Gästebuch oder der Gebetszettel ahnen wir, was die Menschen mit sich herumtragen, wenn sie auf dem Elberadweg unterwegs sind und sie einen Ort finden, um all das einmal aufzuschreiben oder im Gebet auszusprechen«, sagt der Pfarrer. So unterschiedlich die Menschen auch seien, das Angebot des Auftankens und Entschleunigens in der Kirche nutzen alle gleichermaßen. Dass dies möglich ist, dass die Weßniger Kirche täglich auf- und zugeschlossen wird, dass sie ordentlich ist und immer eine Kerze brennt, darum kümmert sich in Weßnig ein Ehrenamtlicher. »Die Zahl der ehrenamtlich Tätigen wird kleiner. Zur Eröffnung der Radfahrsaison im Mai haben wir über die Jahre hinweg immer Kaffee und Kuchen angeboten. In diesem Jahr war das nicht mehr möglich. Uns fehlen die Engagierten in unseren kleinen Gemeinden«, berichtet der Pfarrer.

Die Idee der Radfahrerkirchen ist vergleichsweise jung, heißt es vom Kirchenamt der EKD. Erstmals explizit als Radfahrerkirche genutzt wurde der Nachbau der Johanniskirche im Klosterpark Reinhardsbrunn in Thüringen, die Kapelle trägt jedoch nicht das grüne Signet. Das Logo sowie einheitliche Standards existieren seit 2009, seit 2012 lassen sich alle teilnehmenden Kirchen in einem gemeinsamen Internetauftritt finden. Derzeit können Pedalritter an 357 deutschen Kirchen, an 106 Radwegen gelegen, rasten.

Eine gemeinsame Strategie für die Radwegekirche auf dem Gebiet der EKM gibt es derzeit nicht. In der Landeskirche ist das wichtige Feld »Kirche und Tourismus« verwaist. Die Projektstelle, die auf die Kirchenprovinz Sachsen zurückgeht, ist ausgelaufen. »Da kann man niemandem einen Vorwurf machen«, sagt Matthias Ansorg, Leiter des EKM-Gemeindedienstes. Derzeit stehen Luther und das Reformationsjubiläum im Fokus. In Kontakt mit den Verantwortlichen vor Ort bleibt der Gemeindedienst dennoch und hofft, ab 2018 wieder mehr Kraft für Kirche und Tourismus zu haben. Gerade die Radwegekirchen seien eine »unendlich wichtige Schnittstelle zur Welt«.

Katja Schmidtke

Nächste kirchliche Radtour in der EKM: Am 22. Mai im Pfarrbereich Braunsbedra (Kirchenkreis Merseburg): Um 13 Uhr beginnt an der Gnadenkirche in Bedra die Rad-Sternfahrt nach Branderoda.

Schild weist den Weg


Blick-2-20-2016Wer das Signet »Radwegekirche« tragen will, muss Voraussetzungen erfüllen: Radwegekirchen liegen in unmittelbarer Nähe zu einem Radwanderweg und sind zwischen Ostern und dem Reformationstag tagsüber verlässlich geöffnet. Sie sind durch Hinweisschilder als Radfahrerkirche ausgewiesen und bieten Abstellmöglichkeiten für die Räder, Tische und Bänke zur Rast, idealerweise auch Zugang zu Trinkwasser und Toiletten. Vor allem aber sollen sie als Kirchen erkennbar sein: Sie sind ein geistlicher Raum, bieten Gelegenheit zu Andacht, Gebet oder Seelsorge. Eine Karte mit allen Wegen und Kirchen in ganz Deutschland unter:
www.radwegekirchen.de


Der Küster und sein Chef

2. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Kirchenwächter mit Leib und Seele – Roberto Bergmann: »Ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben geht es nicht«

An seinem ersten Arbeitstag übergab ihm der Superintendent eine Handvoll Schlüssel mit der Bemerkung: »Die passen alle – irgendwo.« So habe er sich damals seine neue Arbeitsstelle im wahrsten Sinne des Wortes »erschlossen«, erinnert sich Küster Roberto Bergmann.

Das ist jetzt 27 Jahre her. Eigentlich hat er mal Bäcker gelernt, aber die Nachtarbeit war nicht sein Ding. Da fehlten ihm einfach die sozialen Kontakte. Als seine Frau angefangen hatte, in Weimar zu studieren, ist er mitgegangen und fand in Apolda in der Kirchensteuerstelle als Sachbearbeiter Arbeit. Als die Stelle des Küsters zu besetzen war, fragte ihn der Superintendent: »Herr Bergmann, wär das nicht was für Sie?« Und ob.

Ein Jugendtraum schien in Erfüllung zu gehen. Schon in Waltersdorf, seinem Heimatort in der Sächsischen Schweiz, hatte er als Kind das Küster-Ehepaar bewundert. Sie war für die Kirche zuständig, der Mann hatte den Friedhof unter sich. »Vor dem hatte ich Spindus!« Was wohl soviel wie Respekt bedeuten soll. Wenn er den Schulweg abkürzen wollte, ist er öfter über den Friedhof gegangen. Aber wehe, wenn ihn der Küster dabei erwischt hat. Dann musste er die Füße in die Hand nehmen.

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Die Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, das hatte ihn damals schon fasziniert. Und so musste man ihn in Apolda auch nicht zweimal bitten, Custos – also Wächter – für die große Lutherkirche und die Martinskirche zu sein. Mit etwas Wehmut denkt er an die ersten Jahre zurück. Damals stand der Küster noch auf der Gehaltsliste der Landeskirche Thüringens. Das sei heute leider nicht mehr so. Bergmann und seine Küsterkolleginnen und -kollegen in Mitteldeutschland haben den Eindruck, ein lästiges Anhängsel zu sein.

Mit der Bildung der EKM sind Küsterstellen weggefallen. Heute gibt es vielleicht noch etwa 40 Vollzeitstellen in der gesamten Landeskirche. Bergmann ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Küster und er hat das Gefühl, dass sein Berufsstand kein ernstzunehmender Verhandlungspartner für die Kirche ist. Das Selbstbewusstsein seiner Zunft sei deshalb auch nicht sehr ausgeprägt. Küster ist im Osten kein anerkannter Lehrberuf, nur eine Tätigkeit. Das sei im Westen anders.

Olaf Wrosch, Küster an der Schlosskirche in Wittenberg, kam vor vier Jahren aus Westfalen in die Lutherstadt. Er ist stolz auf seine Ausbildung zum Küster. Er stellt aber auch fest, dass der Stellenwert des Amtes und die Wertschätzung in seiner früheren Kirchengemeinde in Soest größer waren als hier. An Dankesworten fehle es meistens nicht – auch nicht an Beteuerungen, wie wichtig die Aufgabe sei, so Bergmann. So schrieb der frühere Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, dem Deutschen Evangelischen Küsterbund (DEK) ins Stammbuch: »Die biblischen Vorbilder Ihres Berufs machen deutlich, dass der Küsterdienst immer ein Bestandteil der Verkündigung und damit ein im weitesten Sinne geistlicher Beruf war.« Die Realität sehen die Küster anders. Sie befürchten, dass ihr Dienst immer mehr ins Ehrenamt abgeschoben wird.

Vor vier Jahren sollte Roberto Bergmanns Stelle einer Reform zum Opfer fallen. Wenigstens eine Reduzierung sollte es werden. Aber der Küster wehrt sich. Die Arbeit sei in der vollen Stelle schon kaum zu bewältigen. Drei Kirchen hat er zu betreuen, daneben noch kirchliche Gebäude instand zu halten. 85 Prozent Betriebshandwerker, 15 Prozent Küsterdienst. Die Diakonie hat ihn schließlich übernommen. Das war eine schlimme Zeit der Unsicherheit. Früher hat man ihm mal gesagt: »Fang bei der Kirche an und du verlierst den Glauben.« Soweit ist es dann aber doch nicht gekommen. Trotz der Enttäuschung mit Gottes Bodenpersonal, zu dem er sich ja auch zählt, hat er die Freude an seiner Aufgabe nicht verloren. Wenn Menschen göttliche Ordnung fabrizieren wollen, blieben Zerwürfnisse und Verletzung nicht aus, stellt er fest. Sein Glaube habe sich in den Jahren im Kirchendienst verändert. Die Beziehung zu Gott, den er Chef nennt, ist direkter geworden. »Aus einem Bekannten wurde ein guter Freund«, stellt er fest. Wenn es ihm ganz schlecht gehe, dann schließt er sich in der Kirche ein. Wie Don Camillo hält er Zwiesprache mit seinem Gott. »So, Chef, jetzt hast du mal nur für mich Zeit!«

Das Küsteramt ist für ihn kein Beruf wie jeder andere. Da ginge es wohl allen seinen Mitstreitern gleich, meint er. Diesen Dienst könne man nicht machen ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben. Er kenne eigentlich nur eine ehrenamtliche Küsterin, die – obwohl sie nicht konfessionell gebunden war – sich für dieses Amt interessierte. Mittlerweile habe sie sich taufen lassen, um ganz dazuzugehören. »Küster, die nur ihren Job machen, gibt es nicht. Die innere Berufung ist zu spüren.« Bergmann sieht sich nicht nur als Assistent des Pfarrers, sondern hat in seinen Vor- und Nachbereitungen der Gottesdienste immer die Gemeinde vor Augen. »Der Kantor ist für die Musik zuständig, der Pfarrer für die Predigt und die Liturgie und ich sorge für den einladenden Rahmen.« Besonderen Wert legt er dabei auf den Blumenschmuck am Altar. Im Frühling und Sommer komme es nicht selten vor, dass er auf dem Weg zum Gottesdienst anhält und aus dem, was die Natur bietet, ein farbenfrohes Potpourri zusammenstellt. Überhaupt hat er Freude am kreativen Gestalten. Oft kommen ihm im Gottesdienst Ideen für Meditationen und Andachten in der Passionszeit oder am Buß- und Bettag.

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Bergmann fotografiert und experimentiert gern mit Licht. Bild, Text, Musik und Licht verbindet er dann zu einer Einheit. Auch die Glocken bezieht er da mit ein. »Die Glocken sind das Instrument des Küsters. Das ist unsere Musik«, sagt er und lacht dabei. Als Küster ist er der Erste und der Letzte in der Kirche. Es gebe deshalb wohl keine Küsterin, keinen Küster, die nicht von »meiner Kirche« spräche. Abgestumpft sei er trotz der vielen Predigten, die er höre, nicht. Er suche in jedem Gottesdienst ein Wort, einen Impuls, über den er nachdenken könne. »Nach all den Jahren weiß ich aber genau, an welcher Stelle in einer Predigt das Amen kommt.« Manchmal muss er vermitteln, sagt Bergmann, wenn die Predigt nicht bei allen Besuchern auf Zustimmung gestoßen ist. Da gehe es mitunter um seelsorgerliche Anliegen. Bergmann hat auch dafür ein offenes Ohr. Das bestätigen die Gottesdienstbesucher. »Der Roberto, das ist der gute Geist unserer Kirche«, schwärmt Apoldas Stadtführer Thomas Burkhardt.

Der Küster hat im Moment eine Großbaustelle zu betreuen. Die Lutherkirche wird aufwendig saniert. Bis zur Landesgartenschau und dem Reformationsjubiläum 2017 sind noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen, aber er ist froh, dass der Altarraum in diesem Monat fertiggestellt werden soll. Dass die Kirche von der Denkmalbehörde als Bauwerk von nationaler Bedeutung eingestuft worden ist, macht ihn stolz. Seine innige Verbindung beschreibt er mit dem Psalmwort, dass über dem Gottesdienst zu seiner Amtseinführung vor 27 Jahren stand und ihn bis heute begleitet: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26,8). Zu seinem Glück fehle ihm eigentlich nur noch der Schlüssel der katholischen Kirche, sagt Bergmann augenzwinkernd. »Dann wäre ich der erste ökumenische Küster.«

Willi Wild

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

»Eingaben sind wie Petitionen im Parlament«

3. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mitsprache: Wie jedes Gemeindemitglied Einfluss auf seine Landeskirche nehmen kann

Sollte die Kirche sich stärker in der Flüchtlingsarbeit engagieren? Einkehrhäuser und Rüstzeitheime für Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung stellen? Und wie steht es mit dem kirchlichen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung?

Die Gemeindemitglieder an der Basis machen sich Gedanken über das, was die Kirche tun und was sie lassen sollte. Sie haben Wünsche und Erwartungen an die Kirche. Die Landessynoden sind als Kirchenparlament das oberste Entscheidungsgremium der evangelischen Landeskirchen und damit Adressaten für die Anliegen in den Gemeinden. Wie kann nun ein einzelnes Gemeindemitglied Einfluss auf die Landessynoden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Evangelischen Landeskirche Anhalts nehmen?

Jedes Gemeindemitglied kann eine Eingabe an die jeweilige Landessynode schicken. Besonders rege wird diese Möglichkeit nicht genutzt. Die Zahl der Eingaben, die pro Tagung die Synode der EKM erreiche, bewege sich im einstelligen Bereich, so Kirchenrat Thomas Brucksch, Leiter des Referates Allgemeines Recht und Verfassungsrecht im Erfurter Landeskirchenamt. In der anhaltischen Landeskirche sieht es nicht viel anders aus. »In dieser Legislatur waren es 15 Eingaben«, sagt Präses Andreas Schindler.

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

»Eingaben von Gemeindemitgliedern sind wie Petitionen beim Parlament«, erklärt Brucksch. In der EKM gehe jede Eingabe an das Präsidium, werde dort bekanntgegeben, eventuell ausgehängt, sodass sie zur Kenntnis genommen werden könne. Das Präsidium gibt dann die Eingabe je nach Thema in einen der zehn Ausschüsse der Landessynode. Das kann beispielsweise der Ausschuss für Diakonie und soziale Fragen, der Haushalts- und Finanz­ausschuss oder der Ausschuss Umwelt, Klima und Landwirtschaft sein. Es könne sein, so Brucksch, dass die Synode nicht zuständig ist. Wenn es sich etwa um eine Eingabe zur Finanzierung der Kirchturmrestaurierung in einer Gemeinde handelt, würde der Ausschuss die Eingabe an die Kreissynode weiterreichen, wo sie am richtigen Platz wäre.

Der Ausschuss versuche, das hinter einer Eingabe liegende Problem zu erkennen, das möglicherweise in der Synode beraten werden sollte, legt Brucksch dar. Im Fall der Kirchturmsanierung könne es also sein, dass der Ausschuss schlussfolgert: Es ist ein Skandal, wenn das Geld für den Kirchturm fehlt. Das muss die Synode ändern.

Wenn aus Sicht des Ausschusses das Thema im Plenum erörtert werden soll, stellt er einen Antrag an die Landessynode, beispielsweise Änderungen am Finanzsystem vorzunehmen. Die Synode könne sich aber nicht zu allen Themen äußern, merkt Brucksch an. Deshalb sei es Aufgabe des Ausschusses, zu fragen, wie mit den Eingaben umzugehen ist. Manchmal könne er zu einer Frage nichts sagen und gibt die Eingabe an das Landeskirchamt. Der Adressat einer Eingabe bekomme immer eine Antwort.

Der Weg der Eingaben läuft in Anhalt etwas anders. Die Eingaben kommen zum Präses. Er teilt sie zu Beginn jeder Tagung der Synode mit. Es gibt einen Eingabenausschuss, an den die Eingabe geht, und der überlegt, wie sie bearbeitet werden soll. Sie werde dann wie in der EKM an einen Ausschuss weitergeleitet. Einige wenige, so Schindler, gehen an den Landeskirchenrat.

Neben der Möglichkeit, eine Eingabe an die Landessynoden zu richten, kann jedes Gemeindemitglied Anliegen über die Kreissynode oder über einen Landessynodalen einbringen.

In Anhalt sind überdies während jeder Synodentagung Gemeindemitglieder zu einer Fragestunde eingeladen, die allerdings keinen großen Zulauf habe, so Schindler.

Zahlenmäßig werden nicht viele Eingaben eingereicht, im Blick auf die Themen ist es ein buntes Potpourri. In der EKM beziehen sich die Eingaben auf Kirchenmusik, die kirchliche Lebensordnung, das Pachtvergabeverfahren und das Reisekostenrecht.

Selbstbestimmtes Sterben, der konziliare Prozess und Wirtschaftswachstum sind einige der Themen in Anhalt. Oder auch die Altersgrenze für Gemeindekirchenräte, die – angestoßen durch eine Eingabe – heraufgesetzt wurde. Mussten nach der alten Regelung Kirchenälteste mit 75 aus dem Gemeindekirchenrat ausscheiden, können sie nun noch mit 75 gewählt werden. Zum Umgang mit den Eingaben in der anhaltischen Landeskirche zieht der Präses ein positives Fazit: »Ich habe noch nie erlebt, dass eine Eingabe versandet ist.«

Sabine Kuschel

Sammeln will gelernt sein

14. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Fundraisingtag: Es geht um viel mehr als Geld – nämlich um die Kunst, Gunst zu gewinnen

Auf einer dramatischen Flucht von Syrien in Richtung Europa das eigene Kind zu verlieren, ist etwas, das für Eltern ein kaum vorstellbares Grauen ist. Einer kurdischen Flüchtlingsfamilie, die im Juni vergangenen Jahres in den Saale-Orla-Kreis kam, ist genau dies passiert.

Über soziale Medien konnten sie das Mädchen ausfindig machen. Doch wie das Kind zu den Eltern zurückholen? Dabei erwies sich Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz als Retter in der Not. Unterstützt durch viele Mitstreiter in seiner Gemeinde und im ganzen Umkreis und gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat, dem DRK-Suchdienst, dem Bundesamt für Migration, dem türkischen Generalkonsulat und der Deutschen Botschaft sowie vielen anderen Behörden, fand er das Mädchen, flog mit den Eltern in die Türkei und konnte die Familie wieder zusammenzuführen und nach Deutschland bringen. Dafür erhielt Groh im Rahmen des Mitteldeutschen Fundraisingtages am 8. März in Jena den Mitteldeutschen Fundraisingpreis 2016.

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

»Ich bin dankbar für diese Auszeichnung und freue mich, dass mein Handeln in dieser Sache von anderen als hervorhebenswert angesehen wird. Ich will mit dem, was ich tue, Menschen dafür gewinnen, ähnliche Dinge zu tun«, erklärt Fabian Groh. »Doch unendlich mehr als der Preis bedeuten mir die Menschen und die Momente, die ich in dieser Geschichte erleben durfte: in die Augen der Menschen zu sehen, die sich wieder haben und wissen, was ich an ihnen getan habe. Das ist mein Glück«, betont der 38-Jährige. Ohne die Unterstützung vieler Menschen, auch mit Geld, hätte die Geschichte der Familie kein so gutes Ende nehmen können.

Ein Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist »Fundraising« – »Schätze heben« könnte man den englischen Begriff übersetzen, der heute in aller Munde ist. »Beim Fundraising geht es darum, Menschen für eine gute Sache zu gewinnen, für eine Idee, einen gemeinsamen Wert«, erläutert Doris Voll, Organisatorin des Fundraisingtages in Jena. »Wir alle haben eine Verantwortung, die Welt ein Stück besser zu machen und Fundraising gibt dazu das Handwerkszeug«, so Voll.

Fundraising – die sanfte Kunst, die Freude am Spenden zu lehren? Geht es also nur ums Geld? Fabian Groh hält diese Sichtweise für falsch. Natürlich sei Geld zur Verwirklichung von Zielen wichtig und auch die finanzielle Unterstützung durch andere, aber: »Für mich ist etwas anderes wichtig beim Fundraising: Es ist für mich das Gewinnen von Menschen für ein Ziel. Ich will die Herzen der Menschen gewinnen. Gespendete Lebenszeit und Lebenskraft, das Engagement für andere ist viel mehr wert als totes Gold«, betont Fabian Groh.

