Eindeutig und geradlinig

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Dr. Werner Leich, der frühere Thüringer Landesbischof, wird am 31. Januar 90 Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau Trautel in Eisenach und stand den Redakteuren Michael von Hintzenstern und Willi Wild Rede und Antwort.

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie geht es Ihnen?
Leich:
Man merkt das Alter, Schwäche und Vergesslichkeit nehmen zu. Aber solange wir als Ehepaar zusammen sind, geht’s mir gut. Das ist ein außergewöhnliches Geschenk Gottes. Wir sind 2017 65 Jahre verheiratet, eiserne Hochzeit, und die Liebe ist ungebrochen.

Sie haben Ihre Frau beim Tanzstundenball kennengelernt.
Leich:
Unsere Tanzstundenlehrerin hat jedes Jahr am 3. Weihnachtsfeiertag für die Ehemaligen einen Ball gegeben. Und dabei haben wir uns getroffen. Wir haben also nicht zusammen Tanzstunde gemacht, sondern wir waren beide Ehemalige.

Eine Tanzstunde hatte auch etwas mit Ihrer Berufsentscheidung zu tun.
Leich:
Bevor ich meine Frau kennengelernt habe, hatte ich mit einer Pfarrerstochter Tanzstunde gemacht. Bei ihr zu Hause, im Pfarrhaus, habe ich den Pfarrberuf kennengelernt. Und so entstand auf charmante Weise über die Tanzstunde der Wunsch, Pfarrer zu werden.

Ihr Studium in Marburg und Heidelberg war mit Hindernissen verbunden. Wie kamen Sie über die Grenze?
Leich:
Ich musste schwarz über die Grenze gehen. In Marburg habe ich dann unter anderem bei Professor Rudolf Bultmann studiert. In Heidelberg prägte mich Professor Edmund Schlink. Die Ökumene war sehr ausgeprägt. Nach zwei Semestern in Heidelberg habe ich bereits Examen gemacht. Viel früher als nötig, aber ich wollte zurück zu meiner Braut.

Während Ihrer Studentenzeit waren Sie auch mal Kohlekumpel in Gelsenkirchen. Wie kam es dazu?
Leich:
Nach der Währungsreform waren plötzlich alle Stipendien erloschen. Und um zu überleben, musste ich arbeiten. Es war nicht einfach, Arbeit zu bekommen. Da blieb nur das Bergwerk. Ich bin heute noch dankbar für die Erfahrung.

Rührt daher Ihr Interesse für den Fußballverein Schalke 04?
Leich:
Ja. Wissen Sie, damals gab es noch keine Fußballprofis. Ich kannte die Fußballer aus dem Bergwerk. Im Hauptberuf waren sie Kumpels und anschließend haben sie Fußball gespielt.

Mit all diesen Erfahrungen sind Sie wieder nach Thüringen zurückgegangen. Wie kamen Sie an Ihre erste Pfarrstelle?
Leich:
Zunächst war das in Angelroda (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau). Dort waren wir nur drei Jahre. Damals bestand noch Pfarrermangel und so wurde ich auf eine größere Pfarrstelle nach Wurzbach (Kirchenkreis Schleiz) versetzt. Ich hatte gerade an meiner Doktorarbeit geschrieben. Aber Bischof Moritz Mitzenheim meinte: »Wir brauchen keine Doktoren, wir brauchen Pastoren.«

Bereits in Angelroda mussten Sie erfahren, dass der Staat Ihre Arbeit kritisch kontrollierte. Es gab Predigtkontrollen und Ihr Telefon wurde abgehört.
Leich:
Das ist dadurch aufgefallen, dass einmal ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes einen Zettel in der Kirche verloren hat, auf dem er alles notiert hatte, was seiner Meinung nach berichtenswert gewesen war.

Die Staatssicherheit war allgegenwärtig. Als junger Superintendent in Bad Lobenstein haben Sie Kriterien im Umgang mit der Stasi aufgestellt.
Leich:
Das waren drei Regeln: Keine Gespräche mit Mitarbeitern der Stasi unter vier Augen, keine Treffpunkte an neutralen Orten, kein Schweigeversprechen. Die drei Regeln standen sogar in meiner Stasi-Akte.

Ihre Wahl zum Landesbischof versuchte die Stasi zu verhindern. In Ihrer Amtszeit waren Sie dann von 17 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des Staatssicherheitsdienstes umringt. Hat sich eigentlich später einer bei Ihnen dafür entschuldigt?
Leich:
Bis auf eine Ausnahme ist keiner der IM auf mich zugegangen. Das schmerzt mich bis heute. Gerade weil ich dafür bekannt bin, nicht nachtragend zu sein.

Man hat Ihnen auch nach dem Leben getrachtet. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Das wurde mir aber erst später klar. Kurz nach der Wahl zum Landesbischof stellte ich fest, dass die Radmuttern an meinem Auto gelockert waren. Außerdem versuchten mehrfach Lkws mich von der Straße zu drängen. Aber ich habe nie aus Angst vor dem Staatssicherheitsdienst heraus gehandelt.

Wie sehr hat es Ihre Arbeit belastet, von IM der Stasi umgeben zu sein?
Leich:
Es war mir bewusst. Ich hatte glücklicherweise in Oberkirchenrat Heinz Krannich einen Freund und Vertrauten.
Das Erstaunliche ist, dass auch die IM’s meine Anordnung mitgetragen haben. Wir hatten manchmal die Aufforderung, dass sich alle Superintendenten beim Rat des Kreises melden sollten. Ich habe diese Treffen untersagt und alle haben sich daran gehalten.

Reichten Ihre drei Regeln im Umgang mit der Stasi aus?
Leich:
Ja, damit wussten selbst die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes genau, woran sie waren. Und, dass ihre Gespräche nicht geheim blieben. Damit sind wir gut gefahren. Gerade auch im Umgang mit der Kirchenzeitung. Die Chefredakteure von »Glaube + Heimat«, Herbert von Hintzenstern und Gottfried Müller, sind damals sehr genau von der Stasi beobachtet worden.

Hatte die Staatssicherheit den direkten Kontakt mit Ihnen gesucht?
Leich:
Ja natürlich. Ein gewisser Dr. Roßbach, alias Roßberg, hat sich regelmäßig in der Superintendentur in Bad Lobenstein zum Gespräch angemeldet. Ich habe dann immer einen Pfarrer als Zeugen dazu gebeten und das Gespräch dokumentiert. Erstaunlich war, dass die Sachpunkte in meinem Protokoll und in dem der Stasi identisch waren. Aber die Beurteilung war natürlich völlig unterschiedlich.

Wie war es für Sie, als Sie feststellen mussten, dass Mitglieder der Kirchenleitung IM der Stasi waren?
Leich:
Das war mir relativ schnell bekannt. Und ich wusste, worauf ich mich als Landesbischof einließ. Damit konnte man auch leben, wenn man seinen eigenen klaren Weg gegangen ist.

Mit Oberkirchenrat Martin Kirchner war immerhin Ihr Stellvertreter ein IM. Hat Sie das nicht erschüttert, als Sie erfahren haben, dass er bei der Stasi war?
Leich:
Kirchner ist ein Sonderfall. Ihn habe ich ja bevorzugt gegenüber dem Oberkirchenrat Wolfram Johannes, von dem wir wussten, dass er Staatssicherheitsmitarbeiter war. Kirchner ist mir nie in den Rücken gefallen. Da herrschten immer klare Fronten. Und was ich von ihm als Jurist verlangt habe, das hat er auch gemacht.

Hatten Sie nach der Wende noch Kontakt?
Leich:
Er hat in Eisenach als Rechtsanwalt gearbeitet. Und wir sind uns auch mal begegnet. Er wusste, dass ich nicht nachtragend war und dass ich ihn kannte. Was jetzt aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.

