Welche Rolle spielen Christen in der Politik, Herr Resing?

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Nahezu 60 Prozent Christen leben in Deutschland. Wie groß ist der Einfluss in Politik und Gesellschaft? Der Journalist und Buchautor Volker Resing (»Angela Merkel – Die Protestantin«) hat darauf geantwortet:

Welche Rolle spielen Christen in der Politik?
Resing:
Christen spielen in der Politik eine maßgebliche Rolle. Gerade in den neuen Bundesländern sind engagierte Christen nach 1990 in wichtige Positionen gekommen. Ohne das soziale Engagement von Christen und den Kirchen sähe es in unserem Land gewiss schlechter aus.

Wie viel Kirche und Christentum verträgt die Politik?
Resing:
Aus der christlichen Botschaft lässt sich in der pluralen Gesellschaft kein eindeutiges politisches Programm ableiten. Wer das behauptet, der missbraucht die Bibel für seine persönlichen politischen Ziele. In der Demokratie ist es auch als Christ legitim, etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu begrüßen oder sie zu kritisieren. Die Kirchen haben sich hier klar und laut positioniert, dass das Eintreten für Menschen in Not zur Christenpflicht gehört. Manchen war das zu deutlich, aber klar erkennbar waren die Kirchen da.

Volker Resing Foto: Markus Nowak

Volker Resing Foto: Markus Nowak

In manchen anderen Fragen gibt es ja auch unter den verschiedenen christlichen Kirchen – und auch unter Christen – sehr unterschiedliche Positionen. Etwa in der Abtreibungsfrage oder bei der Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare. Das ist für Christen manchmal sehr schwierig, da eine eigene Orientierung und Positionierung zu finden. Aber dass es als Christ leicht sein würde in der Welt, das hat Jesus auch nicht verheißen.

Das Thema eines Gesprächsforums in Magdeburg heißt »Das Verschwinden des Christentums aus der Politik?« Wie stehen Sie dazu?
Resing:
Meine Kernthese ist, dass vielmehr die Entkirchlichung und das Verschwinden des Christentums in der Gesellschaft das Problem ist. Gerade in den neuen Bundesländern hat man da ja durchaus schon mehr Erfahrung als im Westen. Und auch dabei ist die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern doch nur ein Symptom der Krankheit. Viel schlimmer ist, dass die Menschen die christliche Botschaft nicht mehr verstehen – und viele Christen sie nicht mehr erklären können.

Theologen in der Politik – Vorteil oder Hindernis?
Resing:
Vielleicht muss man hier an Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen erinnern. Das Christentum ist nun mal, auf die Politik bezogen, keine Sprache oder kein Fachgebiet wie etwa das Englische, bei dem man mit einem Test einwandfrei nachprüfen könnte, ob jemand es beherrscht oder nicht.

Das Christentum ist keine Ideologie. Und wenn es eine wäre, das Christentum wäre heute nicht die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die Botschaft des Auferstandenen ergreift Asiaten und Afrikaner, Amerikaner und auch Sachsen-Anhalter und Thüringer gleichermaßen, wer sie da kleinmachen will für sein eigenes kleines Leben, der hat die Sprengkraft des Glaubens vielleicht noch nicht ganz erfasst.

Die Fragen stellte Diana Steinbauer.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Weihnachten in aller Welt

18. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Botschaft von der Geburt Jesu unter den Menschen ist kultur- und grenzübergreifend

Jesus von Nazareth kam in Bethlehem in Judäa zur Welt. So weit die Fakten. Doch für die meisten von uns ist Jesus von Geburt her gefühlt wohl doch eher Bayer, Österreicher oder Schweizer. Denn für viele gehört zur perfekten Weihnacht nicht nur glitzernder weißer Schnee. Die Geburt des Herrn stellen und stellten sich Künstler, Spielzeugindustrielle und eben auch viele andere Menschen in einer alpenländischen Bergkulisse vor.

Slumkrippe aus Peru. Fotos: epd-bild/Andrea Enderlein

Slumkrippe aus Peru. Fotos: epd-bild/Andrea Enderlein

Doch Kälte, Dunkelheit, Frost und Schnee gehören anderenorts nicht automatisch zum Weihnachtsfest dazu. Und auch unter den Advents- und Weihnachtsliedern des evangelischen Gesangbuches findet sich nur eines, das in Lateinamerika, Australien oder Afrika nicht funktionieren würde, wo Weihnachten in sommerlicher Hitze gefeiert wird. Denn »Es ist ein Ros entsprungen« handelt laut Text »mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht«. Ansonsten spielt das Wetter keine Rolle in unseren Liedern der Weihnacht. »Es gibt Dinge, die müssen übertragen werden, damit sie in anderen Ländern und Kulturen verstanden werden. Anderes dagegen ist überall gleich, wird überall verstanden und verbindet so die Kulturen miteinander«, erklärte Augustinerpfarrerin Irene Mildenberger beim Augustinergespräch in Erfurt. Mildenberger zeigte anhand von Liedern, Texten und auch Videoaufnahmen, wie vielfältig, anders­artig und doch auch verbindend das Weihnachtsfest in der Welt begangen wird. Flirrende Hitze, heulende Dingos, Viehtreiber in der Prärie – davon handelt ein bekanntes australisches Weihnachtslied. In »The three Drovers« erscheint den Viehtreibern in der Ebene der Stern. Menschen und Tiere feiern in der ausgedörrten Prärie die Ankunft eines Königs. Ein Weihnachtslied der kanadischen Huronen-Indianer dagegen besingt die Geburt des Jesuskindes in den jahrhundertealten Bildern des Stammes. Geister vom Himmel bekunden die Geburt, Älteste kommen und huldigen dem Kind und salben ihm zur Verehrung den Skalp. »Diese Lieder zeigen, dieses Kind kommt direkt zu diesen Menschen. Es ist unter uns geboren, für uns da«, so Mildenberger. »Weihnachten hat eine kulturübergreifende Bedeutung, die überall auf der Welt funktioniert.« Das Lukas-Evangelium, das Motiv der Armut und Heimatlosigkeit, Hirten, Arme und Ausgestoßene als Zeugen und erste Gäste des erwarteten Jesuskindes, die Nacht, die Weisen, der Stern, aber auch die Erfahrung von Flucht und Verfolgung, all diese Elemente verstehen, kennen und tradieren die Völker der Welt, wenn es um das Weihnachtsfest geht. Jesus hat sich den Armen und Schwachen der Gesellschaft zugewandt, und dies schon im Augenblick seiner Geburt. Das versteht man überall auf der Erde. »Die zentrale Botschaft«, betonte Mildenberger, »ist überall gleich: Gott kommt auf die Erde, um uns zu erlösen.«

