Sie kann sich nicht verzeihen

27. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Vergebung ist ein großes Geschenk – Heike Liebsch kann es für sich nicht an-nehmen. Als SED-Funktionärin wollte sie Brücken zur Kirche bauen. Dass dabei ihr Gewissen vor der Partei kapitulierte, verzeiht sie sich nie.

Ob die Kirchenzeitung wirklich über sie schreiben wolle? Sie fragt das zweifelnd am Telefon, ernst, ohne alle Koketterie. »Ich gehöre doch zu den Bösen.«

Es gab da ein Gespräch, im Winter der abebbenden Revolution von 1989. Da hat Heike Liebsch, die Mitarbeiterin für Staatspolitik in Kirchenfragen beim Rat des Stadtbezirks Dresden-Mitte, dem Superintendenten Christof Ziemer ihre Stasi-Gespräche offenbart. »Jetzt ist Heilung möglich«, sagte der Theologe. Vergebung. Heike Liebsch dachte nur: »Als könnte man einen Genickschuss heilen!« Von der Schuld, dem Verrat, auch dem Verrat an sich selbst.

Die Kugel für den Schuss flog bereits, als sie jung war. Der Sozialismus musste ja verteidigt werden. Ihre Mutter Oberleutnant bei der Volkspolizei, ihr Vater auch Genosse, ihr Großvater hatte in einem der ersten KZs gelitten. Gott und Glaube? Alles von der Wissenschaft widerlegt, dachte sie damals. »Das ist Opium des Volkes, das war für mich ein Glaubenssatz.« Ein anderer Glaubenssatz betraf die Menschenfreundlichkeit des Sozialismus. Sie glaubte mit heißem Herzen.

Die Kugel flog, da war sie Lehrling in der Druckerei und FDJ-Sekretärin. Schießlehrerin war sie auch. Einen Christen erkannte sie daran, dass er mit dem Luftgewehr neben die Zielscheibe schoss. Es war die Zeit der Atomraketenangst, es war 1982. Sie schmuggelte zwischen den Druck von Korrekturfahnen ein paar Flugblätter, in denen sie zu einem Friedensmarsch aufrief. Freunde von ihr waren Christen und trugen später die »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher, es kam ihr nur absurd vor, ideologische Gräben zu ziehen beim Kampf für den Frieden. Micha, Jesaja? Die Kommunistin Heike Liebsch begann, die Bibel zu lesen. Sie wollte es wissen.

Dann flog die Kugel über linoleumbelegtes Büroland. Mit 22 bezog die junge Genossin Heike 1986 ihren Schreibtisch im Stadtbezirk Dresden-Mitte. Sie hängte ein Bild von Gorbatschow neben dem des Papstes an die Wand.

Die Aufgaben einer Mitarbeiterin für Kirchenfragen im SED-System waren so: Kontrollgänge zu kirchlichen Schaukästen, um bei politischen Äußerungen auf Mäßigung zu dringen; Konfirmanden zum Abitur zuzulassen oder abzulehnen; bei Bau- und sonstigen Fragen zwischen Staat und Kirche zu vermitteln – und mindestens vier Gespräche im Jahr mit jedem Pfarrer in ihrem Gebiet.

»Sie hat nie verheimlicht, auf welcher Seite sie stand – aber ich habe sie immer als einen um die Wahrheit ringenden, suchenden Menschen erlebt«, erinnert sich Pfarrer Matthias Weismann, heute Superintendent im Leipziger Land. Auch der reformierte Pfarrer Klaus Vesting saß einer nachdenklichen Frau gegenüber. »Bei ihr konnte man kritische Dinge anbringen, ohne dass gleich die Keule der Staatsmacht kam.«

Die Staatsmacht war trotzdem im Boot. Die Kugel flog schneller. Nach jedem Pfarrergespräch schrieb Heike Liebsch einen Bericht an das Ministerium für Staatssicherheit. Und einmal im Vierteljahr betrat sie eine ohne Geschmack eingerichtete Wohnung in einer Gasse, in der sie ein Offizier zum Gespräch empfing. »Er hat mir immer recht gegeben, wenn ich am Verzweifeln war über die SED – das waren die Einzigen, mit denen ich über alles reden konnte. Und ich war süchtig nach Anerkennung.«

Der Offizier hatte sie, es war gut kalkuliert. Einmal im Jahr gab es eine Vase oder einen Kerzenständer oder 200 Mark.

Die Kugel trat in dem Moment ein, als sie spürte: »Ich verrate die Wärme an die Kälte.« Die Pfarrer, die sie sehr schätzte und von denen sie manches lernte. Ihre Hoffnung, Verständnis zwischen SED und Kirche zu wecken, auch manchem Kirchenmitarbeiter zu helfen.

Sie sah beides als Gnade an. Selbstbetrug nennt sie es heute. Sie tippte weiter Berichte, sie sicherten ihr Anerkennung, Aussicht auf eine Karriere und nebenbei ein Philosophiestudium. »Ich war ein Feigling und habe geholfen, das System am Laufen zu halten«, sagt sie heute. Da entstand der Bruch in ihr.

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

Als im Herbst 1989 die Demonstranten Kerzen auf Dresdens Straßen trugen, lief sie wie ein gefangenes Tier in der Bürokratenburg der Macht umher, inspizierte Schaukästen an den Kirchen, Friedensgebete. Schlaflose Nächte. »Die Wut muss raus aus mir, diese Verzweiflung. Niemand kann etwas dafür – außer ich selbst«, notierte sie in ihr Tagebuch. »Und ob ich schuldig geworden bin!«

Wenige Wochen später ging sie zu den Pfarrern und bekannte ihnen ihre Berichte. »Dass diese Leute damals Protokolle für die Stasi geschrieben haben, war uns doch klar«, sagt Pfarrer Klaus Vesting. In seinen Akten hat er keinen Bericht von Heike Liebsch gefunden. Einige Pfarrer waren ebenso wenig überrascht, manche Verbindung blieb bis heute.
Zu einem anderen Theologen zerbrach das Verhältnis. Sie verstand, aber es schmerzte.

Die Kugel steckte jetzt in ihr. Man fragte sie in den Wirren des Umbruchs, den sie selbst als Befreiung empfand, ob sie nicht Pressesprecherin der Stadt werden wolle. Sie wurde lieber Pförtnerin. Zwei Jahre lang.

»Ich habe gelernt, dass ich anfällig bin für Macht – also halte ich mich davon fern. Ich will nicht wieder in Versuchung kommen«, das ist ihre Lehre. Sie nimmt sie sehr ernst. Baute den jüdischen Kulturverein »Hatikva« in Dresden mit auf, erforschte die jüdischen Friedhöfe. Zwei Jahre lang fuhr sie nachts Taxi. Manchmal geht sie am Sabbat in die Synagoge.

Sie betet dort nicht. Aber dass es keinen Gott gibt, würde sie heute auch nicht mehr sagen. Sie sagt: Wer weiß? Nur scheut sie eine neue Wahrheit, nachdem ihr alter Glaube sie in den Verrat geführt hat. Als Stadtführerin zeigt sie ihren Gästen heute die Synagoge und auch Kirchen.

Nein, Buße sei all das nicht. »Seine Schuld kriegt man nicht los«, sagt sie. »Ich konnte nichts ungeschehen machen, nichts wiedergutmachen. Wie sollte das auch gehen?« Ihr Kopf weiß, dass Vergebung ein großes Geschenk sein kann. Sich selbst zu vergeben, hat ihr Herz nie geschafft. Die Kugel steckt fest und schmerzt.

Eine ihrer Stadtführungen beginnt an den spärlichen Überresten der von der DDR gesprengten Jakobikirche. Ein Fragment im Freien, mehr nicht. Ruinen, sagt sie, sind ehrlich.

Andreas Roth

Kamele werden Autos, Jünger tragen Jeans

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Simeon Wetzel will mit seinen Comics einen Zugang zur Bibel schaffen

Die biblische Botschaft leicht verständlich und zeitgemäß zu vermitteln, das ist das Anliegen des Mediengestalters Simeon Wetzel. Zunächst zeichnete er die Geschichten des Neuen Testaments. Inzwischen umfasst seine Sammlung auch viele alttestamentliche Texte.

Der Glaube spielt für Simeon Wetzel eine bedeutende Rolle. Davon zeugt schon sein Vorname biblischen Ursprungs, den ihm seine Eltern ganz bewusst gaben. Neben der Musik und dem Lobpreis hat der 29-Jährige eine weitere Leidenschaft: Er zeichnet Bibelcomics. Was im Alter von 14 Jahren als spontane Idee entstand, hat sich zu einer umfassenden Sammlung entwickelt, die nach 15 Jahren vollendet ist.

Dass die Bibel keine leichte Kost ist, weiß der Dresdner aus eigener Erfahrung. Nach der Konfirmation schloss er sich zunächst der Jungen Gemeinde an. Als ihn sein Vater mit zu den »Jesusfreaks« nahm, sei dies ein einschneidendes Erlebnis in seinem Leben gewesen. »Zum ersten Mal sah ich die Leute beim Lobpreis und hatte daran viel Spaß. Moderne Musik zur Anbetung zu gebrauchen, mit etwas härteren, rockigeren Klängen, das war genau mein Ding und ich habe dort einen tiefen Zugang zum Evangelium und zur Bibel erhalten«,
schwärmt er.

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

Zu diesem Zeitpunkt entstand auch die Idee zu den »JesuComics«. Zunächst beschränkte sich Wetzel auf das Neue Testament und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu. Im Laufe der Jahre wurde das Projekt ständig erweitert und verbessert. Sein Hauptanliegen ist es, Kindern und Jugendlichen einen leichteren Zugang zur Bibel zu verschaffen: »Ich möchte die Frohe Botschaft auf leicht verständliche und zeitgemäße Weise vermitteln und habe mich bewusst für einen einfachen, kindgerechten Zeichenstil entschieden«, so der Mediengestalter, der 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Mit dem Umfang entwickelte sich auch seine zeichnerische Handschrift weiter. Seine Comics aus der Anfangszeit überarbeitete er später digital. Inzwischen zeichnet er die Konturen mit einem schwarzen Fineliner vor und führt die Nachkolorierung am Computer durch.

Die komplette Sammlung umfasst 92 Kapitel aus dem Alten und 64 Kapitel aus dem Neuen Testament. Bei den ausgewählten Geschichten handelt es sich um vereinfachte Darstellungen biblischer Ereignisse. »Mir ist es wichtig, in einer zeitgemäßen, verständlichen Sprache zu schreiben und witzige Begebenheiten einzubauen, denn meiner Meinung nach sollte ein Comic auch hin und wieder mal lustig sein«, begründet Simeon Wetzel seine individuelle Interpretation der Bibel.

So werden Kamele zu Autos, die Menschen leben in modernen Häusern und bedienen sich der modernen Medien. Die Jünger tragen Jeans und die Wachmänner Tarnanzüge. Und Maria und Josef suchen keine Herberge, sondern eine Pension.

Um möglichst vielen Menschen seine Bibelcomics zugänglich zu machen, können diese kostenlos im Internet heruntergeladen werden. Neben den PDF-Dateien gibt es die einzelnen Kapitel als Power-Point-Präsentation und als Videohörbuch. Wer lieber ein richtiges Buch zur Hand nehmen möchte, kann den gesamten Comic in zwei Bänden erwerben.

Ilka Jost

www.jesuscomic.de

Der stille Revolutionär

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff – einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts

In einer fulminanten Werkschau feiern die Chemnitzer Kunstsammlungen mit Karl Schmidt-Rottluff einen der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in Deutschland.

Pamphlete und programmatische Schriften waren nicht sein Metier. Ebenso wenig das Herumtollen mit nackten halbwüchsigen Modellen an den Moritzburger Teichen oder der so manchen seiner expressionistischen Künstlerkollegen eigene Hang zur selbstzerstörerischen Existenz. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – schuf Karl Schmidt-Rottluff in seinem fast 92 Jahre währenden Leben ein Werk, das ihn nicht nur zum bedeutendsten Maler des deutschen Expressionismus, sondern zu einem der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt macht.

Geboren wurde Karl Schmidt am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz. Nach Besuch des heute nach ihm benannten Gymnasiums der Indus­triestadt und erster künstlerischer Beschäftigung begann er 1905 in Dresden ein Studium der Architektur. Doch die Freundschaft zu Erich Heckel, die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl führten zum Richtungswechsel: Zur künftigen Suche nach einer neuen und unverfälschten Ausdrucksweise in der Malerei.

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956.Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956. Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

»Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«, heißt es im Aufruf der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke«. Deren Name geht auf Karl Schmidt zurück, welcher nunmehr seinem eigenen Namen auch den seines Geburtsortes hinzufügt. Während der Name der Künstlergruppe oft als Reminiszenz an das brückenreiche Dresden gedeutet wird, sieht der Weimarer Kunstwissenschaftler Christoph Stölzl darin eher einen Ausdruck Schmidt-Rottluffscher Eigenart: Revolutionärer Aufbruch, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Rund 500 Werke aller Schaffensepochen umfasst die Chemnitzer Schau. Von den ersten Werken des Schülers, bis zum Alterswerk des Künstlers, der aus Gesundheitsgründen zuletzt nur noch Aquarellmalerei betrieb. Neben den farbenfrohen großen Landschaften der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen und den reifen Gemälden der Nachkriegszeit ist es vor allem das umfangreiche und ausdrucksstarke grafische Werk, mit dem die Chemnitzer Schau überrascht. Besonders eindrücklich die ungemein kraftvollen Holzschnitte, etwa aus der 1918 entstandenen Mappe mit dem Titel »Ist euch nicht Kristus erschienen?«.

Wie jede aufrichtige künstlerische Existenz geriet auch Schmidt-Rottluff zwischen die Mahlsteine der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Seinen 1933 erzwungenen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste nahm er mit Würde an. Ohne jeglichen Versuch, sich etwa wie sein Malerkollege Emil Nolde noch jahrelang den Nationalsozialisten anzudienen. Seine Werke wurden aus den Museen verbannt, in der Schandausstellung »Entartete Kunst« gezeigt, er selbst ab 1941 mit absolutem Malverbot belegt.

Und auch der erhoffte Neuanfang in seiner Heimatstadt Chemnitz endete 1946 schnell in der Erkenntnis, dass seine Kunst für die neuen Machthaber zwar nicht »entartet«, wohl aber »zu wenig volksverbunden« und »formalistisch« sei. So führte ihn sein Weg als Lehrer an die (West-)Berliner Hochschule für bildende Künste.

