Estland: Gemeinde als geistliche Heimat

9. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte«, klingt es aus dem Kellergeschoss des modernen Eckhauses. »Hierher«, das ist in diesem Fall das estnische Tallinn. Und in dem Eckhaus nahe des Hafens versammelt sich die deutschsprachige Evangelisch-Lutherische Erlösergemeinde, die dort seit dem vergangenen Jahr beheimatet ist.

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Normalerweise treffen sie sich in der schwedischen St. Michaelskirche, doch als mitten in der Urlaubszeit die Teilnehmer einer sächsischen Jugendfreizeit und einer Delegationsreise der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Estland zu Gast sind, haben sie Pech: Die schwedische Kirche ist geschlossen, der Gottesdienst muss in den etwas beengten Gemeinderäumen stattfinden.

Und manches ist für Augen und Ohren der Besucher fremd: Zu Beginn der Liturgie findet ein ausführliches Schuldbekenntniss statt, mehrfach kniet der Pastor vor dem Altar, und auch Kyrie und Gloria erklingen zu ungewohnten Melodien.

Doch die deutsche Gemeinde in Tallinn ist eben keine klassische Auslandsgemeinde der EKD, erklärt Pastor Matthias Burghardt nach dem Gottesdienst. Die deutschen Protestanten treffen sich unter dem Dach der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) – und feiern eine einheimische Liturgie.

Zur Gemeinde gehören rund 120 Mitglieder, die über das ganze Land verteilt leben. Gottesdienste werden auch in Tartu und Harpsalu gefeiert. Und etwa 40 Prozent der Gemeindeglieder seien in Estland geboren worden, berichtet der Pfarrer. »Zu uns gehören Deutschbalten, Russlanddeutsche, deutsche Fachkräfte, Esten und Russen.« Alle fänden in der Gemeinde eine geistliche Heimat.

Lutherische Gottesdienste gab es in Reval bereits 1523, ein Jahr später wurde die Stadt offiziell lutherisch. Bis zum Zweiten Weltkrieg fanden regelmäßig deutsche Gottesdienste statt, mit der Zwangsumsiedlung der Baltendeutschen infolge des Hitler-Stalin-Paktes fand diese Tradition ein Ende. 1991, nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft, war die Gemeinde neu gegründet worden. »Für estnische Verhältnisse sind wir eine Dorfgemeinde, aber wir können sagen, dass alle deutschsprachigen Protestanten in Estland wenigstens von unserer Existenz wissen.« Burghardt freut sich besonders, zur EELK zu gehören. »Das gibt mir mehr Freiheiten, als sie in einer Auslandsgemeinde der EKD möglich wären.«

Die EELK selbst schätzt Burghardt als kleine, konfessionelle lutherische Kirche. Im Unterschied zu den benachbarten Letten werde in Estland die Frauenordination praktiziert, rund 30 Prozent der Pfarrerschaft sei weiblich. »In der Kirche werden seit rund 50 Jahren Frauen ordiniert«, sagt Burghardt. »Es wäre eine schlimme Selbstamputation am Leib Christi, würde man das, wie in Lettland, wieder rückgängig machen.« Auch Beziehungen zur konservativen Missouri-Synode gebe es in Estland nicht – im Gegensatz zu Lettland. Verzichtet wird allerdings auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. »Dafür hat unsere Kirche kein Mandat«, sagt Burghardt, »man muss mit dem Segen vorsichtig umgehen.«

Benjamin Lassiwe

www.stmikael.ee

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Aus Iman wird ein Christ

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Ganz in Weiß steht der junge Mann am Taufstein der Herderkirche in Weimar. Im Hintergrund der Cranachaltar. Iman ist 25 Jahre alt, er kommt aus dem Iran.

Für seine Taufe hat sich Iman eigens weiße Kleidung gekauft. Ein Traum geht für den jungen Mann in Erfüllung. Seit vielen Jahren hatte er sich für Jesus und den christlichen Glauben interessiert. Nun, so sagt er mit einem breiten Lächeln, gehöre er endlich ganz zu Jesus. Auf der Taufkerze vor ihm steht sein Name. Ein schönes Gefühl.

Schon im Iran hatte Iman von Jesus Christus gehört. Allerdings war es für ihn dort noch deutlich schwieriger, den christlichen Glauben kennenzulernen. Und nicht selten gefährlich. Ein Leben als Christ in der Öffentlichkeit war beinahe unmöglich. Mit seiner Gitarre in der Hand lernt er noch im Iran die ersten Christen kennen. Sie treffen sich in privaten Häusern und erzählen sich die Geschichten von Jesus. Iman hört sie das erste Mal und wird neugierig. Er sagt: »Ich habe Gott damals ganz neu kennengelernt.« Noch heute leuchten ihm die Augen.

Nach seiner Flucht stehen ihm die Kirchentüren nun weit offen. Seit November 2015 ist er in Deutschland, in Weimar lebt er seit dem Sommer 2016. Er genießt die Ruhe in den Kirchen. Eines Tages sitzt er im Gottesdienst in der Herderkirche. Im Anschluss spricht ihn der Weimarer Superintendent Henrich Herbst an, es beginnt ein langer gemeinsamer Weg. Mit einem Freund kommt Iman regelmäßig zu ihm. Sie reden über den Glauben und Iman entschließt sich, sich taufen zu lassen. Herbst führt die beiden jungen Iraner an die christliche Gemeinde heran, erzählt ihnen von Jesus und vom christlichen Glauben. Sie ringen miteinander, mit ihren Geschichten und mit ihren Bildern von Gott. Der Weg führt bis hinauf in die Gedenkstätte nach Buchenwald und zur Einsicht, dass der christliche Glaube auch im Judentum wurzelt.

Iman und sein Freund beweisen einen langen Atem. Sie fragen nach, sie saugen alles auf, was sie hören. Iman sagt: »Man muss Jesus mit dem Herzen kennenlernen.« Heute gehört Iman zur Jungen Gemeinde in Weimar, mit seiner Musik und seiner Fröhlichkeit bereichert er jede Woche die jungen Menschen.

In vielen Kirchengemeinden erbitten Asylsuchende die Taufe. Belastbare Zahlen oder Statistiken gibt es nicht, da die Herkunft der Täuflinge nicht eigens erfasst wird. Einzelne Kirchenkreise sprechen auf Nachfrage von weniger als zehn Taufen pro Jahr. Und doch stellt die Taufe von Asylsuchenden Pfarrer und Gemeinden vor besondere Herausforderungen. Da gilt es zunächst häufig eine Sprachbarriere zu überwinden. Über den eigenen Glauben zu reden ist nicht leicht, erst recht nicht in einer fremden Sprache. Religiöse Begriffe und Symbole sind meist ganz anders geprägt, zum Teil auch mit schwierigen Erfahrungen besetzt.

Manchmal müssen auch Zerrbilder korrigiert werden, etwa, dass der christliche Glaube ein Vielgötterglaube sei. Nicht selten ist der Wechsel hin zum christlichen Glauben auch eine Abwendung und Entfremdung von einer religiösen Prägung, aus der die Menschen geflohen sind.

Darin unterscheidet sich die Situation der Asylsuchenden markant von den anderen Taufbewerbern in Mitteleuropa. Sie fragen nicht: Gibt es einen Gott oder nicht? Sie fragen vielmehr: Wer ist dieser Gott und was ist seine Botschaft? Immer wieder werden die Erfahrungen in den Herkunftsländern und von der Flucht zum Thema in den Taufgesprächen.

Henrich Herbst plädiert für eine behutsame Begleitung der Taufbewerber. Es brauche vor allem Zeit und den Blick auf die individuelle Situation des Asylsuchenden. In diese Richtung weist auch eine Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland, die bereits 2013 veröffentlicht wurde. Darin wird auch empfohlen, die Tragweite einer möglichen Taufe und Konversion zum Christentum offen anzusprechen. So drohen den Asylsuchenden nicht selten erhebliche gesellschaftliche Nachteile und Gefahren in ihren Herkunftsländern. Aus der Taufe ergibt sich für die Kirchengemeinden damit auch eine Verantwortung für die Täuflinge, nicht nur für die Begleitung in den Asylverfahren.

Inzwischen liegt die Taufe für Iman schon wieder zwei Monate zurück. Viele seiner Freunde haben ihm gratuliert. Mit Dankbarkeit blickt er zurück. Die Gespräche mit Superintendent Henrich Herbst und den neuen Freunden in der Kirchengemeinde gehen indes weiter. Die Taufe ist für Iman ein Meilenstein, aber nicht der Abschluss.

Ramón Seliger

Hintergrund: Handreichung und Fachtag
In ihrer Handreichung »Zum Umgang mit Taufbegehren von Asylsuchenden« von 2013 verweist die EKD darauf, dass für die Gemeinden eine besondere Verantwortung für das Leben der neuen Gemeindemitglieder erwachse. Den Täuflingen muss auch vonseiten der Kirche deutlich gemacht werden, dass im Falle einer Rückkehr der Getauften in ihre Herkunftsländer mitunter mit Nachteilen und auch mit Gefahr für Leib und Leben zu rechnen ist und auch, dass durch die Taufe keine positiven Auswirkungen auf das laufende Asylverfahren garantiert werden können.

www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/taufbegehren_von_asylsuchenden_2013.pdf

Fachtag Migration: »Taufe und Konversion im Asylverfahren«, 28. Oktober im Augustinerkloster Erfurt; Anmeldung: 03 91/53 46-3 91, E-Mail: kerstin.hensch@ekmd.de


Auf zu neuen Ufern

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Leinen los: Mit Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg, traf sich Willi Wild zum Interview an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg«.

Wo halten Sie sich am liebsten auf? Wäre an Deck von »Junker Jörg« ein Lieblingsort?
Kasparick:
Er könnte es werden, weil es hier wunderbar ist, direkt an der Elbe, am Wasser, gegenüber den Elbauen, ein weiter Blick unter freiem Himmel. Ich bin das erste Mal hier.
Mein absoluter Lieblingsort ist allerdings mein Balkon. Ich wohne im zweiten Stock und ich habe abends noch den Blick in die Abendsonne und in die Baumkronen. Ein Platz, an dem ich mich erholen kann, und an dem ich mich auch dem Himmel nah fühle.

Können Sie mit Flusskreuzfahrten etwas anfangen?
Kasparick:
Das weiß ich nicht, das habe ich noch nicht erlebt. Als Kinder sind wir mit unseren Eltern über den Müggelsee in Berlin geschippert, von Friedrichshagen rüber zum Müggelturm. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Und eine Schiffsreise ans Nordkap haben mein Mann und ich auch einmal gemacht, mit dem Postschiff von Bergen nach Kirkenes. Einer unserer eindrucksvollsten Urlaube.

Nehmen Sie sich im Reformationsjahr Zeit für Urlaub?
Kasparick:
Ja, wenn auch nicht ganz so viel wie in den vergangenen Jahren. Es ist mir wichtig, ein Stück zur Seite zu treten, aufzuatmen und Kraft zu gewinnen. Und wenn es gut organisiert ist, dann klappt das auch in diesem Jahr.

Wo geht es hin?
Kasparick:
Ich werde zum ersten Mal zu Verwandten meines Mannes auf die Nordseeinsel Amrum fahren. Dann will ich mit einer Freundin noch eine Woche in die Provence und Avignon besuchen. Das Gebiet wollte ich schon lange einmal kennenlernen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über das Reformationsjahr von der »Pleite des Jahres«. Wie empfinden Sie das?
Kasparick:
Das kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Sicher, manche Erwartungen haben sich bislang nur zum Teil erfüllt. Aber es gibt ein vielseitiges, interessantes und schönes Angebot. In der Schlosskirche können wir uns über Zulauf nicht beklagen. Manchmal müssen wir sogar die Türen wegen Überfüllung schließen. Es ist bewegend zu sehen, wenn Menschen Tränen in den Augen haben, weil sie an der Wiege ihrer Art zu glauben stehen.

Schade ist, dass die Weltausstellung noch nicht so viele Besucher verzeichnet, wie sie es verdient hat. Aber die Menschen, die da sind, sind begeistert.

Die Schlosskirche war und ist Ihr »Baby«, wenn ich das so sagen darf?
Kasparick:
Ein ziemlich großes Baby, ein altes Baby, ein schönes Kind.

Sie haben sich sehr stark engagiert. Sind Sie stolz auf das, was aus dem Schlosskirchen-Ensemble geworden ist?
Kasparick:
Ich staune, dass es geklappt hat und ein bisschen Stolz ist auch dabei. Ich freue mich, dass die Schlosskirche und das Schlosskirchenensemble so schön geworden sind. Die Schlosskirche ist aber nicht nur mein Baby. Es ist eine Gemeinschaftsaktion, wie sie nur ein Reformationsjubiläum dieser Größenordnung mit sich bringt. Das Land Sachsen-Anhalt ist daran beteiligt, die Lutherstadt, die Stiftung Luther-Gedenkstätten, die Evangelische Kirche in Deutschland und die Evangelische Kirche der Union (EKU) gemeinsam mit dem Predigerseminar als Einrichtung vor Ort.

Sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt bei der Namensgebung des Neubaus.
Kasparick:
Ja, ein Frauenname war mein Wunsch. Da die Schlosskirche mit Männern gut gefüllt ist, sollte eine Frau Namensgeberin sein. Der Vorschlag Christine Bourbeck kam aber von meiner Kollegin, Dr. Gabriele Metzner. Christine Bourbeck war eine der ersten eingesegneten, noch nicht ordinierten, evangelischen Theologinnen in Deutschland und Leiterin des ersten Vikarinnenseminars der EKU. Sie steht auch dafür, dass der Prozess der Reformation weitergeht.

»Reformation geht weiter« – das klingt für manche nach diesem Jahr bedrohlich.
Kasparick:
Das kommt auf die Perspektive an. Die Frage ist: Was feiern wir eigentlich beim Reformationsfest und in diesem Festjahr und was davon kann weitergehen? Welche Bedeutung hat Reformation für uns und unsere Art zu glauben? Es muss nicht sein, dass man nun jedes Jahr drei Ausstellungen plant oder fünf Theaterstücke aufführt. Es geht vielmehr um unser Selbstverständnis als Kirche. Da geht das Gespräch weiter.

Kritiker meinen, die Dekade und das Reformationsjahr sei eine innerkirchliche Veranstaltung geblieben. Sehen Sie das ähnlich?
Kasparick:
Wer kommt eigentlich auf welchem Weg zu solchen Annahmen? Wer will das wie messen? In Wittenberg erlebe ich Folgendes: Hier gibt es in der Stadtgesellschaft eine starke Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Man wäre zwar auf dem Holzweg zu glauben, diese Menschen treten jetzt alle in die Kirche ein und lassen sich taufen. Doch Interesse ist geweckt.
Mein Nachbar meinte, dass es toll sei, was jetzt alles in der Stadt passiert und das könne ruhig immer so sein. Und die Kundenberaterin bei der Sparkasse sagte: »Ich nehm alles mit dieses Jahr. Das erlebt man nur einmal.«
Ja, in Wittenberg sind nur 15 Prozent Mitglied einer Kirche, aber es gibt mindestens noch einmal so viele, die sich für die kirchliche Arbeit interessieren und sich auch engagieren. Ganz zu schweigen von dem, was das Reformationsjubiläum im Bildungssektor hervorgebracht hat. Es ist immer eine Frage der Perspektive, ob man das Glas halb leer oder halb voll sieht.

Sie konnten einige gekrönte Häupter in der Schlosskirche begrüßen. Fällt Ihnen der Umgang mit den Hoheiten leicht?
Kasparick:
Ich habe mich im Vorfeld erkundigt, damit ich protokollarisch nicht in Fettnäpfchen tappe. Erstaunt hat mich, wie unkompliziert der Umgang dann tatsächlich war. Eindrücklich waren die Gespräche mit Königin Margrethe von Dänemark. Wie aufmerksam sie zugehört hat, wie sie gefragt hat, wie theologisch tief auch ihre Fragen waren, das hat mich beeindruckt. Sie hatte mich bei der Gestaltung ihres Altartuchs sogar um Rat gefragt. Ich sollte neben ihr Platz nehmen und dann wollte sie wissen, was ich in ihrer Arbeit sehe.

Da gibt es ein schönes Foto, wo Sie mit der Königin vor dem Altar sitzen.
Kasparick:
Genau, das war die Situation, die ich gerade geschildert habe.

Sie hat Ihnen und Ihrer Familie nach dem Tod Ihres Mannes kondoliert.
Kasparick:
Das fand ich tröstlich. Es hat sie sehr bewegt, dass mein Mann nach all den Vorbereitungen das Reformationsjahr nicht mehr erleben konnte.

Vor etwas mehr als einem Jahr fand der Trauergottesdienst in der Schlosskirche statt. Was würde Ihr verstorbener Mann wohl über den Verlauf des Reformationsjahres sagen?
Kasparick:
Er hätte sich gefreut und zum Beispiel den Kirchentagsgottesdienst auf der Elbwiese gern mitgefeiert. Die Mischung zwischen dem »Asisi-Panorama« und der Avantgarde-Ausstellung gefiele ihm sicher auch gut. Die Grundsteinlegung des »Asisi-Panoramas« hat er ja noch miterlebt. Und jetzt ist daraus ein intergenerationelles Projekt geworden, wo Großeltern mit den Enkeln und Kinder mit den Eltern hinkommen.

Oder der Schwanenteich bei der Weltausstellung Reformation in den Wallanlagen: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – das waren seine Themen.

Hatten Sie Zeit zu trauern?
Kasparick:
Ich denke schon. Im vergangenen Sommer habe ich mir Zeit genommen. Dabei und danach habe ich erfahren, wie wichtig das Trauerjahr ist. Die Familie, die Schlosskirchengemeinde und Frauen, die Ähnliches durchgemacht haben, standen und stehen mir zur Seite. Auch die Arbeit war mir ein Halt.

Zudem hatten Sie im vergangenen Jahr auch noch den 200. Geburtstag des Predigerseminars zu organisieren.
Kasparick:
Ja, das stimmt. Aber das haben wir im Team gemeistert. Es war eine sehr schöne Aufgabe.

Ich versuche mal den Begriff Predigerseminar zu übersetzen: Dem Nachwuchs zeigen, wie Pfarrer geht?
Kasparick:
(lacht) Das kann man etwas salopp so sagen. Wir begleiten junge Theologinnen und Theologen, auch Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen auf dem Weg in den ordinierten Dienst. Und helfen ihnen, ihre Rolle zu finden und persönlich zu füllen.

Haben Sie den Eindruck, dass die jungen Theologiestudenten wissen, was sie im Pfarrberuf erwartet?
Kasparick:
Das ist unterschiedlich. Einige bringen Gemeindeerfahrung mit. Für manche ist tatsächlich erst im Studium die Erstbegegnung mit Gemeindewirklichkeit erfolgt.

Wir haben in Deutschland, historisch gewachsen, die erste Phase mit der universitären Theologie und dann die zweite Ausbildungsphase in den Kirchen und Gemeinden. In ihr geht es nicht einfach nur um die Vermittlung von »Handwerkszeug«, sondern vor allem darum, Klarheit über die eigene Rolle in einem öffentlichen, geistlichen Beruf zu bekommen. Dazu dient das Gemeindevikariat und wir nehmen die Erfahrungen von dort im Predigerseminar auf. Die Reflexions- und Übungsphasen sind mir dabei ganz besonders wichtig.

Stellen dabei auch angehende Theologen fest, dass der Pfarrberuf doch nichts für sie ist?
Kasparick:
Ja, und das finde ich gut. Es ist auch eine Zeit der Orientierung und Prüfung.

Wie hat sich der Pfarrberuf verändert?
Kasparick:
Er hat sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder verändert. Ich merke, dass wir jetzt eine neue Generation von Vikarinnen und Vikaren haben. Sie sind leistungsbereit, wissen klar, was sie wollen und stellen vieles infrage, beispielsweise: Inwieweit ist das halböffentliche Leben im Pfarrhaus Familien zumutbar? Wie ist es mit dem Dienstrecht, wenn ein Partner nicht in der Kirche ist? Auch im Predigerseminar hat sich einiges verändert. Bis dahin, dass wir im Moment einen Kurs haben, der auf mitgebrachte Kinder Rücksicht nimmt.

Auf dem Land haben die Pfarrer heute viele Gemeinden zu betreuen. Wie bereiten Sie die Vikare darauf vor?
Kasparick:
Die entscheidende Feld­erfahrung passiert in den Gemeinden. Im Predigerseminar versuchen wir, die sich wandelnden Gemeindeformen aufzugreifen und Entwicklungskonzepte zu reflektieren. Gerade die Erprobungsräume in der EKM sind da ein ermutigendes Beispiel. Wir müssen uns verabschieden von bestimmten Formen und die dürfen auch sterben. Aber wir können auch gemeinsam schauen, wo wächst denn schon etwas Neues.