Der Fundraisingtag gilt als größtes Treffen von Vereinen, Verbänden, Kirchgemeinden und gemeinnützigen Unternehmungen in Mitteldeutschland. Organisatorin Doris Voll freute sich auf den Austausch und viele Kontakte. Auch Volker Maibaum nahm an der Veranstaltung teil. Der Gemeindepfarrer von Gotha-Sundhausen ist einer von mehreren ausgebildeten Fundraisern in der EKM. Für ihn steht der Beziehungsaufbau an erster Stelle in Sachen Fundraising. »Eine Beziehung aufzubauen braucht immer Zeit. Das ist bei allen Beziehungen so, ob privat, beruflich oder eben für soziale und karitative Projekte. Um ein gutes Vorhaben voranzubringen, muss man eine gute Beziehung aufbauen: zum Spendenprojekt und zu den Spendern. Man muss aufeinander hören, die Beziehung festigen und man darf sich nicht scheuen, nach Unterstützung und eben auch nach Geld zu fragen«, so Volker Maibaum. Lokale Projekte seien gut geeignet, damit Menschen sich für sie engagieren. So zum Beispiel die Erneuerung des Glockenturms einer Gemeinde oder die Anschaffung einer neuen Orgel. Ebenso können aber auch Projekte mit Gruppen, in der Jugendarbeit oder mit Kindern gefördert werden. »Die Menschen wollen sehen, dass das für sie einen Mehrwert hat und dann sind sie auch bereit, dieses zu unterstützen«, weiß Maibaum. Er glaubt, dass die Gemeinden schon vieles in dieser Richtung richtig machen. Ein Fundraising-Workshop kann sie dabei unterstützen und ihnen professionelle Möglichkeiten und Wege aufzeigen. Dafür bietet der Gemeindedienst der EKM Unterstützung an.

Fundraiser: Volker Maibaum

Fundraiser: Volker Maibaum

Für den Fundraising-Preisträger Fabian Groh steht ebenso wie für Volker Maibaum die Beziehung zwischen Menschen beim Fundraising an erster Stelle. »Durch konkretes Engagement für Menschen wachsen Beziehungen«, ist sich der Pfarrer sicher. »Das ist etwas anderes als wenn ich anonym etwas spende.« Wer Menschen kennenlerne, dem wachsen diese quasi ans Herz, man mache echte Erfahrungen und erlebe gemeinsam etwas mit anderen. »Mir hilft das sehr, mich in dieser bewegten Welt zu verorten. Durch persönliches Engagement bekommt mein Leben in dieser Welt eine ganz neue Qualität als wenn ich die Welt nur am Bildschirm wahrnehme«, so Groh.

Mehr noch als alle anderen Einrichtungen, Träger und Wohlfahrtsverbände, die beim Mitteldeutschen Fundraisingtag teilnehmen, sind es vor allem die Kirchen, die von jeher im Besonderen vom Engagement ihrer Mitglieder leben. Und dennoch: Viele Kirchenmitglieder verweisen auf die Einnahmen der Kirchensteuer und wollen sich nicht an Projekten beteiligen. Ebenso im säkularisierten Bereich – der Staat möge doch mehr regeln. »Das ist eine fatale Sichtweise«, sagt Doris Voll. »Sowohl der Staat als auch die Kirche als Institution kann und soll auch nicht alles regeln. Ich glaube, dass das bürgerschaftliche, das christliche Engagement sozusagen das Salz in der Suppe ist, etwas, das zusammenschweißt, neue Energie gibt und Identität stiftet.« Alles Dinge, die beim Fundraising nicht nur das Projekt, sondern die Gemeinschaft an sich weiterbringen können. Die Frage, warum es wichtig ist, sich als einzelner zu engagieren und nicht alles den Institutionen zu überlassen, ist eine Frage, die sich Pfarrer Fabian Groh so noch gar nicht gestellt hat. »Ich suche in meiner Biografie vergeblich nach Anknüpfungspunkten, wo ich andere verantwortlich gesehen hätte, wenn meine Angehörigen, Klassenkameraden oder Freunde in Not waren. Jesus sagt: Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten. Dass ich mich als einzelner Bürger engagiere, ist wichtig, weil ich Mensch, weil ich Gottes Geschöpf bin.«

Diana Steinbauer

Hier erfahre ich mehr

Mit Hilfe des Fundraisings werden Unterstützer für gemeinnützige Projekte gewonnen. Es geht nicht nur um die Einwerbung von Spendengeldern, sondern auch darum, Begeisterung und Gemeinsinn zu wecken sowie am Leben zu erhalten. Fundraising versteht sich als »Kunst, Gunst zu gewinnen«.

Fundraising in den Gemeinden:
Der Gemeindedienst der EKM berät Gemeinden und vermittelt, wie Fundraising funktioniert: Wie entwickeln wir ein Projekt weiter? Wie erreichen wir Unterstützer und Spender? Wie dokumentieren und begleiten wir die Unterstützer?
Informationen unter www.gemeindedienst-ekm.de/themenfelder

Service rund ums kirchliche Fundraising:

Unter www.fundraising-evangelisch.info finden Sie auf der Internetseite der Fundraising­akademie Material, Anleitungen und Beispielprojekte.

Fundraisingtage:

Diese sind eine gute Anlaufstelle. Vorträge und Workshops führen ein in die Welt des Fundraising.

Gemeinsam aufstehen

2. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltgebetstag: Kinder und das Zusammenleben der Generationen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Liturgie aus Kuba

Wenn am 4. März zum Weltgebetstag eingeladen wird, schauen Christen weltweit auf einen kleinen Inselstaat in der Karibik: Kuba.

Vengan, vengan to-dos – Steht auf, steht gemeinsam auf: Dieser Kanon aus der kubanischen Weltgebetstagsordnung bringt auf den Punkt, was die Frauen des Inselstaates der Welt zu sagen haben: Steht gemeinsam auf. Träumen wir von der Zukunft. Leben wir unsre Träume. Bauen wir am Reich Gottes. In den Mittelpunkt der Liturgie haben sie die Kinder und das Zusammenleben der Generationen gestellt. Die Kubanerinnen wissen, was damit verbunden ist. Leben doch viele Familien auf engstem Raum zusammen, da der Wohnraum knapp ist. Nicht nur Eltern, Großeltern und Kinder bewohnen ein Haus mit oft nur ein oder zwei Zimmern, manchmal sind auch Tanten und Onkel mit dabei. Das hat Vorteile, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Aber vor allem Nachteile: Junge Paare, die keine Wohnung bekommen, wollen auch keine Kinder oder höchstens eins. So steigt die Überalterung in Kuba rapide.

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Zum kubanischen Weltgebetstagskomitee gehören Baptistinnen, Katholikinnen, Frauen von der Heilsarmee oder der presbyterianischen Kirche. Ormara Nolle Cao ist die Präsidentin des Komitees. Seit 2007 hat man sich bemüht, als Weltgebetstagsland ausgewählt zu werden, berichtet sie. Die Weltgebetstagsversammlung in New York wählte den Inselstaat 2012 aus. Im Jahr darauf begann die Arbeit für die kubanischen Christinnen. »Es war schwierig, aber ein Segen für alle, die daran mitgearbeitet haben«, sagt Ormara. Das Hauptproblem sei die Verständigung mit dem internationalen Komitee gewesen. »Es war nicht leicht, ihnen begreiflich zu machen, was uns beschäftigt.« Da ging es zum Beispiel um den Begriff »Blockade« in den Gebetsbitten. Auf ihn wollten die Kubanerinnen nicht verzichten, in New York kam das Wort dagegen nicht gut an. Ein Ringen auf den verschiedenen Ebenen, das sich letztlich lohnte und zur gegenseitigen Wertschätzung und Verständigung beitrug.
Welt-2-09-2016Die Entspannung zwischen den USA und Kuba und dass Barack Obama im März als erster Präsident der Vereinigten Staaten in das lange verfemte Kuba reisen wird, war am Anfang der Vorbereitungen nicht abzusehen. »Es hat sich seit Dezember 2014 so viel verändert. Wir sind sicher, dass nichts ohne Gottes Führung passiert«, ist Ormara überzeugt.

Wer sich genau umhört im Lande, spürt, dass die Christen lange vom Staat unterdrückt wurden. Sie konnten keine Leitungspositionen bekleiden und waren vom Studium der Geisteswissenschaften ausgeschlossen. Vor allem die älteren Frauen haben das Gemeindeleben aufrechterhalten. Frauen sind die Starken im Land, bis heute. Auch wenn der kubanische Mann als Macho bekannt ist, Frauen zeigen eine große Kreativität im Kampf ums tägliche Leben. Sie sorgen für die Familien, geben christliche Werte und Traditionen weiter, engagieren sich bei kirchlichen Vorhaben. Trotz der Doppelbelastung sind sie heute auch in Wirtschaft und Gesellschaft stark vertreten. Die Politik wird allerdings nach wie vor von dem überalterten und männlich dominierten Politkader aus regiert.

Die Weltgebetstagsbewegung hat die Konfessionen des Inselstaates zusammengebracht. 1981 wurde in Kuba erstmals Weltgebetstag gefeiert. Damals waren nur wenige Glaubensrichtungen vertreten. Inzwischen sind 30 Kirchen an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Das habe das Verständnis füreinander befördert und die Solidarität zwischen den Frauen gestärkt, sagt Ormara.

Dietlind Steinhöfel

Die Autorin war im Herbst 2015 zu einer Studienreise auf Kuba, zu der die Erwachsenenbildung und die Evangelischen Frauen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eingeladen hatten.

Weltgebetstag der Frauen
Jedes Jahr am ersten Freitag im März laden Christinnen unterschiedlicher Konfessionen zum gemeinsamen Gebet ein. In mehr als 170 Ländern wird dann der Weltgebetstag der Frauen gefeiert, in diesem Jahr am 4. März. Dabei steht jedes Mal ein anderes Land im Mittelpunkt. 2016 ist es die Karibikinsel Kuba. In Deutschland beteiligen sich jährlich bis zu einer Million Menschen am Weltgebetstag. Die Idee zu der inzwischen weltgrößten ökumenischen Basisbewegung stammt aus den USA, wo sich Christinnen 1887 erstmals zu einem Weltgebetstag versammelten. 1927 wurde der erste internationale Gebetstag gefeiert. Seit 1949 wird dieser Tag auch in Deutschland begangen.


Frauen, die sich nicht verstecken

29. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Persönlichkeiten: Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt und Superintendentin Beate Marwede machen Mut, beherzt Möglichkeiten auszuloten

Als Kristina Kühnbaum-Schmidt 2013 das Amt der Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl übernimmt, unterschreiben drei Frauen die Einladung zu ihrer Einführung: die Landesbischöfin, die amtierende Präses der Landessynode und die Präsidentin des Landeskirchenamtes. Ihr neuer Arbeitsbereich, der Süden Thüringens, hat aber selbst in der frauenfreundlichen EKM eine Sonderrolle: Kristina Kühnbaum-Schmidt ist die einzige Regionalbischöfin der Landeskirche, zwei von insgesamt nur acht Superintendentinnen der EKM sind in ihrem Propstsprengel tätig. Beate Marwede, die seit 2011 den Kirchenkreis Meiningen leitet, ist eine von ihnen. Warum sie sich trauten in das Amt, erzählen die beiden im Interview.

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Ist es in Ihrem Berufsalltag noch ein Thema, dass Sie Frauen sind?
Kristina Kühnbaum-Schmidt (KKS):
Mit Marita Krüger hatte ich eine Vorgängerin, die eine sehr präsente Pröpstin war. Daher habe ich es von Anfang an als völlig unstrittig erlebt, dass eine Frau dieses Amt wahrnimmt.
Beate Marwede (BM): Im Konvent, im Kirchenkreis und in der Öffentlichkeit wird das als etwas völlig Normales verstanden. Mir begegnet auch nicht, dass ich als Frau in dieser Position infrage gestellt bin. Nur manchmal, wenn ich außerhalb der EKM bin, sind die Menschen dann doch erstaunt.

Sind Frauen in Leitungspositionen auch in der übrigen EKM selbstverständlich?
KKS:
Zu Beginn war ich im Bischofskonvent neben der Landesbischöfin die einzige Frau. Mittlerweile ist durch die Senior des Reformierten Kirchenkreises, Dr. Jutta Noetzel, noch eine Frau hinzugekommen. Das macht schon etwas aus, ohne dass ich genau beschreiben könnte, was das ist. Wir sind eine Kirche, die zeigt, dass sie ein Interesse daran hat, dass Frauen in Leitungspositionen und Repräsentationsämtern sind. Und sie tut auch viel dafür.
BM: Dieser ausdrückliche Wunsch nach Frauen in Leitungsämtern war ein Motiv, warum ich mich in der EKM beworben habe. Für das Superintendentenamt im Kirchenkreis Meiningen standen der Kreissynode drei Frauen und ein Mann zur Wahl.

Warum trauen sich dennoch so wenige Frauen, sich zur Wahl zu stellen? Derzeit gibt es 37 Kirchenkreise in der EKM. Nur acht von ihnen werden von Frauen geleitet.
BM:
Wer sich zur Wahl stellt, trägt auch immer das Risiko zu scheitern. Ich habe diese Enttäuschung erlebt, das ist nicht ganz einfach. Außerdem ist die Aufgabe von Superintendenten sehr fordernd. Frauen achten genau auf die Rahmenbedingungen für eine Aufgabe. Möglicherweise betrachten viele diese Aufgabe als sehr stressbelastet, mit Konfliktmanagement und auch der Einsamkeit dieses Amtes verbunden.
KKS: Frauen schauen manchmal zu sehr darauf, was von ihnen wohl erwartet wird und weniger darauf, in welcher Eigenständigkeit und Freiheit sie es gestalten könnten. Dabei macht Gestaltung den Reiz dieser Ämter aus. Ich würde mir wünschen, dass Frauen noch beherzter auf die Möglichkeiten zugehen, Kirche in einer nicht unwichtigen Rolle mitzugestalten.

Warum haben Sie sich getraut, den Schritt auf der Karriereleiter zu gehen?
BM:
Mich hat dieses Leitungsamt auf der mittleren Ebene mit all seinen Möglichkeiten herausgefordert – die Gestaltung der Arbeit auf Kirchenkreisebene, die Zusammenarbeit mit anderen. Eine ausgesprochen spannende und he­rausfordernde Tätigkeit.
KKS: Mich hat das Arbeiten in der EKM gereizt, die ich in der Außenwahrnehmung als große, lebendige und vielfältige Kirche erlebt habe. Zum anderen wollte ich meine Kompetenzen in eine Leitungsverantwortung einbringen, die einen seelsorgerlichen und geistlichen Schwerpunkt hat. Und ich fand die Zwischenposition zwischen Propstsprengel
und Landeskirche ungemein reizvoll.

Muss die EKM etwas ändern, damit sich noch mehr Frauen trauen?
KKS:
Wir sollten uns selbstkritisch fragen, wie attraktiv Leitungsämter sind. Regionalbischöfe sind wirklich viel unterwegs, sowohl im Propstsprengel als auch auf der landeskirchlichen Ebene. Das ist auch gut, das macht das Amt aus. Mit kleinen Kindern würde das schwer fallen.
BM: Superintendenten sind sehr viel im Kirchenkreis unterwegs und das oft auch abends, da wir viel mit Ehrenamtlichen arbeiten. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind und dass allein mein Mann auf meine Anwesenheit oftmals verzichten muss.

Braucht es einen starken Mann hinter der erfolgreichen Frau?
BM:
Ich schätze es sehr, dass ich einen Ehemann habe, der sich vor allem ehrenamtlich engagiert und für ganz vieles im Hintergrund sorgt.
KKS: Es braucht einen starken Mann, der mit einer selbstbewussten, kompetenten Frau zusammenlebt. Eine Frau im Leitungsamt ist sicher keine, die sich versteckt, sondern eine Frau, die ein klares Gegenüber ist – auch in der Ehe.

Interview: Susann Winkel

Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

Der Wind weht, wo er will

16. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Energiewende: Der Strombedarf der EKM soll auf ökologische Weise selbst erzeugt werden

Wenn etwas Unsichtbares etwas Sichtbares bewegt, dann meint man in der Kirche meist den Heiligen Geist. Unsichtbar, immateriell und stark ist auch der Wind, mit dem der Heilige Geist oft verglichen wird. Die Kraft des Windes will man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu nutze machen.

Manchmal passen alte Weisheiten einfach. Auch bei erneuerbaren Energien. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.« Oder, aktueller: Wind­räder. Die EKM macht genau dies: Windräder bauen und betreiben. Mit einem eigenen Unternehmen, dem »EKM-StromVerbund«. Wie aber wird eine Landeskirche Stromproduzent?

Drübeck, 2010: Die Herbsttagung der Landessynode stimmt einem Beschluss des Umwelt-Ausschusses zu. »Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat zu prüfen, ob die EKM (…) eigene Investitionen in erneuerbare Energien vornehmen kann«, hieß es da. In der folgenden Frühjahrstagung in Wittenberg sollte die Synode einen abschließenden Beschluss fassen. Sechs Tage vor Synodenbeginn bebte in Fukushima die Erde. Der entstandene Tsunami und dessen Folgen sind bekannt. Auch auf die Energiepolitik hierzulande. Die Investition in erneuerbare Energien wird von den Synodalen bei neun Gegenstimmen und elf Enthaltungen abgesegnet. Im Herbst 2011 beschließt das Kollegium des Landeskirchenamtes (LKA) in Erfurt die Gründung eines eigenen kirchlichen Unternehmens – auf Empfehlung einer renommierten Wirtschaftsprüfergesellschaft. Im Folgejahr wurde der »EKM-StromVerbund« aus der Taufe gehoben, der sich um die beschlossenen Investitionen kümmern soll. Die Pläne für eine solche Unternehmensgründung bestanden schon lange vor dem Synodalbeschluss, wie Oberkonsistorialrat Diethard Brandt vom Referat für Grundstücke der EKM gegenüber »Glaube+Heimat« erklärte.

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Stefan Große, Finanzdezernent der EKM, sagte im November 2011 kurz nach dem Beschluss: »Die EKM verbraucht jährlich 33 Millionen Kilowattstunden Strom. Unser Ziel ist es, genauso viel Strom auf ökologische Weise selbst zu erzeugen.« Neu an dem Vorschlag war, selbst in die Energieerzeugung zu investieren. Zwar drehen sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits rund 140 Windräder auf Kirchengrundstücken. Aber bisher gehört keines davon der Kirche selbst. Mit der Gründung des »EKM-StromVerbundes« sollte sich das ändern.

Derzeit betreibt das kirchliche Unternehmen drei Wind­energieanlagen. Zwei in der Nähe von Halle und ein drittes im Kirchenkreis Gotha. In Planung sind weitere in Brandenburg, Nordhausen und Gera. Der selbst produzierte Kirchenstrom beläuft sich derzeit auf jährlich etwa 15 Millionen Kilowattstunden.

Kein billiges Unterfangen. Der Einstieg in die Welt der Strom­erzeuger kostete die EKM bisher rund 11,7 Millionen Euro. Finanziert wurde dies durch Kirchenbanken, der Eigenanteil von 20 Prozent (rund 2,3 Millionen Euro) stammt aus dem Grundvermögensfonds der EKM. In diesen Fonds fließen die Gewinne zurück. Im Jahr 2014 waren es gut 1,5 Millionen Euro. Für Thomas Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft im Referat für Grundstückswesen des LKA in Magdeburg, ist diese innerkirchliche Wertschöpfungskette entscheidend. Er erklärt: »Die Kirchengemeinde, auf deren Grund die Windräder errichtet werden, bekommt Pacht von der Landeskirche. Finanziert wird alles durch die Kirchenbank, kirchliche Fonds geben das Eigenkapital, in die die Einnahmen zurückfließen und am Ende gibt es Kirchenstrom.« Energie von der Kirche für die Kirche.