Trotz aller regionalen Unterschiede und Besonderheiten des Festes der Feste gibt es einige Weihnachtstraditionen, die der deutsche Sprachraum bis heute in alle Welt exportiert hat. Da ist zum einen der Tannenbaum, der es aus deutschen Landen, über die privaten Salons der königlichen Familie in England bis heute in fast jedes Wohnzimmer auf allen Kontinenten der Welt geschafft hat. Und »Stille Nacht, heilige Nacht« ist zu dem Weihnachtsklassiker überhaupt geworden. Ein Lied, das weltweit in 150 Sprachen und 200 verschiedenen Fassungen gesungen wird. Für Liebhaber des Außergewöhnlichen existieren sogar Fassungen im »Elbisch« der »Herr der Ringe«-Sage und in »Star Trek-Klingonisch«.

Diana Steinbauer

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Fluchtgeschichten: Ereignisse, die verbinden können

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Flucht und Vertreibung – ein Thema so alt wie die Menschheit. Das Erlebte zu verarbeiten ist schwer. Um Begegnung und Austausch geht es bei einem kirchlichen Projekt im Harz. Flüchtlinge von einst und jetzt erzählen ihre Geschichte.

Was bedeutet es, wenn man vertrieben wird? Viele Menschen können davon erzählen. Das hat Vikarin Ann-Sophie Schäfer in Benneckenstein (Kirchenkreis Halberstadt) erfahren. »Wer sich für die alten und neuen, die schmerzhaften und hoffnungsvollen Erzählungen von Flüchtlingen interessiert, der hat die Chance auf echte Begegnung. Der kann den anderen mit seiner Geschichte begreifen und vielleicht auch ein Stück der eigenen Geschichte neu verstehen.«

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Die Vikarin hat zusammen mit 15 Freiwilligen einen Abend zum Thema »Fluchtgeschichten« organisiert. Der Interkulturelle Abend im April 2015 war ein voller Erfolg. Sechs Fluchtgeschichten wurden auf Arabisch und Deutsch vorgestellt. Eine syrische Band spielte, die Harzer Heimatgruppe trat auf und beim interkulturellen Buffet konnte man sich begegnen.

»Wir waren eine kleine Gruppe von vier jungen Männern, die sich schon länger mit Fluchtplänen befasst hatte …« Diese Geschichte, die hier ihren Anfang nimmt, spielt nicht heute, sondern vor über 40 Jahren mitten in Deutschland, an der deutsch-deutschen Grenze.

Einer von uns hatte sich bei einem Westbesuch die Grenze von der Westseite aus ansehen können und eine Landkarte vom Westharzland mitgebracht. Dort waren noch alle Vorkriegswege eingezeichnet, und wir konnten sie mit unserer Ostkarte abgleichen und so einen für uns günstigen Weg aussuchen. Wie wir leider feststellen mussten, war einer von uns ein Verräter, er wurde als Spitzel von uns enttarnt. So kam es, dass wir früher fliehen mussten als geplant. Wir packten unsere Sachen und es ging um 20 Uhr zu Fuß Richtung »Drei Annen« los. Wir wählten dann den nach unserer Vorstellung sichersten Weg über die »Steinerne Renne«, dann Richtung Ilsenburg und Brockenmoor, und schließlich Richtung Eckertalsperre-Torfhaus. Wir waren vorsichtig und leise.

Anonym

Flucht ist oft lebensgefährlich. Davon berichtet die 1944 in Elbingerode geborene Person, die nicht namentlich genannt werden will. Anonym wurde der Text an Ann-Sophie Schäfer weitergeleitet. Flucht ist nicht gleich Flucht und gesellschaftspolitische Hintergründe lassen sich nicht vergleichen. Aber einander Erlebtes zu erzählen, das bringt Menschen näher zueinander. Erzählen schafft Begegnung.

Mein Name ist Khaled, ich bin 1978 geboren – in der Stadt Abu Kamal. Sie liegt an der syrisch-irakischen Grenze und ist bis heute schwersten Bombardierungen ausgesetzt. In der letzten Zeit sind die Bombardierungen durch die Luftwaffe des Regimes und auch durch die russische Luftwaffe sogar noch heftiger geworden. Viele Menschen sind ums Leben gekommen oder durch den »Islamischen Staat« vertrieben worden. Ich und meine Frau haben uns schließlich entschlossen, Syrien zu verlassen, vor allem, weil es keine Schulen und keine Krankenhäuser mehr gab.