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Sie werden als Direktorin des Predigerseminars Ende des Jahres verabschiedet. Was wächst da Neues?
Kasparick:
Der Berufungszeitraum von 12 Jahren im Predigerseminar ist um. Die äußeren Bedingungen für einen Leitungswechsel sind günstig. Ich möchte gern noch einmal für zwei Jahre wissenschaftlich arbeiten, passend zu meiner Berufsbiografie im Bereich der neueren Kirchengeschichte.

Aber Sie bleiben der EKM erhalten?
Kasparick:
Ich bin und bleibe Pfarrerin der EKM.

Aber zunächst geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf zu neuen Ufern, beziehungsweise Stränden.
Kasparick:
Einmal im Jahr muss ich ans Meer. Sonst kommt die Seele nicht ins Gleichgewicht.

Dr. Hanna Kasparick, 1954 in Berlin geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bibliothekarin, bevor sie Kirchenmusik in Halle und Theologie in Berlin und Naumburg studierte. Ihr Vikariat machte sie in Osterburg/Altmark. Sie war Prädikantin und Pfarrerin für Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Osterburg.
1992 promovierte Hanna Kasparick im Fach Kirchengeschichte und war von 1993 bis 2002 Studienleiterin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Brandenburg an der Havel, bevor sie dort Direktorin des Predigerseminars wurde. Seit 2005 ist sie Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg.

Generation 2017: Gebete, Schweiß und Reformation

4. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Das Festwochenende in der Lutherstadt

Als die Sonne über der Wittenberger Elbwiese aufging, erklang leise, sphärische Musik aus den Lautsprechern. Noch etwas müde wischte sich der Stuttgarter Pfarrer Dieter Heugel den Schlaf aus den Augen. Und auch Petra und Julia Zott aus Oberroth schälten sich aus ihren Schlafsäcken. Gemeinsam mit gut 10 000 anderen hatten sie unter freiem Himmel die »Nacht der Lichter« der Brüder aus Taizé miterlebt und gleich auf dem Festgelände übernachtet.

Impressionen vom  Festwochenende am Elbufer Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Impressionen vom Festwochenende am Elbufer. Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Auf der schattenlosen Festwiese waren in der Frühsommerhitze alle erdenklichen Arten von Sonnenschutz willkommen – Schlafsäcke aus der Nacht wurden zu Sonnensegeln umfunktioniert. Am Ende sind 120 000 Menschen zum Abschlussgottesdienst auf die Festwiese gekommen. Das sind deutlich weniger als die ursprünglich erhofften 200 000 Besucher. Der guten Stimmung tat das keinen Abbruch. »Ich glaube: Martin Luther wäre sehr zufrieden mit uns«, rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) der Kirchentagsgemeinde zu.

Und die erlebten in jedem Fall den größten Gottesdienst, den Deutschlands Protestanten im Lutherjahr 2017 feierten.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Entsprechend intensiv wurde der Reformator gewürdigt: »Man kann den Beitrag Martin Luthers zu dem Teil der Welt, der durch Europa beeinflusst ist, gar nicht hoch genug einschätzen«, sagte der südafrikanische Erzbischof Thabo Makgoba in seiner Predigt (siehe letzte Seite).

Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hoffte gar auf das Entstehen einer »Generation 2017, in der junge Leute aufbrechen«. »Eine Generation, die aus dem Reformationsjubiläumsjahr einen Neuaufbruch zum Glauben mitnimmt und uns alle einschließt«, so Bedford-Strohm.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Die Bundespolizei war mit mehr als 700 Einsatzkräften aus neun Bundesländern im Einsatz in Wittenberg und sicherte vor allem die An- und Abreise der Teilnehmer mit der Bahn. Die von der Bundeswehr über die Elbe errichtete Pontonbrücke war stark frequentiert. Schätzungen zufolge soll sie für den Hin- und Rückweg etwa 50 000 Mal genutzt worden sein. Die Bundeswehr hatte 250 Soldaten im Einsatz.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe war mit 750 Kräften für den Sanitätsdienst vor Ort. 715 Hilfeleistungen wurden regis­triert. Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen litten die meisten Patienten unter Überhitzung und Überanstrengung, hieß es.

(GKZ/epd)


Große Bühne für die Reformation

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Drei, zwei, eins und … los! Jetzt heißt es »Bühne frei« für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Noch in der letzten Woche brauchte man viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, was hinter den Bauzäunen entsteht. Aus Holz und Stahl und Lehm wuchsen in der Lutherstadt Pavillons und Bühnen. Für mehr als 100 Veranstaltungen pro Woche sollen sie vom 20. Mai bis 10. September Platz bieten für Gottesdienste und Podiumsdiskussionen, Workshops, Klassik- und Popkonzerte. Zum Startschuss der Weltausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums will die Wittenberger Altstadt von sieben Themengebieten umgeben sein, den »Toren der Freiheit«.

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Wer am Hauptbahnhof mit dem Rundgang durch die ehemaligen Wallanlagen um die Lutherstadt startet, kann sich von der größten erklimmbaren Bibel der Welt aus einen Überblick verschaffen. Die Treppe im Turminneren bringt die Gäste im Zickzack dem Himmel näher und soll ihnen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Auch der Platz für den Truck des Europäischen Stationenweges ist im Willkommensbereich vorgesehen. Er zeigt Reformationsgeschichten, die er aus verschiedenen Ländern mit nach Wittenberg bringt.

Daneben schicken alle Stationen der vergangenen Monate Städtebanner nach Sachsen-Anhalt. Von ihnen wird der Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt flankiert.

Zu den Themen Spiritualität, Jugend, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung, Kultur sowie Ökumene und Religion haben Institutionen aus Politik und Gesellschaft verschiedene Orte zum Innehalten, Lernen und zum Austausch geschaffen, zum Beispiel das »House of One« als interreligiöses Begegnungszentrum oder die Stege am Bunkerberg neben dem Lutherhaus zur Selbsterfahrung und Meditation.

Auch Landeskirchen aus dem Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tragen mit eigenen Projekten zur Weltausstellung bei. So lassen die Bayern im Torraum Ökumene einen Garten entstehen, der aus jedem Jahrhundert seit Martin Luther einen Reformator der bayerischen Kirchengeschichte vorstellt. Hannover schafft einen »Erlebnis-Raum«, in dem sich Besucher mit der Bedeutung der Taufe auseinandersetzen und an ihr eigenes Christwerden erinnern lassen können.

Einen weiteren Erlebnisraum bietet die Landeskirche Hessen und Nassau rund um das Thema »Segen«. Neben ihrer preisgekrönten »LichtKirche«, die für Trauungen und Taufen gebucht werden kann, soll im Torraum Globalisierung der Segens-Roboter »BlessU-2« zur Diskussion anregen.

Dienstags ist Ruhetag auf der Welt­ausstellung, was aber keine Langeweile bedeutet. Vier Besuchermagnete der Lutherstadt werden durchgehend geöffnet sein: das Riesenrad »Zwischen Himmel und Erde« in den südlichen Wallanlagen dreht sich für Aussichts- und Gesprächssuchende gleichermaßen, denn auf Wunsch steigt ein Seelsorger mit in die Gondel. Yadegar Asisis Panorama »Luther 1517« lädt zu einem Rundgang durch das damalige Wittenberg ein. Und auch die beiden Kunstausstellungen (»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« mit der Mitmachausstellung »Der Mönch war’s!« sowie »Luther und die Avantgarde«) am Ost- und Westende der Altstadt haben Dauerbetrieb.

Christina Özlem Geisler (epd)

Heilung der Erinnerung

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Im Vorfeld der 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia (11. bis 16. Mai) hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Nachfahren des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika um Vergebung gebeten.

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Die afrikanische Bevölkerung, besonders die Herero und die Nama, setzte sich gegen die zunehmende Entrechtung und Enteignung sowie rassistische Diskriminierung zur Wehr. Ihr Aufstand wurde mit Vernichtungsbefehlen beantwortet und blutig niedergeschlagen; bei Kämpfen, Massakern und später in Konzentrationslagern starben Schätzungen zufolge in den Jahren 1904 bis 1908 bis zu 100 000 Menschen – aus Sicht von Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

In einer vom Rat der EKD Ende März verabschiedeten Erklärung stellt sich die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ihrer historischen Mitverantwortung für die im heutigen Namibia begangenen Gräueltaten. Auch wenn nach Quellenlage die nach Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen hätten, traten sie doch bis auf wenige Ausnahmen dem Völkermord nicht entgegen. Vielmehr sei durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft der Boden für den Tod vieler Tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen bereitet worden.

Ein »tiefsitzender Rassismus, gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität« habe ihr Denken geprägt und ihr Reden und Handeln vergiftet, heißt es in der Erklärung. »Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen.«

Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte, bekenne sich die EKD »heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.«

Dieses Schuldbekenntnis sei Ausdruck einer bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung. Man wolle gemeinsam mit den Nachfahren der Ermordeten das Gedenken an die Opfer wachhalten und für die Anerkennung des Genozids öffentlich eintreten. Es gehe darum, »an der Überwindung des durch die deutsche Kolonialherrschaft begründeten und danach fortgesetzten Unrechts zu arbeiten«.

Der Erklärung war ein zweiteiliger Studienprozess (2007–2015) zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirche und Missionswerke während der Kolonialzeit vorangegangen. Die Aufarbeitung soll allen Beteiligten dabei helfen, »als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten«.

»Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung. Die Befreiung unserer Länder kann nur dann gelingen, wenn Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen zusammenkommen, sich den Schmerz und die Sorgen der anderen anhören und sich die Hand reichen«, wird der frühere Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, Zephania Kameeta, in der EKD-Erklärung zitiert.

Kameeta, heute Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, wird anlässlich der LWB-Vollversammlung bei der großen Reformations-Gedenkfeier am 14. Mai im Sam-Nujoma-Fußballstadion in Windhuk die Predigt halten.

Im Vorfeld der LWB-Vollversammlung in der namibischen Hauptstadt hat dessen Generalsekretär Martin Junge die Hoffnung geäußert, dass die EKD-Erklärung zu den Kolonialverbrechen sowie Gespräche zwischen den Kirchen in Namibia und Deutschland die Aussöhnung zwischen beiden Ländern beschleunigen könne. Er begrüßte zudem die Aufarbeitung der Verbrechen durch beide Regierungen: »Das ist ein Versöhnungsprozess zwischen Namibia und Deutschland«, sagte Martin Junge dem Evangelischen Pressedienst.

Sollte der LWB gebeten werden, dabei zu vermitteln, sei der Dachverband dazu bereit. Bisher habe sich der Weltbund aus gutem Grund nicht in diesen komplexen Prozess eingemischt. »Jeder Versöhnungsprozess ist einzigartig, es gibt keine Standardlösungen, vielmehr müssen die Akteure herausfinden, wie das Geschehene gemeinsam benannt werden soll und wie man sich einer gemeinsamen Zukunft zuwenden kann«, so Martin Junge. Aussöhnung sei das Fundament für zukünftige Zusammenarbeit.

Ende Februar hatten Nachfahren der Völkermord-Opfer die deutsch-namibischen Regierungsverhandlungen über die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte kritisiert. Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama seien an den Gesprächen nicht beteiligt, sagte die Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation, Esther Muinjangue. Sie betonte, dass die Opfervertreter keine individuellen Entschädigungen forderten. Auch eine konkrete Summe wurde nicht genannt. Vorstellbar sei stattdessen etwa der Bau einer von Deutschland finanzierten Universität im südlichen Namibia, die Herero und Nama sowie anderen Bewohnern Namibias offenstehen solle, sagte Muin­jangue.

Auch sei eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Genozid dringend erforderlich.

Adrienne Uebbing

www.ekd.de/EKD-Texte/weitere_texte.html

Blog zur LWB-Vollversammlung in Namibia:
felixkalbe.de/category/namibia/

Quo vadis: Wohin geht die Reise, Anhalt?

24. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Über die Zukunft der kleinsten Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sprach Willi Wild mit Kirchenpräsident Joachim Liebig und Pfarrer Wolfram Hädicke, dem stellvertretenden Präses der Landessynode.

Wie lässt sich der aktuelle Zustand der Landeskirche Anhalts beschreiben?
Hädicke:
Von außen sieht das auf der EKD-Landkarte mit unserer kleinen Landeskirche ein bisschen seltsam aus. Die Innensicht unterscheidet sich aber doch ein ganzes Stück. Derzeit glaube ich nicht, dass grundlegende Veränderungen der Landeskirche hinsichtlich ihrer Selbstständigkeit unmittelbar bevorstehen.

Es gab kritische Fragen hinsichtlich der Finanzen unserer Landeskirche, der Rücklagen, der Verpflichtungen sowie der Versorgungslasten. Das ist in den Ausschüssen und in der Kirchenleitung besprochen worden. Das Zwischenergebnis dieses Prozesses lautet: Wenn wir die landeskirchlichen Strukturen anpassen, steht die Selbstständigkeit der Landeskirche mittelfristig keineswegs in Frage.

Bei der Herbstsynode konnte man einen anderen Eindruck gewinnen. Gibt es Druck auf die kleine Landeskirche und wer übt ihn aus?
Liebig:
Seit dem EKD-Papier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006 gibt es diesen mittelbaren Druck auf kleinere Landeskirchen. Das betraf nicht nur uns, sondern alle EKD-Gliedkirchen, die nicht dem damals genannten Kriterium von mindestens einer Million Mitgliedern entsprachen.

Der EKD-Finanzausgleich, der für uns und alle anderen östlichen Glied­kirchen von großer Bedeutung ist, wird jedes Jahr erneut verhandelt. Die größte Befürchtung seitens der anderen Gliedkirchen und sicherlich auch des Finanzbeirates der EKD ist, dass wir in zehn Jahren oder später nicht mehr in der Lage sein könnten, unsere gesetzlichen Verpflichtungen zu erfüllen. Das nehmen wir sehr ernst. Zukünftig allen Verpflichtungen nachzukommen, das ist die Aufgabe und Bewährungsprobe, vor der wir permanent stehen.

Können Sie ein Beispiel für die gesetzlichen Verpflichtungen nennen, die Sie als Teil der EKD erfüllen müssen?
Liebig:
Ich denke jetzt im Besonderen an die Versorgungsleistungen, die wir für unsere Mitarbeitenden leisten müssen. Eine unserer großen Sorgen ist, dass wir einmal diese Leistungen nicht mehr aus eigener Kraft stemmen könnten. Wir müssen deshalb versuchen, die Zahl der Versorgungsberechtigten mittelfristig zu reduzieren. Bis 2025 werden uns etwa 30 Prozent der Mitarbeitenden in allen Berufsgruppen in den Altersruhestand verlassen. Wir werden nicht in der Lage sein, diese 30 Prozent eins zu eins wieder aufzufüllen.

Wenn wir weniger Personal haben, zahlen wir auch weniger in das Solidarsystem der Gliedkirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland ein.

Wie groß oder klein ist dieser Anteil an dem Solidarsystem?
Liebig:
Im Haushalt der Landeskirche sind ein Viertel Einnahmen aus Kirchensteuern und ebenfalls rund ein Viertel Erträgnisse aus der Vermietung und Verpachtung unseres immobilen Vermögens. Ein weiteres Viertel sind die sogenannten Staatsleistungen. Und noch ein Viertel ist der Solidarbeitrag der Gliedkirchen der EKD. Damit liegen wir im Durchschnitt.

Hädicke: Der Gesamthaushalt liegt bei 17,03 Millionen Euro für 2017 und der EKD-Finanzausgleich bei 4,3 Millionen.

Welchen Beitrag müssen Sie wieder an die EKD abführen?
Liebig:
Wir müssen für jede versorgungsberechtigte Person annähernd 20 Prozent eines Jahreseinkommens in den Versorgungsfonds einzahlen.

Grafik: Adrienne Uebbing

Grafik: Adrienne Uebbing

Ein Viertel der Einnahmen kommen aus der Kirchensteuer. Wie sieht derzeit die Entwicklung bei den Kirchenmitgliedern aus?
Liebig:
Unser zentrales Problem ist tatsächlich ein weiterer Mitgliederrückgang, der wesentlich an der Demografie hängt, weil unsere Kirchenmitglieder durchweg älter sind. Austritte fallen nicht so stark ins Gewicht. Sie werden in etwa mit den Eintritten kompensiert. Wir haben zu wenig junge Menschen, die in Anhalt leben und arbeiten.

Gibt es eine Untergrenze für die Eigenständigkeit?
Hädicke:
Ich denke, man kann das nicht an einer konkreten Gemeindegliederzahl festmachen.

Über welche Einsparungen oder Veränderungen denken Sie nach?
Hädicke:
Im Verhältnis zu unseren Nachbarkirchen haben wir deutlich mehr Pfarrpersonen pro Gemeindeglied. Da müssen wir reagieren. Vieles wird sich aber in den nächsten Jahren auf natürlichem Weg, vor allem durch Pensionierung, erledigen. Wir sind im Moment noch nicht so weit, dass wir in die Kirchenkreise Eckzahlen geben können.

In Anhalt gibt es einen Reformstau im Hinblick auf Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden. Wir haben eine Vielzahl von kaum lebensfähigen Kleinstgemeinden, die eine Verwaltung benötigen. Das schafft Handlungsdruck, auch bezüglich der Zukunft unserer Pfarrhäuser.

Liebig: Wir wollen aber nicht einfach nur den Rückgang organisieren. Es geht eher um eine neue Bestimmung der kirchlichen Professionen zueinander. Wenn wir auf der einen Seite eine Reduzierung des Pfarrpersonals haben, kann ich mir gut vorstellen, dass wir in anderen Bereichen, wie der Gemeindepädagogik oder in der Kirchenmusik, einen moderaten Aufwuchs haben.

Wie viele Gemeinden wird das betreffen? Und gab es da schon Gespräche?
Hädicke:
Im Prinzip betrifft es alle Gemeinden. Wir wollen uns nicht nur dem Diktat der Finanzen beugen, sondern nach den optimalen Bedingungen für Verkündigung in unserer Region suchen. Dass es da nicht nur um Pfarrer gehen kann, liegt auf der Hand.

Werden Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden Thema auf der Sy­node sein?
Hädicke:
Wir versuchen, Gemeindeglieder und Kirchengemeinden einzubinden. Davon wird auch diese Synode geprägt sein. Ob wir in näherer Zukunft den Druck hinsichtlich des Zusammenschlusses der Kirchengemeinden erhöhen müssen, wird sich zeigen. Die Meinungen gehen diesbezüglich doch recht weit auseinander.

Ich persönlich tendiere dazu, den Druck zu verstärken. Da gibt’s unterschiedliche Instrumente. Nicht alle Gemeindeglieder werden hurra schreien.

Können Sie konkreter werden?
Hädicke:
Wenn eine Kirchengemeinde nicht mehr die Mindestanzahl von Kirchenältesten gewinnen kann, könnte das den Zwangsanschluss an die Nachbargemeinde zur Folge haben. Einem wie auch immer ausgestaltetem Gemeindeverbund wäre der Vorzug zu geben gegenüber einer Anzahl selbstständiger kleiner Gemeinden.

Vor 15 Jahren hat die Synode die Fusionsgespräche mit der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) und der Thüringer Landeskirche beendet. Würde die Entscheidung heute anders lauten?
Hädicke:
Damals hat man sich auf Augenhöhe angenähert. Jetzt gibt es die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Für Anhalt käme nur noch der Anschluss infrage. Das wäre mit heftigen Einschnitten verbunden. Zudem hat sich in unseren Nachbarkirchen auch nicht alles optimal entwickelt, sodass wir nicht begierig sind, uns deren Regularien zu unterwerfen.

Wie sehen denn die Gemeindeglieder die Situation?
Hädicke:
Das ist sehr unterschiedlich. Je nachdem, wie eng jemand mit der Kirchengemeinde verbunden ist. Es gibt einige, die sagen: Wenn ich Kirche lebensbiografisch brauche, dann möchte ich einen Pfarrer in Reichweite haben. Alles andere interessiert mich nicht. Die Engagierten in unseren Gemeinden, die haben ein anhaltisches Selbstbewusstsein: Wir sind nicht einfach nur Bürger von Sachsen-Anhalt, sondern wir sind Anhalter!

Und dieses Selbstbewusstsein wird in besonderer Weise auch in unserer Landeskirche gepflegt. Sie ist die letzte Institution, die das alte Land Anhalt abbildet. Der Glaube verbindet sich mit der Kultur, und die Tradition hilft mit, den Glauben zu stabilisieren.