In einer ersten Ausbauphase soll der Stromverbrauch der verfassten Kirche, in der zweiten auch der Verbrauch der diakonischen Einrichtungen (insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden) aus kircheneigenen Windkraftanlagen gedeckt werden. Diethard Brandt kann sich auch eine kirchliche Direktvermarktung vorstellen. Die EKM wäre dann nicht nur Stromerzeuger, sondern auch -anbieter. Doch Brandts Blick in die Zukunft wirkt ein wenig gedämpft. »Lange kommunale Planungszeiträume und die zunehmende Zurückhaltung von Kirchengemeinden bei der Bereitstellung kirchlicher Grundstücke behindern neue Projekte.«

Doch Windenergieanlagen haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Im Durchschnitt werden die Betriebskosten mit 2,5 bis 4 Prozent der Investitionskosten beziffert – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und: Nach Recherchen des Südwestrundfunks sind viele Windkraftanlagen unrentabel. Die Auslastung eines Windrades wird in Volllaststunden gerechnet. Gut 1 700 Volllaststunden gelten dabei als Richtwert, um rentabel zu wirtschaften. Nur werde dieser oft verfehlt. Gründe können mangelnder Wind oder verfehlte und zu hoch angesetzte Windgutachten sein. So berichten Betreiber aus Süddeutschland, dass ihre Windertragsgutachten um 20 bis 35 Prozent zu hoch angesetzt seien. Weniger Wind bedeutet weniger Rendite. Dabei nehmen die Erträge mit der Windgeschwindigkeit nicht linear ab oder zu, sondern potentiell. Was also passiert, wenn die EKM-Windräder in die Verlustzone geraten? Aus welchen Töpfen müsste dann Geld genommen werden? »Das wird nicht passieren«, sagt Thomas Wick. Bisher sei das Unternehmen profitabel, auch wenn 2014, das erste volle Betriebsjahr, ein schwaches Jahr war. Außerdem sei die Laufzeit auf 20 Jahre angesetzt. Windarme Jahre können so durch die regionale Verteilung der Anlagen aufgefangen werden. Ein ursprünglich für die Herbsttagung der Synode geplanter Bericht über die Erträge der Anlagen kann aber, so heißt es aus dem Landeskirchenamt, leider noch nicht vorgelegt werden.

In der Kirche fließen nun nicht mehr nur Ströme des lebendigen Wassers. Sondern auch eigens produzierter grüner Strom. So lange der Wind weht.

Stefan Körner

Elternzeit im Pfarrhaus

9. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeindeleben: Dienstliches und Privates lassen sich in Pfarrfamilien schwer trennen

Windeln wechseln statt Gottesdienstvorbereitung – Pfarrerinnen und Pfarrer in Elternzeit

Der Sonntagnachmittag ist eine heilige Zeit für Pfarrerin Stephanie Ladwig. Komme, was wolle – die Zeit reservieren sie und ihr Mann für ihre zwei Töchter. Ohne Absprache wird nichts geplant, Dienste werden nur in absoluten Ausnahmen angenommen. Für die 36-Jährige aus dem ostthüringischen Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) ist der Nachmittag eine wichtige Institution zur Trennung von Privatem und Beruflichem. Denn als Pfarrerin ist sie immer erreichbar, auch in ihrer Elternzeit. Seit Sommer 2014 ist sie mit ihrer zweiten Tochter »zu Hause«, wie es so schön heißt. Aber ist man als Pfarrerin zu Hause nicht trotzdem auch an der Arbeit? Sich während einer Elternzeit gänzlich aus allem rauszuhalten, hält Pfarrerin Ladwig für kaum praktikabel: »Das soziale Miteinander findet ja trotzdem statt, ich bin in Elternzeit nicht außerhalb von Zeit und Raum«, sagt sie: »Wenn ich von Leuten wusste, die lange krank waren, dann habe ich sie natürlich auch besucht.« Ganz bewusst hat sie eine private Telefonnummer hinterlassen. Wenn der Wunsch bestand, Taufen oder Beerdigungen zu übernehmen, hat sie es möglich gemacht, wenn es ihre Kapazitäten zuließen.

Studierstube im Pfarrhaus in Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) in den 1930er Jahren aus der Wanderausstellung »Leben nach Luther – eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. Foto: Landeskirchenarchiv Eisenach

Studierstube im Pfarrhaus in Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) in den 1930er Jahren aus der Wanderausstellung »Leben nach Luther – eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. Foto: Landeskirchenarchiv Eisenach

Andere Pfarrerinnen und Pfarrer handhaben das anders. In ihrer Elternzeit kommunizieren sie mit dem Verweis auf ihre Vertretung klar, dass sie keine Dienste übernehmen und für Anliegen nicht zur Verfügung stehen. Stephanie Ladwig kann diese Einstellung zwar verstehen, sagt aber auch: »Wir haben eine Verantwortung und die Ordination setzt während der Elternzeit nicht einfach aus.« Einzelne Dienste in Ausnahmefällen zu übernehmen, läge im Ermessensspielraum des Pfarrers oder der Pfarrerin, sagt der Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Michael Lehmann. Elternzeit im Pfarrdienst sei immer eine individuelle Angelegenheit. »In erster Linie wird bei der Gestaltung der Elternzeit von den Wünschen der Eltern ausgegangen und nicht von der Gemeindesituation«, so Lehmann. Die konkrete Umsetzung des Vorhabens liegt beim Kirchenkreis, der die Hoheit über den Personaleinsatz hat. Um die Pfarrstelle und den Wohnsitz in der Dienstwohnung zu behalten, soll die erste Phase der Elternzeit nicht länger als 18 Monate dauern. Im Anschluss daran gibt es umfangreiche Möglichkeiten zur Wiedereingliederung. Stephanie Ladwig etwa arbeitet seit diesem Sommer bereits wieder zu 25 Prozent. Zum Januar 2016 wird sie zunächst eine halbe Stelle besetzen, bevor sie im Sommer wieder voll arbeitet.

Derzeit sind in der EKM sechs Pfarrerinnen und fünf Pfarrer in Elternzeit. Väter nehmen in den meisten Fällen zwei Monate in Anspruch. Weitaus häufiger als im Pfarrdienst, wird Elternzeit während des Vikariats beansprucht. »Die Familienplanung ist bei Eintritt in den Pfarrberuf in vielen Familien bereits abgeschlossen«, sagt Personaldezernent Lehmann.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Derzeit kommen auf 65 Vikarinnen und Vikare 61 Kinder – eine Zahl, die die EKM als Ausbilder vor eine große Herausforderung stellt. Die Gestaltung einer familiensensiblen Ausbildung war deshalb eine große Aufgabe in den vergangenen Jahren. Entstanden ist ein flexibles System, das Elternschaft und Vorbereitungsdienst miteinander verknüpft. Neben finanziellen Familienzuschüssen gibt es verschiedene Betreuungsmodelle für die Kinder während der Kurswochen oder spezielle Familienkurse, bei denen etwa die »Zu-Bett-bring-Zeit« in die Tagesstruktur integriert ist.

Um eine Elternzeit zu überbrücken, bestehen aktuell drei Möglichkeiten. »Am häufigsten bewältigt eine Gemeinde die Elternzeiten in einer Art Vakanz«, so Michael Lehmann. Die Vertretungsdienste übernimmt eine benachbarte Pfarrstelle. »Wichtig ist, dass die Gemeindeglieder wissen, wer während der Elternzeit ihr Ansprechpartner ist«, betont er. Kommen zu Elternzeiten auch Ausfälle durch Krankheit und Urlaub hinzu, gerät der Kirchenkreis schnell an den Rand der personellen Gestaltungsmöglichkeiten. Deshalb rät das Personaldezernat vermehrt zur Einrichtung von Kreispfarrstellen, die explizit die Vertretungsdienste im Kreis übernehmen. Eine dritte Möglichkeit bietet der geordnete Einsatz von Pfarrern im Ruhestand.

Aus der Praxis hat Pfarrerin Stephanie Ladwig gelernt, dass es sich lohnt, die Arbeit auf viele Schultern zu verteilen. »Die Elternzeit ist in dieser Hinsicht ein gutes Lernfeld«, sagt sie. Die Gemeindeveranstaltungen werden in Zoppoten größtenteils von Lektoren und Prädikaten weitergeführt. »Wir haben aber auch für spezielle Aufgaben spezielle Leute gesucht«, sagt Ladwig und ergänzt: »Wir müssen der Gemeinde auch etwas zutrauen und mehr Aufgaben abgeben.«

Mirjam Petermann

Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

Weil wir alle dazu fähig sind

28. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gut und Böse: Zwei Mächte, die eine erstrebenswert, die andere würden wir gern aus der Welt schaffen

Faszination geht von beidem aus. Das Gute ist faszinierend, aber auch vom Bösen geht eine Anziehungskraft aus. Und überwältigt werden kann der Mensch vom Bösen wie vom Guten. Wo kommt das Böse her und wie ist es zu besiegen? Um diese Fragen geht es auf der einen Seite. Auf der anderen um die Frage nach dem Guten, das getan werden will, und um die Sehnsucht, dem Guten so nahe wie möglich zu kommen, mit ihm eins zu werden.

Gut

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Eigentlich ist es schnell gesagt, meint Siggi: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So einfach. Siggi ist ein Mann der Tat. Von ihm kommt kein Gelaber, er packt an. Er baut die Betten auf für die Geflüchteten, besorgt an einem Abend Handtücher und Zahnbürsten, organisiert Sachen aus der Kleiderkammer, wenn er weiß, dass in wenigen Stunden 134 Syrer kommen. Auf dem Sofa sitzen und lamentieren ist seine Sache nicht. Das Böse ist das Gute, das wir unterlassen.

Aber ganz so schnell gesagt kann es dann doch nicht sein. Er holt tief Luft und lehnt sich zurück. »Das Gute ist weit mehr als das, was ich mit meiner Hände Arbeit herstellen kann. Was ich erfassen kann mit meinem Hirn. Deswegen gehe ich sonntags in die Kirche«, sagt er, »deswegen bin ich Lektor geworden«. Er schaut aus dem Fenster. Manchmal, in den auserwählten Momenten, kann er es fühlen: Das Gute ist eine überwältigende Macht. Und viel faszinierender als das Böse. Beim Singen fällt ihm das auf. Und zu Weihnachten, auch wenn er das nie zugeben würde. Und als er zum ersten Mal seinen Enkel im Arm hatte. Da schossen ihm die Tränen. Das Gute ist universell. Es ist allumfassend. Die Energie aus der alles kommt, was ist.

Und er will zu den Guten gehören. Und zu DEM Guten. Dem einen. Dem Wahren und Vollkommenen. Er will für ihn einstehen und notfalls lauthals streiten, er will dazugehören, wie der Fan in der Südkurve. Mit Leib und Leben. Will eins sein mit diesem Großen und Ganzen, wie das Kind im Bauch der Mutter. Das ist die tief in ihm sitzende Sehnsucht. Sein Ziel.

Der Gute erwartet ihn.

Böse

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Es gibt nicht den bösen Menschen. Es gibt das Böse im Menschen. Das Böse fasziniert. Das Wort zum Sonntag: Eine Million Zuschauer! Der Mord am Sonntag (Tatort): Zehn Millionen!

Das Böse fasziniert, weil wir alle dazu fähig sind. Die Bibel kennt uns. Sie beginnt, wenn sie vom Menschen berichtet, mit lauter Bösem: Lüge (Paradies), Mord (Kain), Habgier (Babel).

Das Böse ist nicht angeboren. Freuds These vom Aggressionstrieb, geschuldet der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, gilt wissenschaftlich als überholt. Wir sind keine Aggressionsbündel, die sich durch Gewalt entladen. Für jede Form von Gewalt, von Bösesein gibt es eine Ursache. Die Hexe im Häuschen hat etwas Böses. Ursache: Einsamkeit. Aber Hänsel und Gretel sind auch nicht besser: Die alte Frau in den Ofen schieben und beklauen. Ursache: Rache, Habgier. Gehts noch?

Die Kirche muss sich nicht mit dem Guten beschäftigen. Wo das geschieht, kann die Kirche ein Wittenbergisch Bier trinken. Das Reich Gottes geht weiter.

Die Kirche muss sich mit dem Bösen beschäftigen! Krimis lesen zum Beispiel. Und fragen: Woher kommt das Böse? Kann es sein, dass die Kirche das Böse oft verdrängt? Sich zu schnell in Utopien von heiler Welt flüchtet? Vom Reich Gottes spricht, und das Böse mit seinen schlimmen Folgen anderen überlässt? Der Politik? Sich selbst? Nur den Zeigefinger erhebt?

Der IS fördert das Böse im Menschen. Folter, Hinrichtungen, Vergewaltigungen. Kinder, Frauen erleben die Hölle. Und was sagt die Kirche?

Pazifismus als Hängematte, das geht gar nicht. Dem Rad in die Speichen fallen. Wie kann das heute aussehen? Ohne Gewalt?

Ich bin für Sie da!

12. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Gesundheit: Wie kirchliche Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Menschen begleiten

Klinikseelsorger begegnen Menschen meist in Krisen­situationen und begleiten sie aus ihrem Glauben und dem damit verbundenen Menschenbild heraus.

Es gebe mitunter die Situation, dass ein Patient erschrecke, wenn er zu ihm ins Zimmer kommt, erzählt Pfarrer Ulrich Paulsen, Krankenhausseelsorger am Johanniter-Krankenhaus Stendal: »Der Pfarrer kommt zu mir, steht es etwa so schlecht um mich?« Dann rücke er das zurecht und erkläre, dass er von einem Krankenzimmer zum nächsten gehe und zu Patienten komme – unabhängig davon, ob es einen konkreten Anlass gibt.

Bei seinem Gang über die Stationen bleibt er spätestens im dritten oder vierten Zimmer »hängen«, weil sein seelsorgerisches Angebot dort gern angenommen wird. Zum einen gibt es die Menschen, die sich durch seinen Besuch in ihrem Glauben und in ihrer Kirchenmitgliedschaft bestärkt sehen: »Gut, dass mich die Kirche auch hier begleitet«, hört er dann. Aber bei ungefähr 80 Prozent seiner Besuche erreicht er Menschen, die mit Kirche oder Glaube nicht vertraut sind: »Ihnen erkläre ich dann, dass ich in einem kirchlichen Krankenhaus ein Ohr für sie habe und für sie da bin.« Dadurch begegnet Ulrich Paulsen Menschen, die außerhalb der Klinik vielleicht nie Kontakt zur Kirche suchen würden, aber dankbar für dieses Angebot sind.

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Krankenhausseelsorger tragen in ihrer Haltung etwas weiter von dem Gott, der mitgeht, mitleidet, der liebt und lebendig macht. Wer sich auf ein Gespräch mit einem Seelsorger einlasse, werde »bewusst oder unbewusst etwas von diesem mitgehenden Gott erahnen, vielleicht auch erhoffen und erwarten« – so fasst Kirchenrätin Ulrike Spengler, Referentin Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM, die Chancen der Krankenhausseelsorge zusammen. Krankenhausseelsorge gehöre deshalb auch mit zum Kernauftrag der Kirche.

Das Angebot wird geschätzt: So hat die ablehnende Haltung von kirchenfernen Menschen auf das Seelsorgeangebot, laut Pfarrer Paulsen, deutlich abgenommen. Noch vor 15 Jahren habe er teilweise heftige Reaktionen zu spüren bekommen (»Kirche ist sowieso überholt, da will ich nichts von wissen, brauche ich nicht«). Das hat sich gewandelt. Kirche an sich werde in der Klinik von den Patienten mehr akzeptiert. Er führt das darauf zurück, dass es eine Reihe diakonischer Tätigkeiten gibt, die in der Bevölkerung wahrgenommen und gutgeheißen werden. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle, denn immer seltener gibt es im Krankenhausalltag Zeit für Gespräche mit Patienten.

Kein Tag ist planbar. Zum einen gibt es für die Klinikseelsorger die »ad hoc«-Situationen, in denen sie sich zum Beispiel nach einem schweren Unfall in der Notfallaufnahme seelsorgerisch um den Verunglückten und die Angehörigen kümmern. Zum anderen sind sie echte Seelentröster, wenn als Kehrseite des »mündigen Patienten« dieser schonungslos mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert wird; oft ohne Zeit, diese mit dem Arzt eingehend zu besprechen. In solchen Situationen, in denen einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist Ulrich Paulsen da: »Das ist auch die Chance der Klinikseelsorge, weil wir die Abläufe im Krankenhaus einschätzen und Brücken zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten bauen und ein weiteres Gespräch vermitteln können.«

Der Glaube stehe nicht immer im Vordergrund. »Da, wo ich es mit Menschen zu tun habe, die mir signalisieren, dass sie es nicht so mit Kirche und Glaube haben, da bin ich einfach der, der mit aushält, was im Moment gerade schwer ist. Ich biete aber auch an, dass wir am Ende des Gesprächs zusammen beten oder ich sie in meine Fürbitte aufnehme – das ist eine Variante, die auch Menschen dankbar annehmen, die es nicht gewohnt sind
zu beten.«

Adrienne Uebbing

Krankenhausseelsorge
In der EKM gibt es derzeit etwa 70 Pfarrerinnen und Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagoginnen, die in der Krankenhausseelsorge tätig sind. Ein Drittel von ihnen sind Männer und zwei Drittel Frauen. Die meisten arbeiten in Teilzeitanstellungen, einige kombiniert mit ihrem Dienst im Gemeindepfarramt.


Großzügig und zeitgemäß

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Sanierung: Das Eisenacher Lutherhaus wird sich bald als modernes Museum präsentieren

Vier Wochen bleiben noch, um die vielen leeren Vitrinen im umgebauten Lutherhaus in Eisenach zu füllen. Am 26. September öffnet dort die neue Dauerausstellung »Luther und die Bibel«.

Noch liegt eine dicke Schicht Staub in den blauen, roten, violetten Vitrinen. Kein Zustand, um darin jahrhundertealte Bibeln oder das Kirchenbuch mit dem Taufeintrag von Johann Sebastian Bach zu zeigen. Aber es bleiben auch noch gut vier Wochen bis zur Wiedereröffnung des alten, neuen Eisenacher Lutherhauses.

Im Dezember 2013 schloss das Museum für die erste Großsanierung in der 650-jährigen Geschichte des Fachwerkgebäudes. Zweiundzwanzig Monate später soll es sich als ein modernes Ausstellungshaus präsentieren, das dem erwarteten Besucheransturm zum Reformationsjubiläum gerecht werden kann. Und das jenen Eindruck der Enge und des Stickigen verloren hat, der nicht recht passen will zum Bild der evangelischen Kirche im Jahr 2017.

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Etwa 100 000 Gäste, so die vorsichtige Schätzung, könnten dann auch die vielen Treppenstufen des Lutherhauses hinaufsteigen wollen. Wobei kein Besucher mehr Treppenstufen steigen muss. Durch eine Mitnutzung von Teilen des benachbarten Neubaus sind erstmals alle Räume des Museums weitgehend barrierefrei zu erreichen. Zuvor schafften es Rollstuhlfahrer nicht einmal über die Schwelle, beschreibt der wissenschaftliche Leiter und Kurator des Hauses, Jochen Birkenmeier. Museumskasse und -shop, Toiletten, Garderobe – letztere gab es im alten Bauzustand gar nicht – sowie erstmals ein Raum für Sonderausstellungen sind ebenfalls im Nachbarbau untergebracht.

Das Evangelische Pfarrhausarchiv, das sich bisher unter dem Dach des Lutherhauses befand, wurde in das Landeskirchenarchiv Eisenach ausgelagert; das museumseigene »Bibel-Café« wird nicht mehr betrieben. Durch diese Veränderungen und auch durch das Entfernen von Wänden wurde Platz gewonnen. Die ehemals arg verwinkelten Räume wirken großzügiger, die Museumspädagogik wurde auf zwei Zimmer erweitert. Auf rund 500 Quadratmetern – zuvor waren es nur etwa 300 – wird ab dem 26. September auch die neu gestaltete Dauerausstellung »Luther und die Bibel« zur Bibelübersetzung des Reformators gezeigt.