Christoph Stölzl sinnierte in seiner Eröffnungsrede der Chemnitzer Schau am vergangenen Sonnabend über die »armen Kunsthistoriker«, die immer beschreiben müssten, »was man eigentlich sehen kann«. In diesem Sinne bleibt nur eine Empfehlung: Auf nach Chemnitz! Bis 10. April kommenden Jahres ist die Ausstellung geöffnet, zu der ein opulenter Begleitkatalog erschienen ist.

Harald Krille

Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. 490 Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Ein Treffen ohne Partymotto

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Was können wir vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart erwarten? Im Gespräch mit Ellen Ueberschär

2015 ist wieder ein Kirchentagsjahr: Vom 3. bis 7. Juni werden mehr als 100 000 Besucher zum Protestantentreffen in Stuttgart erwartet. Was wird angesichts der aktuellen Diskussionen den Kirchentag prägen, welche Impulse von ihm ausgehen? Benjamin Lassiwe sprach darüber mit der Generalsekretärin des Laientreffens, Ellen Ueberschär.

Frau Ueberschär, der Kirchentag in Stuttgart soll das Motto »Damit wir klug werden« tragen. Warum?
Ueberschär:
Dem Präsidium lag daran, das Wort »klug« im Mittelpunkt des Kirchentags zu stellen. Denn es fordert dazu auf, über Nachhaltigkeit nachzudenken. Und über die Frage: Wie gestalte ich mein Leben, sodass ich am Ende sagen kann, das war sinnvoll? Denn vor der Losung steht ja in der Bibel der Vers »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen …« (Psalm 90,12) Viele Menschen, die eine evangelische Sozialisation haben, hören das sofort mit, wenn sie die Losung hören.

Welche Erfahrungen machen Sie bisher mit der Losung?
Ueberschär:
Menschen, die die Losung zum ersten Mal hören, sind nicht sofort begeistert. Das ist kein Partymotto. Im Gegenteil, nach ganz kurzer Zeit stellt sich Nachdenklichkeit ein. Die ganz große Chance dieser Losung ist, dass wir damit Themen ansprechen können, die ansonsten als Tabus gelten. Und das werden wir in Stuttgart nutzen.

In der Gesellschaft läuft derzeit die Debatte über Suizidbeihilfe. Welche Rolle wird das auf dem Kirchentag spielen?
Ueberschär:
Die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit allen Phasen des Lebens einschließlich der letzten Phase, wird auf dem Stuttgarter Kirchentag eine Rolle spielen. Es wird dazu eine große Podiumsdiskussion und eine Veranstaltungsreihe auf einer Open-Air-Bühne geben.

Wird sich die Behandlung des Themas dabei von der aktuellen gesellschaftlichen Debatte unterscheiden?
Ueberschär:
Der Kirchentag ist in der Tiefe, in der er Themen angeht, nicht unbedingt abhängig von der aktuellen Debatte. Die aktuelle Situation kann dazu beitragen, dass bestimmte Themen des Kirchentags stärker wahrgenommen werden. Wir bieten Themen grundsätzlich einen Raum und ein Forum. Was die Teilnehmenden dann daraus machen, ob sie zum Beispiel eine Resolution zur Sterbehilfe oder zur Flüchtlingsproblematik verabschieden, ist Sache der Teilnehmenden.

Was heißt das für die Sterbehilfe-Debatte?
Ueberschär:
Da bin ich sehr gespannt darauf, wie die Teilnehmenden des Kirchentags reagieren. Umfragen sagen ja, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung wünscht, dass assistierter Suizid in Deutschland möglich ist. Ob das auch für Kirchentagsteilnehmende repräsentativ ist, wird sich zeigen. Die in dieser politischen Debatte Verantwortung tragen, werden in Kontakt kommen mit den Menschen von der Basis. Ich rechne damit, dass auch der Ruf nach einer Verbesserung der palliativen Versorgung auf dem Kirchentag Verstärkung findet.

Sie sprachen bereits die Umfrageergebnisse an. Was würden Sie machen, wenn beim Kirchentag eine Resolution für den assistierten Suizid beschlossen wird?
Ueberschär:
Die Resolutionen sind ja Äußerungen der Kirchentags-Teilnehmenden. Das ist ein basis-demokratisches Element. Die Resolutionen richten sich dann an bestimmte Institutionen. Und unsere Aufgabe ist, das zu makeln und an die Öffentlichkeit zu bringen. Und wenn das der Wunsch und die Meinung der Teilnehmenden ist, und eine Mehrheit im Saal stimmt dazu ab, dann geht das durch.

Welche anderen Themen will der Kirchentag in Stuttgart setzen?
Ueberschär:
Wichtig ist uns das Thema »Gesellschaft verantwortet Wirtschaft«. Unser Kirchentagspräsident Andreas Barner, der Vorsitzende der Unternehmensleitung von Böhringer Ingelheim, steht ja an der Spitze eines wichtigen Unternehmens. Damit bleiben wir auch in der Kontinuität zum Kirchentag in Hamburg, wo wir uns auch schon mit der Wirtschaftsethik beschäftigt haben. In Stuttgart wird es auch Satellitenveranstaltungen in Stuttgarter Unternehmen geben.

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Und das andere Thema, das im Moment präsent ist und wichtig bleiben wird, ist die Flüchtlingskrise. Die Vermeidung von Krieg ist heute eine mehrdimensionale Aufgabe, die auch Klimaschutz oder Waffenkontrolle umfasst. Es genügt nicht, nur die Kriegsfolgen zu bearbeiten. Wenn dieser Kirchentag gut wird, wenn er gelingt, dann werden die Themen des Friedens in ihrer multiplen Verknüpfung wahrgenommen. Dazu gehört auch, dass das Präsidium sich entschlossen hat, alle Kollekten des Kirchentags in Flüchtlingsprojekte zu geben – Projekte in Syrien und im Libanon ebenso wie in Deutschland und an den Grenzen der EU.

Das Thema Flüchtlinge beschäftigt viele, die bei den Pegida-Demonstrationen auf die Straße gehen. Wie wird der Kirchentag darauf reagieren?
Ueberschär:
Der Kirchentag wird mit einem klaren Bekenntnis zur Verantwortung jedes und jeder Einzelnen gegenüber Schutzbedürftigen reagieren und zu den demokratischen Institutionen, deren Wert von den Pegida-Demonstranten ganz offensichtlich bestritten wird.

Sehen Sie die Gefahr einer Spaltung in Deutschland?
Ueberschär:
Nein, das sehe ich nicht. Mir gibt allerdings zu denken, dass die Demonstrationen gerade in Sachsen so viele Anhänger finden. Auf dem Kirchentag 2011 in Dresden zeigten sich die Sachsen weltoffen und verantwortungsbewusst. Ich hoffe sehr, dass alle, die vor vier Jahren fröhlich beim Kirchentag mitgemacht haben, ob als Gastgeber, Mitwirkende oder als begeisterte Teilnehmende, im Alltag ihre Verantwortung wahrnehmen und die Zweifler vom Wert der Nächstenliebe und der Demokratie überzeugen können.

Kann der Kirchentag dazu beitragen, dass Menschen, die den Medien und der Politik nicht glauben, am Ende anders über Flüchtlinge und Zuwanderung denken?
Ueberschär:
Auf dem Kirchentag versammeln sich Menschen, die nicht einfach irgendetwas glauben, sondern sich selbst eine Meinung bilden, in dem sie kritische Fragen stellen, nicht zuletzt an die politisch Verantwortlichen. Meine Befürchtung ist, dass viele, die Überfremdungsängste haben, sich dieser Debatte gar nicht erst aussetzen. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Menschen, auch solche, die gegenüber einer offenen Asylpolitik kritisch eingestellt sind, am Kirchentag teilnehmen und das einzigartige Diskussionsforum nutzen.

Blick-9-2015

Ihr Weg nach Stuttgart

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag lädt unter dem Motto »damit wir klug werden« vom 3. bis 7. Juni 2015 nach Stuttgart ein. Zu dem Großereignis werden ähnlich wie
zu den vergangenen Treffen wieder mehr als 100 000 Menschen erwartet.

Anmeldungen und Kosten:

Anmeldungen sind schriftlich aber auch über das Internet möglich. Eine Dauerkarte kostet regulär 98 Euro und ermäßigt 54 Euro, Familien zahlen 158 Euro. Die Ermäßigung gilt zum Beispiel für Jugend­liche bis 25 Jahre, Rentner sowie Menschen mit Behinderung. Eine Förderkarte zum Preis von 28 Euro wird beim Bezug von Grundsicherung und ALG II angeboten.

Bei der Online-Anmeldung können Besucher ihre Karten und Quartierwünsche auswählen, zwischenspeichern und selbst nach dem ersten Absenden noch ändern oder ergänzen. Auf einem Faltblatt finden sich alle wichtigen Informationen.

Es wurde in einer Auflage von 460 000 Exemplaren gedruckt und kann unter der Servicenummer (07 11) 6 99 49-100 oder per E-Mail <service@kirchentag.de> bestellt werden. Das Faltblatt enthält auch eine Antwortkarte und ein Formular, mit denen sich Einzelpersonen und Familien anmelden können.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag besteht seit 1949 und wird alle zwei Jahre in einer anderen deutschen Stadt veranstaltet. In Stuttgart war der Kirchentag bereits dreimal zu Gast: 1952 kamen unter dem Motto »Wählt das Leben« rund 40 000 Gäste in die baden-württembergische Landeshauptstadt, 1969 folgten 17 500 dem Motto »Hungern nach Gerechtigkeit« und 1999 trafen sich rund 98 000 Teilnehmer unter dem Motto »Ihr seid das Salz der Erde«.

www.kirchentag.de

Asyl für Prager Protestanten

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Im Zuge der Gegenreformation flüchteten einst rund 30 000 böhmische Protestanten nach Sachsen

Die Reformation verbindet Tschechen und Deutsche bis heute. Das zeigt die 400 Jahre alte Salvatorkirche.

Keine Prag-Besichtigung ohne Jan Hus. Stets ist der tschechische Reformator dicht umlagert von Touristengruppen. Noch ist das expressive Bronzemonument, 1915 von Ladislav Šaloun (1870–1946) auf dem Altstädter Ring errichtet, halb eingerüstet. Es wird einer Schönheitskur unterzogen, denn 2015 steht ein für das Nachbarland bedeutsamer Gedenktag an: 600 Jahre Hinrichtung von Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Das Ereignis verbindet Tschechen und Deutsche. Hingerichtet wurde der um 1369 in Südböhmen geborene Kirchenerneuerer 1415 in Konstanz. Der Tag seiner Verbrennung, der 6. Juli, ist seit 1925 tschechischer Staatsfeiertag.

Dargestellt sind auf dem Denkmal auch seine Anhänger, die zur Zeit der katholischen Gegenreformation nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 flüchten mussten. Um die 30 000 insgesamt. Asyl fanden viele von ihnen im benachbarten Sachsen, in Dresden. Dort wird die Tradition jener böhmischen Exulanten bis heute wachge­halten.

Abgerissen sind die Beziehungen nach Prag nie. Jetzt wurden sie erneuert. Als die Salvatorkirche, Hauptgebäude der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB), jüngst ihr 400. Jubiläum beging, feierten auch Gäste aus Dresden mit.

Sie kamen aus der im Jahr 2000 aus einer Fusion hervorgegangenen Johanneskirchgemeinde – der Name der ersten Kirche, welche die Glaubensflüchtlinge 1650 erhielten. 1880 bauten sie sich eine neue. Die nannten sie, an ihre Prager Herkunft erinnernd, Erlöserkirche – die deutsche Übersetzung des lateinischen »Salvator«. 1945 wurde sie zerstört. Die Erlöser-Andreas-Gemeinde entstand, heute Teil der Dresdener Johanneskirchgemeinde.

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Die bewahrt noch immer wertvolle Dokumente auf, darunter das »Pirnaer Wappenbuch«, gestiftet 1628 vom evangelischen Rektor der Prager Universität. Es verzeichnet Namen der Glaubensmigranten. An hohen Feiertagen bekommen Gottesdienstbesucher Wein aus Abendmahlskelchen, die noch aus Prag stammen sollen. Historiker Frank Metasch vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde hält das für eine Legende. Doch gleichviel: »Das materielle und ideelle Erbe der Prager Salvator-Gemeinde hatte enormen identitätsstiftenden Wert«, sagt er. Etliche der rund 800 Mitglieder der Prager Salvator-Gemeinde wiederum zeigten beim Jubiläum lebhaftes Interesse an diesen historischen Verbindungen.

»Die böhmischen Exulanten sind eine der Wurzeln unserer Gemeinde«, sagte Carola Ancot, Pfarrerin der Dresdner Gemeinde, während des Festgottesdienstes in Prag. »Schon zu DDR-Zeiten waren sie ein Vorbild an Glaubenszuversicht und Standhaftigkeit.« Markus Pape, seit 1990 in Prag lebender Deutscher und Mitglied im Leitungsgremium der Salvator-Gemeinde, meint: »Mit diesen historischen Beispielen können wir Kindern weitergeben, was es bedeutet, jemandem auf der Flucht zu helfen und selbst auf der Flucht geholfen zu bekommen.«

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Die evangelische Salvatorkirche ist für Prag-Besucher nicht leicht zu finden. Von Wohnhäusern dicht umbaut, steht sie nördlich des Altstädter Rings an der Kostecˇná, einer kleinen Nebenstraße. Doch nun ist sie zumindest nicht mehr zu überhören. 1916 hatte sie ihre Glocken der Rüstungsindustrie opfern müssen. Zum 400. hat sie vier neue bekommen. Ein Geschenk aus dem Saarland. Zuvor hingen sie in der 1958 errichteten evangelischen Betonkirche in Quierschied. Die aber hatte die kleiner gewordene Gemeinde in Fischbach verkaufen, den Turm abbrechen müssen. Als er sie jetzt in Prag läuten hörte, kamen Pfarrer Hans-Lothar Hölscher und einigen seiner mit ihm angereisten Gemeindemitglieder Freudentränen: »So haben sie bei uns nie geklungen.«

Tomas Gärtner

Kirchen sollen zum Innehalten provozieren

1. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wie viel Stellungnahmen zu Politik und Ethik tun den Kirchen gut? – Und vor allem: Werden die Kirchen im Osten überhaupt wahrgenommen?

Christen sind im Osten Deutschlands nur eine kleine Minderheit. Wie viel Gewicht hat die Stimme der Kirchen, wenn sie sich zu ethischen oder moralischen Fragen zu Wort melden? – Harald Krille (»Glaube + Heimat«) und Dorothee Wanzek (»Tag des Herrn«) sprachen da­rüber mit der evangelischen Landesbischöfin Ilse Junkermann (Magdeburg) und dem katholischen Bischof Heiner Koch (Dresden).

