Ein Zeichen für alle

15. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sich bekreuzigen: Warum ein katholischer Lehrer evangelische Christen für einen alten Ritus gewinnen will

Ein Thüringer Katholik will ein sichtbares Zeichen für die Ökumene setzen – das Kreuzzeichen. Ginge es nach Klaus Töpfer, bekreuzigten sich schon bald auch die Protestanten nach dem Gottesdienst und überließen die Geste nicht nur dem Mann oder der Frau vor dem Altar. Mit vielen Christen spricht der 73-Jährige in den letzten Monaten darüber, mit hochstudierten Professoren, mit Amtsträgern und Laien. Auch die Bischöfe in Magdeburg und Erfurt versucht er, für seine Idee zu gewinnen.

Seine Argumentation klingt schlüssig. Der Glaube an den einen Gott sollte wichtiger sein als die über Jahrhunderte gepflegte Betonung alles Trennenden zwischen den Konfessionen. In seinem Heimatdorf, Salomonsborn vor den Toren Erfurts, könne man sich das auch gar nicht mehr leisten.

Katholiken und Protestanten feierten hier zusammen Gottesdienst; mal seien die einen, mal die anderen in der Mehrheit. Immer – außer zu Weihnachten – blieben dennoch viele Kirchenbänke frei. Im Ort selbst seien die Christen eh in der Minderheit, so Klaus Töpfer. Mehr noch, beschwört der pensionierte Lehrer die gemeinsame Stärke, keine der beiden Konfessionen allein hätte die Sanierung der inzwischen so schmucken Dorfkirche allein stemmen können. Nur eine Seite hätte auch nicht die stolze Summe von 84 000 Euro zusammengebracht. So viel Geld ging nach seinen Angaben in den letzten Jahren in Form von Spenden und Zuwendungen beim Förderverein von St. Dionysius ein. Nein, es ist nur noch zusammen zu schaffen; sprich: ökumenisch. Also schreibt er freundliche Briefe an die beiden Bischöfe. Und bekommt freundliche Antworten.

Das Kreuzzeichen sei ein Gestus, den auch Martin Luther praktiziert und empfohlen hat, schreibt Anfang Juli Ilse Junkermann an den gebürtigen Eichsfelder. Das Zeichen zeige »die Verbundenheit mit Christus und ist deshalb immer auch eine Tauferinnerung«, so die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Wenn es die Protestanten heute nicht praktizierten, sei das keine »Herabsetzung« mehr, sondern ein »Vergessenhaben«. Allerdings, schränkt sie ein, spielten für ihre Konfession Gebetshaltungen und Gesten generell eine sehr untergeordnete Rolle. Und dennoch – gerade von den Jüngeren werde das Kreuzzeichen inzwischen wieder entdeckt und immer häufiger angewandt.

Also gibt die Landesbischöfin grünes Licht? Nicht ganz. Da das Kreuzzeichen ein sehr persönlicher Gestus sei, könne dieser »nicht einfach für die eigene Frömmigkeitspraxis verordnet werden«. Eine starke Verankerung sei nur »über Vorbild, Nachahmung und Einübung« möglich, endet ihr Antwortschreiben an Klaus Töpfer ein wenig im vagen Unverbindlichen.

Auch ihr Amtsbruder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster. Er bitte um Verständnis, dass er als katholischer Bischof nicht in die Gottesdienstagenda evangelischer Pfarrer eingreifen möchte, heißt es im Brief von Ulrich Neymeyr ein paar Wochen später. Es wäre für Klaus Töpfer als ökumenisch engagierten katholischen Christen »wesentlich leichter«, diesen Vorschlag zu machen. Es könne nicht seine – des Bischofs des Bistums Erfurt – Aufgabe sein, evangelische Christen darüber zu belehren, »dass sie beim katholischen Segen das Kreuzzeichen mitmachen können, ohne dabei ihre evangelische Identität zu verraten«.

Klaus Töpfer lässt sich davon nicht entmutigen. In Ricklef Münnich findet er den richtigen Partner. Dann ist es so weit. In der kleinen Kirche zu Salomonsborn lädt der evangelische Pfarrer zum Ende des ökumenischen Gottesdienstes die Protestanten dazu ein, es den Katholiken gleichzutun und ein Kreuz zu schlagen. Trotz Anleitung und Erklärung trauen sich aber noch nicht alle an das ungewohnte Ritual heran.

Jegliches hat seine Zeit. Auch das Kreuzzeichen. Ob in Erfurt, wie vor über 500 Jahren schon einmal, wieder Weltgeschichte beginnen kann? Klaus Töpfer schmunzelt. Als Martin Luther am 17. Juli 1505 an die Pforte des Augustinerklosters klopft, will er nur ein Mönch unter vielen sein. Historische Bedeutung bekommt dieser Moment erst Jahre später …

Dirk Löhr (epd)

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Die Netz-Gemeinde

9. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Virtuelle Kapelle: Die Digitalisierung schreitet auch in der Kirche voran. Mit einem bundesweit einmaligen Projekt startet demnächst die EKM. Initiator ist Karsten Kopjar. Mit dem Experten für Digitales und Verkündigung sprach Willi Wild.

Was muss ich mir unter einer Online-Kirche vorstellen?
Kopjar:
Also, wir wollen keine neue Kirche gründen, sondern wir wollen eigentlich in der Kirche die Diskrepanz zwischen Online- und Offline-Leben aufheben.

Klingt modern, verstehe ich aber nicht.
Kopjar:
Bei Kirche denken viele Leute an Folgendes: Sonntagmorgen um 10 Uhr gehe ich in ein Steingebäude, setze mich auf eine Bank, höre irgendjemandem zu, bin in gewisser Weise beteiligt, gehe nach einer Stunde wieder nach Hause und lebe meinen Alltag. Das ist so ein typisches Offline-Kirche-Leben. Und das ist auch gut. Das wollen wir gar nicht aufheben.

Foto: wabeno – stock.adobe.com; Screenshots: G+H

Foto: wabeno – stock.adobe.com; Screenshots: G+H

Aber daneben merken wir in den letzten 10 bis 20 Jahren, dass immer mehr Leute online kommunizieren. Das heißt: Ich schreibe E-Mails, ich bin im Internet unterwegs, ich nutze Smartphones und ähnliches. Und kommuniziere da mit echten Menschen. Das heißt, ich schreibe Nachrichten an andere Menschen über ein Online-Medium. In dieser Welt kommt Kirche überhaupt nicht vor. Die Diskrepanz wollen wir aufheben und neben dem klassischen Gottesdienst die Online-Kirche etablieren.

Wie soll die virtuelle Seelsorge denn praktisch aussehen?
Kopjar:
Wir wollen keine Konkurrenz zum Sonntagsgottesdienst sein. Das fängt schon bei den Anfangszeiten an. Wenn jemand als Einsteiger Fragen zum christlichen Glauben hat, dann könnten wir uns beispielsweise dienstagabends regelmäßig verabreden und ein Programm anbieten, bei dem wir mit interessierten Menschen ins Gespräch kommen. Oder aber eine regelmäßige Mittagsandacht. Das Kloster Volkenroda hat bereits Interesse signalisiert, hier mit der Online-Kirche zu kooperieren.

Sind Kasualien, kirchliche Amtshandlungen, online möglich?
Kopjar:
Ich glaube nicht, dass eine Trauung im Internet tatsächlich sinnvoll ist. Auch Taufen und Beerdigungen haben wir erstmal nicht vor. Dafür ist die physische Welt tatsächlich prädestiniert. Aber bei großen Beerdigungen werden heute schon Übertragungen in andere Räume angeboten, um mehr Menschen zu erreichen. Das funktioniert über das Internet ganz gut. Die Oma, die nicht zur Hochzeit kommen kann, sitzt in Mexiko und kriegt den Livestream der Trauung. Damit ist sie quasi dabei und kann sich mit dem Paar freuen.

Im Umkehrschluss könnte man dann auch sagen: Da brauche ich nicht mehr in den Gottesdienst gehen, wenn ich ihn frei Haus auf den Monitor bekomme?
Kopjar:
Der Gottesdienstbesucher wird nach wie vor in die Kirche gehen. Aber es gibt Leute, die im Schichtdienst arbeiten oder Berufspendler, die wollen wir mit dem Angebot ansprechen. Wir versuchen, sie zu motivieren, wieder mit Kirche in Kontakt zu kommen. Der Online-Kirchenbesucher kommt vielleicht irgendwann auch in eine richtige Kirche.

Wie wollen Sie virtuell ein Gemeindeleben oder eine kirchliche Gemeinschaft organisieren?
Kopjar:
Wenn ich mit Menschen auf Facebook diskutiere, ist es schon häufiger passiert, dass aus einem einfachen Textgespräch eine geistliche Ebene entstanden ist. Da passiert plötzlich Seelsorge, da kommen Lebensthemen zur Sprache. Ja, da habe ich durchaus das Gefühl, Gott ist als unsichtbarer Dritter gegenwärtig. Gerade diese Verbindung, dass Menschen mit Gott im Austausch sind, und dass ein Gespräch mehr als eine oberflächliche Unterhaltung wird, das passiert, wo Menschen offen sind und sich auf diese Kommunikations­ebene einlassen.

In der Anonymität des Internets gedeihen Hass, Lügen und Falschmeldungen. Ist das der richtige Platz für Seelsorge?
Kopjar:
Das Internet emotionalisiert auf jeden Fall. Das ist gut und schlecht zugleich. Auf der einen Seite erlebe ich, dass junge Leute, die sich im Jugendkreis nie öffnen würden, auf einer Online-Plattform viel offener über ihren Glauben reden. Also da hat das Internet positive Verstärkereffekte. Auf der anderen Seite muss man natürlich damit leben, dass Menschen, die negative Gedanken haben, diese online sehr viel deutlicher und krasser äußern.

Dann ist aber nicht das Internet der Ort, wo die Gedanken entstehen, sondern sie sind bereits vorhanden. Ich sehe darin eine seelsorgerische Chance, dass Menschen die Zeitbombe, die im Kopf tickt, endlich mal rauslassen können. Klar, wo Grenzen, wo Gesetze überschritten werden, da muss man einschreiten. Auf anderen Ebenen reicht vielleicht das persönliche Gespräch, um Menschen Liebe und Annahme, die sie brauchen, zukommen zu lassen.

Wie sieht es mit Datenschutz, Seelsorge- und Beichtgeheimnis aus?
Kopjar:
Bei der Telefonseelsorge werden schon seit längerer Zeit gesicherte Kanäle für Online-Chats und E-Mail-Seelsorge angeboten. Wir wollen mit der Online-Kirche Datensicherheit gewährleisten und Systeme aufbauen, die sicher sind. Vollständige Sicherheit gibt es aber nicht. Das Internet ist wie ein Marktplatz. Wenn nun ein Seelsorger über den Marktplatz geht und angesprochen wird: Herr Pfarrer, ich brauche jetzt Ihren Rat, ich brauche jetzt Seelsorge, dann wird der Pfarrer wahrscheinlich sagen: Lassen Sie uns doch ins Pfarrhaus gehen. Wenn der Mensch aber sagt: Nein, ich brauch es hier und jetzt, wird der Pfarrer sehr wahrscheinlich sagen: Okay! Ist nicht optimal, aber wir machen das Beste draus und ich höre Ihnen zu. Genauso passiert es auch im Internet.

Gibt es auch eine feste Gemeinschaft, die die Internet-Kirche tragen wird?
Kopjar:
Natürlich braucht die Online-Kirche eine kommunitäre Gemeinschaft, Menschen, die intensiv und sichtbar ihren Glauben leben. Ähnlich wie im Kloster könnte es eine Kern-Gemeinschaft geben, die nicht an einem Ort, aber verbindlich für, in und mit der Internet-Gemeinde lebt. Wer sich dafür interessiert, kann sich jetzt schon bewerben.

Sind die klassischen Elemente eines Gottesdienstes auch online verfügbar?
Kopjar:
Jeder Gottesdienstbesucher der Online-Kirche kann sich die Elemente selber zusammenstellen. Musik, Predigt, Gebet, Segen, Andacht oder Austausch und Seelsorge. Die Nutzer werden in dem großen Potpourri jeweils das finden, was sie im Moment brauchen.

Einen wichtigen Punkt haben Sie noch vergessen: die Kollekte.
Kopjar:
Natürlich kostet die Online-Kirche auch Geld. Wir haben eine Startführung über die Erprobungsräume, aber darüber hinaus sind wir angewiesen auf Spenden und Sponsoren, Menschen, die uns unterstützen mit einmaligen und regelmäßigen Zahlungen. Die Angebote der Online-Kirche sind natürlich kostenfrei. Wir geben Gutes und wenn jemand für das Gute, das er bekommen hat, etwas zurückgeben möchte, ist das gerne möglich.
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Wann soll es losgehen?
Kopjar:
Wir haben die Förderung der Erprobungsräume jetzt zugesagt bekommen. Wir wollen ab dem neuen Jahr Menschen einstellen, die die Idee vertiefen können. Wir haben allerdings jetzt für die Vorweihnachtszeit auch schon Aktionen, bei denen Menschen mit der Online-Kirche in Kontakt kommen können.

Kann man Mitglied der Online-Kirche werden?
Kopjar:
Prinzipiell ist die Online-Kirche für jeden da. Genauso wie man auch sonntags ohne Mitgliedsausweis in den Gottesdienst gehen darf, ist hier jeder Besucher willkommen.

Die Idee klingt sehr interessant und ein bisschen verrückt. Gibt es Vorbilder?
Kopjar:
Ja. Es gibt Online-Kirchen in den USA oder in Schottland. Unsere amerikanische Partnerkirche UCC hat da ein relativ großes Projekt auf den Weg gebracht. Die Erfahrungen sind positiv. Die virtuelle Erweiterung einer Kirchengemeinde kann gerade in ländlichen Gebieten das geistliche Leben ergänzen, sodass Menschen in entlegenen Gebieten am kirchlichen Leben teilnehmen können.

onlinekirche.ekmd.de

Social-Media-Koordinator der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist Karsten Kopjar. Er ist für die Entwicklung und Betreuung der Kommunikationskanäle der sozialen Medien verantwortlich. Außerdem bietet er Schulungen und Beratung von Kirchenkreisen und Gemeinden an – mit dem Ziel: »Online Gemeinde bauen«. Er hat Evangelische Theologie, Medienwissenschaft und Informatik an der Philipps-Universität Marburg studiert und in Praktischer Theologie über »Kommunikation des Evangeliums für die Web 2.0 Generation – Virtuelle Realität als Reale Virtualität« promoviert.


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Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

6. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Wir müssen raus in die normale Welt

24. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Reformationssommer in Mitteldeutschland: Über enttäuschte Erwartungen, Christsein in einer konfessionsfreien Welt, die Lust am Streit und das schwierige Gefühl der Heimat sprach Propst Johann Schneider, Regionalbischof von Halle-Wittenberg, mit Katja Schmidtke.Sommerlogo GuH

Wir treffen uns nicht in Halle, wo Ihr Büro ist, sondern in Wittenberg, wo in diesem Jahr die Musik spielt. Sie spielt ziemlich laut, aber vor weniger Publikum als erwartet.
Schneider:
Auf den ersten Blick stimmt das, aber wir müssen genau hinsehen. Die Gottesdienste in der Stadtkirche und in der Schlosskirche sind sehr gut besucht. Die Herausforderung, die ich sehe: Die Gruppen, die die Stadt besuchen, haben in der Regel ihr eigenes Programm und für zusätzliche Aktivitäten kaum Zeit. Einige Veranstaltungen sind gut besucht, einige werden kaum wahrgenommen.

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Wir werden mit den enttäuschten Erwartungen klarkommen müssen, gerade bei Menschen, die von weither kommen, sich ehrenamtlich beteiligen oder ihren Urlaub einbringen. Da bleibt eine Spannung. Ein gutes Beispiel: Ich war auf einer nicht gut besuchten Veranstaltung, der Wind wehte, und eine Teilnehmerin schlug vor, nach drinnen zu gehen. Das ist eine typische Reaktion in der Kirche.

Wie meinen Sie das?
Schneider:
Wir ziehen uns in geschützte Räume zurück. Natürlich verlieren sich 15 Menschen auf einer Bühne mit 250 Plätzen. Aber all diese Formate auf der Weltausstellung sind doch eine gute Übung. Wir müssen als Kirche raus aus den Kirchenräumen auf die Marktplätze. Das ist auch die Quintessenz der Kirchentage auf dem Weg – bei aller Kritik. Dieses Hinausgehen in die normale Welt ist die zentrale Handlung.

Hinaus in die normale Welt – wir und die anderen? Woher kommt diese Trennung?
Schneider:
Was ich in fünf Jahren als Propst gelernt habe: Die konfessionslose Kultur bestimmt das Denken und tabuisiert subtil den Glauben. Glauben spielt einfach keine Rolle, er ist vollkommen irrelevant. Menschen verhalten sich wie religiöse Analphabeten. Wer glaubt, zieht sich in die Kirche zurück, weil er dort Menschen trifft, die ähnlich denken. Es erfordert einen Kraftakt, hinauszugehen.

So wie in Tröglitz: Nach dem Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft bat mich ein Gemeindekirchenrat, zum Friedensgebet zu kommen, die Stimmung war wie gelähmt. Ich legte den Bibelvers aus, dass Gott uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, Zuversicht, Hoffnung gegeben hat und wollte den Gottesdienst mit einem Vaterunser, einer Segensbitte vor dem ausgebrannten Haus abschließen. Das war ganz schwer durchzusetzen. »Was sollen wir da machen?«, lautete die Gegenfrage. Einfach gehen, sich als Christ zeigen, singen und beten. Wir taten es und die Leute aus der Schrebergartensiedlung gegenüber standen am Zaun und guckten uns zu. Eine typische Situation.

Es ist ungewöhnlich, wenn Christen öffentlich zusammenkommen?
Schneider:
Es ist in dieser konfessionsfreien Welt seltsam, sich öffentlich zu treffen und etwas gemeinsam zu tun. Nach 1990 haben wir einen Schub von Individualisierung und Vereinzelung erlebt, in Ost wie West, sodass Gemeinschaftliches erst einmal verdächtig ist. Aber wir wollen die Botschaft, an die wir glauben, teilen. Und das gelingt aus meiner Sicht nur, wenn Menschen sich begegnen.

Als Regionalbischof begegnen Sie den Menschen. Wir haben das Gefühl, gerade bei heißen Themen klaffen die Meinungen zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung auseinander.
Schneider:
Ich denke an den Trägerverein des Schlosses Mansfeld, der in die Kritik geraten war. Der Verein hatte der Stadt die Vermietung eines Raumes im Schloss, das die Stadt Mansfeld als Standesamt nutzte, gekündigt. Es gab Streit um die Eintragung einer Lebenspartnerschaft und die anschließende Feier auf Schloss Mansfeld. Wir dürfen bei unserem Urteil nicht außer Acht lassen: Das sind alles engagierte Ehrenamtliche, sie legen die Grundlage unseres Glaubens, die Bibel, in einer gewissen Weise aus, und diese Auslegung entspricht manchmal nicht den Trends der theologischen Forschung. Es ist eine traditionelle Auslegung, besonders bei heißen Themen wie Homosexualität, Familie, Ehe.

Wir Theologen müssen uns prüfen, wie schnell wir mit unserer Position anderen sagen wollen, was geht und was nicht. Mir ist bei der Moderation in Mansfeld aufgefallen, dass auch ich schnell ein Korrektiv im Kopf habe, »nein, so kann man das nicht auslegen«. Aber wir sind gemeinsam Hörer des Wortes. Wir ringen um die Wahrheit, sie ist nichts Statisches.

Wie ging es in Mansfeld weiter?
Schneider:
Die Mitgliederversammlung hat die Kündigung zurückgenommen, aber man muss da sehr genau hinschauen. Der Vorstand hat nicht unverantwortlich gehandelt, die Mitgliederversammlung hat ihm weiterhin ihr Vertrauen geschenkt. Ergebnis des Gesprächs: Das Standesamt kann dort wieder Eintragungen gleichgeschlechtlicher Paare vornehmen. Ich bin dankbar für eine friedliche, zivilisierte Auseinandersetzung mit dem Standesamt und auch im Verein.

Wir streiten viel, aber oft unsachlich. Ich denke an all die Debatten um die AfD, an Tröglitz und Schnellroda.
Schneider:
Uns fehlen hier die öffentlichen Räume. Wo treffen wir andere Menschen, Menschen außerhalb unserer Kreise? Außerdem ist ein Verlust an zivilisierter Gesprächskultur festzustellen. Es gehört ein Maß an Zuhörenwollen und Ertragen, dass der andere eine andere Meinung hat, dazu. Wir sind als Kirche – und da nehme ich mich nicht aus – sehr schnell bei einem Urteil. Gerade in politischen Fragen formulieren wir schnell einen moralischen Anspruch.

Ich bin kein Freund von Appellen. Ich mag nicht moralisieren. Wenn Sie in einem sozialistischen Schulsystem aufwachsen, haben Sie genug Appelle gehört. Das wunderbarste Geschenk ist doch, dass wir frei denken und frei reden können.

Zu Schnellroda: Ich bin sehr dankbar, dass die Pfarrerin zuversichtlich und fröhlich ihren Dienst tut. Sie ist eine unbefangene Christin, kommt aus einem völlig säkularen Elternhaus, sie ist so normal, sie passt ganz genau da hin. Und sie hat die Gabe, mit allen zu reden, die ihr zuhören wollen.

Sie trafen während Ihrer Studienzeit in Erlangen auf Fairy von Lilienfeld, eine Theologin des Katechetischen Oberseminars Naumburg, die die DDR verlassen durfte und in Bayern die erste Theologin und ordinierte Pfarrerin war. Was haben Sie von ihr gelernt?
Schneider:
Ich habe bei ihr viel gelernt. Menschlich und inhaltlich. Menschlich verdanke ich ihr zum Beispiel den Impuls, als junger Vater und an der Endstation meiner Promotionsarbeit den Fernseher abzuschaffen. Und im ökumenischen Gespräch, dass es hilft, die Position des Gesprächspartners sehr gut zu kennen. Fairy kannte die theologischen Grundlagen der Orthodoxie oft besser als die orthodoxen Theologen.

Teilten Sie mit ihr die Erfahrung, in einem anderen Land neu anzufangen?
Schneider:
Ja. Sie sagte: »Lieber Herr Schneider, es wartet hier niemand auf Sie – aber es ist trotzdem gut, dass Sie hier sind.« Das lässt sich auf heute übertragen, egal ob Sie aus einem fremden Land kommen oder in eine neue Stadt ziehen. In der Regel wartet niemand auf Sie. Sie müssen selbst auf die Menschen zugehen. Das habe ich auch den Stipendiaten geraten, mit denen ich durch meine Arbeit an der Universität und später für die EKD zu tun hatte. Deutschland ist eine geschlossene Gesellschaft, und die Kirche gleich noch einmal. Die Aufgabe ist es, selbst die Kirchentür aufzumachen.

Welche Tür haben Sie aufgestoßen, als Sie 1985 von Siebenbürgen nach Würzburg gekommen sind?
Schneider:
Ich habe es in der Kirchengemeinde versucht, das war nicht leicht. Wir waren Exoten. Ich suchte mir einen Studentenkreis, obwohl ich noch kein Student war; ich musste ja in Deutschland mein Abitur zum zweiten Mal ablegen. Das Studium war dann das Tor, um Menschen wirklich kennenzulernen. Ich habe aber auch in dieser Zeit oft gespürt, mein Leben, meine Geschichte haben für die anderen etwas Fremdes. Ich habe gelernt, wo ich etwas über mich erzählen kann und wo nicht.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Heimat verloren zu haben?
Schneider:
Verloren – nein. Wir sind zwar schweren Herzens gegangen, aber kurioserweise haben uns die Jugendlichen aus der DDR ermutigt. Sie sagten: »Christus geht mit euch.«

Verloren – ja. Das waren die Freunde, der persönliche Umgang, die vertraute Umgebung. Aber ich bin inzwischen fast jedes Jahr in Rumänien, und so ist es mir nicht verloren gegangen. Das Gefühl der Heimat hat sich verlagert in die Sprache.

Was ist für mich Heimat? Es ist die Vielfalt der Sprachen: Siebenbürgisch-Sächsisch, Ungarisch, Rumänisch, und es ist auch das Miteinander. Sie werden es nicht glauben, aber wenn ich in Halle bettelnde Roma treffe, fühle ich mich nicht unbehaglich. Wir kommen miteinander ins Gespräch.

Die Emigration war ein ungemeiner Zuwachs an Freiheit. Frei zu sagen, was ich denke, nicht zu unterscheiden, was ich privat und öffentlich sagen kann, und zu kritisieren. Ich kann an Texten kritisieren, ich kann sogar die Kirche kritisieren – und bleibe dennoch drin. Das ist doch wunderbar!

»Reformation geht weiter«, heißt ein EKM-Slogan. Was heißt das für Sie?
Schneider:
Ich hadere etwas damit, weil der Slogan etwas Appellatives hat. Was heißt das für mich – »Reformation geht weiter«? Dass wir die Offenheit zu einem kritischen Streit innerhalb der Kirchen brauchen. Ich sehe diese Bereitschaft noch nicht, auch nicht in unserer Kirche. Unsere Synode streitet aus meiner Sicht viel zu wenig über kon­troverse Themen im Licht der Schrift.

»Reformation geht weiter« heißt für mich: Mut zu klaren Aussagen, zu einem Bekenntnis, das herausfordert, aber nicht abstößt, sondern einlädt, und dass wir das, was wir teilen, in einer freundlichen Weise mitteilen und mit der Ablehnung, die wir auch erfahren, umgehen lernen.

Aber der Slogan ist für Kirchenleute. Fragen Sie Menschen auf dem Wittenberger Markt dazu, greifen diese sich wahrscheinlich an die Stirn: Oh Gott, kommen die nächstes Jahr alle wieder? Es wird sich zeigen, welche Wirkung dieses Jubiläumsjahr über Wittenberg hinaus hat. Es wird auch kritische Fragen geben, natürlich. All der Aufwand. Aber es ist eine große Chance für die mitteldeutsche Kirche.