Ausgestellt werden rund 120 Exponate in den derzeit noch mit Staub bedeckten, rechteckigen Vitrinen, die das Berliner Design-Büro »neo.studio« entworfen hat. Sie geben dem alten Haus, in dem jede Wand schief, in dem nichts rechtwinklig ist, wieder Ecken und Kanten.

Für die zeitgemäße Ausstattung des Museums, zu der multimediale Zugaben wie Touchscreens, Hörstatio­nen und Bildschirme gehören, fielen 1,15 Millionen Euro an. Weitere 2,8 Millionen Euro waren für den Bau notwendig.

Die Hälfte des Geldes stammt aus öffentlicher Förderung, 1,4 Millionen Euro sind Eigenmittel der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, 0,56 Millionen Euro steuerten unter anderem Sponsoren und Bürger bei, die Patenschaften für Exponate übernommen haben.

Susann Winkel

Der Blutstrahl der Gnade

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Das Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren in der Weimarer Stadtkirche (2)

1515 wurde Lucas Cranach der Jüngere geboren. Anlässlich seines 500. Geburtstages würdigt die Lutherdekade in diesem Jahr den Maler unter dem Motto »Bild und Bibel«. Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul stammt nach neusten Forschungen von Lucas Cranach dem Jüngeren. In einer zwölfteiligen Beitragsserie widmen wir uns dem Meisterwerk und seinen Glaubensaussagen.

Einmal führte ich zwei japanische Aikido-Meister durch die Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Wie viele Besucher blieben sie staunend vor dem Cranach-Altar stehen. Ich ließ ihnen Zeit. Dann sagte der ältere, würdigere von ihnen: »Wie der ideale Schwertschlag!« Er meinte den Blutstrahl im Zentrum des Bildes. Wir nennen ihn den Blutstrahl der Gnade.

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

In einem perfekten 90 Grad Winkel verlässt er die Seitenwunde Christi. So saust offenbar ein Aikido-Schwert nieder, wenn es meisterlich geführt wird. So fließt Blut nicht, und so verläuft kein Blutstrahl. Offenbar hat der Maler nicht nach der Natur gemalt. Dieser Blutstrahl hat eine symbolische Bedeutung.

Es gibt Kreuzigungsdarstellungen besonders im Spätmittelalter, da ist der Leib Christi Blut überströmt. Das extreme Leiden Christi spiegelt das extreme Leiden der Christen dieser Zeit. Das ist bei Cranachs Bild nicht der Fall.

Der Körper wirkt nicht gemartert. Die Haut ist glatt. Selbst die Nagelwunden erzeugen nur einen spärlichen Blutstrom. Das fällt dem auf, der vergleichbare Darstellungen gesehen hat, die die Heilswirkung des Blutes zum Thema machen. Oft schweben kleine Engel unter den Wunden und fangen ganze Blutströme von Händen und Füßen mit Kelchen auf. Es sind die Sakramentsgefäße der Kirche, die darin das von Christus erworbene Heil an uns weitergeben. Manchmal fängt auch die Kirche selbst das Blut auf. Sie ist dann als allegorische Gestalt abgebildet, als Frau Kirche, lateinisch »Ecclesia«. Manchmal nimmt auch ein Brunnen diese Mittelstellung ein. Christi Blut füllt ihn, und die Kirche schöpft daraus.

Bei Cranach trifft der Blutstrahl direkt. Deshalb heißt das Bild auch Reformationsaltar. Gnade ist nicht vermittelbar. Das ist eine der zentralen Botschaften Luthers. Niemand besitzt die Gnade und gibt sie an uns weiter. Jeder steht direkt vor Gott. Der Blutstrahl trifft direkt.
Schauen wir in die Bibel, die Martin Luther auf der rechten Bildseite aufgeschlagen uns entgegenhält. Bei einiger Vergrößerung könnten wir es klar lesen: »Das Blut Jesu Christi reinigt uns von allen Sünden« (1. Johannes 1,7) Und ebenso einen zweiten Spruch: »Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden.« (Hebräer 4,16) Cranach ist aufs Kreuz zugetreten und der Blutstrahl zeigt, dass er Gnade gefunden hat.

Und sofort flieht eine Schlange, könnte man meinen. Genau dort, wo das Ende des Blutstrahls sein Haupt berührt, scheint sie sich davonzumachen. Sie gehört eigentlich zur Szene in der Wüste. Aber wenn wir Cranachs Kopf näher betrachten, ist es fast unmöglich, sie nicht mit hinzuzunehmen. Schlange und Kopf bilden eine Sinneinheit

Die geflügelte Schlange ist auch Cranachs Wappen, das ihm einst Kurfürst Friedrich der Weise verlieh. Er hat es mit Stolz verwendet und signierte jedes Bild damit. Die Schlange hatte ursprünglich aufgestellte Flügel. Er legte sie nach dem Tod seines Sohnes Hans in Bologna (1537) nieder. Er gebrauchte von da an die Schlange mit liegenden Flügeln.

Wir sind Sünder und Gerechte zugleich, hat Luther festgestellt. Und auch diese Wahrheit ist zu Häupten des Malers im Reformationsaltar festgehalten. Er schaut uns an. Erlöst und doch der alte geblieben. Die Schlange flieht und ist doch sein Zeichen, an dem er wiedererkannt wird. Seine Sünde ist offenbar eng mit ihm verknüpft. Darin ist er uns ähnlich.

Frank Hiddemann

Der Autor ist Pfarrer in Gera und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Fehlt ein Aufschrei?

27. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Kulturwandel: Früher waren Rüstzeitheime Selbstläufer – heute müssen sie um ihre Existenz kämpfen

So manches christliche Gästehaus wurde in den vergangenen Jahren geschlossen. Darunter selbst renommierte Einrichtungen. Wo liegen die Ursachen? Der Versuch einer Umschau.

Es war ein richtiger kleiner Bauboom, der da in den letzten drei Jahrzehnten der DDR ausbrach. Hin und her im Lande wurden ungenutzte Pfarrhäuser oder Pfarrscheunen zu Begegnungsstätten und Übernachtungsherbergen ausgebaut. In ihnen traf man sich nicht wie heute zu Freizeiten, denn über die organisierte Freizeitgestaltung beanspruchten Staat, Schule und gesellschaftliche Gruppen die Hoheit. Christen trafen sich zur Zurüstung im Glauben, zu »Rüstzeiten«. Besonders für Jugendgruppen war der Bedarf enorm.

Ob Großhettstedt bei Stadtilm, Bad Berka, Großbreitenbach, Gotha-Siebleben oder Zethlingen in der Altmark: In beachtlicher Eigenleistung – und oft mit Hilfe der Patengemeinden im »Westen« – entstanden Schlafräume, eine kleine Küche, ein Gruppenraum. Der Standard war zumeist bescheiden. Getrennte Waschräume mit Waschbecken, vielleicht sogar mit einem Gasdurchlauferhitzer für warmes Wasser, waren schon schierer Luxus. Eine Tischtennisplatte und zwei feste Pfosten im Pfarrgarten, an denen der Jugendwart das selbst mitgebrachte Volleyballnetz spannen konnte, markierten gehobene Ausstattung. Betten und Bettzeug stammten oft von »Dachbodenspenden«. Wachte man nachts auf, hatten sich die Bettfedern links und rechts zu einem festen Wall verklumpt, während man oben in der Mitte fror …

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Freilich gab es auch bessere Häuser. Die Wartezeiten betrugen dann aber, besonders in den Ferienzeiten oder zu Ostern, Pfingsten und Silvester oft Jahre. Und für eine Rüstzeit einen Termin in einem Haus mitten auf der Insel Rügen zu bekommen, war trotz kilometerweiter Wege bis zum Strand wie ein Fünfer im Lotto.

Dennoch – für Tausende Jugendliche wurden die Tage in den Rüstzeitheimen zu prägenden Erlebnissen, zu Zeiten der Glaubensstärkung, zur bescheidenen Freiheitserfahrung im gegängelten Lebensrhythmus. »Noch heute kommen manchmal Leute vorbei und berichten begeistert davon, dass sie in unserer ausgebauten Pfarrscheune bei Rüstzeiten dabei waren, berichtet etwa Pfarrer Ulrich Matthias Spengler aus Bad Berka.

Das dortige Haus wurde, wie viele andere, schon bald nach der Wende geschlossen. Zu hoch wären die Investitionskosten für eine zeitgemäße Sanitäranlage oder für eine energetische Sanierung, für die Erfüllung von Hygieneauflagen gewesen.

Doch das Sterben der inzwischen in Freizeit- und Tagungshäuser »umgelabelten« Etablissements geht weiter. Auch bekannte Häuser innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mussten in den vergangenen Jahren schließen. Erinnert sei an den Lutherpark in Erfurt oder das in Toplage Weimars untergebrachte Hedwig-Pfeiffer-Haus. Um manches weitere Heim schwirren Alarmmeldungen, sei es das Freizeit- und Tagungsheim Schönburg bei Naumburg oder die Evangelische Jugendbildungsstätte Neulandhaus in Eisenach.

»Wo bleibt der Aufschrei unserer Gemeinden?«, fragt angesichts der Lage Gerhard Bemm vom Förderverein Evangelische Tagungs- und Freizeithäuser in Magdeburg. Für ihn ergibt sich derzeit der Eindruck, dass sich die Träger der Häuser und die Landeskirche insgesamt langsam aus der »langjährig praktizierten gesamtkirchlichen Gastfreundschaft« und »der Ermöglichung der Einübung in christliche Lebensgemeinschaft bei Rüst- und Freizeiten« verabschieden.

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote  bereits staatliche  Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote bereits staatliche Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Wer sich im Lande umhört, stößt freilich zumeist auf ähnliche Probleme: Neben ins Haus stehenden teuren Umbau- und Sanierungsarbeiten, etwa wegen Brandschutzauflagen, ist es vor allem die zu niedrige Auslastung, die zu geringe Nachfrage, die den Häusern Probleme bereitet. Selbst eine gehobene und behindertengerecht ausgestattete Einrichtung wie das Evangelische Allianzhaus in Bad Blankenburg verweist auf Belegungszahlen von rund 50 Prozent bei den Zimmern und 40 Prozent bei den Betten. Bei Touristikfachleuten rangiert es damit schon in der Spitzengruppe Thüringer Beherbergungsstätten in ländlichen Regionen. Den Betreibern stehen dennoch Sorgenfalten im Gesicht.

Die Zeiten haben sich geändert, die Welt steht offen. Entsprechend hat sich auch das Freizeitverhalten angepasst. »Wer für Jugendliche ein Beach-Camp anbietet, kann schon kaum noch mit dem Ostseestrand locken«, weiß etwa Christiane Hildebrandt zu berichten, die beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Sachsen-Anhalt das Freizeitenprogramm betreut.

Auch bei Erwachsenen sind die Ansprüche an den Standard eines Gästehauses heute deutlich höher, sagt Martina Klein. Sie ist als Oberkirchenrätin für die Bildungsarbeit in der EKM zuständig und beklagt unter anderem auch, dass etwa die Fortbildungen kirchlicher Träger deutlich weniger geworden sind, und zugleich bei entsprechenden Angeboten die Verweildauer in den Tagungshäusern kürzer ausfällt. Nach ihren Beobachtungen müssen die Freizeit- und Gästehäuser deutlich professioneller in der Leitung und vor allem in der Vermarktung auftreten: »Es kommt niemand mehr von allein in ein Haus, nur weil es in kirchlicher Trägerschaft ist.«

Weshalb die Fragen des Marketings einer der Schwerpunkte des Gesamtkonzeptes ist, das derzeit für die fünf Häuser in direkter Trägerschaft der EKM erstellt wird: für das Neulandhaus in Eisenach, das Zinzendorfhaus in Neudietendorf, das Augustinerkloster in Erfurt, Burg Bodenstein im Eichsfeld und Kloster Drübeck im Harz.

In Vorbereitung ist außerdem eine Kooperation zwischen dem Neulandhaus als Jugendbildungsstätte und der Evangelischen Akademie in Neudietendorf: Während die hauswirtschaftliche Leitung des Neulandhauses künftig vom Zinzendorfhaus aus erfolgt, sollen die bisher oft mangelhaft nachgefragten Bildungsangebote des Eisenacher Hauses auch über die Akademieschiene vermarktet werden. Und die Akademie will für eigene Jugendangebote künftig das Neulandhaus nutzen, statt in andere Häuser auszuweichen.

Dass es auch positive Zeichen gibt, zeigt beispielhaft das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen zwischen Stendal und Salzwedel. Dort haben sich die Synoden beider Kirchenkreise 2004 dafür dafür entschieden, das 1965 eingerichtete Rüstzeitheim zu erweitern und ein erlebnispädagogisches Konzept zu erstellen sowie die Finanzierung einer entsprechenden Fachkraft zu übernehmen. »Ein mutiger Schritt«, wie Martina Klein es nennt. Doch mit Erfolg: Für viele kirchliche Kindergruppen, aber auch für immer mehr Grundschulen ist das Haus Anlaufstelle. So gut wie alle Wochenenden seien ausgebucht, sagt Birgit Moll, Hausleiterin und Bildungsreferentin des Hauses. Ohne laufenden festen Zuschuss der Kirchenkreise geht es freilich nicht.

»Wir danken unsere Existenz der Einsicht der Synodalen in den Bildungsauftrag der Kirche«, bringt es die ordienierte Gemeindepädagogin Birgit Moll auf den Punkt.

Harald Krille

www.evangelische-freizeithaeuser.de

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Wir warten noch heute auf die Synthese von Seelsorge und Psychotherapie

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Priester, Psychotherapeut, Kirchenrebell – was Eugen Drewermann zum Thema Seelsorge und Beichte zu sagen hat

»Stärkung zur Umkehr« steht über einer Initiative des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in diesem Jahr. Umkehr, Buße und Beichte sollen dabei neu in den Blick genommen werden. Sabine Kuschel sprach über diese Themen mit dem Psychotherapeuten und früheren Priester Eugen Drewermann.

Herr Drewermann, wie stehen Sie zur Beichte?
Drewermann:
Es ist die Frage, wie man sie versteht. Katholischerseits ist die Beichte eines der sieben Sakramente und kann nur gespendet werden vom Pfarrer unter bestimmten Voraussetzungen. Da ist die priesterliche Amts­tätigkeit, die Vermittlung zwischen Mensch und Gott. Und die Beichte selber wird ausgeübt nach Art eines Richteramtes entsprechend dem Wortlaut: Wem der Priester die Sünden vergibt, dem sind sie vergeben. Da gilt der Priester gewissermaßen an Gottes statt.

Das alles ist von den Reformatoren abgelehnt worden, weil es so nicht in der Bibel steht und vor allem, weil es die Unmittelbarkeit des Vertrauens zwischen der menschlichen Person und der Person Gottes, wie Christus sie ermöglicht hat, einschränkt, stört und schädigt, statt sie zu bestärken und zu vermitteln.

Wie können Ihrer Meinung nach Schuldeinsicht gewonnen und Vergebung erfahren werden?
Drewermann:
Ein ganz anderes ist zu betonen. Nämlich wie wichtig eine Aussprache unter Menschen ist. Und da wäre im Sinn der Vereinigung des konfessionell gespaltenen Standpunkts die katholische Kirche an ihre eigene dogmatische Lehrvoraussetzung zu erinnern. Sie sagt, man kann nur als ein getaufter Christ die Beichte und Absolution empfangen. Wenn die Taufe wiederum nicht lediglich eine ritualisierte Form von Gnadenvermittlung ist, sondern die Wandlung des gesamten Lebens in Christus als Wirklichkeit zur Voraussetzung nimmt, dann allerdings kann man vertrauen, dass begangene Schuld, und sei sie noch so schwer, sich überleben und überreichen und überlieben lässt in Christus. Aber das wiederum ist ein langer Prozess. Und das Beste, was wir davon heute vermitteln können, dürfte sich dem anschließen, was im 20. Jahrhundert in vielfacher Weise als Psychotherapie entwickelt wurde. Das ist ein langsam voranschreitendes geduldiges Bemühen durch Vertrauen: langsam Einsicht in die eigene Biografie gewinnen, sie durcharbeiten und durch gefestigtere Standpunkte der Persönlichkeit nach und nach integrieren. So verstehe ich das Anliegen der Reformatoren.

Also ersetzen Sie die Beichtpraxis durch Psychotherapie?
Drewermann:
Das Vertrauen, dass Gott uns vergibt, lässt sich durch keine äußere Instanz ersetzen. Wir können psychologisch sogar sagen, es ist sehr wichtig, darum zu ringen, dass die Menschen, denen man Schaden zugefügt hat, fähig werden zum Vergeben. Aber das kann man in so vielen Fällen gar nicht selber leisten oder erwirken. Es bleibt am Ende außerordentlich schwer, sich mit der Schuld der eigenen Vergangenheit nach und nach zu versöhnen, sich selbst zu vergeben.

Eugen Drewermann: Der kritische Theologe, der vor zehn Jahren aus seiner katholischen Kirche austrat, wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt. Fotos: epd-bild/Friedrich Stark

Eugen Drewermann: Der kritische Theologe, der vor zehn Jahren aus seiner katholischen Kirche austrat, wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt. Fotos: epd-bild/Friedrich Stark

Der Protestantismus hat in meinen Augen vollkommen recht, denn er betont, Glauben hat mit der Überwindung der Angst, mit der Geborgenheit in Christus und der Reifung der Persönlichkeit zu tun. Der Katholizismus müsste an dieser Stelle sich selbst beim Wort nehmen. Man kann nur aus Gnade befähigt werden, Gnade zu empfangen. Ein Mensch ist allein zur Versöhnung, zur Umkehr, zur Wahrheitsfindung, zur reifenden Ehrlichkeit seiner Person imstande, wenn er glauben kann, dass er selber akzeptabel sei. Wenn er all den Verneinungen gegenübertritt, die sein Leben durchzogen haben.

Eine Psychotherapie, bei der kein Sündenregister erstellt wird, sondern der Mensch Geduld, Verständnis und bedingungslose Annahme erfährt?
Drewermann:
Psychotherapie in diesem Sinne ist ein Verfahren, nicht zu verurteilen, gerade nicht ein Bußgericht von außen anzustrengen, wie das in der katholischen Beichtpraxis immer noch geschieht. Sondern ohne zensieren, ohne Wertung, in möglicher Zuwendung und Akzeptanz, im gewissen Sinn voraussetzungslos den anderen so zu sehen, so zu verstehen, so anzunehmen, wie er nun mal ist. Das ist ein Aufgreifen vor allem der therapeutischen Arbeit, die Jesus im Neuen Testament in der Vielzahl der Wunderheilungen den Menschen schenkt. Er überwindet durch seine voraussetzungslose Annahme der Menschen all das, was man an Bösem in ihnen finden mag.

Im Römerbrief heißt es: Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt …
Drewermann:
Martin Luther hat 1520 in seinem Traktat über die Freiheit eines Christenmenschen einmal gemeint: Wenn ihr gute Werke sehen wollt, müsst ihr auf die Person schauen. Und wollte damit sagen: Es geht so vieles in den Menschen vor sich. Wenn ihr schon auf die Hände der Menschen schaut, müsst ihr sehen, wie sie zittern oder sich zu Fäusten ballen. Die Menschen haben eine ganze Biografie hinter sich.

Im Abstand von über 500 Jahren müsste man hinzufügen: Je mehr man begreift, was Menschen tun, wird man verstehen, dass sie Böses gar nicht tun wollen. Was sie tun, mag sehr, sehr böse sein. Aber was in ihnen vor sich geht, ist ein Ringen gegen und mit sich selber. Luther will weiter sagen, es mangelt in aller Regel nicht daran, dass Menschen nicht wüssten, was Gut und Böse ist. Es zerbricht in ihrer eigenen Persönlichkeit die Möglichkeit, das zu tun, was sie selber wirklich wollen. Das ist Römerbrief, Kapitel fünf bis sieben. Das hat Luther als Erfahrung dem Christentum zurückgegeben mit Berufung auf Augustinus und Paulus.

