»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Gemeinschaft auf dem Campingplatz

11. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Zeltstadt: Zum 14. Mal lebten Christen aus ganz Deutschland und aus allen Konfessionen eine Woche lang zusammen

Aus kleinen Anfängen wurde sie zum geistlichen »Großunternehmen«: »Die Zeltstadt« auf dem Gelände der Familienkommunität Siloah im thüringischen Neufrankenroda zog vom 25. Juli bis 1. August 2 000 Besucher an.

Erfolg kann auch unheimlich werden: »Manchmal heißt es, ihr seid doch Großveranstalter, dann könnt ihr uns auch sagen, wie man dies oder jenes macht«, sagt Detlef Kauper. »Das erschreckt mich und ich antworte, wir sind doch keine Großveranstalter, wir sind ›Die Zeltstadt‹.« Dabei ist der Vergleich gar nicht so weit hergeholt. In diesem Jahr hat die Zeltstadt auf dem Gelände der Familienkommunität Siloah in Neufrankenroda bei Gotha erneut einen Rekord geknackt. Der 2 000. Bewohner auf Zeit konnte begrüßt werden.

Die Zeltstadt: »Ein Geschenk Gottes«

Wie lange vermag die Zeltstadt noch zu wachsen? »Das weiß ich nicht«, gibt Detlef Kauper zu. Man werde in den nächsten Monaten darüber reden müssen. Eines ist jedoch für den Geschäftsführer vom Christusdienst Thüringen klar: »Wenn einem so etwas wie das Treffen auf dem Gelände der Familienkommunität geschenkt wird, darf man es nicht ablehnen. Und wenn man weiß, dass hier die Royal Rangers Zelte für mehr als 18 000 Pfadfinder aufstellen, haben wir wirklich noch Luft nach oben.« Dank der vielen ehrenamtlichen Helfer, in diesem Jahr sind es 270, ist auch das Leben in einer weiter wachsenden Zeltstadt zu bewältigen.

Davon ist auch Christina Reibold felsenfest überzeugt. Die Paar- und Familientherapeutin aus Jena gehörte schon zu den Bewohnern der ersten Zeltstadt. »Da waren wir ein paar Hundert Frauen, Männer und Kinder. Jahr für Jahr sind wir ein bisschen mehr geworden, aber wuchsen nicht zu schnell«, sagt sie. Die Zeit auf dem Siloah-Gelände hat sie fest in ihrem Terminkalender vermerkt. »Mich fasziniert immer wieder aufs Neue, hier Christen mit dem unterschiedlichsten sozialen Hintergrund zu treffen. Manche sind zu Freunden geworden, andere treffe ich nur hier in der Zeltstadt«, erzählt die Frau.

Silke Will ist zum ersten Male hierhergekommen. Die Ärztin aus Schleswig-Holstein begeistert das tägliche Leben zwischen den Zelten. Freunde haben dem Ehepaar so lange von Siloah vorgeschwärmt, dass sie diese Atmosphäre selbst einmal erleben wollte. »Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich eingestehen, so gänzlich habe ich noch nicht Feuer gefangen«, meint sie. Sie hat sich in den ärztlichen Dienst der Zeltstadt eingebracht und – weil jemand, der neu ist, manches anders sieht – gleich etliche Vorschläge für Veränderungen unterbreitet. Um sich tatsächlich für die Zeltstadt zu entflammen, rät ihr Christine Reibold die Predigten und Seminare zu besuchen. »Das funktioniert«, sagt sie und macht sich gleich auf den Weg, einen eigenen Vortrag zu halten.

Ehrenamtliche Mitarbeiter entdecken ihre Talente

Die Zeltstadt-Teilnehmer leben als Selbstversorger in eigenen Zelten, Wohnwagen und Wohnmobilen. Sie sind aufgeteilt in Dörfern zu etwa 80 bis 100 Bewohnern. Betreut werden sie jeweils von »Dorfeltern« – das reicht von der Hilfe beim Zeltaufbau über das Hüten von Kleinkindern bis zum Angebot der Seelsorge. Die Dörfer haben eine gemeinsame Mitte, wo man sich treffen kann, um miteinander zu essen oder zu reden. Verkaufswagen, Hofladen, Bistro und Café bieten Möglichkeiten zum Versorgen.