Dr. Johann Schneider wurde 1963 im siebenbürgischen Mediasch (Rumänien) geboren. Nach der Lehre als Werkzeug­macher studierte er Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, München, Erlangen und Rom. Später arbeitete er als Pfarrer und Dozent an der Universität Erlangen, beim Diakonischen Werk der EKD und beim Lutherischen Weltbund.

Seit 2007 war er als theologischer Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover, insbesondere im ökumenischen Bereich, tätig. Im November 2011 wählte ihn die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zum Regional­bischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Christenlehre für Iraner

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Flüchtlingsgeschichte: Sie wirkt bei vielen reformierten Gemeinden bis heute nach

Ausgerechnet im Dom zu Halle, dem Schmuckkästchen von Luthers Gegner Kardinal Albrecht, haben die Reformierten im 17. Jahrhundert ihre Heimat gefunden. Die Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Nachdem die Hugenotten von Frankreich auch nach Halle geflohen waren, überließ ihnen der »Große Kurfürst« Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1688 den Dom »zur ewigen Nutzung«. Heute, fast 330 Jahre später, nimmt die Gemeinde selbst Flüchtlinge auf – aus dem Iran und Afghanistan.

»Die Ernsthaftigkeit, mit der diese jungen Menschen ihrer Taufe begegnen, berührt mich und viele andere in unserer Gemeinde«, sagt Jutta Noetzel, Pfarrerin der Domgemeinde und Senior des reformierten Kirchenkreises der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Viele Täuflinge empfinden die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft als Start in ein neues Leben. Zum Teil hatten sie sich im Iran bereits einer christlichen Hauskirche angeschlossen. Manche sind auf der Flucht konvertiert. Andere haben sich in Deutschland dazu entschlossen. Auf die Konversion steht im Iran die Todesstrafe. Oft ist sie zudem mit Verwerfungen in den Familien verbunden.

Das Bekenntnis ist ein Ja zum Christentum, aber auch ein Nein zu einer religiös-fundierten Ideologie, eine Absage an das totalitäre und brutale Regime im Iran. Die Bergpredigt, besonders die Seligpreisungen, seien für viele der Iraner wichtige Texte.

Vor allem bei Geflüchteten, die sich in Deutschland taufen lassen, hinterfragt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Motivation. In etlichen Fällen wird sie als »selbst verschuldeter Nachfluchtgrund« eingestuft. Zu den »Glaubensprüfungen« des Bamf sagt Jutta Noetzel: »Es ist eine pfarramtliche Aufgabe, die Taufe zu verantworten.«

Seit etwa zwei Jahren ist die Domgemeinde Anlaufstelle für christliche Flüchtlinge. Das war nicht forciert. Es ergab sich. Diakonische Aufgaben waren selten und sind bis heute zweitrangig, der Taufwunsch stand stets im Vordergrund. Mittlerweile bietet die Gemeinde »Christenlehre für Iraner« an. Jeden Donnerstag treffen sie sich mit Pfarrerin Noetzel, um mithilfe des Übersetzers Vahid Shahidifar über den christlichen Glauben zu sprechen und die Bibel zu lesen.

Flüchtlingsherberge: Jutta Noetzel vor dem Dom in Halle. Bereits 1688 überließ Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Gotteshaus den reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Foto: Katja Schmidtke

Flüchtlingsherberge: Jutta Noetzel vor dem Dom in Halle. Bereits 1688 überließ Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Gotteshaus den reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Foto: Katja Schmidtke

Dabei kommen bestimmte Themen immer wieder zur Sprache, etwa die Frage nach der Gottessohnschaft Jesu und der Zusammenhang von Altem und Neuem Testament. Der Iran lehnt Israel ab, es gibt dort einen scharfen Antisemitismus. »In dieser Kultur sind sie groß geworden. Wir machen deutlich, dass wir Antisemitismus radikal ablehnen. So steht es auch in unserer Kirchenverfassung.« Vor allem komme es auf eine persönliche Haltung zum Glauben an und darauf, Pluralität zu akzeptieren. Eine feste Gruppe von bis zu 20 Leuten komme regelmäßig – auch in die Gottesdienste. Um sie zu integrieren, wird eine der Lesungen auf Farsi gehalten. Auch ein Handzettel zum Gottesdienstablauf ist in Vorbereitung.

In der 250 Menschen zählenden Domgemeinde sei aufgrund der eigenen Flüchtlingsgeschichte die Akzeptanz groß, erzählt Pfarrerin Noetzel. Die jungen Flüchtlinge brechen radikal die Altersstruktur auf. Das Gemeindeleben sei offener und lebendiger geworden. Am Heiligabend gab es ein gemeinsames Essen: Gans, nach persischem Rezept.

Katja Schmidtke

»Ich hänge nicht an Zahlen«

12. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Gesprächsbedarf: Im Reformationsjahr jagt ein Ereignis das nächste. Die Landesbischöfin der Lutherländer muss da allgegenwärtig sein. Für ein Gespräch mit Renate Wähnelt von der Kirchenzeitung hat Ilse Junkermann noch einen Termin im vollen Kalender freigeräumt.

Reformation geht weiter – so heißt der Slogan der EKM. Welche nachhaltigen Effekte erhoffen Sie sich vom Reformationsjahr und wo werden für Sie bereits Auswirkungen für die Kirchengemeinden sichtbar?
Junkermann:
Viele Gemeinden und Kirchenkreise haben wunderbare Ausstellungen, Theaterstücke und vieles mehr über ihre örtliche Reformationsgeschichte geschaffen. Zahlreiche Gäste sind gekommen, sodass viele ihren Ort mit den Augen der Gäste sehen lernen und stolz auf ihre Geschichte sind. Bei der Vorbereitung der Kirchentage haben sehr unterschiedliche Menschen zusammengearbeitet.

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Ich bin sicher, dabei sind viele Fäden aus der Kirche heraus in die Gesellschaft, in das Gemeinwesen vor Ort hinein, gesponnen worden. Diese Entwicklung kann sich als nachhaltig erweisen. Und ich hoffe, dass wir sprachfähig werden im Glauben. Dass ich sagen kann, was Glauben mir bedeutet und mit mir macht.

Denken Sie, dass so der Mitgliederschwund gestoppt werden kann? Die Mitgliederzahlen in der EKM sind seit der Fusion von 1,1 Millionen auf 750 000 zurückgegangen. Finden Sie sich damit ab?
Junkermann:
Propst Kasparick hat immer wieder betont, dass wir nicht weniger werden, sondern mehr. Er hatte recht. Allerdings nicht mehr Mitglieder und Kirchensteuerzahler. Doch mehr Menschen kommen zu uns und arbeiten mit, in den Chören, bei der Flüchtlingsarbeit, an den Tafeln. Dort wird gemeinsam Christsein gelebt – auch von vielen ohne Kirchenmitgliedschaft. Das stellt uns vor die Frage, ob wir uns in erster Linie als einen Verein mit zahlenden Mitgliedern verstehen. Oder ob es vorrangig ist, Menschen auf dem Weg zu Glauben und Gemeinde zu begleiten, gemeinsam mit ihnen auf dem Weg zu sein.

Das klingt grundsätzlich. Was bedeutet es denn?
Junkermann:
Es ist grundsätzlich. Wir sind seit bald einem Jahrhundert in einem Transformationsprozess weg von der Staatskirche. In der DDR gab es eine Entwicklung zur Verkündigungskirche und Kirche als Lerngemeinschaft, die mit der Wende erst einmal ein vorläufiges Ende gefunden hat. Jetzt sollten wir wieder daran anknüpfen.

Christsein ohne Kirchenmitgliedschaft bedeutet, dass sich Kirche sehr verändern muss.
Junkermann:
Ja! Der »Apparat Kirche« hat sich schon mit der Fusion zur EKM geändert. Wir müssen uns weiter über eine Vereinfachung der Verwaltung Gedanken machen. Im Bischofskonvent und im Landeskirchenrat diskutieren wir, ob es wirklich nötig ist, Diakoniemitarbeitern und Lehrkräften zu kündigen, wenn sie nach einer gewissen Zeit ihre Loyalität nicht durch die Taufe »beweisen« wollen. Und: Ich bin froh über die Erprobungsräume für eine andere Gemeindearbeit. Wir müssen mehr schauen, was wir weglassen können, und stärker die Gaben nutzen, die in den Gemeinden vorhanden sind.

Das hört sich so an, dass es die Ehrenamtlichen richten sollen. Gemeinden und Kirchenkreise empfinden, dass »die da oben« entscheiden.
Junkermann:
Da hat sich doch bereits viel verändert durch die Gestaltungsmöglichkeiten der Kirchenkreise bei der Finanz- und Stellenplanung. Und ja, die Lektoren und Prädikanten sind ein großer Schatz für das gottesdienstliche Leben. Doch grundsätzlich steht an, dass wir Abschied nehmen von festen Bildern, wie Gemeinde sein muss. Das macht den Blick frei, darauf, welche Schätze und Gaben in einer Gemeinde sind, was konkret vor Ort als Aufgabe für Zeugnis und Dienst vor den Füßen liegt und mit wem – auch mit Nichtmitgliedern – so Gemeinde gebaut werden kann.

In den Gemeinden werden die Seelsorger vermisst. Kommt das bei Ihnen an?
Junkermann:
Bei mir kommt ein großer Schmerz an, was nicht oder nicht mehr geht. Ich spüre eine große Sehnsucht nach Trost und Zuspruch. Wir sind mitten in einer Entwicklung, die mit Trauer verbunden ist. Doch wie trauert eine Organisation, wie gestalten und begleiten wir diesen Trauerprozess? Da ist im Unterschied zur individuellen Trauer noch fast nichts erforscht.

Aus der Seelsorge wissen wir, Kraft zu Neuem wächst daraus, dass ich Trauer zulasse, mit all ihren Begleiterscheinungen, auch der Wut und dem Schmerz. Und dass mir dabei jemand zur Seite steht und zuhört. Ich fürchte, das ist bei allen noch nicht genügend im Blick, dass das zuerst dran ist. Das brauchen wir für den Bewusstseinswandel, dass Kirche und Gemeinde nicht dort sind, wo der Pfarrer ist. Gemeinde ist da, wo ich als Christ mit anderen Christen bin. Wichtig ist doch, dass Gottes Wort in der Gemeinde lebendig ist. Die Form ist völlig offen.

Sie ermutigen also die Gemeinden, einfach zu tun, was sie für nötig halten.
Junkermann:
Bei Konventen wird häufig gefragt, was ausprobiert werden darf. Im Prinzip alles. Ich will mit den Ordinierten der letzten Jahre im Herbst Rückschau halten, welche Ideen sie haben umsetzen können und warum oder warum nicht.

Neben Ihrer Ermutigung steht Ihre Forderung, die Kirchen offen zu halten. Was ist aus der Aktion geworden – zählen Sie die offenen Kirchen?
Junkermann:
Ich hänge nicht an Zahlen. In vielen Gemeindekirchenräten wird über die Kirchenöffnung diskutiert. Es hat ein Nachdenken eingesetzt, was wir mit geschlossenen und mit offenen Kirchen verkündigen. Aber auch hier gilt, dass jede Gemeinde verantwortungsvoll entscheiden muss, was für sie wichtig und sinnvoll ist. Und damit meine ich sowohl die Kirchen- als auch die Ortsgemeinde, denn so manches Nichtmitglied freut sich über die Chance zum Innehalten oder neugierigen Schauen, wenn es keine Angst vor einer Blamage wegen vermeintlich falschem Verhalten gibt. Die Aktion ist keine Verordnung, sie hat einen
Prozess in Gang gesetzt.

Die allgemein schwindende Bindung an die Kirche …
Junkermann:
… ist übrigens ein seit dem 19. Jahrhundert stattfindender Prozess, unter anderem weil die Kirche sich zu wenig auf das Arbeitermilieu eingestellt hat …

… und wird begleitet von Austritten namhafter Menschen wie Professor Wulf Bennert, engagierter Christ seit sechs Jahrzehnten. Sein Schritt bewegte viele Menschen, wie Leserbriefe zeigen. Warum sind Sie auf seinen Brief nicht eingegangen, gab es ein Gesprächsangebot Ihrerseits?
Junkermann:
Er hat mir seinen Austritt mitgeteilt. Es ist schwer zu sprechen, wenn der Schritt bereits vollzogen ist. Professor Bennert hat auch nicht um ein Gespräch gebeten. Ich bedauere seinen Schritt, und ich bedauere, dass er den Gesprächsfaden gekappt hat. Ich habe auf seine Mitteilung auch geantwortet.

Der Umgang mit der AfD spaltet Gemeinden. Berlins Bischof Markus Dröge hält die AfD für Christen nicht wählbar. Wie stehen Sie dazu?
Junkermann:
Die AfD ist zum Teil undurchsichtig und rätselhaft, sodass ich als Wählerin nicht weiß, was ich wirklich wähle. Doch das, was ich weiß, widerspricht meinen christlichen Überzeugungen und lässt mich abraten, die AfD zu wählen. Wer sie wählt, wählt zum Beispiel einen erschreckend undemokratischen Leitungsstil wie in Sachsen-Anhalt oder einen Björn Höcke mit, der offen die Verachtung fremder Menschen propagiert. Das ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Grundsätzlich gebe ich jedoch keine Wahlempfehlung, sondern ermutige, überhaupt zu wählen.

Wie gehen Sie mit AfD-Mitgliedern in den Kirchengemeinden und in Gemeindekirchenräten um? Haben Sie Kenntnis von Problemen in Gemeinden?
Junkermann:
Es ist die Frage, wie wir beieinander sind mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen. Wir wollen die Vielfalt bewahren und auch bei unterschiedlichen Überzeugungen im Gespräch bleiben. Das unterscheidet uns von einer Partei. Wir sind offen für alle, aber nicht offen für alles. Wo die Ebenbildlichkeit infrage gestellt wird, wo mit Hass gesprochen wird, dort ist eine Grenze. Wir grenzen nicht Menschen aus, aber Auffassungen, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. In den Gemeinden soll eine Atmosphäre herrschen, in der Ängste und Sorgen geäußert werden dürfen, ohne eine Verurteilung fürchten zu müssen, wo aber das Recht und die Würde von anderen nicht in Frage gestellt werden.

Sauberer Verkündigungsdienst

1. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Diskussion über Elektromobilität im kirchlichen Dienst, über ihre ökologischen und wirtschaftlichen sowie Vorbild-Aspekte ist angestoßen. Es wird geredet und es wird Vorreiter geben, auf deren Erfahrungen – gute wie schlechte – andere aufbauen können.

Wieso ausgerechnet ein Elektro-Auto die Attraktivität einer Pfarrstelle auf dem Lande erhöht, erschließt sich dem unbedarften Leser der Studie »Auf dem Sprung zur Wirtschaftlichkeit?« nicht. Im Untertitel versteckt sich der entscheidende Hinweis: Machbarkeitsstudie über die Einführung von Dienstfahrzeugen (PKW) mit Elektro-Antrieb im Verkündigungsdienst des Kirchenkreises Egeln. Es geht um Dienstwagen – bisher nutzen Pfarrer, Kirchenmusiker und Gemeindepädagogen ihre Privatfahrzeuge und rechnen je Kilometer 30 Cent ab.

»Wir bekommen die Pfarrstellen nicht besetzt«, sagt Superintendent Matthias Porzelle. In seinem Kirchenkreis Egeln gibt es alle drei bis acht Kilometer ein Dorf oder ein Städtchen. Ähnlich die Situation im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Dort tut Pfarrer Dieter Kerntopf Dienst. »Wir fahren auf den kurzen Strecken die Motoren nie warm und erzeugen dadurch noch mehr Dreck«, hadert er mit dem Vergehen gegen die Schöpfung.

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Der ökologische Aspekt, eine größere Attraktivität der Landpfarrstellen und nicht zuletzt das Signal, das die Kirche mit dem Einsatz von umweltschonenden Elektro-Autos aussendet, haben den Kirchenkreis Egeln bewogen, oben genannte Studie beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg in Auftrag zu geben. Ihr Autor Peter Bickel analysierte, welche Strecken die Seelsorger im Kirchenkreis Egeln in den vergangenen Jahren dienstlich gefahren sind, und setzte sie ins Verhältnis zur Reichweite diverser Elektro-Autos. Er untersuchte Anschaffungskosten für Fahrzeuge und Ladestationen, erfragte die Akzeptanz eines E-Mobils bei den Pfarrern. Schließlich kam der promovierte Wirtschaftsingenieur zu dem Fazit, dass sich die Elektromobilität rechnen kann. Auch einen Blick auf die Sauberkeit für die Umwelt wirft er.

Überlegungen, auf Elektromobilität zu setzen, gibt es in etlichen Kirchenkreisen. »Da bewegt sich etwas von unten. Und nachdem wir vor sechs Jahren die Klimakampagne hatten, nach der viel beschriebenes Papier in die Schreibtische gelegt wurde, wollte ich diese Bewegung unterstützen«, erinnert sich Dieter Lomberg. Der Synodale aus dem Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt und Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) beantragte im November, die Landeskirche möge für die Einführung einer Testphase mit E-Autos Geld zur Verfügung stellen: Für je fünf Elektro-Autos in zwei Kirchenkreisen 20 000 Euro als Anschubfinanzierung.

Der Antrag steht nun auf der Frühjahrssynode erneut zur Diskussion. Erstmal hatte es einen Fachtag gegeben. Dort berichtete Pfarrer Kerntopf von seiner zweiwöchigen Testphase, nach der er dem E-Auto uneingeschränkte Tauglichkeit bestätigte. Auch finanziell für den Kirchenkreis.

Die Aufgeschlossenheit ist groß, bestätigt die Klimaschutzmanagerin für Mobilität in der Nordkirche, Klaudia Morkramer, einen großräumigen Trend. »Als wir unsere Ladesäule in Melsdorf im Kirchenkreis Dithmarschen einweihten, war die Resonanz riesig«, berichtete sie bei der Tagung. Im Kirchenkreis Pommern bietet sich ein Dienstleister an, Ladestationen aufzustellen und zu warten. Ähnliches gebe es im Kirchenkreis Mecklenburg. »Wir diskutieren«, sagt sie. Die vielen Anfragen bezeugen Interesse und Informationsbedarf. Erste Erfahrungen gibt es in Hamburg und Umland. »Ein Problem ist natürlich das Geld. Die Angst vor zu geringer Reichweite hat sich mit den neuen Modellen erledigt.«

Die technische Entwicklung ist rasant. Das unterstrich Matthias Vie­tor von der Wirtschaftsgesellschaft der Kirchen in Deutschland mbH. Er stellte mögliche Modelle und Finanzierungen vor und gab zu bedenken: »Die rasante Entwicklung spricht dafür, jetzt einzusteigen, aber genauso, noch abzuwarten.«

Eher zögerlich sprach der im Landeskirchenamt der EKM für die Mittlere Ebene Finanzverantwortliche Torsten Bolduan. Ob es denn zur Kernaufgabe der Kirche gehöre, Vorreiter bei der E-Mobilität zu sein, fragte er beim Fachtag. Eine Förderung durch die Landeskirche stellte er allenfalls über eine um zehn Cent erhöhte Kilometerpauschale in Aussicht. Denn das Modell personengebundener Elektro-Dienstautos scheitere an der Regel, dass es diese erst ab 30 000 Kilometer Jahresfahrleistung gebe. »Die Initiative muss von den Nutzern ausgehen«, unterstrich Bolduan.

Da das Aufladen der Autobatterien über Nacht an der heimischen Steckdose absehbar nicht ausreichen wird, könnten Ladestationen an kirchlichen Einrichtungen installiert werden. Öffentlich zugänglich, sodass nicht nur die Kirchenautos dort Strom tanken. Natürlich ergeben sich Probleme, wenn die Gemeinde oder der Kirchenkreis plötzlich zum Strom-Verkäufer würden. Um diese zu lösen, sind Kooperationen mit Stadtwerken oder anderen Partnern denkbar, wie sie sich in der Nordkirche andeuten. »Wenn klar ist, was wir wollen, lassen sich auch relativ leicht Finanzierungsmöglichkeiten finden«, sagte Torsten Bolduan bei der Veranstaltung – ehe er eine direkte Förderung der Landeskirche verneinte.

Renate Wähnelt

Nächstenliebe verlangt Klarheit

26. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Populismus: EKM will die inhaltliche Auseinandersetzung befördern


Christen und Populismus in der Kirche. Darüber sprach Willi Wild mit dem Leiter des Personaldezernats, Oberkirchenrat Michael Lehmann, und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, dem Leiter des Dezernats Gemeinde in der EKM.

Haben Sie Kenntnis von rechtspopulistischen Tendenzen in der EKM?
Lehmann:
Lassen Sie mich, bevor ich auf Ihre Frage antworte, zwei Dinge sagen. Zunächst: Das Personaldezernat spürt nicht den politischen Überzeugungen der Pfarrerschaft und der kirchlichen Mitarbeiter nach. Für uns ist lediglich maßgebend, dass die Glaubwürdigkeit unserer christlichen Botschaft nicht verletzt und der Dienst nicht beeinträchtigt wird. Wir als Landeskirche vertrauen darauf, dass unsere Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst wissen, dass sie an alle ihre Gemeindeglieder gewiesen sind und nicht nur an diejenigen mit gleicher politischer Präferenz.

Zweitens: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, und gesamtgesellschaftliche Tendenzen finden sich auch in unserer Kirche wieder. Im Blick auf unsere Mitarbeitenden ist das im
Prinzip nicht anders. Allerdings sehe ich, wie viele von ihnen sich glaubwürdig gegen Verachtung und Ressentiments aussprechen und auch selbst beispielhaft handeln, indem sie etwa angesichts der Flüchtlinge vor Ort konkrete Hilfe geleistet und organisiert haben.

Nun zu Ihrer Frage: Ja, in der jüngsten Vergangenheit gab es in der EKM einen Fall: Ein Gemeindepädagoge hatte sich aktiv an einer rechtsextremistisch motivierten Demonstration beteiligt. Nach entsprechenden Personalgesprächen blieb dem Kirchenkreis keine andere Möglichkeit, als sich von diesem Mitarbeiter zu trennen. Der Fall kam vor das Arbeitsgericht, das aber hat uns klar in dieser Entscheidung bestätigt.

Fuhrmann: Auch bei ehrenamtlich in der EKM Engagierten gibt es keine Abfrage nach der Parteizugehörigkeit. Die Kirchengemeinden sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und damit gesellschaftspolitischer Positionen. Entscheidend ist für mich dabei, ob es uns gelingt, ein christlich motiviertes Gespräch mit allen hinzubekommen. Ich vermute aber, dass derzeit in den Kirchengemeinden die unterschiedlichen Positionen kaum zur Sprache kommen, weil es schwierig ist, die konträren Standpunkte zusammenzubringen.

Wie schätzen Sie auf der anderen Seite die Bedrohung von Pfarrern in der EKM ein, die sich klar gegen rechte Gesinnung wenden?
Lehmann:
Tatsächlich werden Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche Opfer von Herabwürdigung und Bedrohung im Internet. Als ein Beispiel nenne ich unsere Landesbischöfin, die leider immer wieder zum Ziel rechtsradikaler Hetze wird. Im Fall eines Thüringer Pfarrers nahm die Androhung von Gewalt gegen ihn und seine Familie solche Ausmaße an, dass wir ihm die Aufhebung der Dienstwohnungspflicht angeboten haben. Gerade wer sich für einen mitmenschlichen Umgang mit Menschen anderer Sprache und Herkunft einsetzt, merkt: Das Doppelgebot der Liebe war nicht nur zur Zeit Jesu, sondern ist auch heute für viele ein Ärgernis. Ich sehe aber gerade da, spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise, eine große Glaubensgewissheit und Klarheit in unserer Pfarrerschaft. Das beeindruckt mich sehr.

Wie begegnet die EKM populistischen Tendenzen in Kirchengemeinden?
Fuhrmann:
Aus dem Landeskirchenamt heraus können wir erst mal wenig tun. Was ich als Aufgabe sehe, ist, dass wir immer wieder Impulse setzen für das Gespräch. Wir möchten ermutigen und einladen zur Debatte. Die Initiative sollte aber aus den Kirchengemeinden kommen. Wir unterstützen Angebote der Gemeinden und Einrichtungen, wo es um Begegnung geht, und stehen gern beratend zur Seite.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/rechtsextremismus

Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

Grabmäler im Scheckkartenformat

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Sachsen-Anhalt und seit Neuestem auch in Thüringen sind Bestattungen in Wäldern erlaubt. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es bislang nur einen solchen Waldfriedhof in kirchlicher Trägerschaft. Ein Besuch in Meisdorf (Kirchenkreis Egeln) am Harzrand.

Die Novembersonne kämpft sich durch das Blattwerk. Die bis zu 155 Jahre alten Eichen haben ihr Sommerkleid noch nicht vollständig abgeworfen, golden leuchten die verbliebenen Blätter. Herbstlicht im Gesicht und raschelndes Laub unter den Füßen – doch ein gewöhnlicher Spaziergang ist das nicht. Wer in Meisdorf im Kirchenkreis Egeln gegenüber dem Schlosshotel, gleich am Kriegsmahnmal, in den Wald abbiegt, geht einen besonderen Weg – zum bislang einzigen kirchlichen Waldfriedhof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Hier gibt es keine geharkten Wege, keinen gemähten Rasen, keine rechteckig abgezirkelten Grabstätten, keine Lilien und Kerzen, keinen Kirchturm. Hier werden Gräber zu Biotopen und Bäume zu Grabmälern. Erkennbar sind sie an Namenstafeln – weiße Schrift auf schwarzem Grund – im Scheckkartenformat und in etwa zwei Metern Höhe am Baumstamm angebracht.