Haben Sie einen Plan für die Entwicklung der Kirchengemeinden und der Landeskirche in der Schublade?
Hädicke:
Wir haben die Zauberformel noch nicht entdeckt und befinden uns da in der gleichen Situation wie unsere Nachbarkirchen im Osten Deutschlands. Wir versuchen als Kirche in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Leider steht das in keinem guten Verhältnis zu den zahlenmäßigen Effekten. Das sollte uns aber nicht entmutigen. Umbrüche und Aufschwünge in der Kirche haben wir nicht in der Hand. Da muss der Heilige Geist zum Zuge kommen.

Das klingt nach Abwarten. Was motiviert Sie oder richtet Sie auf in dieser Situation?
Liebig:
Gerade heute Morgen erreichte mich die Nachricht einer größeren Gemeinde, die sagt: Wir wollen den Weg der Veränderung gehen und haben darüber im Gemeindekirchenrat diskutiert. Das bestätigt, dass wir nicht vorhaben, Konzepte von oben nach unten durchzusetzen. Veränderungen müssen von der Basis in den Gemeinden
ausgehen.

Ich sehe, dass wir in Anhalt einen Prozess begonnen haben, der im Grunde auch auf alle anderen Landeskirchen in Deutschland zukommt. Was wir tun, hat auch immer ein wenig Laborcharakter.

Wir fragen uns: Was ist Kirche? Im Kern sind wir eine Bewegung und gar nicht institutionalisiert. Wir haben alle Möglichkeiten, alle Chancen. Wir sind frei in unseren Entscheidungen und geben uns Zeit bis 2025. Bis dahin müssen die Dinge spürbar anders geworden sein, ganz gleich, in welche Richtung es nun geht.

Die Evangelische Landeskirche Anhalts in Zahlen:

Rund 34 500 evangelische Gemeindeglieder leben in Anhalt in rund 150 selbstständigen Kirchengemeinden, die sich auf fünf Kirchenkreise verteilen: Ballenstedt, Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst. In den Gemeinden sind 54 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 39 hauptamtliche Mitarbeitende im Verkündigungsdienst beschäftigt.

Leitungsorgane der Landeskirche sind Landessynode, Landeskirchenrat und Kirchenleitung. (Stand 2015)

Wenn das Amt den Glauben prüft

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Zum Christentum konvertierte Flüchtlinge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf die Ernsthaftigkeit ihres Religionswechsels getestet. Mit teilweise äußerst zweifelhaften Methoden.

Wie heißen die beiden Söhne im Gleichnis vom verlorenen Sohn?« Pfarrer Gottfried Martens aus Berlin-Steglitz kann diese Frage nicht beantworten. Sein iranischer Täufling noch weniger. Denn in der Bibel werden die Namen der beiden Söhne überhaupt nicht erwähnt. Der Iraner allerdings könnte deswegen nun in seine Heimat abgeschoben werden. Denn weil er in seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die kürzlich in Berlin stattfand, diese Frage nicht beantworten konnte, glaubte ihm das Amt nicht, dass er wirklich und aus voller Überzeugung zum christlichen Glauben konvertiert ist.

Ein Einzelfall? Mitnichten. Bei dem zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehörenden Pfarrer Martens häufen sich die Fälle von Konvertiten, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben. »Und fast immer finden sich in den Anhörungsprotokollen Belege dafür, dass Anhörer, Dolmetscher und Entscheider, also alle mit dem jeweiligen Fall betrauten Personen, selbst überhaupt keine Ahnung von dem haben, wonach sie fragen«, sagt Martens.

Vom »Schweinefleischfest« bis zu Luthers Geburtsdatum

So verwechselte eine Anhörende das Apostolische Glaubensbekenntnis mit dem Vaterunser. Ein Dolmetscher übersetzte das Osterfest mit dem Begriff »Schweinefleischfest«. Und ein Konvertit scheiterte an der Frage nach dem Geburtstag Martin Luthers – den vermutlich die wenigsten lutherischen Christen in Deutschland auf Anhieb nennen können.

Rund 1 000 iranische und afghanische Flüchtlinge hat Martens in den letzten Jahren getauft. Alle erhielten einen mehrmonatigen Taufunterricht. Alle mussten am Ende eine Prüfung bestehen. Fast alle halten sich auch nach Jahren noch zur Gemeinde, besuchen die Gottesdienste. Den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Menschen kämen nur zu ihm, um als Konvertiten ein Bleiberecht zu erhalten, weist Martens entschieden zurück. »Ich habe aber den Eindruck, dass es im BAMF mittlerweile die Maßgabe gibt, Konvertiten besonders streng zu beurteilen«, sagt Martens.

Und die Erfahrungen des Berliner Pfarrers sind kein Einzelfall. Auch in Bayern erleben Kirchenvertreter Ähnliches. Auf der vor Kurzem in Nürnberg tagenden Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns berichtete Oberkirchenrat Michael Martin nicht nur davon, dass sich in Bayern ebenfalls viele Flüchtlinge in der Landeskirche taufen ließen. Vielmehr führe auch dort das Bundesamt »Glaubensprüfungen« bei Flüchtlingen durch.

»Unbestritten ist: Die Taufe gehört zum Kernbereich kirchlichen Handelns«, sagte Martin vor der Synode. »Als solche ist sie einer staatlichen Überprüfung entzogen.« Aus kirchlicher Sicht halte man fest, dass Glaube mehr sei als die Ansammlung von Faktenwissen. Deshalb könne er überhaupt nicht überprüft werden.

Vor der Synode berichtete Martin davon, dass einem Täufling aus Bayreuth dazu geraten wurde, seinen Glauben bei einer Abschiebung in den Iran doch einfach zu verleugnen. »Es braucht wohl keine große Begründung dafür mehr, dass es so nicht geht«, sagte Martin.

In der anschließenden Debatte äußerte sich auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm: »Als ich davon gehört habe, war ich entsetzt. Es kann keine Glaubensprüfung durch Menschen geben, die dazu keine Kompetenz haben, und es kann auch nicht angezweifelt werden, dass die Menschen, die von der Kirche getauft werden, aus ernsthaften Motiven getauft werden.« Ähnlich sieht das der Berliner Pfarrer Martens. »Es geht nicht nur um dumme Fragen, es geht hier um einen massiven Eingriff des BAMF in Fragen der kirchlichen Lehre.«

Auf Nachfrage wollte sich das BAMF nicht zu den konkret angesprochenen Fällen äußern. Ein Sprecher betonte jedoch, dass im Rahmen der persönlichen Anhörung die näheren Umstände des Glaubenswechsels geprüft würden. »Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben«, sagte der Sprecher. »Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung.«

Der Entscheider müsse beurteilen, ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung erfolgt sei. »Das Bundesamt zweifelt aber den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel an sich nicht an«, so der Sprecher. Es werde generell unterstellt, dass eine sorgfältige Taufbegleitung vonseiten der christlichen Gemeinden erfolgt sei. Allerdings werde von einem Konvertiten durchaus erwartet, dass er ausführlich schildern könne, welche Beweggründe er für die Konversion hatte und welche Bedeutung die neue Religion für ihn persönlich habe.

Gespräche zwischen EKD und Bundesamt

Inzwischen ist die EKD wegen der umstrittenen »Glaubensprüfungen« mit dem Bundesamt im Gespräch. Das bestätigte der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Martin Dutzmann, auf Nachfrage dieser Zeitung. »Es darf in so einem Verfahren kein ›Glaubensexamen‹ geben«, betont Dutzmann. Gefragt werden könne nur danach, wie der eigene Glaube praktiziert werde – also, ob ein Konvertit etwa regelmäßig den Gottesdienst besuche.

Bundesweit sei zudem eine entsprechende Qualifizierung der Anhörer und Dolmetscher erforderlich. Übersetzer müssten christliche Fachtermini kennen, und Anhörer, die sich mit Konvertiten beschäftigen, sollten über Grundkenntnisse des christlichen Glaubens verfügen. Ein erstes Gespräch darüber mit dem Präsidenten des Bundesamtes, Frank-Jürgen Weise, ist aus Sicht von Dutzmann positiv verlaufen.

Benjamin Lassiwe

Eine Gemeinde im Sturm

20. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Während der blutigen Aus­einandersetzungen in Kiew stand vor zwei Jahren die Deutsche Lutherische Gemeinde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Harald Krille sprach mit dem früheren sächsischen Oberlandeskirchenrat Martin Lerchner, der derzeit in Kiew Dienst tut, über die Situation heute.

Herr Lerchner, Sie haben als Ruheständler Vertretungsdienste in Kiew übernommen. Wie ist es dazu gekommen?
Lerchner:
Im letzten Jahr hat diese Gemeinde große Verunsicherungen erfahren. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen dem Bischof in Odessa und der Kiewer Gemeinde, der vor einem Jahr den von der EKD entsandten Pfarrer gewaltsam absetzen wollte. Inzwischen hat sich die Kiewer Gemeinde St. Katharina von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) trennen müssen und orientiert sich an der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dazu kam im Frühjahr 2016 der plötzliche Tod von Pfarrer Schäfer. Die Pfarrstelle, die zurzeit ausgeschrieben ist, soll im Sommer 2017 wieder besetzt werden. Das Kirchenamt der EKD hat deshalb Ruheständler gebeten, für Vertretungsdienste zur Verfügung zu stehen.

Was ist der Hintergrund der Spannungen mit der DELKU?
Lerchner:
Ich kann mich nur auf das verlassen, was andere mir berichtet haben: Im Wesentlichen ist es wohl ein Konflikt mit dem Bischof, der eine hierarchische Führung aufgebaut hat. Bischof Serge Maschewski trifft seine Entscheidungen und erwartet Gehorsam. Wer widerspricht, wird entlassen. Statt in Konflikten zu vermitteln, hat man den Eindruck, dass er es lieber auf Konfrontation ankommen lässt.

Ist Ihnen die Entscheidung leichtgefallen, nach Kiew zu gehen?
Lerchner:
Da ich in den letzten zwölf Jahren meines aktiven Dienstes – zwar sehr gern – nur noch kirchenleitend tätig war, habe ich mich über die Anfrage sehr gefreut. Als ich mich fürs Theologiestudium entschied, wollte ich ja nicht »Kirchenleiter«, sondern Pfarrer werden. Allerdings waren so manche Vorurteile präsent.

   Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Und wie ist es nun in Kiew?
Lerchner:
Kiew ist eine moderne, junge und lebendige Stadt, in der es sich gut leben lässt. Allerdings sind krasse Wohlstandsunterschiede deutlich zu bemerken: auf der einen Seite Kraftfahrzeuge, die eher an Waffen als an Transportmittel erinnern, auf der anderen Seite bettelnde ältere Menschen, denen die Rente nicht zum Leben reicht. Und natürlich habe ich im Laufe der Zeit mitbekommen, dass die kriegerischen Konflikte in der Ostukraine viele Familien persönlich betreffen. Wenn ich es richtig sehe, sind unter den jüngeren Menschen viele, die gut gebildet sind, zum Teil mehrere Sprachen gut beherrschen. Gleichzeitig scheint eine größere Gruppe, vor allem älterer Menschen, nichts Gutes mehr vom Leben zu erwarten. Die Kosten steigen und das Geld reicht nicht, sodass die Unzufriedenheit steigt. Nahezu täglich sind im Stadtgebiet Demonstrationen zu bemerken.

Wie ist die Situation in der Deutschen Lutherischen Gemeinde?
Lerchner:
In Kiew höre ich immer wieder stolz: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. Allerdings höre ich das fast immer auf Russisch. Zwar stammen sehr viele der etwa 200 Gemeindeglieder aus deutschen Familien. In Zeiten der kommunistischen Herrschaft war es allerdings kaum möglich, die deutsche Sprache und Kultur und den lutherisch geprägten Glauben weiterzugeben. Und doch sind ein tiefes Wissen und eine ungestüme Sehnsucht wahrzunehmen: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. So sind sonntags siebzig bis achtzig Personen regelmäßig im Gottesdienst, in dem Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch gesungen und die Predigt und andere Texte ins Russische übersetzt werden.

Sie predigen nicht auf Russisch?
Lerchner:
Ich bin überaus dankbar dafür, dass die Gemeindesekretärin sehr gut übersetzen kann. Sie ist nicht nur eine Übersetzerin, sondern eine Person, der man eine geistliche Prägung abspürt. Die Gläubigen kommen mit großem geistigem Interesse zum Gottesdienst, in dem alle Altersgruppen vertreten sind. Nach jedem Gottesdienst findet ein Treffen mit bis zu zwanzig Personen statt, die sich mit ihren Erfahrungen und Fragen in dieses Gespräch einbringen. Es gibt zudem einen wöchentlichen Bibelgesprächskreis. Großes Interesse an der Arbeit der Kirchengemeinde und am Pfarrer haben darüber hinaus die zahlreichen Deutschen, die – an der deutschen Schule, im diplomatischen Dienst und in anderen Bereichen – auf Zeit hier mit ihren Familien leben.

Die Gemeinde und ihr damaliger Pfarrer Ralf Haska haben sich in den blutigen Majdan-Auseinandersetzungen Anfang 2014 einen Namen durch ihre parteiübergreifende Hilfe gemacht. Ist von dieser Haltung heute noch etwas zu spüren?
Lerchner:
Diese Erfahrungen haben die Gemeindeglieder sehr geprägt und sie sind mit Recht stolz darauf. Von der Haltung ist zumindest so viel zu spüren, dass die Gemeinde – trotz immenser finanzieller Schwierigkeiten – immer wieder notleidende Menschen unterstützt.

Der protestantische Petersdom

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Sonderfall Schlosskirche: Sie ist Reformationsdenkmal, Touristenmagnet und evangelische Selbstvergewisserung, Ausbildungskirche für den ostdeutschen Pfarrernachwuchs und nicht zuletzt auch Gemeindekirche.

Die Kirchengeschichte: Sie wurde »Allen Heiligen« gewidmet, war Kirche des Kurfürsten, des Kaisers, sogar des DDR-Staats. Aktuell gehört sie dem Land Sachsen-Anhalt. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers geht die Schlosskirche 2017 in das Eigentum der EKD über. Damit endet ein de facto jahrzehntelanger unklarer Rechtszustand.

Jener ist der Geschichte geschuldet: Die Schlosskirche war seit 1507 Kirche der Universität. Als Wittenberg nach den Befreiungskriegen preußisch wurde, verlegte der König die Universität nach Halle und erließ 1816 eine Kabinettsorder, wonach »ein lutherisches Predigerseminarum« anstelle der ehemaligen Universität in Wittenberg einzurichten sei. Sitz wurde das Augusteum; zur Ausbildungskirche wurde die Schlosskirche erkoren.

Kirchliches Leben in staatlichen Gemäuern – so blieb es über die Jahre und durch die Zeitenwenden hindurch. Aktuell trägt das Land Sachsen-Anhalt die Verantwortung, auch wenn das Bundesland juristisch gesehen natürlich nicht der Rechtsnachnachfolger des preußischen Staates ist. Sind die Bauarbeiten am Schlosskirchenensemble Anfang 2017 beendet, übernimmt die EKD die Kirche in ihr Eigentum.

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Reformationskirche: »Die rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse werden jetzt neu geordnet«, sagt Thomas Begrich. Der ehemalige Finanzdezernent der Kirchenprovinz Sachsen und der EKD betreut und begleitet heute für die EKD das Bauvorhaben Schlosskirchenensemble. Der Oberkirchenrat findet das Engagement der Evangelischen Kirche Deutschlands richtig und nötig. »Die Schlosskirche ist schließlich nicht irgendeine Kirche, sie ist der Ursprungsort der Reformation, Ort des Thesenanschlags und Grabstätte von Luther und Melanchthon. Wenn die EKD als Gemeinschaft und Dachorganisation die Schlosskirche übernimmt, agiert sie im Interesse all ihrer 20 lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen«, betont Oberkirchenrat Begrich. Da geht es um die inhaltliche Gestaltung, um den Umgang mit bis zu einer halben Million Gästen im Reformationsjahr, um Kontinuität und, ja, auch um Finanzkraft.

»Ich bin der EKD sehr dankbar, dass sie bereit ist, die Schlosskirche ins Eigentum zu übernehmen. Das Land Sachsen-Anhalt hätte ja auch einen anderen Eigentümer wählen können«, sagt Hanna Kasparick. Die promovierte Theologin ist Direktorin des Predigerseminars – die Einrichtung hat das primäre Nutzungsrecht der Schlosskirche. Auch nach dem Eigentümerwechsel. Mit dem Engagement der EKD sei klar, dass die Schlosskirche Kirche ist und bleibt, kein Museum wird. »Die EKD, und damit die Gemeinschaft der Gliedkirchen, übernimmt für diesen Ursprungsort der lutherischen Reformation besondere Verantwortung«, freut sich die Direktorin.

Die Ausbildungskirche: Schon seit 200 Jahren ist die Schlosskirche Ausbildungskirche des Predigerseminars. Während die Vikare über all die Jahre hindurch in dem mächtigen, eindrucksvollen Gotteshaus das Predigen übten, lebten und studierten sie mit ihren Dozenten bis vor wenigen Jahren im Augusteum. Im Zuge des Eigentümerwechsels der nun generalsanierten Kirche wird auch das ehemalige Universitätsgebäude umstrukturiert. Das Predigerseminar bezieht einen neuen Campus an der Kirche, das Augusteum bietet nun der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt mehr Platz und Raum. Aktuell verabschiedet sich das Predigerseminar mit einer Ausstellung von der alten Heimstatt: »Gehrock, T-Shirt und Talar« heißt die Schau über die Geschichte des Seminars, die gemeinsam mit der Stiftung realisiert wurde. Die »Wittenberger Rochade«, wie es Hanna Kasparick nennt, sei ein Gewinn für Predigerseminar, Ausbildung und Schlosskirche. »Wir befinden uns jetzt direkt neben unserer Ausbildungskirche, können sie viel intensiver für die Ausbildung, für Andachten, das Mittagssingen und liturgische Übungen nutzen«, nennt sie Beispiele. Dies sei auch ein Gewinn für die Kirchenbesucher: Sie erleben, dass die Reformation nicht bloß Thesenanschlag und 500 Jahre alte Geschichte ist, sondern »eine Aufgabe, vor der jede neue Generation steht«. Das Predigerseminar sei wie eine »Zukunftswerkstatt des Protestantismus«.

Neben dem Predigerseminar gehören auch das Zentrum für evangelische Predigtkultur, die Evangelische Akademie und die Evangelische Wittenbergstiftung zu den Akteuren in der Schlosskirche. Letzte übernimmt etwa die Schulung der Kirchenführer. Auch mit dem Zentrum des Lutherischen Weltbunds arbeitet man eng zusammen. Als anregend, unterstützend und kreativ bezeichnet Hanna Kasparick das Miteinander. Ein Verwaltungsrat soll alle Belange, Rechte und Pflichten klären. Freunde und Unterstützer aus vielen Ländern und Kirchen haben sich in der Internationalen Schlosskirchengemeinschaft versammelt.

Die Gemeindekirche: Erst spät in ihrer Geschichte wurde die Schlosskirche auch zu einer Art Gemeindekirche: 1949 gründete man die Schlosskirchengemeinde, auch um in der DDR die kirchlichen Belange aufrechtzuerhalten. Aktuell gehören ihr rund 110 Menschen an. Etwa zwei Dutzend leben im unmittelbaren Umfeld. Die meisten werden aufgrund ihres Wohnorts eigentlich der weitaus größeren Stadtkirchengemeinde zugeordnet, treten aber der Schlosskirchengemeinde bewusst bei. Die Schlosskirchengemeinde ist stark personell geprägt. Lehrer, Rentner, Angestellte in sozialen Berufen, Handwerker, aber natürlich auch die Dozenten des Predigerseminars sind Glieder. »Trotz des besonderen Orts, wollen wir eine ganz normale Gemeinde sein«, sagt Kirchenältester Matthias Pohl. Mit allem, was dazugehört. »Ja, das ist unsere Kirche. Wir identifizieren uns mit ihr, auch wenn sie uns nicht gehört«, erzählt der 58-jährige Matthias Pohl vom Selbstverständnis der Gemeinde. Nicht einmal einen Schlüssel für den Kirchenbau haben sie. Die Schlosskirchengemeinde genießt Gastrecht in der Kirche. Und sie gerät auch schnell in eine Gastrolle bei durchschnittlich 100 Gästen und 10, 15 Gemeindegliedern im sonntäglichen Gottesdienst.