In diesem Jahr lautete das Motto der Zeltstadt »Provokation Jesus«. Organisation und Programmgestaltung liegen voll in der Hand der ehrenamtlichen Mitarbeiter. »Es gibt hier viele Talente, man muss sie nur entdecken«, sagt Detlef Kauper. Insgesamt 19 Seminare wurden während der Woche angeboten. Dazu zahlreiche weitere Veranstaltungen, besonders für die rund 300 Kinder und etwa 400 Jugendlichen. Am Dienstag der vergangenen Woche etwa wanderten die Bewohner zum Siloah-Kreuz, das weithin sichtbar über der Zeltstadt steht. Dort wurde im Gebet jener Christen gedacht, die wegen ihrer Glaubens­überzeugung Gewalt und Verfolgung ausgesetzt sind.

Urlaub, Gemeinschaft und geistliche Erbauung unter freiem Himmel: Blick auf das Gelände in Neufrankenroda mit einem Teil der Zeltstadt. Foto: Die Zeltstadt

Urlaub, Gemeinschaft und geistliche Erbauung unter freiem Himmel: Blick auf das Gelände in Neufrankenroda mit einem Teil der Zeltstadt. Foto: Die Zeltstadt

Seit vergangenem Jahr ist die Zeltstadt um ein Dorf reicher geworden. In ihm ziehen Alleinreisende ein. Und das sind beileibe nicht nur Singles. »Da gehört auch die Mutter dazu, die mit ihren beiden Kindern nach Neufrankenroda gekommen ist und deren Mann zu Hause bleiben musste, weil er keinen Urlaub auf seiner Arbeitsstelle erhielt.« Samuel Scholz gehört zu den Dorfeltern und kümmert sich um die Alleinreisenden.«Bei uns herrscht prächtige Stimmung«, erzählt er, »gestern haben wir unser Dorffest gefeiert. Da ging es sehr unterhaltsam zu.«

Zuversichtlich: Auch 2015 wird es eine Zeltstadt geben

Auch für Detlef Kauper hat sich in diesem Jahr etwas verändert: Er hat sein Fahrrad mitgebracht. »Wenn ich rasch ans Ende der Zeltstadt gelangen will, bin ich mit dem Rad bestens bedient.« Nicht zuletzt daran zeigt sich, wie sich das Projekt in den vergangenen 14 Jahren entwickelt hat. Allein 500 Quadratmeter neue Fläche für Zelte wurden für dieses Jahr erschlossen. Im nächsten Jahr wird das vermutlich ähnlich sein. »Solange wir uns auf die Mitarbeit so vieler stützen können, werden wir auch das bewältigen«, blickt Kauper zuversichtlich auf 2015. Dann werden vom 31. Juli bis 7. August die Wohnwagen und Leinwandvillen wieder das Gelände besetzen.

Klaus-Dieter Simmen

Im Einsatz für den Nächsten

16. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Asta Sibylle-Schröder – die erste und bisher einzige Frau mit dem Ehrenritterkreuz des Johanniter-Ordens

Ihr Ehrenamt steht nicht unter dem Kronenkreuz der Diakonie, sondern unter dem achtzackigen Kreuz der Johanniter. Doch die Richtung ist die gleiche: Es geht um Hilfe für Menschen.