Wie schätzen Sie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte durch die evangelische Kirche ein?
Leich:
Ich bin der Überzeugung, dass man die Geschichte nach 25 Jahren ruhen lassen sollte. Es ist schon viel zu lange her. Erfahrungsgemäß wird durch spätere Aufarbeitung auch vieles hineingedeutet. Die Betroffenen sind alle schon sehr alt. Wir haben die offiziellen Stellen zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Dort sind die Dokumente hinterlegt. Jeder kann einen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Das ist meines Erachtens ausreichend. Im Übrigen halte ich die Sache für erledigt.

Plädieren Sie für vergeben und vergessen?
Leich:
Vergeben ja, vergessen nicht. Auch die heutige Generation sollte daraus lernen. Die drei Regeln, die ich aufgestellt habe, die stammen aus einem Buch aus der Nazi-Zeit über den Umgang mit der NS-Staatssicherheit. Ich glaube, die Nähe zur Politik ist auch heute eine Sache, bei der die Kirche ganz eindeutig und gerade gehen muss. Das tut sie leider nicht immer.

»Das hat mich all die Jahre getragen«

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Der frühere Thüringer Landesbischof Werner Leich feierte am 31. Januar seinen 90. Geburtstag.
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Gesprächs, das Michael von Hintzenstern und Willi Wild mit dem Jubilar geführt haben.

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie als Bischof vorstanden?
Leich:
In tiefer Trauer. Wir haben ein ausgezeichnetes Landeskirchenamt gehabt, das auch sehr gut organisiert war. Und die Auflösung des Landeskirchenamtes, ich hab’s ja dauernd vor Augen, ist eine schwierige Sache. Ich bedauere, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen in dieser Form nicht mehr besteht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Da kommen mir die Tränen.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit?
Leich:
Höhepunkt war auf jeden Fall das Lutherjahr. Wenn ich an den öffentlichen Gottesdienst auf der Wartburg denke. Die Mitarbeiter des Rundfunks meinten es sehr gut und haben ganz Eisenach beschallt. Das hat die Genossen natürlich furchtbar geärgert. Erstaunlich war, als ich mich hinterher bei den Fernsehleuten bedankt habe, sagten sie: Ach, Herr Bischof, wir hätten das gerne noch viel länger gemacht.

Wir stehen am Anfang eines weiteren Lutherjahres oder Reformationsjahres. Was erhoffen Sie sich von dem Reformationsgedenken?
Leich:
Ich hoffe, dass nicht der gedeutete Luther, sondern der originale Luther in den Mittelpunkt gerückt wird. Dass man ohne Scheu und ohne den Menschen gefallen zu wollen sagt, worum es geht. Das hat Luther in vielen Belangen getan. Er ist oft angeeckt, auch oft zu Recht kritisiert worden, beispielsweise im Umgang mit den Juden. Aber dieser ungeschminkte originale Ton, der muss erhalten bleiben.

Sie waren selbst geradlinig und mutig, obwohl Sie auch Ängste hatten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Die Umgebung des Staatssicherheitsdienstes hat mich oft in Unruhe versetzt. Aber ich habe Gott sei Dank gelernt, regelmäßig zu beten. Ich habe Gott alles, was mich bewegt und auch geängstigt hat, im Gebet vorgetragen. In meinem Arbeitszimmer stand ein altes gotisches Kruzifix. Darunter hab ich mir einen Betschemel bauen lassen. Jeden Tag habe ich mit Gebet begonnen und ihn auch beendet. Das hat mich all die Jahre getragen.

Wie haben Sie in all den Jahren Ihre Ehe und Familie zusammenhalten können?
Leich:
Das habe ich hauptsächlich meiner Frau zu verdanken, die von Anfang an auch mein Amt mitgetragen hat. Unsere Kinder haben gelitten. Sie wurden regelmäßig vom Staatssicherheitsdienst beobachtet. Die Stasi hoffte, über diese Quelle mehr über mich zu erfahren. Für unsere Kinder war es schwer.

Welchen Rat geben Sie Ihrer Kirche heute mit auf den Weg?
Leich:
Die große Gefahr für die Kirche ist, dass sie aus allem einen Event machen will. Dass sie sich nicht mehr verlässt auf Wort und Sakrament und auf eine treue Ausrichtung. Sondern alles in Spielszenen einkleidet. Die eigentlichen großen Gaben der Kirche treten zurück: Wort und Sakrament.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sich in der Kirche weniger Strukturdebatten, sondern mehr Hinwendung und Einladung zum Glauben wünschen.
Leich:
Wenn ich das kirchliche Amtsblatt lese, habe ich den Eindruck, unsere Kirche verliert sich im Augenblick völlig darin, die Strukturen neu zu schaffen oder einander anzugleichen. Und stattdessen ist die Einladung zum Glauben von der offiziellen Kirchenseite sehr gering.

Es gibt Gott sei Dank eine ganze Reihe von Pfarrern, die einfach ihren Dienst tun und sich davon nicht beeindrucken lassen. Aber die offizielle Kirche verliert sich in Formalitäten.

Sie sprechen davon, dass Kirche wieder mehr vom Geist der Liebe und des Zeugnisses ergriffen sein sollte. Wie kann das geschehen?
Leich:
Der Geist der Liebe und des Zeugnisses entsteht nur durch regelmäßiges Lesen der Heiligen Schrift, durch Gebet und durch den Versuch, die Erkenntnisse im täglichen Leben umzusetzen.

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Die Arbeitsbelastung für Pfarrer mit 15 Gemeinden und mehr wird immer größer. Haben Sie eine Idee, wie man diese Entwicklung verändern könnte?
Leich:
Wir haben schon zu meiner Dienstzeit begonnen, zusammen mit der Superintendentur Saalfeld und Oberkirchenrat Ludwig Große, kirchlich engagierte Mitarbeiter so auszubilden, dass sie selbst Gottesdienste halten können. Notfalls sogar Trauungen und Beerdigungen. Nach meiner Überzeugung ist ein gut ausgebildetes Laienchristentum die einzige Antwort.

Sie kommen aus der Bekennenden Kirche. Zu welchem Bekenntnis rufen Sie heute auf?
Leich:
Das Bekenntnis ist ja nichts anderes als der Hinweis auf die Heilige Schrift. Dass die Kirche aus der Heiligen Schrift lebt und aus dem Gebet, das ist unumgänglich. Sobald das vernachlässigt wird, schwindet auch die Kraft der Kirche.

Meine Botschaft ist: Verlasst euch auf das, was uns Gott mitgegeben hat: die Heilige Schrift, das Gebet, die Zuwendung zum Nächsten. Und wer sich darauf verlässt, der wird nicht im Stich gelassen.

Sie klammern die Endlichkeit des Lebens nicht aus. Wie möchten Sie sterben?
Leich:
Also am liebsten zusammen mit meiner Frau. Ich möchte so sterben, dass ich dabei die Hände falten und beten kann: Herr, nimm meinen Geist auf. Und ich glaube an die Auferstehung der Toten. Dies spielt für mich eine besondere Rolle, weil ich meine Mutter nie kennengelernt habe. Meine Mutter ist verstorben, als ich ein halbes Jahr alt war. Und ich habe die große Sehnsucht, dass ich im Reich Gottes erstens an der Seite meiner Frau sein darf und dass ich meine Mutter einmal kennenlerne.

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Der Reformator widersteht der Macht

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: Martin Luthers Auftritt vor dem Wormser Reichstag wurde zum Wendepunkt der Kirchengeschichte. Denn hier misslang der Versuch, die Reformation im Keim zu ersticken. Wer sich in der Stadt auf Luthers Spuren begeben will, braucht heute etwas Fantasie.

Im Wormser Heylshofpark können Besucher vom kommenden Jahr an buchstäblich in die Fußstapfen des Reformators treten. Zwei große bronzene Schuhe sollen genau dort montiert werden, wo der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther (1483–1546) sich 1521 während des Wormser Reichstags weigerte, seiner Lehre abzuschwören. Doch so bedeutend sein gerade einmal zehntägiger Aufenthalt in Worms für die Geschichte der Reformation auch gewesen sein mag – authentische Lutherstätten kann die Stadt kaum bieten.