Wir haben uns mit dem Fahrer eines Kleinbusses geeinigt und sind eines Nachts aus Abu Kamal nach Al-Mayadin geflohen. Von dort haben wir die Wüstenstraße Richtung Aleppo genommen, wo die Menschen in die Türkei geschleust werden. Die Reise war immer wieder sehr riskant: Auf der einen Seite die Straßensperren des »Islamischen Staates« und auf der anderen Seite die Flieger, deren Brummen man nachts hörte. Unsere erste Reise dauerte neun Stunden, dann kamen wir endlich im syrisch-türkischen Grenzgebiet an. Wir fanden jemanden, der uns in die Türkei schleusen konnte. Zwischen Olivenbäumen liefen wir zehn Kilometer zu Fuß. Ab und zu gab es Bombardierungen in den nahegelegenen Gebieten. Wir hörten scharfe Schüsse und Artillerie. Unsere Kinder und wir hatten große Angst.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled und Farkhozad leben mit ihren Familien seit dem vergangenen Jahr im Oberharz. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, erklärt Khaled. Dennoch hat es beiden viel bedeutet, den Menschen im Oberharz von ihrem vorherigen Leben und den Umständen ihrer Flucht zu berichten. Sie möchten, dass die Menschen verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Und sie wollen zeigen, dass sie sich wünschen, in Deutschland ganz anzukommen. Sie wollen nicht nur so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, sondern die Menschen kennenlernen, die hier leben. Ihre Hoffnung ist es, besonders für ihre Kinder, ein Leben in Frieden zu führen.

Der Weg fort aus Syrien war furchtbar. Wir waren gezwungen, endlose Wege zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, jemals das rettende Ufer zu erreichen. Uns erging es genauso wie vielen anderen Menschen auch. Wir sind schwer zugängliche Wege gegangen, überquerten Gewässer und Gebirge. Meine kleinen Kinder haben mir furchtbar leidgetan, vor allem wenn sie nicht mehr laufen konnten.

Drei Stunden trieben wir auf dem Wasser herum. Wir beteten zu Gott, dass er uns hilft. Einige von uns weinten. Plötzlich war da ein Journalist auf dem Wasser, der Fotos machte. Er hatte uns entdeckt. Wir haben angefangen, mit den Händen zu winken und lauthals zu schreien. Schließlich kam er uns zu Hilfe. Er zog uns bis ans Ufer. Dieser Mann, der uns geholfen hat, ist ein wunderbarer Mensch. Für mich war es ein schmerzlicher Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

»Ich weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Wenn ich vom Krieg in Syrien und der Flucht höre, dann weiß ich, dass vor allem auch die Kinder davon nicht unberührt bleiben. Das bleibt. Ich war auch erst neun, Ende Mai 1945 wurde ich zehn Jahre. Das ist wie ein Kaleidoskop, wie ein wahrer Film, der bleibt.« Edith Lippe wurde vor 81 Jahren in Stolp in Pommern geboren. Am 8. März 1945, als die Russen von Osten schon nach Pommern vorgerückt waren, treckte endlich, doch viel zu spät, auch ihr Dorf Richtung Westen.

Es war eisig kalt, die Pferde rutschten bergauf auf der vereisten Straße aus. Vor dem Ort Putzig gerieten wir in die Kampfhandlungen. Ein unübersehbarer Treck von Flüchtlingen fuhr in Richtung Danzig. Alle wollten versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Von Osten kamen uns russische Panzer entgegen und trafen auf die deutschen Truppen. Die schoben unsere Treckwagen in den Straßengraben. Die Geschosse flogen aus allen Rohren. Wir versteckten uns hinter aufgestapelten Holzstämmen. Meinem 11-jährigen Bruder flog eine Granate so knapp am Ohr vorbei, dass er wochenlang nichts hören konnte.

Edith Lippe

Edith Lippe

Edith Lippe

Als die kleine Edith 1947 nach der entbehrungsreichen Flucht mit der kranken Mutter und den Geschwistern im Oberharz ankam, spürte sie, dass sie hier nicht willkommen waren. Ein neues Leben anzufangen war nicht leicht in den schweren Jahren der Nachkriegszeit. Heute engagiert sich Edith Lippe mit ihrem Mann Hans-Henning in der Flüchtlingshilfe. Inzwischen sind sie, wie sie erzählen, für eine syrische Familie eine Art Großeltern geworden.

Und so klingen Fluchtgeschichten heute zusammen. Auch wenn die Schicksale so verschieden sind. »Ich finde, das ist jetzt ganz was anderes als damals bei uns. Wenn dort Krieg ist und sie flüchten, weil es um Leben und Tod geht, dann kann ich das gut verstehen, dass sie hierher kommen und dass die Leute auch freundlich sind zu denen. Das kann ich alles verstehen. Aber ich muss sagen: Wir hatten auch nichts und uns hat keiner was gegeben. Wir haben hier gehungert. Wir haben Kräuter gesucht, Brennnesseln, was man essen konnte. Das haben wir gesammelt und die Mutter hat dann Suppe davon gekocht. Es gab keine Kleiderkammer wie heute.« So sieht es Margot Papra.

Margot und Detlef Papra

Margot und Detlef Papra

Die gebürtige Schlesierin Margot Papra hat gemeinsam mit Sohn Detlef ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Detlef Papra war es auch, der diese beim Interkulturellen Abend in Benneckenstein vorlas. Er kennt die Geschichten aus der alten Heimat der Eltern und Großeltern, ist mit anderen Dialekten und schlesischer Küche aufgewachsen.