Erdbestattungen sind nicht erlaubt, Grabschmuck nicht erwünscht. Dennoch liegen Blumen im Laub; Rosen und Hortensien. »Die Menschen wollen ihren Angehörigen nah sein. Auch hier«, sagt Ralf Ziesenhenne. Er ist geschäftsführender Revierförster der Kirchlichen Waldgemeinschaft Wippra, diese verwaltet mehr als 1 000 Hektar Kirchenwald, auch jenen der evangelischen Gemeinde Meisdorf.

Als Partner hat sich die Kirche die Ruheforst GmbH aus Erbach im Odenwald dazugeholt. Das Unternehmen ist nicht Friedhofsträger, das ist die Kirchengemeinde, aber Ruheforst steuert Know-how bei und übernimmt die Werbung.

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Der Waldfriedhof dient der Bestattung und dem Gedenken. Und er ist Stätte der Verkündigung des christlichen Auferstehungsglaubens. So steht es in der Friedhofsordnung. Greifbar wird dies beim Andachtsplatz. Bänke stehen im Halbrund um einen Altar aus drei gekappten Stämmen, im Hintergrund ein großes, schlichtes Kreuz. Trotz kirchengemeindlicher Trägerschaft ist der Waldfriedhof konfes­sionsoffen.

In den seltensten Fällen wird der Meisdorfer Gemeindepfarrer für Trauerfeiern angefragt: Johannes Hesse hat in den vergangenen sechs Jahren drei Menschen auf dem Waldfriedhof bestattet. Es sind weniger die Menschen aus den Dörfern am Harzrand als jene aus den Städten, die sich hier bestatten lassen. Sie kommen aus Quedlinburg, Magdeburg, Halle, Erfurt oder Berlin.

Das mag viele Gründe haben. Praktische: Weil keine Grabpflege nötig ist. Finanzielle, weil nur einmal für einen Zeitraum von 99 Jahren Gebühren anfallen. Pro Baum gibt es zwölf Grabstätten, eine kostet ab 600 Euro. Wer einen ganzen Baum für sich oder seine Familie reservieren möchte, zahlt 3 700 Euro. »Es sind viele mittleren Alters.

Sie wollen vorsorgen«, hat Förster Ziesenhenne beobachtet. Die Menschen, die hierher kommen, beschäftigen sich früh mit der eigenen Sterblichkeit. Viele suchen sich ihren Baum aus.

Susann Biehl, im Landeskirchenamt zuständig für Kirchenwald, ergänzt die Beobachtungen von Förster und Pfarrer. »Es sind auch Menschen, die diesen Naturraum lieben, die in Gottes schöner Schöpfung sein möchten«, sagt die Kirchenoberforsträtin.

Im Meisdorfer Forst werden jährlich zwischen 40 und 50 Menschen bestattet. 270 Eichen sind als Grabstätten eingetragen, eine Erweiterung des bislang fünf Hektar großen Waldfriedhofs ist geplant. Konkrete Pläne für weitere kirchliche Waldfriedhöfe in der EKM sind der Kirchenoberforsträtin nicht bekannt. Es gebe einige interessierte Kirchengemeinden, aber nicht immer passen die Gegebenheiten.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Dennoch möchte die Kirche den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Deshalb hat die EKM die Einrichtung von Waldfriedhöfen auch in Thüringen befürwortet. Der Thüringer Landtag hatte Anfang November das Bestattungsgesetz geändert und auch Waldfriedhöfe erlaubt. Kritik kam seitens der Union, die befürchtet, der Tod werde aus den Dörfern und Städten hinausgedrängt.

Der Kirche ist es wichtig, christliche Prägungen aufrechtzuerhalten. Für Waldbestattungen heißt das, dass der Friedhof als solcher erkennbar ist, dass es einen christlichen Andachtsplatz gibt und keine anonymen Bestattungen, sagt Susann Biehl. Du bist beim Namen gerufen. So ist es im Leben. Und im Tod.

Katja Schmidtke

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Kirchenland ist teuer, aber die Kirche ist kein Preistreiber

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Thüringer Bauernverband warf der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vor, die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen in die Höhe zu treiben. Willi Wild sprach darüber mit dem Landwirt Mortimer von Rümker.

Foto: privat

Foto: privat

Treibt die Kirche die Preise in die Höhe?
von Rümker:
Ich habe etwa 100 Hektar von der Kirche gepachtet. Das sind ungefähr 15 Prozent meiner Betriebsfläche. Die Kirche als Spekulant zu bezeichnen, wie das in der Tageszeitung geschah, halte ich für falsch. Die Kirche kauft keinen einzigen Hektar, sondern sie besitzt relativ viel und versucht, diesen Besitz zu wahren. Sie tritt aber nicht als Käufer und demzufolge nicht als Spekulant auf.

Es stimmt aber, dass die Kirchenpachten zu den teuersten zählen, die ich im Betrieb bezahle. Die Bezeichnung »Preistreiber« ist in diesem Zusammenhang nicht passend, aber die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) steht bei den Pachtpreisen im Moment ziemlich an der Spitze.

Warum ist das Kirchenland so teuer?
von Rümker:
Bis vor ein paar Jahren waren die Pachtpreise bei der Kirche noch relativ niedrig. Das war für die EKM nicht rentabel. Mittlerweile sind die Pachterlöse eine sehr wichtige Einnahmequelle der EKM. Sie ist eine der größten Landbesitzer in Deutschland. Die EKM ist aber gut beraten, den Bogen bei den Pachtpreisen nicht zu überspannen.

Die Preise werden von den Bietern, also von Ihnen, den Landwirten, gemacht, argumentiert die EKM. Haben Sie da genügend Spielraum nach oben?
von Rümker:
Es gibt einen Mindestpreis, der ist mit 4,60 Euro pro Bodenpunkt für die Qualität des Pachtlandes festgeschrieben. Theoretisch sind bis zu 100 Bodenpunkte pro Hektar möglich. Im Raum Gotha ist der Hektar Land mit 60 Bodenpunkten bewertet. Das wären 276 Euro pro Hektar und, wie ich finde, eine verträgliche Pacht. Unser zuständiges Kreiskirchenamt hat aber bei den letzten Ausschreibungen über sieben Euro pro Bodenpunkt als Mindestpacht angesetzt. Nach den bisherigen Pachtvergabekriterien muss man noch mal 30 Prozent mehr bieten, um bei dem Kriterium Pachtpreis die Höchstpunktzahl zu bekommen. 550 Euro pro Hektar, das ist eine sehr hohe Pacht.

Ackerland ist begehrt und knapp. Da ist es normal, dass Käufer oder Pächter, in dem Fall die Landwirte als Bieter, den Preis in die Höhe treiben. Die Frage ist aber, von welchem Niveau man ausgeht. Der Mindestpreis im Kirchenkreis Gotha ist da schon sehr hoch.

Bei der Pachtvergabe spielen doch auch andere Kriterien eine Rolle. Aber scheinbar geht es nur noch um den Preis?
von Rümker:
Zunächst bemüht man sich als Bieter, in allen Bereichen eine hohe Punktzahl zu bekommen: Kirchenzugehörigkeit, Ortsansässigkeit oder bei der Bewirtschaftungsweise. Aber das Zünglein an der Waage ist eben häufig der Pachtpreis. Da sind mitunter wenige Vergabepunkte entscheidend.

Der Bauernverband kämpft natürlich für seinen Berufsstand und versucht, den Preis zu drücken. Welchen Ruf hat denn die Kirche als Verpächter unter den Landwirten?
von Rümker:
Einige Kollegen waren schon ziemlich sauer, weil die Pachtpreise in vielen Fällen um 100 Prozent und mehr gestiegen sind. Die andere Seite ist, dass die Bauern das Land günstig pachten wollen. In der Vergangenheit war das auch so. Andererseits ist die EKM sogar dafür ausgezeichnet worden, dass sie nicht nur nach dem Höchstgebot ihr Land verpachtet, sondern auch andere Kriterien anlegt.

Es steht im Übrigen jedem frei, sich auf Kirchenland zu bewerben. Wer bisher Kirchenland gepachtet hatte, wird versuchen, dieses Land wieder zu bekommen. Aber ich kenne keinen Fall, wo das existenzgefährdend gewesen wäre, wenn ein Betrieb das Kirchenland nicht wieder pachten konnte.

Der Bauernverband warf der EKM vor, mit der Vergabepraxis vor allem Großbetrieben und Investoren in die Hände zu spielen?
von Rümker:
Das halte ich für ziemlichen Unsinn. Zum einen spielt die Betriebsgröße bei der Pachtvergabe gar keine Rolle. Der 30-Hektar-Betrieb hat genau die gleichen Chancen wie das 3 000-Hektar-Agrarunternehmen. Investoren haben schon allein wegen der vorgegebenen Ortsansässigkeit in der Regel schlechtere Chancen.

Gibt es vergleichbare Verpächter und warum sind die scheinbar günstiger?
von Rümker:
Bisher gab es die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), die lag bei den Preisen noch höher als die EKM. Die BVVG wickelt sich aber allmählich ab, indem sie das Pachtland verkauft. Weitere große Landbesitzer gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt meines Wissens nicht. Ich möchte aber nochmal betonen, dass es die unternehmerische Entscheidung eines jeden Landwirts ist, sich um Pachtland zu bewerben. Keiner wird gezwungen, Land zu einem Preis zu pachten, den er nicht erwirtschaften kann. Es ist bitter, wenn man Land verliert. Mir ist es vor zehn Jahren auch so gegangen. Da habe ich ein Viertel der Betriebsfläche verloren. Als Unternehmer bin ich gefordert umzustrukturieren, beispielsweise Maschinen zu verkaufen.

Sie sind Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Stadtkirchengemeinde in Gotha. Sind Sie als Pächter von Kirchenland da nicht befangen?
von Rümker:
Die Stadtkirchengemeinde Gotha besitzt nur relativ wenig Ackerland. Wenn es ausnahmsweise mal darum geht, halte ich mich natürlich raus. Das Kirchenland, das ich bewirtschafte, gehört den Kirchengemeinden rund um Friedrichswerth, wo mein Betrieb liegt. Die Vergabe von Pachtland entscheidet das Kreiskirchenamt, zum Teil im Einvernehmen mit den Kirchengemeinden, nach den Richtlinien der EKM. Damit habe ich nichts zu tun.

Es bringt Ihnen keinen Wettbewerbsvorteil, dass Sie sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren?
von Rümker:
Überhaupt nicht. Gerüchte gibt es immer wieder, dass ich als Mitglied der Landessynode und Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses Vorteile hätte. Glücklicherweise haben wir ein absolut transparentes Pachtvergabeverfahren. Und wir versuchen gerade durch die Evaluierung, dieses Verfahren zu verbessern. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden in der Herbstsynode der EKM vorgestellt und diskutiert.

Stellungnahme

Landwirtschaftsämter müssen Pachtverträge genehmigen

Für ihr Pachtvertragswesen hat die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit bekommen. Auch andere Landeskirchen und Kommunen interessieren sich für das Pachtvergabeverfahren der EKM, weil es eben mehr berücksichtigt als nur das Geld. Die EKM sieht sich damit auf dem richtigen Weg und will ihn auch weiter gehen: Dieses Verfahren wird zurzeit überarbeitet, um es noch besser und transparenter zu machen. Die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen der Kirchengemeinden und Pfarreien in der EKM werden nicht einseitig festgesetzt; vielmehr wird der Pachtpreis von den Pächtern im Rahmen des kirchlichen Pachtvergabeverfahrens selbst angeboten. Wir gehen davon aus, dass angesichts der vielfältigen Betriebs- und Bewirtschaftungsformen der jeweilige Landwirt am besten weiß, welche Pacht er mit seinem Betrieb auf der konkreten Fläche zu erwirtschaften in der Lage ist.

Einzige preisliche Vorgabe im Verfahren ist – als Voraussetzung zur Teilnahme am Pachtvergabeverfahren – der Mindestpachtzins. Dieser wird von den Kreiskirchenämtern vor Beginn der Ausschreibung festgesetzt. Die Höhe soll sich am Durchschnitt der Pachtpreisangebote aus dem vorangegangenen Pachtvergabeverfahren in dem Gebiet orientieren. In der überwiegenden Mehrzahl der Pachtvergabeverfahren werden von den Pachtinteressenten höhere Pachten angeboten. Des Weiteren ist zu beachten, dass Pachtverträge von den staatlichen Landwirtschaftsämtern genehmigt werden und auch insofern eine Kontrolle besteht, die bei tatsächlich bestehender Unangemessenheit der Pachtpreise einen Vertragsabschluss verhindern würde.

Schlussendlich ist der Pachtzins nicht nur eines von mehreren Differenzierungskriterien, sondern auch ein sehr wichtiges Mittel zur Erfüllung kirchlicher Arbeit und bleibt dabei sogar noch im Kirchenkreis bzw. direkt vor Ort in der Kirchengemeinde: Die Einnahmen dienen der Finanzierung des Verkündigungsdienstes und kommen der Bauunterhaltung und der Kirchengemeinde selbst zugute.

Frank Henschel, Referat Grundstücke der EKM

Einer bittet und einer hilft

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Heilung des Bartimäus

Bartimäus kann nicht sehen. Nur Dunkel um ihn herum. Was nah ist, das kann er ertasten. Rau fühlen sich die Steine an, auf denen er sitzt. Rau auch die Hände seines Vaters. Zart das Gesicht der Mutter. Das Wasser des Brunnens ist kalt und frisch.

Was fern ist, das kennt er vom Hören. Seine Eltern haben ihm alles genau beschrieben. Die Berge um Jericho. Bäume. Die Sonne. Und Jesus. Sie hatten von ihm erzählt. Und Bartimäus kann sich nicht satthören. Jedes Mal, wenn er von Jesus hört, versinkt alles andere in ihm und um ihn. Dann will er nur hören. Von diesem Einen. Worte. Geschichten. Ein Gebet: »Vater unser im Himmel«. Wenn Bartimäus von Jesus hört, wird es hell in ihm.

Dann: Lärm auf der Straße. Hunderte Menschen. Lachen, Diskutieren, Füße scharren auf dem Straßenpflaster. »Was ist los?«, fragt Bartimäus. Die anderen Bettler neben ihm sagen: »Eine große Menschenmenge kommt. Sie ziehen durch die Stadt. Sie begleiten Jesus. Jesus von Nazareth.«

Glaube-Alltag-38-2016

Da verwandelt sich Bartimäus. Er hatte immer zugehört. Ganz Ohr ist er gewesen. Nun wird der Hörer zum Rufer. Er wird eine einzige Stimme. Ein einziger Schrei: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Er ruft und ruft und hört nicht auf. Alles – jeder Wunsch, den er je hatte, alle seine Hoffnung –, alles liegt in diesem Schrei.

»Halt den Mund!« »Schweig!« »Schrei nicht so herum!« »Sorg doch endlich einer für Ruhe!« Schon gehen sie auf Bartimäus los und wollen ihn wegbringen. Aber er schreit nur noch lauter: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Seine Stimme hat große Macht. Da klingt ein Mensch selbst. Der blinde Mann: Ein einziger Schrei nach Jesus.

Und der hält an. Bleibt einfach stehen. Der ganze Zug muss anhalten. Für einen einzigen Menschen. Der ist jetzt wichtig. Die andern müssen warten. Jesus geht nicht vorüber. Er hört. Und er bleibt stehen. »Bringt ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Bartimäus springt auf, lässt den Mantel liegen – fast sein ganzes Hab und Gut. Jetzt ist alles andere unwichtig. Sie bringen ihn zu Jesus. »Was willst du, dass ich für dich tue?« »Rabbuni, dass ich sehend werde.« Eine kleine Frage. Und eine schlichte Antwort: »Rabbuni, mein lieber Meister, dass ich sehend werde.« Zwei Männer. Sie stehen einander gegenüber. Eine Frage. Eine Antwort. Eine Bitte. Ganz still. Einer fragt. Einer bittet. Einer hilft. Und da wird etwas heil. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.«

Bartimäus kann sehen. Seine innigste Bitte ist erfüllt. Er sieht: Die Berge und die Bäume. Die Sonne. Und Jesus. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte Jesus nach auf dem Wege.« Aber Bartimäus geht nicht hin. Bartimäus geht mit. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Das hat Bartimäus wörtlich genommen. Von Stund an begleitet er Jesus. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mit Jesus. Mit tausend anderen. Und mit Bartimäus.

Es ist übrigens der letzte Weg, den Jesus geht. In ein paar Tagen wird er am Kreuz sterben. Und Bartimäus wird dabei sein. Kaum kann er sehen, muss er mit anschauen, wie Jesus stirbt. Aber nach ein paar Tagen sieht er ihn wieder. Da sieht er dann alles. Und weiß und versteht. Jesus lebt. Und ich soll auch leben. So bleibt Bartimäus bei Jesus. Die ganze Zeit. Und eine ganze Ewigkeit. Im Leben, im Tod und im Auferstehn. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


»Ermöglicher« – und nicht »Verhinderer«

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In entspannter Atmosphäre auf ihrem Balkon in der Erfurter Altstadt traf Willi Wild die Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, zum Gespräch. Es ging dabei um aktuelle Herausforderungen, Kritik aus den Kirchengemeinden und Perspektiven.

Das Landeskirchenamt ist mitten in Erfurt und Sie wohnen unweit des Domplatzes. Was bekommen Sie von den Demonstrationen am Dom mit und was bewegt Sie dabei?
Andrae:
Auf meinem Nachhauseweg komme ich am Domplatz vorbei. Den Mittwochs-Demonstrationen kann ich da gar nicht entgehen. Ich finde die Polarisierung in der Stadt und insgesamt in der Gesellschaft erschreckend, auch wenn die Zahl der Demonstranten zurückgegangen ist. Natürlich bewegt mich die Frage, wie wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, integrieren können.

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Mein Mann und ich gehören zum Unterstützerkreis der Begegnungsstätte »Café Paul« in der Predigergemeinde. Dort treffen sich Menschen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Das sind erst mal ganz einfache Begegnungen. Ich lerne aber dabei sehr viel über die Menschen und habe plötzlich ein ganz konkretes Bild über die Lebenswirklichkeit von Mustafa und Maarouf. Aber auch sie erfahren etwas über mich.

Wie begegnen Sie auf der anderen Seite Menschen, die Angst vor Überfremdung haben und das christliche Abendland in Gefahr sehen?
Andrae:
Sicher gibt es in unserer Kirche Menschen, die solche Ängste haben. Grundsätzlich müssen wir als Kirche die Ängste vor dem Fremden oder die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ernst nehmen. Was wir derzeit an Gewalt, Krieg und Zerstörung von Lebensgrundlagen erleben, verursacht Ängste. Da nehme ich mich gar nicht aus. Es ist wichtig, eine Gesprächsbasis zu finden.

Was bedeutet das im Umgang mit anderen Religionen?
Andrae:
Da bin ich Lernende. Ich merke immer wieder, wie wenig ich über andere Kulturen, andere Religionen und die Lebenswelten anderer weiß. In der Begegnung wächst mein Verständnis. Ich bin ein offener Mensch und empfinde Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern als Bereicherung. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass mein Arbeitsplatz nicht in Gefahr ist und dass die Flüchtlinge für mich keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sind. Deshalb kann ich mir kein Urteil über Menschen erlauben, die ihre Existenz bedroht sehen.

Seit fünf Jahren ist das Landeskirchenamt der EKM jetzt in Erfurt im Collegium maius mitten in der Altstadt. Welche Verbindung haben Sie als Kirchenbehörde zur Stadt?
Andrae:
Eine enge Verbindung habe ich von Anfang an angestrebt. Dem Ort, dem Collegium maius, der alten Erfurter Universität mit Martin Luther als berühmtesten Schüler und Lehrer, fühlen wir uns verpflichtet. So oft es möglich ist, öffnen wir unser Haus für Veranstaltungen. Die »Collegium-maius-Abende« werden gut angenommen. Wir wollen unser Haus öffnen und wir wollen den gesellschaftlichen Diskurs. Für mich ist die Kunst im Landeskirchenamt ganz wichtig. Regelmäßig organisieren wir Ausstellungen und laden ein zur Teilnahme an unseren geistlichen Angeboten, den Morgengebeten und mittwochs zum Mittagsgebet in der Michaeliskirche, gegenüber dem Landeskirchenamt.

Viele Mitarbeitende im Landeskirchenamt engagieren sich ehrenamtlich. Wir haben im Haus für Flüchtlinge gesammelt oder die Arbeit der Stadtmission unterstützt.

Sie wollen erstmals die Öffentlichkeit ins Landeskirchenamt einladen. Was haben Sie vor?
Andrae:
Am 10. September von 10 bis 14 Uhr gibt es einen »Tag der offenen Tür«. Wir wollen unsere Arbeitsbereiche vorstellen und Menschen einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das weit über Erfurt hinausgeht. Kirchengemeinden und Mitarbeitende sind eingeladen, ihr Landeskirchenamt zu besuchen, um beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit der EKM kennenzulernen oder sich über das EKM-Projekt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen zu informieren. Aber auch Fragen nach der Funktionsweise unseres Finanzsystems in der EKM werden fachkundig beantwortet. Ich möchte die Kirchengemeinden ermuntern, die Möglichkeit für einen Gemeindeausflug zu nutzen.

Das Verständnis für die Arbeit und die Arbeitsweise des Landeskirchenamtes scheint an der Basis nicht sehr ausgeprägt. Angesichts von Strukturreformen, Stellenkürzungen oder der Zusammenlegung von Kirchengemeinden wächst der Unmut. Viele fragen sich, wohin soll die Reise gehen? Was ist das Ziel?
Andrae:
Die Frage nach dem Ziel ist eine gemeinsame und vor allem eine geistliche Frage, die alle Ebenen unserer Landeskirche betrifft. Die Rahmenbedingungen für die kirchliche Arbeit haben sich, auch im gesellschaftlichen Kontext, in den letzten Jahren erheblich verändert. Ich sehe die zentrale Funktion des Landeskirchenamtes darin, unter den geänderten Rahmenbedingungen das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Gemeinden zu ermöglichen und zu gewährleisten. Wir wollen »Ermöglicher« und nicht »Verhinderer« sein. So hat sich bei den Schwerpunkten der Arbeit im Landeskirchenamt einiges verändert. Unsere Aufgaben als Aufsicht gehen zurück, die der Beratung und Dienstleistung nehmen zu. Wir bieten in einigen Bereichen Spezialwissen an, das in Kreiskirchenämtern oder auf Kirchengemeindeebene so nicht vorgehalten werden kann.

ErSommerlogo GuHreicht Sie die Kritik aus den Kirchengemeinden?
Andrae:
Ja, natürlich erreicht mich die Kritik. Und ich nehme wahr, dass es unter den geänderten Rahmenbedingungen für die Gemeinden und Kirchenkreise nicht leicht ist, Schwerpunkte zu setzen oder die Arbeit in bestimmten Bereichen neu zu organisieren. Die Verantwortung liegt vor Ort. Über den Stellenplan für den Verkündigungsdienst beschließt die Kreissynode. Wie die konkrete Dienstanweisung für die Pfarrerin oder den Pfarrer aussieht, wird zwischen diesen und den Kirchengemeinden unter Beteiligung des Superintendenten ausgehandelt. Das Landeskirchenamt hat lediglich eine Rahmenanweisung erlassen, um einer Überlastung vorzubeugen. Damit wollen wir die Pfarrerinnen und Pfarrer im Verkündigungsdienst unterstützen.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Da müssen im Landeskirchenamt der EKM große Aufgaben geschultert werden. Was ist Ihnen wichtig?
Andrae:
In erster Linie wollen wir als EKM gute Gastgeber sein. Natürlich sind wir stolz auf die vielfältigen Schätze, die wir in der EKM haben. Die schönen Kirchen, die wunderbare Kirchenmusik, die Kunst und die Menschen in unseren Kirchengemeinden. Wir wollen zeigen, dass wir eine lebendige Kirche sind, die sich – ganz im Sinne der Reformation – verändert. Das Reformationsjubiläum ist eine Chance, dass wir als EKM noch stärker unsere gemeinsame Identität finden. Wir gehören zusammen und vieles verbindet uns, ob wir in Eisenach oder in der Altmark leben.

Welche Perspektive hat Ihrer Meinung nach die EKM?
Andrae:
Eine Frage, die uns weiter beschäftigen wird: Wie kann es uns gelingen, neben dem Bewährten etwas Neues zu etablieren, in den Veränderungsprozessen, in denen wir uns befinden? Gute Traditionen erhalten und Neues ausprobieren. Ein gutes Nebeneinander von Tradition und Innovation. In den »Erprobungsräumen« nehmen missionarische Projekte einen wichtigen Platz ein. Bunte Vielfalt anstatt ausschließlich starrer Formen.

Eine zweite wichtige Frage ist, wie es uns gelingt, religiöse Themen in die Gesellschaft einzubringen. Wo erreichen wir die Lebenswirklichkeit der Menschen? Da ist Phantasie gefragt. Ich wünsche mir natürlich auch eine Kirche, die verantwortlich mit ihren Ressourcen umgeht. Und ich wünsche mir, dass man gerne in dieser Kirche arbeitet. Sei es im Haupt- oder im Ehrenamt. Wenn wir etwas von der Freude des Evangeliums ausstrahlen, fände ich das wunderbar.

Sie hatten im vergangenen Jahr einen runden Geburtstag?
Andrae:
Ach ja.
Sonne-web

Denken Sie schon über die Zeit nach dem Berufsleben nach? Und welche Ziele haben Sie, was möchten Sie bewegen?
Andrae:
Ich bin 60 geworden. Nach wie vor macht mir die Arbeit viel Freude. Die verbleibenden fünf Jahre bis zu meinem Ruhestand möchte ich nutzen, um zwei Anliegen zu befördern: Das ist zum einen die strategische Personalentwicklung für den Verwaltungsdienst in der EKM. Hier haben wir für die Entwicklung und Implementierung ein Projekt für das Landeskirchenamt und exemplarisch in drei Kreiskirchenämtern aufgelegt. Zum anderen: Wie gelingt es, das Landeskirchenamt noch stärker zukunftsfähig zu machen? Wie können wir den Erwartungen der Adressaten noch besser entsprechen? Wo setzen wir inhaltliche Schwerpunkte? Diese Fragen sind vor dem Hintergrund der Einsparungen in 2019 zu lösen. Nach jetzigem Stand sind auf der landeskirchlichen Ebene zweieinhalb bis drei Millionen Euro einzusparen.