Keine Theologie und Seelsorge ohne Psychologie?
Drewermann:
Die Seelsorge selber müsste psychotherapeutische Qualität annehmen. Den Psychotherapeuten kann man sagen, ihr versucht, in einen Menschen, den ihr noch nicht kennt, ein Vertrauen zu setzen, das sich rein empirisch vielleicht gar nicht rechtfertigt lässt. Insofern hat alles, was ihr tut, ob ihr an Gott glaubt oder nicht, eine religiöse Dimension. Den Seelsorgern müsste man sagen, es hat keinen Sinn, sich in die Position dessen zu setzen, der im Namen Gottes Rat zu erteilen wüsste. Das Wichtigste ist hinzuhören, was Gott in der Seele eines Menschen, der sich an euch wendet, zu sagen hat.

Alles Heil ist konkret. Insofern müssten beide voneinander lernen: die Seelsorger von all dem, was Menschen guttut und was man in psychotherapeutischen Gesprächen methodisch und inhaltlich gelernt hat. Und umgekehrt ist Psychotherapie ohne ein absolutes Vertrauen im Hintergrund kaum durchführbar. Auf diese Synthese aber warten wir.

Warum kommt diese Synthese bisher nicht zustande?
Drewermann:
Sie wird zum einen in der Theologie nicht wirklich angestrebt. Theologischerseits fürchtet man, dass, wenn Gott in der menschlichen Seele gefunden würde, er dann näher erklärt werden könnte. Und auf der anderen Seite: Viele Psychotherapeuten sind heute der Auffassung, dass, wenn von Gott die Rede ist, man einen komplexbelasteten Begriff aus den Kindertagen mit durchs Leben schleppt. Die Therapeuten müsste man heilen von einer Art praktischem Atheismus. Beide Standpunkte sind falsch. Die Menschen frei zu machen, bedeutet auch, sie ein Stück weit auf Gott hinzuführen oder sie sogar als von Gott als begleitet zu betrachten. Und umgekehrt, Gott tiefer zu verstehen in der Seele der Menschen heißt gerade nicht, ihn zu leugnen, sondern wie jetzt gerade zu beobachten: Die Blumen reifen, gerade weil sie die Sonne in sich tragen.

Mein eigenes Begräbnis

23. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Christen erzählen, wie sie einmal beerdigt werden möchten

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Wichtiger als die Frage, wie ich selbst beerdigt werden möchte, ist mir die Frage, wie ich sterben möchte. Mit einem Wort geantwortet: getrost. Auf Gottes Liebe trauend zu allem, was lebt, auch über den Tod hinaus. Im Vertrauen darauf, dass mein Leben auch nach dem Tod eine Perspektive in Gottes Zukunft hat. So sterben zu können, das wünsche ich mir.

»Dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist«

Deshalb hoffe ich, dass bei meiner Beerdigung von der Auferstehungshoffnung gesagt und gesungen wird. Wenn von dieser Hoffnung her deutlich würde, was schön, verbunden und froh war in meinem Leben ebenso wie das, was schwer war, was fragmentarisch geblieben ist, wo es neben Gelingendem auch Versagen oder Schuld gab.

Bei einer kirchlichen Bestattung kann vieles in Dankbarkeit gesagt werden. Aber nichts muss geschönt werden. Es ist ja Gott, der uns ihm recht macht. Die Feier des Trauergottesdienstes, Texte und Musik bilden dann einen Raum, der alles fasst und aufnimmt, was an Sagbarem und vielleicht auch Unsagbarem da ist. Mir geben dabei vertraute Worte der Bibel Trost. In ihnen können Trauer, Schmerz und Hoffnung sich bergen. Wenn sie bei einer Beerdigung noch gesagt werden, berühren mich besonders die Geleitworte des »In Paradisum«: »Zum Paradies mögen Engel dich geleiten.« Ein Wunsch zur eigenen Beerdigung ist noch: Ich möchte in einem Sarg in die Erde gelegt werden. Schön, wenn er aus dem Holz des Baumes ist, dessen Früchte ich seit meinen Kindertagen in Großvaters Garten liebe – Kirsche. Und wenn dies alles geschieht in der Hoffnung »dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist« (Dorothee Sölle) – ja, das ist eine tröstliche Vorstellung.

Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

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Volker Kreß

Volker Kreß

Es wird wohl mit Rücksicht auf das hohe Amt, das ich in unserer sächsischen Kirche ausüben durfte, nicht so schlicht werden, wie ich es mir wünsche. Und doch: Schön wäre ein im besten Sinn ganz normaler Beerdigungsgottesdienst in der schönen, alten Kirche meiner Heimatkirchgemeinde Dresden-Leubnitz.

Als biblische Lesungen wünsche ich mir den lebensweisen 90. Psalm (»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.«) und die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes aus Markus 16, 1-8. Diese Erzählung habe ich immer geliebt, weil die Frauen nicht mit selbstsicherem Jubel, sondern mit tiefem Erschrecken auf die unserem kleinen Menschenverstand unfassbare Nachricht der Auferstehung reagieren. Ganz in diesem Sinne möge der Pfarrer bitte über den tiefen Paulus-Satz aus 1. Korinther 13, 12 predigen: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.«

»Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin«

Vielleicht könnte mein Cello-Enkel danach das seltsam kantige Präludium aus der vierten Cellosuite von Bach spielen, an dem ich mich oft und gern selbst versucht habe.

Unbedingt gesungen werden sollte von der Gemeinde die wunderbare Strophe des Schlusses von Bachs »Johannespassion« »Ach Herr, lass dein lieb’ Engelein an meinem End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen.«
Und dann bitte still und andächtig zum Grab.

Volker Kreß war von 1994 bis 2006 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

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Alexandra Husemeyer

Alexandra Husemeyer

Das Thema »Beerdigung« beschäftigt mich schon seit der Kindheit. Meine Mutter verabschiedete mich im Sommer 1981 in die Ferien mit dem Buch »Tom Sawyers Abenteuer«. Sie konnte nicht ahnen, dass dieses Buch fortan zu meiner Lieblingslektüre werden sollte. Und meine Lieblingsstelle? Toms Beerdigung. Wie herrlich war es doch, seiner eigenen Beerdigung putzmunter von der Kirchenempore aus beizuwohnen. Tante Polly trauerte und bereute alle über Tom verhängten Strafen. Mein kindliches Herz suhlte sich im Selbstmitleid. Toll, dann würden alle Erwachsenen endlich erkennen, wie unrecht sie mir getan hatten! Ich malte mir meine Beerdigung aus, wählte passende Bibelstellen aus meiner Kinderbibel »Das Wort läuft« aus, ordnete Lieder.

»Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab«

Und heute? Heute ist es immer noch ein wichtiges Thema und ich bin Anhängerin des »guten, alten Stils«. Anonyme Bestattungen sind mir suspekt; am liebsten möchte ich auch nicht verbrannt werden, sondern in einem schlichten, einfachen Holzsarg, ohne umweltbelastenden Lack, in der Erde schlummern dürfen. Rituale am Ende des Lebens sind Ausdruck unserer Kultur und unseres Glaubens. Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab. Auch das gemeinsame Singen, und wenn es noch so brüchig ist, erscheint mir unbedingt wichtig.

Wenn zu meiner eigenen Beerdigung noch Geld übrig ist, wünsche ich mir zur Orgelbegleitung die wundervolle Händel-Arie »I know that my redeemer liveth« (Ich weiß, dass mein Erlöser lebt) aus dem Messias, denn das ist die Botschaft, die unserem Leben Sinn gibt – über den Tod hinaus.

Alexandra Husemeyer führt freiberuflich unter anderem als Katharina von Bora Gäste duch Eisenach

Schlusspunkt für »Annerose« soll dennoch ein Dankfest werden

19. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Aktion Annerose«: Finanzkürzungen, Missverständnisse, Fehler – von den vielschichtigen Ursachen des Endes einer beispielhaften Initiative

Sie war jahrzehntelang ein Musterbeispiel für die Integration von behinderten Menschen und für das Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer. Doch nun kommt das Aus. Hintergründe zum Ende der »Aktion Annerose«.

Es begann vor fast 49 Jahren mit der Veröffentlichung des Briefes einer Rollstuhlfahrerin in einer kirchlichen Zeitung. Annerose Händel aus Crimmitschau schrieb darin, wie schön es wäre, wenn auch behinderte Menschen einmal zu schönen Orten reisen und wie andere auch Urlaub machen könnten. Ihr Brief hatte Folgen, unter anderem in Thüringen. 1970 startete die »Aktion Annerose« unter dem Dach der Thüringer Diakonie ihre erste Rüst­zeit für Körperbehinderte. Annerose Händel erlebte dies selbst nicht mehr. Kurze Zeit vorher war sie verstorben.

Doch die »Aktion Annerose« wurde zu einem bahnbrechenden Modell. Das besondere dabei: Ehrenamtliche Helfer begleiteten während der Urlaubstage die Menschen mit Handicap. Sie halfen ebenso bei der Körperpflege wie beim Bummel durch die Stadt und der Überwindung allgegenwärtiger Barrieren. Bibelarbeiten gehörten zum Programm der meist acht bis zehn Tage sowie Wanderungen, Ausflüge und Besichtigungen. Das kirchliche Kurheim »Sophie« in Bad Sulza etwa war eine der Einrichtungen, in denen regelmäßig »Annerose«-Gruppen zu Gast waren.

Intergration: lange, bevor das Wort Mode wurde

Hunderte, oft auch jüngere Menschen, stellten dafür ihre Freizeit, ihren eigenen Urlaub zur Verfügung. Sie lebten die Integration von und mit Behinderten, als dieses Wort noch lange kein Modewort war. Freundschaften entstanden zwischen Behinderten wie Nichtbehinderten, die oft über Jahre hielten.

Lag vor der politischen Wende in der DDR die Organisation in den Händen des Diakonischen Werkes der Thüringer Kirche, so wurde 1991 »Aktion Annerose« zum eigenständigen Verein. Immer noch aber unter dem Dach des Diakonischen Werkes, das weiter die Sachkosten sowie die Stelle eines Geschäftsführers finanzierte. Rüstzeiten wurden nun zu Freizeiten, neue Reiseziele im Ausland bereicherten das Angebot. Was blieb, war das Netzwerk engagierter freiwilliger Helfer. Doch im Frühjahr dieses Jahres kam der Paukenschlag: »Aktion Annerose« kündigte ihren Mitarbeitern. Wenige Wochen später wurde die Auflösung des Vereins beschlossen.

Was war geschehen? Bis 2010 zahlte die Diakonie Mitteldeutschland jährlich 40 000 Euro zur Finanzierung des Büros in Gotha mit einer vollzeitlichen Geschäftsführerstelle sowie einer weiteren geringfügigen Stelle für die Buchhaltung. Hinzu kamen Mitgliedsbeiträge der zuletzt rund 160 Vereinsmitglieder und Spenden. 2010 informierte die Diakonie darüber, dass die Zuweisungen künftig um jährlich 4 000 Euro gekürzt würden, der Verein sich um alternative Finanzquellen bemühen solle. Im vergangenen Jahr kam für den Verein nach eigenen Angaben unerwartet die Mitteilung, dass die Finanzierung ganz gestrichen sei. Ein nach langen Verhandlungen bewilligter letztmaliger Zuschuss von 15 000 Euro rettete die Arbeit zunächst. Doch auch unter einer im vergangenen Jahr neu gewählten Vereinsleitung gelang es nicht, ausreichend alternative Geldgeber zu finden.

Große Enttäuschung über gestrichene Mittel

Die Enttäuschung im Land ist groß, auch das Unverständnis über die Diakonie Mitteldeutschland. Doch deren Sprecher Frieder Weigmann weist darauf hin, dass man aus der Finanzierung letztlich aus grundsätzlichen Erwägungen aussteigen musste. Denn die Diakonie ist ein Dachverband, der die Interessen seiner Mitglieder nach außen vertritt und die Arbeit koordiniert, auch einmal Sondermittel für besondere Projekte zur Verfügung stellt. Aber nicht die Arbeit vor Ort in den selbstständigen diakonischen Vereinen finanziell trägt. Die Finanzierung von »Annerose« sei eine aus der Vergangenheit überkommene Ausnahme gewesen, die aber ein Ende finden musste, schon aus Gründen der »Gerechtigkeit gegenüber anderen Mitgliedsvereinen«, so Weigmann. Zudem sei dies dem Verein schon lange mitgeteilt worden.

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel und Nils Scheil aus Gotha können es nicht fassen, dass »Aktion Annerose« für immer aufhören soll. Aus ihrer Feder stammt der untenstehenden »Nachruf«. Foto: Harald Krille

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel und Nils Scheil aus Gotha können es nicht fassen, dass »Aktion Annerose« für immer aufhören soll. Aus ihrer Feder stammt der untenstehenden »Nachruf«. Foto: Harald Krille

Ein Argument, das der langjährige »Annerose«-Geschäftsführer Mario Willing nicht gelten lassen will: Andere diakonische Einrichtungen leisteten Arbeiten, die durch öffentliche Mittel beziehungsweise Krankenkassen zu großen Teilen refinanziert würden. Freizeit- und Beratungsangebote für Behinderte aber sind freiwillige Leistungen des Landes. Die Zuschüsse, die Thüringen dennoch seit Jahren zu den Personalkosten zahlt, reichten bei Weitem nicht aus, die Arbeit zu tragen.

Strukturelle Probleme verhinderten aus Sicht des Geschäftsführers auch die Idee, durch professionelles Spenden­einwerben, neudeutsch Fundraising genannt, die Eigenfinanzierung dauerhaft zu erhöhen. Die Diakonie bezahlte dem Verein dafür als Hilfe eine vollständige Ausbildung zum Fundraiser, die Willing absolvierte. Doch: »Ich hätte in erster Linie um Geld für mein eigenes Gehalt werben müssen«, sagt Willing. Und genau dies funktioniere nicht, wie er als Erstes bei der Ausbildung lernte.

»Sie können Spenden für konkrete Projekte einwerben, die einen Anfang und ein Ende haben. Aber nicht auf Dauer für die laufenden Personalkosten«, bestätigt Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und ausgewiesener Fundraisingexperte. Diese müssten vom Verein und seinen Mitgliedern erbracht werden.

Doch zu den strukturellen Problemen kamen wohl auch noch hausgemachte. Instrumente wie eine formale Fördermitgliedschaft, über die Unterstützer mehr als die normalen 3,50 Euro monatlichen Mitgliedsbeitrag zahlen, gab es bei »Annerose« nicht.

Zudem sei schon lange klar gewesen, dass die Mittel weniger werden, aber zu einem »großen Schnitt« habe man sich nicht durchringen können, sagt etwa Kathrin Fickardt, die acht Jahre lang im Vorstand tätig war. Sehr unterschiedliche Meinungen und »persönliche Befindlichkeiten« hätten die Arbeit manchmal behindert. Und auch zu Fehlentscheidungen geführt, so Fickardt, die bei »Annerose« jahrelang die integrativen Singwochen für Kinder leitete. Dazu beigetragen habe ebenfalls, dass mit der Eingliederung des Vereins »Eltern helfen Eltern« 2005 und der »Interessenvertretung Stolperstein« 2008 sehr unterschiedliche neue Arbeitsfelder und Interessen hinzugekommen seien.

Hausgemachte Probleme und fehlende Vernetzung

Fragen muss man auch, ob der Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand, über die Landesgrenze innerhalb der EKM, genügend entwickelt war, ob es nicht an Vernetzung mit anderen Initiativen fehlte. So gibt es bereits seit etlichen Jahren in der diakonischen Einrichtung Bodelschwingh-Haus in Wolmirstedt bei Magdeburg ein Angebot mit vielen Schnittmengen zur »Aktion Annerose«. Eine »Freizeit- und Reisebörse« vermittelt dort begleitete Urlaubsreisen, Theater- und Ausstellungsbesuche sowie Einkaufshilfen für behinderte Menschen. Ebenfalls gestützt auf ein Netzwerk freiwilliger Helfer. Zunächst entstanden als Angebot für die Bewohner der eigenen Einrichtung, »wird es seit Jahren auch von einem festen Kundenkreis an Behinderten und Senioren außerhalb unserer Einrichtung genutzt«, wie die Leiterin Martina Bauer berichtet. Einen Kontakt von »Annerose« nach Wolmirstedt aber hat es nicht gegeben, die Wolmirstedter Initiative war in Gotha gänzlich unbekannt.

Dennoch: Am Ende soll die Dankbarkeit stehen

Vieles kann und wird also weitergehen. Wenn auch anders und unter anderem Dach. Auch Kathrin Fickardt ist dankbar, dass sie mit ihren integrativen Singwochen beim CVJM in Erfurt eine neue Heimat gefunden hat. »Manchmal hat sich vielleicht auch eine Sache totgelaufen«, sinniert sie. Dann bleibt dennoch der Dank für eine gute Arbeit in der Vergangenheit.

Dies sieht auch der Vorstand des aufgelösten Vereins »Aktion Annerose« so. Zum 6. September lädt er deshalb Mitglieder, Helfer und Freunde zu einem Abschlussfest in das Paul-Schneider-Gemeindezentrum in Weimar ein. Das Fest soll um 10 Uhr mit einem Dankgottesdienst beginnen. Es soll »ein positiver Schlusspunkt« werden. »Kommen Sie, danken und feiern Sie mit uns die vielen Jahre, Begegnungen und Erlebnisse«, heißt es in der Einladung.

Harald Krille

Interessenten werden gebeten, sich bis spätestens 25. August per Postkarte für das Abschiedsfest anzumelden: Aktion Annerose e.V., Reinhardsbrunner Straße 14, 99867 Gotha

»Annerose« ade

Wir glauben im Namen vieler Mitglieder der »Aktion Annerose« zu schreiben. Voller Wehmut denken wir an die vielen schönen Stunden, welche wir in den vergangenen mehr als 40 Jahren gemeinsam erleben konnten. Mit Vorfreude haben wir immer auf den neuen Rundbrief zum Jahresanfang gewartet, in welchem die Urlaubsplätze angeboten wurden. Mit Freude meldeten wir uns an. Es wurden viele Freundschaften mit ebenfalls betroffenen Behinderten wie auch mit Helfern geknüpft. So erlebten wir wunderschöne Tage an der See oder im Gebirge, getragen von unserem Glauben, der in unser Leben hineinwirkte. Soll das alles nun vorbei sein?

Wie schade!

Den vielen ehrenamtlichen Helfern und dem Geschäftsführer gilt unser Dank. Durch ihre aufopferungsvolle Hilfe, die oft an die körperlichen Grenzen ging, wurden uns viele Beschwerden genommen.

Wir hoffen immer noch, dass »Annerose« weiterlebt.

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel, Nils Scheil (alle Gotha), langjährige Vereinsmitglieder von »Aktion Annerose«


Kirchenmusik – ein Tor zum Glauben

19. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kantate: Singet dem Herrn ein neues Lied! Ein Loblied auf die Kirchenmusik

Wenn eine Musik erklingt, der Chor ein Halleluja anstimmt, kann es sein, dass die Töne uns innerlich anrühren, in Schwingung bringen, die sich bis zu einer Erschütterung steigern kann. Klänge vermögen unaussprechliche Freude in uns zu wecken und sie können Spannungen lösen. In Stunden der Trauer beispielsweise, wenn sich ein Panzer um das Herz gelegt hat, vermag eine Melodie es, die Tränen fließen zu lassen, den Schmerz zu lösen. Die Musik verändert in uns etwas. »Wenn die Sprache nicht ausreicht, sprechen wir zunächst betonter, verlängern oder kürzen die Silben und schließlich wird das Gesprochene zur Melodie«, deutet Kirchenmusikdirektor Wolfgang Kupke, Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle an der Saale. »Lässt sich die Sprache nicht mehr steigern, geht sie über in Musik.« Oder wie es der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) genial auf den Punkt bringt: »Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Insbesondere der Glaube ist ein Bereich, in dem die Sprache zuweilen an ihre Grenzen kommt. Unsere Rede von Gott – wie oft sind wir sprachlos, wissen nicht, was wir sagen sollen. Wie gut, dass es die Musik gibt, die tiefere Schichten in uns anspricht als Worte es vermögen. Die Kantoren und Kirchenmusiker wissen um das Potenzial der Klangwelt, sie vertrauen darauf, dass sie es schaffen kann, den Menschen die christliche Botschaft zu vermitteln.