Das Äußeres ist Abbild innerer Haltung: Asta-Sibylle Schröder hat ihr ganzes Leben den sprichwörtlichen »aufrechten Gang« geübt, sich mit Aufrichtigkeit gegen jeden Versuch des Verbiegens zur Wehr gesetzt. Das begann für die am 28. Juni 1940 im thüringischen Ranis als Tochter von Arthur von Breitenbuch und Asta, geborene Gräfin von der Schulenburg, zur Welt gekommene spätestens in der Schulzeit. Der Vater ist Pfarrer und Rektor des Weimarer Sophienhauses, einer diakonischen Einrichtung mit Schwesternschaft und Krankenhaus. Adlige Herkunft und kirchliche Bindung stehen fortan als doppeltes Verdikt über Asta-Sibylles Leben im DDR-Staat.

Die Erweiterte Oberschule kann sie nur nach Intervention durch den damaligen Landebischof Moritz Mitzenheim besuchen. Ihre Bewerbung zum Medizinstudium wird abgelehnt. Stattdessen erlernt Asta-Sibylle den Beruf einer Krankenschwester im Eisenacher Diakonissenkrankenhaus. Erst als 1962 der Ärztemangel akut wird, darf sie ihr Wunschstudium aufnehmen. Doch die kleinen und großen Tritte linientreuer Vorgesetzter begleiten sie ihren ganzen Berufsweg lang in den verschiedenen Bereiche des Gesundheitswesen.

Aber auch das Standvermögen der inzwischen mit einem Arzt verheirateten Frau wird gestählt. Dies bleibt auch nach der friedlichen Revolution erhalten. So legt sie 1991 nach Kontroversen ihr Amt als Dezernentin für Soziales, Jugend und Sport der Stadt Weimar nieder, ebenso ihr Ehrenamt als Kirchenälteste nach einem Streit um eine geplante Predigt von Gregor Gysi 1999 in der Weimarer Stadtkirche.

Ehrenamtlich engagiert bleibt Schröder freilich dennoch. Auch nach ihrer Pensionierung 2003. Dafür sorgt ihre alte Verbindung zu den Johannitern – war ihr Vater doch letzter Ritter des protestantischen Ordens der Nächstenliebe in der DDR. 1990 gründet sie den Kreisverband der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), seit 1993 gehört sie dem Präsidium der JUH an, ist von 1997 bis vor wenigen Tagen sogar deren ehrenamtliche Vizepräsidentin.

Asta-Sibylle Schröder ist als Ärztin seit 2003 im Ruhestand – als Johanniterin lebt sie freilich noch immer im beständigen »Unruhestand«.  Foto: Harald Krille

Asta-Sibylle Schröder ist als Ärztin seit 2003 im Ruhestand – als Johanniterin lebt sie freilich noch immer im beständigen »Unruhestand«. Foto: Harald Krille

Doch das Engagement beschränkt sich nicht auf Ämter. Vielleicht weil sie selbst nur unter so vielen Schwierigkeiten Ärztin werden konnte, nimmt sie die Probleme von zugewanderten Ärzten in Deutschland besonders wahr. Es beginnt in den 1990er Jahren mit »einer Welle von sehr unterschiedlich ausgebildeten Ärzten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion«, wie sie sich erinnert. Diese wollten gern arbeiten, mussten sich aber zunächst einer Gleichwertigkeitprüfung ihrer Abschlüsse unterziehen. Und das bei oft nur eingeschränkten deutschen Sprachkenntnissen und ohne Erfahrung mit der speziellen deutschen Krankenhauskultur.

Für Schröder ist klar: »Uns muss etwas einfallen.« 1996 beginnt sie in Thüringen mit dem Aufbau eines bis heute bundesweit einmaligen Weiterbildungsprogramms für zugewanderte Ärztinnen und Ärzte aus Nicht-EU-Staaten. Es umfasst die Sprachausbildung ebenso wie die Vermittlung von fachlichen Praktika in Krankenhäusern. Doch es geht um mehr. Es geht auch um kulturelle und soziale Kompetenz. »Denken Sie nur an die Probleme, die unter Umständen ein traditioneller arabischer Arzt mit einer Stationsschwester oder gar einer Chefärztin hat«, berichtet Schröder.