Und das, obwohl sich die Einnahmesituation im vergangenen Jahr doch erheblich verbessert hat?
Andrae:
Die Einnahmen im Haushalt der EKM bestehen nur zu 50 Prozent aus eigenen Mitteln, der Kirchensteuer, 30 Prozent kommen aus dem EKD-Finanzausgleich und 20 Prozent sind Staatsleistungen. Trotz der Einnahmesteigerung geht die Gemeindegliederzahl kontinuierlich um jährlich zwei Prozent zurück. Bis 2025 wird es circa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler in der EKM geben. Darauf müssen wir auf der Ausgabenseite reagieren.

Ihre Aufgabe nimmt Sie sehr in Beschlag. Gibt es da überhaupt noch ein Leben außer des Amtes?
Andrae:
Gott sei Dank! Ja.

Wobei können Sie entspannen?
Andrae:
Mein Mann und ich entspannen, wenn wir mit unseren beiden Kindern und deren Familien zusammen sind. Mit unseren beiden Enkelinnen fahren wir in den Urlaub an die Ostsee. Die Große wird elf und die Kleine ist fünf, die kommt das erste Mal mit. Wir lieben das Meer. Anschließend sind wir in Mecklenburg mit unserem alten DDR-Faltboot unterwegs.

Daneben interessiere ich mich für Kunst oder sitze gern mal gemütlich in einem Café.

Fast wie ein Familientreffen

6. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Posaunenchor Thale: Die Liebe zur Musik und der christliche Glaube verbinden seit über 50 Jahren

Zur Ehre Gottes erklingen am Wochenende beim zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag in Dresden die Instrumente unter dem Motto »Luft nach oben«. Mit dabei ist auch der Posaunenchor der Harzer Kirchengemeinde Thale.

Sie sei die Dienstälteste im Posaunenchor, erzählt Ursula Meckel, Pastorin im Kirchenkreis Halberstadt. »Gleich, als ich vor 40 Jahren hierher kam, habe ich mitgemacht.« Doch die Geschichte reicht viel weiter zurück. Der aus Oschersleben zugezogene Heinz Ehrhardt entschloss sich 1961, in Thale einen Posaunenchor zu gründen und begann mit zwei ganz alten Instrumenten, bei denen er fehlende Schrauben durch Streichhölzer ersetzte. Zunächst mit zwei interessierten Jugendlichen; wenig später kam seine Ehefrau Doris dazu. Die beiden sind zwar nicht mehr aktiv, doch noch heute tragen vier Mitglieder des Posaunenchores den Namen Ehrhardt: Sohn Stefan ist unterdessen der organisatorische Leiter, dazu Schwiegertochter und zwei Enkelsöhne. Während Doris und Heinz als Ehrengäste beim Posaunentreffen in Dresden dabei sind, gehört ihr Sohn zu den »Strippenziehern«, die im Stadion dafür sorgen, dass das Zusammenspiel von rund 22 400 angemeldeten Musikern klappt.

Generationsübergreifendes Miteinander: Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Kirchenmusikerin Christine Bick. An diesem Wochenende geht es gemeinsam zum zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag. Foto: Uwe Kraus

Generationsübergreifendes Miteinander: Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Kirchenmusikerin Christine Bick. An diesem Wochenende geht es gemeinsam zum zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag. Foto: Uwe Kraus

An Freitagabenden wird das Gemeindehaus St. Andreas in Thale zum »klingenden Haus«; dann treffen sich dort zwölf Menschen zwischen 14 und 66 Jahren zur gemeinsamen Probe. »Das gleicht einem Familientreffen: Zwei Paare mit jeweils zwei Kindern, Vater und Sohn, ein Ehepaar. Irgendwie fühlen wir uns als Bläser-Familie, viele sind freundschaftlich und durch Patenschaften miteinander verbunden«, erläutert Ursula Meckel. »Wir waren schon 2008 beim ersten deutschlandweiten Posaunentag in Leipzig im Stadion dabei, dieses Jahr werden wir als Thalenser wieder komplett anreisen. Uns verbindet die gemeinsame Liebe zur Musik ebenso wie der christliche Glaube.«

Seit 1965 ist der Chor »spielfähig«, etwa 80 Bläser zählten über das halbe Jahrhundert dazu, an die 60 von ihnen hat Heinz Ehrhardt ausgebildet. Mal übernahmen hauptamtliche Kantoren den Chor, mal gab es Hilfe vom Posaunenwerk der Landeskirche, mal dirigierte der Gründer selbst. Seit dem 40. Chorjubiläum gibt die Quedlinburger Kantorin Christine Bick den Takt vor. »Wir wollen das Evangelium laut in die Welt hinausposaunen«, sagte Stephan Eichner beim ersten Kreisposaunentag des Kirchenkreises Halberstadt. Er ist Pfarrer in Osterwieck und als Obmann des Posaunenwerks der EKM einer der Macher des Dresdner Posaunentags.

Ob ihre Mitglieder zehn oder über 70 Jahre alt sind, die Posaunenchöre des Kirchenkreises Halberstadt verfügen über etwa 100 Mitglieder, jeder vierte Ton kommt dabei von einer Frau. In vielen Gemeinden werde die Jugendbläserarbeit ehrenamtlich betreut oder in Zusammenarbeit mit Musikschulen betrieben und zeige gute Ergebnisse. »Wir gehören gerade zum ländlichen Raum einfach dazu. Das ist schön und eine Anerkennung für uns«, so Ursula Meckel, die als Vertretungspfarrerin unterdessen 47 Gemeinden im Kirchenkreis kennengelernt hat.

Die Programmhöhepunkte der nächsten Monate stehen: »Am 10. Juni gestalten wir den ökumenischen Gottesdienst zum 1 050. Ortsjubiläum im Burghof von Hessen (Harz), im benachbarten Zilly blasen wir im September zum großen Erntedankgottesdienst des Dorfes.«

Uwe Kraus

Losfahren und ankommen

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Unterwegs: Die Zahl der Radfahrerkirchen und Radgottesdienste in Mitteldeutschland wächst stetig

Mancher freut sich über stille Einkehr, andere über ein intensives Gemeindeerlebnis. Radwegekirchen erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Kristin Jahn ist auch zwei Wochen später noch begeistert. »Für uns war es eine Premiere, und zwar eine gelungene«, bilanziert die Pfarrerin an der Wittenberger Stadtkirche. Die Kirchengemeinde hatte am 30. April zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen, mit über vier Stunden Länge und zwei Ortswechseln. Fast zwei Dutzend Menschen kamen mit ihren Drahteseln zum ersten Radtourgottesdienst rund um Wittenberg, an den Stationen schlossen sich weitere Männer und Frauen an. »Unsere Fahrt lebte von gastfreundlichen Gemeinden, wir haben Kirchspielgrenzen überschritten, und es war so viel kommunikativer«, schwärmt Pfarrerin Jahn. Denn die Gottesdienst-Besucher seien nicht bloße Konsumenten, jeder allein ins Gebet vertieft. »Die Gemeinschaft hat sich ganz anders erlebt. Es entstehen viel einfacher Gespräche«, berichtet Kristin Jahn.

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Selbst am Ausgangspunkt der Reformation, in der Lutherstadt Wittenberg, genügt es scheinbar nicht mehr, das Kirchenjahr einfach abzufeiern. Auch hier lassen sich Geistliche und Gemeindeglieder etwas einfallen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen. Die Wittenberger Premiere ist ein Steinchen in einem Mosaik aus Radfahrerandachten, Radgottesdiensten und Radwegekirchen in der EKM und der Anhaltischen Landeskirche.

67 mit Siegel zertifizierte Radkirchen gibt es aktuell auf dem Gebiet der EKM, von Hildburghausen in Südthüringen über Weßnig im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch bis nach Seehausen in der Altmark. In der Landeshauptstadt Magdeburg öffnen sich vier Kirchen den Radfahrern in besonderer Weise, selbst in der Kleinstadt Wiehe im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda sind es zwei Gotteshäuser. In Anhalt – Deutschlands kleinster Landeskirche – haben bereits elf Kirchen das Zertifikat, am bekanntesten ist wohl Steckby an der Elbe.

Doch auch die Städte ziehen mit: Allein drei Kirchen in Bernburg tragen das Signet mit Radfahrer-Piktogramm und Kirche. Die meisten Radfahrerkirchen befinden sich an den großen Radwegen. Aber auch abseits breiter Pfade lässt sich viel entdecken: einen Internet-Reiseführer zu den Dorfkirchen im Wittenberger Land und rund um die Dübener Heide bietet der Verein »Mitteldeutsche Kirchenstraße« an, und im EKM-Veranstaltungskalender werden regelmäßig herzliche Einladungen ausgesprochen, wie Ende April im 180-Seelen-Ort Kriechau bei Weißenfels. Das dortige Kirchlein ist keine offizielle Radwegekirche, liegt aber direkt am Saale-Radweg. Zum jährlichen Saisonstart organisiert Kirchenälteste Beate Schlegel eine Tour zu umliegenden Kirchen.

Zu den bekanntesten Radfahrerkirchen gehört Weßnig bei Torgau. Das rund 200 Jahre alte Kirchengebäude liegt direkt am Elberadweg, wird seit 2003 als Radfahrerkirche genutzt, und ist damit Deutschlands erste Radwegekirche. 5 000 Radfahrer machen hier jährlich Halt – die Ankommenden werfen einen kleinen Stein in eine Box, das ermöglicht eine Schätzung der Besucherzahlen – und rasten vom Radeln. »Sie halten aber auch inne, beten und lassen ihren Gedanken freien Lauf«, weiß Pfarrer Maik Hildebrandt. Manche tragen sich in das Gästebuch ein oder hinterlassen auf losen Zetteln ihre Gedanken – Hildebrandt greift dies oft im Fürbittengebet auf. Der Theologe betont, dass in der Kirche jeder willkommen ist. »Aufgrund der Einträge im Gästebuch oder der Gebetszettel ahnen wir, was die Menschen mit sich herumtragen, wenn sie auf dem Elberadweg unterwegs sind und sie einen Ort finden, um all das einmal aufzuschreiben oder im Gebet auszusprechen«, sagt der Pfarrer. So unterschiedlich die Menschen auch seien, das Angebot des Auftankens und Entschleunigens in der Kirche nutzen alle gleichermaßen. Dass dies möglich ist, dass die Weßniger Kirche täglich auf- und zugeschlossen wird, dass sie ordentlich ist und immer eine Kerze brennt, darum kümmert sich in Weßnig ein Ehrenamtlicher. »Die Zahl der ehrenamtlich Tätigen wird kleiner. Zur Eröffnung der Radfahrsaison im Mai haben wir über die Jahre hinweg immer Kaffee und Kuchen angeboten. In diesem Jahr war das nicht mehr möglich. Uns fehlen die Engagierten in unseren kleinen Gemeinden«, berichtet der Pfarrer.

Die Idee der Radfahrerkirchen ist vergleichsweise jung, heißt es vom Kirchenamt der EKD. Erstmals explizit als Radfahrerkirche genutzt wurde der Nachbau der Johanniskirche im Klosterpark Reinhardsbrunn in Thüringen, die Kapelle trägt jedoch nicht das grüne Signet. Das Logo sowie einheitliche Standards existieren seit 2009, seit 2012 lassen sich alle teilnehmenden Kirchen in einem gemeinsamen Internetauftritt finden. Derzeit können Pedalritter an 357 deutschen Kirchen, an 106 Radwegen gelegen, rasten.

Eine gemeinsame Strategie für die Radwegekirche auf dem Gebiet der EKM gibt es derzeit nicht. In der Landeskirche ist das wichtige Feld »Kirche und Tourismus« verwaist. Die Projektstelle, die auf die Kirchenprovinz Sachsen zurückgeht, ist ausgelaufen. »Da kann man niemandem einen Vorwurf machen«, sagt Matthias Ansorg, Leiter des EKM-Gemeindedienstes. Derzeit stehen Luther und das Reformationsjubiläum im Fokus. In Kontakt mit den Verantwortlichen vor Ort bleibt der Gemeindedienst dennoch und hofft, ab 2018 wieder mehr Kraft für Kirche und Tourismus zu haben. Gerade die Radwegekirchen seien eine »unendlich wichtige Schnittstelle zur Welt«.

Katja Schmidtke

Nächste kirchliche Radtour in der EKM: Am 22. Mai im Pfarrbereich Braunsbedra (Kirchenkreis Merseburg): Um 13 Uhr beginnt an der Gnadenkirche in Bedra die Rad-Sternfahrt nach Branderoda.

Schild weist den Weg


Blick-2-20-2016Wer das Signet »Radwegekirche« tragen will, muss Voraussetzungen erfüllen: Radwegekirchen liegen in unmittelbarer Nähe zu einem Radwanderweg und sind zwischen Ostern und dem Reformationstag tagsüber verlässlich geöffnet. Sie sind durch Hinweisschilder als Radfahrerkirche ausgewiesen und bieten Abstellmöglichkeiten für die Räder, Tische und Bänke zur Rast, idealerweise auch Zugang zu Trinkwasser und Toiletten. Vor allem aber sollen sie als Kirchen erkennbar sein: Sie sind ein geistlicher Raum, bieten Gelegenheit zu Andacht, Gebet oder Seelsorge. Eine Karte mit allen Wegen und Kirchen in ganz Deutschland unter:
www.radwegekirchen.de


Der Küster und sein Chef

2. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Kirchenwächter mit Leib und Seele – Roberto Bergmann: »Ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben geht es nicht«

An seinem ersten Arbeitstag übergab ihm der Superintendent eine Handvoll Schlüssel mit der Bemerkung: »Die passen alle – irgendwo.« So habe er sich damals seine neue Arbeitsstelle im wahrsten Sinne des Wortes »erschlossen«, erinnert sich Küster Roberto Bergmann.

Das ist jetzt 27 Jahre her. Eigentlich hat er mal Bäcker gelernt, aber die Nachtarbeit war nicht sein Ding. Da fehlten ihm einfach die sozialen Kontakte. Als seine Frau angefangen hatte, in Weimar zu studieren, ist er mitgegangen und fand in Apolda in der Kirchensteuerstelle als Sachbearbeiter Arbeit. Als die Stelle des Küsters zu besetzen war, fragte ihn der Superintendent: »Herr Bergmann, wär das nicht was für Sie?« Und ob.

Ein Jugendtraum schien in Erfüllung zu gehen. Schon in Waltersdorf, seinem Heimatort in der Sächsischen Schweiz, hatte er als Kind das Küster-Ehepaar bewundert. Sie war für die Kirche zuständig, der Mann hatte den Friedhof unter sich. »Vor dem hatte ich Spindus!« Was wohl soviel wie Respekt bedeuten soll. Wenn er den Schulweg abkürzen wollte, ist er öfter über den Friedhof gegangen. Aber wehe, wenn ihn der Küster dabei erwischt hat. Dann musste er die Füße in die Hand nehmen.

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Die Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, das hatte ihn damals schon fasziniert. Und so musste man ihn in Apolda auch nicht zweimal bitten, Custos – also Wächter – für die große Lutherkirche und die Martinskirche zu sein. Mit etwas Wehmut denkt er an die ersten Jahre zurück. Damals stand der Küster noch auf der Gehaltsliste der Landeskirche Thüringens. Das sei heute leider nicht mehr so. Bergmann und seine Küsterkolleginnen und -kollegen in Mitteldeutschland haben den Eindruck, ein lästiges Anhängsel zu sein.

Mit der Bildung der EKM sind Küsterstellen weggefallen. Heute gibt es vielleicht noch etwa 40 Vollzeitstellen in der gesamten Landeskirche. Bergmann ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Küster und er hat das Gefühl, dass sein Berufsstand kein ernstzunehmender Verhandlungspartner für die Kirche ist. Das Selbstbewusstsein seiner Zunft sei deshalb auch nicht sehr ausgeprägt. Küster ist im Osten kein anerkannter Lehrberuf, nur eine Tätigkeit. Das sei im Westen anders.

Olaf Wrosch, Küster an der Schlosskirche in Wittenberg, kam vor vier Jahren aus Westfalen in die Lutherstadt. Er ist stolz auf seine Ausbildung zum Küster. Er stellt aber auch fest, dass der Stellenwert des Amtes und die Wertschätzung in seiner früheren Kirchengemeinde in Soest größer waren als hier. An Dankesworten fehle es meistens nicht – auch nicht an Beteuerungen, wie wichtig die Aufgabe sei, so Bergmann. So schrieb der frühere Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, dem Deutschen Evangelischen Küsterbund (DEK) ins Stammbuch: »Die biblischen Vorbilder Ihres Berufs machen deutlich, dass der Küsterdienst immer ein Bestandteil der Verkündigung und damit ein im weitesten Sinne geistlicher Beruf war.« Die Realität sehen die Küster anders. Sie befürchten, dass ihr Dienst immer mehr ins Ehrenamt abgeschoben wird.

Vor vier Jahren sollte Roberto Bergmanns Stelle einer Reform zum Opfer fallen. Wenigstens eine Reduzierung sollte es werden. Aber der Küster wehrt sich. Die Arbeit sei in der vollen Stelle schon kaum zu bewältigen. Drei Kirchen hat er zu betreuen, daneben noch kirchliche Gebäude instand zu halten. 85 Prozent Betriebshandwerker, 15 Prozent Küsterdienst. Die Diakonie hat ihn schließlich übernommen. Das war eine schlimme Zeit der Unsicherheit. Früher hat man ihm mal gesagt: »Fang bei der Kirche an und du verlierst den Glauben.« Soweit ist es dann aber doch nicht gekommen. Trotz der Enttäuschung mit Gottes Bodenpersonal, zu dem er sich ja auch zählt, hat er die Freude an seiner Aufgabe nicht verloren. Wenn Menschen göttliche Ordnung fabrizieren wollen, blieben Zerwürfnisse und Verletzung nicht aus, stellt er fest. Sein Glaube habe sich in den Jahren im Kirchendienst verändert. Die Beziehung zu Gott, den er Chef nennt, ist direkter geworden. »Aus einem Bekannten wurde ein guter Freund«, stellt er fest. Wenn es ihm ganz schlecht gehe, dann schließt er sich in der Kirche ein. Wie Don Camillo hält er Zwiesprache mit seinem Gott. »So, Chef, jetzt hast du mal nur für mich Zeit!«

Das Küsteramt ist für ihn kein Beruf wie jeder andere. Da ginge es wohl allen seinen Mitstreitern gleich, meint er. Diesen Dienst könne man nicht machen ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben. Er kenne eigentlich nur eine ehrenamtliche Küsterin, die – obwohl sie nicht konfessionell gebunden war – sich für dieses Amt interessierte. Mittlerweile habe sie sich taufen lassen, um ganz dazuzugehören. »Küster, die nur ihren Job machen, gibt es nicht. Die innere Berufung ist zu spüren.« Bergmann sieht sich nicht nur als Assistent des Pfarrers, sondern hat in seinen Vor- und Nachbereitungen der Gottesdienste immer die Gemeinde vor Augen. »Der Kantor ist für die Musik zuständig, der Pfarrer für die Predigt und die Liturgie und ich sorge für den einladenden Rahmen.« Besonderen Wert legt er dabei auf den Blumenschmuck am Altar. Im Frühling und Sommer komme es nicht selten vor, dass er auf dem Weg zum Gottesdienst anhält und aus dem, was die Natur bietet, ein farbenfrohes Potpourri zusammenstellt. Überhaupt hat er Freude am kreativen Gestalten. Oft kommen ihm im Gottesdienst Ideen für Meditationen und Andachten in der Passionszeit oder am Buß- und Bettag.

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Bergmann fotografiert und experimentiert gern mit Licht. Bild, Text, Musik und Licht verbindet er dann zu einer Einheit. Auch die Glocken bezieht er da mit ein. »Die Glocken sind das Instrument des Küsters. Das ist unsere Musik«, sagt er und lacht dabei. Als Küster ist er der Erste und der Letzte in der Kirche. Es gebe deshalb wohl keine Küsterin, keinen Küster, die nicht von »meiner Kirche« spräche. Abgestumpft sei er trotz der vielen Predigten, die er höre, nicht. Er suche in jedem Gottesdienst ein Wort, einen Impuls, über den er nachdenken könne. »Nach all den Jahren weiß ich aber genau, an welcher Stelle in einer Predigt das Amen kommt.« Manchmal muss er vermitteln, sagt Bergmann, wenn die Predigt nicht bei allen Besuchern auf Zustimmung gestoßen ist. Da gehe es mitunter um seelsorgerliche Anliegen. Bergmann hat auch dafür ein offenes Ohr. Das bestätigen die Gottesdienstbesucher. »Der Roberto, das ist der gute Geist unserer Kirche«, schwärmt Apoldas Stadtführer Thomas Burkhardt.

Der Küster hat im Moment eine Großbaustelle zu betreuen. Die Lutherkirche wird aufwendig saniert. Bis zur Landesgartenschau und dem Reformationsjubiläum 2017 sind noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen, aber er ist froh, dass der Altarraum in diesem Monat fertiggestellt werden soll. Dass die Kirche von der Denkmalbehörde als Bauwerk von nationaler Bedeutung eingestuft worden ist, macht ihn stolz. Seine innige Verbindung beschreibt er mit dem Psalmwort, dass über dem Gottesdienst zu seiner Amtseinführung vor 27 Jahren stand und ihn bis heute begleitet: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26,8). Zu seinem Glück fehle ihm eigentlich nur noch der Schlüssel der katholischen Kirche, sagt Bergmann augenzwinkernd. »Dann wäre ich der erste ökumenische Küster.«

Willi Wild

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

»Eingaben sind wie Petitionen im Parlament«

3. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mitsprache: Wie jedes Gemeindemitglied Einfluss auf seine Landeskirche nehmen kann

Sollte die Kirche sich stärker in der Flüchtlingsarbeit engagieren? Einkehrhäuser und Rüstzeitheime für Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung stellen? Und wie steht es mit dem kirchlichen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung?

Die Gemeindemitglieder an der Basis machen sich Gedanken über das, was die Kirche tun und was sie lassen sollte. Sie haben Wünsche und Erwartungen an die Kirche. Die Landessynoden sind als Kirchenparlament das oberste Entscheidungsgremium der evangelischen Landeskirchen und damit Adressaten für die Anliegen in den Gemeinden. Wie kann nun ein einzelnes Gemeindemitglied Einfluss auf die Landessynoden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Evangelischen Landeskirche Anhalts nehmen?

Jedes Gemeindemitglied kann eine Eingabe an die jeweilige Landessynode schicken. Besonders rege wird diese Möglichkeit nicht genutzt. Die Zahl der Eingaben, die pro Tagung die Synode der EKM erreiche, bewege sich im einstelligen Bereich, so Kirchenrat Thomas Brucksch, Leiter des Referates Allgemeines Recht und Verfassungsrecht im Erfurter Landeskirchenamt. In der anhaltischen Landeskirche sieht es nicht viel anders aus. »In dieser Legislatur waren es 15 Eingaben«, sagt Präses Andreas Schindler.

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

»Eingaben von Gemeindemitgliedern sind wie Petitionen beim Parlament«, erklärt Brucksch. In der EKM gehe jede Eingabe an das Präsidium, werde dort bekanntgegeben, eventuell ausgehängt, sodass sie zur Kenntnis genommen werden könne. Das Präsidium gibt dann die Eingabe je nach Thema in einen der zehn Ausschüsse der Landessynode. Das kann beispielsweise der Ausschuss für Diakonie und soziale Fragen, der Haushalts- und Finanz­ausschuss oder der Ausschuss Umwelt, Klima und Landwirtschaft sein. Es könne sein, so Brucksch, dass die Synode nicht zuständig ist. Wenn es sich etwa um eine Eingabe zur Finanzierung der Kirchturmrestaurierung in einer Gemeinde handelt, würde der Ausschuss die Eingabe an die Kreissynode weiterreichen, wo sie am richtigen Platz wäre.

Der Ausschuss versuche, das hinter einer Eingabe liegende Problem zu erkennen, das möglicherweise in der Synode beraten werden sollte, legt Brucksch dar. Im Fall der Kirchturmsanierung könne es also sein, dass der Ausschuss schlussfolgert: Es ist ein Skandal, wenn das Geld für den Kirchturm fehlt. Das muss die Synode ändern.

Wenn aus Sicht des Ausschusses das Thema im Plenum erörtert werden soll, stellt er einen Antrag an die Landessynode, beispielsweise Änderungen am Finanzsystem vorzunehmen. Die Synode könne sich aber nicht zu allen Themen äußern, merkt Brucksch an. Deshalb sei es Aufgabe des Ausschusses, zu fragen, wie mit den Eingaben umzugehen ist. Manchmal könne er zu einer Frage nichts sagen und gibt die Eingabe an das Landeskirchamt. Der Adressat einer Eingabe bekomme immer eine Antwort.

Der Weg der Eingaben läuft in Anhalt etwas anders. Die Eingaben kommen zum Präses. Er teilt sie zu Beginn jeder Tagung der Synode mit. Es gibt einen Eingabenausschuss, an den die Eingabe geht, und der überlegt, wie sie bearbeitet werden soll. Sie werde dann wie in der EKM an einen Ausschuss weitergeleitet. Einige wenige, so Schindler, gehen an den Landeskirchenrat.

Neben der Möglichkeit, eine Eingabe an die Landessynoden zu richten, kann jedes Gemeindemitglied Anliegen über die Kreissynode oder über einen Landessynodalen einbringen.

In Anhalt sind überdies während jeder Synodentagung Gemeindemitglieder zu einer Fragestunde eingeladen, die allerdings keinen großen Zulauf habe, so Schindler.