Herr Bischof Koch, Sie haben in Ihrem ersten Jahr als Bischof von Dresden-Meißen mehrfach betont, wie wichtig Sie es finden, dass evangelische und katholische Christen in der hiesigen Diasporasituation gerade zu gesellschaftlichen Fragen mit einer Stimme sprechen. Warum ist Ihnen das wichtig?
Koch:
Wir müssen den Menschen, die danach fragen, ob es Gott gibt oder welchen Sinn das Leid hat, glaubwürdig Antwort geben. Die Minderheitensituation hier ist eine Herausforderung: Entweder treten wir gemeinsam als Christen auf oder wir haben keine Chance.

Ilse Junkermann ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Foto: Matthias Holluba

Ilse Junkermann ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Foto: Matthias Holluba

Frau Bischöfin Junkermann, was denken Sie über diese Forderung nach mehr Einheitlichkeit?
Junkermann:
Auch ich meine, dass wir in einer multi- und nichtreligiösen Welt gemeinsam sprechen sollen. In der Charta Oecumenica haben wir uns dazu bekannt und hinken doch immer hinterher, weil wir beide zugleich als Minderheiten bemüht sind, an Erkennbarkeit zu gewinnen. Ich stimme also zu, frage mich aber auch, ob in einer pluralen Gesellschaft verschiedene Stimmen, die sich auf das Gleiche beziehen, nicht auch attraktiv sind. Auch im Westen wird der Glaube ja nicht mehr so selbstverständlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Jeder muss sich entscheiden. Ich kann mir vorstellen, dass unterschiedliche Stimmen auch helfen können, die eigene Position zu finden.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass nach Orientierung suchende Menschen sich eher Gruppierungen zuwenden, die klarere Antworten bereithalten?
Junkermann:
Es stimmt in vielen Regionen der Welt, dass Menschen ganz klare Fundamente haben wollen. Deshalb haben Fundamentalisten ja auch so viel Zulauf. Aber ich denke, in der westlichen Welt fragen die Menschen nach Klarheit nur, wenn es einen öffentlichen Streit gibt und man sich gegenseitig den Respekt vor der Einsicht des anderen abspricht. Wenn ich mich in den Diskurs mit anderen Meinungen stelle und dabei die Möglichkeit einräume, dass neue Einsichten meine Position verändern können, dann hat das, denke ich, auch Anziehungskraft.

Es gab doch aber in den vergangenen Jahren auch erhebliche Irritationen zwischen evangelischer und katholischer Kirche, etwa zum Familienpapier der evangelischen Kirche, zur Abtreibung oder zum Umgang mit Homosexualität. Wie schätzen Sie das ein?
Koch:
Zunächst einmal: Ich finde es wohltuend, wenn wir Unterschiedlichkeit als Bereicherung sehen und nicht immer als Bedrohung. Dann kann ich bei Unterschieden etwa im Sakramenten- oder Kirchenverständnis sagen: Ich teile die Sicht des anderen so nicht, aber ich halte sie für wertvoll. Wichtig ist es mir dann auch, dass wir über die Unterschiede gut ins Gespräch kommen. Ich kann meine Position einbringen und dabei ein nach Wahrheit Suchender bleiben. Das gibt unserem Gespräch eine große Weite und Freiheit.

Heiner Koch ist Bischof des Bistums Dresden-Meißen, das mit dem Dekanat Gera bis nach Thüringen reicht. Foto: Matthias Holluba

Heiner Koch ist Bischof des Bistums Dresden-Meißen, das mit dem Dekanat Gera bis nach Thüringen reicht. Foto: Matthias Holluba

Und nun zu den gesellschaftlichen Fragen: Als Bischof habe ich angesichts der Pluralität von Meinungen, die es auch innerhalb meiner Kirche gibt, nicht das Recht, in allen Fragen zu sagen: das ist jetzt katholisch. Die Mündigkeit des Getauften und Gefirmten ist zunächst wahrzunehmen. Gewiss ist Vielfalt manchmal auch belastend. Und in der Öffentlichkeit sind manche Positionen, die zum Beispiel in unserem katholischen Eheverständnis gründen, nicht oberflächlich-schnell vermittelbar. Aber was sollen wir anderes tun, als auch intellektuell redlich ins Gespräch einzusteigen und zu begründen, warum wir an manchen ethischen Positionen auch gegen den Trend festhalten. Ich finde es zum Beispiel beim Thema Homosexualität wichtig, die katholische Position zu vertreten, aber auch herauszustellen, dass wir Zeichen gegen jegliche Diskriminierung setzen müssen. Da haben wir sicher auch aus den geschwisterlichen Einwänden gelernt.

Junkermann: Ich finde es wichtig, dass wir den Menschen plausibel zu machen versuchen, was der christliche Glaube beiträgt zu einem gelingenden Leben und wie sehr der Glaube einen Grund legt für Verlässlichkeit, Verantwortung und Verbindlichkeit im Zusammenleben. Wir Evangelischen haben ein anderes Eheverständnis, das ist seit fast 500 Jahren klar, von daher habe ich übrigens die Aufregung über das Familienpapier auch nicht verstanden.

Ich finde die Ökumene in den östlichen Gliedkirchen allerdings sehr belastbar. Sie ist durch ganz andere Bewährungen gewachsen als im Westen. Es gibt ein größeres wechselseitiges Grundvertrauen. Wir teilen das Anliegen, in der Öffentlichkeit als Christen in guter Weise Raum einzunehmen. Wer es jeweils nach vorne schafft, ist zweitrangig. Die Unterschiede, die uns trennen, sind demgegenüber gering.

Koch: Als Bischöfe haben wir uns auch vorgenommen, in ethischen Fragen künftig schon miteinander zu sprechen, bevor die öffentliche Diskussion beginnt. Wünschenswert wäre es, bei der Erarbeitung kirchlicher Papiere von vornherein Vertreter der anderen Kirche einzuladen als Mitdenkende und Fragende. Das muss ja nicht heißen, dass man eigene Positionen minimalisiert.

Ist es überhaupt wünschenswert, dass sich Kirchen zu immer komplexer werdenden Fragen wie Präimplantationsdiagnostik (PID) äußern oder wäre es sinnvoller zu sagen: Wir sind da keine Experten, wir beschränken uns darauf, grobe Orientierungslinien zu zeigen?
Junkermann: Es ist unabdingbar, dass wir uns in Fragen wie PID kundig machen, denn da geht es um sehr wichtige Fragen wie zum Beispiel der, ob der Mensch alles darf, was er kann und was möglich ist. Natürlich ist Irrtum nicht ausgeschlossen, auch in der Vergangenheit lag die Kirche in der Grenzziehung nicht immer richtig, wenn ich zum Beispiel an Galileos Frage des Weltbildes denke.

Koch: Wir dürfen als Christen die politische Diskussion nicht allein den anderen überlassen. Als kirchliche Amtsträger sollten wir aber auch unsere Grenzen sehen. Wir haben nicht in allen Fragen die Antwort und wir brauchen sie nicht zu haben. Wir müssen das Bewusstsein für Maßstäbe wie den Wert und die Größe des Menschen wachhalten. Klar ist, bei dieser Thematik werden Grundfragen des Mensch-Seins angesprochen und schnell Grenzen der Menschenwürde überschritten. An diesen Stellen und gegen schnelle Trends müssen wir unsere Stimme erheben.

Junkermann: Und es ist wichtig, dass wir Fragen stellen, die sonst kaum angesprochen würden. Bei der PID zum Beispiel wird öffentlich oft damit argumentiert, dass Eltern vor Leid bewahrt werden müssen. Ich halte das für ein wichtiges seelsorgerliches Anliegen. Aber man muss auch danach fragen, was mit den befruchteten Eizellen passiert, die für wissenschaftliche Forschungszwecke freigegeben werden. Oder bei der Organtransplantation: Darf man wirklich sagen, das Eigentliche am Menschen ist tot, wenn das Hirn nicht mehr funktioniert?

Koch: Wir Kirchen sollten auch ein Innehalten provozieren. Ja, wir stören manchmal, das ungehemmte Forschen zum Beispiel, aber wir tun das, weil es um die Würde des Menschen geht. Damit leisten wir nicht nur für unsere Mitglieder einen wichtigen Dienst, sondern für alle Menschen.

Die Kirchen werden oft als Spaßverderber wahrgenommen, wenn es um Sonntagsarbeit geht oder um ethische Fragen. Sie erheben Forderungen, die aber nur verständlich werden, wenn man die Welt von Gott her betrachtet. Müsste da öffentlich nicht mehr über die Grundlagen unseres Glaubens geredet werden?
Koch:
Ja. Wer als Christ die Frage nach Gott wachhält, hält auch die Frage nach dem Menschen wach. Wir wollen keine christliche Sonderethik. Ich bin überzeugt: Was von Gott her den Menschen guttut, tut auch dem gut, der nicht an Gott glaubt. Gerade deshalb müssen wir sowohl anthropologisch als auch theologisch tiefer und verständlicher unsere Überzeugung begründen und ins Gespräch bringen.

Junkermann: Wir leben in einer großen Umbruchzeit. Auch Philosophen wie Jürgen Habermas fragen, wohin der Mensch gelangt, wenn er nur selbstbezogen lebt. Wir merken, dass die Welt untergeht, wenn Gott aus ihr vertrieben wird, wenn wir auf unbegrenztes Wachstum setzen. Als Christen haben wir die Verantwortung, deutlich zu machen, dass in Grenzen zu leben der Grundgedanke des Paradieses ist. Das Wort Paradies heißt ja »Das Umgrenzte«. Die Welt ist umgrenzt geschaffen, damit ein Lebensraum entsteht. Das Grenzenlose ist lebensfeindlich.

Mit solchen Bildern der Bibel können wir neu versuchen, die derzeitigen Fragen anzugehen. Es ist offen, in welche Richtung es geht in der geschichtlichen Entwicklung. Wir können eine Richtung aufzeigen, wir haben eine glaubwürdige Stimme und eine verlässliche Tradition. Die Kirchen – und die Feuerwehr vielleicht – hält man für verlässlich.

Wir haben viele Krisen bewältigt, Irrwege eingesehen und konnten immer wieder umkehren. Die Möglichkeit zur Umkehr ist ja eine Grundbestimmung unseres Glaubens. Das ist etwas, was Menschen hier und heute durchaus ansprechen kann.

Ein zweiter Teil dieses Interviews zu Ökumene und Reformationsdekade veröffentlichen wir in 14 Tagen.

Kirchenmusik – ein Tor zum Glauben

19. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kantate: Singet dem Herrn ein neues Lied! Ein Loblied auf die Kirchenmusik

Wenn eine Musik erklingt, der Chor ein Halleluja anstimmt, kann es sein, dass die Töne uns innerlich anrühren, in Schwingung bringen, die sich bis zu einer Erschütterung steigern kann. Klänge vermögen unaussprechliche Freude in uns zu wecken und sie können Spannungen lösen. In Stunden der Trauer beispielsweise, wenn sich ein Panzer um das Herz gelegt hat, vermag eine Melodie es, die Tränen fließen zu lassen, den Schmerz zu lösen. Die Musik verändert in uns etwas. »Wenn die Sprache nicht ausreicht, sprechen wir zunächst betonter, verlängern oder kürzen die Silben und schließlich wird das Gesprochene zur Melodie«, deutet Kirchenmusikdirektor Wolfgang Kupke, Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle an der Saale. »Lässt sich die Sprache nicht mehr steigern, geht sie über in Musik.« Oder wie es der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) genial auf den Punkt bringt: »Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Insbesondere der Glaube ist ein Bereich, in dem die Sprache zuweilen an ihre Grenzen kommt. Unsere Rede von Gott – wie oft sind wir sprachlos, wissen nicht, was wir sagen sollen. Wie gut, dass es die Musik gibt, die tiefere Schichten in uns anspricht als Worte es vermögen. Die Kantoren und Kirchenmusiker wissen um das Potenzial der Klangwelt, sie vertrauen darauf, dass sie es schaffen kann, den Menschen die christliche Botschaft zu vermitteln.

»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Victor Hugo

In der Bachzeit, erklärt Wolfgang Kupke, hatte die Musik die Funktion, Texte zu wiederholen. Wenn nach dem Gesang von Liedern ein Nachspiel folgte, konnten die Zuhörer sich an den Inhalt des zuvor vernommenen Textes erinnern, führt der Professor aus. »Mit der Musik werden Assoziationen an Worte geweckt, obwohl sie nicht gesprochen werden. So bleibe vieles über die Musik hängen – und sei es ein unaussprechliches Gefühl.

Diese Besonderheit verleiht der Musik auch eine Bedeutung für den Glauben. »Kirchenmusik hat die Aufgabe, das Evangelium zu verkünden. Sie wird damit zu einem Tor des Glaubens, weil sie über die emotionale Schiene läuft«, so Matthias Schmeiß, Leitender Posaunenwart in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Schmeiß betrachtet die Kirchenmusik als eine niedrige Schwelle, um mit Kirche und Theologie in Kontakt zu kommen. Einige Menschen, so seine Beobachtung, besuchen regelmäßig mittags die in manchen Gotteshäusern angebotenen Orgelmusiken, obwohl sie sonst keine Beziehung zur Kirche haben. Sie werden über das Konzert mit dem geistlichen Inhalt vertraut gemacht.

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Um junge Leute an die Kirchenmusik heranzuführen, gehe das Posaunenwerk der EKM bewusst in Schulen, um dort seine Arbeit vorzustellen. Eine solche Begegnung sei für etliche Kinder und Jugendliche Impuls, ein Blasinstrument spielen zu lernen. »In manchen Fällen ist das der Kontakt zum Glauben.« Schmeiß erinnert sich an einen Mann, kein Christ, der sich aber jahrelang im Posaunenchor engagierte, regelmäßig im Gottesdienst mitspielte. Eines Tages habe er den Chorleiter gefragt, ob er das Vaterunser mitbeten dürfe. Offensichtlich war mit der Zeit über das Musizieren eine Beziehung zu Gott gewachsen.

Vielen Menschen gehe es in erster Linie um Gemeinschaft, die sie beim Singen erleben. »Manche suchen Anschluss, wenn sie zur richtigen Zeit angesprochen werden, sind sie über Jahrzehnte dabei«, so die Erfahrung des Kirchenmusikers.

