Luthers erste Liebe: Ave von Schönfeld
11. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
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Frauen der Reformationszeit: Vor Katharina von Bora warf der Doktor sein Auge auf eine andere ehemalige Nonne
Als in der Nacht vom 6. zum 7. April 1523 zwölf Nonnen aus dem Zisterzienserkloster Nimbschen flohen, war Luther daran unmittelbar beteiligt: Erst seine Agitation gegen das Klosterdasein hatte die Nonnen ermutigt, ihr Leben selbst zu bestimmen. Luther organisierte auf ihre Bitte hin auch die Flucht durch den Torgauer Händler Leonhard Koppe.
Als persönlicher Glücksfall aber erwies sich für ihn, dass Katharina von Bora unter den Flüchtigen war. Dabei interessierte sich Luther zunächst für eine ganz andere der Nonnen, wie er 1537 bekannte: »Wenn ich vor vierzehn Jahren hätte heiraten wollen, hätte ich Ave von Schönfeld … genommen.«

»Unschuldig zum Nonnendasein verführte Weibsbilder« waren nach Luther nicht nur seine Frau Katharina, sondern auch die anderen mit ihr geflohenen Nonnen, darunter Ave von Schönfeld. Von ihr ist kein historisches Porträt überliefert. Die dargestellten »Nonnen beim Kirchgang« stammen von Arnold Böcklin (1827 bis 1901). (Repro: akg-images)
»Arm, elend und verlassen …«, so beschreibt Nikolaus von Amsdorf, Professor der Theologie in Wittenberg, die Flüchtlinge, die aber ganz geduldig und fröhlich gewesen seien. Luther hoffte, sie durch Heirat zu versorgen. »Sie sind schön, fein und alle vom Adel, unter welchen ich keine fünfzigjährige finde. … Willst du aber eine jüngere, sollst du die Wahl unter den schönsten haben«, schrieb Amsdorf an Georg Spalatin. Doch der wollte da noch keine Frau.
Auch Luther tat sich schwer mit der Ehe. Am 1. November 1523 erwiderte er auf Gerüchte, er werde demnächst heiraten: »Nicht dass ich mein Fleisch und Geschlecht nicht spüre – ich bin weder Holz noch Stein – aber mein Sinn steht der Ehe fern, da ich täglich den Tod und die verdiente Strafe für einen Ketzer erwarte.« Dieser Einstellung opferte er schließlich sein Interesse für Ave von Schönfeld. Nach einem Jahr vergeblichen Wartens heiratete sie 1524 den Mediziner Basilius Axt. Mit ihm hatte sie drei Söhne und eine Tochter.
Luther aber erklärte im April 1525 gegenüber Spalatin: »Ich habe drei Frauen zugleich gehabt und so sehr geliebt, dass ich zwei verloren habe … Die dritte, die ich kaum zur linken Hand halte, soll mir vielleicht bald entrissen werden.« In der ersten Frau wird Ave Alemann aus Magdeburg vermutet, die zweite könnte die von Luther favorisierte Ave Schönfeld gewesen sein, die dritte Katharina von Bora, die er zwei Monate später heiratete.
Obgleich Luther diese Ehe als »herrlich geglückt« sah, verlor er Ave von Schönfeld nicht aus den Augen. Zunächst verschaffte er ihrem Mann, der als Gehilfe in Cranachs Apotheke arbeitete, eine Stelle als Arztapotheker in Torgau. Nach kurzer Zeit in Gotha wurde er 1531 Leibarzt Herzog Albrechts I. von Brandenburg-Ansbach in Königsberg, vermutlich wieder auf Vermittlung Luthers.
Noch einmal setzte sich Luther im Jahre 1540 für Ave von Schönfeld ein, als ihr Bruder Ernst ihr das elterliche Erbe verweigerte, weil sie als ehemalige Nonne nach päpstlichem Recht nicht erbberechtigt sei. Luther schrieb am 26. Mai 1540 an Kurfürst Johann Friedrich, er möge sich beim zuständigen Landesherrn Heinrich von Sachsen dafür verwenden, dass der Frau des Dr. Basilius Axt ihr Erbe nicht vorenthalten werde. Heinrich solle dem Papst widersprechen und damit »unschuldig zum Nonnendasein verführte Weibsbilder« rächen. Alles andere sei eine Schande für das Evangelium.
»Sie war eine der ersten Nonnen (die aus dem Kloster floh) und ist nun eine ehrliche verheiratete Frau, so dass ich denke, Ernst von Schönfeld ist nicht wert, Bruder einer solchen Schwester zu sein, mit der er sich vor der Welt weiß Gott mit Vernunft nicht schämen muss«, so Luther.
Der Erbstreit blieb offen, Ave starb 1541. Luther blieb weiter in Kontakt mit ihrem Bruder. Dass der ihn nicht so gut bewirtete, wie andere (Luther am 28. Juli 1544 an Käthe), verwundert bei dem Einsatz für dessen Schwester Ave nicht.