Zahlenmäßig werden nicht viele Eingaben eingereicht, im Blick auf die Themen ist es ein buntes Potpourri. In der EKM beziehen sich die Eingaben auf Kirchenmusik, die kirchliche Lebensordnung, das Pachtvergabeverfahren und das Reisekostenrecht.

Selbstbestimmtes Sterben, der konziliare Prozess und Wirtschaftswachstum sind einige der Themen in Anhalt. Oder auch die Altersgrenze für Gemeindekirchenräte, die – angestoßen durch eine Eingabe – heraufgesetzt wurde. Mussten nach der alten Regelung Kirchenälteste mit 75 aus dem Gemeindekirchenrat ausscheiden, können sie nun noch mit 75 gewählt werden. Zum Umgang mit den Eingaben in der anhaltischen Landeskirche zieht der Präses ein positives Fazit: »Ich habe noch nie erlebt, dass eine Eingabe versandet ist.«

Sabine Kuschel

Sammeln will gelernt sein

14. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Fundraisingtag: Es geht um viel mehr als Geld – nämlich um die Kunst, Gunst zu gewinnen

Auf einer dramatischen Flucht von Syrien in Richtung Europa das eigene Kind zu verlieren, ist etwas, das für Eltern ein kaum vorstellbares Grauen ist. Einer kurdischen Flüchtlingsfamilie, die im Juni vergangenen Jahres in den Saale-Orla-Kreis kam, ist genau dies passiert.

Über soziale Medien konnten sie das Mädchen ausfindig machen. Doch wie das Kind zu den Eltern zurückholen? Dabei erwies sich Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz als Retter in der Not. Unterstützt durch viele Mitstreiter in seiner Gemeinde und im ganzen Umkreis und gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat, dem DRK-Suchdienst, dem Bundesamt für Migration, dem türkischen Generalkonsulat und der Deutschen Botschaft sowie vielen anderen Behörden, fand er das Mädchen, flog mit den Eltern in die Türkei und konnte die Familie wieder zusammenzuführen und nach Deutschland bringen. Dafür erhielt Groh im Rahmen des Mitteldeutschen Fundraisingtages am 8. März in Jena den Mitteldeutschen Fundraisingpreis 2016.

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

»Ich bin dankbar für diese Auszeichnung und freue mich, dass mein Handeln in dieser Sache von anderen als hervorhebenswert angesehen wird. Ich will mit dem, was ich tue, Menschen dafür gewinnen, ähnliche Dinge zu tun«, erklärt Fabian Groh. »Doch unendlich mehr als der Preis bedeuten mir die Menschen und die Momente, die ich in dieser Geschichte erleben durfte: in die Augen der Menschen zu sehen, die sich wieder haben und wissen, was ich an ihnen getan habe. Das ist mein Glück«, betont der 38-Jährige. Ohne die Unterstützung vieler Menschen, auch mit Geld, hätte die Geschichte der Familie kein so gutes Ende nehmen können.

Ein Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist »Fundraising« – »Schätze heben« könnte man den englischen Begriff übersetzen, der heute in aller Munde ist. »Beim Fundraising geht es darum, Menschen für eine gute Sache zu gewinnen, für eine Idee, einen gemeinsamen Wert«, erläutert Doris Voll, Organisatorin des Fundraisingtages in Jena. »Wir alle haben eine Verantwortung, die Welt ein Stück besser zu machen und Fundraising gibt dazu das Handwerkszeug«, so Voll.

Fundraising – die sanfte Kunst, die Freude am Spenden zu lehren? Geht es also nur ums Geld? Fabian Groh hält diese Sichtweise für falsch. Natürlich sei Geld zur Verwirklichung von Zielen wichtig und auch die finanzielle Unterstützung durch andere, aber: »Für mich ist etwas anderes wichtig beim Fundraising: Es ist für mich das Gewinnen von Menschen für ein Ziel. Ich will die Herzen der Menschen gewinnen. Gespendete Lebenszeit und Lebenskraft, das Engagement für andere ist viel mehr wert als totes Gold«, betont Fabian Groh.

Der Fundraisingtag gilt als größtes Treffen von Vereinen, Verbänden, Kirchgemeinden und gemeinnützigen Unternehmungen in Mitteldeutschland. Organisatorin Doris Voll freute sich auf den Austausch und viele Kontakte. Auch Volker Maibaum nahm an der Veranstaltung teil. Der Gemeindepfarrer von Gotha-Sundhausen ist einer von mehreren ausgebildeten Fundraisern in der EKM. Für ihn steht der Beziehungsaufbau an erster Stelle in Sachen Fundraising. »Eine Beziehung aufzubauen braucht immer Zeit. Das ist bei allen Beziehungen so, ob privat, beruflich oder eben für soziale und karitative Projekte. Um ein gutes Vorhaben voranzubringen, muss man eine gute Beziehung aufbauen: zum Spendenprojekt und zu den Spendern. Man muss aufeinander hören, die Beziehung festigen und man darf sich nicht scheuen, nach Unterstützung und eben auch nach Geld zu fragen«, so Volker Maibaum. Lokale Projekte seien gut geeignet, damit Menschen sich für sie engagieren. So zum Beispiel die Erneuerung des Glockenturms einer Gemeinde oder die Anschaffung einer neuen Orgel. Ebenso können aber auch Projekte mit Gruppen, in der Jugendarbeit oder mit Kindern gefördert werden. »Die Menschen wollen sehen, dass das für sie einen Mehrwert hat und dann sind sie auch bereit, dieses zu unterstützen«, weiß Maibaum. Er glaubt, dass die Gemeinden schon vieles in dieser Richtung richtig machen. Ein Fundraising-Workshop kann sie dabei unterstützen und ihnen professionelle Möglichkeiten und Wege aufzeigen. Dafür bietet der Gemeindedienst der EKM Unterstützung an.

Fundraiser: Volker Maibaum

Fundraiser: Volker Maibaum

Für den Fundraising-Preisträger Fabian Groh steht ebenso wie für Volker Maibaum die Beziehung zwischen Menschen beim Fundraising an erster Stelle. »Durch konkretes Engagement für Menschen wachsen Beziehungen«, ist sich der Pfarrer sicher. »Das ist etwas anderes als wenn ich anonym etwas spende.« Wer Menschen kennenlerne, dem wachsen diese quasi ans Herz, man mache echte Erfahrungen und erlebe gemeinsam etwas mit anderen. »Mir hilft das sehr, mich in dieser bewegten Welt zu verorten. Durch persönliches Engagement bekommt mein Leben in dieser Welt eine ganz neue Qualität als wenn ich die Welt nur am Bildschirm wahrnehme«, so Groh.

Mehr noch als alle anderen Einrichtungen, Träger und Wohlfahrtsverbände, die beim Mitteldeutschen Fundraisingtag teilnehmen, sind es vor allem die Kirchen, die von jeher im Besonderen vom Engagement ihrer Mitglieder leben. Und dennoch: Viele Kirchenmitglieder verweisen auf die Einnahmen der Kirchensteuer und wollen sich nicht an Projekten beteiligen. Ebenso im säkularisierten Bereich – der Staat möge doch mehr regeln. »Das ist eine fatale Sichtweise«, sagt Doris Voll. »Sowohl der Staat als auch die Kirche als Institution kann und soll auch nicht alles regeln. Ich glaube, dass das bürgerschaftliche, das christliche Engagement sozusagen das Salz in der Suppe ist, etwas, das zusammenschweißt, neue Energie gibt und Identität stiftet.« Alles Dinge, die beim Fundraising nicht nur das Projekt, sondern die Gemeinschaft an sich weiterbringen können. Die Frage, warum es wichtig ist, sich als einzelner zu engagieren und nicht alles den Institutionen zu überlassen, ist eine Frage, die sich Pfarrer Fabian Groh so noch gar nicht gestellt hat. »Ich suche in meiner Biografie vergeblich nach Anknüpfungspunkten, wo ich andere verantwortlich gesehen hätte, wenn meine Angehörigen, Klassenkameraden oder Freunde in Not waren. Jesus sagt: Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten. Dass ich mich als einzelner Bürger engagiere, ist wichtig, weil ich Mensch, weil ich Gottes Geschöpf bin.«

Diana Steinbauer

Hier erfahre ich mehr

Mit Hilfe des Fundraisings werden Unterstützer für gemeinnützige Projekte gewonnen. Es geht nicht nur um die Einwerbung von Spendengeldern, sondern auch darum, Begeisterung und Gemeinsinn zu wecken sowie am Leben zu erhalten. Fundraising versteht sich als »Kunst, Gunst zu gewinnen«.

Fundraising in den Gemeinden:
Der Gemeindedienst der EKM berät Gemeinden und vermittelt, wie Fundraising funktioniert: Wie entwickeln wir ein Projekt weiter? Wie erreichen wir Unterstützer und Spender? Wie dokumentieren und begleiten wir die Unterstützer?
Informationen unter www.gemeindedienst-ekm.de/themenfelder

Service rund ums kirchliche Fundraising:

Unter www.fundraising-evangelisch.info finden Sie auf der Internetseite der Fundraising­akademie Material, Anleitungen und Beispielprojekte.

Fundraisingtage:

Diese sind eine gute Anlaufstelle. Vorträge und Workshops führen ein in die Welt des Fundraising.

Gemeinsam aufstehen

2. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltgebetstag: Kinder und das Zusammenleben der Generationen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Liturgie aus Kuba

Wenn am 4. März zum Weltgebetstag eingeladen wird, schauen Christen weltweit auf einen kleinen Inselstaat in der Karibik: Kuba.

Vengan, vengan to-dos – Steht auf, steht gemeinsam auf: Dieser Kanon aus der kubanischen Weltgebetstagsordnung bringt auf den Punkt, was die Frauen des Inselstaates der Welt zu sagen haben: Steht gemeinsam auf. Träumen wir von der Zukunft. Leben wir unsre Träume. Bauen wir am Reich Gottes. In den Mittelpunkt der Liturgie haben sie die Kinder und das Zusammenleben der Generationen gestellt. Die Kubanerinnen wissen, was damit verbunden ist. Leben doch viele Familien auf engstem Raum zusammen, da der Wohnraum knapp ist. Nicht nur Eltern, Großeltern und Kinder bewohnen ein Haus mit oft nur ein oder zwei Zimmern, manchmal sind auch Tanten und Onkel mit dabei. Das hat Vorteile, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Aber vor allem Nachteile: Junge Paare, die keine Wohnung bekommen, wollen auch keine Kinder oder höchstens eins. So steigt die Überalterung in Kuba rapide.

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Zum kubanischen Weltgebetstagskomitee gehören Baptistinnen, Katholikinnen, Frauen von der Heilsarmee oder der presbyterianischen Kirche. Ormara Nolle Cao ist die Präsidentin des Komitees. Seit 2007 hat man sich bemüht, als Weltgebetstagsland ausgewählt zu werden, berichtet sie. Die Weltgebetstagsversammlung in New York wählte den Inselstaat 2012 aus. Im Jahr darauf begann die Arbeit für die kubanischen Christinnen. »Es war schwierig, aber ein Segen für alle, die daran mitgearbeitet haben«, sagt Ormara. Das Hauptproblem sei die Verständigung mit dem internationalen Komitee gewesen. »Es war nicht leicht, ihnen begreiflich zu machen, was uns beschäftigt.« Da ging es zum Beispiel um den Begriff »Blockade« in den Gebetsbitten. Auf ihn wollten die Kubanerinnen nicht verzichten, in New York kam das Wort dagegen nicht gut an. Ein Ringen auf den verschiedenen Ebenen, das sich letztlich lohnte und zur gegenseitigen Wertschätzung und Verständigung beitrug.
Welt-2-09-2016Die Entspannung zwischen den USA und Kuba und dass Barack Obama im März als erster Präsident der Vereinigten Staaten in das lange verfemte Kuba reisen wird, war am Anfang der Vorbereitungen nicht abzusehen. »Es hat sich seit Dezember 2014 so viel verändert. Wir sind sicher, dass nichts ohne Gottes Führung passiert«, ist Ormara überzeugt.

Wer sich genau umhört im Lande, spürt, dass die Christen lange vom Staat unterdrückt wurden. Sie konnten keine Leitungspositionen bekleiden und waren vom Studium der Geisteswissenschaften ausgeschlossen. Vor allem die älteren Frauen haben das Gemeindeleben aufrechterhalten. Frauen sind die Starken im Land, bis heute. Auch wenn der kubanische Mann als Macho bekannt ist, Frauen zeigen eine große Kreativität im Kampf ums tägliche Leben. Sie sorgen für die Familien, geben christliche Werte und Traditionen weiter, engagieren sich bei kirchlichen Vorhaben. Trotz der Doppelbelastung sind sie heute auch in Wirtschaft und Gesellschaft stark vertreten. Die Politik wird allerdings nach wie vor von dem überalterten und männlich dominierten Politkader aus regiert.

Die Weltgebetstagsbewegung hat die Konfessionen des Inselstaates zusammengebracht. 1981 wurde in Kuba erstmals Weltgebetstag gefeiert. Damals waren nur wenige Glaubensrichtungen vertreten. Inzwischen sind 30 Kirchen an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Das habe das Verständnis füreinander befördert und die Solidarität zwischen den Frauen gestärkt, sagt Ormara.

Dietlind Steinhöfel

Die Autorin war im Herbst 2015 zu einer Studienreise auf Kuba, zu der die Erwachsenenbildung und die Evangelischen Frauen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eingeladen hatten.

Weltgebetstag der Frauen
Jedes Jahr am ersten Freitag im März laden Christinnen unterschiedlicher Konfessionen zum gemeinsamen Gebet ein. In mehr als 170 Ländern wird dann der Weltgebetstag der Frauen gefeiert, in diesem Jahr am 4. März. Dabei steht jedes Mal ein anderes Land im Mittelpunkt. 2016 ist es die Karibikinsel Kuba. In Deutschland beteiligen sich jährlich bis zu einer Million Menschen am Weltgebetstag. Die Idee zu der inzwischen weltgrößten ökumenischen Basisbewegung stammt aus den USA, wo sich Christinnen 1887 erstmals zu einem Weltgebetstag versammelten. 1927 wurde der erste internationale Gebetstag gefeiert. Seit 1949 wird dieser Tag auch in Deutschland begangen.


Frauen, die sich nicht verstecken

29. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Persönlichkeiten: Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt und Superintendentin Beate Marwede machen Mut, beherzt Möglichkeiten auszuloten

Als Kristina Kühnbaum-Schmidt 2013 das Amt der Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl übernimmt, unterschreiben drei Frauen die Einladung zu ihrer Einführung: die Landesbischöfin, die amtierende Präses der Landessynode und die Präsidentin des Landeskirchenamtes. Ihr neuer Arbeitsbereich, der Süden Thüringens, hat aber selbst in der frauenfreundlichen EKM eine Sonderrolle: Kristina Kühnbaum-Schmidt ist die einzige Regionalbischöfin der Landeskirche, zwei von insgesamt nur acht Superintendentinnen der EKM sind in ihrem Propstsprengel tätig. Beate Marwede, die seit 2011 den Kirchenkreis Meiningen leitet, ist eine von ihnen. Warum sie sich trauten in das Amt, erzählen die beiden im Interview.

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Ist es in Ihrem Berufsalltag noch ein Thema, dass Sie Frauen sind?
Kristina Kühnbaum-Schmidt (KKS):
Mit Marita Krüger hatte ich eine Vorgängerin, die eine sehr präsente Pröpstin war. Daher habe ich es von Anfang an als völlig unstrittig erlebt, dass eine Frau dieses Amt wahrnimmt.
Beate Marwede (BM): Im Konvent, im Kirchenkreis und in der Öffentlichkeit wird das als etwas völlig Normales verstanden. Mir begegnet auch nicht, dass ich als Frau in dieser Position infrage gestellt bin. Nur manchmal, wenn ich außerhalb der EKM bin, sind die Menschen dann doch erstaunt.

Sind Frauen in Leitungspositionen auch in der übrigen EKM selbstverständlich?
KKS:
Zu Beginn war ich im Bischofskonvent neben der Landesbischöfin die einzige Frau. Mittlerweile ist durch die Senior des Reformierten Kirchenkreises, Dr. Jutta Noetzel, noch eine Frau hinzugekommen. Das macht schon etwas aus, ohne dass ich genau beschreiben könnte, was das ist. Wir sind eine Kirche, die zeigt, dass sie ein Interesse daran hat, dass Frauen in Leitungspositionen und Repräsentationsämtern sind. Und sie tut auch viel dafür.
BM: Dieser ausdrückliche Wunsch nach Frauen in Leitungsämtern war ein Motiv, warum ich mich in der EKM beworben habe. Für das Superintendentenamt im Kirchenkreis Meiningen standen der Kreissynode drei Frauen und ein Mann zur Wahl.

Warum trauen sich dennoch so wenige Frauen, sich zur Wahl zu stellen? Derzeit gibt es 37 Kirchenkreise in der EKM. Nur acht von ihnen werden von Frauen geleitet.
BM:
Wer sich zur Wahl stellt, trägt auch immer das Risiko zu scheitern. Ich habe diese Enttäuschung erlebt, das ist nicht ganz einfach. Außerdem ist die Aufgabe von Superintendenten sehr fordernd. Frauen achten genau auf die Rahmenbedingungen für eine Aufgabe. Möglicherweise betrachten viele diese Aufgabe als sehr stressbelastet, mit Konfliktmanagement und auch der Einsamkeit dieses Amtes verbunden.
KKS: Frauen schauen manchmal zu sehr darauf, was von ihnen wohl erwartet wird und weniger darauf, in welcher Eigenständigkeit und Freiheit sie es gestalten könnten. Dabei macht Gestaltung den Reiz dieser Ämter aus. Ich würde mir wünschen, dass Frauen noch beherzter auf die Möglichkeiten zugehen, Kirche in einer nicht unwichtigen Rolle mitzugestalten.

Warum haben Sie sich getraut, den Schritt auf der Karriereleiter zu gehen?
BM:
Mich hat dieses Leitungsamt auf der mittleren Ebene mit all seinen Möglichkeiten herausgefordert – die Gestaltung der Arbeit auf Kirchenkreisebene, die Zusammenarbeit mit anderen. Eine ausgesprochen spannende und he­rausfordernde Tätigkeit.
KKS: Mich hat das Arbeiten in der EKM gereizt, die ich in der Außenwahrnehmung als große, lebendige und vielfältige Kirche erlebt habe. Zum anderen wollte ich meine Kompetenzen in eine Leitungsverantwortung einbringen, die einen seelsorgerlichen und geistlichen Schwerpunkt hat. Und ich fand die Zwischenposition zwischen Propstsprengel
und Landeskirche ungemein reizvoll.

Muss die EKM etwas ändern, damit sich noch mehr Frauen trauen?
KKS:
Wir sollten uns selbstkritisch fragen, wie attraktiv Leitungsämter sind. Regionalbischöfe sind wirklich viel unterwegs, sowohl im Propstsprengel als auch auf der landeskirchlichen Ebene. Das ist auch gut, das macht das Amt aus. Mit kleinen Kindern würde das schwer fallen.
BM: Superintendenten sind sehr viel im Kirchenkreis unterwegs und das oft auch abends, da wir viel mit Ehrenamtlichen arbeiten. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind und dass allein mein Mann auf meine Anwesenheit oftmals verzichten muss.

Braucht es einen starken Mann hinter der erfolgreichen Frau?
BM:
Ich schätze es sehr, dass ich einen Ehemann habe, der sich vor allem ehrenamtlich engagiert und für ganz vieles im Hintergrund sorgt.
KKS: Es braucht einen starken Mann, der mit einer selbstbewussten, kompetenten Frau zusammenlebt. Eine Frau im Leitungsamt ist sicher keine, die sich versteckt, sondern eine Frau, die ein klares Gegenüber ist – auch in der Ehe.

Interview: Susann Winkel

Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

Der Wind weht, wo er will

16. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Energiewende: Der Strombedarf der EKM soll auf ökologische Weise selbst erzeugt werden

Wenn etwas Unsichtbares etwas Sichtbares bewegt, dann meint man in der Kirche meist den Heiligen Geist. Unsichtbar, immateriell und stark ist auch der Wind, mit dem der Heilige Geist oft verglichen wird. Die Kraft des Windes will man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu nutze machen.

Manchmal passen alte Weisheiten einfach. Auch bei erneuerbaren Energien. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.« Oder, aktueller: Wind­räder. Die EKM macht genau dies: Windräder bauen und betreiben. Mit einem eigenen Unternehmen, dem »EKM-StromVerbund«. Wie aber wird eine Landeskirche Stromproduzent?

Drübeck, 2010: Die Herbsttagung der Landessynode stimmt einem Beschluss des Umwelt-Ausschusses zu. »Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat zu prüfen, ob die EKM (…) eigene Investitionen in erneuerbare Energien vornehmen kann«, hieß es da. In der folgenden Frühjahrstagung in Wittenberg sollte die Synode einen abschließenden Beschluss fassen. Sechs Tage vor Synodenbeginn bebte in Fukushima die Erde. Der entstandene Tsunami und dessen Folgen sind bekannt. Auch auf die Energiepolitik hierzulande. Die Investition in erneuerbare Energien wird von den Synodalen bei neun Gegenstimmen und elf Enthaltungen abgesegnet. Im Herbst 2011 beschließt das Kollegium des Landeskirchenamtes (LKA) in Erfurt die Gründung eines eigenen kirchlichen Unternehmens – auf Empfehlung einer renommierten Wirtschaftsprüfergesellschaft. Im Folgejahr wurde der »EKM-StromVerbund« aus der Taufe gehoben, der sich um die beschlossenen Investitionen kümmern soll. Die Pläne für eine solche Unternehmensgründung bestanden schon lange vor dem Synodalbeschluss, wie Oberkonsistorialrat Diethard Brandt vom Referat für Grundstücke der EKM gegenüber »Glaube+Heimat« erklärte.

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Stefan Große, Finanzdezernent der EKM, sagte im November 2011 kurz nach dem Beschluss: »Die EKM verbraucht jährlich 33 Millionen Kilowattstunden Strom. Unser Ziel ist es, genauso viel Strom auf ökologische Weise selbst zu erzeugen.« Neu an dem Vorschlag war, selbst in die Energieerzeugung zu investieren. Zwar drehen sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits rund 140 Windräder auf Kirchengrundstücken. Aber bisher gehört keines davon der Kirche selbst. Mit der Gründung des »EKM-StromVerbundes« sollte sich das ändern.

Derzeit betreibt das kirchliche Unternehmen drei Wind­energieanlagen. Zwei in der Nähe von Halle und ein drittes im Kirchenkreis Gotha. In Planung sind weitere in Brandenburg, Nordhausen und Gera. Der selbst produzierte Kirchenstrom beläuft sich derzeit auf jährlich etwa 15 Millionen Kilowattstunden.

Kein billiges Unterfangen. Der Einstieg in die Welt der Strom­erzeuger kostete die EKM bisher rund 11,7 Millionen Euro. Finanziert wurde dies durch Kirchenbanken, der Eigenanteil von 20 Prozent (rund 2,3 Millionen Euro) stammt aus dem Grundvermögensfonds der EKM. In diesen Fonds fließen die Gewinne zurück. Im Jahr 2014 waren es gut 1,5 Millionen Euro. Für Thomas Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft im Referat für Grundstückswesen des LKA in Magdeburg, ist diese innerkirchliche Wertschöpfungskette entscheidend. Er erklärt: »Die Kirchengemeinde, auf deren Grund die Windräder errichtet werden, bekommt Pacht von der Landeskirche. Finanziert wird alles durch die Kirchenbank, kirchliche Fonds geben das Eigenkapital, in die die Einnahmen zurückfließen und am Ende gibt es Kirchenstrom.« Energie von der Kirche für die Kirche.

In einer ersten Ausbauphase soll der Stromverbrauch der verfassten Kirche, in der zweiten auch der Verbrauch der diakonischen Einrichtungen (insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden) aus kircheneigenen Windkraftanlagen gedeckt werden. Diethard Brandt kann sich auch eine kirchliche Direktvermarktung vorstellen. Die EKM wäre dann nicht nur Stromerzeuger, sondern auch -anbieter. Doch Brandts Blick in die Zukunft wirkt ein wenig gedämpft. »Lange kommunale Planungszeiträume und die zunehmende Zurückhaltung von Kirchengemeinden bei der Bereitstellung kirchlicher Grundstücke behindern neue Projekte.«

Doch Windenergieanlagen haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Im Durchschnitt werden die Betriebskosten mit 2,5 bis 4 Prozent der Investitionskosten beziffert – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und: Nach Recherchen des Südwestrundfunks sind viele Windkraftanlagen unrentabel. Die Auslastung eines Windrades wird in Volllaststunden gerechnet. Gut 1 700 Volllaststunden gelten dabei als Richtwert, um rentabel zu wirtschaften. Nur werde dieser oft verfehlt. Gründe können mangelnder Wind oder verfehlte und zu hoch angesetzte Windgutachten sein. So berichten Betreiber aus Süddeutschland, dass ihre Windertragsgutachten um 20 bis 35 Prozent zu hoch angesetzt seien. Weniger Wind bedeutet weniger Rendite. Dabei nehmen die Erträge mit der Windgeschwindigkeit nicht linear ab oder zu, sondern potentiell. Was also passiert, wenn die EKM-Windräder in die Verlustzone geraten? Aus welchen Töpfen müsste dann Geld genommen werden? »Das wird nicht passieren«, sagt Thomas Wick. Bisher sei das Unternehmen profitabel, auch wenn 2014, das erste volle Betriebsjahr, ein schwaches Jahr war. Außerdem sei die Laufzeit auf 20 Jahre angesetzt. Windarme Jahre können so durch die regionale Verteilung der Anlagen aufgefangen werden. Ein ursprünglich für die Herbsttagung der Synode geplanter Bericht über die Erträge der Anlagen kann aber, so heißt es aus dem Landeskirchenamt, leider noch nicht vorgelegt werden.