»Durch diesen Abend und dadurch, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe, ist mir das noch mal sehr bewusst geworden und hat für mich auch noch mal eine Verbundenheit mit der Heimat meiner Großeltern und Eltern gebracht. Ich habe mich mehr damit beschäftigt und auch ein anderes Verständnis für die Menschen bekommen, die heute auf der Flucht sind«, erklärt Detlef Papra.

Lebensschicksale lassen sich nicht einfach vergleichen. Die Hintergründe von Flucht und Vertreibung sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden müssen. Aber das gegenseitige Erzählen und Anteilnehmen verbindet. So war es jedenfalls in Benneckenstein. »Einander von sich erzählen können, das hilft einfach«, sagt Ann-Sophie Schäfer.

Diana Steinbauer

Behutsam bewegt sich etwas

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava-Festspiele: Im Mittelpunkt stand das Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen

Barmherzigkeit und Nächstenliebe: das sind die Aushängeschilder von Jesus von Nazareth und der ihm nachfolgenden Christenheit. Für den Islam nehmen Außenstehende meist das Gegenteil an. Laut einer Statistik halten 57 Prozent der Deutschen den Islam für bedrohlich. Gewalt, Terroranschläge, die Einschränkung persönlicher Freiheit und Meinungsäußerung: all das wird oft mit dem Islam gleichgesetzt.

Mouhanad Khorchide zeichnet ein ganz anderes Bild des Islam. Der Professor für islamische Religionspädagogik an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat in seinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion« seine Vision von einem Islam des 21. Jahrhunderts skizziert. Im Rahmen der Erfurter Religionsgespräche beim Achava Festival in Erfurt stellte Khorchide seine Thesen vor.

»Eine Religion, die den Anspruch hat im 21. Jahrhundert zu gelten, auch wenn sie im 7. Jahrhundert entstanden ist, muss sich erneuern«, stellte Khorchide ganz klar fest. Der Islam, so der Professor, der im Libanon geboren wurde, habe die gleichen Probleme wie andere Religionen. Oft erreiche man mit den religiösen Inhalten die Jugend kaum noch. »Es gibt viele Kultur-Muslime, die den Islam als kulturelle Identität verstehen, aber wenig bis gar nicht gläubig sind«, so Khorchide. Er sieht hier ein ganz klares Versagen der Religion, das große und bedrohliche Auswirkungen hat.

Khorchide plädierte beim Gespräch in der Erfurter Peterskirche dafür, den Koran historisch-kritisch zu untersuchen, so, wie es auch christliche und jüdische Theologen mit ihren heiligen Schriften praktizieren. Man müsse ein heiliges Buch immer auch im historischen Kontext lesen und in die neue Zeit übersetzen. Kein Jude oder Christ würde Stellen im Alten Testament, die Gewalt zum Thema hätten, unreflektiert ins Heute übertragen.

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Den Text kritisch anschauen und mancherorts entschärfen, dieser Anspruch hat Khorchide viel Kritik und sogar Morddrohungen eingebracht. Viele werfen ihm vor, beliebig Stellen aus dem Koran zu verwenden und damit ein völlig anderes, ja weichgespültes Bild des Buches zu zeichnen. Diesem Vorwurf trat Khorchide beim Religionsgespräch entschieden entgegen. »Ich versuche vehement, Schlüssel und Kriterien zu schaffen. Ich möchte Antworten finden auf die Fragen ›Was will Gott? Warum erschafft er die Menschen?‹ Vor diesem Hintergrund muss man den Koran lesen. Das ist Exegese.«

Das Gottesbild eines ungerechten strafenden Gottes lehnt Khorchide kategorisch ab. »Glaube ist keine Überschrift«, so der Wissenschaftler und gläubige Muslim. »Glaube ist etwas, das man durch sein Handeln bezeugt.«

Doch wie zukunftsfähig ist eine Religion, die sich schwertut in ihrer Erneuerung, die mit Kritik schlecht umgehen kann und aus den verschiedensten Strömungen besteht? Der Islam könne in der Zukunft nur bestehen, wenn er sich erneuere und eine klare Trennung von Politik, Gewalt und Glaubensinhalten vollziehe, erklärte Khorchide.

Vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst ausgesetzt ist, und angesichts der Ereignisse in der Welt, trat die Frage auf, wie reell so eine Reform des Islam sei. Mouhanad Khorchide weiß, dass sich nur ganz langsam ein Wandel einstellen kann. Er aber spüre, dass sich behutsam etwas bewege. Die Erneuerung werde, so glaubt er, von Europa und den hier lebenden Muslimen ausgehen, die in ihrer Religionsausübung und in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt seien. Der Bedrohung des IS kann er nur eine positive Seite abgewinnen: Sein Terror habe dazu geführt, dass sich viele Menschen vom politischen Islam ab- und einer Reform zuwenden. Khorchide weiß, wie schwer seine Bemühungen sind, doch er steht auch an diesem Abend in der Erfurter Peterskirche unermüdlich für sie ein: für interreligiösen Dialog, Erneuerung, Freiheit und Demokratie, auch für und mit Muslimen.

Diana Steinbauer

Flagge zeigen für das Miteinander

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerungsort: »Topf & Söhne« symbolisch mit ACHAVA-Fahne markiert

Menschen zusammenführen und einladen zum Lernen und zur Begegnung, das ist das Ziel von »ACHAVA«, dem jüdischen Impuls für interreligiösen Dialog. Die Festspiele für Toleranz und Dialog fanden 2015 erstmals in Thüringen statt. In diesem Jahr hat das Festival zwei neue Veranstaltungsorte und -partner gefunden: den Thüringer Landtag und den Erinnerungsort »Topf & Söhne«.