Sylvia Weigelt
Unsere Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt europäisches Mittelalter.
»Jesus hätte uns nicht ausgegrenzt«
6. August 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.) und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet. Foto: Steffen Giersch
Thomas Friedrich und Marcel Bauer wollen für ihre Partnerschaft um Gottes Segen bitten. Doch in Sachsen ist das nicht in einem Gottesdienst möglich.
Es war der Karfreitag 2009. Marcel Bauer weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, wie er mit dem Chor in der Chemnitzer Kreuzkirche stand und Bachs Matthäuspassion sang. Und wie sein Blick auf ein Augenpaar im Publikum fiel. So fand Marcel Bauer mitten in einem Gotteshaus die Liebe. Sie heißt Thomas Friedrich und ist ein Mann.
Die beiden Männer verstecken sich nicht. Friedrich ist Leiter des renommierten Museums Gunzenhauser, Bauer ein stadtbekannter Friseur. Am 1. Dezember lassen die 33-Jährigen ihre Partnerschaft im Chemnitzer Standesamt förmlich eintragen. Seit 2001 ist das in Deutschland für homosexuelle Paare möglich. »Doch wir wollten auch vor Gott noch einmal sagen, dass wir zueinander stehen und seinen Segen dafür erbitten«, sagt Thomas Friedrich, der wie sein Partner aus einer christlichen Familie stammt und in der Chemnitzer St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde zu Hause ist. Eine Segnung in einem Gottesdienst – das war ihr Wunsch. Mit der Bitte darum schrieben sie an den sächsischen Landesbischof, doch er lehnte ab.
»Das hat uns enttäuscht«, sagt Thomas Friedrich. »Wir sind vollwertige Mitglieder einer Kirchgemeinde – und da plötzlich nicht mehr. In anderen Landeskirchen ist die Segnung homosexueller Paare doch auch möglich.« Neun Landeskirchen – darunter die von Berlin-Brandenburg – lassen zwar keine Trauung, aber eine Segnung
der Partnerschaft zu. Andere Landeskirchen – darunter die von Anhalt – haben sich noch nicht entschieden. Sechs lehnen eine solche Segnung ausdrücklich ab (lesen Sie dazu den Beitrag rechts).
Zu ihnen gehört die sächsische Landeskirche. Deren Kirchenleitung hat 2001 beschlossen: »Segnung homosexueller Partnerschaften kommt in unserer Landeskirche mit Blick auf das biblische Zeugnis nicht in Betracht. Wohl aber ist die Segnung homosexuell geprägter Menschen im Rahmen der persönlichen Seelsorge möglich.« Geht man von Schätzungen über die Zahl homosexueller Menschen in Deutschland aus, sind in der sächsischen Landeskirche mehrere Tausend Christen von dieser Aussage betroffen.
»Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Jesus Menschen so ausgegrenzt hätte«, sagt der Chemnitzer Thomas Friedrich. »Doch aus unserer Kirchgemeinde und der Kantorei, in der wir mitsingen, hatten wir von vornherein Rückendeckung. Warum soll ein Paar, das sich liebt, nicht den Segen bekommen, fragten viele.« Der Vorstand der St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde jedenfalls hatte schon im Dezember mehrheitlich keine Bedenken gegenüber einer Segnung im Gottesdienst. Es folgten Monate mit Gesprächen und Schriftwechsel hin und her zwischen den beiden Männern, dem Pfarrer der Kirchgemeinde, dem Chemnitzer Superintendenten und dem Landesbischof Jochen Bohl.
Bei dem Beschluss der Kirchenleitung werde es auch in den nächsten Jahren unverändert bleiben, betont Bohl. »Auf die Inhalte des Kirchenleitungsbeschlusses ist der Ortspfarrer durch meinen Referenten und den Superintendenten hingewiesen worden. Er hat in dessen Rahmen gehandelt.«
Am Ende stand ein Familiengottesdienst am Sonnabendnachmittag vor Pfingsten: Die Kreuzkirche war voll mit Gästen, Angehörigen, Freunden und Kollegen des Paares. Der Chor sang. Doch ihren Segen erhielten Thomas Friedrich und Marcel Bauer eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn nur im »seelsorgerlichen Rahmen«: Ohne Musik, ganz schlicht. Nur ihre Familien und ihre Trauzeugen vom Standesamt waren dabei. Gemeinsam mit dem Pfarrer beteten sie um Gottes Segen für ihre Partnerschaft. Es war ein Kompromiss.
Ein Kompromiss freilich, um den fast jeder in dem folgenden Gottesdienst wusste – und der deshalb trotz allem zu ihrem Gottesdienst wurde. »Danach kamen viele Menschen zu uns und gratulierten uns herzlich«, erinnert sich Marcel Bauer. »Viele von ihnen hofften, dass die Tür offen bleibt, die wir aufgestoßen haben.« Und manche aus der Kirchgemeinde sagten den Männern: »Der Gottesdienst war schön – so schön normal.«
Andreas Roth