Aber die Gemeindeglieder sind selbstbewusst, einsatzfreudig und prägen das gottesdienstliche Leben mit. Sie helfen dem Predigerseminar, bei dem Kanzelrecht und liturgische Ordnung liegen, etwa mit Lektoren- und Begrüßungsdienst das geistliche Innere zu gestalten. Die Beziehungen zum Seminar sind eng und persönlich. Wenn es einen neuen Adventsstern zu beschaffen und Altargeräte auszusuchen gilt, »regeln wir das mit dem Predigerseminar«, sagt Matthias Pohl.

Die Kirche in der Zukunft: Es klafft eine Lücke. Seit dem Tod von Propst Siegfried Kasparick ist die Gemeindepfarrstelle vakant. »Er fehlt überall«, sagt Matthias Pohl. Die Vertretung hat Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel übernommen.

»Traditionell war der Propst von Wittenberg Schlosskirchenpfarrer«, blickt Beuchel in die Geschichte. Aber seit dem Zusammenschluss zum Sprengel Halle-Wittenberg sitzt der Regionalbischof in Halle. Undenkbar, dass Propst Johann Schneider von dort aus eine Gemeinde betreut.

Entschieden, wie es künftig weitergeht, ist noch nichts. Varianten gäbe es einige: sie reichen von der EKD über das Predigerseminar und die Stadtkirchengemeinde bis zur Suptur. Superintendent Beuchel stellt klar: »Die Schlosskirchengemeinde ist Gemeinde des Kirchenkreises. Er hat die Pflicht und das Recht, die Gemeinde zu versorgen.« Wichtig sei vor allem, die Kontinuität geistlichen Lebens in der Schlosskirche zu sichern. »Gibt es eine Gemeinde, gibt es auch Gemeindeglieder. Und sie sind Garant für ein geistliches Leben.«

Einig sind sich alle: Zum Reformationsmuseum darf die Kirche nicht verkommen. Gerade hier muss gelebt werden, was Luther predigte.

Katja Schmidtke

Lutherbibel: Der Hirsch schreit wieder

14. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Die neue, alte Bibel: Der Thüringer Altbischof Professor Christoph Kähler leitete die Überarbeitung, an der 70 Experten beteiligt waren. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Kähler, was ist neu an der revidierten Lutherbibel?
Kähler: Es ist wieder etwas mehr Luther drin. Wir haben schätzungsweise bei einem Drittel unserer 16000 Änderungen wieder den Text hergestellt wie ihn Luther konzipiert hat. Zweitens ist die revidierte Fassung eine genauere Übersetzung des griechischen und hebräischen Textes. Wenn Luthers ursprünglicher Text den Ausgangstext sorgfältiger wiedergegeben hatte, dann stellten wir seine Übersetzung wieder her. Wir sind näher bei Luther und näher bei dem Ausgangstext, also näher bei dem Urtext.

Können Sie einige Textbeispiele nennen, wie sie vor der Revision lauteten und wie Sie übersetzt haben?
Kähler: Ja, am einfachsten ist Psalm 42: “Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.” So lesen wir es jetzt in unseren Bibeln. Luther hatte sich aber genauer an das Hebräische gehalten und das gleiche Verb gleich wiedergegeben: “Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.” In dieser Revision kehren wir zum alten Wortlaut zurück. Das hat den Vorzug, dass das Bild einer schreienden Seele unterstreicht, wie elementar die Not ist, die der Psalmbeter ausdrückt.

In der Matthäus-Fassung der Sturmstillung steht jetzt nicht mehr, dass sich ein Sturm erhebt (Mt 8,24). So steht es nicht im griechischen Text. Darum hatte Luther übersetzt: »Da erhob sich ein groß Ungestüm im Meer.« Diese Formulierung ist heute schwer verständlich.

Wir haben jetzt an diese Stelle gesetzt: “Da war ein großes Beben im Meer.” Das „große Beben im Meer“ ist genauer am Text dran: Es beschreibt die Katastrophen der Endzeit, wie Matthäus sie sieht, und beschreibt damit genauer das, was im griechischen Text steht.

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

An anderen Stellen haben wir Korrekturen zurückgenommen. In der Offenbarung, Kapitel 2, Vers 9, und Kapitel 3, Vers 9, ist 1956 übersetzt worden: »Synagoge des Satans«. Das kann zu schrecklichen Missverständnissen führen. Luther selbst sprach von einer »Schule des Satans«, was andere Missverständnisse nahelegt. Deshalb haben wir das griechische Wort Synagoge wörtlich übersetzt als »Versammlung« des Satans. Aber eben nicht Kirche oder Moschee oder Synagoge des Satans. Sondern es ging darum: Da gibt es eine Gruppe, die von dem Seher in der Offenbarung als eine Versammlung angesehen wird. Sie behaupten, sie seien Juden, sie sind es aber nicht, sie sind eine Versammlung des Satans.

Und bei den Paulus-Briefen ist aus der Anrede “Liebe Brüder” sogar “Liebe Brüder und Schwestern” geworden…
Kähler: Ja, im Griechischen ist das Wort für Brüder und für Schwestern fast dasselbe Wort. Es gibt nur verschiedene Endungen. Im deutschen Sprachgebrauch sind Brüder und Schwestern sehr verschiedene Worte. Deswegen haben wir gesagt: Wenn Paulus ganze Gemeinden anredet, die aus Frauen und Männern bestehen, dann muss das heute hörbar werden und vom Sinn her übersetzt werden. So hat Luther auch an vielen Stellen gearbeitet. Dann muss man die »Brüder und Schwestern« übersetzen. Das machen übrigens die beiden anderen großen deutschen Gebrauchsbibeln genauso: Die Zürcher Bibel 2007 und die kommende revidierte Einheitsübersetzung, die 2017 erscheinen wird. Die reden auch von Brüdern und Schwestern, weil wir wissen, dass Frauen dabei gewesen sind, zum Teil in leitenden Funktionen, was man gelegentlich übersehen hat.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass das manche bibeltreue Christen empört…
Kähler: Wir haben in der Regel keine weiblichen Ausdrücke gewählt, wo sie nicht da sind. Aber wenn ganze Gemeinden angeredet werden, von denen wir wissen, dass Frauen führende Funktionen hatten, können wir nicht so tun, als ob es nur Männer gegeben hat. Natürlich steht im griechischen Text nur der Begriff für Brüder. Aber der ist dem Begriff für Schwestern so ähnlich, dass damals jedenfalls Frauen sich mit gemeint gefühlt haben. Das ist in Deutschland noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Fall gewesen. Aber wenn wir “Brüder” anreden, hören Frauen heute nicht mehr, dass sie da auch noch gemeint seien. Das ist die Wirklichkeit der Gemeinde, die ich als Pfarrer wahrnehmen muss. Ich muss den Frauen signalisieren, damals sind die Frauen mit angeredet worden, sie hatten wichtige Funktionen in den Gemeinden. Paulus hat eine Frau wie Phöbe, die in Kenchreä Gemeindeleiterin war, als seine Patronin bezeichnet. Das muss man irgendwie wiedergeben können.

Ja, ich denke, zur Bibeltreue gehört, dass man wie Luther den Sinn der Bibel wiedergibt und nicht nur den Wortlaut.

Das Dolmetschen war für Luther und seine Mitstreiter ein mühsamer Prozess. Sie haben um die Worte gerungen. Wie war das in dem Team von 70 Experten?
Kähler: Wir sind ähnlich wie Luther vorgegangen. Einer hat sich zu Hause an den Schreibtisch gesetzt und ist mühsam Wort für Wort durchgegangen: Ist das noch sinnvoll und korrekt oder müssen wir anders formulieren? Wir hatten ausführliche schriftliche Vorlagen, eine Tabelle mit dem griechischen oder hebräischen Text, der katholischen Einheitsübersetzung, der reformierten Zürcher Bibel, Luthers Fassung von 1545, also der letzten, die er noch gesehen hat, und der Revision von 1984, also der, die im Moment im gottesdienstlichen Gebrauch ist. Dann ist der Bearbeiter eines Bibelabschnittes mit seinem Übersetzungsvorschlag in seine sechs- bis zehnköpfige Gruppe gegangen. Diese hat entweder gesagt: Was der Bearbeiter gedacht hat, leuchtet uns ein. Das machen wir genau so, wie er es vorschlägt. Oder sie haben gesagt: Das Problem, das der Bearbeiter anzeigt, ist ein Problem, aber seine Lösung ist nicht gut, deswegen haben wir an der Stelle einen anderen Vorschlag. Oder: Der alte Text ist besser, darum bleiben wir dabei.

Die Gruppe hat dann ihrerseits ihre Entscheidung begründet und ihre Vorlage mit neuen Tabellenspalten in den Lenkungsausschuss gegeben. Der Lenkungsausschuss hat dasselbe wie die Gruppe gemacht. Er hat gesagt: Der Vorschlag der Gruppe leuchtet uns ein. Das machen wir. Oder er hat gesagt: Das Problem braucht eine andere Lösung. Entweder haben wir die eingesetzt oder gesagt, das hat Luther so gut übersetzt, das kann gar nicht verbessert werden, das bleibt so, wie es ist. Wir haben sehr viele Vorschläge abgelehnt. Wir haben im Lenkungsausschuss sehr darauf geachtet, dass wir möglichst nahe bei Luther bleiben.

Es gab auch Texte, die für Streit und Diskussion gesorgt haben?
Kähler: Problematisch war für uns die Frage, wie wir das Vaterunser übersetzen. Es ging vor allem um die Frage, ob wir übersetzen: “Erlass uns unsere Schulden” oder “Vergib uns unsere Schuld”. Der Lenkungsausschuss hat dann endgültig entschieden: Wir bleiben bei dem Vaterunser-Text. Weil das, was im Griechischen steht, zwar im Plural formuliert ist, aber im Deutschen sind Schuld und Schulden als Plural zwei ganz verschiedene Begriffe geworden. Schuld ist etwas Moralisches, Ethisches, eine Verfehlung. Und Schulden sind Finanzverbindlichkeiten. Es geht primär um die Schuld vor Gott, die man im Deutschen nur in der Einzahl bezeichnen kann. Deswegen sind wir dabei geblieben, auch wenn die Einheitsübersetzung und die Zürcher Bibel es anders machen. Damit man vergleichen kann, haben wir in der Lutherbibel eine Anmerkung gemacht, dass man wörtlich übersetzen kann: “Erlass uns unsere Schulden.”

An anderen Stellen war die Frage, ob wir bei “Heiland” bleiben oder eine andere Übersetzung wählen. Die andere Übersetzung wäre “Retter” gewesen. “Euch ist heute der Retter geboren.” Wir wollten das Wort “Heiland” im Deutschen nicht verlieren. Es ist eine altertümliche Vokabel. Die wird heute wenig gebraucht. Aber wir meinten, dass im “Heiland” mehr drinsteckt, das Heil, sodass wir den “Heiland” belassen und nicht durch “retten” und “Retter” ersetzt haben.

Eher am Rande gab es ein bisschen Streit zwischen den Nordlichtern und denen, die jetzt im Süden wohnen, ob wir wie Luther von dem Wassergefährt auf dem See Genezareth sagen, dass das ein Schiff ist. So hat Luther übersetzt. Oder ob wir bei Boot bleiben? So hat man das vor 50 Jahren konsequent geändert. Leute, die eher im Norden zu Hause sind, haben gesagt: Also das ist wirklich nur ein Boot, mit dem die über den See geschippert sind, aber doch kein Schiff. Ein Schiff ist etwas anderes als ein Boot. Wenn man sich heute die Boote anguckt, mit denen die auf dem See Genezareth gefischt habendann ist ganz klar nach unserem Sprachgebrauch ein Boot. Daher bleiben wir bei dieser Bezeichnung.

Was Sie schildern, sind Streitpunkte um einzelne Worte?
Kähler: Ja. In der Regel haben wir uns kaum noch darum streiten müssen, wie wir mit ganzen Sätzen umgehen? Den Streit gab es vor 50 Jahren. Damals ging es um die Frage, ob man sozusagen das moderne Deutsch spricht, in dem Verben ziemlich konsequent an einer bestimmten Stelle im Satz stehen? Wenn ich einen Nebensatz bilde, dann wird in der Regel das Verb an das Ende des Nebensatzes gestellt: “Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt”, so hat man vor 50 Jahren formulieren wollen. Die Umstellung an den Anfang des Satzes ist aber inzwischen von Germanisten sehr wohl als eine Stilmöglichkeit wieder anerkannt. Man darf auch sagen: “Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Und die Betonung, die dann eher auf den “geringsten Brüdern” liegt, diese deutsche Betonung, die wollten wir erreichen. Also haben wir die etwas größere Freiheit im Satzbau Luthers wieder aufgenommen. Weil wir inzwischen vorzügliche Germanisten und Linguisten kennen, die uns sagen: Das Idealmaß, die eine deutsche Sprache, nach der sich alle und immer richten müssen, auch in Luthers Bibel, dieses Ideal, das ist unrealistisch und engt die lebendige Sprache unnötig ein.

Was glauben Sie, wie wird diese revidierte Lutherbibel bei der jüngeren Generation ankommen?
Kähler: Es gibt, um ein Extrembeispiel zu nennen, die sogenannte “Volxbibel”, die versucht, den Rapper-Slang nachzumachen. Die hat den Anfang von Psalm 23 “Der Herr ist mein Hirte” so wiedergegeben: “Gott höchstpersönlich ist mein Dauergastgeber [whoa]« – ich kenne keinen Jugendlichen, der sich mit dieser Sprache völlig identifiziert. Wenn man das einmal vorträgt, dann finden das manche ganz lustig. Aber ist es wichtig? Und: Kann man sich den ganzen Psalm merken?

Viele Erfahrungen in den Gemeinden lauten: Wenn wir Konfirmanden und Schüler sorgfältig einführen und sie nicht allein lassen mit der “Lutherbibel”, dann hören sie daraus, dass es um etwas ganz Besonderes geht, was auch eine besondere Sprache hat. Das muss man miteinander besprechen. Ich weiß, dass manche Sätze von den Konfirmanden und von jüngeren Schülern nicht sofort aufgenommen werden können. Gut. Damit muss man umgehen. Für Leute, die nur mit einem moderneren Deutsch klarkommen, braucht man Einstiegsbibeln, die das Lesen erleichtern. Dafür gibt es inzwischen gute Beispiele.

Für mich hat die sprachlich beste Form die Basis-Bibel. Relativ gut ist die Gute-Nachricht-Bibel, die verbessert wurde. Sie war zum Teil problematisch, ist aber im Lauf der Zeit sehr viel zuverlässiger und sorgfältiger geworden. Aber die Grunderfahrung ist die, dass Leute die es ernsthaft meinen, irgendwann endgültig zu Luther zurückfinden.

Vielleicht kann man so viel sagen: Die Lutherbibel hat ein bestimmtes Profil. In den Buchhandlungen werden heute über 40 verschiedene Übersetzungen der Bibel angeboten. Es ging nicht mehr darum, die Lutherbibel zu der einen einzigen Gebrauchsbibel in der evangelischen Kirche zu machen. Das schaffen wir nicht. Wir haben drei große Gebrauchs-Bibeln in Deutschland: Die reformierte Zürcher Bibel, die katholische Einheitsübersetzung und die Lutherübersetzung. Wir wollten das Profil der Lutherbibel schärfen. Wo ernsthaft gelesen und nachgedacht wird, erweist sich die Lutherbibel als unverzichtbar. Die ist nach wie vor ein Wurf, den nicht wir, sondern Luther und seine Mitarbeiter geschaffen haben.

Sie blicken ganz zufrieden auf Ihr Werk?
Kähler: Also, man muss dazu das sagen, was auch andere zur revidierten Einheitsübersetzung gemeint haben und was auch die Zürcher zu ihrem Werk sagen: Es gibt nicht die perfekte Bibel-Übersetzung. Wir haben zum Teil schnelle Entscheidungen gefällt. Auch wenn wir sie gründlich vorbereitet haben, wird es immer mal ein Ungenügend geben. Jetzt, wenn ich einzelne Kapitel insgesamt durchgehe, gibt es Entscheidungen, von denen ich sage: Nun ja, die hätten wir vielleicht anders fällen können oder die hätten wir gar nicht fällen müssen oder wir hätten gut beim alten Text bleiben können. Insgesamt aber bin ich froh und zufrieden über das, was geleistet worden ist. Es ist ein besserer Text geworden nach diesen beiden Kriterien: Mehr Luther, und er ist genauer und an manchen Stellen auch deutlich lesbarer geworden.

Wann wird es die nächste Revision geben?
Kähler: Das weiß ich nicht. Eine Bibelübersetzung muss etwa alle zwei Generationen lang auf den Prüfstand gestellt werden, weil es neue Erkenntnisse der Wissenschaft gibt. Auch die Sprache kann sich so verändern, dass Ausdrücke so missverständlich geworden sind, dass man sie nicht weiter verwenden kann.

Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

Die lutherische Welt blickt 2017 nach Namibia

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Namibia: In Windhoek eröffneten die Lutheraner jetzt den Endspurt zur Vollversammlung in einem Jahr

Aus deutscher Perspektive dreht sich in Sachen Reformationsjubiläum alles um Wittenberg. Doch die weltweite Konfessionsgemeinschaft der Lutheraner feiert im Südwesten des afrikanischen Kontinents.

Creation is not for sale«, singt der Gospelchor, der auf einer kleinen Bühne in den Gärten vor dem Parlament in Windhoek, Namibia, Aufstellung genommen hat. »Die Schöpfung ist nicht verkäuflich. Menschen sind nicht verkäuflich. Erlösung ist nicht verkäuflich.« Unter den hohen Bäumen des Parks haben gut 500 Menschen Platz genommen. Prominenz ist darunter, wie der stellvertretende Präsident des Landes, Nickey Yambo. Oder der frühere Bischof und heutige Minister für Armutsbekämpfung, Zephania Kameeta. Er ist es, der wenige Minuten später in einer alten Öllampe ein Feuer entzündet. »Es ist mir eine große Freude und ein Privileg, die Vorbereitungsphase für die 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds zu eröffnen«, sagt Kameeta, der zugleich Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes (LWB) ist.

Globale Erinnerung an die Reformation

Vom 10. bis 17. Mai 2017 wollen Delegierte aus allen 145 Mitgliedskirchen des LWB, die immerhin für 72 Millio­nen Lutheraner stehen, in Namibia zusammenkommen. Ihr Treffen soll im Jahr des Reformationsjubiläums unter dem Motto »Befreit durch Gottes Gnade« stehen. Und die damit verbundenen Unterthemen sind die Liedzeilen des Gospelchors: Die Unverkäuflichkeit von Schöpfung, Menschheit und Erlösung.

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne.  Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne. Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

»Namibia wird der Ort für die globale Erinnerung an die Reformation sein«, sagt Kameeta. Dass sich die weltweiten Lutheraner dazu nicht in Wittenberg, sondern ausgerechnet in Afrika treffen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist da die heute durchaus kritisch gesehene, jahrelange Unterstützung der namibischen Befreiungsbewegung SWAPO durch den Lutherischen Weltbund. Dessen Stipendienprogramme erleichterten nach der Erlangung der Unabhängigkeit vielen Namibiern den Einstieg in Wirtschaft und Politik. »Wir wollen dem LWB ein Schaufenster in das Land bieten, das sie unterstützt haben«, sagt der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), Shekutaamba Nambala.

Das lutherischste Land in ganz Afrika

Zum anderen ist das 2,3 Millionen Einwohner zählende Namibia schlicht das am meisten lutherisch geprägte Land auf dem schwarzen Kontinent – auf dem zudem bisher nur eine einzige Vollversammlung des LWB stattgefunden hat. Rund 1,1 Millionen Einwohner gehören einer der drei lutherischen Kirchen des Landes an: der auf die finnische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), die rund 700 000 Gemeindeglieder hat; der auf die rheinische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia (ELKRN), die etwas mehr als 400 000 Gemeindeglieder zählt; und der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN-DELK), der rund 5 000 Gemeindeglieder angehören.

Alle drei Kirchen haben eine gemeinsame Kirchenleitung, sehen sich aber als selbstständige lutherische Kirchen an – und wollen an diesem Zustand trotz teils großem Druck aus Deutschland auch nichts ändern. »Wir reden hier nicht über eine gemeinsame Kirche«, sagt der Generalsekretär der ELKRN, Petrus Kaariseb. »Wir arbeiten aber eng zusammen.«
So kooperieren die drei Kirchen etwa bei einem gemeinsamen Programm zur Nothilfe in dem von einer Dürrewelle geplagten Land. Die beiden afrikaanssprachigen Kirchen unterhalten ein gemeinsames theologisches Seminar. In der Innenstadt von Windhoek wurde die »Inner City Congregation« gegründet, eine gemeinsame, englischsprachige Gemeinde, die allen drei Kirchen angehört. Und in der kleinen deutschsprachigen Kirche übernimmt der eigentlich zur ELKIN gehörende, frühere Generalsekretär des Namibischen Kirchenrates, Ngeno Nakamnela, seit einigen Wochen eine Vertretung in einer vakanten Gemeinde.