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

»Nach dem Zweiten Weltkrieg war Worms die Lutherstadt schlechthin im Westen, denn die anderen waren ja nicht zugänglich«, erzählt der städtische Kulturkoordinator Volker Gallé. Weil Eisenach und Wittenberg hinter dem Eisernen Vorhang lagen, wurde die 80 000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz zum Schauplatz vieler zentraler westdeutscher Gedenkveranstaltungen und Kirchenkonferenzen.

»Wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollt’ ich hinein«, soll Luther die Warnungen vor einer Reise nach Worms zerstreut haben. Seine Anhänger hatten in dem zugesicherten freien Geleit eine List gewittert. Angeblich soll der 37-Jährige vor der historischen Rede sogar in seiner Herberge, dem Johanniterhof, knapp einem Giftanschlag entgangen sein. Gästeführerin Gisela Neumeister erzählt Touristen auf den Reformationsführungen zumindest die Legende über das Weinglas, das gerade noch rechtzeitig zersprungen sein soll, als Luther daran nippen wollte.

Im Frühjahr 1521 war Luther wegen seiner Thesen bereits von der Kirche exkommuniziert. Allerdings hatte er die Unterstützung einer Reihe deutscher Fürsten, die ihm die Gelegenheit einer letzten Verteidigungsrede vor dem Wormser Reichstag und Kaiser Karl V. verschafften. Und auch auf seiner von heftigen Bauchkrämpfen begleiteten Reise wurde er begeistert von Anhängern begrüßt.

Der Auftritt des als »großer Ketzermeister« verschrienen Luthers in Mönchskutte verlief jedoch anders als von Kaiser und Kirche erwartet: Der Reformator erklärte, er könne seine Ansichten nicht gegen das eigene Gewissen widerrufen. Durch die Bibel fühle er sich bestätigt. Der Ausruf »Hier stehe ich und kann nicht anders« fiel dabei nicht, was die historische Bedeutung der Rede jedoch nicht schmälerte. Überliefert ist: »Gott helf mir! Amen.«

Das ließen sich Fürsten und Kaiser nicht gefallen. Mit dem Wormser Edikt verbot Karl V. nicht nur die Schriften Luthers, er untersagte auch dessen Unterstützung und erklärte ihn für vogelfrei. Als das Edikt jedoch im Mai veröffentlicht wurde, befand sich Luther schon in Sicherheit auf der Wartburg bei Eisenach.

Ein flüchtiger Rundgang auf Luthers Spuren durch die in vielen Kriegen zerstörte Stadt am Rhein ernüchtert: Wo einst der Johanniterhof stand, ragt seelenlose Nachkriegsarchitektur in die Höhe. Neben dem Woolworth-Kaufhaus erinnert lediglich eine Gedenkplakette an den berühmten Gast. Der Wormser Bischofspalast, Ort des Reichtags, wurde im 17. Jahrhundert zerstört. Eine private Stiftung hat einen Park angelegt. Insbesondere ausländische Besucher ziehe es dennoch magisch an den Originalschauplatz, sagt Gästeführerin Neumeister: »Das ist für viele Leute das Highlight.«

Unter dem Mangel an Luther-Sehenswürdigkeiten litten die Bürger der mehrheitlich protestantischen Stadt schon im 19. Jahrhundert. So entstand mit Spenden aus dem In- und Ausland 1868 das weltgrößte Lutherdenkmal. Der überlebensgroße Reformator steht auf einem Sockel im Zentrum einer Skulpturengruppe zwischen Weggefährten wie Philipp Melanchthon und Philipp dem Großmütigen sowie Vordenkern der Kirchenreform wie Jan Hus und Petrus Waldus. Der Rundgang führt auch zu der kleinen evangelischen Magnuskirche, in der früh im Sinne Luthers gepredigt wurde.

Obwohl sich Worms seit der Wiedervereinigung im Marketing stärker der Nibelungensage und dem bedeutenden jüdischen Erbe zuwandte, rechnet man für 2017 mit einem kleinen Besucherboom. Zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags werde die Stadt die eigene Reformationsgeschichte inszenieren, kündigt Kulturkoordinator Gallé an. Neben den übergroßen Bronzeschuhen ist ein »Bildungs- und Erlebnisparcours« geplant. Und am Schauplatz des Reichstags werden Lautsprecher von Bäumen herab die Passanten mit Gewissensfragen beschallen.

Karsten Packeiser (epd)

»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Mit Zeichen und Gebärden zum Verstehen

13. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gebärdenkultur ist ausdrucksstark, tiefgründig und humorvoll. Auf jeden Fall zählt der Stolz auf die eigene Sprache dazu. Denn das Selbstbewusstsein wächst, wenn man sich in seiner Sprache mitteilen und anderen helfen kann.

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

An die 50 Jugendliche aus Deutschland und Norwegen entdeckten im August in Strandheim am Oslofjord verschiedene Ausdrucksformen von Gebärdenkultur: Poesie, Theater, Lieder und vieles mehr. Visuell wurde diskutiert, gelernt und geübt. Nicht überall wird Gebärdensprache gefördert. Und nicht überall haben Gehörlose Möglichkeiten, ihre Sprache zu entwickeln. Deshalb waren die Voraussetzungen bei den Teilnehmenden teilweise sehr unterschiedlich. Doch gemeinsam haben es alle geschafft und jede und jeder konnte abends seine Fähigkeiten auf einer Bühne unter Beweis stellen.

Zudem gab es viele Freizeitaktivitäten – von Fußballspielen bis zu Wikingerschach, Schwimmen oder Klettern, von Kajak- und Kanufahren bis zur Schifffahrt auf dem Oslofjord. Dabei galt stets: gemeinsam statt einsam. Mehr als ein Drittel der deutschen Teilnehmer kam aus Mitteldeutschland: Von Hildburghausen über Triptis, Zwickau und Leipzig bis nach Dres-
den.

Helfen ist ein wichtiger Teil von Gehörlosen- und Gebärdenkultur. Dies gilt nicht nur für Hilfe untereinander, sondern auch gegenüber anderen Menschen. Deshalb wurde ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten, um dann als Ersthelfer mutiger zu sein und etwa einen Krankenwagen rufen zu können. Auch wenn die technischen Systeme (Apps auf dem Handy oder dreimal Power-Taste drücken auf dem Smartphone ab Android 5) in Deutschland und Norwegen unterschiedlich entwickelt sind.

Weltweit gibt es mehr als einhundert verschiedene Gebärdensprachen. Spannend war daher die Begegnung über die Grenze verschiedener Sprachen hinweg. Nur wenn es unbedingt notwendig war, wurde gedolmetscht. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit, mit Benutzern einer anderen Gebärdensprache zu kommunizieren. Die meisten haben dabei ihre Liebe zur eigenen Gebärdensprache ganz neu entdeckt.

Die Jugendbegegnung wurde von der norwegischen Gehörlosenkirche, der »Døvekirken«, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge organisiert und durch das EU-Programm »Erasmus-Plus« gefördert. Das Wichtigste an der Woche war, dass die Jugendlichen über sich selbst hinauswuchsen und mit Stolz auf ihre Leistungen wieder nach Hause reisten. Die Hoffnung aller Beteiligten ist es deshalb, dass im August 2017 eine weitere Jugendbegegnung, dann in Eisenach, möglich wird.

Michael Hoffmann und Andreas Konrath

Michael Hoffmann ist Pfarrer der norwegischen Døvekirken, Andreas Konrath ist Landesgehörlosenpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Das unaufgeklärte Luthertum klingt nach

12. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Judenfeindlichkeit Luthers ist eine schwere Hypothek der Reformation. In Bachs Musik klingt sie bis heute nach, woran das Eisenacher Bachhaus mit seiner neuen Sonderausstellung erinnert.