»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Victor Hugo

In der Bachzeit, erklärt Wolfgang Kupke, hatte die Musik die Funktion, Texte zu wiederholen. Wenn nach dem Gesang von Liedern ein Nachspiel folgte, konnten die Zuhörer sich an den Inhalt des zuvor vernommenen Textes erinnern, führt der Professor aus. »Mit der Musik werden Assoziationen an Worte geweckt, obwohl sie nicht gesprochen werden. So bleibe vieles über die Musik hängen – und sei es ein unaussprechliches Gefühl.

Diese Besonderheit verleiht der Musik auch eine Bedeutung für den Glauben. »Kirchenmusik hat die Aufgabe, das Evangelium zu verkünden. Sie wird damit zu einem Tor des Glaubens, weil sie über die emotionale Schiene läuft«, so Matthias Schmeiß, Leitender Posaunenwart in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Schmeiß betrachtet die Kirchenmusik als eine niedrige Schwelle, um mit Kirche und Theologie in Kontakt zu kommen. Einige Menschen, so seine Beobachtung, besuchen regelmäßig mittags die in manchen Gotteshäusern angebotenen Orgelmusiken, obwohl sie sonst keine Beziehung zur Kirche haben. Sie werden über das Konzert mit dem geistlichen Inhalt vertraut gemacht.

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Um junge Leute an die Kirchenmusik heranzuführen, gehe das Posaunenwerk der EKM bewusst in Schulen, um dort seine Arbeit vorzustellen. Eine solche Begegnung sei für etliche Kinder und Jugendliche Impuls, ein Blasinstrument spielen zu lernen. »In manchen Fällen ist das der Kontakt zum Glauben.« Schmeiß erinnert sich an einen Mann, kein Christ, der sich aber jahrelang im Posaunenchor engagierte, regelmäßig im Gottesdienst mitspielte. Eines Tages habe er den Chorleiter gefragt, ob er das Vaterunser mitbeten dürfe. Offensichtlich war mit der Zeit über das Musizieren eine Beziehung zu Gott gewachsen.

Vielen Menschen gehe es in erster Linie um Gemeinschaft, die sie beim Singen erleben. »Manche suchen Anschluss, wenn sie zur richtigen Zeit angesprochen werden, sind sie über Jahrzehnte dabei«, so die Erfahrung des Kirchenmusikers.

Wie groß die Wirkung der Kirchenmusik ist, lässt sich wahrscheinlich nicht mit Statistik erfassen. Gleichwohl können Zahlen Auskunft geben über die Bindungskraft der Musik, ist Martina Hergt, Fachbeauftragte für Chor- und Singearbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, überzeugt. Wie sie sagt, gibt es in Sachsen 570 Kurrenden. »Das ist viel.« Und obwohl die Bevölkerungszahl abnimmt, so die Kantorin, bleiben die Zahlen der Kurrenden konstant, sie steigen sogar leicht. Wegen des Mitgliederschwundes auf Grund des demografischen Wandels beobachte sie vielerorts eine schlechte Stimmung. »Dabei sieht die Lage gut aus.« Kirchenmusik – sie kann Zugang zum Glauben eröffnen, ist auch Martina Hergt zuversichtlich. Sie erinnert sich an ihre Erfahrungen als Kantorin in Leipzig-Sellerhausen, wo sie bis Herbst vorigen Jahres arbeitete, bevor sie ihre neu geschaffene Stelle in Dresden antrat. Indem die Kirche mit musikpädagogischen Angeboten in Kindergärten geht, bringe sie dorthin ihre Lieder nebst Texten und damit ihre Tradition und Werte, schildert sie. »Kirchenmusik hat eine Riesenchance.« Über die Musik ergeben sich Gespräche mit den Eltern. Lieder haben eine große Magie, sie wecken Fragen nach Ritualen und Inhalten. »Die Arbeit ist oft mühevoll und nicht glänzend«, sagt die Kantorin. Aber wenn die Kinder die Lieder einmal gelernt haben, sei eine Beziehung entstanden, die fürs Leben hält. Und sei es nur, wenn sich die Menschen später daran erinnern, dass es eine schöne Zeit war – die Zeit des Singens – im Kindergarten, in der Kurrende.

Allerdings, so die allgemeine Sorge der Kirchenmusiker, habe der Musikunterricht in den Schulen einen schlechten Stand und wecke bei den Kindern nicht die Freude am Singen. »In manchen Bundesländern wird ab der 7. Klasse nicht mehr aktiv gesungen«, sagt Martina Hergt. Sie bedauert, dass die Menschen zwar reichlich Musik konsumieren, sie allüberall und zu jeder Zeit von ihr umgeben sind, das eigene aktive Singen jedoch auf der Strecke bleibe.

Das ist auch Wolfgang Kupkes Erfahrung. Wie er beobachtet, nimmt die Musikalität in unserer Gesellschaft generell ab. Dafür macht der Professor die mangelhafte musikalische Bildung an den Schulen verantwortlich.

Einen Kontrapunkt zu dieser Entwicklung setzt der vierte Sonntag nach Ostern: Kantate – der Ehrentag der Kirchenmusik. Das Singen und Musizieren hat an diesem Sonntag im Kirchenjahr seinen festen Platz.

Doch – bei aller Hochachtung der Musik, der Bewunderung für ihre Kunst, Menschen verzaubern zu können, wäre es falsch, sie gegen die Sprache auszuspielen. Auf diese mögliche Fehleinschätzung weist Kupke hin und betont stattdessen: »Es gibt keinen Gegensatz zwischen Musik und Wort. Sie durchdringen sich.« Zum Lobe Gottes!

Sabine Kuschel

Mutig Neues ausprobieren

22. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland setzt auf mehr Verantwortung an der Basis

In ihrem Bischofsbericht vor zwei Jahren stellte Landesbischöfin Ilse Junkermann den Umbau in der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) in den Fokus. Dietlind Steinhöfel und Jürgen Reifarth sprachen mit der Landesbischöfin und dem Gemeindedezernenten, Oberkirchenrat Christian Fuhrmann.

Die demografische Entwicklung hat zum Zusammenschluss von Kirchengemeinden geführt. Oft hören wir, dass dies dem neuen Finanzsystem geschuldet sei. Ist das so richtig?
Fuhrmann:
Es ist für mich ein Phänomen, wie schwer es uns gelingt zu vermitteln, dass hier eben kein Zusammenhang besteht. Es geht ja nicht ums Sparen. Wir haben keine Sparbüchse, sondern stellen fest: Wir können nicht alles finanzieren, was wir wollen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent  Foto: Matthias Schmidt

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent Foto: Matthias Schmidt

Junkermann: Es ist nicht mehr Geld da. Insofern ist es kein Sparen, sondern es sind Kürzungen. Weniger Menschen bedeutet weniger Geld.

Wie sollen Gemeinden reagieren?
Fuhrmann:
Es kommt doch nicht allein aufs Geld an! Wozu inspiriert uns diese Situation? Vielleicht hilft ein Blick in die Reformationszeit. Da staunt man, wie satt wir heute sind. Arm oder reich sind immer relativ. Wir müssen uns auch auf andere Quellen besinnen!

Eine Leserin aus dem Altenburger Land schreibt, der Mitgliederschwund sei der Vernachlässigung der Kirchengemeinden auf dem Lande geschuldet. Ihre Pfarrerin sei für vier Gemeinden mit fünf Kirchen, drei Pfarrhäusern und einem Viertel der Stadt zuständig – 26 Dörfer, zwei Pflegeheime, zwei Förderschulen, zwei kirchliche Friedhöfe. Ist das zu bewältigen?
Junkermann:
Die Leserin stellt genau die richtige Frage. Ich sage: Ja, es ist zu bewältigen, wenn wir von der Gemeinde und ihren Gaben her denken. Und nein, es ist nicht zu bewältigen, wenn wir in den alten Rollenverständnissen verharren. Wir müssen gemeinsam suchen, was wir benötigen. Wir sind seit dem 19. Jahrhundert in einem Säkularisierungsprozess und haben lange nicht darauf reagiert.

Fuhrmann: Es ist wichtig, dass wir die Trauer über Verlorenes wahrnehmen und gleichzeitig sagen: Du kannst es mit anderem anders gestalten. Auch die Kirchenleitung hat keine Rezepte. Jede Gemeinde muss ihre Lösung im Gespräch mit den Nachbarn selbst finden.

Gibt es weitere Strukturreformen?
Junkermann:
Die brauchen wir nur, wenn man sich die Illusion macht, man könnte dasselbe erhalten mit weniger. Deswegen heißt Umbau, die Perspektive auf Gemeinde muss sich ändern. Gemeinde ist nicht dort, wo soundso viele hauptberufliche Stellenanteile sind, sondern eine Gemeinschaft von Getauften – das ist ganz reformatorisch-biblisch.

Fuhrmann: Wir haben eine Struktur aus einer Zeit, in der noch 85 bis 90 Prozent ganz selbstverständlich der Kirche angehörten. Jetzt sind wir an die 20 oder gar zehn Prozent. Da trägt die bisherige Struktur nicht mehr oder wird sogar zur Belastung. Wir sind als Kirche unterwegs, ein wanderndes Gottesvolk. Das ist ein biblisches Bild, das uns in unserer Situation heute ganz neu tragen kann. Abraham zieht einfach los, kann nicht genau sagen, wohin …

Junkermann: … weil er auf Gott hört und weil er vertraut, dass Gott sagt: Ich bin mit dir. Umbau heißt, alte Gleise verlassen und losziehen.

Bewegung macht aber auch unsicher.
Junkermann:
Ja, deshalb ist Jesu Ruf wichtig, und damit möchte ich Mut machen: Kehrt um und ändert euren Sinn, vertraut dem Evangelium und nicht dem, wie es immer war. Jesus fordert Vertrauen, auf den einen Hirten zu hören und ihm zu folgen und nicht im Pferch zu bleiben. In der Reformationszeit wurde neu entdeckt, dass Glaube ein Prozess, eine Bewegung ist. Natürlich brauchen Menschen vertraute Räume, diese dürfen allerdings nicht unbeweglich machen.

»Wir brauchen weniger Kirchenbürokratie, dafür mehr Mut zur Mission«, schreibt die Leserin weiter.
Fuhrmann:
Mehr Mut zur Mission heißt: mehr Mut zur Veränderung. Auf dem Weg der Gemeindeveränderung und der Gemeindeerweiterung werde ich entweder abgehängt oder selbst verändert. Diese beiden Alternativen gibt es. Was mir echt Sorge macht, ist die totale Fixierung auf Zahlen und Selbstverständlichkeiten. Die Zahlen: Wir haben weniger Geld. Die Selbstverständlichkeiten: In jedem Ort muss ein Pfarrer sein. Das macht uns absolut unfrei.

Junkermann: Umbau kann zugleich verunsichern und stärken. Verunsichern, weil es kein festes Zielbild gibt; stärken, weil er in Bewegung setzt. Je nachdem, welche Menschen da sind, ändert die Gemeinde ihr Gesicht. Sind gerade viele Kinder in der Gemeinde, kann man eine Krabbelgruppe machen. Gibt es viele Ältere, wäre ein Erzählcafé das Richtige oder Biografieschreiben – was auch immer. Wir dürfen auch Fehler machen und feststellen: Das war der falsche Weg oder wir sind zu schnell gegangen. Das geht uns ja auf der landeskirchlichen Ebene genauso. Als Christen können wir getrost aus Fehlern lernen. Wir vertrauen auf Vergebung. Das befreit uns von Perfektionsdruck.

Stichwort Ehrenamtliche. Werden sie in dieser Umbauphase überfordert?
Fuhrmann:
Ja, wenn wir zu wissen meinen, wo wir Ehrenamtliche brauchen und nicht fragen: Was willst du hier einbringen? Da sind wir wieder bei den alten Strukturen. Wenn diese mit Ehrenamtlichen erhalten werden sollen, überfordern wir sie. Das ist der falsche Weg. Gemeinde soll nach gut paulinischem Verständnis nach den Gaben gebaut werden und nicht nach dem Bild, das wir von ihr haben.

Junkermann: Wenn jeder seine Fragen in die Kirche einbringen kann, dann bewegt sich was. Es geht nicht darum, dass andere so werden wie wir oder mitbringen, was wir brauchen, sondern die Frage muss heißen: Was brauchen die Menschen von uns, was entspricht ihnen?

Wie flexibel sind Gemeindepfarrer?
Junkermann:
Pfarrer sind so verschieden wie andere Menschen, manche gehen fröhlich neue Wege, andere fürchten sich davor. Ich denke an die Pfarrerin, die zum Karfreitagsgottesdienst einen Kreuzweg durch die Orte organisiert. Menschen können dazukommen, Christen und Nichtchristen. Doch auch Pfarrer und Pfarrerinnen müssen selbst ermutigt sein. Ich möchte dabei helfen und sage zum Beispiel jedem Neuordinierten: Wenn ihr Ideen habt, probiert sie aus! Auch wenn’s schiefgeht; wenn ihr Ärger bekommt, schreibt mir eine E-Mail!

Gibt es eine Hoffnung auf Mission, auf Wachsen?
Junkermann:
Ja. Ich nehme das ganz stark wahr: Alles im Bildungsbereich ist so hoffnungsvoll. Wie viele Eltern vertrauen der Kirche und kirchlichen Schulen und haben Hoffnung, dass ihr Kind dort als Individuum gewürdigt wird, dass es nicht einem Anpassungsprozess unterworfen wird. Kinder werden in den Schulen selbstverständlich im Glaubensleben groß mit Andacht und Tischgebet. Genauso gibt es in der Kirchenmusik engagierte Nichtchristen, bei Kirchbauvereinen, in der Telefonseelsorge … Das ist ein großes Geschenk. Wir werden uns als Landeskirche hier umstellen und bewegen müssen. Zum Beispiel nachdenken über unser Mitgliedschaftsverständnis. Gehört nur zu uns, wer getauft ist und Kirchensteuer oder seinen Gemeindebeitrag zahlt? Könnte es nicht auch eine gestufte Mitgliedschaft und Zugehörigkeit geben? Wir diskutieren das gerade im Rahmen des Kinder- und Jugendgesetzes.

Fuhrmann: Wenn die Frage bedeutet: Haben wir Hoffnung, dass wir in zehn Jahren zehn Prozent mehr Christen haben, dann ist sie falsch verstanden. Wachstum der Gemeinde heißt eben auch: Wir sind präsent für Menschen mit ihren Nöten. Ob wir mehr Mitglieder haben, ist erstmal sekundär. Unsere Verfassung ist sehr offen; sie lädt auch Nichtgetaufte und nicht Konfessionsgebundene ein, bei uns mitzutun. Die Frohe Botschaft soll ins Land gehen. Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde! Da verflüchtigt man sich als Salz sogar, wenn man wirksam wird. Das ist ein Umdenken von der Quantität zur Qualität.

Wir berichten von vielen guten Ideen in unserer Zeitung. Warum sehen das Gemeinden oft nicht?
Fuhrmann:
Genau! Wir dürfen nicht immer alles kleinreden und sagen: Ach, das war ja früher ganz anders und besser. Wir dürfen auch sagen: Hier ist uns tatsächlich was gelungen. Ich sehe viel Positives, was als selbstverständlich abgetan wird. Das ist ein ungeistlicher Umgang mit den Gaben, die wir haben.

Junkermann: Vor dem Gemeindekongress 2012 ermunterte ich Gemeinden, ihre Projekte in Halle vorzustellen. Da kamen Einwände: Ach, das ist doch viel zu unbedeutend. Dabei waren so tolle Sachen dabei, aber die Selbstwahrnehmung war anders. Deshalb setze ich sehr stark auf ein neues Visitationsverständnis. Dass nicht gesagt wird: Das müsst ihr noch machen, das fehlt euch, sondern dass vor allem das Vorhandene und seine Chancen gewürdigt werden.

Fuhrmann: Wann hatte Kirche so eine wunderbare Chance, einfach auch mal genötigt zu sein, ihre eigenen Wege und Strukturen zu erfinden? Die Botschaft müssen wir nicht erfinden. Die ist klar.

Junkermann: Es ist eine Stärke der EKM, ganz in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung zu stehen. Wir sind im Sinne Bonhoeffers Kirche für andere und mit anderen. Es geht nicht um Selbsterhalt, sondern darum, dass wir in Wort und Tat dort präsent sind, wo Menschen uns brauchen. Das bedeutet auch Zusammenarbeit mit Kommunen, Vereinen und Initiativen.

Was kann die Landeskirche zum Prozess beitragen?
Junkermann:
Wir hatten genau hierzu erste Gesprächsrunden in der Kirchenleitung. Wir wollen Erprobungsräume schaffen und unterstützen. Der Landeskirchenrat hat das Dezernat Gemeinde beauftragt, bis zum Herbst Vorschläge auszuarbeiten.

Fuhrmann: Erprobungsräume sollen ein Versuch werden, sich mal neben alteingefahrene Gleise zu stellen. Dazu werden wir auch Gesetze und Regelungen infrage stellen, die uns daran hindern. Wir sind sehr gespannt, wie die Reaktionen sind!

Norwegen: App für Konfirmanden

12. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie lernen gehörlose Konfirmanden das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote, Johannes 3,16 oder den Missionsbefehl? Natürlich in ihrer Muttersprache, der norwegischen Gebärdensprache, norsk teiknspråk (NTS). Die Gebärdensprache ist seit 2008 als eigenständige norwegische Minoritätssprache anerkannt. 25 000 benutzen diese täglich. Nur 5 000 von ihnen sind gehörlos oder schwerhörig, doch auch Eltern, Geschwister, Kinder sowie Lehrer oder Dolmetscher benutzten die Sprache. Sie hat damit mehr Benutzer als die drei in Norwegen verbreiteten samischen Sprachen zusammen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und  ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Etwa 80 Prozent davon sind Mitglied der norwegischen Volkskirche. Diese schließt auch einen eigenen landesweiten Kirchenkreis für die Gehörlosen ein. Diese nennen sich selbst stolz »Døve«, »Taube«. Ähnlich wie der reformierte Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands ist dieser Kirchenkreis des Bistums Oslo überregional und für das ganze Land von Alta bis Kristiansand und von Bergen bis Oslo zuständig. Die Mitglieder der Taubenkirche »Døvekirken« sind gleichzeitig Mitglieder der lokalen Gemeinden. Doch da das Mitgliedsregister der norwegischen Kirche ein solches System nicht hantieren kann, sind nur zehn Prozent der Tauben tatsächlich als Mitglieder der Taubenkirche registriert. Diese versucht ihren Mitgliedern, den registrierten und unregistrierten in acht eigenen Gemeinden sowie durch reisende Mitarbeiter im ganzen Land ein vollwertiges kirchliches Angebot anzubieten. Gottesdienste, Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen gehören dabei ebenso dazu wie kirchlicher Unterricht. Alles aber auf Gebärdensprache. Jedes Land hat dabei seine eigene Gebärdensprache, doch allen ist gemeinsam, dass sie keine eigene Schriftsprache haben. Lautsprachen haben mit der Stimme einen Artikulator, Gebärdensprachen hingegen haben mehrere gleichzeitig: die Hände, das Gesicht, die Augen, den Mund und den Oberkörper. Die Veränderung eines davon kann den Inhalt eines gebärdensprachlichen Ausdrucks vollkommen verändern. Deshalb ist bisher auch jeder Versuch einer eigenen Schriftsprache gescheitert. Die norwegische wie die deutsche Schriftsprache geben aber nur die jeweilige Lautsprache wider. Wie also sollen taube Konfirmanden ihr Vaterunser lernen? Für sie war die Antwort eindeutig: Mit einer App! Diese Herausforderung nahmen der Propst und seine Mitarbeiter ernst und nun ist eine App mit dem Namen »Konfirmanttekster« für Android Handys verfügbar. Bald soll auch eine Version für Iphones folgen. Die App ist übrigens über den im Play-Store auch in Deutschland kostenlos verfügbar.