Wie groß die Wirkung der Kirchenmusik ist, lässt sich wahrscheinlich nicht mit Statistik erfassen. Gleichwohl können Zahlen Auskunft geben über die Bindungskraft der Musik, ist Martina Hergt, Fachbeauftragte für Chor- und Singearbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, überzeugt. Wie sie sagt, gibt es in Sachsen 570 Kurrenden. »Das ist viel.« Und obwohl die Bevölkerungszahl abnimmt, so die Kantorin, bleiben die Zahlen der Kurrenden konstant, sie steigen sogar leicht. Wegen des Mitgliederschwundes auf Grund des demografischen Wandels beobachte sie vielerorts eine schlechte Stimmung. »Dabei sieht die Lage gut aus.« Kirchenmusik – sie kann Zugang zum Glauben eröffnen, ist auch Martina Hergt zuversichtlich. Sie erinnert sich an ihre Erfahrungen als Kantorin in Leipzig-Sellerhausen, wo sie bis Herbst vorigen Jahres arbeitete, bevor sie ihre neu geschaffene Stelle in Dresden antrat. Indem die Kirche mit musikpädagogischen Angeboten in Kindergärten geht, bringe sie dorthin ihre Lieder nebst Texten und damit ihre Tradition und Werte, schildert sie. »Kirchenmusik hat eine Riesenchance.« Über die Musik ergeben sich Gespräche mit den Eltern. Lieder haben eine große Magie, sie wecken Fragen nach Ritualen und Inhalten. »Die Arbeit ist oft mühevoll und nicht glänzend«, sagt die Kantorin. Aber wenn die Kinder die Lieder einmal gelernt haben, sei eine Beziehung entstanden, die fürs Leben hält. Und sei es nur, wenn sich die Menschen später daran erinnern, dass es eine schöne Zeit war – die Zeit des Singens – im Kindergarten, in der Kurrende.

Allerdings, so die allgemeine Sorge der Kirchenmusiker, habe der Musikunterricht in den Schulen einen schlechten Stand und wecke bei den Kindern nicht die Freude am Singen. »In manchen Bundesländern wird ab der 7. Klasse nicht mehr aktiv gesungen«, sagt Martina Hergt. Sie bedauert, dass die Menschen zwar reichlich Musik konsumieren, sie allüberall und zu jeder Zeit von ihr umgeben sind, das eigene aktive Singen jedoch auf der Strecke bleibe.

Das ist auch Wolfgang Kupkes Erfahrung. Wie er beobachtet, nimmt die Musikalität in unserer Gesellschaft generell ab. Dafür macht der Professor die mangelhafte musikalische Bildung an den Schulen verantwortlich.

Einen Kontrapunkt zu dieser Entwicklung setzt der vierte Sonntag nach Ostern: Kantate – der Ehrentag der Kirchenmusik. Das Singen und Musizieren hat an diesem Sonntag im Kirchenjahr seinen festen Platz.

Doch – bei aller Hochachtung der Musik, der Bewunderung für ihre Kunst, Menschen verzaubern zu können, wäre es falsch, sie gegen die Sprache auszuspielen. Auf diese mögliche Fehleinschätzung weist Kupke hin und betont stattdessen: »Es gibt keinen Gegensatz zwischen Musik und Wort. Sie durchdringen sich.« Zum Lobe Gottes!

Sabine Kuschel

Von Beruf Pfarrer

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Beruf des Pfarrers steht im Mittelpunkt eines Dokumentarfilmes, der am 6. April in Halle seine Kinopremiere erlebte. Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben ein Jahr lang eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Endphase ihrer Ausbildung zum Pfarrer begleitet. Nach dem akademischen Studium ging es nun um die praktische Ausbildung im Vikariat. Der Ort des Geschehens ist das Predigerseminar in Wittenberg, direkt am Lutherhaus gelegen, sowie die Schlosskirche am anderen Ende der Innenstadt. Seit 10. April ist der Dokumentarfilm »Pfarrer« in den Kinos.

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Das Einüben des liturgischen Singens, das Verfassen von Predigttexten und die Gestaltung der Gottesdienste sind die äußeren Handlungsfelder, die von den Filmemachern aus nächster Nähe erfasst werden. Noch größeren Raum nehmen die Gespräche der angehenden Pfarrer untereinander und das jeweils formulierte Selbstverständnis und Glaubensbekenntnis ein. Auch die zuweilen auftauchenden Selbstzweifel werden thematisiert.

Den für das Vikariat am Predigerseminar typischen Ordnungspunkten des Tages folgend, zeigt der Film besondere Momente wie das Morgenlob, die Andacht oder das Abendmahl, aber ebenso das Beisammensein am Grill oder den Spaziergang an der Elbe. Zwischendurch werden ästhetische Akzente gesetzt durch Nahaufnahmen von Blüten oder der Skulptur der Katharina von Bora, ein Blick aus dem Fenster die Collegienstraße herunter oder Details aus dem Inneren der Kirche geben Raum, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren.

Ein einziges Mal kommt es zu einem kurzen Disput zwischen dem Filmemacher Chris Wright, der seine atheistische Position benennt, und einigen der Vikare, doch zu einer tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzung zweier Sichtweisen auf Gott und die Welt kommt es nicht. Dafür sind zum einen die Vikare als Gruppe viel zu stark, zum anderen sind sie deutlich besser in der Lage, ihren Glauben und ihre Überzeugungen in Worte zu fassen.

Die stärksten Momente hat der Film durch seine visuellen Stimmungen und wenn die Momente des gemeinsamen Singens mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt werden.

Zu Beginn heißt es, Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun, womit der Alltag eines Pfarrers gemeint ist, und auch gegen Ende des Films werden die paradiesischen Zustände in Wittenberg angesprochen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die wirklichen Bewährungsproben allen angehenden Pfarren noch bevorstehen und so endet der Film im Abspann mit den Terminen der jeweiligen Ordination, die in einem Fall offenbleibt.

Mathias Tietke

Offizieller Kinostart für »Pfarrer« war am 10. April. Der 90-Minuten-Film wird unter anderem in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Halle, Magdeburg, Wittenberg, Bremen und Erfurt gezeigt.

Im Fernsehen ist die mit Unterstützung des MDR entstandene Produktion voraussichtlich nächstes Jahr zu Ostern bei arte zu sehen.

Die Antipoden der Reformation

25. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Vom Lärm der Welt oder Offenbarung des Thomas Müntzer« – Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar

Die Dualität und die Widersprüche von Thomas Müntzer und Martin Luther sind nicht nur historischer, sondern auch gegenwärtiger Zündstoff. Daran knüpft im Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) das Dramaturgenteam von Beate Seidel und Hans-Georg Wegner an. Die Produktion »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« bildet den Auftakt eines Zyklus spartenübergreifender Inszenierungen, der sich unter der Überschrift »Existenz-Resistenz« in den kommenden Spielzeiten mit Eckpunkten deutscher Geschichte in Verbindung zu konkreter Weimarer Stadthistorie beschäftigen wird, erläutert Dramaturgin Beate Seidel. Dramaturg Hans-Georg Wegner fügt an, vor allem das theologische Thema von Luthers »Zwei Reiche Lehre« habe für den Kompositionsauftrag ein zentrale Rolle gespielt. Herausgekommen ist ein neuartiges Stück, das vor allem mit den Elementen des Theaters spielt. Da mischen sich Oper und Schauspiel, aber auch Popelemente.

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Inhaltlich wird gezeigt, wie Martin Luther und Thomas Müntzer die beiden Antipoden der Reformation sind. Sie sind die Protagonisten des eigens für diese Produktion entstandenen Textes des Theologen und Lyrikers Christian Lehnert. Der eine setzt auf Reformen, ohne dass das soziale Gefüge zerstört würde, der andere will die Zerstörung, um grundsätzlich neu anfangen zu können, so sieht es Dramaturg Hans-Georg Wegner.

Collagenartig folgt das Stück den Spuren der Umwälzbewegungen im 16. Jahrhundert und spiegelt deren weitreichende Folgen bis in die Gegenwart. 1525 fragt ein Junge am Grab seines im Bauernkrieg gefallenen Vaters nach dem Zweck seines Sterbens.

Ein zum Islam konvertierter deutscher Dschihadist fragt, was für Zeichen unsere Welt aus den Angeln heben kann und stellt einen Rucksack in den belebten Bahnhof einer deutschen Großstadt. Und drei Dämonen wandeln durch die Geschichte. Beobachtet wird dies alles von einer jungen Frau, die sich die Frage stellt: Darf Frau in dieser Welt einem Kind das Leben schenken?

Hasko Weber, Intendant des DNT Weimar, übernimmt die Inszenierung. Die Musik stammt aus der Feder des mehrfach mit dem Echo Klassik ausgezeichneten Komponisten und Musikproduzenten Sven Helbig, der sich mit Cross-over-Projekten von Orchester- und elektronischer Musik einen Namen gemacht hat.

Sven Helbig ist aufgewachsen in Eisenhüttenstadt und er entdeckt die klassische Musik als Kind eher zufällig. Nach dem Musikstudium in Dresden zieht Sven Helbig nach New York. Der Ruf zum Dozenten an der Dresdner Hochschule »Carl-Maria von Weber« führt ihn zurück. Hier komponiert er das Chorwerk »Da wird auch dein Herz sein« für 250 000 Stimmen zum Kirchentag 2011.

Das Libretto hat Christian Lehnert getextet. Er studierte Evangelische Theologie an der Universität Leipzig und an der Humboldt-Universität Berlin und wirkte von 2000 bis 2008 als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Seit 2008 ist Christian Lehnert Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg. Im Juni 2012 übernahm er die Geschäftsführung des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig.

Es singen und spielen Steffi Lehmann, Birgit Unterweger, Jörn Eichler, Christoph Heckel, Bastian Heidenreich, Robert Huschenbett, Bjørn Waag, Michael Wächter, der Opernchor des DNT Weimar und die Staatskapelle Weimar. Die musikalische Leitung hat Stefan Solyom. Dieses Stück ist ein Beitrag zur Lutherdekade.

Thomas Janda

Das Stück »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« wird am 28. März, 19.30 Uhr im Deutschen Na­tionaltheater Weimar uraufgeführt. Weitere Termine: 30. März, 5., 10. und 17. April jeweils 19.30 Uhr.

www.nationaltheater-weimar.de

Kampf gegen Windmühlen

3. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Hilfe konkret: Wie eine Weimarer Familie zwei jungen Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien eine neue Perspektive bietet

Die Augen von Riem und Riad ­strahlen: Sie sind der Hölle des ­Bürgerkriegs in Syrien entronnen. Doch der Reise in die Sicherheit ­gingen neun Monate Kampf gegen behördliche Gleichgültigkeit und Unwissenheit voraus.

Die Geschichte reicht zurück bis in die Tage der DDR. An der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen, der heutigen Bauhaus-Universität, studieren seit Mitte der 80er Jahre auch junge Menschen aus Syrien. Darunter nicht wenige Christen, die der syrisch-orthodoxen Kirche angehörten. Die in Weimar lebende Pfarrerin Marie-Elisabeth Lüdde und ihr Mann Horst, ein Apotheker, freunden sich mit einem jungen syrischen Paar an. Maher und May Kara lernten sich beim Sprachkurs in Dresden kennen, heirateten und studieren zusammen Bauingenieurwesen in Weimar. Hier kommen auch die Tochter Riem und der Sohn Riad zur Welt. Nach dem Abschluss ihrer Promotionen geht die junge syrische Familie 1990 zurück in die Heimat. Doch die Freundschaft zwischen den Lüddes und den Karas bleibt bestehen. Man hält Kontakt, die neue Reisefreiheit lässt gegenseitige Besuche zu.

In Sicherheit: Riad und Riem Kara zwischen ihren Gastgebern Marie-Elisabeth und Horst Lüdde. Foto: Harald Krille

In Sicherheit: Riad und Riem Kara zwischen ihren Gastgebern Marie-Elisabeth und Horst Lüdde. Foto: Harald Krille

Während die Eltern Maher und May inzwischen an der Universität der Stadt Homs im ­Westen Syriens arbeiten, gehen auch die Kinder ihren Weg. Tochter Riem eröffnet eine eigene Zahnarztpraxis, was in Syrien bereits mit einem Bachelorabschluss möglich ist. Sohn Riad beginnt ein Pharmaziestudium. Alles scheint auf bestem Weg, bis der »arabische Frühling« in ­Syrien zum blutigen Bürgerkrieg mutiert.

Von heute auf morgen Flüchtlinge im eigenen Land

In und um Homs toben die Kämpfe zwischen Regierungssoldaten, Rebellen und Banden ­unterschiedlichster Couleur. Leidtagende sind die Zivilisten und darunter zunehmend vor ­allem die Christen. Schon kurz nach Beginn des Bürgerkrieges 2011 werden bei einem Rebellenüberfall die Zahnarztpraxis von Riem und die Wohnung der Karas zerstört. Die Familie kann kaum mehr als das nackte Leben retten, wird von Stund an zu Flüchtlingen im eigenen Land.

Von all dem wissen Lüddes zunächst nichts, der Kontakt ist abgerissen. Sorge treibt die Weimarer Freunde um, sie bitten Kontaktpersonen um Nachforschungen. Anfang dieses Jahres kommt die erlösende Mail: Familie Kara ist am Leben! Aber die Zukunft sieht trübe aus, besonders für die Kinder. Für Lüddes steht fest: Wir holen die beiden hierher. Nicht als Flüchtlinge in ein Asylbewerberheim, sondern mit einem ­Visum, das es ihnen ermöglicht, hier weiter zu studieren. Sie sind bereit, die gesamten Kosten für Unterhalt, Versicherungen und Studium von Riem und Riad zu übernehmen. Keine kleine Summe. Doch wer glaubt, damit seien die wichtigsten Voraussetzungen erfüllt, irrt. Die praktische Umsetzung wird zu einem Kampf gegen Windmühlen.

Wenn selbst Botschaften erst Nachhilfe brauchen

Den Flüchtlings-Hilfsorganisationen fehlt in dieser Frage die Kompetenz. Ausländerbeauftragte bei Stadt und Land geben völlig abwegige Auskünfte über das Prozedere. Die deutsche Botschaft in der libanesischen Hauptstadt Beirut, zuständig für Visafragen für Syrer, lehnt ein Visum für Riem ab. Mit der Begründung, die junge Frau habe doch bereits ein abgeschlossenes Studium. Ein offizielles Schreiben der Universität Jena muss die Vertreter Deutschlands im Ausland darüber aufklären, dass hierzulande wie in vielen anderen Ländern ein Bachelorabschluss in Medizin nicht für die Praxiszulassung ausreicht.