Eisenach hält Kurs auf das Reformationsjubiläum. Mit »Luther, Bach – und die Juden« wurde Ende Juni im Bachhaus die aktuell dritte Sonderausstellung in der Stadt eröffnet, die Martin Luther in den Mittelpunkt rückt. Wobei der Ton ein auffällig anderer ist als auf der Wartburg (»Martin Luther und die deutsche Sprache«) und im Stadtschloss (»Face to Face – Martin Luther und Martin Luther King«). Kurator Dr. Jörg Hansen, der Direktor des Bachhauses, setzt der allseitigen Würdigung am Vorabend des Jubeljahres noch einmal eine unliebsame Wahrheit entgegen: den Judenfeind, welcher der Kirchenerneuerer eben auch war.

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

In mehreren Schriften hat Luther seine antijüdische Position polemisch niedergelegt. Das ist unbestritten, das brachte ihn als Leitfigur und Werbeträger für die Feierlichkeiten 2017 in die Kritik. Nun haben sich die evangelischen Kirchen zwar von diesem Teil des reformatorischen Erbes verabschiedet, aber das unaufgeklärte Luthertum des Barock klingt nach. Und das ausgerechnet in Gottes Häusern. Es klingt nach in den Passionen von Johann Sebastian Bach. Am wohl eindringlichsten ist dabei jene Passage der Matthäus-Passion, als Pilatus im Prozess gegen Jesus keine Schuld feststellen kann. Das Volk aber antwortet: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«. Verantwortlich für Jesu Tod sind die Juden.

Wie geht man mit so einer bewegend vertonten Botschaft um? Man begeistert sich unbeirrt von ihr für Bachs Musik. So hielt es das jüdische Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wie die Eisenacher Ausstellung zeigt. Ausgerechnet die ursprünglich jüdische, zum Christentum konvertierte Familie Mendelssohn ist maßgeblich verantwortlich für die Bach-Renaissance. 1829 bringt der gerade 20-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Berliner Sing-Akademie Bachs Matthäus-

Passion erstmals nach dem Tod des Komponisten wieder zur Aufführung. Über die alte Bach-Gesellschaft und die 1900 gegründete Neue Bachgesellschaft lassen sich die Linien von Berlin über Leipzig bis nach Eisenach führen. Hier wird nicht nur die Errichtung eines Bach-Denkmals, sondern auch des Bachhauses als Museum initiiert. Noch einmal ein Jahrhundert später und mit der Erfahrung des Holocaust tut sich mancher schwerer mit der lutherischen Botschaft in Bachs Musik. Um Kommentierung wird gerungen. So lässt 1989 der damalige Leipziger Superintendent zu einer Bach-Aufführung ein erklärendes Beiblatt verteilen. Einen Schritt weiter ging vor einigen Jahren das internationale Projekt »ha’atelier«, und schlug neue Texte für die Arien der Johannes-Passion vor. Wie das klingt, lässt sich im Bachhaus anhören. Als akustischer Denkanstoß, bevor das große Jubeljahr beginnt.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther, Bach – und die Juden« bis zum 6. November im Bachhaus Eisenach; geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

www.bachhaus.de

Der sprachgewaltige Reformator

3. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung:  Auf der Wartburg geht es vor dem Reformationsjubiläum um Martin Luther und die deutsche Sprache

Er war übler Grobian und einfühlsamer Poet in einer Person. Die deutsche Sprache war für Martin Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Vorsicht. Es geht nicht um »Luther und die Deutschen«. So lautet der ähnlich klingende Titel der Nationalen Sonderausstellung, zu sehen ab dem 4. Mai 2017 auf der Wartburg. Im Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum geht es um »Luther und die deutsche Sprache«. Kuratorin Jutta Krauß benötigt für die Schau nicht die gesamte Burg, sondern nur einen Raum. Dabei bearbeitet sie ein weites Feld, ein immens weites sogar. Denn Luther hat mehr zu Papier gebracht als jene glückliche Übersetzung, für die der geächtete Reformator vom 4. Mai 1521 an auf der Wartburg einen sicheren Ort fand.

Er hat so viel Schrift hinterlassen – 127 Bände mit 80 000 Seiten umfasst die in Weimar erstellte Gesamtausgabe –, dass ihn Jutta Krauß gar nicht ganzlassen konnte. »Zerhackt« habe sie ihn, sagt sie, um die verschiedenen Facetten seiner Autorenschaft zu veranschaulichen. Der schreibende Luther wird dem Besucher als gelehrter Mönch, als übersetzender Theologe, als Lehrer, unermüdlicher Publizist, zorniger Streiter, Dichter und Privatmann vorgestellt. Die jeweiligen Zeugnisse dafür stammen aus der Lutherbibliothek der Wartburg. »Luther war ein gewaltiger Redner und ein gewaltiger Dolmetscher«, sagt Jutta Krauß. Der Schöpfer der deutschen Sprache, wie oft behauptet, sei er allerdings nicht gewesen.

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis ausgehend vom Mittelhochdeutschen des Mittelalters über das Frühneuhochdeutsche die Sprachstufe des Neuhochdeutschen, also des heute gebräuchlichen Deutsch, erreicht war. Etwa in die Mitte dieses dreihundertjährigen Prozesses fällt Luthers Bibelübersetzung, das bekannteste Schriftwerk des Frühneuhochdeutschen. Ein »entscheidendes Etappenziel«, wie es Burghauptmann Günter Schuchardt treffend in der Begleitschrift zur Ausstellung formuliert. Und zugleich ein »reformatorisches Sprachereignis«, wie Kuratorin Jutta Krauß erklärt. Die Bibel wurde – in Luthers Deutsch übertragen – zu einem Volksbuch. Mit dem wiederum die wenigen der Schrift Mächtigen das Lesen lernten. Der Gleichklang von Bibel und Fibel ist kein Zufall.

Luthers Deutsch war dabei keineswegs ein Sonderfall, das kann die moderne Germanistik mittlerweile belegen. Es fügt sich vielmehr ein in den Sprach- und Schreibstil des Wittenberger Gelehrtenkreises und der Druckersprache jener Zeit. Was Luther darüber hinaus aber auszeichnet, das sind sein Sprachtalent und seine lebenslange Sprachneugier. Um seine Lehren zu verbreiten, musste er sich für das Volk verständlich ausdrücken. Also schaut er ihm aufs Maul. Auf seinen Reisen hörte er genau hin, erzählt Jutta Krauß. Er sammelte gebräuchliche Redewendungen und fragte auch nach, ließ sich etwa von einem Tischler die Fachbegriffe seiner Arbeit erklären.

So wuchs Luthers Wortschatz, den er zudem um einprägsame lautmalerische Neuschöpfungen erweiterte. Letztere werden in der Ausstellung in einer sich wiederholenden Abfolge an die Wand geworfen: Lückenbüßer, Lästermaul, Fallstrick, Sündenbock, Bluthund, Gottesacker, Freigeist … Die Projektion ist ein Präsentationsmittel, um das abstrakte Thema Sprache anschaulich zu machen. Daneben gibt es eine Medienstation, die gebräuchliche Wendungen der jeweiligen Herkunftsregion zuordnet. Ob sie richtig liegt, können die Besucher eingehend testen.

Den Glauben wecken, stärken, lebendig machen: Dafür eignet sich Sprache in vielfältiger Form. Als Text eines Kirchenliedes, von denen allein 37 auf Luther zurückgehen, darunter sein Bekenntnislied »Ein’ feste Burg ist unser Gott«. Aber auch als moralische Fabeldichtung. Luther übersetzte Fabeln des griechischen Dichters Äsop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ins Frühneuhochdeutsche. Stets mit einer Lehre am Ende. So heißt es in »Vom Wolf und Lämmlein«: »Wenn es nach dem Willen des Wolfes geht, so ist das Lamm im Unrecht.« Illustrationen zu den Fabeln sowie ein Animationsfilm aus den 1930er-Jahren zur Fabel »Vom Raben und Fuchs« richten sich vor allem an das jüngste Publikum.