Hissen der Flagge:  Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort  Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Hissen der Flagge: Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf und Söhne«, die Entlüftungsanlagen und gasdichte Türen für die Gaskammern zahlreicher Konzentrationslager baute, wurde deshalb am Tag vor der Eröffnung des Festivals ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA gehisst.

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne« betonte die Bedeutung eines solchen Zeichens: »Es ist sehr wichtig, dass an einem solchen Ort wie diesem, an dem Techniker gedacht und produziert und dabei die Folgen ihres Tuns für die Menschen ignoriert haben, dass gerade hier nicht nur der Taten erinnert, sondern auch ein Zeichen für Toleranz und Verständigung gesetzt wird.«

Mit dem Banner wolle man nicht nur auf ACHAVA und die zahlreichen und vielfältigen Veranstaltungen bis zum
11. September in Erfurt aufmerksam machen. »Wir wollen auch zeigen, dass dieser Ort ein offenes Haus und nicht auf die Vergangenheit ausgerichtet ist. Hier bewegt sich etwas«, so die Kuratorin.

Der Kulturdirektor der Stadt Erfurt, Tobias Knoblich, erklärte, die Stadt wolle nicht nur Veranstaltungsort, sondern intensiver Partner des Festivals sein. Knoblich betonte die besonderen Herausforderungen, die die Globalisierung an die Gesellschaft stelle. »Es gibt viele Widerstände und Grenzen. Wir müssen uns aufmachen, Unbekanntes kennenzulernen und Differenzen akzeptieren zu können«, so Knoblich.

Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Landtag und dem Erinnerungsort. Er hofft, dass das Festival auch in diesem Jahr wieder viele Menschen anziehen und begeistern wird. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, Meditation und vieles mehr wird dem Publikum in diesen Tagen in Erfurt geboten.

Kranz hofft, dass bis zu 10 000 Besucher zum Festival kommen werden. »Wir machen den Erfolg von ACHAVA jedoch nicht an einer Zahl fest«, so Kranz. »Für uns zählt die Qualität der Beiträge und jeder Einzelne, den wir erreichen.«

Diana Steinbauer

Gott in den Alltag holen

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Groß­eltern ihren Glauben an Kinder und Enkelkinder weitergeben? Dieser Frage widmet sich eine dreiteilige Serie.

Kennen Sie »Kirchenbauchschmerzen«? Nein? Dieses rätselhafte Leiden befällt meine Kinder ab und zu am Sonntagmorgen kurz nach neun Uhr, wenn es Zeit wird, sich für den Sonntagsgottesdienst bereit zu machen. Er fühle sich gar nicht gut, sagt dann der Achtjährige, der Bauch tue weh und überhaupt, das gesamte Befinden sei nicht das Beste. Die kleine Schwester schließt sich dem an, greift noch schnell an die Stirn, die ihr selbst sehr, sehr heiß vorkommt. Das Zauberhafte an diesen Beschwerden ist: Um Punkt zehn Uhr sind sie verschwunden, ob wir nun gemeinsam den Gottesdienst besuchen oder nicht.

»Kirchenbauchschmerzen« zeigen, dass es gar nicht so einfach ist, Kinder im Glauben zu erziehen. »Religion lernt man von außen nach innen«, sagt der Religionspädagoge Fulbert Steffensky. Kinder sollen am Vorbild der Eltern christliches Leben erfahren, mit ihnen den Gottesdienst besuchen, das Geschehen dort in sich aufnehmen, erleben, um es dann zu verinnerlichen und verstandesmäßig zu erfassen.

Doch Kinder in den Kontakt mit dem Glauben zu bringen und sie auf ihrem eigenen Weg zu bestärken ist nicht leicht, vor allem, da man als Eltern erst einmal über den eigenen Glauben reflektieren muss. Was glaube ich? Wie erlebe ich Gott? Was weiß ich über ihn und Jesus Christus? Wie sag ich’s meinem Kinde? Und man muss sein Verhalten betrachten: Bete ich? Spreche ich von Gott? Gehe ich zum Gottesdienst? Sprechen wir gemeinsam das Tischgebet? Bin ich barmherzig und gebe dem Bettler in der Fußgängerzone etwas aus meinem Geldbeutel oder gehe ich achtlos an ihm vorbei?

Kinder betrachten ihre Umwelt sehr genau. Dazu gehört auch das Verhalten der Menschen, die sie umgeben. Und sie fragen ganz automatisch nach Gott. Ihre Fragen ernst zu nehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, das ist ganz wichtig, damit Kinder eine Beziehung zu Gott aufbauen können. Der katholische Religionspädagoge Albert Biesinger hat viele Bücher darüber geschrieben, wie man den christlichen Glauben an Kinder und Jugendliche weitergibt. Neben den Gesprächen über Gott hält er Rituale für unverzichtbar: das Segnen der Kinder vor dem Weg zur Schule oder zum Kindergarten, das Tischgebet und das Vorlesen aus der Bibel.

Solche Rituale haben auch wir. Und es stimmt: Sie helfen auch in unserer hektischen, digitalen Zeit, innezuhalten und Gott in unser Leben, an unseren Abendbrottisch zu holen. Aber ich gestehe, ich muss mich immer wieder ermahnen, Gott diesen Raum in unserem Leben zu geben, Platz an unserem Tisch zu machen. Wer Gott als täglichen Begleiter erfährt, weiß, dass er mit allen Sorgen, Nöten, Ängsten, aber auch Freuden in ihm einen Ansprechpartner hat. Ich hoffe, so wird der Glaube an Gott und Jesus Christus allmählich verinnerlicht. Ein Glaube, der bleibt, wenn der Kinderglaube längst schon vergangen ist.