Dann fordert die Botschaft plötzlich Originaldokumente aus Deutschland an, die innerhalb von drei Tagen in Beirut sein müssen. Die Auskunft der Post: Nach Beirut geht gar nichts, das muss über den Zoll laufen. Der Zoll in Erfurt ­erklärt, Dokumente seien Wirtschaftsgüter, ­deshalb müsse eine Ausfuhrgenehmigung beantragt werden. Bei der Industrie- und Handelskammer die Auskunft, dass dies möglich sei, aber circa sechs Monate Bearbeitungszeit brauche …

Hektischer Mailverkehr nach Syrien, dort findet man den Weg: Mit dem Logistikdienstleister DHL geht die Sendung innerhalb von 48 Stunden unter Angabe der Telefonnummer eines Vertrauten an die Beiruter DHL-Zentrale. Von dort wird der Vertraute angerufen und kann die Dokumente in Empfang nehmen. Auch diese Herausforderung wird gemeistert. Ebenso, wie nach wochenlangem Kampf die Weimarer Ausländerbehörde überzeugt werden kann, ihren unbegründeten Widerstand gegen die Einreise beider Geschwister aufzugeben.

Mitte September sind Riem und Riad endlich in Weimar, können mit dem Sprachstudium an der Bauhaus-Universität beginnen, um sich nach eineinhalb bis zwei Jahren und bestandener Prüfung dann um ein Fachstudium zu bewerben. »Wir sind bei all den Problemen auf viele verständnisvolle und hilfsbereite Menschen in Ämtern, Behörden und Universitäten gestoßen, aber auch auf Unwissen und auf ­unbegreifliche Ignoranz«, resümiert Marie-Elisabeth Lüdde. Es waren harte Monate. Doch jetzt will sie gemeinsam mit ihrem Mann alles daran setzen, auch die Eltern von Riem und Riad nach Deutschland zu holen.

»Gehen Kirchengemeinden auf Ausländer zu?«

Was ihr über den eigenen Fall hinaus dabei unter den Nägeln brennt, ist die Rolle der Kirchengemeinden angesichts der Bürgerkriegs- und anderen Flüchtlingen oder auch der ausländischen Studenten. Durch ihre Kontakte und Freundschaften wissen die Lüddes, wie die Gäste sich oft Kontakte zur einheimischen Bevölkerung und vor allem auch zu Glaubensgeschwistern wünschen. »Besonders aus Syrien, aber auch aus Korea und China kommen viele Christen. Ich möchte den Studentengemeinden und Kirchengemeinden gern Mut machen, auf diese Menschen zuzugehen«, sagt Lüdde.

»Gerade die syrischen Christen haben einen ähnlichen kulturellen Hintergrund wie wir, sie feiern die gleichen Feste, es gibt keine beson­deren Speisevorschriften zu beachten«, setzt sie hinzu. Einer gegenseitig bereichernden Begegnung stehe also nichts im Wege. »Gehen wir auf diese Menschen zu, laden wir sie ein, schaffen wir wenigstens in unseren Gemeinden eine Willkommenskultur«, so Lüddes Wunsch.

Harald Krille

Das Kreuz tragen

5. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein modernes Gemälde ist derzeit in Dresden ausgestellt

Düsternis ist eingezogen in die Dresdner Kreuzkirche. Ein überdimensionales modernes Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy hängt bis zum Karsamstag über dem Altar. Es stößt ab – und es zieht an. Ungeschönt zeigt es das Grauen der Leiden ungezählter Opfer von ­Gewaltherrschaft und Unmenschlichkeit. Dieses Kreuz hat nichts Roman­tisches, nichts Verklärendes. Es zeigt die furchtbare Wirklichkeit: Ein verstümmeltes, verbranntes Kriegsopfer könnte es sein, das an Duffys Kreuz hängt. Ein entstelltes, verkohltes Gesicht, das stumm ins Leere schreit. Eine entmenschlichte Leichenhand, die starr zum Nachbarkreuz ausgreift – und es doch nicht erreicht. Das Opfer ist einsam, ausgeliefert, hinabgestoßen in das Reich des Todes.

Aus dem Gekreuzigten windet sich eine gekreuzigte Frau, deren Brüste könnten die verstümmelten Beine ­eines behinderten Kindes sein. Schemenhaft zeichnen sich überall weitere Kreuze ab.
»Das Kreuz ist ein Fenster in die Welt, in die Wahrheit der Not der Menschen, die Opfer von Krieg, gewalttätigen Konflikten, Missbrauch von Macht und Autorität geworden sind«, erklärt Terry Duffy, der das Kreuz vor 30 Jahren unter dem Eindruck schwerer sozialer Unruhen in Großbritannien schuf.

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Sein Kreuz schreit auf im Namen all dieser Opfer. Das Kreuz ist die Wunde der Welt, für die Golgatha ein Name geworden ist. Im Kruzifix sind eingezeichnet die Entrechteten und Kaputtgemachten dieser Erde aller Zeiten. Nur manche kennen wir mit Namen: Die Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffer, Gertrud Kolmar und Elisabeth Käsemann, Anne Frank und Martin Luther King, Matthias Domaschk und Oskar Romero.

»Opfer – keine Auferstehung?« – der Titel des Kreuzgemäldes Terry Duffys provoziert. Ist die tiefste Nacht der Menschheit ohne Morgen? Ist Golgatha ohne Emmaus? »Das Gemäl­de bietet keine leichte Lösung, keine Beruhigung«, sagt Duffy und ergänzt: »Das Kreuz war und ist ein realistisches ­Ereignis, kein bloßes Symbol.«
Der 64-jährige Künstler, der früher mit Joseph Beuys und John Cage zusammengearbeitet hat, will am Kreuz verharren, die nackte Brutalität aushalten. Die Auferstehung soll nicht einfach als automatische göttliche Antwort auf das Leiden erscheinen. Damit wir es uns nicht zu leicht machen. »Die Auferstehung ist kein gegebenes Recht, wir müssen für sie wirken«, sagt Duffy und fügt hinzu: »Wir müssen mehr für diejenigen tun, deren Leben viel schlimmer ist als unseres.«

Und so spricht aus seinem düsteren Kunstwerk doch der Glaube daran, befähigt und berufen zu sein, etwas vom Leid der Welt abzutragen. Die Dresdner Station seines Kreuzes soll zudem an Simon von Kyrene erinnern, der einst Jesus half, das Kreuz zu tragen. Nach Ostern wird Duffys Kreuz weiterreisen. Nachdem es schon in Coventry und London ausgestellt war, soll es auf seinem großen Kreuzweg durch die Welt weiterreisen zu Schauplätzen von Krieg und gewalttätiger Konflikte – nach Krakau, Kapstadt, Belfast, Südamerika, Bosnien, China und New York.
»Das Ziel soll Jerusalem sein, wo es an einem Ostermorgen ankommen soll«, kündigt der Künstler an. Damit solle die Erzählung und die Erlösung dieses Kreuzes symbolisch vollendet werden.

Stefan Seidel

Das Gemälde »Opfer – keine Auferstehung?« ist bis zum 29. März ausgestellt in der Kreuzkirche Dresden. Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 17 Uhr. Freitags, 12 Uhr: Gebet unter dem Kreuz für Frieden und Versöhnung.

Die Soldaten Christi

25. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Heilsarmee: Kirche ohne Taufe und Abendmahl, aber mit Uniform – im Gespräch mit Oberst Patrick Naud

Mit dem Pop-Song »You and me« vertritt eine Musikgruppe der Heilsarmee die Schweiz beim Europäischen Schlagerwettbewerb in Malmö. Doch wer ist die Heilsarmee? ­Benjamin ­Lassiwe sprach mit dem ­Nationalen ­Oberkomman­dierenden in Deutschland, ­Polen und Litauen, Oberst ­Patrick Naud.

Oberst Naud, in der Schweiz hat die Heilsarmee den Nationalen Vorentscheid für den Schlagerwettbewerb der Eurovision gewonnen. Was bedeutet das für die Heilsarmee in Deutschland?
Naud:
Für uns ist das natürlich ein Imagegewinn. Wir werden auf der Straße angesprochen, die Menschen schreiben uns Mails. Das gibt uns die Möglichkeit, über unsere Mission und unser Zeugnis zu sprechen. Dieses Lied ist nicht nur ein Erfolg für die Heilsarmee in der Schweiz, sondern für ganz Europa.

Ein Problem für die Teilnahme der Schweizer Musiker ist derzeit noch die Uniform, die beim Wettbewerb in Malmö verboten ist. Was bedeuten die Uniformen für die Heilsarmee?
Naud:
Die Uniform ist die Visitenkarte der Heilsarmee. Sie gibt es überall in der ganzen Welt: In Asien ist sie grau, in Indien weiß, in Europa dunkelblau.

Der 1958 in der Nähe von Toulouse in Frankreich geborene Patrick Naud ist Offizier (Geistlicher) im Rang eines Oberst. Seit 1. Juni 2011 dient er im ­Nationalen Hauptquartier in Köln als Leiter der Heilsarmee in Deutschland, ­Litauen und Polen.

Der 1958 in der Nähe von Toulouse in Frankreich geborene Patrick Naud ist Offizier (Geistlicher) im Rang eines Oberst. Seit 1. Juni 2011 dient er im ­Nationalen Hauptquartier in Köln als Leiter der Heilsarmee in Deutschland, ­Litauen und Polen.

Die Heilsarmee wird durch ihre Uniform erkannt. Wenn ich keine Uniform mehr ­tragen würde, würde niemand erkennen, dass ich von der Heilsarmee bin.

Aber warum trägt die Heilsarmee die Uniform?
Naud:
Das ist eine lange Geschichte. Damit hat man schon kurz nach der Gründung im 19. Jahrhundert in England angefangen. Damals trugen viele Menschen Uniformen, auch die Kinder in der Schule. Der Gründer der Heilsarmee, William Booth, war sehr geprägt von dieser Kultur. Heute zwingt sie uns dazu, immer und überall Zeugnis von unserem Glauben abzulegen. Sie macht uns sichtbar und erkennbar.

Was sind denn die Schwerpunkte der Heilsarmee heute?
Naud:
Die Heilsarmee kämpft als Erstes gegen die Armut. Wir wollen zu Armen und Bedürftigen von Christus sprechen, aber wir wissen ganz genau, dass die Menschen zuallererst etwas zu Essen oder ein Dach über den Kopf brauchen, auch um sich ihrer Würde bewusst zu werden. Wenn jemand unter einer Brücke lebt, zwischen Kartons, dann wollen wir auch ihm das Evangelium bringen. Aber dazu müssen wir ihm auch ganz handfest eine neue Perspektive für sein Leben bieten. So, wie wir Gottes Liebe ­erfahren haben, helfen wir auch: Bedingungslos – auch dann, wenn Menschen nicht für den Glauben offen sind.

Wie entwickelt sich Ihre Kirche in Deutschland?
Naud:
Uns geht es wie fast allen Kirchen in Deutschland: Die Menschen rennen uns nicht gerade die Türen ein. Viele traditionelle Heilsarmeekorps werden älter, und manche sind klein. Aber wir sehen auch wachsende Gemeinden. Und jetzt haben wir ein Reformprogramm: Es heißt »Vision 2030«.

Was heißt das konkret für die ­Heils­armeegemeinden an der Basis? Was ist Ihr Plan bis 2030?
Naud:
Wir wollen allen unseren Gemeinden die Möglichkeit geben, zu überlegen, wie sie sich mehr öffnen können. Die Heilsarmeegemeinden müssen sich wieder mehr für Fremde öffnen, sie müssen transparenter werden, und sich weniger den eigenen Angelegenheiten als vielmehr den Sorgen und Nöten der Menschen auf der Straße widmen. Ich glaube, wir müssen verstehen, dass manche Gemeinden oder manche unserer sozialen Arbeiten nicht pragmatisch genug sind für die Menschen von heute. Wir sollten keine Angst haben, kleine Gemeinden, die sich selbst nicht mehr tragen können und kaum Perspektive haben, zu schließen und neue Gemeinden aufzumachen.

Wie ist das Verhältnis der Heilsarmee zu den anderen christlichen Kirchen?
Naud:
Für uns ist die Begegnung mit anderen christlichen Kirchen ein sehr wichtiges Thema. Wir haben viel voneinander zu lernen, und wir haben unsere eigene Stimme, die wir einbringen. Wir sind überzeugt davon, dass wir mehr erzählen müssen, was die Heilsarmee ist. Und wir freuen uns, dass viele andere Kirchen großen Respekt vor unserem Auftrag ­haben.

Im Unterschied zu eigentlich allen anderen christlichen Kirchen kennt die Heilsarmee weder die Taufe noch das Abendmahl. Woher kommt das?
Naud:
Das ist auch ein lange Geschichte. Vielleicht lassen Sie mich als Erstes sagen, dass wir nicht »antisakramental« sind. Wir sind »asakramental«. In einer ökumenischen Begegnung hat mich einmal ein evangelischer Pfarrer danach gefragt, warum wir keine Sakramente haben. Und als ich antworten wollte, sagte der katholische Pfarrer, der dabeistand: »Patrick, kann ich eine Antwort geben?« Und dann sagte er, dass er glaubt, dass die Heilsarmee keine Sakramente hat, weil ihr ganzes Leben ein Sakrament sei. Und genau das ist es. Wir haben keine Sakramente, so wie sie in anderen Kirchen verstanden werden. Wobei es in den unterschiedlichen Kirchen ja auch kein einheitliches Verständnis gibt. Wir verzichten lieber auf diese Sakramente, als darüber zu streiten. Aber in der Heilsarmee streben wir danach, das ganze Leben zu heiligen. Und das könnte man als unser »Sakrament« bezeichnen.

Unterwegs zu den Randsiedlern der Gesellschaft: Feldsergeant Gert Scharf gehört zur Heilsarmeegemeinde in Dresden und ist in den Wintermonaten ­gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern mit dem Kältebus auf der Suche nach Obdachlosen. Fotos: Die Heilsarmee

Unterwegs zu den Randsiedlern der Gesellschaft: Feldsergeant Gert Scharf gehört zur Heilsarmeegemeinde in Dresden und ist in den Wintermonaten ­gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern mit dem Kältebus auf der Suche nach Obdachlosen. Fotos: Die Heilsarmee

Nun ist die Taufe auch ein Aufnahmeritus. Weltweit wird man durch sie Teil der christlichen Gemein­de. Was machen Sie stattdessen?
Naud:
Bei uns werden die Menschen im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in die Heilsarmee-Gemeinde aufgenommen. Es gibt zwei Formen der Mitgliedschaft: Zum einen die »Heilssoldaten«, die Salutisten, die Uniform tragen dürfen und ein Gelübde unterscheiben, in dem sie sich zum Beispiel auch verpflichten, auf Tabak, Alkohol und Glücksspiel zu verzichten. Zum anderen die »Angehörigen«, welche die Heilsarmee als ihre Gemeinde und geistliche Heimat betrachten, aber keine Uniform tragen. Anstelle des Gelübdes unterschreiben sie die Mitgliedsurkunde für Angehörige.