Luther konnte aber auch noch ganz anders. Grob sein nämlich, zornig, cholerisch, was mit zunehmendem Alter mehr Raum einnimmt in seinen Schriften. Garstige Tiraden gegen seine Widersacher finden sich etwa auf den Flugschriften und -blättern der Reformationszeit. Beispielhaft dafür ist die Schmähschrift »Wider Hans Worst« auf Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die deutsche Sprache – sie war Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther und die deutsche Sprache« vom 4. Mai bis 8. Januar 2017 auf der Wartburg bei Eisenach. Vertieft wird das Thema in der 136-seitigen Begleitschrift, die im Verlag Schnell & Steiner erschienen ist. Mit der Ausstellung wird auch die neue Schaubibliothek in der Vogtei eröffnet, in der Schätze reformatorischen Schrifttums verwahrt werden.

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

Retter von Weltkultur

24. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«


Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal Großherzog Carl Alexander

Gemälde von Großherzog Carl Alexander – Foto: Wikipedia

Gemälde von Großherzog Carl Alexander – Foto: Wikipedia

Weimars sogenanntes Silbernes Zeitalter, das mit Namen wie Franz Liszt, Richard Wagner, Friedrich Hebbel oder Theodor Hagen sowie der Gründung des Goethe-Schiller-Archivs verbunden ist, wäre ohne den vor 115 Jahren verstorbenen Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Alexander (1818–1901), Sohn des großherzoglichen Paares Carl Friedrich und Maria Pawlowna, ebenso wenig denkbar wie die Wartburg bei Eisenach in ihrer heutigen Erscheinung. Im Sommer 1907 wurde Carl Alexander zu Ehren auf dem heutigen Goetheplatz der Klassikerstadt ein vom Weimarer Bildhauer Adolf Brütt geschaffenes, zu keiner Zeit unumstrittenes Denkmal geweiht. Seine Unschuld hatte das Monument ab Mai 1937 verloren. Städtischer Umbauwille, Krieg und nicht nur einmal sich wandelnde Gesellschaftsordnung führten schließlich zum Desaster. Kopf- und Gedankenlosigkeit im Bunde mit vorauseilendem Gehorsam ließen erst das Denkmal als Ganzes vom Goetheplatz zum heutigen Buchenwaldplatz umziehen, dann das bronzene Reiterstandbild im Schmelzofen verglühen und den Sockel unterhalb des Hauptbahnhofes zwischen Bombenschutt und Muttererde verschwinden. Dort wurde der rund 14 Tonnen schwere Koloss aus Granit während Bauarbeiten im Jahre 1997 zufällig entdeckt und später auf dem Weimarer Goetheplatz wieder aufgestellt.

Der Leidensweg dieses Denkmals verdeutlicht es drastisch: Der Fürst, politischer Erbe des klassischen Weimars mit eigenen künstlerischen Ambitionen, hat – unverdientermaßen – bis in die Gegenwart keinen gesicherten Platz im öffentlichen Bewusstsein. Auch die wissenschaftliche Forschung ist sich über dieses Defizit seit Langem im Klaren.

Will man Carl Alexander quasi Auge in Auge gegenüberstehen, muss man nach Eisenach gehen. Kurz vor der Auffahrt zur Wartburg erhebt sich am Rand der Straße eine mannshohe Bronzestatue des Großherzogs, die der in Eisenach geborene Bildhauer Hermann Kurt Hosäus im Jahr 1909 geschaffen hat. Dass die Stadt Eisenach dem Politiker und Mäzen ein solches Denkmal widmete und am Fuße der Wartburg aufstellen ließ, hat seine Wurzeln in der sich über der Stadt erhebenden Wartburg.

Diese Burg, so überlieferte der Meininger Hofbibliothekar und Schriftsteller Ludwig Bechstein (1801 bis 1860), »ist der Zentralstern der thüringischen Geschichte, und schmückend klammerte sich grüner Sagenefeu ringsumher an Burgmauern, Felszacken und Höhlengeklüft, gleichsam den heiter bestätigenden oder erläuternden Bilderschmuck solch reichhaltigen Buches abgebend.« Im Dezember 1999 wurde das geschichtsträchtige Bauwerk als erste deutsche Burg überhaupt in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Sie sei, wie in der entsprechenden Urkunde zu lesen, »ein hervorragendes Denkmal der feudalen Epoche in Mitteleuropa.« Die von Ludwig dem Springer im Jahr 1067 gegründete Burg gilt heute als der bedeutendste Profanbau der Romanik. Die Burg war Zentrum hoch mittelalterlichen Dichtens und Minnesangs, wurde zum Wohn- und Wirkungsort der heiligen Elisabeth, bot dem von Papst und Kaiser verfolgten Reformator Martin Luther ein sicheres Exil, und sah mit dem Wartburgfest der deutschen Burschenschaften den Morgen einer freiheitlich-demokratischen Nation heraufdämmern.

Dank der authentischen Lutherstube trägt die Burg bereits seit dem 16. Jahrhundert denkmalhafte Züge und avancierte in der Zeit des nationalen Aufbruchs gänzlich zur romantischen Weihestätte der Deutschen. Diese Bedeutung aufgreifend, erhob Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach seinen bis dahin im Dornröschenschlaf liegenden Ahnensitz mit umfassender Erneuerung und künstlerischer Ausgestaltung in den Rang eines Nationaldenkmals. Mit dem Gießener Architekturprofessor Hugo von Ritgen hatte er das Projekt einem Kenner mittelalterlichen Burgenbaus anvertraut. Noch bevor Georg Dehio (1850–1932) sich um eine wissenschaftlich begründete moderne Denkmalpflege verdient machen sollte, stellte von Ritgen mit verlässlichem Gespür für den Erhalt überkommener Bausubstanz und für die schöpferische Nachahmung von Verlorengegangenem sein Können unter Beweis. Der Bergfried und das auf dessen Zinnenkranz sich erhebende drei Meter hohe und knapp zwei Meter breite vergoldete Kreuz prägen die Silhouette der Wartburg seit mehr als 150 Jahren. Zu den Schätzen im Inneren zählen u. a. die von dem Maler Moritz von Schwind Mitte des 19. Jahrhunderts geschaffenen 14 Fresken im Sängersaal, im Landgrafenzimmer und in der Elisabethgalerie. Anknüpfend an diese und weitere, der Burg innewohnenden humanistischen Traditionen, präsentiert sich die Wartburg in der Gegenwart als ein lebendiger Ort der Weltkultur.

Heinz Stade

Großzügig und zeitgemäß

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Sanierung: Das Eisenacher Lutherhaus wird sich bald als modernes Museum präsentieren

Vier Wochen bleiben noch, um die vielen leeren Vitrinen im umgebauten Lutherhaus in Eisenach zu füllen. Am 26. September öffnet dort die neue Dauerausstellung »Luther und die Bibel«.

Noch liegt eine dicke Schicht Staub in den blauen, roten, violetten Vitrinen. Kein Zustand, um darin jahrhundertealte Bibeln oder das Kirchenbuch mit dem Taufeintrag von Johann Sebastian Bach zu zeigen. Aber es bleiben auch noch gut vier Wochen bis zur Wiedereröffnung des alten, neuen Eisenacher Lutherhauses.

Im Dezember 2013 schloss das Museum für die erste Großsanierung in der 650-jährigen Geschichte des Fachwerkgebäudes. Zweiundzwanzig Monate später soll es sich als ein modernes Ausstellungshaus präsentieren, das dem erwarteten Besucheransturm zum Reformationsjubiläum gerecht werden kann. Und das jenen Eindruck der Enge und des Stickigen verloren hat, der nicht recht passen will zum Bild der evangelischen Kirche im Jahr 2017.

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Etwa 100 000 Gäste, so die vorsichtige Schätzung, könnten dann auch die vielen Treppenstufen des Lutherhauses hinaufsteigen wollen. Wobei kein Besucher mehr Treppenstufen steigen muss. Durch eine Mitnutzung von Teilen des benachbarten Neubaus sind erstmals alle Räume des Museums weitgehend barrierefrei zu erreichen. Zuvor schafften es Rollstuhlfahrer nicht einmal über die Schwelle, beschreibt der wissenschaftliche Leiter und Kurator des Hauses, Jochen Birkenmeier. Museumskasse und -shop, Toiletten, Garderobe – letztere gab es im alten Bauzustand gar nicht – sowie erstmals ein Raum für Sonderausstellungen sind ebenfalls im Nachbarbau untergebracht.