»Trotzdem nehme ich auch wahr, dass die Kirchen nicht wirklich der Einheit verpflichtet sind«, sagt der Diakoniepfarrer der ELKIN, Gerson Neliva. Und auch der Bischof der ELKIN-DELK, Burgert Brand, spricht davon, dass es zwischen den Kirchen zuweilen Kommunikationsprobleme gebe.

Im Hintergrund steht dabei noch immer die Zeit des Apartheidregimes. Dass der farbige Nakamnela als Vakanzvertreter an einem Pfarrkonvent der ELKIN-DELK teilnimmt, wäre vor 30 Jahren unmöglich gewesen. Und oft wird gerade der deutschsprachigen Kirche vorgeworfen, sich nicht entschieden genug gegen die Apartheid positioniert zu haben. 1984 wurde die ELKIN-DELK deswegen vom Lutherischen Weltbund suspendiert – eine Entscheidung, die der LWB als »Erziehungsmaßnahme« deklarierte.

Schweres Erbe: Kolonialzeit und Apartheidregime

»In Namibia wurde es als Rausschmiss empfunden«, sagt Brand. Auch das Verhältnis zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnet der Bischof als »ambivalent«. Zwar habe die Partnerschaft mit Deutschland selbst in der Zeit der LWB-Suspendierung gehalten. Doch dass manche EKD-Vertreter von der »weißen Kirche« Namibias sprechen, und die deutschsprachigen Namibier zumindest unterschwellig für alle Gräueltaten der Geschichte Namibias verantwortlich machen, stößt in der Kirche auf Unverständnis und Empörung. Brand spricht gar von einem »eurozentristischen, paternalistischen Blick« der EKD. »Wir sind Namibier, die deutsch sprechen«, sagt Brand.

Tatsächlich setzt sich auch die ELKIN-DELK kritisch mit der Kolonialgeschichte Namibias auseinander: Über einer Gedenktafel in der Windhoeker Christuskirche, in der der Toten der Kolonialkriege gedacht wird, soll nach dem Vorbild einer Kirche aus Wilhelmshaven eine Plexiglasplatte angebracht werden, die darauf aufmerksam machen soll, dass man heute aller Toten aller Kriege gedenkt.

Und natürlich unterstützt auch die ELKIN-DELK zahlreiche Projekte zur Bekämpfung der Armut im Land – etwa das Wohnheim »Hephata« in der größten Armensiedlung Windhoeks, in Kattutura, wo Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung aufopferungsvoll betreut werden. »Wenn wir von ›Liebe deinen Nächsten‹ predigen, ist doch völlig klar, dass damit die Menschen in den Armutsvierteln gemeint sind«, sagt der Pastor der Küstengemeinden rund um Swakopmund, Klaus-Peter Tietz.

Herausforderung bei Finanzen und Logistik

Eine enge Kooperation findet sich auch in der Vorbereitung der Vollversammlung des LWB. Das 15-köpfige Planungsteam besteht aus Mitgliedern aller drei Kirchen. Doch der schlechte Wechselkurs des namibischen Dollars stellt die Verantwortlichen vor immer größere Herausforderungen. »Wir müssen 64 000 Euro für die Vollversammlung selber aufbringen«, sagt Hartmut Diehl, der zum Planungskomitee gehört. Als die Vorbereitungen begannen, stand der Namibia-Dollar im Verhältnis zum Euro noch bei 1:12, mittlerweile ist der an den südafrikanischen Rand gekoppelte Wechselkurs bei 1:17 angekommen.

Für die Namibier wird die Vollversammlung damit immer teurer. Zudem ist eine Vollversammlung des LWB in einer Stadt wie Windhoek, die über kein öffentliches Nahverkehrssystem verfügt, auch eine logistische Herausforderung. Doch die Namibier haben sie angenommen. »Wir wollen der Versammlung den Geist Namibias mitgeben«, sagt Emma Nangolo vom örtlichen Planungskomitee. »Und wir wollen das Lutherische in Namibia sichtbar machen.«

Benjamin Lassiwe

www.lwfassembly.org

»Ich möchte mich einbringen«

3. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Mit Michael Diener sitzt erstmals ein Chef der konservativen Evangelikalen im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Präses Michael Diener, bekommt Gegenwind aus den eigenen Reihen, weil er von den Pietisten Selbstkritik einfordert. Harald Krille hat mit ihm gesprochen.

Herr Präses Diener, wenn man in die recht chaotische Welt schaut – kann da einem Christen nicht der Frage kommen, ob wir in der Endzeit leben?
Diener:
Wir leben definitiv in der Endzeit. Denn biblisch betrachtet ist die Endzeit die Zeit zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft. Aber: Es gab wohl keine Generation von Christen, die nicht gesagt hat, schlimmer kann es nicht mehr kommen, jetzt ist es so weit. Umgekehrt: Die Erwartung, dass unser Herr bald kommen möge, ist natürlich eine Essenz unseres christlichen Glaubens. Dem schließe ich mich auch gerne an. Aber vor zeitlichen Berechnungen warnt uns die Heilige Schrift sehr deutlich.

Christliche Menschenrechtsgruppen verweisen darauf, dass noch niemals so viele Christen um ihres Glaubens willen getötet und verfolgt wurden, wie in den vergangenen Jahren.
Diener:
Ich denke, dass diese Beobachtung richtig ist. Doch wird das ganze Ausmaß bisher von der Öffentlichkeit, auch unter uns Christen, nur bedingt wahrgenommen. Dabei kann ich die Bibel gar nicht lesen, ohne fast auf jeder Seite daran erinnert zu werden, dass wir als Christenmenschen für unsere Geschwister einstehen sollen. Das Thema müsste uns alle viel mehr beschäftigen und uns auch zu konkreten Schritten bewegen.

Auch zum militärischen Eingreifen gegen islamistische Gruppen wie den »IS«?
Diener:
Persönlich sehe ich bei dem jetzt beschlossenen Kriegseinsatz noch ganz, ganz viele ungeklärte Fragen. Umgekehrt glaube ich, dass dem, was der »IS« dort treibt, auch mit legitimierter Gewalt Einhalt geboten werden muss. Doch auch unter Christen gibt es sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Ich bin froh, dass ich das im Bundestag nicht entscheiden musste. Aber: Wäre ich Abgeordneter des Bundestages, hätte ich wahrscheinlich für diesen Militäreinsatz gestimmt.

»IS« und die Christenverfolgung ist die eine Sache, die Flüchtlingsdiskussion bei uns eine andere. Wo ist in dieser Frage der Platz der »Frommen«: bei Pegida und Co. oder bei den Multikulti-Apologeten?
Diener:
Es kann überhaupt gar keine Frage geben, dass der vorrangige Platz der Christenmenschen bei den Verfolgten und bei den Flüchtlingen ist. Und da sind sie nach meiner Beobachtung auch über die Maßen aktiv, sowohl in der Gemeinschaftsbewegung, im Raum der Evangelischen Allianz und im Bereich der Landes- und Freikirchen.

Studien über die NS-Zeit zeigen, wie beschämend nahe Christen den Gedanken des Rassismus standen. Und es gibt zeitgenössische Umfragen, die konservativen Christen auch heute eine latente Nähe zu fremdenfeindlichen Gedanken bescheinigen.
Diener:
Wenn man sich die erwähnten Untersuchungen anschaut, dann fragt es sich, wie belastbar sie sind. Umgekehrt sage ich ganz klar: Ja, es gibt auch in unserem Bereich fremdenfeindliche Äußerungen. Es gibt Menschen, die sich passiv, abwartend, teilweise ablehnend und auch aggressiv feindlich gegenüber Flüchtlingen und Fremden verhalten. Da muss man genau hinschauen, kommt das aus diffusen Ängsten, ist das Widerstand gegen bestimmte Entscheidungen der Politik oder ist es vielleicht so etwas wie eine bräunliche Blut- und Boden-Ideologie. Wo Letzteres zutage tritt, müssen wir als Evangelische Allianz und auch als Gnadauer Verband entschieden widersprechen.

Viele Menschen haben Angst vor einer schleichenden Islamisierung Deutschlands, Sie nicht?
Diener:
Nein, ich habe keine Angst vor einer Islamisierung Deutschlands. Und wir diffamieren die Menschen, die zu uns kommen, wenn wir pauschal unterstellen, die,
die da geflohen sind, wollen das System, das sie vertrieben hat, bei uns installieren. Ich bin überzeugt, dass unser freiheitliches System Ausstrahlungskraft hat und dass es uns gelingen kann, eine friedliche Kultur des Miteinanders aufzubauen. Deshalb heiße ich von Herzen alle die willkommen, die sich daran beteiligen wollen. Natürlich ist klar, dass Integration von beiden Seiten geleistet werden muss. Und wer am Erhalt und am Ausbau unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht interessiert ist, der hat in unserem Gemeinwesen dann natürlich auch nichts zu suchen.

Und wie sehen sie die umstrittene Frage der Mission unter Muslimen?
Diener:
Für uns als Evangelische Allianz ist diese Frage nicht umstritten. Selbstverständlich gilt die Botschaft von dem Licht, dass mit Christus in die Welt gekommen ist, allen Menschen, auch Muslimen. Natürlich brauchen Menschen, die hier ankommen, erst mal das Notwendige für Leib und Leben. Und selbstverständlich sind entwurzelte Menschen sensibel zu behandeln. Aber daraus darf nicht abgeleitet werden, dass wir unserem Zeugnis gegenüber Muslimen nicht nachkommen sollen.

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Vom 10. bis 17. Januar lädt die Deutsche Evangelische Allianz wieder zu ihrer traditionellen Gebetswoche. Was erhoffen sie sich angesichts der angesprochen Probleme davon?
Diener:
In diesen Umbruchszeiten, in denen wir stehen, ist es einfach eine unheimlich große Chance, dass wir am Anfang des Jahres aus unterschiedlichen Gemeinden zusammenkommen und unseren Dank und unsere Freude, aber auch unsere Sorgen und Bitten vor den Herrn dieser Welt bringen können. Die Zeit ist drängend und verlangt geradezu nach Gebet. Ich hoffe, dass wir eine auch zahlenmäßig gut besuchte Allianz-Gebetswoche in den über 1 000 Orten in Deutschland erleben werden.

Mit Ihnen ist erstmals ein profilierter Vertreter des innerkirchlichen Pietismus in den Rat der EKD gewählt worden. Wie fühlt man sich da – wie Daniel in der Löwengrube?
Diener:
(lacht) Definitiv nicht! Wer so denkt, hat noch nicht verstanden, wie ich evangelische Kirche wahrnehme. Ich bin genauso evangelischer Pfarrer wie ich Pietist bin. Beides lässt sich in meinem Leben nicht auseinanderdividieren. Deshalb verstehe ich den Rat der EKD als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die miteinander wollen, dass wir als Kirche in den kommenden Jahren auf einem verheißungsvollen Weg sind. Da möchte ich mich mit meinem eigenen Glaubensprofil einbringen.

Für welche Bereiche wollen Sie sich besonders stark machen wollen?
Diener:
Als erstes müssen wir uns den missionarischen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Da ist noch mehr möglich und nötig. Dann sehe ich die große Notwendigkeit, noch stärker darauf zu achten, dass die Stimmung an der Basis gut ist, dass die Mitarbeiter in den Gemeinden, haupt- wie ehrenamtliche, sich ernst genommen und unterstützt wissen. Das Dritte: Diakonie und verfasste Kirche ergänzen einander und sollen eng zusammenstehen. Und als Viertes: Wir brauchen ein Reformationsjubiläum, das evangelische Ausstrahlungskraft in unsere Gesellschaft hinein hat, auch über das Jahr 2017 hinaus.

Suppenküchen statt Prunk

5. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Griechenland: Die orthodoxe Kirche arbeitet an einem Imagewandel – soziale Aufgaben rücken in den Blick

Reich, konservativ, staatsnah und nur an religiösen Fragen interessiert: Dieses Bild der orthodoxen Kirche von Griechenland hat sich in der Krise verändert.

Als Andreas Müller vor 20 Jahren in Thessaloniki im Norden Griechenlands Theologie studierte, interessierten sich die Priester fast nur für das Geistliche. Heute gebe es allein in Thessaloniki zwölf Suppenküchen, für die die Kirche Geld einsetze und um Ehrenamtliche werbe, sagt der Professor für Kirchen- und Religionsgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Das sei ein »deutlicher Gesinnungswandel«, sagt Müller, der auch im Arbeitskreis Orthodoxie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sitzt.

Auch Martin Illert, Orthodoxie-Referent der EKD, beobachtet: Die griechisch-orthodoxe Kirche versuche, »ihre karitativen Strukturen zu stärken«. Bisher sei die karitative Arbeit dort nicht so selbstverständlich wie in der katholischen und der protestantischen Kirche.
Tatsächlich wurde die kirchliche Hilfsorganisation »Apostoli« erst im Jahr 2010 vom Oberhaupt der Kirche von Griechenland, Erzbischof Hieronymus von Athen, gegründet. Seitdem ist die junge Hilfsorganisation gewachsen und arbeitet mit ausländischen Partnern zusammen, zum Beispiel auch mit der deutschen Diakonie Katastrophenhilfe.

Nach eigenen Angaben half »Apostoli« im Jahr 2014 rund 2,3 Millionen Menschen. Der allergrößte Teil davon, 1,8 Millionen Menschen, kamen in die Suppenküchen der orthodoxen Gemeinden – wobei »Apostoli« jeden Tag neu zählt. Daneben bietet die Organisation Lebensmittelpakete, Kinderbetreuung, Hilfe für alte Menschen. In sieben Sozialkliniken arbeiten Ärzte ehrenamtlich.

Georgia Kolia verteilt als Helferin Brot an Bedürftige – in der Kirche des heiligen Zoni in Athen wird seit Beginn der Krise in Griechenland durch die orthodoxe Kirche eine Suppenküche betrieben. Foto: REUTERS/John Kolesidis

Georgia Kolia verteilt als Helferin Brot an Bedürftige – in der Kirche des heiligen Zoni in Athen wird seit Beginn der Krise in Griechenland durch die orthodoxe Kirche eine Suppenküche betrieben. Foto: REUTERS/John Kolesidis

Während sich die Kirche von Griechenland also auf karitativem Gebiet in die Gesellschaft vorwagt, ist zur politischen und gesellschaftlichen Krise kaum etwas zu hören. Im Allgemeinen seien »Verlautbarungen zu politischen Fragen nicht üblich«, sagt Miltiadis Vantsos. Der Professor für christliche Ethik an der Universität in Thessaloniki erforscht die Kirche in Krisenzeiten zwar nicht wissenschaftlich, beobachtet aber genau. Auch Illert spricht von einer »gewissen Zurückhaltung«.

Eine Ausnahme habe die Kirche allerdings vor dem Referendum Anfang Juli gemacht, sagt Vantsos. In Bezug auf die europäische Perspektive habe sie zwar nicht ausdrücklich zum »Ja« zu Europa aufgerufen, doch zwischen den Zeilen sei es klar zu erkennen gewesen. Sehr deutlich sei laut Medienberichten der Bischof von Thessaloniki, Anthimos, geworden: Im Gottesdienst habe er die Gemeinde dazu aufgefordert, mit »Ja« und somit für Europa zu votieren. Doch es gab auch vereinzelte antieuropäische Stimmen. So habe der Bischof von Kalavrita im Süden des Landes Ende Juli »einen Hilferuf nach Russland gesandt und um Unterstützung gebeten«.

Viele dachten, dass sich die Syriza-Regierung mit der quasi »Staatskirche« anlegen und Besteuerung und sogar Enteignungen ins Spiel bringen werde. Denn der Reichtum der Kirche ist legendär, ein Drittel des griechischen Grundbesitzes soll in ihren Händen sein, Steuern fallen kaum an, die Gehälter zahlt der Staat. Zudem schreibt die griechische Verfassung von 1975 »die Religion der östlichen orthodoxen Kirche Christi« als Mehrheits­religion fest. Bisher waren Gottesdienste mit Erzbischof und Eid zur Einführung der Regierung üblich. Alexis Tsipras hat als Erster den religiösen Eid verweigert. Doch derzeit werde über die Finanzierung der Staatskirche und über ihren Landbesitz kaum diskutiert, zumindest nicht öffentlich, fassen Illert, Müller und Vantsos ihre Beobachtungen zusammen. Die Kirche bilde keinen Block gegen die Regierung« und es sei in ihrem Interesse, Finanzfragen ruhen zu lassen und sich auf die karitative Arbeit zu konzentrieren, sagt Illert.

Auch Vantsos sieht in der sozialen Arbeit einen Grund für die Zurückhaltung der linken Regierung. »In der Krise leistet die Kirche wichtige soziale Arbeit, die geschätzt wird, da sie die Arbeit des Staates erleichtert«, sagt er. Diskutiert werde derzeit nur über den verpflichtenden Religionsunterricht. Bei Syriza gebe es Bestrebungen, diesen freiwilliger zu gestalten, während die Kirche Einschränkungen befürchtet.

Wiebke Rannenberg (epd)

»Wir müssen aufeinander achtgeben«

15. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Die Kirchentrennung seit fast 500 Jahren tut vielen Christen weh – doch es gibt auch Wege aufeinander zu

Entzweit das bevorstehende Reformationsjubiläum evangelische und katholische Christen oder kann es eine Wiederannäherung befördern? Dortohee Wanzek (»Tag des Herrn«) und Harald Krille (»Glaube + Heimat«) sprachen darüber mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und Bischof Heiner Koch.

Wie empfinden Sie jeweils die Haltung der anderen Kirche im Blick auf 2017?
Junkermann:
Hoffentlich können wir im Reformationsjubiläum und -gedenken deutlich machen, was uns die letzten 500 Jahre auseinandergetrieben hat und wie wir uns, vor allem in der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts, neu nahegekommen sind. Ich habe mich sehr gefreut, als Bischof Dr. Feige vor anderthalb Jahren sagte: »Im Zweiten Vatikanum haben wir die Reformation mit vollzogen.« Und wenn ich nach Magdeburg zum Pastoralen Zukunftsgespräch eingeladen bin und dort als erstes sehe, ein wie wichtiges Anliegen es ist, das Priestertum aller Gläubigen zu leben, dann berührt mich das sehr.

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Wenn ich sehe, was im Bistum Hildesheim gelebt und gedacht wird darüber, wie Gemeinde in extremer Diasporasituation das Priestertum aller leben kann, denke ich, dass uns römisch-katholische Gemeinden längst überholt haben, indem sie sich gelöst haben von der Vorstellung, dass das Amt in jeder Beziehung eine Rolle spielen muss.

Koch: Ich habe einen eigenen Zugang zum Reformationsjubiläum erhalten, als ich gefragt wurde, ob der Katholikentag 2016 in Leipzig stattfinden könne. Mir war dieser Zeitpunkt so kurz nach meinem Amtsantritt eigentlich zu früh. Ich konnte aber verstehen, dass viel dafür sprach, mit dem 100. Deutschen Katholikentag gerade nach Leipzig zu gehen. Nachdem ich mit Verantwortlichen im Bistum gesprochen hatte, war es für mich selbstverständlich, den Dresdner Landesbischof und die Leipziger Superintendenten zu fragen, wie sie einen Katholikentag in Leipzig ein Jahr vor dem Gedenkjahr an die Reformation 2017 einschätzten. Würden Sie ihn mittragen?

Schon bei höflich vorgetragenen Bedenken hätte ich sofort alles abgeblasen, geschweige denn bei einer klaren Ablehnung. Superintendent Henker aber sagte den bemerkenswerten Satz: »Ich glaube, dass der Katholikentag 2016 gerade im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 eine große Chance ist.« Das Wichtige sei doch, gemeinsam wahrzunehmen, dass uns die Geschichte vor 1517 verbindet und der Wille, nach 2017 miteinander anders weiterzugehen als in den 500 Jahren der Trennung – wie auch immer Gott uns diesen Weg führt. Dieses Zeichen sollten wir setzen!

Mich hat es auch sehr bewegt, als Landesbischof Bohl kürzlich bei der Gedenkfeier zur Einführung der Reformation in Leipzig vor 475 Jahren den Katholikentag erwähnt hat. Die Kollekte dort wurde für den Neubau der katholischen Propsteikirche in Leipzig bestimmt. Das sind Zeichen, die schwer zu überbieten sind. Sie geben mir Freiheit und Freude, auf 2017 zuzugehen.