Michael Hoffmann

Herr Pfarrerin, Frau Bischof …

3. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro und Kontra: Ausdruck von mehr Gerechtigkeit oder nur Genderwahn?

Foto: detailblick – fotolia.com

Foto: detailblick – fotolia.com

Sollen künftig die Verfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und anderen Gesetzestexten grundsätzlich »geschlechtergerecht« formuliert werden? Helfen andere Formulierungen zu mehr Gerechtigkeit? Die Kirchenzeitung befragte zwei Frauen mit unterschiedlicher Meinung.

Pro

Pro  Christa-MariaSchaller, Kirchenrätin und Gleichstellungsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Christa-MariaSchaller, Kirchenrätin und Gleichstellungsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Sprache ist ein Abbild der Wirklichkeit und verändert Wirklichkeit! Darum ist es hilfreich, eine geschlechtergerechte Sprache in allen Bereichen des Lebens, auch in Gesetzen und Verordnungen, einzusetzen.
Sprache schafft Beziehungen, Sprachlosigkeit zerstört Beziehungen. Wenn Frauen direkt benannt und angesprochen werden, haben sie gleichberechtigten Zugang zum Beziehungsgeflecht unserer Gesellschaft.
Unsere Sprache spiegelt Jahrtausende alte Traditionen wieder, in denen Frauen keine Rechte hatten und als Besitz des Mannes sprachlich und tatsächlich nur mitgemeint waren. Diese Wirklichkeit hat sich verändert. Das zeigt sich auch in der Sprache. Beispielsweise würde heute niemand mehr von der Kanzel herunter »liebe Brüder« sagen. Diese bereits vorhandene mündliche Sprachentwicklung sollte auch in der Schriftsprache sichtbar sein.

Sprache verändert Wirklichkeit. Gewaltfreie Kommunikation wird geübt, um Konflikte friedlich zu lösen. Auch im biblischen Kontext lesen wir von der verändernden Kraft des Wortes. Jesus lehrt die Menschen eine andere Sprache. Seine Aufforderung, Gott »Abba« (lieber Vater) zu nennen, war revolutionär. Sprachveränderung kann demzufolge auch Geschlechtergerechtigkeit stärken.

Beschlüsse implementieren eine sich verändernde Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hat sich in Deutschland sichtbar gewandelt. Die Vielfalt innerhalb eines Teams wurde als Chance zur Verbesserung der Arbeitsergebnisse erkannt. Geschlechtergerechte Sprache in Formularen, Beschlüssen oder einer Verfassung ist die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Schriftsprache, auch juristische Sprache, kann sich entwickeln! Momentan ist es für viele Menschen mühsam und manchmal auch grammatikalisch problematisch, wenn sie Schriftstücke lesen sollen, in denen Leserinnen und Leser oder Leser/innen oder gar Leser_innen steht. Das spricht sich zugegebenermaßen schwer. Außerdem stellt sich die Frage, ob die juristische Person, beispielsweise der Bischof, nicht etwas völlig anderes ist als die natürliche Person, zum Beispiel unserer Bischöfin. Aber auch die Sprache von Gesetzen und Verordnungen kann sich entwickeln. Das beweisen alle, die ihre Gesetze und Ordnungen bereits geschlechtergerecht umgeschrieben haben.

Geschlechtergerechte Sprache verändert Wirklichkeit. Studien zeigen, wie das generische Maskulin dazu führt, dass Frauen weniger zugetraut wird als Männern, dass sie sich weniger für »typische Männerberufe« interessieren und traditionelles Rollenverhalten in Beziehungen verfestigt wird, statt sich weiterzuentwickeln. Wenn Frauen sichtbar werden auch in der Sprache einer Verfassung, hilft das nachweisbar zur Chancengleichheit in Beruf und Gesellschaft.

Kontra

Silke Boß, Landwirtin  und ehrenamtliche Präses der Kreissynode Halle-Saalkreis

Silke Boß, Landwirtin und ehrenamtliche Präses der Kreissynode Halle-Saalkreis

So banal es klingt – Sprache dient zuerst der Verständigung. Der Autor muss sein Anliegen präzise benennen und der Leser muss verstehen können, was der Autor meint. Bei Rechtstexten kommt noch etwas anderes hinzu: Oft komplizierte Sachverhalte müssen so klar formuliert werden, dass damit gearbeitet werden kann und insbesondere in strittigen Fragen daraus belastbare Schlussfolgerungen gezogen werden können. Im Fall von Rechtstexten der Kirche ist zudem der Anwender häufig kein Jurist, sondern ein Ehrenamtlicher, zum Beispiel im Gemeindekirchenrat. Es gilt also, größtmögliche Klarheit und Eindeutigkeit mit ebenso größtmöglicher Lesbarkeit zu verbinden. Für mich ist leicht zu erkennen, dass diese Klarheit und Lesbarkeit durch die Formulierungen der geschlechtergerechten Sprache beeinträchtigt wird: Entweder stolpert man beim Lesen über Doppelbezeichnungen, Unwörter mit einem großen I in der Mitte, den Wechsel der Geschlechter von Satz zu Satz (wer ist eigentlich gemeint?) oder Wortschöpfungen aus dem Partizip, die das Subjekt des Handelns förmlich entpersonalisieren. Damit wird der Lesefluss unterbrochen und die Lust an der Beschäftigung mit dem Text gemindert. Von sprachlicher Schönheit, die ein Sachtext, ja sogar ein Rechtstext außerdem haben könnte, ist schon gar keine Rede mehr.

Dass es im Deutschen das »generische Maskulinum«, also laut Duden das »nicht spezifische, beide Geschlechter umfassende Maskulinum« gibt, ist offenbar in Vergessenheit geraten. Dabei bietet genau diese Form den Ausweg aus dem oben genannten Dilemma, weil sie die Konzentration auf den Inhalt einer Aussage erlaubt.

Nun geht es aber vermutlich nicht in erster Linie um Verständlichkeit oder gar Schönheit, sondern um Erziehung. Die These lautet offenbar, dass man die (auch von mir zugestandene und zuweilen beobachtete) Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft und wohl auch in der Kirche dadurch bekämpfen könnte, indem man alle Beteiligten ständig zwingt, sowohl an Männer als auch an Frauen zu denken.

Mir erscheint das nicht nachvollziehbar, zumal ich an mir selbst zwei Reaktionen auf solche Erziehungsversuche beobachte: Entweder widerspreche ich laut oder leise einer Haltung, die mir offen unterstellt, unfähig zum verantwortungsvollen Umgang mit meinen Mitmenschen jederlei Geschlechts zu sein. Oder ich füge mich der geäußerten Erwartung und bediene diese formal. Mit meinem Denken hat das dann nichts zu tun, es ist im Grunde fast eine
Missachtung des Anliegens. Wenn also die geschlechtergerechte Sprache, insbesondere in den Rechtstexten unserer Kirche, deren Akzeptanz verschlechtert und die Haltung der Leser nicht verändert – wozu soll man sie dann verwenden?

PS: Alle Personenbezeichnungen gelten selbstverständlich für Frauen und Männer gleichermaßen.

Die Kirche und der »Sprachpapst«

Der Journalist und Sprachexperte Wolf Schneider, der gern auch als »Sprachpapst« tituliert wird, hat die Sprache von Predigern und Bischöfen scharf kritisiert. Sie benutzten oft »akademische Imponiervokabeln«, die von maximal fünf Prozent der Bevölkerung verstanden würden, sagte Schneider kürzlich beim Christlichen Medienkongress in Schwäbisch Gmünd. Formulierungen von Kirchenleitern wie »Apostolizität«, »kybernetisch-missionarische Kompetenz« oder »situationsbezogene Flexibilität« seien Wörter, »vor denen es einer Sau graust«. Er frage sich, ob die Mehrheit der kirchlichen Würdenträger in ihrer Sprache so weit hinter dem Bibelübersetzer Martin Luther (1483–1546) zurückbleiben müsse.

Zugleich erneuerte Schneider seine Ablehnung einer geschlechtergerechten Sprache. Sie führe zu einer »lächerlichen Verumständlichung« von Texten und werde auch nicht konsequent umgesetzt. So sei weiterhin in Wörterbüchern vom Sündenbock, aber nicht von der »Sündenziege« die Rede.

Die übermäßige Verwendung englischer Wörter in den Texten und in der Werbung ist  zudem nach Schneiders Worten eine »Mode des Irrsinns«. Rund 60 Prozent der Deutschen beherrschten kein Englisch, an diesen Menschen schreibe man vorbei.
(GKZ/idea)

Widerstand in der frühen DDR

28. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln« wird in Gera von einem Theatergottesdienst begleitet

Es war ein Wikipedia Eintrag, auf den Bernhard Stengele aufmerksam wurde. Der Schauspieldirektor an der Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg stieß während der Information über seine neuen Wirkungsstätten auf einen Eintrag über Ereignisse zwischen 1948 und 1950 in Altenburg. Die Schüler der Oberstufe von der damaligen erweiterten Oberschule »Karl Marx« haben aus den schrecklichen Berichten über das untergegangene Naziregime gelernt. Sie wünschten sich einen neuen Staat ohne politische Diktatur und Gewalt. Die Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR war jedoch geprägt von zunehmender Stalinisierung. Angesichts der Grausamkeiten einer zu Ende gegangenen Diktatur und ermutigt durch literarische Vorlagen über Freiheit und Unabhängigkeit entschlossen sich die Schüler und Jugendlichen, Widerstand gegen die aufkeimende Totalisierung zu leisten. Sie verteilten Flugblätter und störten eine Radiosendung zum 70. Geburtstag Stalins mit einem selbst gebauten Radiosender. 1950 wurde die Gruppe durch die Staatssicherheit zerschlagen und vor ein sowjetisches Militärtribunal gestellt. Vier Schüler wurden in Moskau hingerichtet, die anderen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Bernhard Stengele wollte diese Geschichte künstlerisch auf die Theaterbühne bringen. »Wir haben die Autorin Mona Becker beauftragt, diesen Stoff zu einem Bühnenstück zu verarbeiten.«

Die Uraufführung des Schauspiels »Die im Dunkeln. Stück über Widerstand am Beispiel Altenburg« fand im März 2013 in Altenburg statt. In diesem Jahr kommt es in Gera auf die Bühne.

Bei der Entstehung und Umsetzung des Stückes konnten sich die Theaterleute auf die Aussagen zweier Zeitzeugen beziehen: Jörn-Ulrich Brödel und Gerhard Schmale haben die Verfolgung von damals überlebt. Die Inszenierung schildert die Ereignisse aus deren heutiger Sicht. Dr. Enrico Heitzer von der Gedenkstätte Sachsenhausen sorgte für die historische Genauigkeit. »Es gab zu allen Zeiten, so auch in der entstehenden DDR, mutige Menschen, die sich nicht davon abbringen ließen, ihre Meinung zu sagen. Diese Botschaft ist heute ebenso wichtig. Das Stück richtet sich daher auch durchaus an junge Leute, denn es waren ja Schüler, die aus Begeisterung für Redefreiheit und Meinungsfreiheit Widerstand leisteten. Heute gehört genauso viel Mut dazu, auf Missstände hinzuweisen und für die Wahrheit zu kämpfen«, fasst Bernhard Stegele die Kernaussage des Schauspiels zusammen.

Auch in Gera wird die Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln« mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Lesungen und einem Theatergottesdienst in der Salvatorkirche begleitet.

»Das Theater kam in diesem Fall direkt auf uns zu und das freut uns sehr, weil dies die Verbundenheit mit den städtischen Institutionen durch unsere regelmäßigen Kulturangebote in der Kirche deutlich macht«, betont Pfarrer Dr. Frank Hiddemann, der zugleich der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist.

Szene aus dem Schauspiel »Die im Dunkeln« am Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Foto: TPT/Stephan Walzl

Szene aus dem Schauspiel »Die im Dunkeln« am Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Foto: TPT/Stephan Walzl

Für den Theatergottesdienst hat Bernhard Stengele eine Szene mit zwei zum Tode verurteilten Schülern während ihrer Zugfahrt in der Todeszelle speziell für den Kirchenraum inszeniert. »Es ist beeindruckend, an welche literarischen Werke sich beide kurz vor ihrer Hinrichtung erinnern. Neben Ikarus und Worte des Horaz besonders an die Ballade »Pidder Lüng« von Detlev von Liliencron. Der Aufruf »Lieber tot als Sklave« aus dem Freiheitskampf der Friesen gegen die dänische Gewaltherrschaft sollte für die Verurteilten schreckliche Realität werden«, so Hiddemann. Die Form der Theatergottesdienste wird in St. Salvator schon mehrere Jahre angeboten. Während des ansonsten üblichen Ablaufs mit Liturgie und Kirchenliedern ersetzt eine Theaterszene die Lesungen und bildet den thematischen Bezug zur Predigt, die in diesem Gottesdienst Propst Diethard Kamm halten wird. Der Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar wurde im Jahr des Volksaufstandes 1953 geboren und hatte bereits als Schüler erste negative Berührung mit der Staatssicherheit. Als Jugendpfarrer in Gera mischte er sich bewusst in die »inneren Verhältnisse unseres Landes« ein und organisierte erste Friedensgebete in der Salvatorkirche. In seiner Predigt verweist Kamm auf Zitate aus Literatur und Bibel, die ihn bei seiner Arbeit als Jugendpfarrer besonders inspiriert und motiviert haben. Es sei ein großes Glück, einen Prediger mit einer solchen Biografie zu haben, erklärt Frank Hiddemann. Im Theatergottesdienst in Gera werden auch die beiden Zeitzeugen Brödel und Schmale anwesend sei.

Wolfgang Hesse

Begleitprogramm zur Premiere »Die im Dunklen« in Gera
24. Januar, 18 Uhr, Bühne am Park: »Widerstand im Theater – Kunst als Provokation«, Vortrag, Lesung, Podiumsdiskussion u. a. mit Bernhard Stegele, Enrico Heitzer und Stephan Krawcyk
26. Januar 9.30 Uhr, Salvatorkirche Gera: Theatergottesdienst
26. Januar, 11 Uhr, Bühne am Park: Matinee mit den Zeitzeugen Jörn-Ulrich Brödel und Gerhard Schmale, Dramaturgin Nora Wieczorek und Schauspieldirektor Bernhard Stengele
31. Januar 19.30 Uhr, Großes Haus der Bühnen der Stadt Gera: Premiere des Schauspiels »Die im Dunkeln«
Weitere Vorstellungen: 28. Februar und 15. März, jeweils 19.30 Uhr

Der Philemonbrief: Ein alter Mann bittet

4. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Philemonbrief ist in mancherlei Weise einzigartig. Er ist der kürzeste Brief des Paulus. Ganze 25 Verse. Und er ist der einzige Privatbrief im Neuen Testament. Vielleicht ist er aber gerade darum so ein ergreifendes Glaubenszeugnis.

Paulus ist alt geworden. Er ist in Gefangenschaft. Nun schreibt er einen Brief an seinen Freund Philemon, um sich für dessen entlaufenen Sklaven einzusetzen.

Was war geschehen? Philemon hatte einen Sklaven namens Onesimus (zu Deutsch: der Nützliche). Onesimus war seinem Herrn entlaufen und hatte Zuflucht gefunden bei Paulus. Paulus ist gefangen. Sicherlich handelt es sich hier um seine letzte Gefangenenzeit in Rom (V 10). Als Onesimus bei ihm ist, kommt der Sklave zum Glauben. Nun schickt Paulus ihn mit einem Empfehlungsschreiben zurück zu seinem Herrn Philemon.

Als entlaufener Sklave hätte Onesimus schwere Strafe zu erwarten. Paulus bittet, darauf zu verzichten. Sogar den wirtschaftlichen Schaden, der Philemon entstanden ist, will Paulus ersetzen (V 18-19).

Paulus bittet Philemon nicht, Onesimus freizulassen. Die Sklaverei als solche steht für Paulus nicht zur Debatte. Da ist Paulus ganz Kind seiner Zeit. Insofern ist der Philemonbrief kein sozialkritisches Schreiben. Sklaverei ist unmenschlich und abzulehnen, das ist keine Frage. Aber mit dem Philemonbrief kann man diese Haltung nicht begründen.

Michael Greßler

Michael Greßler

Natürlich weiß Paulus, dass »In Christus« alle Unterschiede aufgehoben sind: »Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus« (Galater 3,28). Doch das gilt für das geschwisterliche Miteinander in der Gemeinde und die Gleichheit aller vor Gott. Die weltliche Alltagspraxis sieht leider oft anders aus. Das muss auch Paulus zur Kenntnis nehmen.

Von Rechts wegen könnte Philemon seinen zurückgekehrten Sklaven behandeln wie zuvor. Und doch setzt sich Paulus für ihn ein. Als Apostel könnte er Befehle geben und Weisungen erteilen. Aber das tut er nicht. Es bleibt bei seiner Bitte. »Philemon, nimm Onesimus als Bruder auf und behandle ihn so. Es ist deine Entscheidung. Du kannst auf deinem Recht beharren. Oder du verwirklichst, was Christus uns geschenkt hat: Die brüderliche Liebe«. Der christliche Glaube kann weltliche Verhältnisse nicht immer so ändern, wie es gut wäre. Aber er kann immer dafür sorgen, dass die Stimme der Liebe nicht verstummt

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Im Visier der Neonazis

24. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Kirche und Gesellschaft: Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter, die sich aktiv dem Neonazi-Treiben entgegenstellen, brauchen Mut und Ausdauer

Neonazis und die damit verbundene Musikszene fühlen sich in Thüringen offenbar nach wie vor pudelwohl. Doch es gibt Menschen, die sich damit nicht abfinden wollen.

Es sind erschütternde Bilder, die die Medien in den vergangenen Tagen von der diesjährigen Hochwasser-Katastrophe zeigten. Auch die ostthüringische Stadt Gera war davon betroffen, und zwar so sehr, dass Stadtjugendpfarrer Michael Kleim spontan im Pfarrhaus Notunterkünfte zur Verfügung stellte.

Doch mindestens ebenso betroffen macht ihn und andere, dass seine Stadt seit 2003 Jahr für Jahr Veranstaltungsort für »Rock für Deutschland« (RfD) ist. Die Veranstaltung ist – typisch für die Szene – ein Mix aus NPD-Demagogie und Musik extrem rechter Bands und zieht bis zu 5000 Neonazis und ihre Sympathisanten an.

Jugendpfarrer Kleim organisierte Widerstand dagegen, und zwar nicht nur, weil die Neonazi-Treffen zunächst im Stadtpark und damit direkt vor seiner Haustür stattfanden: »Der menschenverachtende Hass dieser Leute ist einfach widerlich«, meint Kleim. Hinzu kommt: »White Youth« (Weiße Jugend), die Jugendorganisation des Neonazi-Netzwerkes »Blood & Honour« (Blut und Ehre), wurde in Gera gegründet. Ebenso der Neonazi-Versand »Aufruhr« mit zeitweilig 33000 Kunden (darunter auch aus bürgerlich-konservativen Kreisen) sowie die Rechtsrock-Labels »Ewiges Eis« und »Donnerschlag«. Und bis heute ist die Stadt Heimat für mehrere Neonazi-Bands, bei deren Konzerten Nachwuchs rekrutiert wird.

Bei der Zahl der Rechtsrock-Konzerte liegt Thüringen deutschlandweit an der Spitze. Zudem ist Rechtsrock »mittlerweile ein Millionengeschäft«, wie die Experten Christian Dornbusch und Jan Raabe schon 2006 in ihrer Broschüre »RechtsRock – Made in Thüringen« konstatierten.