Das Evangelische Pfarrhausarchiv, das sich bisher unter dem Dach des Lutherhauses befand, wurde in das Landeskirchenarchiv Eisenach ausgelagert; das museumseigene »Bibel-Café« wird nicht mehr betrieben. Durch diese Veränderungen und auch durch das Entfernen von Wänden wurde Platz gewonnen. Die ehemals arg verwinkelten Räume wirken großzügiger, die Museumspädagogik wurde auf zwei Zimmer erweitert. Auf rund 500 Quadratmetern – zuvor waren es nur etwa 300 – wird ab dem 26. September auch die neu gestaltete Dauerausstellung »Luther und die Bibel« zur Bibelübersetzung des Reformators gezeigt.

Ausgestellt werden rund 120 Exponate in den derzeit noch mit Staub bedeckten, rechteckigen Vitrinen, die das Berliner Design-Büro »neo.studio« entworfen hat. Sie geben dem alten Haus, in dem jede Wand schief, in dem nichts rechtwinklig ist, wieder Ecken und Kanten.

Für die zeitgemäße Ausstattung des Museums, zu der multimediale Zugaben wie Touchscreens, Hörstatio­nen und Bildschirme gehören, fielen 1,15 Millionen Euro an. Weitere 2,8 Millionen Euro waren für den Bau notwendig.

Die Hälfte des Geldes stammt aus öffentlicher Förderung, 1,4 Millionen Euro sind Eigenmittel der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, 0,56 Millionen Euro steuerten unter anderem Sponsoren und Bürger bei, die Patenschaften für Exponate übernommen haben.

Susann Winkel

Nicht wiederzuerkennen

15. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Ein Porträt Cranachs zeigt, wie Luther als »Junker Jörg« aussah

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren.
Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Eisenach.

Die über 1 000 Jahre alte Wartburg war Zentrum hoch mittelalterlichen Dichtens und Minnesangs, wurde zum Wohn- und Wirkungsort der heiligen Elisabeth, und sah mit dem Wartburgfest der deutschen Burschenschaften den Morgen einer freiheitlich-demokratischen Nation heraufdämmern. Vor allem aber wurde sie zur »Lutherburg«.

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg.  Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg. Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Lucas Cranach der Ältere, der zur Zeit von Luthers »Gefangenschaft« auf der Burg schon mit diesem befreundet war, erfuhr als Einziger vorab von jenem Ereignis, das schließlich zu Luthers fast 300 Tage währenden Aufenthalt auf der Wartburg führen sollte. »Lieber Gevatter Lukas … ich laß mich eintun und verbergen, weiß selbst noch nicht wo…«, heißt es in einem Schreiben, das Luther an den Maler richtete. Wenige Tage später war auch das Versteck klar.

Nach einem vorgetäuschten Überfall im heutigen »Luthergrund« nahe Steinach am Rennsteig, war Luther, der sich auf der Rückreise vom Reichstag in Worms befand, in der Nacht des 4. Mai 1521 in Begleitung mehrerer Reiter auf die sichere Obhut gewährende kurfürstlich-sächsische Wartburg gekommen.

»Mit Mühe habe ich erreicht, diesen Brief zu schicken. So sehr fürchtet man, es könne auf irgendeinem Wege bekannt werden, wo ich bin. Deshalb sorgt auch Ihr dafür, falls Ihr glaubt, dass dies zur Ehre Gottes geschieht, dass zweifelhaft bleibt, ob Freunde oder Feinde mich verwahren und schweigt! Es ist auch nicht nötig, dass außer Dir und Amsdorf jemand weiß, wo ich bin, nur: dass ich noch lebe«, schreibt der »Gefangene« noch in der ersten Woche seiner Ankunft an Melanchthon nach Wittenberg. Und Freund Spalatin erfährt: »Ich lasse mir Haare und Bart wachsen. Du würdest mich schwerlich erkennen, da ich mich selber schon nicht mehr wiedererkenne.«

Es wurde ruhig um den Reformator. Mitten in seiner Hauptarbeit auf der Burg, der Übersetzung des Neuen Testaments, wagte er sich inkognito im Dezember 1521 für wenige Tage nach Wittenberg. Sich ausgebend als »Junker Jörg«, war der mit vollem Haupt- und Barthaar Reisende wohl kaum als Luther zu erkennen. So sah ihn in Wittenberg auch Cranach. Das nach der Begegnung entstandene Bildnis vom »Junker Jörg« erlangte Weltruhm. Zwischen 1520 und 1546 entstanden insgesamt sieben verschiedene grafische und gemalte Porträttypen Martin Luthers in der Cranach-Werkstatt. Alle diese Bildnisse dienten propagandistisch-dokumentarischen und somit werbend-lehrhaften Zwecken. Das Porträt Luthers machte so den Botschafter des reformatorischen Programms sichtbar und entwickelte sich quasi nebenher als lückenlose Illustration seines biografischen Werdegangs. In den Kunstsammlungen der Wartburg werden mehrere Cranach-Meisterwerke aufbewahrt, darunter auch beeindruckende Bildnisse der Eltern Martin Luthers. Dieser Schatz verdankt sich mit Hans Lucas von Cranach auch einem direkten Nachkommen der Malerfamilie. Dieser war von 1895 bis zu seinem Tod im Jahr 1929 Burghauptmann der Wartburg.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Die Lutherporträts der Cranach-Werkstatt« auf der Wartburg in Eisenach ist noch bis 19. Juli zu sehen

Die Reformation im Bild

15. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Bild und Botschaft«: Ausstellung in Weimar beleuchtet das Wirken von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn

Mit der in Weimar eröffneten Schau sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig.

Gotha, Eisenach und Weimar. Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha bildete den Auftakt einer Reihe hochkarätiger Ausstellungen mit Werken des Malers Lucas Cranach des Älteren (1472–1553). Die Wartburg in Eisenach setzte fort. Mit der am 3. April im Weimarer Schillermuseum eröffneten Präsentation »Cranach in Weimar« sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig. Sie alle drei lenken den Blick auf den Zusammenhang zwischen der Cranach-Werkstatt und der Reformation. Die Schau in Weimar zeichnet Biografie, Werk und Wirkung von Lucas Cranach dem Älteren und dessen Sohn Lucas Cranach des Jüngeren (1515–1586) nach. In Weimar verbrachte Lukas Cranach der Ältere sein letztes Lebensjahr. Er starb 1553, sieben Jahre nach dem Tod Martin Luthers. Das bekannteste Meisterwerk aus der Cranach-Werkstatt ist der 1555 vollendete Flügelaltar in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Dieses Hauptwerk reformatorischer Bildkunst ist das wichtigste Exponat der Ausstellung. Es ist eigentlich außerhalb des Museums in der Stadtkirche zu besichtigen und – eine besondere Attraktion – digital in die Ausstellung einbezogen. Denn während der Flügelaltar in der Kirche eher aus der Ferne zu betrachten ist, bringt ihn eine Medieninstallation dem Auge ganz nah. Per Fingerdruck auf dem Computer kann jedes einzelne Bilddetail vergrößert und genauestens betrachtet werden. Ein museumspädagogisches Element, das eine Art der Begegnung mit dem Kunstwerk gestattet, wie sie vor dem Original in der Kirche nicht möglich ist.