Junkermann: Ich bin dankbar für Bischof Feiges dreimalige Thesen zum Reformationstag. Die haben mich neu sensibilisiert für die ökumenische Herausforderung im Blick auf 2017. Ich bin sehr froh, dass wir Bischöfe auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) uns zum mitteldeutschen Konfessionsgespräch treffen. Da können wir uns einmal nicht nur den Themen widmen, die gerade auf der Tagesordnung obenauf liegen, sondern grundlegenden Themen, die dem tieferen gegenseitigen Verständnis dienen.

Zuletzt haben wir uns mit Professoren unserer theologischen Fakultäten über das allgemeine Priestertum der Gläubigen und das besondere Amt ausgetauscht. Froh bin ich auch über das Konzept, wie wir als EKM das Reformationsjubiläum begehen wollen, nämlich regional differenziert.

Was heißt das konkret?
Junkermann:
Das Wesentliche soll nicht bei einem großen Luther-Festival, sondern vor Ort passieren. Wir wollen die regionale Reformationsgeschichte erforschen, und zwar mit den Christen aller Konfessionen sowie mit Menschen anderer Religion und ohne Religion: Wie ist die Reformation in unserer Region verlaufen? Welche wechselseitigen Verletzungen gab es? Was hat die Menschen damals überhaupt bewegt? … Ich hoffe, wir kommen dabei über Glaubensfragen ins Gespräch.

Auch unter Gemeindegliedern gibt es da oft eine Scheu. Wenn wir erstmal über die Glaubensfragen von vor 500 Jahren sprechen, kommen wir vielleicht auch auf die heutigen: Was von den damaligen Themen bewegt uns noch? Was hat sich geändert? Mir ist es ein Anliegen, dass wir zu diesem Jubiläum nicht die alten Feindbilder reproduzieren und auch nicht die Schwarz-Weiß-Bilder: Dort ist das finstere Mittelalter, hier die leuchtende Reformation. Da sehe ich evangelischerseits durchaus Gefahr. Auch dem Grundlagentext der EKD zum Reformationsjubiläum wurde Entsprechendes vorgeworfen, und es ist gut, dass darüber diskutiert wird. An sechs Orten Mitteldeutschlands wollen wir einen »Kirchentag auf dem Weg« feiern.

Auf dem EKM-Gebiet sind dabei von Anfang an Vertreter der katholischen Bistümer mit im Planungsteam. Wir haben hier gemeinsame Verantwortung. Was uns trennt, darf nicht so bestimmend sein, dass es uns hindert, das Gedenken miteinander zu gestalten. Das schützt uns auch wechselseitig davor, mehr über- als miteinander zu sprechen.

Evangelischerseits ist die Suchbewegung noch nicht abgeschlossen, wie wir einerseits die Freude über die Reformation ausdrücken können, über die Wiederentdeckung des Evangeliums zum Beispiel oder des Priestertums aller Gläubigen, andererseits aber auch innehalten und darauf schauen, wo wir Fehlwege gegangen sind und wo es Fragen zu überdenken gilt, etwa die Frage nach unserem Kirchenverständnis, das erst seit 100 Jahren ohne äußere Anlehnung an die staatliche Ordnung auskommt.

Ich hoffe, es gelingt uns, differenziert zu feiern, auch bei den großen Events.

Manchmal scheint es, dass evangelischerseits, auch wenn noch ein paar Wünsche offen sind, die Zufriedenheit mit dem Status quo überwiegt. Von Katholiken ist dagegen der Wunsch nach einer sichtbaren Einheit lauter hörbar …
Koch:
Eine Kirchentrennung, die nicht mehr wehtut, wäre kastastrophal. In der Apostelgeschichte und im Korintherbrief können wir lesen, wie sehr Paulus unter den kirchlichen Trennungen gelitten hat in einer Zeit zahlreicher Kirchenspaltungen. Es gibt das Gebot der Einheit, und dem müssen wir zumindest dadurch folgen, dass wir um Einheit ringen, gerade auch in theologische Differenzen.

Junkermann: Auch ich denke, wir dürfen uns nicht mit dem Status quo abfinden. An vielen Orten läuft Ökumene selbstverständlich und gut, es gibt aber auch Punkte, wo das Trennende wirklich schmerzt. Es schmerzt mich, wenn ich sehe, dass Bischof Dr. Feige bei unserer Ordinationsfeier nicht am Abendmahl teilnehmen kann; und es schmerzt, wenn ich sehe, dass Ministerpräsident Kretzschmann bei der Einführung des badischen Landesbischofs neben seinem Erzbischof sitzt und dann zum Abendmahl geht. Da spüre ich den Schmerz, der in der katholischen Kirche besteht: Wie kann vermittelt werden, was uns trennt?

Zum 85. Geburtstag von Altbischof Nowak bin ich zur Eucharistieausteilung gegangen und habe um einen Segen gebeten. Auf solche Weise können wir die mögliche Gemeinschaft auch liturgisch miteinander leben. Mich schmerzt auch die Nicht-Zulassung der Frau zum Amt in der römisch-katholischen Kirche.

Ein Schmerz, der jetzt gerade gelindert wird, ist die alte Kränkung durch Papst Benedikt XVI, seine Aussage über die Kirchen der Reformation, sie seien »nicht Kirche im eigentlichen Sinne«. Das sitzt tief, deshalb ist es mir wichtig, die Signale von Papst Franziskus zu hören und auch seinen seelsorgerlichen Ansatz in manchen moralisch-ethischen Fragen zu erleben.

Wir dürfen uns nicht abfinden mit den Trennungen und auch nicht flach darüber hinweggehen nach dem Motto »Wir machen jetzt einfach mal …«

Koch: Dabei sollten wir zu verstehen versuchen, wie unsere Worte auf den anderen wirken.

Ich weiß, wie manche evangelische Christen die Worte Papst Benedikts über das Kirchenverständnis empfunden haben. Er wollte das katholische sakramentale Kirchenverständnis verdeutlichen und zum Ausdruck bringen, dass dieses Verständnis von der evangelischen Kirche nicht geteilt wird. Seine aufklärerisch gemeinten Worte aber haben manche als Abweisung empfunden.

Wir müssen aufeinander achtgeben, wobei mir allerdings am meisten Sorge eine theologische Flachheit auch der Verantwortlichen in theologischen Differenzfragen macht.

Ich finde es manchmal erschreckend, dass viele gar nicht benennen können, worin die theologischen Unterschiede zwischen den Kirchen bestehen und was sie bedeuten. Wenn ich sie aber nicht kenne, kenne ich weder den Reichtum des anderen noch den Weg, der vielleicht zu einem Miteinander führt.

Es ist eine gemeinsame ökumenische Aufgabe, wirklich in die Tiefe zu gehen. Dies gilt vor allem auch in spiritueller Hinsicht.

Besteht nicht aber Gefahr, dass Papiere von hoher geistlicher Tiefe im Volk nicht ankommen?
Koch:
Ja. Aber Papiere haben unterschiedliche Adressaten. Pfarrer, Theologen, sind dafür ausgebildet, differenzierte Papiere zu verstehen und sie qualifiziert ins Gespräch zu bringen, auch in die Predigt, in Religionsunterricht und Katechese.

Ich wünsche mir, dass wir 2017 in den Gemeinden und im religiösen Gespräch miteinander eine neue Tiefe erreichen.

Junkermann: Auch die neuen Medien können da dienlich sein. Die Homepage »www.2017gemeinsam.de« zum Papier von Lutherischem Weltbund und katholischer Glaubenskongregation »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« halte ich für ein gutes Beispiel, dem ich noch mehr Verbreitung wünsche. Da laufen fundierte Diskussionen, an denen sich auch Laien beteiligen.

Bewusstseinsarbeit in Sachen Geschlecht

8. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Im Blickpunkt:  Das Studienzentrum für Genderfragen in Hannover stellt sich vor

Der Begriff »Gender« und seine Inhalte provozieren regelmäßig flammende Debatten. Am 7. April dieses Jahres wurde aus dem 1994 gegründeten Frauenstudienzentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) das »Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie«. Dessen Eröffnung war von Kritik begleitet, auch auf der Forumseite unserer Zeitung. Simone Mantei, Studienleiterin des Studienzentrums in Hannover, erklärt ihre Arbeit.

Was macht ein Studienzentrum für Genderfragen?
Mantei:
Es wertet Genderforschungsansätze aus verschiedenen Fachgebieten aus und bereitet sie für die Arbeit in der Kirche exemplarisch auf, so heißt es in unserer Ordnung. Konkret: Meine Kollegin Claudia Janssen und ich halten Vorträge und veröffentlichen Beiträge, zum Beispiel über Geschlechterbilder in Bibel und Gesellschaft oder den Wandel im Pfarrberuf. Wir leisten theologische Bildungs- und Bewusstseinsarbeit zu Geschlechterfragen. Unsere Kollegen zwei Stockwerke höher tun dasselbe zu Wirtschaftsfragen.

Wozu braucht die EKD so etwas?
Mantei:
Um den gesellschaftlichen Wandel theologisch zu reflektieren und sich als Kirche zu positionieren. Wie etwa stehen wir zu Patchwork-Familien, gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, der Mütterrente oder Quotenregelungen?

Pfarrerin Simone Mantei arbeitet am Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover. Die 42-jährige promovierte Theologin ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: privat

Pfarrerin Simone Mantei arbeitet am Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover. Die 42-jährige promovierte Theologin ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: privat

Sehen Sie in Sachen Geschlecht dringenden Handlungsbedarf in Kirche und Gesellschaft?
Mantei:
Ja. Zum Beispiel bei der Unternehmens- und Arbeitskultur, unter denen Männer wie Frauen leiden, auch in Kirche und Diakonie. Erwerbsarbeit wird absolut gesetzt, Erziehungs-, Pflege- oder ehrenamtliche Arbeit – die oft von Frauen getan wird – dagegen gering geachtet. Unsere Gesellschaft und auch die Arbeitgeber leben aber von diesen Voraussetzungen. Wir brauchen ein Umdenken, zu dem uns biblische Bilder des Zusammenlebens ermutigen können – weg von der ökonomisierten Gesellschaft, die Mensch und Natur ausbeutet.

Das Genderzentrum wird mit 280 000 Euro von der EKD finanziert?
Mantei:
Das ist der Etat für alle Gehalts- und Sachkosten. Zunächst für dreieinhalb Jahre hat die EKD-Synode drei Stellen genehmigt: zwei Studienleiterinnen, eine »halbe« Sekretärin sowie ab 2015 eine halbe Stelle für Kommunikation.

Wieso arbeiten bei Ihnen keine Männer?
Mantei:
Das weiß die Einstellungskommission allein, aber noch sind nicht alle Stellen besetzt. Ich halte ein gemischtes Team für absolut wünschenswert.

»Nur drei von 20 Landeskirchen werden von einer Frau geleitet«

Aus den Gemeinden kam teils heftige Kritik, dass man hier Geld verschleudere, das dringend für die Arbeit an der Basis benötigt werde. Ein Leser beklagte die Abwicklung eines Behindertenprojekts und fragte bitter: »Wird nun die ›geschlechterbewusste Hermeneutik für die Auslegung der Bibel‹ dem Rollstuhlfahrer einen äquivalenten schönen Urlaub gestalten?«
Mantei:
Die Kirche hat kein Geld mehr zu »verschleudern«, heute wird jeder Cent dreimal umgedreht. Auch unser Zentrum ist befristet, 2017 geht es ihm womöglich wie dem Behindertenprojekt. Das eine gegen das andere auszuspielen, macht aber aus der Spardiskussion eine ungute Neiddebatte.

Überall in der Gesellschaft sind Frauen auf dem Vormarsch, Jungen gelten als Bildungsverlierer, Männer stehen unter Modernisierungsdruck. Ist das in der Kirche anders?
Mantei:
Ich nehme eine deutliche Diskrepanz zwischen Bildungssystem und Arbeitswelt wahr. In der Bildung sind Mädchen in der Tat mindestens gleichberechtigt – auch im Theologiestudium. Der Bruch erfolgt mit dem Übergang ins Berufsleben und mit der Familiengründung. Die gut ausgebildeten jungen Frauen erhalten für dieselbe Arbeit noch immer acht Prozent weniger Lohn. Auch sind Frauen in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert. Das ist in unserer Kirche und Diakonie nicht anders, außer dass es hier früher noch christlich verbrämt wurde.

Wie stellen sich die Geschlechterverhältnisse bei den Hauptamtlichen in der EKD dar?
Mantei:
Ein Drittel aller in der evangelischen Kirche tätigen Pfarrpersonen war 2009 weiblich. In der mittleren Leitungsebene (Superintendenturen/Dekanate) beträgt der Frauenanteil 20 Prozent. Nur drei von 20 Landeskirchen werden von einer Frau geleitet: Mitteldeutschland, Westfalen, die Nordkirche. Der Frauenanteil unter den Ehrenamtlichen dagegen beträgt knapp 70 Prozent.

Scharfer Wind bläst vom konservativen Feld her: Wird durch Gendertheorien die Schöpfungsordnung gefährdet oder die biblische Botschaft verzerrt?
Mantei:
Der Begriff der Schöpfungsordnung ist zwiespältig, seitdem Theologen wie Althaus, Hirsch oder Gogarten das »Dritte Reich« als »Gottes gute Ordnung« gegen Kritik verteidigt haben. Geschichtlich gewordene Strukturen werden heute nicht mehr als »natürlich« und von Gott stammend betrachtet. Dazu zählt auch die Rollenverteilung von Mann und Frau. An 1. Korinther 11 – Der Mann ist das Haupt der Frau! – haben sich nicht mal die Korinther gehalten, und unsere Gemeinden folgen Paulus auch nicht im Blick auf Schleier und Haarlänge der Frau. Aber das ist nicht der Kern des Evangeliums, sondern gehört zur jeweiligen Zeit, in die hinein es auszurichten ist. Die Gendertheorie hilft mir dabei, unsere Zeit und Gesellschaft besser zu verstehen.

Jürgen Reifarth

»Handgepäck an Gebeten«

9. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Wie Margot Käßmann das Gespräch mit Gott sucht

Margot Käßmann ist Luther-Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland. Gerade hat sie ein Buch herausgebracht mit dem Titel »Beten mit Luther. Texte für den Alltag«. Andrea Seeger und Martin Vorländer haben mit ihr über das Thema Gebet gesprochen.

Frau Käßmann, wie beten Sie?
Käßmann:
Mir sind vor allem das Morgen- und das Abendgebet wichtig. Martin Luther hat das sehr schön mit dem Morgen- und Abendsegen in Worte gefasst. Mir tut es gut, den Tag zu beginnen mit einem kurzen Innehalten: Ich nehme diesen Tag aus Gottes Hand. Und abends den Tag zurückzugeben in Gottes Hand. Natürlich schaffe ich das nicht jeden Tag. Aber ich finde es einen schönen Rhythmus, und ich bemühe mich darum. Dann spreche ich gern ein Tischgebet, um vor dem Essen innezuhalten und Dankbarkeit Gott gegenüber zu zeigen dafür, dass wir essen können.

Margot Käßmann – Lutherbotschafterin und Beterin. Foto: ekd

Margot Käßmann – Lutherbotschafterin und Beterin. Foto: ekd

Haben Sie ein Lieblingsgebet?
Käßmann:
Mein Lieblingsgebet ist und bleibt das Vaterunser. Ich bin immer wieder fasziniert, dass alles in so wenigen Worten zusammengefasst ist. Wir kennen ja Gebete, die lang sind und länger werden. Das Vaterunser sagt in sieben Bitten alles. Und es wird durch zwei Jahrtausende hindurch gebetet. Da fühle ich mich verbunden mit Menschen, die beten: mit denen, die zu anderen Zeiten gebetet haben, und denen, die heute an anderen Orten beten. Dieses Gebet geht um die Welt.

Luthers Morgen- und Abendsegen konnte die Generation unserer Großeltern oft noch auswendig …
Käßmann:
Ich wünsche mir, dass jeder Mensch ein paar Gebete auswendig kann. In Situationen, in denen es dir die Sprache verschlägt, brauchst du die Worte anderer. Worte, die manchmal größer sind als die Worte, die wir in so einer Situation finden. Als ich mit Eltern an der Bahre ihres toten Kindes stand, war ich froh, das Vaterunser sprechen zu können. Alles, was ich gesagt hätte, wäre völlig fehl am Platz gewesen. In das Vaterunser konnten die Eltern einstimmen. Ich finde, so ein kleines Handgepäck an drei, vier Gebeten, die der Mensch mit ins Leben nimmt, für Zeiten großer Dankbarkeit und Zeiten großer Not oder großer Angst – das hilft.

Und Ihr Handgepäck wäre das Vaterunser, das Morgen- und Abendgebet?
Käßmann:
Ja, das ist mein Handgepäck. Und der Psalm 23 wäre noch schön.

Der Kirche stirbt die Mitte aus

17. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

EKD legt fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung liegt vor

Der evangelischen Kirche schmilzt die Mitte weg: Immer mehr Kirchenmitglieder sind entweder hoch engagiert oder völlig desinteressiert. Das ist ein Ergebnis der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die deren Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am Donnerstag der vergangenen Woche in Berlin vorstellte.

»Während Religion im Alltag der Befragten häufig keine oder zumindest keine profilierte Rolle spielt, verhalten sie sich an bestimmten, zum Beispiel biografisch bedeutsamen Punkten der Kirche gegenüber sehr engagiert«, heißt es in der Studie. Will heißen: Kirchliche Amtshandlungen an den Wendepunkten des Lebens stehen durchaus hoch im Kurs. Für die Studie wurden 2016 evangelische Kirchenmitglieder, 565 aus einer evangelischen Landeskirche ausgetretene Konfessionslose und 446 Konfessionslose, die noch nie einer Religion angehört haben, befragt.

Der Untersuchung zufolge fühlen sich 15 Prozent der Kirchenmitglieder ihrer Kirche »sehr verbunden«. 1992 waren das noch elf Prozent. »Überhaupt nicht verbunden« fühlten sich dagegen 14 Prozent der Kirchenmitglieder. 1992 waren das noch neun Prozent. »Wir müssen ganz nüchtern konstatieren, dass es eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern gibt«, sagte Schneider.

Wer kommt wann und warum in die Kirche? Dieser und ähnlichen Fragen geht die zum fünften Mal vorgelegte  Mitgliederuntersuchung der Evangelische Kirche in Deutschland nach. Foto: epd-bild

Wer kommt wann und warum in die Kirche? Dieser und ähnlichen Fragen geht die zum fünften Mal vorgelegte Mitgliederuntersuchung der Evangelische Kirche in Deutschland nach. Foto: epd-bild

Zwar bewertete es Schneider als Erfolg, dass 75 Prozent der Kirchenmitglieder einen evangelischen Pfarrer wenigstens dem Namen nach kannten. Doch umgekehrt sagt die Untersuchung eben auch: 25 Prozent der Kirchensteuerzahler wissen nicht einmal, wie ihr Pfarrer heißt. Insgesamt macht die Studie Abschmelzungsprozesse deutlich, die den Verantwortlichen in den Landeskirchen massive Sorgenfalten in die Stirn treiben müssen. So wird ersichtlich, dass die Mitgliedschaft in der Kirche längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Konfessionslosigkeit ist im Westen wie im Osten mittlerweile »mindestens genauso normal wie Kirchenmitgliedschaft, wenn nicht normaler«.

Dazu passt ein weiterer Trend: Der Wechsel der Religion ins Private. Denn über Gott und den Glauben, das Sterben und den Sinn des Lebens reden die meisten Befragten nur mit wenigen Bezugspersonen aus ihrem engen Lebensumfeld: Auf die Frage, mit wem man über religiöse Themen spreche, antworteten 78 Prozent der befragten Kirchenmitglieder »mit dem Ehepartner«, 53 Prozent »mit der Familie« und nur 21 Prozent »mit kirchlichen Mitarbeitenden«. Der Ehepartner und die Familie gehören zur Religion also dazu. Der Pfarrer hingegen eher nicht.

Deutlich wird auch, wo die Stärke der evangelischen Kirche ist: Am meisten verbunden sind die Mitglieder mit ihrer Kirche über Gottesdienste und Kasualien, also Taufen, Trauungen, Bestattungen und ähnliches. Öffentliche Äußerungen der Kirchen werden wahrgenommen, wenn es sich dabei um Themen an der Grenze zwischen Leben und Tod, etwa bei Sterbehilfe oder Bioethik handelt.

Nur wenige Hochverbundene halten es dagegen für wichtig, dass sich die Kirche zu politischen Grundsatzfragen äußert. Menschen, die der Kirche nur wenig verbunden sind, lehnen dies sogar stark ab. Hier wird die Kirche überlegen müssen, ob bischöfliche und synodale Äußerungen zu jedem beliebigen Thema überhaupt dem Willen der Mitglieder entsprechen, in deren Namen man sich schließlich an die Öffentlichkeit wendet.