Diana Steinbauer

Christen bislang kein Thema

10. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeindemitglieder aus dem Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau fordern eine Debatte über die Religionsfeindlichkeit in der DDR und deren Folgen.

Der 17. Juni wird in Thüringen erstmals als Gedenktag für die Opfer von SED-Unrecht begangen. Der Tag des Volksaufstandes in der DDR bietet nach Ansicht der Thüringer Landesregierung die Chance auf eine neue Herangehensweise an die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Der Überwachungsapparat, die Strafverfolgung von Oppositionellen und Repu­blikflüchtigen, die Thematisierung von Schuld, Zwangsadoption und Zwangsaussiedlung sollen Teil des Prozesses sein. Einzig die Christenfeindlichkeit kommt dabei nicht vor.

Diskriminierung

Christen im Osten Deutschlands, die die DDR noch erlebt haben, können von Diskriminierung auf vielen Ebenen des Lebens berichten. Wer sich für die Konfirmation oder Firmung anstatt der »freiwilligen« Jugendweihe entschied, dem musste klar sein, dass die Ausbildungs-, Berufs- und Studienwünsche meistens eines bleiben würden: Wünsche. Christen wurden nicht nur in ihrer Religionsausübung eingeschränkt, sie wurden diskriminiert, ihr kirchliches Tun ins Verborgene, ins Private verbannt. Gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone noch 95 Prozent der Bürger einer der beiden Kirchen an, so sind es heute gerade noch 20 Prozent.

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

»Was die Minimierung der Christenzahlen angeht, hat die DDR ganze Arbeit geleistet«, erklärt Pfarrer i. R. Gerhard Sammet aus Ilmenau. Diese Entwicklung ließe sich nicht ungeschehen machen, doch Sammet hofft darauf, dass die Christen- und Religionsfeindlichkeit in der DDR endlich auch Thema einer umfassenden Aufarbeitung der Thüringer Landesgeschichte wird. Darum hat er gemeinsam mit dem Mathematiker Pedro Hertel einen offenen Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition formuliert. Darin beschreiben die Autoren, welche Repressalien Christen in der DDR erleiden mussten.

»Dieser Brief legt den Finger in die Wunde und beschreibt ein großes Dilemma«, betont Christian Dietrich, Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auch er glaubt, dass die Christenfeindlichkeit des Regimes bisher zu wenig offen thematisiert worden ist. Darin kritisiert Dietrich auch die Kirchen. Anpassung, das eigene Bekenntnis, Erpressungsversuche des Staates, all das sei bisher zu wenig betrachtet worden.

Die Thüringer Landesregierung, zu deren Koalition auch die Partei die LINKE gehört, bekennt sich im Koalitionsvertrag zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. »Seit Regierungsantritt haben sich zahlreiche Menschen an uns gewandt. Darunter war aber keine einzige Anfrage zur Christenfeindlichkeit. Daraus resultiert auch, dass wir bisher keine Projekte in diese Richtung angedacht haben«, erklärt Staatssekretärin Babette Winter.

Aufarbeitung des Unrechts

Die Landesregierung will mit beiden Seiten ins Gespräch kommen. Gespräche, das ist es auch, was die Verfasser des offenen Briefes wollen: »Es geht uns nicht darum, Entschädigungen für erlittenes Unrecht zu verlangen. Wir wollen mit dem Brief eine Entwicklung, einen Gesprächsprozess darüber in Gang setzen, was diese Religionsfeindlichkeit in der Bevölkerung bewirkt hat und was davon bis heute nachwirkt«, so Sammet. Denn die Rolle und der Platz der Kirchen in der Gesellschaft – damals wie heute – sei ein wichtiges Thema. Darum fordert Mitverfasser Pedro Hertel, dass sich der Landtag mit dem Thema in einer öffentlichen Fragestunde befasst. Und auch eine weitere Debatte innerhalb der Kirchen sei nach seiner Ansicht notwendig. Forschungsergebnisse belegen, dass nicht einmal jedes zweite Opfer von SED-Repressionen über seine Erfahrungen spreche.

Opfer meist sprachlos

Auch Personen, deren Schicksal im offenen Brief von Gerhard Sammet und Pedro Hertel an die Regierungskoalition angedeutet wurde, scheuten sich heute noch, an die Öffentlichkeit zu gehen. »Opfer würden dann gezwungen, sich wiederum mit den Erniedrigungen und den Tätern auseinanderzusetzen«, erklärt Christian Dietrich. Das sei meist nicht hilfreich. Gerade die Auseinandersetzung um Religionsfreiheit ist konfliktträchtig. Das Recht, seinen Glauben in der eigenen Familie und öffentlich zu leben, ist bis heute nicht selbstverständlich. Christian Dietrich glaubt nicht, »dass Aufarbeitung das Ziel hat, dass sich wieder alle lieb haben«.

Vielmehr sollte es darum gehen, das Geschehene zu benennen und Dialoge mit gesellschaftlichen Gruppen zu führen, um in der aktuellen Auseinandersetzung achtsamer miteinander umzugehen.

In der DDR-Vergangenheit gäbe es nicht nur Täter und Opfer, nicht nur Schwarz und Weiß, betonte Staatssekretärin Babette Winter. Entschuldigen könne sich nur, wer schuldig geworden sei, vergeben könne nur der, der Opfer gewesen sei. Für die Landesregierung aber gelte, »dass wir anerkennen, dass es Unrecht war, und das muss es uns wert sein – auch noch in zehn Jahren«.