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die Schau präsentiert 150 Werke der Cranachs sowie zahlreicher Zeitgenossen, darunter Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, illustrierte Bücher, Archivalien und Medaillen. Die Exponate vermitteln einen Eindruck von dem umfangreichen Cranachschen Œuvre an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit sowie von dessen Wirkungsgeschichte bis in die Moderne. Weltweit soll es etwa 5 000 Arbeiten des Hofmalers geben, eine Zahl, die auf die immense Produktivität der Cranach-Werkstatt schließen lässt. Neben den Beständen der Klassik Stiftung Weimar bereichern Leihgaben aus internationalen Museen die Ausstellung. Zu ihnen zählen die Bildnisse Tizians von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Museo Nacional del Padro Madrid ebenso wie das Porträt, das Lucas Cranach der Jüngere von seinem Vater schuf und das heute in den Uffizien in Florenz hängt.

Der Rundgang im Schillermuseum beginnt mit dem Kapitel »Werk und Künstler«, es vereint Arbeiten von Vater und Sohn am letzten gemeinsamen Wirkungsort Weimar. Gezeigt wird beispielsweise ein Gemälde, das ein zentrales reformatorisches Thema aufgreift: »Gesetz und Gnade«. Die Darstellung verbildlicht die lutherische Rechtfertigungslehre, nach welcher der Mensch nur durch Gottes Gnade Erlösung findet. Im zweiten Kapitel »Glaube und Reformator« wird die Cranach-Werkstatt im Dienst der Reformation und ihrer Protagonisten beleuchtet. Bildmotive wie »Christus und die Ehebrecherin« oder die Segnung von Kindern weisen darauf hin, dass Bilder dazu dienten, theologische Inhalte anschaulich und einprägsam darzustellen.

Das große Thema »Botschaft und Auftraggeber«, welches sich dem Wirken der Cranachs am Hof Johann Friedrichs des Großmütigen widmet, korrespondiert mit der Ausstellung in Gotha zu Cranach im Dienst von Hof und Reformation. Dargestellt werden Hof und Hofhaltung Johann Friedrichs, dessen Kampf auf der Seite des Schmal­kaldischen Bundes 1547 mit einer Niederlage und mit der Gefangenschaft einherging und den Verlust der Kurwürde sowie großer Teile seiner Territorien zur Folge hatte.

Das letzte Kapitel »Rezeption und Betrachter« widmet sich der Wirkungsgeschichte der Cranach-Werkstatt. Erstmals werden die Wiederentdeckung Cranachs im Umfeld Goethes, die sich anschließende Rezeptionsgeschichte bis hin zum 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus beleuchtet.

Kunst und Theologie, Bild und Wort – sie korrespondieren miteinander. Der Rundgang vermittelt, wie das Zusammenspiel im Zeitalter der Reformation geklappt hat und bis heute Wirkung zeigt. Eindrucksvoll.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Cranach in Weimar« im Schillermuseum ist bis 14. Juli dienstags bis sonntag 9.30 bis 18 Uhr geöffnet.

Der »Cranach-Altar« in der Stadtkirche St. Peter und Paul – offene Kirche: montags bis sonnabends 10 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Wenn Gesichter sprechen

4. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Nader Setareh liebt die uralte erdgebundene Kunst des Keramikreliefs

Im Rahmen des Themenjahres »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Heute ein Besuch bei dem Eisenacher Keramikkünstler Nader Setareh.

Gesichter haben es ihm besonders angetan. Wenn Nader Setareh den feuchten Ton zwischen den Fingern spürt, schließt er die Augen. Nun beginnen seine Hände die Umrisse eines Antlitzes zu formen. Wenn er dann die Augen öffnet, sieht er in ein Gesicht. Ein Gesicht, dass zu ihm spricht, wie er sagt. »Ich nehme dann Verbindung mit ihm auf.« Und wenn zu den Lippen auch noch die Augen geformt sind und das neue Gegenüber ihn nicht nur anspricht, sondern auch anschaut, ist das der schönste Moment in der Arbeit des Keramikkünstlers: »Dann läuft mir oft eine Gänsehaut über den Rücken.«

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

So ging es dem seit 2010 in Eisenach lebenden Setareh etwa bei der Gestaltung des Wandreliefs zur heiligen Elisabeth, oder auch bei seiner Darstellung der »Käthe«, Luthers Frau. Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie. Denn sein Leben verlief alles andere als glatt, so manche traumatische Erfahrung prägt den sensiblen Mann. Geboren 1957 in Kuwait wächst er anschließend in Teheran, der Hauptstadt des Iran, auf. Dort nimmt er ein Kunst- und Designstudium an der Universität auf. Bis nach der sogenannten »islamischen Revolution« die Herrschaft der Ayatollahs beginnt. Nater Setareh emigriert nach Deutschland, vollendet in Köln sein Studium, entwirft später Designermode und Seidenapplikationen für deutsche Versandhäuser, ist auf den großen Modemessen zu Hause.

2003 wird ihm eine Besuchsreise in den Iran zum Verhängnis. Weil er an einer kleinen Demonstration von Studenten teilnimmt, verhaftet ihn die Geheimpolizei. Wenig sagt er über seinen Weg durch die berüchtigten Gefängnisse des islamischen Regimes. Aber man ahnt die Dimension des Terrors, wenn er mit traurigem Blick sagt: »Ich habe so viele junge Menschen sterben gesehen.« Als er psychisch schwer angeschlagen endlich aus dem Gefängnis kommt, aber im Iran festsitzt, helfen ihm Freunde in Teheran zu einer neuen künstlerischen Betätigung – und zum Broterwerb. Setareh beginnt mit der Arbeit als Keramiker, gestaltet große farbige Wandreliefs. »Die Arbeit mit Lehm und Ton und die Gestaltung von Reliefs hat schließlich im Nahen Osten eine jahrtausendelange Tradition«, sagt er stolz.

»Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie«

Gebrochen hat der als Muslim geborene und aufgewachsene Setareh allerdings mit seiner früheren Religion. »Ich habe erkannt, was Islam wirklich bedeutet: so viel Brutalität, so viele unschuldig Hingerichtete …« Für die so gern vertretene These, dass die Islamisten des Nahen Ostens nicht den »wahren Islam« verkörpern, hat er nur ein müdes Lächeln übrig. Jeder könne es selbst überprüfen: Die Terrorgruppe »Islamischer Staat« könne sich mit all ihrer Brutalität exakt auf den Koran berufen. »Jeder vernünftige Mensch soll einfach einmal das Leben Mohammeds und das Leben Jesu vergleichen.« »Bekenntnis oder Tod«, habe es von Anfang an bei Mohammed geheißen. »Wenn Islam ›Frieden‹ bedeutet, warum dann immer wieder das Schwert?«, fragt Setareh und fügt hinzu: »Es stimmt, auch Christen haben Gewalt angewendet, aber sie haben damit immer den Geboten Jesu entgegengehandelt.«

Was Nader Setareh, der neben seinen plastischen Werken auch lyrische Texte verfasst, heute beschwert, ist die relative Einsamkeit in Eisenach. Er wünschte sich mehr Kontakte zu anderen Künstlern. Und Ausstellungsmöglichkeiten, gern auch in Kirchen. Dort, in der Ruhe bei Gott, fühle er sich mit seinen Werken immer besonders wohl. Denn: »Die Kirche ist für mich die wahre Moschee.«

Harald Krille

Kontakt: Atelier Seta Ceramic, Schmelzer­straße 1, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 6 58 02 54

Mein eigenes Begräbnis

23. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen erzählen, wie sie einmal beerdigt werden möchten

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Wichtiger als die Frage, wie ich selbst beerdigt werden möchte, ist mir die Frage, wie ich sterben möchte. Mit einem Wort geantwortet: getrost. Auf Gottes Liebe trauend zu allem, was lebt, auch über den Tod hinaus. Im Vertrauen darauf, dass mein Leben auch nach dem Tod eine Perspektive in Gottes Zukunft hat. So sterben zu können, das wünsche ich mir.

»Dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist«

Deshalb hoffe ich, dass bei meiner Beerdigung von der Auferstehungshoffnung gesagt und gesungen wird. Wenn von dieser Hoffnung her deutlich würde, was schön, verbunden und froh war in meinem Leben ebenso wie das, was schwer war, was fragmentarisch geblieben ist, wo es neben Gelingendem auch Versagen oder Schuld gab.