Ein offenkundiger Fehlschlag scheinen bislang auch alle Versuche gewesen zu sein, die eigenen Mitglieder über das Internet oder die sozialen Netzwerke zu erreichen. Mehrere Millionen Euro investierte die EKD in den letzten Jahren in Portale wie »evangelisch.de« – aber nur drei Prozent der Kirchenmitglieder informieren sich häufig auf diesem Weg über ihre Kirche oder kirchliche Themen; zwölf Prozent tun dies gelegentlich.

Dagegen lesen immerhin neun Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder im Westen des Landes und acht Prozent im Osten regelmäßig eine der wöchentlich erscheinenden Kirchengebietszeitung. 19 Prozent geben an, dies gelegentlich zu tun.

Benjamin Lassiwe

Der erste zusammenfassende Band über die V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft »Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis« hat 132 Seiten inklusive zahlreicher Abbildungen. Die Broschüre kann unter <versand@ekd.de> bestellt werden.

Sie steht zudem kostenlos im Internet zum Herunterladen bereit:

www.ekd.de/kmu

Ungebetene Gäste

24. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Experten suchen Ursachen von Pilzbefall an Kirchenorgeln

Dass Kirchenorgeln nach Jahrhunderten wegen mechanischer Schäden repariert werden müssen, ist bekannt. Doch in jüngster Zeit sind auch neuere Instrumente bedroht: Schimmel an Pfeifen verändert den Ton und verursacht enorm hohe Reinigungskosten.

Steile, schmale Treppchen führen durch das Innere der Orgel, links und rechts stoßen die Ellbogen an Balken. Es riecht nach Holz und Staub. In der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms lauert der Feind versteckt. An den Querstreben zwischen den Holz- und Metallpfeifen taucht er auf: der Schimmelpilz. Die größte Gefahr seien Anhaftungen an den Pfeifen, sagt Christoph Zimmermann, Orgelreferent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Ohne Säuberung verändert der Schimmel den Ton. Wenn er nicht beseitigt wird, bildet der Pilz schließlich Kolonien. Die Konsequenz: Jede einzelne Pfeife muss entnommen und gereinigt werden. »Da können je nach Größe der Orgel leicht Kosten in einem fünfstelligen Euro-Betrag zusammenkommen«, sagt Zimmermann. Im Extremfall kann eine Orgel nicht mehr gespielt werden – für die jährlichen Merseburger Orgeltage wäre das eine Katastrophe.

Das Instrument im Dom umfasst rund 5 700 Pfeifen. Es wurde von dem bekannten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast (1818–1905) geschaffen und 1855 feierlich in Betrieb genommen als erste romantische Großorgel in Mitteldeutschland.

Als Problem tauchte Schimmelpilz an Kirchenorgeln erst in den vergangenen Jahren auf. Um die Ursachen herauszufinden, plant die mitteldeutsche Kirche ein Forschungsprojekt. Aus den Ergebnissen sollen Gegenstrategien entwickelt werden.

Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und mangelnder Luftaustausch zählt Zimmermann als mögliche Ursachen für die Schimmelbildung auf. »Bislang sind das aber alles nur Vermutungen«, räumt der Fachmann ein. Schwierig ist eine Beurteilung auch, weil Angaben über einen Befall aus vergangenen Jahrhunderten fehlen. Die Anzahl von Kirchenorgeln auf dem Gebiet der mitteldeutschen Kirche schätzt Zimmermann auf 4 000. Vielleicht 100 davon könnten von Schimmelpilzen akut befallen sein.

Bei der Merseburger Domorgel wurde vor wenigen Jahren erstmals Schimmelbefall entdeckt. Die Pilze wuchsen auf dem Staub, der das Holz überzog. Bei einer mikrobiologischen Untersuchung seien rund 15 verschiedene Pilzvarianten festgestellt worden, berichtet Dombaumeisterin Regine Hartkopf. »Wenn sich über Jahrzehnte Staub ansammelt, wächst auch der Schimmel«, warnt Hartkopf.

»Schimmel an Orgeln ist ein in wachsendem Maße ernst zu nehmendes Problem«, sagt Martin Ammon, der das gemeinsame Büro der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Stiftung Orgelklang in Hannover leitet.
Zwar existierten bereits Merkblätter und Handreichungen zu Ursachen und Bekämpfung des Schimmels, über das genaue Ausmaß lägen jedoch keine verlässlichen Daten vor.

Orgeln sind wartungsbedürftige Instrumente, der finanzielle Aufwand ist erheblich, erläutert der Theologe. Nach aktuellen Förderanträgen sind seinen Angaben zufolge für Sanierungen durchschnittlich 123 000 Euro pro Instrument notwendig. Schätzungen zufolge gibt es deutschlandweit insgesamt 50 000 Orgeln in katholischen und evangelischen Kirchen. Etwa ein Fünftel davon stammt aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.

Im sachsen-anhaltischen Merseburg bleiben die Experten am Ball. Schließlich soll 2015, wenn der 1 000. Jahrestag der Grundsteinlegung für die ottonische Vorgängerkirche gefeiert wird, auch die Domorgel sauber klingen.

Karsten Wiedener (epd)

www.ekmd.de
www.stiftung-orgelklang.de

Weithin zufrieden

11. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Kirche und Politik: Was die Vertreter der beiden großen Kirchen vom neuen schwarz-roten Regierungsprogramm halten

Viel Zeit haben sich die Politiker für ihren Koalitionsvertrag genommen. Doch zumindest die beiden großen Kirchen sind weithin zufrieden mit dem, was Schwarz-Rot beabsichtigt.

Es ist das erst Mal, dass der evangelische Theologe Martin Dutzmann einen kompletten Koalitionsvertrag durchlesen und bewerten muss. Denn der bisherige Landessuperintendent der Lippischen Kirche und nebenamtliche Militärbischof ist erst seit gut zwei Monaten als Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland tätig.

Am 27. November unterzeichneten der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, die amtierende Kanzlerin Angela Merkel und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer (v. l.) den Koalitionsvertrag. Die Kirchen finden eine Reihe ihrer Wünsche in der Absichtserklärung wieder. Foto: picture alliance

Am 27. November unterzeichneten der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, die amtierende Kanzlerin Angela Merkel und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer (v. l.) den Koalitionsvertrag. Die Kirchen finden eine Reihe ihrer Wünsche in der Absichtserklärung wieder. Foto: picture alliance

Nach der Lektüre der 185 dicht beschriebenen Seiten ist Dutzmann allerdings zufrieden. Anders als in früheren Koalitionsverträgen wird dem Verhältnis zu den Religionsgemeinschaften eine breite Erwähnung eingeräumt und das gute Miteinander betont. »Die Kirchen sind gestärkt worden in diesem Koalitionsvertrag. Das geltende Staatskirchenrecht ist bestätigt worden. Auch am Kirchensteuereinzug soll festgehalten werden«, konstatiert der EKD-Bevollmächtigte.

Begrüßenswert ist für ihn auch das Bekenntnis zu erneuerbaren Energien und der Ausstieg aus der Kernenergie. Besonders lobt Dutzmann, dass die neue Regierung das sogenannte Fracking unter verschärfte Beobachtung stellen will. Bei dieser Methode der chemischen Gewinnung von Erdöl und Erdgas muss der Schutz der Umwelt und besonders des Trinkwassers garantiert sein.

Doch es gibt auch Kritikpunkte. So ist für die Evangelische Kirche der Klimaschutz nicht ausreichend berücksichtigt, liest Dutzmann zumindest im Koalitionsvertrag: »Und dann heißt das hier: ›National wollen wir die Treibhausgasemissionen bis 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber dem Stand 1990 reduzieren.‹ Hier hat die Synode der EKD unlängst erst gesagt, dass 40 Prozent nicht ausreichend sind, es müssten 55 sein.«

Ganz im Sinne kirchlicher Position ist, dass die so genannte Optionspflicht entfällt und die doppelte Staatsbürgerschaft eingeführt wird. Kinder ausländischer Eltern, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, können nun beide kulturelle Identitäten leben. Die Asylverfahren sollen auf drei Monate beschränkt werden. Das sogenannte »Resettlement«-Verfahren erlaubt die direkte Aufnahme besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge. Union und SPD haben sich auf eine stichtagsunabhängige Bleiberechtsregelung für Menschen geeinigt, die lange Zeit von den Ausländerbehörden nur geduldet wurden. Auch die geplanten Erleichterungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt und die Lockerungen der sogenannten Residenzpflicht, die es Asylsuchenden verbietet, ihre Stadt oder ihren Landkreis zu verlassen, begrüßt Dutzmann ausdrücklich.

Dass die Länder Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien nun aber pauschal als sichere Herkunftsstaaten klassifiziert werden, trifft auf Kritik. Denn Menschenrechtsexperten würden immer wieder darauf hinweisen, dass in diesen Ländern bestimmte Volksgruppen wie etwa die Roma nicht den nötigen Schutz finden.

Auch gibt es von Seiten der evangelischen Kirche Fragen bei der Migrationskontrolle, die in die Herkunfts- und Transitstaaten vorverlegt werden soll. »Was natürlich, wenn ein Staat sich Menschenrechtsverstöße zu schulden kommen lässt, ein problematisches Unterfangen ist. Menschen müssen in der Lage sein, auf legalem Wege nach Europa zu kommen, damit hier die Schutzbedürftigkeit geprüft wird«, kritisiert Dutzmann.

Insgesamt ist auch Prälat Karl Jüsten, Leiter des katholischen Büros in Berlin, mit dem neuen Regierungsprogramm zufrieden. So begrüßt er etwa beim Thema Arbeitsmarktpolitik, dass die Förderung von Langzeitarbeitslosen gleich an die erste Position gestellt wird.

Positiv sei weiterhin die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohnes bis 2017 und die sogenannte Mütterrente, von der auch Väter profitieren. Ab dem 1. Juli 2014 werden allen Müttern oder Vätern, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, die Erziehungsleistung mit einem zusätzlichen Entgeltpunkt in der Alterssicherung berücksichtigt. Der Pflegebürftigkeitsbegriff wird neu bewertet, um damit auch die Versorgung dementer Menschen zu verbessern. Allerdings hat etwa der Caritasverband bereits moniert, dass dieses Verfahren zu lange dauert, um dem Pflegenotstand effektiv entgegenzuwirken.

In der Wertschätzung der Familien sieht sich die katholische Kirche ausdrücklich bestätigt. Die Elternzeit von 36 Monaten soll künftig flexibler gestaltet werden. Dazu sollen auch ohne die Zustimmung des Arbeitgebers nach angemessener vorheriger Anmeldung zukünftig 24 statt 12 Monate zwischen dem dritten bis achten Lebensjahr des Kindes von Müttern und Vätern in Anspruch genommen werden können. Zur Weiterentwicklung des Elterngeldes soll das »Elterngeld Plus« eingeführt werden. Dies soll Eltern für die Dauer von bis zu 28 Monaten die bestmögliche Inanspruchnahme des Elterngeldes in Kombination mit einer nicht geringfügigen Teilzeittätigkeit ermöglicht und damit den Wiedereinstieg, vor allem für Alleinerziehende, erleichtern.

Aber es hätte nach katholischem Geschmack durchaus noch etwas mehr sein können: »Wir freuen uns, dass das Elterngeld und die Elternzeit ausgeweitet werden. Gleichwohl kritisieren wir, dass entgegen den Wahlversprechen der Union das Kindergeld und die Elternfreibeträge nicht angehoben werden«, beklagt Jüsten.

Frauen sollen nach dem Willen der Koalition vor Menschenhandel und Zwangsprostitution besser geschützt werden. Die katholische Kirche begrüßt es daher sehr, dass das einst von der rot-grünen Regierung eingeführte Prostitutionsgesetz nun korrigiert wird. »Die Grünen sind da ihrer alten Freiheitsideologie in Fragen der Sexualität aufgesessen, haben aber nicht bedacht, dass hier die Menschenwürde der Frau mit Füßen getreten wird. Man hat gemeint, wenn man den normalen Beruf der Prostituierten schafft, dass man den Bereich des Schmuddeligen bekämpft. Aber es ist genau das Gegenteil eingetreten«, erklärt Karl Jüsten.

Nicht zuletzt folgt die schwarz-rote Regierung langjährigen Forderungen der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung GKKE nach einer transparenteren Waffenexportpolitik. Der neue Koalitionsvertrag verspricht, dass militärisches Gerät nicht in Krisengebiete geliefert werden soll. Außerdem will die neue Regierung zeitnah über die Rüstungsexporte informieren.

Thomas Klatt

Kein Ende, sondern Aufbruch

18. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Reformationsdekade: Das Jubiläum 2017 braucht einen ökumenischen Horizont

Die Reformationsdekade ist zur Hälfte vorbei. Das  500. Jubiläum von Luthers Thesenanschlag rückt näher. Wie soll es gefeiert werden?

Wir feiern kein deutsches Lutherjubiläum, sondern ein Reformationsjubiläum mit ökumenischem Horizont.« Für die Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, ist dies ein zentraler Punkt. Um den bevorstehenden 500. Jahrestag des Thesenanschlags und die Ehrung zu Martin Luthers 500. Geburtstag 1983 in der DDR ging es am 8. November in Vorträgen und einer Gesprächsrunde in der Thomaskirche in Berlin-Kreuzberg. Eingeladen hatten das Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung, der Kirchenkreis Berlin-Mitte und die Berliner Thomasgemeinde. Außer Margot Käßmann sprachen Bischof a. D. Axel Noack, Honorarprofessor an der Universität Halle-Wittenberg im Fach Kirchengeschichte, und der Kirchenhistoriker Peter Maser, der seit diesem Jahr dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade angehört.

Die Lutherbotschafterin Käßmann nannte in ihrem Vortrag zehn Gründe für die Feier des Jubiläums 2017. Reformationsjubiläen seien immer auch »heikle Zeitpunkte«, sagte sie. Wie wurde gefeiert? An erster Stelle steht deshalb für sie, dass auch die Schattenseiten gesehen werden müssten. »Das ist unsere Freiheit 2017«, so Käßmann. Gefragt sei der kritische Rückblick und keine Profilierung auf Kosten anderer. Mit Blick auf die über 100-jährige weltweite ökumenische Bewegung sprach sie sich weiter dafür aus, dass Christen ein einheitliches Zeugnis geben sollten. »Die Evangelischen sind nicht die Spalter«, stellte sie klar. Vor 500 Jahren sei eine Kirche zwei Wege gegangen. »Uns verbindet aber mit den Katholiken mehr, als uns trennt.« Sie befürwortete den Dialog der Religionen. Der Antijuadismus habe in die Irre geführt. Es sei eine bittere Lerngeschichte gewesen bis zu der Erkenntnis, dass Christen und Juden Geschwister im Glauben sind.

Lutherbotschafterin Margot Käßmann 2012 vor der »Thesentür« der Schlosskirche in Wittenberg. Foto: epd-bild

Lutherbotschafterin Margot Käßmann 2012 vor der »Thesentür« der Schlosskirche in Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Reformationsjubiläum solle zudem Anlass sein, sich mit Luthers Sprachfähigkeit und Sprachkraft zu befassen (»Die fehlt uns heute manchmal.«) und mit der Rolle der Frauen in der Kirche. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für Margot Käßmann die Überwindung der Spaltung unter reformatorischen Kirchen. Diese sei ein negatives Kennzeichen. So gebe es allein in den USA heute über 200 evangelische Denominationen. In Europa sei mit der Leuenberger Konkordie (1973) die Spaltung der reformatorischen Kirchen nach dem Marburger Religionsgespräch von 1529 überwunden worden. Beim Reformationsjubiläum sei auch die – hochaktuelle – reformatorische Forderung nach Bildung für alle zu feiern. Sie verwies darauf, dass Glaube gleich gebildeter Glaube sei, der Fragen und Debatten zuließe. Oder die Freiheit: Die Tatsache, dass ein Christ aus Gewissengründen widerstehen und widersprechen darf, wie Luther es auf dem Reichstag zu Worms tat, habe zum Beispiel in der DDR Menschen Räume der Sprach- und Gewissensfreiheit eröffnet. Zur Rechtfertigung sagte sie: »Heute ist der Erfolg die Kategorie für die Würde des Menschen geworden.« Vor Gott aber sei jeder Mensch anerkannt. Das sei in die Gesellschaft zu vermitteln. Von Wittenberg sei eine weltweite Bewegung ausgegangen. Schon das sei Grund zum Feiern.

Altbischof Axel Noack erinnerte an die Luther-Ehrung in der DDR im Jahr 1983, das zuerst zum Karl-Marx-Jahr (100. Todestag) erklärt worden war. Luther habe im letzten Jahrzehnt der DDR eine Aufwertung erfahren – wie zum Beispiel auch Friedrich der Große oder Karl May. Bis zu diesem Zeitpunkt sei Thomas Müntzer der Held, Luther aber Verräter an den Bauern gewesen. Noack verwies auf die regionalen Kirchentage 1983 in Eisleben, Erfurt, Frankfurt an der Oder, Magdeburg, Rostock und Wittenberg unter dem Motto »Vertrauen wagen«. Er erinnerte an das Umschmieden eines Schwertes zur Pflugschar in Wittenberg, an die Gründung der Gruppe »Frauen für den Frieden« 1983 und an die Diskussionen über gesellschaftliche Probleme in den kirchlichen Gruppen in den 1980er Jahren. »Bei den Kirchentagen«, so Noack, »merkte man den Unterschied zwischen offizieller Ehrung und der Basis.«

Professor Peter Maser verwies auf die internationale Dimension des Reformationsjubiläums 2017. Besonders die Kirchen des östlichen Europas sollten mit hineingenommen werden. »Sie waren die Hüter des Erbes unter schwierigen Bedingungen«, so der Kirchenhistoriker. »Mir ist es ein Herzensanliegen, sie und ihre Erfahrungen mit zu beteiligen.«

Margot Käßmann hofft, dass die Themenjahre der Reformationsdekade nicht nur binnenkirchliche Anknüpfungspunkte geben, sondern auch eine Chance sind, mit Menschen außerhalb der Kirche in Dialog zu treten. Zudem hofft sie, dass viele Christen die Reformationsdekade als Chance zur Erneuerung und Ermutigung begreifen und sagen: »Die Reformation muss weitergehen. 2017 soll kein Ende sein, sondern ein Aufbruch.«

Angela Stoye

Die Armen bleiben die Betreuten

22. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Ehrenamt: Immer mehr Menschen engagieren sich in der Kirche – allerdings vor allem aus der Mittelschicht

Beim Ehrenamt sind die ­Kirchen in Deutschland Spitze. Das ergibt eine neue Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI), die dieser Zeitung vorab vorliegt. Über die ­Ergebnisse sprach Benjamin Lassiwe mit SI-Direktor ­Gerhard Wegner.

Foto: Photo-K/Fotolia.com

Foto: Photo-K/Fotolia.com

Herr Professor Wegner, wie geht es dem Ehrenamt in der evangelischen Kirche?
Wegner:
Im Ganzen ist die Situation gleichbleibend positiv: Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Kirche. Und wir ­erleben eine insgesamt große Zufriedenheit der Ehrenamtlichen mit ihrer Kirche. Es hat sich eine Menge Gutes getan in diesem Bereich. Als wir vor fünf, sechs Jahren die erste Studie zum Thema Ehrenamt gemacht hatten, gab es noch eine erhebliche Unzufriedenheit und Kritik – etwa zur Informationsweitergabe und dem Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen. Das hat sich alles gebessert.

Wo ist das Ehrenamt in der Kirche stark?
Wegner:
Vor allem in den Gemeinden: 70 Prozent der 2,2 Millionen ­Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche sind direkt in einer Gemeinde tätig. Das sind enorme Zahlen. Und gerade die älteren Menschen, wo wir die ­Zuwächse bei den Ehrenamtlichen haben, sind ganz überwiegend in den Gemeinden tätig.

Was bedeutet Ehrenamt für Kirche?
Wegner:
Das Ehrenamt ist die Basis der Kirche. Die Hauptamtlichen sind dazu da, die Ehrenamtlichen zu qualifizieren und zu fördern. Kirche ist im Sinne des Priestertums aller Gläubigen eigentlich eine Sache der Mitglieder – und viele Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Und dass die Zahl der Ehrenamtlichen in den Gemeinden immer weiter steigt, führt dazu, dass die Situation in den Gemeinden immer lebendiger wird.