Diana Steinbauer

Offener Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition

“Fremdenfeindlichkeit” ist ein böses Wort. Im vergangenen fahr 2015 haben wir mehr als genug davon, auch im persönlichen Leben, erfahren müssen. Wir kennen sehr viele Christen, die in ganz Deutschland Herzen und Türen geöffnet haben, um Flüchtlingen zu begegnen und für sie da zu sein. Bis zur Friedlichen Revolution 1989 haben wir Christen in der DDR auch eine spezielle Feindlichkeit erfahren: “Christenfeindlichkeit”. Wir können uns also in die Opfer von Feindlichkeiten jeglicher Art hineinversetzen. Von der Christenfeindlichkeit in der DDR, die wir erleben mussten, berichtet dieser “Offene Brief”. Nach dem Krieg gehörten in der damaligen SBZ etwa 95% der Einwohner einer der beiden großen Kirchen an. Heute sind es nur etwa 20% der Einwohner in den jungen Bundesländern. Wie ist es dazu gekommen? Schon 1956 referierte der katholische Bischof Otto Spülbeck aus Meißen auf dem Kölner Katholikentag: “Wir Christen leben in der DDR in einem Haus, das wir nicht gebaut haben. Wir halten auch die Fundamente dieses Hauses für falsch, Wir dürfen in diesem Haus nur die Treppen säubern.” Diese Feststellung erregte damals großes Aufsehen, besonders natürlich in der DDR. Die Machthaber monierten: Der Sozialismus ist für alle da! Schon ab 1945 hatte die SED in der SBZ die Weichen gestellt: nur eine sozialistische Kinderorganisation: Junge Pioniere (FP) und nur eine sozialistische Jugendorganisation: Freie Deutsche Fugend (FDJ). Aber 1945 war mit den Kirchen abgesprochen worden: Nach Überwindung der Kriegsschäden – auch in den Köpfen – könnt ihr Christen selbständige Organisationen gründen. Dieses Versprechen wurde NIE eingelöst. Das Gegenteil war der Fall. Es gab massive Maßnahmen z. B. gegen die Mitglieder der “Jungen Gemeinde” in der evangelischen Kirche. Sie wurden insbesondere sichtbar von 1950 bis 53, wo z. B. an der Schiller Universität Jena Studenten deshalb exmatrikuliert und verfolgt wurden, was bei der Aufarbeitung der Geschichte der Universität Jena nach 1989 beispielhaft nachgewiesen wurde. Jugendweihe und andere pseudosakrale Riten wurden eingeführt. Die Teilnahme der Kinder und Jugendlichen war angeblich freiwillig, wehe aber denen, die diese Freiwilligkeit in Anspruch nehmen wollten. Berufswünsche, Studienwünsche wurden negativ beeinflusst, wenn ein junger Mensch kein Junger Pionier, nicht in der FDJ war oder nicht an der Jugendweihe teilnehmen wollte. Lebenswege wurden verbaut. Die Konfirmation wurde “erfolgreich” in den Hintergrund gedrängt, sie brachte den Jugendlichen Nachteile. Dieser Trend hat sich bis heute erhalten, etwas, was die damaligen Kinder und heutigen Eltern nie kennengelernt haben, das erwarten sie von eigenen Kindern nicht, viele freuen sich über das Ritual der Jugendweihe, das Fest und Geschenke. Da jede Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen verboten war, wurde die Tätigkeit der Kirchen und der christlichen Religion immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. In vielen Bereichen hatte es den Anschein, als sei die Kirche schon tot oder ihre Seelsorge sei überflüssig geworden, sei nur noch Sterbehilfe für wenige alte Menschen. Ein konkretes Beispiel: Ein junger Schüler im heutigen Thüringen hatte in allen Fächern Bestnoten. Ihm fehlten für das schulische Weiterkommen allerdings die Zugehörigkeit zu den JP und die Jugendweihe. Im Gespräch mit dem damaligen Rat des Kreises, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Abteilung Inneres, der zuständige Ansprechpartner für Kirchenfragen: “Der Schulrat ist ein Stalinist, er hasst jeden Christen persönlich”. Diese Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden war schon recht offen – aber niemals hätte er schriftlich dazu gestanden. Trotz aller danach geführten Gespräche, schriftlichen Eingaben von Eltern und dem Pfarrer, trotz der schulischen Bestleistungen wurde der damals 14jährige Schüler nicht zur EOS (Erweiterte Oberschule) zugelassen, damit von Abitur und Erreichen der Studienreife bewusst ausgeschlossen. Weil er Christ war! Das Verhalten des DDR-Staates (SED-Einparteienherrschaft) gegenüber Christen bewegte sich wie auf einer schiefen Ebene, fast unmerklich gab es Absagen, Verunsicherungen, Ausgrenzungen. Andererseits wurden Ausnahmen gemacht und diese dazu benutzt, um sagen zu können: “Na, der hat es doch auch geschafft.” Wie verlogen, verunsichernd und zersetzend. Unter dieser systematischen Benachteiligung christlicher Kinder kam es 1976 zu einem tragischen Höhepunkt. Am 18. August 1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz in Zeitz im Talar und in aller Öffentlichkeit und starb. Er hatte bei sich das Spruchband: “Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an. Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.” Der Liedermacher Wolf Biermann nannte dieses Geschehen “Republikflucht in den Tod”. Diese Selbstverbrennung konnte vor der Öffentlichkeit nicht verborgen werden. Die SED-Presse sprach von einem “geistig gestörten Pfarrer”, von einem “Einzelgänger”. Dieses “Zeichen von Zeitz” änderte auch nichts an der Kirchenpolitik der SED. Eigentlich muss es heißen: an der “Christenpolitik”. Weitgehend wurden kirchliche Institutionen und Amtsträger geschont (Kampf gegen die Kirchen wäre für die DDR-Außenpolitik nicht förderlich gewesen), aber nach dem Motto: “Die Hirten schonen, die Schafe zerstreuen und unterdrücken” wurden ostdeutsche Christen in ihren Aktivitäten auf das Äußerste eingeschränkt. Zudem wurden sie an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: an ihren Kindern. Die Drohung hieß: “Sie wollen doch, dass aus Ihren Kindern einmal etwas wird, dann müssen Sie …!”