Und das Abendmahl feiern Sie auch nicht?
Naud:
William Booth hat damals darauf geachtet, dass wir keine Symbolhandlungen machen, die die besonders bedürftigen, süchtigen und abhängigen Menschen auf der Straße möglicherweise gar nicht mehr verstehen. Bei uns gibt es statt eines Abendmahls manchmal nach dem Gottesdienst eine gemeinsame Mahlzeit. Und im Tischgebet wird dann deutlich, dass es Jesus ist, der dazu einlädt, der alle daran teilhaben lässt und mit allen das Mahl teilt. So verstehen gerade Bedürftige viel mehr von der Liebe Jesu, als durch ein zeichenhaftes Mahl im Gottesdienst. Es sitzen Reiche und Arme beim Essen beieinander und teilen ­mit­einander – so wie es unser Gründer William Booth schon im 19. Jahrhundert wollte.

Stichwort Heilsarmee

Die Heilsarmee ist eine internationale christliche Freikirche mit ausgeprägtem Engagement an den sozialen Brennpunkten der Gesellschaft. Sie wurde im 19. Jahrhundert von dem englischen Methodistenprediger William Booth als Reaktion auf das erschütternde soziale Elend in London gegründet. Sein Motto ­lautete dabei: Die Kirche muss zu den Menschen gehen.
Booth war der Meinung, dass nur mit einer straff organisierten Bewegung angemessen auf die sozialen Herausforderungen reagiert werden kann. Deshalb nahm seine anfangs belachte und auch tätlich angefeindete Missionsbewegung nach und nach militärische Züge an. 1878 erhielt sie den Namen »Die ­Heils­armee«. Die Gemeindestationen nannte man nun »Korps«, die hauptamtlichen Mitarbeiter »Offiziere« und die Mitglieder »Soldaten«, Fahne und die Uniform wurden eingeführt. Von Anfang an setzte sich in der Heilsarmee die Gleichberechtigung der Frauen in allen Ämtern und Führungspositionen durch.
Zur Heilsarmee in Deutschland gehören derzeit 45 Korps ­(Gemeinden), davon je eins in ­Litauen (Klaipéda, Starachowice) und Polen (Warschau). Sie unterhält 42 Sozial-
einrichtungen und ist Arbeitgeber für 730 Angestellte. Sie ist (Stand ­Dezember 2011) geistliche Heimat für 4055 Menschen, darunter 1063 Heilssoldaten, 154 Offiziere (ordinierte Geistliche), 421 Angehörige. Weitere 2054 Menschen werden als Gemeindezugehörige (Gottesdienstgemeinde) gezählt.
Die Freikirche ist unter anderem ­Mitglied im Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), der Ver-
einigung Evangelischer Freikirchen (VEF) und der Deutschen Bibelgesellschaft. Sie arbeitet darüber hinaus in der Deutschen Evangelische Allianz mit.
In Mitteldeutschland bestehen ­derzeit Heilsarmeegemeinden in Dresden, Meißen, Chemnitz, Leipzig und Naumburg.
(GKZ)

www.heilsarmee.de
www.heilsarmee.ch/eurovision

Staunen auf der »Via Sacra«

4. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reise: Sakrale Bauwerke und Kunstschätze im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck

Jeder kennt Dresden, Prag und Breslau, viele haben diese Städte auch schon ­einmal besucht – doch die Region dazwischen ist ­un­bekanntes Land. Ganz zu Unrecht, wie eine Reise auf der »Via Sacra« im ­deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck zeigt.

Eine große Fachwerkscheune, würde ein ahnungsloser Passant denken. Irritierend nur dieser Turm, der seitlich angebaut ist. Scheune? Nichts da. Eine Kirche. Und was für eine.

Rückblende. Nach dem Dreißigjährigen Krieg leben in Jauer – polnisch: Jawor – 150 Menschen; davor waren es 1400. Im Westfälischen Frieden 1648 werden den Protestanten im nun katholischen Schlesien drei eigene Kirchen zugestanden, die sogenannten Friedenskirchen. Unter Auflagen freilich: Steine dürfen nicht verwendet werden, Türme und Glocken sind verboten, gebaut werden muss außerhalb der schützenden Stadtmauern.

Die Friedenskirche in Jauer sieht von außen wie eine große Scheune aus, der Raumeindruck innen ist überwältigend. Fotos:MGO/ René Tech

Die Friedenskirche in Jauer sieht von außen wie eine große Scheune aus, der Raumeindruck innen ist überwältigend. Fotos:MGO/ René Tech

Die Friedenskirche in Jauer ist eine der beiden bis heute erhaltenen. Wäre der – später angefügte – Turm nicht, deutete von außen nichts auf das, was einen drinnen erwartet. Die Kassettendecke in 16 Metern Höhe schließt den Raum nach oben ab, an den Brüstungen der vier umlaufenden Emporen finden sich rund 200 Bildfelder, die meisten zeigen biblische Szenen. Sehenswert auch Kanzel, Hochaltar und Orgel – staunen aber macht vor allem der überwältigende Raumeindruck dieses Gotteshauses, das seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

2500 Sitz- und 3500 Stehplätze ­bietet die Kirche, informiert die Tonbandführung in deutscher Sprache. Nicht genug – sonntags seien oft 15000 Gläubige gekommen. »Ich habe nachgelesen«, korrigiert Tomasz Stawiak, »es waren bis zu 18000.« Sie kamen von weither, fügt der Pastor der heute recht kleinen evangelischen ­Gemeinde von Jauer hinzu: »Manche brauchten sieben Stunden – für einen Weg!«

Ortswechsel. Farbenfrohe Gewölbegemälde, riesige Kronleuchter, eine reich verzierte Kanzel. Und dann diese gewaltige Orgel über dem grandiosen Hochaltar – das soll ein evangelisches Gotteshaus sein?

Nun, die Gnadenkirche zum Heiligen Kreuz im polnischen Jelenia Góra – deutsch: Hirschberg – ist zwar nach dem Zweiten Weltkrieg den Katholiken übertragen worden, doch sie wurde als protestantisches Gotteshaus erbaut. 1707 durften in Schlesien sechs weitere evangelische Kirchen gebaut werden – eine »Gnade« des Kaisers, weshalb sie Gnadenkirchen heißen.

Unten dunkel, oben hell und licht

Die Hirschberger Gnadenkirche bietet mit ihren zweigeschossigen Emporen über 4000 Gläubigen Platz. Verglichen mit den üblicherweise eher schmucklosen protestantischen Kirchen, erscheint die barocke Pracht in der Tat außergewöhnlich. Aber so hat es den Schlesiern gefallen, gelten sie doch als gefühlsbetonte Menschen, der Innerlichkeit und der Mystik zugeneigt.

Hirschbergs Gnaden- und Jauers Friedenskirche sind zwei der vier polnischen Stationen auf der »Via Sacra«, zu der außerdem vier Stätten in Tschechien und acht in Deutschland gehören. Die Kulturroute durch die Oberlausitz, Niederschlesien und Nordböhmen führt zu sakralen Bauten und Kunstwerken von europäischem Rang. Vier kirchliche Tagungs- und Bildungshäuser in Herrnhut, Markersdorf und Ostritz haben sich jetzt zusammengetan und bieten Reisenden das adäquate Quartier für Touren auf der »Via Sacra« an.

Das passt schon deshalb gut, weil die Route mit dem Slogan »Reisen ohne Grenzen. Durch die Jahrhunderte. Zur Besinnung« wirbt. Das Stichwort Besinnung ist ernst gemeint: »Wir wollen nicht, dass der Reiseleiter mit der Uhr am Bus steht und die Leute zur Eile antreibt«, sagt Volker Dudeck. Der ehemalige Direktor der Städtischen Museen Zittau ist der Initiator der »Via Sacra«.

Zur Besinnung kommen kann der Besucher zum Beispiel am Heiligen Grab in Görlitz. Die Andachtsstätte wurde vor gut 500 Jahren vor den ­Toren der Altstadt auf einer Anhöhe angelegt, wo Hingerichtete beerdigt worden waren. 33 Stufen – für die 33 Lebensjahre Jesu – führen hinauf zu den drei Linden, die für die drei Kreuze auf Golgatha stehen.

Dahinter erhebt sich die zweigeschossige Kreuzkapelle. Theologie in Stein: unten die Adamskapelle, ein dunkler, gedrückt wirkender Raum; ein Riss in der Mauer hinter dem Altar stellt die einzige Verbindung zur nur von außen zugänglichen Golgatha­kapelle darüber dar – in diesem ­hellen, lichten Raum finden sich drei Löcher für die Kreuzesstämme und eine Rinne seitlich des mittleren Lochs, die symbolisch das Blut Jesu auffängt und in den Spalt zur Adamskapelle mündet.

Ein Salbhaus und die Nachbildung des Jerusalemer Grabes Christi vervollständigen die Anlage, an die sich ein Hügelgelände anschließt: der ­Ölberg mit dem Garten Gethsemane. Dieses »Lausitzer Jerusalem« lädt tatsächlich zu Andacht und Meditation ein – durchaus im Unterschied zu den originalen Orten in Jerusalem.

Die Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung im tschechischen Hejnice (Haindorf) mit dem Feldaltar Wallensteins, Deutschlands ältestes Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal oder die Herrnhuter Brüdergemeine – viele der 16 Stationen der »Via Sacra« lohnen einen ausgiebigeren Besuch. Nicht zu vergessen die Zittauer Fastentücher.

Das kleine ist die größere Rarität. Von seiner Art gibt es weltweit nur sieben Exemplare. Zudem gilt es als das einzige, das je von einer evangelischen Gemeinde in Auftrag gegeben wurde, obwohl doch Martin Luther Fastentücher für »Gaukelwerk« hielt.

Zur »Via Sacra« zählen 16 Kulturstätten in drei Ländern.

Zur »Via Sacra« zählen 16 Kulturstätten in drei Ländern.

Das große, seit 1999 in der ehemaligen Kirche zum Heiligen Kreuz ausgestellt, zieht alljährlich um die 30000 Besucher an. 1472 entstanden, verhüllte es 200 Jahre lang in der Fastenzeit den Altarraum der Zittauer Hauptkirche St. Johannis, sodass die Gemeinde weder die Zelebranten noch den prächtigen Altar sehen konnte – damit, erklärt Volker Dudeck, »wurde das körperliche Fasten durch ein Fasten der Augen ergänzt«.

Was im Fall des 8,20 Meter hohen und 6,80 Meter breiten Tuchs keine Nulldiät bedeutet: Es zeigt 90 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Mit bemerkenswerten Details: Statt Löwe und Lamm liegen hier Katze und Maus beieinander; Kain und Abel sind als Zwillinge dargestellt. Allerdings hat der Künstler auch gepatzt: Erst zeigt er die Geburt Jesu, danach den Besuch Marias bei Elisabeth. Als er den Fehler bemerkt, malt er einfach »b« und »a« an die Bildränder.

Die Passion des Zittauer Fastentuchs

Weniger heiter nimmt sich die Geschichte des Tuches aus. Ein halbes Jahrtausend hat es unbeschadet überstanden – bis zum Mai 1945. Da fällt es sowjetischen Soldaten in die Hände, die es zerschneiden und damit eine Dampfsauna abdichten, die sie sich zusammengebastelt haben. »Damals hat das Tuch seine Passion erlebt«, sagt Volker Dudeck. Glück im Unglück: Es konnte vollständig geborgen und 1995 restauriert werden. Dass es nun in seiner zwar teils verblichenen, dennoch Ehrfurcht gebietenden Pracht zu sehen ist, gilt vielen als »Wunder von Zittau«.

Hubertus Büker

www.via-sacra.info

Leidensgeschichten schlichten Konflikte

13. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltblick: Bei der internationalen Peace Academy zu Pfingsten in Dresden sind auch zwei Pfarrer aus Indien dabei


Der Umgang mit globalen wie persönlichen ­Konflikt­feldern steht im Mittelpunkt des diesjährigen EVA-­Jugend­festivals rund um die Dresdner Frauenkirche.

Die zwei Pfarrer Dinesh Kumar Chand und Jakhin Kumar Huika legen einen weiten Weg nach Dresden zurück. Zur EVA 2012 Peace Academy zu Pfingsten in der Frauenkirche reisen sie aus einer Region blutiger Konflikte im Osten Indiens an. Dort, im Bundesstaat Orissa, in einer der abgelegensten Regionen, sind Christen eine Minderheit von wenig mehr als zwei Prozent. Die meisten Bewohner sind Hindus. Immer wieder flammen Auseinandersetzungen auf zwischen Adivasi, den Angehörigen der indigenen Stammesbevölkerung, und den Dalits, den »Unberührbaren« oder »Kastenlosen«, unter denen einige vom Hinduismus zum Christentum konvertiert sind.

Wenn aus Feinden Partner werden: Vor allem jugendliche Christen und Hindus, Angehörige der Dalits und des Volksstammes der Adivasi lernen in der Friedensarbeit der indischen Pfarrer Chand und Huika, ihre elementaren Interessen gemeinsam und nicht gegeneinander durchzusetzen. Fotos: privat

Die beiden Pfarrer Dinesh Kumar Chand (l.) und Jakhin Kumar Huika, Friedensaktivisten aus Indien, reisen zur EVA 2012 Peace Academy nach Dresden in die Frauenkirche. Foto: privat

Ethnische und religiöse Konflikte vermischen sich hier. Die beiden Pfarrer, selbst Angehörige der beiden verfeindeten Gruppen, versuchen zwischen ihnen zu vermitteln. »Und ebenso wollen wir für gegenseitiges Verständnis und Achtung zwischen Hindus und Christen wirken«, berichten sie. Gestritten werde vor allem um Landbesitz, erzählt Chand. Eine Organisation von Bauern und Arbeitern wolle den Ureinwohnern den Boden gewaltsam nehmen. Unterstützung bekämen die von gewalttätigen maoistischen Rebellen. In den benachbarten Bundesstaaten führen die seit Jahrzehnten einen Guerillakrieg. Seit 2004 hat er mehr als 5000 Menschenleben gefordert.