Früher fühlten sich Ehrenamtliche oft nicht genug wertgeschätzt. Wie ist das heute?
Wegner:
Das hat sich vielfach geändert. In den Gemeinden hat sich in den letzten Jahren eine Anerkennungskultur entwickelt: Man sagt den Ehrenamtlichen auf besonderen Veranstaltungen »Danke« oder vermittelt ihnen den Ehrenamtspass einer Kommune. Ohnehin lebt das kirchliche Ehrenamt ja nicht davon, dass Menschen dafür gedankt wird: Es lebt von der Angebundenheit der Menschen an die Kirche. Es lebt von der Nähe der Menschen zu christlichen Werten: Wer sich dem christlichen Glauben verbunden fühlt, engagiert sich auch mehr.

Gilt das nur für die Kirche?
Wegner:
Nein. Wir können deutlich zeigen, dass Menschen, die sich in der Kirche engagieren, auch stärker in anderen Bereichen der Gesellschaft engagiert sind. In politischen Parteien, in Gewerkschaften, in karitativen Organisationen sind Christen stärker engagiert als Konfessionslose. Das ist statistisch belegbar und ein großer Schatz für die Gesellschaft.

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Überlasten sich die Menschen gerne auch für ­andere?
Wegner:
Wir haben in unseren Studien festgestellt, dass sich jeder Ehrenamtliche in der Kirche im Schnitt in vier Ehrenämtern engagiert. Der Trend geht dahin, dass Einzelne mehrere Ehrenämter ausfüllen. Wer eine Sache macht, hat Spaß dran, findet darin Bestätigung und macht noch mehr. Worauf man achten muss, ist, dass das nicht zu heftig wird – wenn einzelne Ehrenamtliche so viele Tätigkeiten anhäufen, dass sie zu kleinen Pastoren werden, dann ist das eine Fehlentwicklung.

Aus welchen gesellschaftlichen Gruppen kommen die Ehrenamtlichen?
Wegner:
Das Ehrenamt ist quer durch die Gesellschaft eine Domäne von Menschen, die eine höhere Bildung haben, und eher besser verdienen. Das ist ein Paradox und ein Problem: Wer ohnehin schon mehr Anerkennung bekommt als andere, kriegt das dann auch noch durchs Ehrenamt.

Hat nicht die Kirche den Anspruch, für die Armen da zu sein?
Wegner:
Das stimmt. Das Problem, wie man Arbeitslose, Arme und ­Menschen aus den unteren Schichten der Gesellschaft für das Ehrenamt ­gewinnt, ist vorhanden – und in der Kirche nicht gelöst. Frische Blumen auf den Altar stellen oder im Gottesdienst die Kollekte einsammeln kann eigentlich jeder. Dafür braucht es keine Ausbildung. Trotzdem erreichen wir auch im Bereich des Ehrenamts nur Menschen aus einer bestimmten sozialen Schicht.

Aber die Kirche steht doch über ihre Diakonie mit zahllosen Armen im Kontakt?
Wegner:
Arme Menschen werden von unseren Gemeinden und Einrichtungen betreut, sie werden aber nicht ­eingeladen, mitzumachen. Bisher ist nicht zu erkennen, dass sich die Kirche wirklich darum bemüht, solche Menschen im Sinne des »Priestertums aller Gläubigen« einzubinden. Es wäre eine wichtige diakonische Aufgabe der Kirche, hier für mehr Teilhabe
zu sorgen.

Die Ergebnisse der Studie sind unter Projekte/abgeschlossene Projekte auf der ­Internetseite des Sozialwissenschaftlichen Instituts:

www.si-ekd.de

Rente für Ehrenamtliche?

Der Wirtschaftsprofessor Stephan Thomsen schlägt vor, ehrenamtlichen Helfern eine steuerfinanzierte Rente für ihre freiwillige Arbeit zu zahlen. Damit könne das Ehrenamt attraktiver werden, sagte der Direktor des in Hannover ansässigen Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der demografische Wandel führe dazu, dass die Menschen immer weniger Zeit hätten, sich freiwillig zu engagieren. Ehrenamtliche Arbeit habe jedoch eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung. Deshalb müsse sich die Gesellschaft in Form eines finanziellen Anreizes solidarisch zeigen, forderte der Forscher in dieser Woche am Rande des Frühjahrsempfangs der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen.

Ein Rentenanspruch auf ehrenamtliche Arbeit könnte auf die persönliche ­Altersrente angerechnet werden und sollte aus Steuern finanziert werden. Vorbild für die Höhe könnten die Minijobs sein. Bei einer 40 Jahre dauernden Freiwilligenarbeit könnten so bis zu 200 Euro Ehrenamtsrente gezahlt werden: »Das Ehrenamt bleibt somit Ehrenamt, weil die Arbeit nicht direkt in der ­Gegenwart vergütet wird.«

(epd)

Niemand weiß, wie viele auf dem Weg sterben

19. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Flüchtlinge: Afrikanische Migranten träumen von einem besseren Leben in Europa

Viele fliehen vor Krieg und Gewalt, andere wollen der Armut entkommen. Doch für die meisten afrikanischen Flüchtlinge geht der Traum eines besseren Lebens in Europa nie in Erfüllung.

Allein die spanische Migrationsbehörde geht davon aus, dass in den vergangenen Jahren jeweils etwa 6000 Afrikaner bei ihrem Versuch, auf maroden Booten die Kanarischen Inseln zu erreichen, ertrunken sind. An allen europäischen Küsten des Mittelmeeres ist die Situation ähnlich. Die maltesische Sozialarbeiterin Sandra Schembri arbeitet in ­einem Flüchtlingsheim auf Malta. Sie bezweifelt, dass irgendeine Behörde verlässliche Zahlen der Todesopfer hat: »Diese Leute kaufen sich ja kein Ticket an ­einem Schalter. Sie haben die Sahara durchquert und versuchen irgendwie, übers Mittelmeer zu kommen. Ich habe schon oft von Booten gehört, die gekentert sich. Einer hat mir erzählt, dass er einer von fünf Überlebenden ist, auf einem Boot, das mit 50 Leuten gestartet war.«

Kaum Hoffnung für die Überlebenden: Viele Flüchtlinge leben jahrelang zusammengepfercht in ­Heimen oder Lagern, wie hier in Hal Far auf Malta. Foto: Andreas Boueke

Kaum Hoffnung für die Überlebenden: Viele Flüchtlinge leben jahrelang zusammengepfercht in ­Heimen oder Lagern, wie hier in Hal Far auf Malta. Foto: Andreas Boueke

Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben die völkerrechtliche Pflicht, bei jedem einzelnen Afrikaner, der illegal in Europa ankommt, festzustellen, aus welchem Grund er auf der Flucht ist. Oberkirchenrat Thorsten Leisser, Referent für Migration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), betont, dass Flüchtlinge einen Rechtsanspruch auf Schutz genießen. Er weiß aber auch, dass dieser Schutz nicht immer gewährt wird: »In der Tat gibt es Schwierigkeiten aufgrund der Fülle von Anträgen. Aber wenn man sich weltweit die Flüchtlingsstatistiken anschaut, ist die Zahl der Personen, die von Afrika nach Europa kommen, ein verschwindend kleiner Bruchteil dessen, was es global gesehen an Flüchtlingsbewegungen gibt.«

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, der UNHCR, spricht von mindestens fünf Millionen Menschen, die innerhalb Afrikas auf der Flucht sind. Nur die ­wenigsten versuchen, Europa zu erreichen. Die EU-Grenzagentur »Frontex« geht davon aus, dass im Jahr 2011 etwa 70000 Afrikaner illegal nach Europa gekommen sind. Aber die Sozialarbeiterin Sandra Schembri kommentiert auch diese Zahlen mit Skepsis: »Man weiß, dass Millionen Menschen an den Grenzen darauf warten, nach Europa zu kommen. Aber niemand weiß, wie viele ihre Länder verlassen ­haben und auf dem Weg umgekommen sind. Manche werden erschossen, andere sterben bei einer Razzia, an Durst in der Wüste oder in Gefangenschaft in Libyen.«

Auch der ghanaische Menschenrechtsanwalt Ahmed Bugri kann keine konkreten Zahlen nennen, obwohl er seit Jahren afrikanische Flüchtlinge betreut, die Malta erreicht haben. Er will seine Landsleute davon abhalten, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Womöglich zeichnet er deshalb ein besonders hoffnungsloses Bild: »Viele Leute sterben. Wir kennen ja nur diejenigen, die es schaffen. An den europäischen Küsten werden viele Leichen angeschwemmt, genauso wie in Libyen. Wie hoch ist der Anteil derjenigen, die es schaffen? Ich würde sagen zwei Prozent oder fünf Prozent.«

Warum machen sich dann trotzdem viele junge Afrikaner auf den Weg nach Europa? »Sie wollen ein besseres Leben«, sagt Ahmed Bugri. »Europa bietet jungen Afrikanern Möglichkeiten, die ihnen die afrikanischen Regierungen nicht bieten. In vielen dieser Länder ist der Staat instabil und zeigt kein Interesse am Wohlergehen seiner Bürger. Europa kennen sie aus dem Fernsehen. Sie glauben, dort ist alles besser. Viele junge Leute kennen jemanden, der es geschafft hat und der Geld nach Hause schickt. Die ­Eltern sagen dann: ›Schau mal, dein Freund ist in Europa und sieh, was er geschickt hat.‹ Hundert Euro sind eine Menge Geld in diesen Dörfern.«

Die Erfahrung zeigt: Abschreckung funktioniert nicht. Der Flüchtlingsaktivist Ahmed Bugri glaubt, eine angemessenere Antwort Europas wäre es, sich mehr und direkter um eine Verbesserung der Lebenssituation in den Herkunftsländern zu bemühen: »Die Entwicklungspolitik in Afrika muss bei den Menschen ankommen. Wenn Deutschland hunderttausend Euro an Afrika gibt, wo landet das Geld? In den Händen von Politikern. Aber die Flüchtlinge kommen aus Dörfern. Viele sind zur Schule gegangen. Sie haben einen Schulabschluss, aber keine Arbeit. Sie gehen in die Städte. Da gibt es auch keine Arbeit. Also ­gehen sie woanders hin. Sie suchen nach einem Ort, der es ihnen ermöglicht, ihre Familien zu ernähren. Deshalb riskieren sie ihr Leben, um nach Europa zu kommen.«

Andreas Boueke

»Den 89ern ein Gesicht geben«

31. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Katrin Göring-Eckardt will die Grünen in die nächste Bundestagswahl führen

Sie hat eines der höchsten Ämter innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nun hat sie ihre Ambitionen auf einen Platz im Team der Spitzenkandidaten ihrer Partei für die nächste Bundestagswahl angemeldet. Dazu vier Fragen an die Präses der EKD-Synode und Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt:

Katrin Göring-Eckardt. Foto: Harald Krille

Katrin Göring-Eckardt. Foto: Harald Krille

Sie haben Ihre Bereitschaft zur Spitzenkandidatur für den Bundestagswahlkampf Ihrer Partei angekündigt. Was sind Ihre Vorstellungen, die Sie in den Wahlkampf einbringen wollen?
Göring-Eckardt:
Politische Inhalte müssen glaubwürdig von Personen vertreten werden. Glaubwürdig heißt für mich, eine klare Haltung zu haben und auch die Offenheit, mich von besseren Argumenten überzeugen zu lassen. Ich stehe für eine soziale Politik, die sich stark macht für die Menschen, die Unterstützung benötigen, für eine lebendige Demokratie, die Menschen beteiligt und für nachhaltige Politik, die die Schöpfung bewahrt. Ich gehöre zur ersten gesamtdeutschen Politikergeneration, den 89ern, und will deren Perspektive als Spitzenkandi­datin ein Gesicht geben.

Innerhalb Ihrer Partei werden von einigen durchaus religionsfeindliche und kirchenkritische Positionen vertreten. Wie gehen Sie damit um?
Göring-Eckardt:
Wie in anderen Politikfeldern auch sind wir Grüne in Kirchenfragen nicht einer Meinung und erarbeiten Positionierungen im demokratischen Wettstreit, das gehört einfach dazu. Ich halte das Verhältnis von Kirche und Staat, so wie es heute ausbalanciert ist, für sinnvoll und ­vertrete dies in der Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen. Und zum Beispiel gerade in bioethischen Fragen wird der Standpunkt der evange­lischen Kirche bei den Grünen sehr geschätzt.

Sie begleiten als Präses der Synode der EKD auch eines der höchsten Ämter der evangelischen Kirche – wie schätzen Sie den bisherigen Spagat zwischen politischem und kirchlichem Amt ein?
Göring-Eckardt:
Ich empfinde das nicht als Spagat. Dass Protestantinnen und Protestanten politische Verantwortung übernehmen gehört zu unserem Selbstverständnis. Und darüber, dass ich ehrenamtlich ein solches Amt in meiner Kirche bekleiden kann, bin ich sehr froh. Natürlich darf beides nicht vermischt werden, aber in der Person vereinbart werden kann es.

Es gibt inzwischen Forderungen, beispielsweise vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU in Sachsen, Sie sollten im Blick auf Ihre Kandidatur Ihr Amt als Präses der Synode ruhen zu lassen.
Göring-Eckardt:
Befürchtungen, ich könne dem Ehrenamt aufgrund meiner politischen Aufgaben nicht gerecht werden, konnte ich in der Vergangenheit hoffentlich ausräumen. Bevor ich mich um die Spitzenkandidatur beworben habe, habe ich das Gespräch mit Vertretern meiner Kirche gesucht und niemand hat gefordert, ich solle das Präsesamt ruhen lassen. Wenn sich etwas ändert bin ich natürlich gerne bereit, neu darüber zu reden.

Die Fragen stellte Harald Krille.

Weit entfernt von Normalität

12. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Porträt: Der Gastronom Uwe Dziuballa sammelt in Chemnitz seit Jahren Erfahrungen mit jüdischem Alltagsleben

Juden in Deutschland? Ja, es gibt sie. Man kann ihnen gelegentlich sogar im Alltag begegnen. Auch in Mitteldeutschland. Doch längst nicht allen Zeitgenossen gefällt dies.

Eigentlich hat Uwe Dziuballa nur einen Wunsch: Normalität. Der 1965 im damaligen Karl-Marx-Stadt geborene Jude hat sie schon ­erlebt. In den USA. Dorthin verschlug es den früheren Ingenieur für Elektrotechnik nach der Wende in der DDR. Er kannte die jüdische Tradition. Aber in den USA lernte er die Vielfalt jüdischen Lebens kennen. Vor allem beeindruckte ihn, dass dieses jüdische Leben dort ganz normal im öffentlichen Alltag präsent ist. Und noch etwas war ihm neu: »Du kannst einem Juden, der sich schlecht benimmt, ganz normal die Meinung sagen, ohne dass Du gleich in den Verdacht des Antisemitismus kommst«, sagt Dziuballa.

Nicht zuletzt durch den frühen Tod ihres Vaters finden Uwe Dziuballa und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Lars Ariel in dieser Zeit auch einen Zugang zur religiösen, spirituellen Seite des jüdischen Glaubens. Heute trägt Uwe selbstverständlich auch im Alltag die Kippa oder Yarmulke, wie die religiöse Kopfbedeckung auf jiddisch heißt.

Optimistisch trotz aller Probleme: Uwe Dziuballa führt gemeinsam mit seinem Bruder das Schalom in Chemnitz als ­koscheres Restaurant. Foto: Harald Krille

Optimistisch trotz aller Probleme: Uwe Dziuballa führt gemeinsam mit seinem Bruder das Schalom in Chemnitz als ­koscheres Restaurant. Foto: Harald Krille

Als er Mitte der 90’er Jahre »ziemlich blauäugig« nach Chemnitz zurückkommt, spürt er schnell, wie weit jüdisches Leben in Deutschland noch von Normalität entfernt ist. Auf der einen Seite erlebt er »einen verklärten, oft christlichen Philosemitismus«, auf der anderen Seite »die ständigen Plattheiten und Dummheiten des gewöhnlichen Antisemitismus«.

Uwe Dzibulla will sich damit nicht abfinden. Gemeinsam mit seinem Bruder gründet er 1998 den Schalom e.V. Der Verein möchte durch Angebote zu Kunst und Kultur, Bildung und Sozialarbeit eine Plattform für Deutsch-Israelisch-Jüdische Begegnungen und Gespräche sein. Doch damit nicht ­genug: Am 15. März 2000 eröffnen die Brüder in Chemnitz die Gaststätte Schalom – ein zertifiziertes koscheres Restaurant. Wobei Koscher oder Kaschrut, also den jüdischen Speisegeboten entsprechend, weit mehr als nur den Verzicht auf Schweinefleisch bedeutet.

So viel Öffentlichkeit ruft allerdings auch ganz andere Geister auf den Plan. »Wir erfreuen uns leider auch negativer Aufmerksamkeit«, konstatiert Uwe Dziuballa mit vornehmer Zurückhaltung. Zu dieser Art »Aufmerksamkeit« gehören Sachbeschädigungen, die sich in zehn Jahren auf rund 40000 Euro belaufen. Mit Vandalismus hat praktisch jeder Gastwirt zu kämpfen.

Doch wenn gezielt immer wieder der Davidstern im Gaststättenschild zerstört wird, wenn Hakenkreuze gemalt werden, aus den Briefkästen von Gaststätte und Verein »die Pisse läuft«, wenn am Transporter wieder alle vier Reifen zerstochen sind und vor der Gaststättentür Schweineköpfe mit Davidstern abgelegt werden, das Ganze begleitet von anti­semitischen Schmähflugblättern und Drohanrufen, dann ist das etwas anderes als »normaler« Vandalismus.

Und wenn dann bis heute kein einziger dieser Fälle aufgeklärt ist, stattdessen bei den Polizeibehörden in Chemnitz Akten unauffindbar sind und sichergestellte Beweismittel »irrtümlich« vernichtet statt kriminaltechnisch untersucht werden, dann stellt sich Dziuballa die Frage: »Über wen soll ich mich mehr ärgern? Über die handvoll Unbelehrbaren oder über diese Behörden?«

Doch Rückzug kommt für ihn nicht infrage. »Wir wollen unser jüdisches Leben nicht nur in Gemeinden oder Museen leben. Wir wollen als normale Menschen im normalen Alltag wahrgenommen werden.«

Einmal, vor zwei, drei Jahren, häuften sich die Vorfälle derartig, dass er nahe am Aufgeben war. Damals organisierten Christen und andere Bürger Mahnwachen vor dem Gebäude in der Carolastraße. »Ich bin durchaus ein harter Knochen, aber da kamen mir die Tränen«, bekennt Uwe Dziuballa. »Das tat einfach gut.«

Harald Krille

Restaurant Schalom, Chemnitz, Carolastraße 5, ab April Heinrich-Zille-Straße 15 (Brühl)
www.schalom-chemnitz.de

Die Woche der Brüderlichkeit

Seit 1952 veranstalten die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im März eines jeden Jahres die Woche der ­Brüderlichkeit. In allen Teilen des Landes werden aus diesem Anlass Veranstaltungen angeboten, um auf die Ziele der Gesellschaften und ihr jeweiliges Jahresthema hinzuweisen.

Mit der Eröffnung der 60. Woche der Brüderlichkeit steht Leipzig vom 11. März an ganz im Zeichen der christlich-jüdischen Verständigung. Unter dem diesjährigen Jahresthema »In Verantwortung für den Anderen – 60 Jahre Woche der Brüderlichkeit« sind in Leipzig über 30 Veranstaltungen geplant, darunter Führungen, Vorträge und Konzerte. Die zentrale Eröffnungsfeier an diesem Sonntag im Leipziger Gewandhaus um 11.30 Uhr wird vom ZDF live übertragen.

Im Rahmen dieser Eröffnungsfeier wird die Buber-Rosenzweig-­Medaille an den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, verliehen. Mit dem Preis solle das nachhaltige Wirken Schneiders für eine Neugestaltung in den christlich-jüdischen Beziehungen gewürdigt werden. Schneider habe maßgeblich an der Aktualisierung der »bahnbrechenden« Synodalerklärung der rheinischen Kirche von 1980 zur »Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden« mitgewirkt, erläutert Ricklef Münnich, evangelischer Präsident des Koordinierungsrats, die Entscheidung.

In der Gründung, aber auch im Bestand des Staates Israel sehe Schneider ­gemeinsam mit seiner Kirche ein Zeichen der Treue Gottes zu ­seinem Volk. Wegweisend bleibe zudem seine deutliche »Absage an die Judenmission«.

Die undotierte Buber-Rosenzweig-Medaille wird seit 1968 an Personen oder Institutionen vergeben, die sich um die Verständigung zwischen Christen und Juden verdient gemacht haben. Sie erinnert an die jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig.

www.deutscher-koordinierungsrat.de