In der Kirche fließen nun nicht mehr nur Ströme des lebendigen Wassers. Sondern auch eigens produzierter grüner Strom. So lange der Wind weht.

Stefan Körner

Elternzeit im Pfarrhaus

9. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeindeleben: Dienstliches und Privates lassen sich in Pfarrfamilien schwer trennen

Windeln wechseln statt Gottesdienstvorbereitung – Pfarrerinnen und Pfarrer in Elternzeit

Der Sonntagnachmittag ist eine heilige Zeit für Pfarrerin Stephanie Ladwig. Komme, was wolle – die Zeit reservieren sie und ihr Mann für ihre zwei Töchter. Ohne Absprache wird nichts geplant, Dienste werden nur in absoluten Ausnahmen angenommen. Für die 36-Jährige aus dem ostthüringischen Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) ist der Nachmittag eine wichtige Institution zur Trennung von Privatem und Beruflichem. Denn als Pfarrerin ist sie immer erreichbar, auch in ihrer Elternzeit. Seit Sommer 2014 ist sie mit ihrer zweiten Tochter »zu Hause«, wie es so schön heißt. Aber ist man als Pfarrerin zu Hause nicht trotzdem auch an der Arbeit? Sich während einer Elternzeit gänzlich aus allem rauszuhalten, hält Pfarrerin Ladwig für kaum praktikabel: »Das soziale Miteinander findet ja trotzdem statt, ich bin in Elternzeit nicht außerhalb von Zeit und Raum«, sagt sie: »Wenn ich von Leuten wusste, die lange krank waren, dann habe ich sie natürlich auch besucht.« Ganz bewusst hat sie eine private Telefonnummer hinterlassen. Wenn der Wunsch bestand, Taufen oder Beerdigungen zu übernehmen, hat sie es möglich gemacht, wenn es ihre Kapazitäten zuließen.

Studierstube im Pfarrhaus in Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) in den 1930er Jahren aus der Wanderausstellung »Leben nach Luther – eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. Foto: Landeskirchenarchiv Eisenach

Studierstube im Pfarrhaus in Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) in den 1930er Jahren aus der Wanderausstellung »Leben nach Luther – eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. Foto: Landeskirchenarchiv Eisenach

Andere Pfarrerinnen und Pfarrer handhaben das anders. In ihrer Elternzeit kommunizieren sie mit dem Verweis auf ihre Vertretung klar, dass sie keine Dienste übernehmen und für Anliegen nicht zur Verfügung stehen. Stephanie Ladwig kann diese Einstellung zwar verstehen, sagt aber auch: »Wir haben eine Verantwortung und die Ordination setzt während der Elternzeit nicht einfach aus.« Einzelne Dienste in Ausnahmefällen zu übernehmen, läge im Ermessensspielraum des Pfarrers oder der Pfarrerin, sagt der Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Michael Lehmann. Elternzeit im Pfarrdienst sei immer eine individuelle Angelegenheit. »In erster Linie wird bei der Gestaltung der Elternzeit von den Wünschen der Eltern ausgegangen und nicht von der Gemeindesituation«, so Lehmann. Die konkrete Umsetzung des Vorhabens liegt beim Kirchenkreis, der die Hoheit über den Personaleinsatz hat. Um die Pfarrstelle und den Wohnsitz in der Dienstwohnung zu behalten, soll die erste Phase der Elternzeit nicht länger als 18 Monate dauern. Im Anschluss daran gibt es umfangreiche Möglichkeiten zur Wiedereingliederung. Stephanie Ladwig etwa arbeitet seit diesem Sommer bereits wieder zu 25 Prozent. Zum Januar 2016 wird sie zunächst eine halbe Stelle besetzen, bevor sie im Sommer wieder voll arbeitet.

Derzeit sind in der EKM sechs Pfarrerinnen und fünf Pfarrer in Elternzeit. Väter nehmen in den meisten Fällen zwei Monate in Anspruch. Weitaus häufiger als im Pfarrdienst, wird Elternzeit während des Vikariats beansprucht. »Die Familienplanung ist bei Eintritt in den Pfarrberuf in vielen Familien bereits abgeschlossen«, sagt Personaldezernent Lehmann.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Derzeit kommen auf 65 Vikarinnen und Vikare 61 Kinder – eine Zahl, die die EKM als Ausbilder vor eine große Herausforderung stellt. Die Gestaltung einer familiensensiblen Ausbildung war deshalb eine große Aufgabe in den vergangenen Jahren. Entstanden ist ein flexibles System, das Elternschaft und Vorbereitungsdienst miteinander verknüpft. Neben finanziellen Familienzuschüssen gibt es verschiedene Betreuungsmodelle für die Kinder während der Kurswochen oder spezielle Familienkurse, bei denen etwa die »Zu-Bett-bring-Zeit« in die Tagesstruktur integriert ist.

Um eine Elternzeit zu überbrücken, bestehen aktuell drei Möglichkeiten. »Am häufigsten bewältigt eine Gemeinde die Elternzeiten in einer Art Vakanz«, so Michael Lehmann. Die Vertretungsdienste übernimmt eine benachbarte Pfarrstelle. »Wichtig ist, dass die Gemeindeglieder wissen, wer während der Elternzeit ihr Ansprechpartner ist«, betont er. Kommen zu Elternzeiten auch Ausfälle durch Krankheit und Urlaub hinzu, gerät der Kirchenkreis schnell an den Rand der personellen Gestaltungsmöglichkeiten. Deshalb rät das Personaldezernat vermehrt zur Einrichtung von Kreispfarrstellen, die explizit die Vertretungsdienste im Kreis übernehmen. Eine dritte Möglichkeit bietet der geordnete Einsatz von Pfarrern im Ruhestand.

Aus der Praxis hat Pfarrerin Stephanie Ladwig gelernt, dass es sich lohnt, die Arbeit auf viele Schultern zu verteilen. »Die Elternzeit ist in dieser Hinsicht ein gutes Lernfeld«, sagt sie. Die Gemeindeveranstaltungen werden in Zoppoten größtenteils von Lektoren und Prädikaten weitergeführt. »Wir haben aber auch für spezielle Aufgaben spezielle Leute gesucht«, sagt Ladwig und ergänzt: »Wir müssen der Gemeinde auch etwas zutrauen und mehr Aufgaben abgeben.«

Mirjam Petermann

Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

Weil wir alle dazu fähig sind

28. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gut und Böse: Zwei Mächte, die eine erstrebenswert, die andere würden wir gern aus der Welt schaffen

Faszination geht von beidem aus. Das Gute ist faszinierend, aber auch vom Bösen geht eine Anziehungskraft aus. Und überwältigt werden kann der Mensch vom Bösen wie vom Guten. Wo kommt das Böse her und wie ist es zu besiegen? Um diese Fragen geht es auf der einen Seite. Auf der anderen um die Frage nach dem Guten, das getan werden will, und um die Sehnsucht, dem Guten so nahe wie möglich zu kommen, mit ihm eins zu werden.

Gut

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Eigentlich ist es schnell gesagt, meint Siggi: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So einfach. Siggi ist ein Mann der Tat. Von ihm kommt kein Gelaber, er packt an. Er baut die Betten auf für die Geflüchteten, besorgt an einem Abend Handtücher und Zahnbürsten, organisiert Sachen aus der Kleiderkammer, wenn er weiß, dass in wenigen Stunden 134 Syrer kommen. Auf dem Sofa sitzen und lamentieren ist seine Sache nicht. Das Böse ist das Gute, das wir unterlassen.

Aber ganz so schnell gesagt kann es dann doch nicht sein. Er holt tief Luft und lehnt sich zurück. »Das Gute ist weit mehr als das, was ich mit meiner Hände Arbeit herstellen kann. Was ich erfassen kann mit meinem Hirn. Deswegen gehe ich sonntags in die Kirche«, sagt er, »deswegen bin ich Lektor geworden«. Er schaut aus dem Fenster. Manchmal, in den auserwählten Momenten, kann er es fühlen: Das Gute ist eine überwältigende Macht. Und viel faszinierender als das Böse. Beim Singen fällt ihm das auf. Und zu Weihnachten, auch wenn er das nie zugeben würde. Und als er zum ersten Mal seinen Enkel im Arm hatte. Da schossen ihm die Tränen. Das Gute ist universell. Es ist allumfassend. Die Energie aus der alles kommt, was ist.

Und er will zu den Guten gehören. Und zu DEM Guten. Dem einen. Dem Wahren und Vollkommenen. Er will für ihn einstehen und notfalls lauthals streiten, er will dazugehören, wie der Fan in der Südkurve. Mit Leib und Leben. Will eins sein mit diesem Großen und Ganzen, wie das Kind im Bauch der Mutter. Das ist die tief in ihm sitzende Sehnsucht. Sein Ziel.

Der Gute erwartet ihn.

Böse

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Es gibt nicht den bösen Menschen. Es gibt das Böse im Menschen. Das Böse fasziniert. Das Wort zum Sonntag: Eine Million Zuschauer! Der Mord am Sonntag (Tatort): Zehn Millionen!

Das Böse fasziniert, weil wir alle dazu fähig sind. Die Bibel kennt uns. Sie beginnt, wenn sie vom Menschen berichtet, mit lauter Bösem: Lüge (Paradies), Mord (Kain), Habgier (Babel).

Das Böse ist nicht angeboren. Freuds These vom Aggressionstrieb, geschuldet der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, gilt wissenschaftlich als überholt. Wir sind keine Aggressionsbündel, die sich durch Gewalt entladen. Für jede Form von Gewalt, von Bösesein gibt es eine Ursache. Die Hexe im Häuschen hat etwas Böses. Ursache: Einsamkeit. Aber Hänsel und Gretel sind auch nicht besser: Die alte Frau in den Ofen schieben und beklauen. Ursache: Rache, Habgier. Gehts noch?

Die Kirche muss sich nicht mit dem Guten beschäftigen. Wo das geschieht, kann die Kirche ein Wittenbergisch Bier trinken. Das Reich Gottes geht weiter.

Die Kirche muss sich mit dem Bösen beschäftigen! Krimis lesen zum Beispiel. Und fragen: Woher kommt das Böse? Kann es sein, dass die Kirche das Böse oft verdrängt? Sich zu schnell in Utopien von heiler Welt flüchtet? Vom Reich Gottes spricht, und das Böse mit seinen schlimmen Folgen anderen überlässt? Der Politik? Sich selbst? Nur den Zeigefinger erhebt?

Der IS fördert das Böse im Menschen. Folter, Hinrichtungen, Vergewaltigungen. Kinder, Frauen erleben die Hölle. Und was sagt die Kirche?

Pazifismus als Hängematte, das geht gar nicht. Dem Rad in die Speichen fallen. Wie kann das heute aussehen? Ohne Gewalt?

Ich bin für Sie da!

12. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Gesundheit: Wie kirchliche Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Menschen begleiten

Klinikseelsorger begegnen Menschen meist in Krisen­situationen und begleiten sie aus ihrem Glauben und dem damit verbundenen Menschenbild heraus.

Es gebe mitunter die Situation, dass ein Patient erschrecke, wenn er zu ihm ins Zimmer kommt, erzählt Pfarrer Ulrich Paulsen, Krankenhausseelsorger am Johanniter-Krankenhaus Stendal: »Der Pfarrer kommt zu mir, steht es etwa so schlecht um mich?« Dann rücke er das zurecht und erkläre, dass er von einem Krankenzimmer zum nächsten gehe und zu Patienten komme – unabhängig davon, ob es einen konkreten Anlass gibt.

Bei seinem Gang über die Stationen bleibt er spätestens im dritten oder vierten Zimmer »hängen«, weil sein seelsorgerisches Angebot dort gern angenommen wird. Zum einen gibt es die Menschen, die sich durch seinen Besuch in ihrem Glauben und in ihrer Kirchenmitgliedschaft bestärkt sehen: »Gut, dass mich die Kirche auch hier begleitet«, hört er dann. Aber bei ungefähr 80 Prozent seiner Besuche erreicht er Menschen, die mit Kirche oder Glaube nicht vertraut sind: »Ihnen erkläre ich dann, dass ich in einem kirchlichen Krankenhaus ein Ohr für sie habe und für sie da bin.« Dadurch begegnet Ulrich Paulsen Menschen, die außerhalb der Klinik vielleicht nie Kontakt zur Kirche suchen würden, aber dankbar für dieses Angebot sind.

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Krankenhausseelsorger tragen in ihrer Haltung etwas weiter von dem Gott, der mitgeht, mitleidet, der liebt und lebendig macht. Wer sich auf ein Gespräch mit einem Seelsorger einlasse, werde »bewusst oder unbewusst etwas von diesem mitgehenden Gott erahnen, vielleicht auch erhoffen und erwarten« – so fasst Kirchenrätin Ulrike Spengler, Referentin Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM, die Chancen der Krankenhausseelsorge zusammen. Krankenhausseelsorge gehöre deshalb auch mit zum Kernauftrag der Kirche.

Das Angebot wird geschätzt: So hat die ablehnende Haltung von kirchenfernen Menschen auf das Seelsorgeangebot, laut Pfarrer Paulsen, deutlich abgenommen. Noch vor 15 Jahren habe er teilweise heftige Reaktionen zu spüren bekommen (»Kirche ist sowieso überholt, da will ich nichts von wissen, brauche ich nicht«). Das hat sich gewandelt. Kirche an sich werde in der Klinik von den Patienten mehr akzeptiert. Er führt das darauf zurück, dass es eine Reihe diakonischer Tätigkeiten gibt, die in der Bevölkerung wahrgenommen und gutgeheißen werden. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle, denn immer seltener gibt es im Krankenhausalltag Zeit für Gespräche mit Patienten.

Kein Tag ist planbar. Zum einen gibt es für die Klinikseelsorger die »ad hoc«-Situationen, in denen sie sich zum Beispiel nach einem schweren Unfall in der Notfallaufnahme seelsorgerisch um den Verunglückten und die Angehörigen kümmern. Zum anderen sind sie echte Seelentröster, wenn als Kehrseite des »mündigen Patienten« dieser schonungslos mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert wird; oft ohne Zeit, diese mit dem Arzt eingehend zu besprechen. In solchen Situationen, in denen einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist Ulrich Paulsen da: »Das ist auch die Chance der Klinikseelsorge, weil wir die Abläufe im Krankenhaus einschätzen und Brücken zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten bauen und ein weiteres Gespräch vermitteln können.«

Der Glaube stehe nicht immer im Vordergrund. »Da, wo ich es mit Menschen zu tun habe, die mir signalisieren, dass sie es nicht so mit Kirche und Glaube haben, da bin ich einfach der, der mit aushält, was im Moment gerade schwer ist. Ich biete aber auch an, dass wir am Ende des Gesprächs zusammen beten oder ich sie in meine Fürbitte aufnehme – das ist eine Variante, die auch Menschen dankbar annehmen, die es nicht gewohnt sind
zu beten.«

Adrienne Uebbing

Krankenhausseelsorge
In der EKM gibt es derzeit etwa 70 Pfarrerinnen und Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagoginnen, die in der Krankenhausseelsorge tätig sind. Ein Drittel von ihnen sind Männer und zwei Drittel Frauen. Die meisten arbeiten in Teilzeitanstellungen, einige kombiniert mit ihrem Dienst im Gemeindepfarramt.


Großzügig und zeitgemäß

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Sanierung: Das Eisenacher Lutherhaus wird sich bald als modernes Museum präsentieren

Vier Wochen bleiben noch, um die vielen leeren Vitrinen im umgebauten Lutherhaus in Eisenach zu füllen. Am 26. September öffnet dort die neue Dauerausstellung »Luther und die Bibel«.

Noch liegt eine dicke Schicht Staub in den blauen, roten, violetten Vitrinen. Kein Zustand, um darin jahrhundertealte Bibeln oder das Kirchenbuch mit dem Taufeintrag von Johann Sebastian Bach zu zeigen. Aber es bleiben auch noch gut vier Wochen bis zur Wiedereröffnung des alten, neuen Eisenacher Lutherhauses.

Im Dezember 2013 schloss das Museum für die erste Großsanierung in der 650-jährigen Geschichte des Fachwerkgebäudes. Zweiundzwanzig Monate später soll es sich als ein modernes Ausstellungshaus präsentieren, das dem erwarteten Besucheransturm zum Reformationsjubiläum gerecht werden kann. Und das jenen Eindruck der Enge und des Stickigen verloren hat, der nicht recht passen will zum Bild der evangelischen Kirche im Jahr 2017.

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Etwa 100 000 Gäste, so die vorsichtige Schätzung, könnten dann auch die vielen Treppenstufen des Lutherhauses hinaufsteigen wollen. Wobei kein Besucher mehr Treppenstufen steigen muss. Durch eine Mitnutzung von Teilen des benachbarten Neubaus sind erstmals alle Räume des Museums weitgehend barrierefrei zu erreichen. Zuvor schafften es Rollstuhlfahrer nicht einmal über die Schwelle, beschreibt der wissenschaftliche Leiter und Kurator des Hauses, Jochen Birkenmeier. Museumskasse und -shop, Toiletten, Garderobe – letztere gab es im alten Bauzustand gar nicht – sowie erstmals ein Raum für Sonderausstellungen sind ebenfalls im Nachbarbau untergebracht.

Das Evangelische Pfarrhausarchiv, das sich bisher unter dem Dach des Lutherhauses befand, wurde in das Landeskirchenarchiv Eisenach ausgelagert; das museumseigene »Bibel-Café« wird nicht mehr betrieben. Durch diese Veränderungen und auch durch das Entfernen von Wänden wurde Platz gewonnen. Die ehemals arg verwinkelten Räume wirken großzügiger, die Museumspädagogik wurde auf zwei Zimmer erweitert. Auf rund 500 Quadratmetern – zuvor waren es nur etwa 300 – wird ab dem 26. September auch die neu gestaltete Dauerausstellung »Luther und die Bibel« zur Bibelübersetzung des Reformators gezeigt.

Ausgestellt werden rund 120 Exponate in den derzeit noch mit Staub bedeckten, rechteckigen Vitrinen, die das Berliner Design-Büro »neo.studio« entworfen hat. Sie geben dem alten Haus, in dem jede Wand schief, in dem nichts rechtwinklig ist, wieder Ecken und Kanten.

Für die zeitgemäße Ausstattung des Museums, zu der multimediale Zugaben wie Touchscreens, Hörstatio­nen und Bildschirme gehören, fielen 1,15 Millionen Euro an. Weitere 2,8 Millionen Euro waren für den Bau notwendig.

Die Hälfte des Geldes stammt aus öffentlicher Förderung, 1,4 Millionen Euro sind Eigenmittel der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, 0,56 Millionen Euro steuerten unter anderem Sponsoren und Bürger bei, die Patenschaften für Exponate übernommen haben.

Susann Winkel

Der Blutstrahl der Gnade

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Das Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren in der Weimarer Stadtkirche (2)

1515 wurde Lucas Cranach der Jüngere geboren. Anlässlich seines 500. Geburtstages würdigt die Lutherdekade in diesem Jahr den Maler unter dem Motto »Bild und Bibel«. Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul stammt nach neusten Forschungen von Lucas Cranach dem Jüngeren. In einer zwölfteiligen Beitragsserie widmen wir uns dem Meisterwerk und seinen Glaubensaussagen.

Einmal führte ich zwei japanische Aikido-Meister durch die Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Wie viele Besucher blieben sie staunend vor dem Cranach-Altar stehen. Ich ließ ihnen Zeit. Dann sagte der ältere, würdigere von ihnen: »Wie der ideale Schwertschlag!« Er meinte den Blutstrahl im Zentrum des Bildes. Wir nennen ihn den Blutstrahl der Gnade.

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

In einem perfekten 90 Grad Winkel verlässt er die Seitenwunde Christi. So saust offenbar ein Aikido-Schwert nieder, wenn es meisterlich geführt wird. So fließt Blut nicht, und so verläuft kein Blutstrahl. Offenbar hat der Maler nicht nach der Natur gemalt. Dieser Blutstrahl hat eine symbolische Bedeutung.

Es gibt Kreuzigungsdarstellungen besonders im Spätmittelalter, da ist der Leib Christi Blut überströmt. Das extreme Leiden Christi spiegelt das extreme Leiden der Christen dieser Zeit. Das ist bei Cranachs Bild nicht der Fall.

Der Körper wirkt nicht gemartert. Die Haut ist glatt. Selbst die Nagelwunden erzeugen nur einen spärlichen Blutstrom. Das fällt dem auf, der vergleichbare Darstellungen gesehen hat, die die Heilswirkung des Blutes zum Thema machen. Oft schweben kleine Engel unter den Wunden und fangen ganze Blutströme von Händen und Füßen mit Kelchen auf. Es sind die Sakramentsgefäße der Kirche, die darin das von Christus erworbene Heil an uns weitergeben. Manchmal fängt auch die Kirche selbst das Blut auf. Sie ist dann als allegorische Gestalt abgebildet, als Frau Kirche, lateinisch »Ecclesia«. Manchmal nimmt auch ein Brunnen diese Mittelstellung ein. Christi Blut füllt ihn, und die Kirche schöpft daraus.

Bei Cranach trifft der Blutstrahl direkt. Deshalb heißt das Bild auch Reformationsaltar. Gnade ist nicht vermittelbar. Das ist eine der zentralen Botschaften Luthers. Niemand besitzt die Gnade und gibt sie an uns weiter. Jeder steht direkt vor Gott. Der Blutstrahl trifft direkt.
Schauen wir in die Bibel, die Martin Luther auf der rechten Bildseite aufgeschlagen uns entgegenhält. Bei einiger Vergrößerung könnten wir es klar lesen: »Das Blut Jesu Christi reinigt uns von allen Sünden« (1. Johannes 1,7) Und ebenso einen zweiten Spruch: »Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden.« (Hebräer 4,16) Cranach ist aufs Kreuz zugetreten und der Blutstrahl zeigt, dass er Gnade gefunden hat.

Und sofort flieht eine Schlange, könnte man meinen. Genau dort, wo das Ende des Blutstrahls sein Haupt berührt, scheint sie sich davonzumachen. Sie gehört eigentlich zur Szene in der Wüste. Aber wenn wir Cranachs Kopf näher betrachten, ist es fast unmöglich, sie nicht mit hinzuzunehmen. Schlange und Kopf bilden eine Sinneinheit

Die geflügelte Schlange ist auch Cranachs Wappen, das ihm einst Kurfürst Friedrich der Weise verlieh. Er hat es mit Stolz verwendet und signierte jedes Bild damit. Die Schlange hatte ursprünglich aufgestellte Flügel. Er legte sie nach dem Tod seines Sohnes Hans in Bologna (1537) nieder. Er gebrauchte von da an die Schlange mit liegenden Flügeln.

Wir sind Sünder und Gerechte zugleich, hat Luther festgestellt. Und auch diese Wahrheit ist zu Häupten des Malers im Reformationsaltar festgehalten. Er schaut uns an. Erlöst und doch der alte geblieben. Die Schlange flieht und ist doch sein Zeichen, an dem er wiedererkannt wird. Seine Sünde ist offenbar eng mit ihm verknüpft. Darin ist er uns ähnlich.

Frank Hiddemann

Der Autor ist Pfarrer in Gera und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Fehlt ein Aufschrei?

27. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulturwandel: Früher waren Rüstzeitheime Selbstläufer – heute müssen sie um ihre Existenz kämpfen

So manches christliche Gästehaus wurde in den vergangenen Jahren geschlossen. Darunter selbst renommierte Einrichtungen. Wo liegen die Ursachen? Der Versuch einer Umschau.

Es war ein richtiger kleiner Bauboom, der da in den letzten drei Jahrzehnten der DDR ausbrach. Hin und her im Lande wurden ungenutzte Pfarrhäuser oder Pfarrscheunen zu Begegnungsstätten und Übernachtungsherbergen ausgebaut. In ihnen traf man sich nicht wie heute zu Freizeiten, denn über die organisierte Freizeitgestaltung beanspruchten Staat, Schule und gesellschaftliche Gruppen die Hoheit. Christen trafen sich zur Zurüstung im Glauben, zu »Rüstzeiten«. Besonders für Jugendgruppen war der Bedarf enorm.

Ob Großhettstedt bei Stadtilm, Bad Berka, Großbreitenbach, Gotha-Siebleben oder Zethlingen in der Altmark: In beachtlicher Eigenleistung – und oft mit Hilfe der Patengemeinden im »Westen« – entstanden Schlafräume, eine kleine Küche, ein Gruppenraum. Der Standard war zumeist bescheiden. Getrennte Waschräume mit Waschbecken, vielleicht sogar mit einem Gasdurchlauferhitzer für warmes Wasser, waren schon schierer Luxus. Eine Tischtennisplatte und zwei feste Pfosten im Pfarrgarten, an denen der Jugendwart das selbst mitgebrachte Volleyballnetz spannen konnte, markierten gehobene Ausstattung. Betten und Bettzeug stammten oft von »Dachbodenspenden«. Wachte man nachts auf, hatten sich die Bettfedern links und rechts zu einem festen Wall verklumpt, während man oben in der Mitte fror …

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Freilich gab es auch bessere Häuser. Die Wartezeiten betrugen dann aber, besonders in den Ferienzeiten oder zu Ostern, Pfingsten und Silvester oft Jahre. Und für eine Rüstzeit einen Termin in einem Haus mitten auf der Insel Rügen zu bekommen, war trotz kilometerweiter Wege bis zum Strand wie ein Fünfer im Lotto.

Dennoch – für Tausende Jugendliche wurden die Tage in den Rüstzeitheimen zu prägenden Erlebnissen, zu Zeiten der Glaubensstärkung, zur bescheidenen Freiheitserfahrung im gegängelten Lebensrhythmus. »Noch heute kommen manchmal Leute vorbei und berichten begeistert davon, dass sie in unserer ausgebauten Pfarrscheune bei Rüstzeiten dabei waren, berichtet etwa Pfarrer Ulrich Matthias Spengler aus Bad Berka.