»Wir wollen die ­Bevölkerung dazu ermuntern, auf ­Gewalt zu verzichten und auf friedliche Weise für ihre elementaren Menschenrechte zu kämpfen«, sagt Chand.
Das tun sie, indem sie Angehörige beider Seiten, Jugendliche vor allem, in den Dörfern zusammenbringen und sie ihre Geschichten erzählen lassen. »So begreifen sie, dass die andere Gruppe nicht, wie sie meinen, Ursache des Problems ist, sondern dass ­jeder eine Leidensgeschichte zu erzählen hat.«

Ihre Erfahrungen möchten die ­beiden Pfarrer beim internationalen ­Jugendfestival vom 25. bis 28. Mai in ­einem der 16 Workshops weitergeben. Schon das Festival-Motto »Friedenstreiber – Zwischen Küchentisch und Krisenherd« deutet darauf hin, dass die Organisatoren ein möglichst breites Spektrum an Interessen bedienen. Es reicht von globalen Problemen wie die Zukunft der Welternährung, zivile und militärische Konfliktlösung über Auseinandersetzungen in anderen Weltregionen wie Sudan, Tansania, ­Israel und arabischen Ländern bis hin zum Alltag in Deutschland, dem Verhalten bei Beleidigungen, Streit oder Schlägereien. Dazu gibt es Workshops, wo Gospel geprobt oder Songs geschrieben werden. Noch sind einige Plätze für kurzentschlossene Jugendliche frei.

Gleich nach der Eröffnung in der Frauenkirche fahren die Teilnehmer am Sonnabend in das Militärhistorische Museum. Dort diskutieren sie über »Pazifismus versus militärische Intervention – was treibt Frieden voran?«. Für die Diskussionen und Beratungen stehen eine Reihe engagierter Fachleute zur Verfügung: EKD-Beauftragte, Trainerinnen für Gewaltprävention, Militärdekane, Nahostexperten, Jugendreferenten und Chorleiterinnen. Geplant sind auch ein Internationaler Abend, Andachten auf dem Turm der Frauenkirche und Nachtgebete, ein Pfingstgottesdienst und ein spiritueller Erfahrungsweg. Bei Konzerten sind zum Beispiel Tikwa Tanz Pantomime zu erleben, d:projekt (Dresden), die kroatische Ska-Band October Light und fünf Singer-Songwriter mit einem Überraschungsgast.
Tomas Gärtner

Weitere Informationen sowie Anmeldung im Internet:
www.eva-festival.de

Die Bo(o)tschafter aus Anhalt

29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Aktion: Auf dem Weg zum 33. Deutschen Evangelischen – in Dessau heißt es dazu bald »Leinen los!«
 

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)

 
Viele Wege führen zum ­Kirchentag vom 1. bis 5. Juni nach Dresden. Die Evangelische Landeskirche Anhalts reist von Dessau aus mit Marco Polo.

 
Genau genommen: auf der Marco Polo, denn gemeint ist nicht der venezianische Kaufmann und Entdecker, der im 13. Jahrhundert China und Ostasien bereist haben soll, vielmehr geht es um die MS Marco Polo: 27 Meter lang, 6,20 Meter breit, 80 Zentimeter Tiefgang und Platz für bis zu 150 Passagiere. Kapitän Silvio Süßenbach hatte schon häufiger Glaubensgemeinschaften an Bord. »Es wird auch ein paar kleine Seminare geben«, kündigt der Schiffsführer an: »Knoten, Schallsignale oder Flaggenkunde.«

Am Montag, 30. Mai, wird es in Dessau »Leinen los« heißen. Die erste Etappe führt bis in die Lutherstadt Wittenberg, am Dienstag geht die Reise weiter bis in das sächsische Riesa. Dort kommen am Mittwoch dann auch Kirchenpräsident Joachim Liebig und die anhaltischen Posaunenchöre an Bord und nehmen den letzten Abschnitt über etwa 50 Kilometer bis Dresden in Angriff, um am späten Nachmittag pünktlich zur Eröffnung des Kirchentages einzutreffen.

Während des Christentreffens vom 1. bis 5. Juni geht die MS Marco Polo dann am Schiffsanleger an der Carola­brücke in Dresden vor Anker und ­repräsentiert als schwimmende »Anhaltische Bo(o)tschaft« unter dem Motto »vernünftig und fromm« die Landeskirche. »Kirchentagsbesucher sind ganz herzlich eingeladen, Anhalt kennenzulernen«, sagt Martin Bahlmann vom Kinder- und Jugendpfarramt der Landeskirche und einer der Organisatoren der Flusskreuzfahrt zum Kirchentag. Es geht um »Christsein in einer kleinen, selbstbewussten ostdeutschen Landeskirche«, aber auch über die historische Region Anhalt, denn immerhin feiert das ehemalige Fürstentum im kommenden Jahr mit »Anhalt 800« das 800-jährige Jubiläum.

Auf der »Anhaltischen Bo(o)t­schaft« werden die Hauptthemen des Kirchentages aufgegriffen und aus ­anhaltischer Perspektive beleuchtet. So steht am Donnerstag, 2. Juni, der Glaube im Mittelpunkt und dabei vor allem Christsein in einem Umfeld, in dem die Kirche vielen Menschen seit Generationen fremd geworden ist.

Bildung und die gesellschaftliche Verantwortung von Christen in der Politik stehen am Freitag im Zentrum. In einer Podiumsdiskussion sollen die Herausforderungen an die Bildungsträger diskutiert und die Frage gestellt werden, welchen Beitrag die Kirchen leisten können. Mit zahlreichen evangelischen Kindergärten, Horten und Grundschulen bereichert die Landeskirche bereits jetzt die Bildungslandschaft.

Einbezogen in die Veranstaltungen am Freitag ist der inzwischen 4. Elbekirchentag. Bereits seit 2008 setzen sich Christen mit den Elbekirchentagen für den Schutz des letzten frei fließenden Stromes in Mitteleuropa ein. Die sieben Elbanrainerkirchen (Nordelbien, Mecklenburg, Hannover, Mitteldeutschland, Anhalt, Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Sachsen) haben erst im Oktober vergangenen Jahres in einer gemeinsamen Erklärung ein tragfähiges Zukunftskonzept für die Elbe gefordert.

Mit dem Tagesthema Welt am Sonnabend werden dann abschließend die vielfältigen Beziehungen und Verbindungen Anhalts in andere Länder verfolgt.

Das Tagesprogramm auf der »Anhaltischen Bo(o)tschaft« an der ­Caro­la­brücke in Dresden beginnt täglich um neun Uhr mit Morgengebet und der anschließenden Bibelarbeit. Neben den Tagesthemen gibt es zudem jeden Tag die Malaktion »Wenn mein Herz ein Schiff wäre«: Besucher sind dabei eingeladen, ihrer künstlerischen Kreativität freien Lauf zu lassen.

Und so hat auch die MS Marco Polo eine ganze Menge mit Entdecken zu tun, ganz wie der venezianische Kaufmann: Man kann Anhalt und seine evangelische Landeskirche entdecken.

Thorsten Keßler

»Im Schreiben konnte ich mir die Welt selber gestalten«

10. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Regelmäßig zieht es Michael Pohlmann an seine einstige Arbeits- und Wirkstätte, die Dresdner Neustadt. Foto: Steffen Giersch

Regelmäßig zieht es Michael Pohlmann an seine einstige Arbeits- und Wirkstätte, die Dresdner Neustadt. Foto: Steffen Giersch

Welt-Parkinson-Tag: Ein Betroffener hat die Krankheit in Literatur verarbeitetet – solange es ging

Am 11. April ist Welt-Parkinson-Tag. Michael Pohlmann leidet an der Krankheit und erzählt von seinem Kampf gegen das Verstummen.

Eigentlich möchte Michael Pohlmann nicht über seine Krankheit sprechen, er hat schon zu oft darüber berichtet und er will nicht allein auf dieses Zittern, dieses Ungelenke, Unberechenbare, kurz auf Parkinson reduziert werden. Aber reden möchte er schon. Zum Beispiel über das, was er mittlerweile nicht mehr vermag zu tun, wovon ihn genau diese Krankheit abhält: vom Schreiben. Michael Pohlmann, 54 Jahre, durchstreift seine kleine Dresdner Wohnung, deren Wände von alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen dominiert werden: Fotos von der Familie seines Großonkels
in Leipzig, die ihn sehr geprägt hat, Bilder von seinem Sohn, einer Reise durch die USA. Dazwischen hängen alte Fahrkarten, ein Schwerter-zu-Pflugscharen-Band und Boxhandschuhe. Und über der Tür klebt dieses Plakat mit dem Kopf von Reiner Kunze, daneben ein Zitat des Schriftstellers: »Das Gedicht ist zur Ruhe ­gekommene Unruhe.« Für Michael Pohlmann bringt es eine ganze Menge auf den Punkt.

»›Maschinenmenschentappern‹, sage ich zu meinen ersten Schritten am Morgen. Meine Beine sind steif, als wären es schlecht geschmierte Prothesen. Stolpernd, die Hände verkrampft in Pfötchenhaltung, setze ich einen Fuß vor den anderen.«

»Am Anfang hab ich gedacht: Gedichte, das ist etwas für pubertierende Mädchen«, sagt Pohlmann. Inzwischen hat er selber Dutzende geschrieben und sie in zwei kleinen Bänden veröffentlicht. Daneben schrieb er viele Erzählungen, kurze Geschichten, meist aus seinem eigenen Leben und Erleben. Pohlmann wurde in Leipzig geboren, lernte zu DDR-Zeiten Krankenpfleger und stöberte dann in anderen Berufsständen herum: als Rangierer, Grabmacher, Bibliothekshelfer oder Fensterputzer. Bevor er kirchliche Sozialarbeit studierte, gründete er mit Gleichgesinnten die erste Wohngemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung der DDR in einem kleinen Dorf in Ostthüringen. Später leitete er die Dresdner Wohnungslosenhilfe und war bis zu seiner Berentung 2002 Kirchensozialarbeiter in Dresden-Mitte. Er hat viel zu erzählen, weil er viele Menschen kennengelernt hat.

Michael Pohlmann hat die Geschichten aufgeschrieben, seine Manuskripte ­einem kleinen Dresdner Verleger zu lesen gegeben und der hat sie gedruckt. Auf einem der Buchrücken steht: »Erste Schreibversuche 1996 im Krankenhaus.« In dem Jahr erfährt Pohlmann seine Diagnose Parkinson, er ist 40 Jahre alt.

»Mit einer ruckartigen Bewegung werfe ich mir die weißen Dinger in den Mund und komme mir dabei vor, wie ein wilhelminischer Unteroffizier, der einem Vorgesetzten zuprostet.«

In seinem ersten Band »Erzählungen über Hoffmann«, der 2004 erscheint, beschreibt Pohlmann in dem Text »Parkinson-Junkie«, wie bei langsam fortschreitenden Symptomen für ihn ein beliebiger Morgen beginnt. Auf den fünf bedruckten Seiten scheint die Zeit stehen zu bleiben. Mit Vergleichen, die beim Leser gleichzeitig ein Schmunzeln und Stöhnen erzeugen, versucht der Autor seinen Krankheitszustand zu beschreiben. »Ich habe früher gerne geschrieben«, sagt Pohlmann. Das leise monotone Sprechen ist eine Folge der Krankheit, die von Verlangsamung, Muskelverspannung und Zittern geprägt ist. »Im Schreiben konnte ich mir die Welt selber gestalten.« Pohlmann sagt »konnte« und meint: Heute ist dieses feinmotorische Handwerk für ihn nicht mehr möglich. »Ich habe dieses unbedingte Bedürfnis zu Schreiben, aber ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich sehe es für mich einfach nicht mehr.«

»Starre und Zittern kämpfen um meinen Körper, für die nächsten zwei Stunden hat die Überbeweglichkeit das Sagen. Ich fühle mich aufgezogen wie ein altes Spielzeug.«

Dabei hat Michael Pohlmann lange versucht, seine Literatur über seine Krankheit zu halten. Er entwickelte Lesungen mit musikalischem Programm. Irgendwann konnte er seine Gedichte und Erzählungen nicht mehr selber vortragen. Für einen Moment lehnt er sich gelassen in seinem Sessel zurück, zieht an seiner Zigarette, guckt hinaus zwischen die Häuser des noblen Dresdner Viertels Weißer Hirsch und sagt: »Es ist schön ruhig hier.« Zurückgezogen hat er sich in den letzten Jahren. Nur eines kann ihm die Krankheit so schnell nicht nehmen: Fast täglich setzt er sich auf sein Fahrrad, rollt hinunter in die Dresdner Neustadt, dort wo er einst als Sozialarbeiter fast selbst zum Inventar gehörte.

Maxie Thielemann

Bücher und Audio-CD von Michael Pohlmann, erschienen im Verlag Christoph Hille:
Erzählungen über Hoffmann, 164 S., ISBN 978-3-932858-71-0, 10,50 Euro
Erzählungen über Hoffmann, Audio-CD, ISBN 978-3-932858-72-7, 12,50 Euro
Schneetaubenschlag, 40 S., ISBN 978-3-932858-56-7, 5,00 Euro
Stachelhaut, 176 S., ISBN 978-3-932858-24-6, 12,50 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen ­Bücher sind zu beziehen über den Buchhandel oder den Bestellservice ­Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161

Individuell und vielfältig

3. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung über Schönheit im Deutschen Hygienemuseum Dresden

Warum ist Schönheit so wichtig?« »Sind Glück, Erfolg und Lebensfreude daran gebunden?« »Was beeinflusst unser ästhetisches Empfinden?« Mit diesen Fragen beschäftigt sich die neue Sonderausstellung des Deutschen Hygienemuseums Dresden »Was ist schön?«

Urheber: Deutsches Hygienemuseum

Urheber: Deutsches Hygienemuseum

Der erste Raum, in dunklem Rot gehalten und von einem prunkvollen Kristalllüster erleuchtet, stellt unsere Vorstellungen von Schönheit infrage. Gezeigt werden Fotografien, die die Spannung zwischen der Sehnsucht nach Schönheit und der Erfüllung dieses Wunsches ebenso zum Ausdruck bringen wie die Gegensätze von Makellosigkeit und vermeintlicher Hässlichkeit. Auf der einen Seite Porträts berühmter Schauspieler, ihnen gegenüber Fotos von jungen Mädchen, die eine Modelkarriere anstreben. Lebensgroße weibliche Rückenakte zeigen makellose Haut, im Kontrast dazu Aufnahmen alternder, runzliger Haut.

Sowohl die Aufnahmen der Prominenten wie die der jungen Mädchen auf dem Weg zur ersehnten Berühmtheit wollen die Differenz zwischen den medial vermittelten Bildern und der Wirklichkeit deutlich machen.