Nachdem eine Finanzierung durch den Europäischen Sozialfonds auslief, hat die Thüringer JUH kurzerhand die Trägerschaft übernommen. Mehr als 200 Ärzte haben dieses »Anpassungsjahr« bisher durchlaufen und anschließend erfolgreich ihre Gleichwertigkeitsprüfung bestanden. »Aber die JUH in den neuen Bundesländern ist an der Grenze ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit«, konstatiert Schröder. Unermüdlich ist sie deshalb auf der Suche nach Finanzierungstöpfen beim Bund, bei der EU oder bei privaten Sponsoren. Denn im Frühjahr 2014 soll der nächste Kurs starten. Er ist bereits voll ausgebucht mit Bewerbern.

»Wir können sie schließlich nicht sitzen lassen«, resümiert die Ärztin, die für ihr Engagement im Frühjahr dieses Jahres vom Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Und die als bisher einzige Frau zudem Trägerin des Ehrenritterkreuzes der Johanniter ist.

Harald Krille

Die Armen bleiben die Betreuten

22. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ehrenamt: Immer mehr Menschen engagieren sich in der Kirche – allerdings vor allem aus der Mittelschicht

Beim Ehrenamt sind die ­Kirchen in Deutschland Spitze. Das ergibt eine neue Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI), die dieser Zeitung vorab vorliegt. Über die ­Ergebnisse sprach Benjamin Lassiwe mit SI-Direktor ­Gerhard Wegner.

Foto: Photo-K/Fotolia.com

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Herr Professor Wegner, wie geht es dem Ehrenamt in der evangelischen Kirche?
Wegner:
Im Ganzen ist die Situation gleichbleibend positiv: Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Kirche. Und wir ­erleben eine insgesamt große Zufriedenheit der Ehrenamtlichen mit ihrer Kirche. Es hat sich eine Menge Gutes getan in diesem Bereich. Als wir vor fünf, sechs Jahren die erste Studie zum Thema Ehrenamt gemacht hatten, gab es noch eine erhebliche Unzufriedenheit und Kritik – etwa zur Informationsweitergabe und dem Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen. Das hat sich alles gebessert.

Wo ist das Ehrenamt in der Kirche stark?
Wegner:
Vor allem in den Gemeinden: 70 Prozent der 2,2 Millionen ­Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche sind direkt in einer Gemeinde tätig. Das sind enorme Zahlen. Und gerade die älteren Menschen, wo wir die ­Zuwächse bei den Ehrenamtlichen haben, sind ganz überwiegend in den Gemeinden tätig.

Was bedeutet Ehrenamt für Kirche?
Wegner:
Das Ehrenamt ist die Basis der Kirche. Die Hauptamtlichen sind dazu da, die Ehrenamtlichen zu qualifizieren und zu fördern. Kirche ist im Sinne des Priestertums aller Gläubigen eigentlich eine Sache der Mitglieder – und viele Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Und dass die Zahl der Ehrenamtlichen in den Gemeinden immer weiter steigt, führt dazu, dass die Situation in den Gemeinden immer lebendiger wird.

Früher fühlten sich Ehrenamtliche oft nicht genug wertgeschätzt. Wie ist das heute?
Wegner:
Das hat sich vielfach geändert. In den Gemeinden hat sich in den letzten Jahren eine Anerkennungskultur entwickelt: Man sagt den Ehrenamtlichen auf besonderen Veranstaltungen »Danke« oder vermittelt ihnen den Ehrenamtspass einer Kommune. Ohnehin lebt das kirchliche Ehrenamt ja nicht davon, dass Menschen dafür gedankt wird: Es lebt von der Angebundenheit der Menschen an die Kirche. Es lebt von der Nähe der Menschen zu christlichen Werten: Wer sich dem christlichen Glauben verbunden fühlt, engagiert sich auch mehr.