Das dortige Haus wurde, wie viele andere, schon bald nach der Wende geschlossen. Zu hoch wären die Investitionskosten für eine zeitgemäße Sanitäranlage oder für eine energetische Sanierung, für die Erfüllung von Hygieneauflagen gewesen.

Doch das Sterben der inzwischen in Freizeit- und Tagungshäuser »umgelabelten« Etablissements geht weiter. Auch bekannte Häuser innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mussten in den vergangenen Jahren schließen. Erinnert sei an den Lutherpark in Erfurt oder das in Toplage Weimars untergebrachte Hedwig-Pfeiffer-Haus. Um manches weitere Heim schwirren Alarmmeldungen, sei es das Freizeit- und Tagungsheim Schönburg bei Naumburg oder die Evangelische Jugendbildungsstätte Neulandhaus in Eisenach.

»Wo bleibt der Aufschrei unserer Gemeinden?«, fragt angesichts der Lage Gerhard Bemm vom Förderverein Evangelische Tagungs- und Freizeithäuser in Magdeburg. Für ihn ergibt sich derzeit der Eindruck, dass sich die Träger der Häuser und die Landeskirche insgesamt langsam aus der »langjährig praktizierten gesamtkirchlichen Gastfreundschaft« und »der Ermöglichung der Einübung in christliche Lebensgemeinschaft bei Rüst- und Freizeiten« verabschieden.

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote  bereits staatliche  Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote bereits staatliche Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Wer sich im Lande umhört, stößt freilich zumeist auf ähnliche Probleme: Neben ins Haus stehenden teuren Umbau- und Sanierungsarbeiten, etwa wegen Brandschutzauflagen, ist es vor allem die zu niedrige Auslastung, die zu geringe Nachfrage, die den Häusern Probleme bereitet. Selbst eine gehobene und behindertengerecht ausgestattete Einrichtung wie das Evangelische Allianzhaus in Bad Blankenburg verweist auf Belegungszahlen von rund 50 Prozent bei den Zimmern und 40 Prozent bei den Betten. Bei Touristikfachleuten rangiert es damit schon in der Spitzengruppe Thüringer Beherbergungsstätten in ländlichen Regionen. Den Betreibern stehen dennoch Sorgenfalten im Gesicht.

Die Zeiten haben sich geändert, die Welt steht offen. Entsprechend hat sich auch das Freizeitverhalten angepasst. »Wer für Jugendliche ein Beach-Camp anbietet, kann schon kaum noch mit dem Ostseestrand locken«, weiß etwa Christiane Hildebrandt zu berichten, die beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Sachsen-Anhalt das Freizeitenprogramm betreut.

Auch bei Erwachsenen sind die Ansprüche an den Standard eines Gästehauses heute deutlich höher, sagt Martina Klein. Sie ist als Oberkirchenrätin für die Bildungsarbeit in der EKM zuständig und beklagt unter anderem auch, dass etwa die Fortbildungen kirchlicher Träger deutlich weniger geworden sind, und zugleich bei entsprechenden Angeboten die Verweildauer in den Tagungshäusern kürzer ausfällt. Nach ihren Beobachtungen müssen die Freizeit- und Gästehäuser deutlich professioneller in der Leitung und vor allem in der Vermarktung auftreten: »Es kommt niemand mehr von allein in ein Haus, nur weil es in kirchlicher Trägerschaft ist.«

Weshalb die Fragen des Marketings einer der Schwerpunkte des Gesamtkonzeptes ist, das derzeit für die fünf Häuser in direkter Trägerschaft der EKM erstellt wird: für das Neulandhaus in Eisenach, das Zinzendorfhaus in Neudietendorf, das Augustinerkloster in Erfurt, Burg Bodenstein im Eichsfeld und Kloster Drübeck im Harz.

In Vorbereitung ist außerdem eine Kooperation zwischen dem Neulandhaus als Jugendbildungsstätte und der Evangelischen Akademie in Neudietendorf: Während die hauswirtschaftliche Leitung des Neulandhauses künftig vom Zinzendorfhaus aus erfolgt, sollen die bisher oft mangelhaft nachgefragten Bildungsangebote des Eisenacher Hauses auch über die Akademieschiene vermarktet werden. Und die Akademie will für eigene Jugendangebote künftig das Neulandhaus nutzen, statt in andere Häuser auszuweichen.

Dass es auch positive Zeichen gibt, zeigt beispielhaft das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen zwischen Stendal und Salzwedel. Dort haben sich die Synoden beider Kirchenkreise 2004 dafür dafür entschieden, das 1965 eingerichtete Rüstzeitheim zu erweitern und ein erlebnispädagogisches Konzept zu erstellen sowie die Finanzierung einer entsprechenden Fachkraft zu übernehmen. »Ein mutiger Schritt«, wie Martina Klein es nennt. Doch mit Erfolg: Für viele kirchliche Kindergruppen, aber auch für immer mehr Grundschulen ist das Haus Anlaufstelle. So gut wie alle Wochenenden seien ausgebucht, sagt Birgit Moll, Hausleiterin und Bildungsreferentin des Hauses. Ohne laufenden festen Zuschuss der Kirchenkreise geht es freilich nicht.

»Wir danken unsere Existenz der Einsicht der Synodalen in den Bildungsauftrag der Kirche«, bringt es die ordienierte Gemeindepädagogin Birgit Moll auf den Punkt.

Harald Krille

www.evangelische-freizeithaeuser.de

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Wir warten noch heute auf die Synthese von Seelsorge und Psychotherapie

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Priester, Psychotherapeut, Kirchenrebell – was Eugen Drewermann zum Thema Seelsorge und Beichte zu sagen hat

»Stärkung zur Umkehr« steht über einer Initiative des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in diesem Jahr. Umkehr, Buße und Beichte sollen dabei neu in den Blick genommen werden. Sabine Kuschel sprach über diese Themen mit dem Psychotherapeuten und früheren Priester Eugen Drewermann.

Herr Drewermann, wie stehen Sie zur Beichte?
Drewermann:
Es ist die Frage, wie man sie versteht. Katholischerseits ist die Beichte eines der sieben Sakramente und kann nur gespendet werden vom Pfarrer unter bestimmten Voraussetzungen. Da ist die priesterliche Amts­tätigkeit, die Vermittlung zwischen Mensch und Gott. Und die Beichte selber wird ausgeübt nach Art eines Richteramtes entsprechend dem Wortlaut: Wem der Priester die Sünden vergibt, dem sind sie vergeben. Da gilt der Priester gewissermaßen an Gottes statt.

Das alles ist von den Reformatoren abgelehnt worden, weil es so nicht in der Bibel steht und vor allem, weil es die Unmittelbarkeit des Vertrauens zwischen der menschlichen Person und der Person Gottes, wie Christus sie ermöglicht hat, einschränkt, stört und schädigt, statt sie zu bestärken und zu vermitteln.

Wie können Ihrer Meinung nach Schuldeinsicht gewonnen und Vergebung erfahren werden?
Drewermann:
Ein ganz anderes ist zu betonen. Nämlich wie wichtig eine Aussprache unter Menschen ist. Und da wäre im Sinn der Vereinigung des konfessionell gespaltenen Standpunkts die katholische Kirche an ihre eigene dogmatische Lehrvoraussetzung zu erinnern. Sie sagt, man kann nur als ein getaufter Christ die Beichte und Absolution empfangen. Wenn die Taufe wiederum nicht lediglich eine ritualisierte Form von Gnadenvermittlung ist, sondern die Wandlung des gesamten Lebens in Christus als Wirklichkeit zur Voraussetzung nimmt, dann allerdings kann man vertrauen, dass begangene Schuld, und sei sie noch so schwer, sich überleben und überreichen und überlieben lässt in Christus. Aber das wiederum ist ein langer Prozess. Und das Beste, was wir davon heute vermitteln können, dürfte sich dem anschließen, was im 20. Jahrhundert in vielfacher Weise als Psychotherapie entwickelt wurde. Das ist ein langsam voranschreitendes geduldiges Bemühen durch Vertrauen: langsam Einsicht in die eigene Biografie gewinnen, sie durcharbeiten und durch gefestigtere Standpunkte der Persönlichkeit nach und nach integrieren. So verstehe ich das Anliegen der Reformatoren.

Also ersetzen Sie die Beichtpraxis durch Psychotherapie?
Drewermann:
Das Vertrauen, dass Gott uns vergibt, lässt sich durch keine äußere Instanz ersetzen. Wir können psychologisch sogar sagen, es ist sehr wichtig, darum zu ringen, dass die Menschen, denen man Schaden zugefügt hat, fähig werden zum Vergeben. Aber das kann man in so vielen Fällen gar nicht selber leisten oder erwirken. Es bleibt am Ende außerordentlich schwer, sich mit der Schuld der eigenen Vergangenheit nach und nach zu versöhnen, sich selbst zu vergeben.

Eugen Drewermann: Der kritische Theologe, der vor zehn Jahren aus seiner katholischen Kirche austrat, wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt. Fotos: epd-bild/Friedrich Stark

Eugen Drewermann: Der kritische Theologe, der vor zehn Jahren aus seiner katholischen Kirche austrat, wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt. Fotos: epd-bild/Friedrich Stark

Der Protestantismus hat in meinen Augen vollkommen recht, denn er betont, Glauben hat mit der Überwindung der Angst, mit der Geborgenheit in Christus und der Reifung der Persönlichkeit zu tun. Der Katholizismus müsste an dieser Stelle sich selbst beim Wort nehmen. Man kann nur aus Gnade befähigt werden, Gnade zu empfangen. Ein Mensch ist allein zur Versöhnung, zur Umkehr, zur Wahrheitsfindung, zur reifenden Ehrlichkeit seiner Person imstande, wenn er glauben kann, dass er selber akzeptabel sei. Wenn er all den Verneinungen gegenübertritt, die sein Leben durchzogen haben.

Eine Psychotherapie, bei der kein Sündenregister erstellt wird, sondern der Mensch Geduld, Verständnis und bedingungslose Annahme erfährt?
Drewermann:
Psychotherapie in diesem Sinne ist ein Verfahren, nicht zu verurteilen, gerade nicht ein Bußgericht von außen anzustrengen, wie das in der katholischen Beichtpraxis immer noch geschieht. Sondern ohne zensieren, ohne Wertung, in möglicher Zuwendung und Akzeptanz, im gewissen Sinn voraussetzungslos den anderen so zu sehen, so zu verstehen, so anzunehmen, wie er nun mal ist. Das ist ein Aufgreifen vor allem der therapeutischen Arbeit, die Jesus im Neuen Testament in der Vielzahl der Wunderheilungen den Menschen schenkt. Er überwindet durch seine voraussetzungslose Annahme der Menschen all das, was man an Bösem in ihnen finden mag.

Im Römerbrief heißt es: Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt …
Drewermann:
Martin Luther hat 1520 in seinem Traktat über die Freiheit eines Christenmenschen einmal gemeint: Wenn ihr gute Werke sehen wollt, müsst ihr auf die Person schauen. Und wollte damit sagen: Es geht so vieles in den Menschen vor sich. Wenn ihr schon auf die Hände der Menschen schaut, müsst ihr sehen, wie sie zittern oder sich zu Fäusten ballen. Die Menschen haben eine ganze Biografie hinter sich.

Im Abstand von über 500 Jahren müsste man hinzufügen: Je mehr man begreift, was Menschen tun, wird man verstehen, dass sie Böses gar nicht tun wollen. Was sie tun, mag sehr, sehr böse sein. Aber was in ihnen vor sich geht, ist ein Ringen gegen und mit sich selber. Luther will weiter sagen, es mangelt in aller Regel nicht daran, dass Menschen nicht wüssten, was Gut und Böse ist. Es zerbricht in ihrer eigenen Persönlichkeit die Möglichkeit, das zu tun, was sie selber wirklich wollen. Das ist Römerbrief, Kapitel fünf bis sieben. Das hat Luther als Erfahrung dem Christentum zurückgegeben mit Berufung auf Augustinus und Paulus.

Keine Theologie und Seelsorge ohne Psychologie?
Drewermann:
Die Seelsorge selber müsste psychotherapeutische Qualität annehmen. Den Psychotherapeuten kann man sagen, ihr versucht, in einen Menschen, den ihr noch nicht kennt, ein Vertrauen zu setzen, das sich rein empirisch vielleicht gar nicht rechtfertigt lässt. Insofern hat alles, was ihr tut, ob ihr an Gott glaubt oder nicht, eine religiöse Dimension. Den Seelsorgern müsste man sagen, es hat keinen Sinn, sich in die Position dessen zu setzen, der im Namen Gottes Rat zu erteilen wüsste. Das Wichtigste ist hinzuhören, was Gott in der Seele eines Menschen, der sich an euch wendet, zu sagen hat.

Alles Heil ist konkret. Insofern müssten beide voneinander lernen: die Seelsorger von all dem, was Menschen guttut und was man in psychotherapeutischen Gesprächen methodisch und inhaltlich gelernt hat. Und umgekehrt ist Psychotherapie ohne ein absolutes Vertrauen im Hintergrund kaum durchführbar. Auf diese Synthese aber warten wir.

Warum kommt diese Synthese bisher nicht zustande?
Drewermann:
Sie wird zum einen in der Theologie nicht wirklich angestrebt. Theologischerseits fürchtet man, dass, wenn Gott in der menschlichen Seele gefunden würde, er dann näher erklärt werden könnte. Und auf der anderen Seite: Viele Psychotherapeuten sind heute der Auffassung, dass, wenn von Gott die Rede ist, man einen komplexbelasteten Begriff aus den Kindertagen mit durchs Leben schleppt. Die Therapeuten müsste man heilen von einer Art praktischem Atheismus. Beide Standpunkte sind falsch. Die Menschen frei zu machen, bedeutet auch, sie ein Stück weit auf Gott hinzuführen oder sie sogar als von Gott als begleitet zu betrachten. Und umgekehrt, Gott tiefer zu verstehen in der Seele der Menschen heißt gerade nicht, ihn zu leugnen, sondern wie jetzt gerade zu beobachten: Die Blumen reifen, gerade weil sie die Sonne in sich tragen.

Mein eigenes Begräbnis

23. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen erzählen, wie sie einmal beerdigt werden möchten

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Wichtiger als die Frage, wie ich selbst beerdigt werden möchte, ist mir die Frage, wie ich sterben möchte. Mit einem Wort geantwortet: getrost. Auf Gottes Liebe trauend zu allem, was lebt, auch über den Tod hinaus. Im Vertrauen darauf, dass mein Leben auch nach dem Tod eine Perspektive in Gottes Zukunft hat. So sterben zu können, das wünsche ich mir.

»Dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist«

Deshalb hoffe ich, dass bei meiner Beerdigung von der Auferstehungshoffnung gesagt und gesungen wird. Wenn von dieser Hoffnung her deutlich würde, was schön, verbunden und froh war in meinem Leben ebenso wie das, was schwer war, was fragmentarisch geblieben ist, wo es neben Gelingendem auch Versagen oder Schuld gab.

Bei einer kirchlichen Bestattung kann vieles in Dankbarkeit gesagt werden. Aber nichts muss geschönt werden. Es ist ja Gott, der uns ihm recht macht. Die Feier des Trauergottesdienstes, Texte und Musik bilden dann einen Raum, der alles fasst und aufnimmt, was an Sagbarem und vielleicht auch Unsagbarem da ist. Mir geben dabei vertraute Worte der Bibel Trost. In ihnen können Trauer, Schmerz und Hoffnung sich bergen. Wenn sie bei einer Beerdigung noch gesagt werden, berühren mich besonders die Geleitworte des »In Paradisum«: »Zum Paradies mögen Engel dich geleiten.« Ein Wunsch zur eigenen Beerdigung ist noch: Ich möchte in einem Sarg in die Erde gelegt werden. Schön, wenn er aus dem Holz des Baumes ist, dessen Früchte ich seit meinen Kindertagen in Großvaters Garten liebe – Kirsche. Und wenn dies alles geschieht in der Hoffnung »dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist« (Dorothee Sölle) – ja, das ist eine tröstliche Vorstellung.

Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

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Volker Kreß

Volker Kreß

Es wird wohl mit Rücksicht auf das hohe Amt, das ich in unserer sächsischen Kirche ausüben durfte, nicht so schlicht werden, wie ich es mir wünsche. Und doch: Schön wäre ein im besten Sinn ganz normaler Beerdigungsgottesdienst in der schönen, alten Kirche meiner Heimatkirchgemeinde Dresden-Leubnitz.

Als biblische Lesungen wünsche ich mir den lebensweisen 90. Psalm (»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.«) und die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes aus Markus 16, 1-8. Diese Erzählung habe ich immer geliebt, weil die Frauen nicht mit selbstsicherem Jubel, sondern mit tiefem Erschrecken auf die unserem kleinen Menschenverstand unfassbare Nachricht der Auferstehung reagieren. Ganz in diesem Sinne möge der Pfarrer bitte über den tiefen Paulus-Satz aus 1. Korinther 13, 12 predigen: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.«

»Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin«

Vielleicht könnte mein Cello-Enkel danach das seltsam kantige Präludium aus der vierten Cellosuite von Bach spielen, an dem ich mich oft und gern selbst versucht habe.

Unbedingt gesungen werden sollte von der Gemeinde die wunderbare Strophe des Schlusses von Bachs »Johannespassion« »Ach Herr, lass dein lieb’ Engelein an meinem End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen.«
Und dann bitte still und andächtig zum Grab.

Volker Kreß war von 1994 bis 2006 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

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Alexandra Husemeyer

Alexandra Husemeyer

Das Thema »Beerdigung« beschäftigt mich schon seit der Kindheit. Meine Mutter verabschiedete mich im Sommer 1981 in die Ferien mit dem Buch »Tom Sawyers Abenteuer«. Sie konnte nicht ahnen, dass dieses Buch fortan zu meiner Lieblingslektüre werden sollte. Und meine Lieblingsstelle? Toms Beerdigung. Wie herrlich war es doch, seiner eigenen Beerdigung putzmunter von der Kirchenempore aus beizuwohnen. Tante Polly trauerte und bereute alle über Tom verhängten Strafen. Mein kindliches Herz suhlte sich im Selbstmitleid. Toll, dann würden alle Erwachsenen endlich erkennen, wie unrecht sie mir getan hatten! Ich malte mir meine Beerdigung aus, wählte passende Bibelstellen aus meiner Kinderbibel »Das Wort läuft« aus, ordnete Lieder.

»Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab«

Und heute? Heute ist es immer noch ein wichtiges Thema und ich bin Anhängerin des »guten, alten Stils«. Anonyme Bestattungen sind mir suspekt; am liebsten möchte ich auch nicht verbrannt werden, sondern in einem schlichten, einfachen Holzsarg, ohne umweltbelastenden Lack, in der Erde schlummern dürfen. Rituale am Ende des Lebens sind Ausdruck unserer Kultur und unseres Glaubens. Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab. Auch das gemeinsame Singen, und wenn es noch so brüchig ist, erscheint mir unbedingt wichtig.

Wenn zu meiner eigenen Beerdigung noch Geld übrig ist, wünsche ich mir zur Orgelbegleitung die wundervolle Händel-Arie »I know that my redeemer liveth« (Ich weiß, dass mein Erlöser lebt) aus dem Messias, denn das ist die Botschaft, die unserem Leben Sinn gibt – über den Tod hinaus.

Alexandra Husemeyer führt freiberuflich unter anderem als Katharina von Bora Gäste duch Eisenach

Schlusspunkt für »Annerose« soll dennoch ein Dankfest werden

19. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Aktion Annerose«: Finanzkürzungen, Missverständnisse, Fehler – von den vielschichtigen Ursachen des Endes einer beispielhaften Initiative

Sie war jahrzehntelang ein Musterbeispiel für die Integration von behinderten Menschen und für das Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer. Doch nun kommt das Aus. Hintergründe zum Ende der »Aktion Annerose«.

Es begann vor fast 49 Jahren mit der Veröffentlichung des Briefes einer Rollstuhlfahrerin in einer kirchlichen Zeitung. Annerose Händel aus Crimmitschau schrieb darin, wie schön es wäre, wenn auch behinderte Menschen einmal zu schönen Orten reisen und wie andere auch Urlaub machen könnten. Ihr Brief hatte Folgen, unter anderem in Thüringen. 1970 startete die »Aktion Annerose« unter dem Dach der Thüringer Diakonie ihre erste Rüst­zeit für Körperbehinderte. Annerose Händel erlebte dies selbst nicht mehr. Kurze Zeit vorher war sie verstorben.

Doch die »Aktion Annerose« wurde zu einem bahnbrechenden Modell. Das besondere dabei: Ehrenamtliche Helfer begleiteten während der Urlaubstage die Menschen mit Handicap. Sie halfen ebenso bei der Körperpflege wie beim Bummel durch die Stadt und der Überwindung allgegenwärtiger Barrieren. Bibelarbeiten gehörten zum Programm der meist acht bis zehn Tage sowie Wanderungen, Ausflüge und Besichtigungen. Das kirchliche Kurheim »Sophie« in Bad Sulza etwa war eine der Einrichtungen, in denen regelmäßig »Annerose«-Gruppen zu Gast waren.

Intergration: lange, bevor das Wort Mode wurde

Hunderte, oft auch jüngere Menschen, stellten dafür ihre Freizeit, ihren eigenen Urlaub zur Verfügung. Sie lebten die Integration von und mit Behinderten, als dieses Wort noch lange kein Modewort war. Freundschaften entstanden zwischen Behinderten wie Nichtbehinderten, die oft über Jahre hielten.

Lag vor der politischen Wende in der DDR die Organisation in den Händen des Diakonischen Werkes der Thüringer Kirche, so wurde 1991 »Aktion Annerose« zum eigenständigen Verein. Immer noch aber unter dem Dach des Diakonischen Werkes, das weiter die Sachkosten sowie die Stelle eines Geschäftsführers finanzierte. Rüstzeiten wurden nun zu Freizeiten, neue Reiseziele im Ausland bereicherten das Angebot. Was blieb, war das Netzwerk engagierter freiwilliger Helfer. Doch im Frühjahr dieses Jahres kam der Paukenschlag: »Aktion Annerose« kündigte ihren Mitarbeitern. Wenige Wochen später wurde die Auflösung des Vereins beschlossen.

Was war geschehen? Bis 2010 zahlte die Diakonie Mitteldeutschland jährlich 40 000 Euro zur Finanzierung des Büros in Gotha mit einer vollzeitlichen Geschäftsführerstelle sowie einer weiteren geringfügigen Stelle für die Buchhaltung. Hinzu kamen Mitgliedsbeiträge der zuletzt rund 160 Vereinsmitglieder und Spenden. 2010 informierte die Diakonie darüber, dass die Zuweisungen künftig um jährlich 4 000 Euro gekürzt würden, der Verein sich um alternative Finanzquellen bemühen solle. Im vergangenen Jahr kam für den Verein nach eigenen Angaben unerwartet die Mitteilung, dass die Finanzierung ganz gestrichen sei. Ein nach langen Verhandlungen bewilligter letztmaliger Zuschuss von 15 000 Euro rettete die Arbeit zunächst. Doch auch unter einer im vergangenen Jahr neu gewählten Vereinsleitung gelang es nicht, ausreichend alternative Geldgeber zu finden.

Große Enttäuschung über gestrichene Mittel

Die Enttäuschung im Land ist groß, auch das Unverständnis über die Diakonie Mitteldeutschland. Doch deren Sprecher Frieder Weigmann weist darauf hin, dass man aus der Finanzierung letztlich aus grundsätzlichen Erwägungen aussteigen musste. Denn die Diakonie ist ein Dachverband, der die Interessen seiner Mitglieder nach außen vertritt und die Arbeit koordiniert, auch einmal Sondermittel für besondere Projekte zur Verfügung stellt. Aber nicht die Arbeit vor Ort in den selbstständigen diakonischen Vereinen finanziell trägt. Die Finanzierung von »Annerose« sei eine aus der Vergangenheit überkommene Ausnahme gewesen, die aber ein Ende finden musste, schon aus Gründen der »Gerechtigkeit gegenüber anderen Mitgliedsvereinen«, so Weigmann. Zudem sei dies dem Verein schon lange mitgeteilt worden.

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel und Nils Scheil aus Gotha können es nicht fassen, dass »Aktion Annerose« für immer aufhören soll. Aus ihrer Feder stammt der untenstehenden »Nachruf«. Foto: Harald Krille

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel und Nils Scheil aus Gotha können es nicht fassen, dass »Aktion Annerose« für immer aufhören soll. Aus ihrer Feder stammt der untenstehenden »Nachruf«. Foto: Harald Krille

Ein Argument, das der langjährige »Annerose«-Geschäftsführer Mario Willing nicht gelten lassen will: Andere diakonische Einrichtungen leisteten Arbeiten, die durch öffentliche Mittel beziehungsweise Krankenkassen zu großen Teilen refinanziert würden. Freizeit- und Beratungsangebote für Behinderte aber sind freiwillige Leistungen des Landes. Die Zuschüsse, die Thüringen dennoch seit Jahren zu den Personalkosten zahlt, reichten bei Weitem nicht aus, die Arbeit zu tragen.

Strukturelle Probleme verhinderten aus Sicht des Geschäftsführers auch die Idee, durch professionelles Spenden­einwerben, neudeutsch Fundraising genannt, die Eigenfinanzierung dauerhaft zu erhöhen. Die Diakonie bezahlte dem Verein dafür als Hilfe eine vollständige Ausbildung zum Fundraiser, die Willing absolvierte. Doch: »Ich hätte in erster Linie um Geld für mein eigenes Gehalt werben müssen«, sagt Willing. Und genau dies funktioniere nicht, wie er als Erstes bei der Ausbildung lernte.

»Sie können Spenden für konkrete Projekte einwerben, die einen Anfang und ein Ende haben. Aber nicht auf Dauer für die laufenden Personalkosten«, bestätigt Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und ausgewiesener Fundraisingexperte. Diese müssten vom Verein und seinen Mitgliedern erbracht werden.