Die Ausstellung thematisiert den Zusammenhang von Schönheit und Erfolg. Untersuchungen zeigen, dass überdies gutes Aussehen in der Regel mit positiven Eigenschaften und Fähigkeiten verbunden wird, was sich auf Beruf und Karriere auswirkt. Dazu werden Karrieremagazine präsentiert sowie Erläuterungen zum Umgang mit Bewerbungsfotos. Zu betrachten ist eine Galerie historischer Persönlichkeiten, deren gesellschaftlicher Aufstieg mit ihrem attraktiven Aussehen in Verbindung steht. Doch wie die Schau zeigt, ist nichts absolut. Die mögliche Bevorzugung aufgrund des Aussehens hat auch Gegenbewegungen ins Leben gerufen, zum Beispiel den »Club der Hässlichen«. Und der Film »Unansehnlich, aber stolz« stellt Menschen vor, die selbstbewusst ihre ungewöhnlichen Körpermerkmale akzeptieren und als schön empfinden.

Ausstaffiert mit Stapeln von Pappkartons erweckt der zweite Raum den Eindruck des Vorläufigen, Unvollkommenen. Hier soll der Blick hinter die Kulissen des Glamourösen simuliert werden, wo körperliche Mängel retuschiert und überschminkt, wo Menschen vor ihrem Auftritt im Scheinwerferlicht schön gemacht werden. Die Ausstellung hebt hervor, dass die von der Werbe- und Medienbranche produzierten Schönheitsideale und -vorbilder nicht »echt« sind.

In dieser Abteilung geht es auch um die Entwicklung einer Industrie im Dienste der Schönheit, geboren aus dem Wunsch, mangelnde Attrak­tivität mit Disziplin und Geld herzustellen. Ein langer Spiegelgang, auf der gegenüberliegenden Seite mit einem rotsamtenen Vorhang verkleidet, führt vom zweiten in den dritten Raum. Unter dem Titel »Norm und Differenz« beschäftigt sich die Ausstellung damit, woher unsere Vorstellungen und Ideale von menschlicher Schönheit kommen. Sie vermittelt die Erkenntnis, dass die Interpretationen von Schönheit individuell und vielfältig sind.

Außerdem geht es um die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, um sich bestimmten Schönheitsnormen anzunähern. Ein Bereich widmet sich der Plastischen Chirurgie sowie Hormon- und Botoxbehandlungen. Welche Areale in unserem Gehirn aktiv sind, wenn wir Gesichter, grafische Muster und Musik hinsichtlich ihrer Attraktivität bewerten, veranschaulicht ein von innen leuchtendes Modell des menschlichen Gehirns im Zentrum des vierten Raumes. Die Exponate geben Auskunft über neurobiologische und wahrnehmungspsychologische Forschungserkenntnisse.

Der fünfte und letzte Raum – eine große Halle mit hohen Pfeilern – weitet den Blick für andere, fremde Vorstellungen von Schönheit. In Videos erzählen Menschen, was sie als schön empfinden. Die sich durch die Ausstellung ziehende Einsicht, dass Schönheit nicht absolut und feststehend, sondern individuell und vielfältig ist, wird in diesem Bereich bekräftigt.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum ist bis 2. Januar dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen.
www.dhmd.de

Die Bombardierung Dresdens – Tragödie und Rettung

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Holocaustgedenken: Ein neues Projekt ermöglicht Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links ­unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links ­unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann

Der tschechische Jude ­Michal Salomonovic überlebte vier Konzentrationslager und die Zerstörung Dresdens. Am 13. Februar war er wieder in der Stadt.

Michal Salomonovic hat begonnen, zu erzählen, als es immer weniger wurden, die das erlebt hatten. Er spricht vor tschechischen Schülern, und auch vor deutschen Jugendlichen aus Dresden. Möglich ist das durch ein neues deutsch-tschechisches Projekt der Dresdner Brücke/Most-Stiftung mit dem Collegium Bohemicum aus Usti nad Labem, das Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen vermittelt. Salomonovic kommt aber nicht nur deswegen nach Dresden. Mit der Stadt und ihrer Zerstörung verbin-
det ihn seine ganz persönliche Geschichte.

Es ist die Kindheit als jüdischer Häftling der Nationalsozialisten. Bereits im Oktober 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wird sein Vater mit einem der ersten organisierten Transporte von Juden überhaupt aus dem heimatlichen Ostrava ins polnische Nisko geschafft. Der ­Versuch, hier ein jüdisches Lager ­aufzubauen, misslingt. Der Vater darf zurückkehren und die Familie übersiedelt nach Prag. Doch dieser Schritt bringt ihnen kein Glück. Als dann mit der Konzentration der Juden an einzelnen Orten begonnen wird, sind sie wieder die ersten. Am 3. November 1941 bringt sie ein Transport ins Ghetto nach Litzmannstadt (Lodz). »Wir waren 1000 Menschen, ganze ­Familien, nur 46 haben den Krieg überlebt«, sagt Salomonovic leise, freundlich und bestimmt.

Die Freundlichkeit in Salomonovics Stimme irritiert. Als ob er seine Zuhörer vor der Grausamkeit, die er erlebt hat, in Schutz nehmen möchte. Und doch sagt er es bestimmt. In Litzmannstadt entschied sich sein Schicksal. Als sie im Ghetto ankamen, war er acht Jahre alt, die Grundschule musste er nach einem Jahr ­abbrechen. Während sein Vater ihm einen Platz in der Metallfabrik besorgen konnte, musste sich sein dreijähriger Bruder Josef verstecken. »Kinder und Alte wurden zuerst aussortiert und in den Tod geschickt«, begründet Salomonovic die Vorsicht.

Die Arbeit in der Fabrik brachte ihm jeden Tag eine Suppe zusätzlich. »Der Hunger war allgegenwärtig, wir lebten immer bis zum nächsten Bissen.« Für die Suppe musste der Junge zwölf Stunden an sieben Tagen der Woche arbeiten. In der ganzen Zeit ging ein Transport nach dem anderen Richtung Auschwitz ab. Die Arbeiter im Werk wurden verschont, bis das Ghetto im August 1944 aufgelöst und die restlichen Insassen ebenfalls nach Auschwitz deportiert wurden.

Nach etwa einer Woche Aufenthalt im Todeslager geschah das Wunder, die Gruppe brach samt mobiler ­Munitionsfabrik wieder auf. Neues Ziel war das Konzentrationslager Stutthof. Das Wunder hatte eine einfache Erklärung. Die Führung solcher Werke lag in den Händen von hochrangigen Nationalsozialisten, die dafür Sorge trugen, dass sie über genügend »arbeitsfähiges« Personal verfügten. Dass diese Sorge zynischer Eigennutz war und keine ­Lebensgarantie bedeutete, musste Salomonovic kurz darauf schmerzlich feststellen. In Stutthof fragten die SS-Aufseher, wer Vitamine braucht. Wer krank war, wurde gnadenlos umgebracht. Sein Vater sagte ihm: »Ich melde mich und gebe sie dann dir.« Michal sah den Vater zum letzten Mal. »Er hatte den Deutschen immer geglaubt«, beschreibt Salo­monovic heute das Verhängnis seines Vaters.

Die Front rückte näher und bestimmte erneut den weiteren Weg. So landeten sie in Dresden, einer der ­wenigen deutschen Großstädte, die bis dahin vom Krieg verschont ­wurden. Hier befand sich ein wichtiges Eisenbahnkreuz, und konnte die Kriegswirtschaft ungestört auf Hochtouren produzieren. Die Arbeitskraft dafür stellten Zwangsarbeiter und ­jüdische Häftlinge wie Salomonovic, weshalb das Konzentrationslager Flossenbürg immer mehr Außenstellen in und um Dresden ansiedelte. »Wir wurden von Stutthof nach ­Dresden in offenen Waggons transportiert. Es war Winter, ungefähr so kalt wie jetzt«, fährt Salomonovic fort. Vom Bahnhof ging es zu Fuß in die Schandauer Straße. Eine Tabakfabrik wurde zum Munitions­betrieb umfunktioniert.

Hier in den weitläufigen Kellergewölben überlebten sie den Bombenangriff im Februar 1945, der für die ­Familie Tragödie und Rettung zugleich war. Denn die herannahenden Flieger verhinderten, dass die SS Salomonovics Bruder Josef, den sie am Tag zuvor bei einer Kontrolle entdeckt ­hatten, umbrachte. »Dieser Angriff war schrecklich. Jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug hörte, bekam ich vor Angst Durchfall«, erinnert sich Michal Salomonovic. Sie hatten Glück, in Dresden-Striesen fielen nur ­Brandbomben, die den Keller nicht erreichten.

Nachdem sie noch wochenlang zu Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, gelang ihnen auf dem nachfolgenden Todesmarsch nach Bayern in Böhmen die Flucht. Nach dem Krieg kam Salomonovic immer wieder nach Dresden, das zu seiner Heimatstadt Ostrava eine Partnerschaft pflegt. Das Erinnern und Gedenken an Holocaust und Krieg ist ihm ein besonderes Anliegen. Deshalb kam er gerade zum Jahrestag des Luftangriffs, den Rechtsextreme seit Jahren zur Verharmlosung der Geschichte missbrauchen.

Steffen Neumann

Kampf um Straßen und Köpfe

21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Seit Jahren mehren sich rechtsextreme Aufmärsche. Eine Tagung beschäftigte sich mit Gegenstrategien. Und in Dresden kommt es demnächst wieder zur Nagelprobe.

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)

Eine bessere Vernetzung der ­Versammlungsbehörden angesichts häufiger rechtsextremer Aufmärsche fordert Professor Uwe Berlit, Richter am Bundesverwaltungsgericht Leipzig. Auf einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen zum Thema »Rechtsextreme Demonstrationspolitik und Versammlungsrecht« in Weimar sagte er kürzlich: »Ein Know-how-Transfer wäre dringend nötig. Die Neonazis haben diesen Austausch bereits.«

Zugleich warnte er vor der Illusion, mit juristischen Mitteln dem Problem des Rechtsextremismus beizukommen: »Auch ›Rechte‹ haben Rechte. Was wollen wir noch alles verbieten?« Fünf bis acht Prozent der Bevölkerung seien rechtsextrem eingestellt, entsprechende Demonstrationen deshalb Normalität. »Das kann man bestenfalls begrenzt rechtlich regulieren«, stellte Berlit klar und betonte, der Rechtsextremismus sei weder ein Rand- noch ein ostdeutsches Phänomen. Zudem: »Eine notwendige Politik kann nicht durch rechtliche Verbote ersetzt werden«.

Außerdem machte er ein Dilemma deutlich: »Die Polizei, egal wie sie ­darüber denkt, ist verpflichtet, die Durchführung genehmigter Demonstrationen Rechtsextremer zu gewährleisten.« Sie dürfe allerdings zum Beispiel die Einhaltung erteilter Auflagen penibel kontrollieren. Ein Verbot ­derartiger Aufmärsche habe nur dann juristische Aussicht auf Erfolg, wenn die Versammlungsbehörde eine Gefahrenprognose abgebe, die mit konkreten Tatsachen belegt sei.

Dr. Fabian Virchow von der Uni Köln machte bei der gleichen Veranstaltung deutlich, dass sich die Zahl der Neonazi-Aufmärsche im Vergleich zu den 1980er Jahren verfünffacht habe und heute bei durchschnittlich 100 pro Jahr angekommen sei. Das liege auch mit an der gestiegenen Rechtssicherheit: »Angemeldete Demonstrationen finden zu 90 Prozent auch statt.« Die seien zudem inzwischen meist eingebunden in lokale Kampagnen und zumindest bei der NPD auch Teil einer langfristigen ­Strategie: »Die handeln nach dem Motto von SA und NSDAP: ›Macht auf der Straße bedeutet Macht im Staate‹.«

Dabei wolle man nach Ansicht ­Virchows nicht nur Präsenz zeigen, Grenzen überschreiten und Gegner einschüchtern, sondern auch in die rechtsextreme Szene hinein wirken: »Diese Aufmärsche eignen sich ideal, um Netzwerke aufzubauen, noch unsichere rechtsorientierte Jugendliche fester einzubinden sowie Disziplin und ›soldatische Haltung‹ zu schulen.« Demoralisieren ließe sich die rechtsextreme Szene nach Beobachtungen Virchows nur dann, wenn mehrere Aufmärsche in Folge im Desaster enden würden – sei es durch Verbot, polizeiliches Einschreiten oder durch Gegendemonstrationen.

Dass dieses Demoralisieren bisher nur in Einzelfällen glückt, zeigt das Beispiel Dresden: Hier organisiert der Landesverband der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« seit 1999 jedes Jahr mit Unterstützung der NPD einen »Trauermarsch« anlässlich der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, die sich in diesem Jahr zum 65. Mal jährt. Der Marsch ist inzwischen das zentrale Ereignis der rechtsextremen Szene und zieht Neonazis aus ganz Europa an; 2009 waren es ca. 7000 Personen. Für dieses Jahr rechnet der sächsische Verfassungsschutz erneut mit mehreren Tausend, teils gewaltbereiten Rechtsextremisten, zumal der 13. Februar auf ein Wochenende fällt.

Doch nachdem sich in den vergangenen Jahren die Gegendemonstranten in ihrem ganzem Spektrum vom linken Antifa-Aktivisten bis zum konservativen CDU-Mitglied in der Öffentlichkeit als heillos zerstritten zeigten und auch Stadtverwaltung und Polizei teils ungeschickt agierten, scheint es dieses Jahr so, als ob man endlich zueinander finden könnte: Unter dem Slogan »Erinnern und Handeln. Für mein Dresden« rufen alle demokratischen Parteien, die Kirchen, die Jüdische Gemeinde und zahlreiche weitere Institutionen aus Wirtschaft und Gesellschaft zu einer Menschenkette auf, die die Dresdner Innenstadt »symbolisch wie einen Wall vor dem Eindringen Rechtsextremer schützen« soll.

Der »Aufruf zum Friedensgebet in Sicht- und Hörweite des Neonaziaufmarsches« trägt die Unterschrift von Sachsens evangelischen Landesbischof Jochen Bohl wie seines katholischen Amtskollegen Joachim Reinelt vom Bistum Dresden-Meißen, sowie des Landesrabbiners Salomon Almekias-Siegl. Am Vorabend des 13. Februar findet darüber hinaus in Dresden die Gründungsveranstaltung der »Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchen für Demokratie – gegen Rechtsextremismus« statt.

Rainer Borsdorf