Das martialische Auftreten mancher Neonazis ist nicht nur äußerlich: Wer sich ihrem Treiben dauerhaft entgegenstellt, riskiert unter Umständen durchaus ­etwas. Foto: picture alliance

Das martialische Auftreten mancher Neonazis ist nicht nur äußerlich: Wer sich ihrem Treiben dauerhaft entgegenstellt, riskiert unter Umständen durchaus ­etwas. Foto: picture alliance

Könnte es sein, dass der Geraer Jugendpfarrer mit seinem Engagement den Neonazis den potenziellen Nachwuchs abspenstig macht und den Umsatz verhagelt? Jedenfalls begann schon im Jahre 2000 für ihn ein Martyrium, das bis heute anhält: Auf NPD- und anderen Neonazi-Websites wird er angepöbelt; die »Kameradschaft Gera« veröffentlicht einen Steckbrief von ihm, der Polizeischutz für Gottesdienste und Jugendfreizeiten sowie die Warnung vor Briefbomben zur Folge hat. Er und seine Familie werden auf offener Straße beschimpft, erhalten Drohanrufe. Schaukästen und Plakate, die zum Friedensgebet während des RfD-Treffens aufrufen, werden systematisch beschädigt oder mit Hetz-Aufklebern versehen. 2011 verwüsten zwei extrem rechte Jugendliche den Vorraum des Gemeindehauses; kurz darauf wird das Jugendhaus »Shalom« mit Farbe und Nazisymbolen beschmiert. Als der Geraer Pfarrkonvent sich hinter Kleim stellt, wird auch dieser auf der Neonazi-Website »altermedia« angepöbelt.

Schließlich zeigt Kleims Superintendentin Gabriele Schaller den Betreiber von »altermedia«, Axel Möller, einen bereits vorbestraften Neonazi, an. Woraufhin auch sie im Internet wüst beschimpft wird. Besonders tut sich dabei der braune Jurist Frank Kretzschmar aus Leipzig hervor, der beleidigende E-Mails an alle Pfarrämter des Kirchenkreises Gera schickt. Als sich einige Pfarrer dagegen verwahren, diffamiert er sie bei »altermedia« unter dem Titel »Pfarrer Kleim, Kurzke, Hock und Hiddemann: Teufel im Christen-Gewand an der Geraer Antifa-Front« weiter. Und ein Internetnutzer kommentiert: »Wir hätten das Pfaffenpack vor 1500 Jahren auch ausnahmslos totschlagen sollen!«

Und »altermedia«-Betreiber Axel Möller? Sitzt bereits wegen Volksverhetzung eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren ab, zu der nun ein weiteres Jahr dazu kam. Opferberatungen kritisierten das Urteil allerdings als »zu milde«, da es die Bedeutung der Plattform »altermedia« für die Neonazi-Szene verkenne. Auch sei ein Zusammenhang zwischen der dortigen Hetze und Straftaten lokaler Neonazis nicht auszuschließen.

Michael Kleim ist jedoch kein Einzelfall: Wer sich Neonazis entgegenstellt, riskiert etwas. Das hat inzwischen auch die EKM-Kirchenleitung erkannt, zumal es kirchliche Mitarbeiter gibt, die allein durch ihre Hautfarbe zur Zielscheibe von Neonazi-Angriffen werden können. »Sie reagiert vorbildlich«, meint Kleim dazu. Und Bildungsdezernentin Martina Klein stellte kürzlich ein System der Krisenintervention in Aussicht, das Betroffenen schnell und gezielt helfen soll. Als Sofortmaßnahme empfiehlt sie bei entsprechenden Problemen die Kontaktaufnahme mit der von der EKM getragenen Opferberatung EZRA.

Am 6. Juli soll das nächste »Rock für Deutschland« stattfinden – kurz nach dem »Thüringentag der nationalen ­Jugend« am vergangenen Sonnabend in Kahla. Und nachdem auch der »Nationalsozialistische Untergrund« aus dieser Gegend stammte und weiter östlich Unterschlupf fand, sollten sich Politiker und Zivilgesellschaft von Ostthüringen und Westsachsen dringend überlegen, was ihre Region ­eigentlich seit Jahren zum Eldorado für Neonazis macht.

Rainer Borsdorf

Kontakt Opferberatung:
Telefon (03 62 02) 77 13-510


www.ezra.de


Ein Jahr im Pfarramt mit Lust und Frust

27. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Thema: Pfarrerinnen und Pfarrer im Entsendungsdienst treffen Strukturveränderungen mit besonderer Härte

Nach dem Vikariat werden junge Theologen von ihren Landeskirchen in eine Pfarrstelle entsendet. Dieser Entsendungsdienst dauert in der Regel 30 Monate. Die veränderten Verhältnisse vor Ort erfodern viel Liebe zum Beruf und jeden Menge Geduld.

Ob in der Landeskirche Anhalts, im Norden oder Süden der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) – die jungen Theologinnen und Theologen lieben ihren Beruf und engagieren sich in ihren Kirchengemeinden. Doch oft genug stoßen sie an ihre Grenzen. Die Strukturreformen der vergangenen Jahre fordern eine neue Arbeitsweise, die viele Menschen in den Kirchengemeinden nicht gewöhnt sind und schon gar nicht verinnerlicht haben. Wenn ein junger Pfarrer in Thüringen eine Pfarrstelle mit 13 Orten, drei Gemeindekirchenräten (GKR) und sechs Kirchen übernimmt, die zuvor mit zwei 75-Prozent-Stellen besetzt war, ist das eine gewaltige Aufgabe. »Die Gemeindeglieder sind da nicht begeistert«, sagt er. Und wie sich die Landeskirche das wünsche, viele selbstständige Ehrenamtliche, das erlebe er nicht. Natürlich gebe es überall engagierte Ehrenamtliche, »aber die stoßen irgendwann an ihre Grenzen«.

Die Entwicklung eines regionalen Denkens, schätzt der junge Pfarrer ein, daure mindestens noch zehn Jahre. Und es seien ja nicht nur drei GKR und die sechs Kirchengemeinden zu bedenken, sondern er müsse genauso zu vier Bürgermeistern Kontakt pflegen. Frau und Kinder, so der Familienvater, kommen viel zu kurz. »Ich wünsche mir das von meiner ­Kirche, was diese von der Gesellschaft verlangt: Familienfreundlichkeit.« Trotz allem ist von den Berufsanfängern zu hören, dass sie ihre ­Arbeit gern machen und ihren Beruf lieben. »Ich kann mir nichts anderes vorstellen«, sagt einer.

Der Umbau scheint besonders in Thüringen schwierig, ist aus der Diskussion während der Regionaltreffen der Pfarrerinnen und Pfarrer, die seit einem Jahr im Entsendungsdienst sind, herauszuhören. Nicht nur, weil der Pfarrer in vielen Thüringer Dörfern noch eine zentrale Figur ist, sondern auch, weil die Regionalisierung bisher noch nicht so vorangeschritten war. »Ich mache ganz viel mit Freude und versuche, neue Akzente zu setzten, aber der Gemeinde ist ihre traditionelle Arbeit wichtig.« So sieht es auch die junge Pfarrerin, die – wie sie es ausdrückt – ein Mischmodell ausprobiert, das sowohl der verstärkten Zentralisierung, aber auch der Tradi­tionspflege gerecht wird. Ein Spagat, wie ihn viele leisten müssen.

Das Privatleben der Theologen, die Pflege von Freundschaften schätzt Pfarrer Thomas Zaake schwierig ein. Er ist einer der Moderatoren für Pfarrer in den ersten Dienstjahren. »Wir müssen kollegiale Strukturen schaffen, damit ein Pfarrer auch mal ein Wochenende frei haben kann.« Und wenn es gelänge, Sonnabende von Beerdigungen und Taufen freizuhalten, sei das sehr erleichternd. Denn an den Sonnabenden sind Konfirmandentreffen, Hochzeiten, Vorbereitung auf den Gottesdienst – und hoffentlich auch mal Zeit für die Familie.

Foto: Photo-K – Fotolia

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Die Regionalgruppe um den Schönebecker Pfarrer Johannes Beyer klagt ebenso über wenig Zeit für die Familie. Aber eins scheint im Norden der EKM leichter. In der Altmark zum Beispiel sei man schon über Jahrzehnte große Pfarrbereiche gewöhnt. »Es geht mir sehr gut in meinem Pfarrbereich«, bestätigt eine der Pfarrerinnen. »Die Stelle war drei Jahre vakant. Nun sind die Leute froh, dass wieder jemand da ist.« In der Vakanzzeit habe der GKR viel selbst organisiert und ­gestaltet, was er nun auch weiterhin tut. Trotzdem schätzt sie ein, dass das theologische Arbeiten viel zu kurz kommt. Für eine gründliche Exegese zur Predigtvorbereitung fehlt auch ihren Kollegen die Zeit. Ihre Pfarrstelle mit vier Dörfern, die knapp 1300 Gemeindeglieder zählt, soll zudem mit Ablauf ihrer Entsendungszeit erweitert werden. »Sechs zusätzliche Dörfer sind im Gespräch«, sagt sie. Dabei würde die Gemeinde kaum schrumpfen. Deshalb hofft sie mit ihrer Gemeinde, dass nicht alle Dörfer zum Kirchengemeindeverband hinzugeschlagen werden. Denn eigentlich habe sie Lust, auch nach dem Entsendungsdienst dort zu bleiben.

Fast paradiesische Verhältnisse hat der Pfarrer aus Bernburg in Anhalt. Er absolviert seine Entsendungszeit auf einer Stelle, die er mit einem erfahrenen Pfarrer teilt. 750 Gemeindeglieder gehören dazu. Der ältere Pfarrer ist noch Sonderseelsorger und der junge hat Reli­gionsunterricht in einer Förder- und einer Grundschule. Anfangs befürchtete er, dass ihn die Gemeinde nicht akzeptieren würde. Doch das bestätigte sich nicht. »So konnte ich erst einmal gucken, wie es so läuft«, bekennt er. »Das erste Jahr nur gucken, das konnte ich mir nicht leisten«, wirft eine junge Frau ein. Sie hatte gleich »volles Programm« und neue Strukturen in ihren Kirchspielen.

Drei Kritikpunkte schälen sich heraus: Die Gemeinden brauchen Zeit, um mit den neuen Gegebenheiten ­zurechtzukommen. Dann die erwähnte mangelnde Familienfreundlichkeit und die Residenzpflicht. »Die muss abgeschafft werden«, ist die einhellige Meinung. Weil zum Beispiel eine 150-Quadratmeter-Wohnung ungeeignet für Alleinstehende ist.

Im Landeskirchenamt Erfurt werden die Probleme sehr wohl gesehen. »Unser Augenmerk muss auf Fami­lienfreundlichkeit gerichtet sein«, sagt Michael Lehmann, Personaldezernent der EKM. »Da geht es um den Arbeitsplatz des Partners, um die schulische Bildung für Kinder, es geht um Pflegebedürftigkeit der Eltern. Solchen Fragen müssen wir uns stellen.« Die jungen Theologen jedenfalls wünschen sich Flexibilität seitens ihres Arbeitgebers. Damit sie ihre Freude am Amt und ihre Visionen für die Zukunft nicht verlieren, ist zwischen Landeskirchen, Amtsträgern und den Kirchengemeinden viel zu bereden.

Dietlind Steinhöfel

»Wir müssen vom Rückbau zum Umbau«

18. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Interview: Damit Mitarbeiter nicht im Hamsterrad enden – im Gespräch mit EKM-Personaldezernent Michael Lehmann

Seit dem 1. August ist Michael Lehmann Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Über seine Erfahrungen in diesem halben Jahr sprach Dietlind Steinhöfel mit dem Oberkirchenrat.

Herr Oberkirchenrat Lehmann, zu Ihrer Einführung beschrieb Sie der Stendaler Superintendent Michael Kleemann als einen, der weiß, »wo uns die Dinge auf den Nägeln brennen«. Wo brennen sie?
Lehmann:
Also zunächst: Das Wissen um die Praxis altert. Ich gebe mir jedoch große Mühe, dieses Wissen nicht altern zu lassen: Ich mache zurzeit sehr viele Besuche, bin in der ganzen Landeskirche unterwegs. Ich brauche den Kontakt zur Praxis, um zu handeln und um Perspektiven zu entwickeln. Die Spezialisten sitzen ja vor Ort! Niemand ist kompetenter, über die Probleme der Pfarrer nachzudenken als die Pfarrerinnen und Pfarrer selbst. Weiter ist mir die Pfarrvertretung ein wichtiger Gesprächspartner geworden. Wir haben festgestellt, dass wir miteinander die gleichen Problemhorizonte haben – im Blick auf das Gemeindebild, auf das Pfarrerbild, auch auf die Überforderungen. Und nicht zuletzt bin ich aufs Dorf ­gezogen, um eine Anbindung an die »normale« Gemeindesituation zu behalten.

Plädiert für einen Wandel im ­Pfarrerbild: Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: EKM

Plädiert für einen Wandel im ­Pfarrerbild: Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: EKM

Wo genau nun liegen die Probleme?
Lehmann:
Die Landesbischöfin hat in ihrem Bischofsbericht zur Frühjahrssynode 2012 darauf aufmerksam gemacht, dass die Grenzen des Rückbaus erreicht sind und wir über einen Umbau nachdenken müssen. Das deckt sich mit meiner Erfahrung, dass wir nach erheblichen Umstruktu­rierungen an vielen Orten Pfarrbe­reiche von einer Größe haben, die auf herkömmliche Weise nicht mehr zu bewältigen sind. Deshalb ist die Frage, wie das Pfarrerbild aussehen muss. Also: Welche Erwartungen ­können die Pfarrerinnen und Pfarrer an sich selbst haben, welche die Kirchenkreise, und welche Erwartungen dürfen die Gemeinden an ihre Seelsorger haben? Wie bringt man diese Erwartungen so miteinander ins Gespräch, damit fröhlich und gedeihlich Gemeindeleben stattfinden kann?
Wir haben sogenannte Vielkirchenpfarrstellen in der Altmark – dort stammt das Wort von den Vielkirchenpfarrstellen her, da kommen schon mal 28 Orte zusammen. Auch in der Region nördliches Zeitz gibt es sie, ebenso in Ostthüringen.

Die »Vielkirchenpfarrstellen« betreffen ja nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer.
Lehmann:
Das Wort vom Rückbau zum Umbau gilt natürlich für alle Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst, das heißt auch für die gemeindepädagogischen und kirchenmusikalischen Berufe. Wir müssen wahrnehmen, dass es hier verschiedene Professionen im Verkündigungsdienst gibt, die sich gegenseitig ergänzen und bereichern. Daraus folgt im positiven Sinne auch wieder eine Profilbildung des Pfarrberufs. Und wir werden die großen Pfarrbereiche und die vielen kleinen Gemeinden – wir sind ja eine ländlich geprägte Landeskirche – nicht anders als in Kooperation der verschiedenen Dienste bewältigen können. Wenn zwei Pfarrer intensiv miteinander zusammenarbeiten, können sie sich gegenseitig stützen. Auch gabenorientiertes Arbeiten entlastet. Warum soll man nicht bestimmte Aufgaben regional denken? Wir tun das in der Konfirmandenarbeit, in der Kinder- und Jugendarbeit ohnehin, auch in der kirchenmusikalischen Arbeit. Der regionale Gedanke ist sehr ausbaufähig.

Aber auch nicht immer spannungsfrei …
Lehmann:
Ich merke, dass es in diesem kollektiven Aushandeln der Erwartungen zwischen Kirchenkreis, Kirchengemeinde und Pfarrern selbst zu einer gewissen Nervosität kommt, weil alle Seiten wissen, dass die Erwartungen, die sie haben, überschießend sind gegenüber dem, was angeboten werden kann. Das kann nur über eine gute, zielführende Kommunikation gelöst werden. Und dafür brauchen wir Strukturen. An einer sind wir jetzt dran und erarbeiten gerade eine Musterdienstordnung.

Was beinhaltet eine Musterdienstordnung?
Lehmann:
Sie beschreibt die Inhalte des Pfarrdienstes und quantifiziert sie auch. Also wie viel Zeit ist nötig, um einen Gottesdienst vorzubereiten, wie viel Zeit pro Woche für Besuche, Verwaltung. Wir nehmen auch die Fahrzeiten auf, die in großen Pfarrbereichen anfallen. Es muss klar definiert werden, wo die Grenzen des Dienstes liegen. Kirchenkreis, Kirchengemeinde und Pfarrer sollen ein realistisches Bild bekommen, was möglich ist. Das schützt vor Fremd- und Selbstüberforderung.

Lässt nicht die Verwaltungsarbeit in großen Regionen die pfarrdienst­lichen Aufgaben wie die Seelsorge zu kurz kommen?
Lehmann:
Es ist Teil eines notwendigen Wandels des Pfarrerbildes, dass Gemeindeleitung nicht die Aufgabe eines Pfarrers ist, sondern des Gemeindekirchenrates. Hier sind viele Begabungen, die gewonnen und auch entdeckt werden müssen. Zudem werden Aufgaben wegfallen oder kleiner werden: Wir haben nach 1990 viele Kirchen restauriert, Pfarrhäuser ausgebaut, da vie­le Fördermittel zur Verfügung standen. Das hat viel Kraft und Zeit gekostet. Es war gut, dass in dieser Zeit auch Pfarrer in die Bauverantwortung hineingegangen sind. Aber es scheint, als dürfe und müsse nun wieder umgesteuert werden. Die wichtigste Frage wird nicht mehr sein, wie erhalten wir unsere kirchlichen Gebäude, sondern wie ­füllen wir diese Gebäude mit Leben. Das führt direkt in den Kernbereich pastoraler Kompetenzen zurück.

Gibt es eine Pfarrerflucht nach der EKM-Bildung?
Lehmann:
Nein. Aber wir wissen, dass andere Landeskirchen langsam ihre Pforten öffnen für Theologen auch aus unserer Kirche. Wir stellen uns deshalb die Frage: Was macht die Pfarrstellen in der EKM attraktiv? Zum Beispiel, dass wir die schönsten Kirchen weit und breit haben. Wir ­haben einen Schatz – von Domen bis zu romanischen Dorfkirchen! Wir ­haben in Thüringen dieses unglaublich dichte Netz von barocken Kirchen, die nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden sind. Die allesamt schön sind. Und wir haben viele aktive Gemeindekirchenräte, die das Leben der Gemeinden selbst in die Hand nehmen, die imstande sind, ihre Erwartungen klar zu formulieren, und die für ihre Gemeinden kämpfen. Drittens haben wir eine konsequent dezentrale Struktur. Bei uns sind die Kirchenkreise in erheblicher Personalverantwortung. Dadurch sind die Entscheidungen sehr ortsnah und ortsbezogen.

Es ist also alles in Ordnung?
Lehmann:
Natürlich gibt es Verbes­serungsbedarf. Ich habe vorhin von der notwendigen Kommunikation gesprochen. Das regelmäßige Gespräch zwischen den Leitungsverantwort­lichen und den Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern ist unglaublich wichtig.

Es gibt landeskirchliche und übergemeindliche Stellen, die an der Basis kritisch gesehen werden.
Lehmann:
Durch das neue Finanzgesetz haben wir einen verlässlichen Rahmen, dass die Kirchenkreise die Stellen im Verkündigungsdienst nach ihren eigenen Kriterien besetzen können. Es ist klar, dass die finanziellen Potenziale unserer Landeskirche zuerst in den Verkündigungsdienst vor Ort gehen. Darüber hinaus halten wir ein sehr kleines Kontingent an von der Landeskirche verantworteten Stellen vor, die aus verschiedenen Gründen wichtig sind. Ein Beispiel ist, dass wir in Konfliktsituationen kurzfristig Handlungsmöglichkeiten brauchen. Zudem können Pfarrer durch solch eine Stelle für eine begrenzte Zeit gezielt gefördert werden, zum Beispiel um jemandem eine wissenschaftliche Arbeit zu ermöglichen. Aber wir lernen auch, dass gemeindenahe Pfarrstellen unbedingt Vorrang haben, und wir müssen sehr genau schauen, dass die übergemeindlichen Stellen gering gehalten werden.