Bei einer kirchlichen Bestattung kann vieles in Dankbarkeit gesagt werden. Aber nichts muss geschönt werden. Es ist ja Gott, der uns ihm recht macht. Die Feier des Trauergottesdienstes, Texte und Musik bilden dann einen Raum, der alles fasst und aufnimmt, was an Sagbarem und vielleicht auch Unsagbarem da ist. Mir geben dabei vertraute Worte der Bibel Trost. In ihnen können Trauer, Schmerz und Hoffnung sich bergen. Wenn sie bei einer Beerdigung noch gesagt werden, berühren mich besonders die Geleitworte des »In Paradisum«: »Zum Paradies mögen Engel dich geleiten.« Ein Wunsch zur eigenen Beerdigung ist noch: Ich möchte in einem Sarg in die Erde gelegt werden. Schön, wenn er aus dem Holz des Baumes ist, dessen Früchte ich seit meinen Kindertagen in Großvaters Garten liebe – Kirsche. Und wenn dies alles geschieht in der Hoffnung »dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist« (Dorothee Sölle) – ja, das ist eine tröstliche Vorstellung.

Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

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Volker Kreß

Volker Kreß

Es wird wohl mit Rücksicht auf das hohe Amt, das ich in unserer sächsischen Kirche ausüben durfte, nicht so schlicht werden, wie ich es mir wünsche. Und doch: Schön wäre ein im besten Sinn ganz normaler Beerdigungsgottesdienst in der schönen, alten Kirche meiner Heimatkirchgemeinde Dresden-Leubnitz.

Als biblische Lesungen wünsche ich mir den lebensweisen 90. Psalm (»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.«) und die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes aus Markus 16, 1-8. Diese Erzählung habe ich immer geliebt, weil die Frauen nicht mit selbstsicherem Jubel, sondern mit tiefem Erschrecken auf die unserem kleinen Menschenverstand unfassbare Nachricht der Auferstehung reagieren. Ganz in diesem Sinne möge der Pfarrer bitte über den tiefen Paulus-Satz aus 1. Korinther 13, 12 predigen: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.«

»Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin«

Vielleicht könnte mein Cello-Enkel danach das seltsam kantige Präludium aus der vierten Cellosuite von Bach spielen, an dem ich mich oft und gern selbst versucht habe.

Unbedingt gesungen werden sollte von der Gemeinde die wunderbare Strophe des Schlusses von Bachs »Johannespassion« »Ach Herr, lass dein lieb’ Engelein an meinem End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen.«
Und dann bitte still und andächtig zum Grab.

Volker Kreß war von 1994 bis 2006 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

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Alexandra Husemeyer

Alexandra Husemeyer

Das Thema »Beerdigung« beschäftigt mich schon seit der Kindheit. Meine Mutter verabschiedete mich im Sommer 1981 in die Ferien mit dem Buch »Tom Sawyers Abenteuer«. Sie konnte nicht ahnen, dass dieses Buch fortan zu meiner Lieblingslektüre werden sollte. Und meine Lieblingsstelle? Toms Beerdigung. Wie herrlich war es doch, seiner eigenen Beerdigung putzmunter von der Kirchenempore aus beizuwohnen. Tante Polly trauerte und bereute alle über Tom verhängten Strafen. Mein kindliches Herz suhlte sich im Selbstmitleid. Toll, dann würden alle Erwachsenen endlich erkennen, wie unrecht sie mir getan hatten! Ich malte mir meine Beerdigung aus, wählte passende Bibelstellen aus meiner Kinderbibel »Das Wort läuft« aus, ordnete Lieder.

»Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab«

Und heute? Heute ist es immer noch ein wichtiges Thema und ich bin Anhängerin des »guten, alten Stils«. Anonyme Bestattungen sind mir suspekt; am liebsten möchte ich auch nicht verbrannt werden, sondern in einem schlichten, einfachen Holzsarg, ohne umweltbelastenden Lack, in der Erde schlummern dürfen. Rituale am Ende des Lebens sind Ausdruck unserer Kultur und unseres Glaubens. Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab. Auch das gemeinsame Singen, und wenn es noch so brüchig ist, erscheint mir unbedingt wichtig.

Wenn zu meiner eigenen Beerdigung noch Geld übrig ist, wünsche ich mir zur Orgelbegleitung die wundervolle Händel-Arie »I know that my redeemer liveth« (Ich weiß, dass mein Erlöser lebt) aus dem Messias, denn das ist die Botschaft, die unserem Leben Sinn gibt – über den Tod hinaus.

Alexandra Husemeyer führt freiberuflich unter anderem als Katharina von Bora Gäste duch Eisenach

Im Wandel der Zeiten

12. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Eisenachs Lutherhaus lädt zur Zeitreise durch das protestantische Pfarrhaus ein

Unter den Schritten der Besucher knarrt der Fußboden in der oberen Etage des Eisenacher Lutherhauses. Das Knarren begleitet den Besucher bei der »Zeitreise durch die Geschichte des evangelischen Pfarrhauses«, einer Dauerausstellung im Lutherhaus.

Pfarrerstochter und Pfarrer: Bundeskanz- lerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Fotos: Bundespresseamt

Pfarrerstochter und Pfarrer: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Fotos: Bundespresseamt

Die Geschichte der Pfarrhäuser beginnt mit der Reformation. Dem lutherischen Angriff auf das Zölibat folgte die Großfamilie im Pfarrhaus. Luther selbst war allerdings nicht der erste Priester bzw. Pfarrer, der gegen den Willen der Kirche heiratete. Dies war vermutlich ­Bartholomäus Bernhardi, der Propst von Kemberg, der am 24. August 1521 trotz Priestergelübde eine Familie gründete.

1525 heiratete Martin Luther seine Katharina von Bora. Das ehemalige Kloster in Wittenberg, ihre gemeinsame Heimstatt, galt seither als Prototyp des evangelischen Pfarrhauses. Hier waren fortan die Familie, die seelsorgerische Arbeit und der Glauben unter einem Dach vereint. Durch das nachgebildete Katherinenportal – einst ein Geschenk Katharinas an ihren Mann – tritt der Besucher der Ausstellung in die Geschichte des Pfarrhauses ein. Wie gestaltete sich das Leben in den Pfarrhäusern? Welche Rollen spielten die Pfarrfrauen? All das wird in der umfangreichen Sammlung von Bild- und Textdokumenten dargestellt. Dabei fehlt nicht der Blick in die heutige Zeit und die Zukunft des Pfarrhauses.

Im klassischen Pfarrhaus übte der Mann den Pfarrersberuf aus, die Pfarrersfrau kümmerte sich um Haushalt, Familie und arbeitete zudem in der Gemeinde mit. Heute gibt es auch hier eine Vielzahl von Lebensformen – Ehefrauen von Pfarrern, die selbst im beruflichen Leben stehen, Frauen als Pfarrerinnen, Pfarrer und Pfarrerinnen als Single, der Pfarrberuf in Teilzeit, die Gemeinde ohne Pfarrhaus …
Die Zeitreise macht auch deutlich, dass die Pfarrhäuser Orte der Bildung und der Forschung waren. Viele bekannte Namen aus Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst haben ihre Wurzeln in Pfarrhäusern: Entweder waren sie selber ­Pfarrer oder sind in Pfarrersfamilien ­aufgewachsen – man denke nur an den derzeitigen Bundespräsidenten und die Kanzlerin.

Möglich ist die Ausstellung vor allem deshalb, weil einst Pfarrer August Angermann begann, sich mit der Geschichte der Pfarrhäuser zu beschäftigen. Er gründete 1925 das evangelische Pfarrhausarchiv. Angesiedelt zunächst in Wittenberg kam es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Eisenach. Aus seinen vielfältigen Beständen speist sich die »Zeitreise durch die Geschichte der evangelischen Pfarrhäuser«.

Silvia Rost

Das Lutherhaus am Lutherplatz 8 in unmittelbarer Nähe zum Eisenacher Marktplatz ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
www.lutherhaus-eisenach.de