Gilt das nur für die Kirche?
Wegner:
Nein. Wir können deutlich zeigen, dass Menschen, die sich in der Kirche engagieren, auch stärker in anderen Bereichen der Gesellschaft engagiert sind. In politischen Parteien, in Gewerkschaften, in karitativen Organisationen sind Christen stärker engagiert als Konfessionslose. Das ist statistisch belegbar und ein großer Schatz für die Gesellschaft.

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Überlasten sich die Menschen gerne auch für ­andere?
Wegner:
Wir haben in unseren Studien festgestellt, dass sich jeder Ehrenamtliche in der Kirche im Schnitt in vier Ehrenämtern engagiert. Der Trend geht dahin, dass Einzelne mehrere Ehrenämter ausfüllen. Wer eine Sache macht, hat Spaß dran, findet darin Bestätigung und macht noch mehr. Worauf man achten muss, ist, dass das nicht zu heftig wird – wenn einzelne Ehrenamtliche so viele Tätigkeiten anhäufen, dass sie zu kleinen Pastoren werden, dann ist das eine Fehlentwicklung.

Aus welchen gesellschaftlichen Gruppen kommen die Ehrenamtlichen?
Wegner:
Das Ehrenamt ist quer durch die Gesellschaft eine Domäne von Menschen, die eine höhere Bildung haben, und eher besser verdienen. Das ist ein Paradox und ein Problem: Wer ohnehin schon mehr Anerkennung bekommt als andere, kriegt das dann auch noch durchs Ehrenamt.

Hat nicht die Kirche den Anspruch, für die Armen da zu sein?
Wegner:
Das stimmt. Das Problem, wie man Arbeitslose, Arme und ­Menschen aus den unteren Schichten der Gesellschaft für das Ehrenamt ­gewinnt, ist vorhanden – und in der Kirche nicht gelöst. Frische Blumen auf den Altar stellen oder im Gottesdienst die Kollekte einsammeln kann eigentlich jeder. Dafür braucht es keine Ausbildung. Trotzdem erreichen wir auch im Bereich des Ehrenamts nur Menschen aus einer bestimmten sozialen Schicht.

Aber die Kirche steht doch über ihre Diakonie mit zahllosen Armen im Kontakt?
Wegner:
Arme Menschen werden von unseren Gemeinden und Einrichtungen betreut, sie werden aber nicht ­eingeladen, mitzumachen. Bisher ist nicht zu erkennen, dass sich die Kirche wirklich darum bemüht, solche Menschen im Sinne des »Priestertums aller Gläubigen« einzubinden. Es wäre eine wichtige diakonische Aufgabe der Kirche, hier für mehr Teilhabe
zu sorgen.

Die Ergebnisse der Studie sind unter Projekte/abgeschlossene Projekte auf der ­Internetseite des Sozialwissenschaftlichen Instituts:

www.si-ekd.de

Rente für Ehrenamtliche?

Der Wirtschaftsprofessor Stephan Thomsen schlägt vor, ehrenamtlichen Helfern eine steuerfinanzierte Rente für ihre freiwillige Arbeit zu zahlen. Damit könne das Ehrenamt attraktiver werden, sagte der Direktor des in Hannover ansässigen Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der demografische Wandel führe dazu, dass die Menschen immer weniger Zeit hätten, sich freiwillig zu engagieren. Ehrenamtliche Arbeit habe jedoch eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung. Deshalb müsse sich die Gesellschaft in Form eines finanziellen Anreizes solidarisch zeigen, forderte der Forscher in dieser Woche am Rande des Frühjahrsempfangs der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen.

Ein Rentenanspruch auf ehrenamtliche Arbeit könnte auf die persönliche ­Altersrente angerechnet werden und sollte aus Steuern finanziert werden. Vorbild für die Höhe könnten die Minijobs sein. Bei einer 40 Jahre dauernden Freiwilligenarbeit könnten so bis zu 200 Euro Ehrenamtsrente gezahlt werden: »Das Ehrenamt bleibt somit Ehrenamt, weil die Arbeit nicht direkt in der ­Gegenwart vergütet wird.«

(epd)