Doch zu den strukturellen Problemen kamen wohl auch noch hausgemachte. Instrumente wie eine formale Fördermitgliedschaft, über die Unterstützer mehr als die normalen 3,50 Euro monatlichen Mitgliedsbeitrag zahlen, gab es bei »Annerose« nicht.

Zudem sei schon lange klar gewesen, dass die Mittel weniger werden, aber zu einem »großen Schnitt« habe man sich nicht durchringen können, sagt etwa Kathrin Fickardt, die acht Jahre lang im Vorstand tätig war. Sehr unterschiedliche Meinungen und »persönliche Befindlichkeiten« hätten die Arbeit manchmal behindert. Und auch zu Fehlentscheidungen geführt, so Fickardt, die bei »Annerose« jahrelang die integrativen Singwochen für Kinder leitete. Dazu beigetragen habe ebenfalls, dass mit der Eingliederung des Vereins »Eltern helfen Eltern« 2005 und der »Interessenvertretung Stolperstein« 2008 sehr unterschiedliche neue Arbeitsfelder und Interessen hinzugekommen seien.

Hausgemachte Probleme und fehlende Vernetzung

Fragen muss man auch, ob der Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand, über die Landesgrenze innerhalb der EKM, genügend entwickelt war, ob es nicht an Vernetzung mit anderen Initiativen fehlte. So gibt es bereits seit etlichen Jahren in der diakonischen Einrichtung Bodelschwingh-Haus in Wolmirstedt bei Magdeburg ein Angebot mit vielen Schnittmengen zur »Aktion Annerose«. Eine »Freizeit- und Reisebörse« vermittelt dort begleitete Urlaubsreisen, Theater- und Ausstellungsbesuche sowie Einkaufshilfen für behinderte Menschen. Ebenfalls gestützt auf ein Netzwerk freiwilliger Helfer. Zunächst entstanden als Angebot für die Bewohner der eigenen Einrichtung, »wird es seit Jahren auch von einem festen Kundenkreis an Behinderten und Senioren außerhalb unserer Einrichtung genutzt«, wie die Leiterin Martina Bauer berichtet. Einen Kontakt von »Annerose« nach Wolmirstedt aber hat es nicht gegeben, die Wolmirstedter Initiative war in Gotha gänzlich unbekannt.

Dennoch: Am Ende soll die Dankbarkeit stehen

Vieles kann und wird also weitergehen. Wenn auch anders und unter anderem Dach. Auch Kathrin Fickardt ist dankbar, dass sie mit ihren integrativen Singwochen beim CVJM in Erfurt eine neue Heimat gefunden hat. »Manchmal hat sich vielleicht auch eine Sache totgelaufen«, sinniert sie. Dann bleibt dennoch der Dank für eine gute Arbeit in der Vergangenheit.

Dies sieht auch der Vorstand des aufgelösten Vereins »Aktion Annerose« so. Zum 6. September lädt er deshalb Mitglieder, Helfer und Freunde zu einem Abschlussfest in das Paul-Schneider-Gemeindezentrum in Weimar ein. Das Fest soll um 10 Uhr mit einem Dankgottesdienst beginnen. Es soll »ein positiver Schlusspunkt« werden. »Kommen Sie, danken und feiern Sie mit uns die vielen Jahre, Begegnungen und Erlebnisse«, heißt es in der Einladung.

Harald Krille

Interessenten werden gebeten, sich bis spätestens 25. August per Postkarte für das Abschiedsfest anzumelden: Aktion Annerose e.V., Reinhardsbrunner Straße 14, 99867 Gotha

»Annerose« ade

Wir glauben im Namen vieler Mitglieder der »Aktion Annerose« zu schreiben. Voller Wehmut denken wir an die vielen schönen Stunden, welche wir in den vergangenen mehr als 40 Jahren gemeinsam erleben konnten. Mit Vorfreude haben wir immer auf den neuen Rundbrief zum Jahresanfang gewartet, in welchem die Urlaubsplätze angeboten wurden. Mit Freude meldeten wir uns an. Es wurden viele Freundschaften mit ebenfalls betroffenen Behinderten wie auch mit Helfern geknüpft. So erlebten wir wunderschöne Tage an der See oder im Gebirge, getragen von unserem Glauben, der in unser Leben hineinwirkte. Soll das alles nun vorbei sein?

Wie schade!

Den vielen ehrenamtlichen Helfern und dem Geschäftsführer gilt unser Dank. Durch ihre aufopferungsvolle Hilfe, die oft an die körperlichen Grenzen ging, wurden uns viele Beschwerden genommen.

Wir hoffen immer noch, dass »Annerose« weiterlebt.

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel, Nils Scheil (alle Gotha), langjährige Vereinsmitglieder von »Aktion Annerose«


Kirchenmusik – ein Tor zum Glauben

19. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kantate: Singet dem Herrn ein neues Lied! Ein Loblied auf die Kirchenmusik

Wenn eine Musik erklingt, der Chor ein Halleluja anstimmt, kann es sein, dass die Töne uns innerlich anrühren, in Schwingung bringen, die sich bis zu einer Erschütterung steigern kann. Klänge vermögen unaussprechliche Freude in uns zu wecken und sie können Spannungen lösen. In Stunden der Trauer beispielsweise, wenn sich ein Panzer um das Herz gelegt hat, vermag eine Melodie es, die Tränen fließen zu lassen, den Schmerz zu lösen. Die Musik verändert in uns etwas. »Wenn die Sprache nicht ausreicht, sprechen wir zunächst betonter, verlängern oder kürzen die Silben und schließlich wird das Gesprochene zur Melodie«, deutet Kirchenmusikdirektor Wolfgang Kupke, Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle an der Saale. »Lässt sich die Sprache nicht mehr steigern, geht sie über in Musik.« Oder wie es der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) genial auf den Punkt bringt: »Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Insbesondere der Glaube ist ein Bereich, in dem die Sprache zuweilen an ihre Grenzen kommt. Unsere Rede von Gott – wie oft sind wir sprachlos, wissen nicht, was wir sagen sollen. Wie gut, dass es die Musik gibt, die tiefere Schichten in uns anspricht als Worte es vermögen. Die Kantoren und Kirchenmusiker wissen um das Potenzial der Klangwelt, sie vertrauen darauf, dass sie es schaffen kann, den Menschen die christliche Botschaft zu vermitteln.

»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Victor Hugo

In der Bachzeit, erklärt Wolfgang Kupke, hatte die Musik die Funktion, Texte zu wiederholen. Wenn nach dem Gesang von Liedern ein Nachspiel folgte, konnten die Zuhörer sich an den Inhalt des zuvor vernommenen Textes erinnern, führt der Professor aus. »Mit der Musik werden Assoziationen an Worte geweckt, obwohl sie nicht gesprochen werden. So bleibe vieles über die Musik hängen – und sei es ein unaussprechliches Gefühl.

Diese Besonderheit verleiht der Musik auch eine Bedeutung für den Glauben. »Kirchenmusik hat die Aufgabe, das Evangelium zu verkünden. Sie wird damit zu einem Tor des Glaubens, weil sie über die emotionale Schiene läuft«, so Matthias Schmeiß, Leitender Posaunenwart in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Schmeiß betrachtet die Kirchenmusik als eine niedrige Schwelle, um mit Kirche und Theologie in Kontakt zu kommen. Einige Menschen, so seine Beobachtung, besuchen regelmäßig mittags die in manchen Gotteshäusern angebotenen Orgelmusiken, obwohl sie sonst keine Beziehung zur Kirche haben. Sie werden über das Konzert mit dem geistlichen Inhalt vertraut gemacht.

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Um junge Leute an die Kirchenmusik heranzuführen, gehe das Posaunenwerk der EKM bewusst in Schulen, um dort seine Arbeit vorzustellen. Eine solche Begegnung sei für etliche Kinder und Jugendliche Impuls, ein Blasinstrument spielen zu lernen. »In manchen Fällen ist das der Kontakt zum Glauben.« Schmeiß erinnert sich an einen Mann, kein Christ, der sich aber jahrelang im Posaunenchor engagierte, regelmäßig im Gottesdienst mitspielte. Eines Tages habe er den Chorleiter gefragt, ob er das Vaterunser mitbeten dürfe. Offensichtlich war mit der Zeit über das Musizieren eine Beziehung zu Gott gewachsen.

Vielen Menschen gehe es in erster Linie um Gemeinschaft, die sie beim Singen erleben. »Manche suchen Anschluss, wenn sie zur richtigen Zeit angesprochen werden, sind sie über Jahrzehnte dabei«, so die Erfahrung des Kirchenmusikers.

Wie groß die Wirkung der Kirchenmusik ist, lässt sich wahrscheinlich nicht mit Statistik erfassen. Gleichwohl können Zahlen Auskunft geben über die Bindungskraft der Musik, ist Martina Hergt, Fachbeauftragte für Chor- und Singearbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, überzeugt. Wie sie sagt, gibt es in Sachsen 570 Kurrenden. »Das ist viel.« Und obwohl die Bevölkerungszahl abnimmt, so die Kantorin, bleiben die Zahlen der Kurrenden konstant, sie steigen sogar leicht. Wegen des Mitgliederschwundes auf Grund des demografischen Wandels beobachte sie vielerorts eine schlechte Stimmung. »Dabei sieht die Lage gut aus.« Kirchenmusik – sie kann Zugang zum Glauben eröffnen, ist auch Martina Hergt zuversichtlich. Sie erinnert sich an ihre Erfahrungen als Kantorin in Leipzig-Sellerhausen, wo sie bis Herbst vorigen Jahres arbeitete, bevor sie ihre neu geschaffene Stelle in Dresden antrat. Indem die Kirche mit musikpädagogischen Angeboten in Kindergärten geht, bringe sie dorthin ihre Lieder nebst Texten und damit ihre Tradition und Werte, schildert sie. »Kirchenmusik hat eine Riesenchance.« Über die Musik ergeben sich Gespräche mit den Eltern. Lieder haben eine große Magie, sie wecken Fragen nach Ritualen und Inhalten. »Die Arbeit ist oft mühevoll und nicht glänzend«, sagt die Kantorin. Aber wenn die Kinder die Lieder einmal gelernt haben, sei eine Beziehung entstanden, die fürs Leben hält. Und sei es nur, wenn sich die Menschen später daran erinnern, dass es eine schöne Zeit war – die Zeit des Singens – im Kindergarten, in der Kurrende.

Allerdings, so die allgemeine Sorge der Kirchenmusiker, habe der Musikunterricht in den Schulen einen schlechten Stand und wecke bei den Kindern nicht die Freude am Singen. »In manchen Bundesländern wird ab der 7. Klasse nicht mehr aktiv gesungen«, sagt Martina Hergt. Sie bedauert, dass die Menschen zwar reichlich Musik konsumieren, sie allüberall und zu jeder Zeit von ihr umgeben sind, das eigene aktive Singen jedoch auf der Strecke bleibe.

Das ist auch Wolfgang Kupkes Erfahrung. Wie er beobachtet, nimmt die Musikalität in unserer Gesellschaft generell ab. Dafür macht der Professor die mangelhafte musikalische Bildung an den Schulen verantwortlich.

Einen Kontrapunkt zu dieser Entwicklung setzt der vierte Sonntag nach Ostern: Kantate – der Ehrentag der Kirchenmusik. Das Singen und Musizieren hat an diesem Sonntag im Kirchenjahr seinen festen Platz.

Doch – bei aller Hochachtung der Musik, der Bewunderung für ihre Kunst, Menschen verzaubern zu können, wäre es falsch, sie gegen die Sprache auszuspielen. Auf diese mögliche Fehleinschätzung weist Kupke hin und betont stattdessen: »Es gibt keinen Gegensatz zwischen Musik und Wort. Sie durchdringen sich.« Zum Lobe Gottes!

Sabine Kuschel

Mutig Neues ausprobieren

22. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland setzt auf mehr Verantwortung an der Basis

In ihrem Bischofsbericht vor zwei Jahren stellte Landesbischöfin Ilse Junkermann den Umbau in der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) in den Fokus. Dietlind Steinhöfel und Jürgen Reifarth sprachen mit der Landesbischöfin und dem Gemeindedezernenten, Oberkirchenrat Christian Fuhrmann.

Die demografische Entwicklung hat zum Zusammenschluss von Kirchengemeinden geführt. Oft hören wir, dass dies dem neuen Finanzsystem geschuldet sei. Ist das so richtig?
Fuhrmann:
Es ist für mich ein Phänomen, wie schwer es uns gelingt zu vermitteln, dass hier eben kein Zusammenhang besteht. Es geht ja nicht ums Sparen. Wir haben keine Sparbüchse, sondern stellen fest: Wir können nicht alles finanzieren, was wir wollen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent  Foto: Matthias Schmidt

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent Foto: Matthias Schmidt

Junkermann: Es ist nicht mehr Geld da. Insofern ist es kein Sparen, sondern es sind Kürzungen. Weniger Menschen bedeutet weniger Geld.

Wie sollen Gemeinden reagieren?
Fuhrmann:
Es kommt doch nicht allein aufs Geld an! Wozu inspiriert uns diese Situation? Vielleicht hilft ein Blick in die Reformationszeit. Da staunt man, wie satt wir heute sind. Arm oder reich sind immer relativ. Wir müssen uns auch auf andere Quellen besinnen!

Eine Leserin aus dem Altenburger Land schreibt, der Mitgliederschwund sei der Vernachlässigung der Kirchengemeinden auf dem Lande geschuldet. Ihre Pfarrerin sei für vier Gemeinden mit fünf Kirchen, drei Pfarrhäusern und einem Viertel der Stadt zuständig – 26 Dörfer, zwei Pflegeheime, zwei Förderschulen, zwei kirchliche Friedhöfe. Ist das zu bewältigen?
Junkermann:
Die Leserin stellt genau die richtige Frage. Ich sage: Ja, es ist zu bewältigen, wenn wir von der Gemeinde und ihren Gaben her denken. Und nein, es ist nicht zu bewältigen, wenn wir in den alten Rollenverständnissen verharren. Wir müssen gemeinsam suchen, was wir benötigen. Wir sind seit dem 19. Jahrhundert in einem Säkularisierungsprozess und haben lange nicht darauf reagiert.

Fuhrmann: Es ist wichtig, dass wir die Trauer über Verlorenes wahrnehmen und gleichzeitig sagen: Du kannst es mit anderem anders gestalten. Auch die Kirchenleitung hat keine Rezepte. Jede Gemeinde muss ihre Lösung im Gespräch mit den Nachbarn selbst finden.

Gibt es weitere Strukturreformen?
Junkermann:
Die brauchen wir nur, wenn man sich die Illusion macht, man könnte dasselbe erhalten mit weniger. Deswegen heißt Umbau, die Perspektive auf Gemeinde muss sich ändern. Gemeinde ist nicht dort, wo soundso viele hauptberufliche Stellenanteile sind, sondern eine Gemeinschaft von Getauften – das ist ganz reformatorisch-biblisch.

Fuhrmann: Wir haben eine Struktur aus einer Zeit, in der noch 85 bis 90 Prozent ganz selbstverständlich der Kirche angehörten. Jetzt sind wir an die 20 oder gar zehn Prozent. Da trägt die bisherige Struktur nicht mehr oder wird sogar zur Belastung. Wir sind als Kirche unterwegs, ein wanderndes Gottesvolk. Das ist ein biblisches Bild, das uns in unserer Situation heute ganz neu tragen kann. Abraham zieht einfach los, kann nicht genau sagen, wohin …

Junkermann: … weil er auf Gott hört und weil er vertraut, dass Gott sagt: Ich bin mit dir. Umbau heißt, alte Gleise verlassen und losziehen.

Bewegung macht aber auch unsicher.
Junkermann:
Ja, deshalb ist Jesu Ruf wichtig, und damit möchte ich Mut machen: Kehrt um und ändert euren Sinn, vertraut dem Evangelium und nicht dem, wie es immer war. Jesus fordert Vertrauen, auf den einen Hirten zu hören und ihm zu folgen und nicht im Pferch zu bleiben. In der Reformationszeit wurde neu entdeckt, dass Glaube ein Prozess, eine Bewegung ist. Natürlich brauchen Menschen vertraute Räume, diese dürfen allerdings nicht unbeweglich machen.

»Wir brauchen weniger Kirchenbürokratie, dafür mehr Mut zur Mission«, schreibt die Leserin weiter.
Fuhrmann:
Mehr Mut zur Mission heißt: mehr Mut zur Veränderung. Auf dem Weg der Gemeindeveränderung und der Gemeindeerweiterung werde ich entweder abgehängt oder selbst verändert. Diese beiden Alternativen gibt es. Was mir echt Sorge macht, ist die totale Fixierung auf Zahlen und Selbstverständlichkeiten. Die Zahlen: Wir haben weniger Geld. Die Selbstverständlichkeiten: In jedem Ort muss ein Pfarrer sein. Das macht uns absolut unfrei.

Junkermann: Umbau kann zugleich verunsichern und stärken. Verunsichern, weil es kein festes Zielbild gibt; stärken, weil er in Bewegung setzt. Je nachdem, welche Menschen da sind, ändert die Gemeinde ihr Gesicht. Sind gerade viele Kinder in der Gemeinde, kann man eine Krabbelgruppe machen. Gibt es viele Ältere, wäre ein Erzählcafé das Richtige oder Biografieschreiben – was auch immer. Wir dürfen auch Fehler machen und feststellen: Das war der falsche Weg oder wir sind zu schnell gegangen. Das geht uns ja auf der landeskirchlichen Ebene genauso. Als Christen können wir getrost aus Fehlern lernen. Wir vertrauen auf Vergebung. Das befreit uns von Perfektionsdruck.

Stichwort Ehrenamtliche. Werden sie in dieser Umbauphase überfordert?
Fuhrmann:
Ja, wenn wir zu wissen meinen, wo wir Ehrenamtliche brauchen und nicht fragen: Was willst du hier einbringen? Da sind wir wieder bei den alten Strukturen. Wenn diese mit Ehrenamtlichen erhalten werden sollen, überfordern wir sie. Das ist der falsche Weg. Gemeinde soll nach gut paulinischem Verständnis nach den Gaben gebaut werden und nicht nach dem Bild, das wir von ihr haben.

Junkermann: Wenn jeder seine Fragen in die Kirche einbringen kann, dann bewegt sich was. Es geht nicht darum, dass andere so werden wie wir oder mitbringen, was wir brauchen, sondern die Frage muss heißen: Was brauchen die Menschen von uns, was entspricht ihnen?

Wie flexibel sind Gemeindepfarrer?
Junkermann:
Pfarrer sind so verschieden wie andere Menschen, manche gehen fröhlich neue Wege, andere fürchten sich davor. Ich denke an die Pfarrerin, die zum Karfreitagsgottesdienst einen Kreuzweg durch die Orte organisiert. Menschen können dazukommen, Christen und Nichtchristen. Doch auch Pfarrer und Pfarrerinnen müssen selbst ermutigt sein. Ich möchte dabei helfen und sage zum Beispiel jedem Neuordinierten: Wenn ihr Ideen habt, probiert sie aus! Auch wenn’s schiefgeht; wenn ihr Ärger bekommt, schreibt mir eine E-Mail!

Gibt es eine Hoffnung auf Mission, auf Wachsen?
Junkermann:
Ja. Ich nehme das ganz stark wahr: Alles im Bildungsbereich ist so hoffnungsvoll. Wie viele Eltern vertrauen der Kirche und kirchlichen Schulen und haben Hoffnung, dass ihr Kind dort als Individuum gewürdigt wird, dass es nicht einem Anpassungsprozess unterworfen wird. Kinder werden in den Schulen selbstverständlich im Glaubensleben groß mit Andacht und Tischgebet. Genauso gibt es in der Kirchenmusik engagierte Nichtchristen, bei Kirchbauvereinen, in der Telefonseelsorge … Das ist ein großes Geschenk. Wir werden uns als Landeskirche hier umstellen und bewegen müssen. Zum Beispiel nachdenken über unser Mitgliedschaftsverständnis. Gehört nur zu uns, wer getauft ist und Kirchensteuer oder seinen Gemeindebeitrag zahlt? Könnte es nicht auch eine gestufte Mitgliedschaft und Zugehörigkeit geben? Wir diskutieren das gerade im Rahmen des Kinder- und Jugendgesetzes.

Fuhrmann: Wenn die Frage bedeutet: Haben wir Hoffnung, dass wir in zehn Jahren zehn Prozent mehr Christen haben, dann ist sie falsch verstanden. Wachstum der Gemeinde heißt eben auch: Wir sind präsent für Menschen mit ihren Nöten. Ob wir mehr Mitglieder haben, ist erstmal sekundär. Unsere Verfassung ist sehr offen; sie lädt auch Nichtgetaufte und nicht Konfessionsgebundene ein, bei uns mitzutun. Die Frohe Botschaft soll ins Land gehen. Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde! Da verflüchtigt man sich als Salz sogar, wenn man wirksam wird. Das ist ein Umdenken von der Quantität zur Qualität.

Wir berichten von vielen guten Ideen in unserer Zeitung. Warum sehen das Gemeinden oft nicht?
Fuhrmann:
Genau! Wir dürfen nicht immer alles kleinreden und sagen: Ach, das war ja früher ganz anders und besser. Wir dürfen auch sagen: Hier ist uns tatsächlich was gelungen. Ich sehe viel Positives, was als selbstverständlich abgetan wird. Das ist ein ungeistlicher Umgang mit den Gaben, die wir haben.

Junkermann: Vor dem Gemeindekongress 2012 ermunterte ich Gemeinden, ihre Projekte in Halle vorzustellen. Da kamen Einwände: Ach, das ist doch viel zu unbedeutend. Dabei waren so tolle Sachen dabei, aber die Selbstwahrnehmung war anders. Deshalb setze ich sehr stark auf ein neues Visitationsverständnis. Dass nicht gesagt wird: Das müsst ihr noch machen, das fehlt euch, sondern dass vor allem das Vorhandene und seine Chancen gewürdigt werden.

Fuhrmann: Wann hatte Kirche so eine wunderbare Chance, einfach auch mal genötigt zu sein, ihre eigenen Wege und Strukturen zu erfinden? Die Botschaft müssen wir nicht erfinden. Die ist klar.

Junkermann: Es ist eine Stärke der EKM, ganz in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung zu stehen. Wir sind im Sinne Bonhoeffers Kirche für andere und mit anderen. Es geht nicht um Selbsterhalt, sondern darum, dass wir in Wort und Tat dort präsent sind, wo Menschen uns brauchen. Das bedeutet auch Zusammenarbeit mit Kommunen, Vereinen und Initiativen.

Was kann die Landeskirche zum Prozess beitragen?
Junkermann:
Wir hatten genau hierzu erste Gesprächsrunden in der Kirchenleitung. Wir wollen Erprobungsräume schaffen und unterstützen. Der Landeskirchenrat hat das Dezernat Gemeinde beauftragt, bis zum Herbst Vorschläge auszuarbeiten.

Fuhrmann: Erprobungsräume sollen ein Versuch werden, sich mal neben alteingefahrene Gleise zu stellen. Dazu werden wir auch Gesetze und Regelungen infrage stellen, die uns daran hindern. Wir sind sehr gespannt, wie die Reaktionen sind!

Norwegen: App für Konfirmanden

12. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie lernen gehörlose Konfirmanden das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote, Johannes 3,16 oder den Missionsbefehl? Natürlich in ihrer Muttersprache, der norwegischen Gebärdensprache, norsk teiknspråk (NTS). Die Gebärdensprache ist seit 2008 als eigenständige norwegische Minoritätssprache anerkannt. 25 000 benutzen diese täglich. Nur 5 000 von ihnen sind gehörlos oder schwerhörig, doch auch Eltern, Geschwister, Kinder sowie Lehrer oder Dolmetscher benutzten die Sprache. Sie hat damit mehr Benutzer als die drei in Norwegen verbreiteten samischen Sprachen zusammen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und  ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Etwa 80 Prozent davon sind Mitglied der norwegischen Volkskirche. Diese schließt auch einen eigenen landesweiten Kirchenkreis für die Gehörlosen ein. Diese nennen sich selbst stolz »Døve«, »Taube«. Ähnlich wie der reformierte Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands ist dieser Kirchenkreis des Bistums Oslo überregional und für das ganze Land von Alta bis Kristiansand und von Bergen bis Oslo zuständig. Die Mitglieder der Taubenkirche »Døvekirken« sind gleichzeitig Mitglieder der lokalen Gemeinden. Doch da das Mitgliedsregister der norwegischen Kirche ein solches System nicht hantieren kann, sind nur zehn Prozent der Tauben tatsächlich als Mitglieder der Taubenkirche registriert. Diese versucht ihren Mitgliedern, den registrierten und unregistrierten in acht eigenen Gemeinden sowie durch reisende Mitarbeiter im ganzen Land ein vollwertiges kirchliches Angebot anzubieten. Gottesdienste, Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen gehören dabei ebenso dazu wie kirchlicher Unterricht. Alles aber auf Gebärdensprache. Jedes Land hat dabei seine eigene Gebärdensprache, doch allen ist gemeinsam, dass sie keine eigene Schriftsprache haben. Lautsprachen haben mit der Stimme einen Artikulator, Gebärdensprachen hingegen haben mehrere gleichzeitig: die Hände, das Gesicht, die Augen, den Mund und den Oberkörper. Die Veränderung eines davon kann den Inhalt eines gebärdensprachlichen Ausdrucks vollkommen verändern. Deshalb ist bisher auch jeder Versuch einer eigenen Schriftsprache gescheitert. Die norwegische wie die deutsche Schriftsprache geben aber nur die jeweilige Lautsprache wider. Wie also sollen taube Konfirmanden ihr Vaterunser lernen? Für sie war die Antwort eindeutig: Mit einer App! Diese Herausforderung nahmen der Propst und seine Mitarbeiter ernst und nun ist eine App mit dem Namen »Konfirmanttekster« für Android Handys verfügbar. Bald soll auch eine Version für Iphones folgen. Die App ist übrigens über den im Play-Store auch in Deutschland kostenlos verfügbar.

Michael Hoffmann

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