Bereits am 30. Mai 1968 ließ der SED Chef und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ohne Not die aus dem 15. Jahrhundert stammende, im Zentrum Leipzigs gelegene Universitätskirche trotz aller Proteste, sprengen. Sie war seit Jahrhunderten Teil des Leipziger universitären Lebens, Martin Luther predigte hier und J. S. Bach spielte auf der 0rgel. Ulbricht wollte diese Kirche nicht. Das genügte. Kein kirchenfeindlicher Unrechtsstaat? Von Herrn Bodo Ramelow wird erzählt, dass er sich während seiner westdeutschen Zeit für Menschen mit Berufsverbot eingesetzt hat. Für tausende junge Christen gab es in der DDR unausgesprochene Berufsverbote: Wo gab es einen Polizisten, der Christ war? Wo gab es einen Schuldirektor, der Christ war? Wo gab es einen Rektor einer Hochschule, der Christ war? Wo gab es Jurastudenten, die Christen waren? Diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Manchmal gab es einen Stellvertreter aus einer Blockpartei, der aber “nichts zu sagen hatte”, der als Alibifunktion an diesem Platz war. Diese Berufsverbote wurden wie selbstverständlich von den Menschen hingenommen, als sei dies in jedem Staat der Welt so. Nach der 10. vergeblichen Beschwerde hörten fast alle auf, sich zu beschweren. Zwei fahre vor der Friedlichen Revolution wurde sozusagen als letzter Versuch, von der Stasi initiiert, der “Bund der Freidenker” gegründet. Der Vorsitzende diese Bundes in unserem Kreis Ilmenau, Herr Prof. L., sagte im persönlichen Gespräch: “Dieser Bund wird die letzten Christen ausrotten. Die marxistisch-leninistische Weltanschauung ist allmächtig, weil sie wahr ist. Also Christen macht Platz!”. Eine gefährliche Drohung, aber nur bis zum Herbst 1989 gültig. Im Rückblick auf die Jahrzehnte von 1945-1989 muss man dem DDR-Unrechtsstaat bescheinigen, dass er in seinem Sinne ganze Arbeit an der Minimierung der Christenzahlen geleistet hat. Insbesondere die Stasi, Schild und Schwert der SED, ein Geheimdienst der außerhalb des Rechts stand und Menschen ungebremst, ungehemmt und unkontrolliert bespitzeln, verfolgen, zersetzen und sogar töten konnte, schürte die Grundängste der Menschen. Christen waren Feinde, die sich nicht anpassen wollten und zu einer Minderheit gemacht wurden. Die Thüringer Partei die LINKE hat als direkte Nachfolgepartei der SED im Herbst 2014 in dem Koalitionsvertrag als Zugeständnis an SPD und Bündnis 90/Grüne stehen, dass die DDR in der “Konsequenz ein Unrechtsstaat” gewesen sei. Aber was haben die Thüringer von einer solchen Aussage zu erwarten? Aufarbeitung? Auseinandersetzung mit allem, was Unrechtsstaat bedeutet, z. B. Einparteiendiktatur? Entschuldigungen für vielfach begangenes Unrecht, auch an Christen? Nichts davon spürt man. Bisher ist von wenigen Einzelschicksalen abgesehen, kein einziges Wort über die 44 Jahre Christenfeindlichkeit in der SBZ/DDR gesagt worden. Als hätte es diese schlimmen und folgenschweren Tatsachen und Vorgänge nicht gegeben. Man hört nur vom Streit der alten Genossen von der Basis und Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche über den Begriff, “Unrechtsstaat DDR” von denen, die nun in “Amt und Würden” sind. Im 0ktober 2014 hat der angesehene Politikwissenschaftler und langjährige Vorsitzende der Stiftung Ottersberg Hanns-Joachim Veen im Detail erläutert, weshalb die DDR für hinein Unrechtsstaat war (Thüringer Allgemeine, 8.10.2014).Diese Haltung der Partei die LINKE zu ihrer eigenen SED-Vergangenheit mit der Verantwortung für verursachtes Unrecht, auch gegenüber Christen, macht echte Aufarbeitung unmöglich. Es würde von den Mandatsträgern doch dann eigentlich erfordern, aus Ihrer Partei auszutreten. Wie kann man diese 44 Jahre aufarbeiten, in denen eine Demenz besonderer Art gewachsen ist, in der Menschen schließlich dachten und sagten: “wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben!” Schaut man auf die Fraktion der Partei die LINKE im Thüringer Landtag, so ist festzustellen, dass von den 28 Mitgliedern mindestens 16 schon bis 1989 im Unterdrückungsapparat der SED-Partei auf Kreis- oder Bezirksebene beteiligt waren. Wenn dem Reden ein Tun folgen sollte, dann müsste die Aufarbeitung der Christenfeindlichkeit und des Christenhasses von 1945 bis 1989 endlich beginnen. Allein Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow, durch seine westdeutsche Vergangenheit unbelastet vom Vorwurf des DDR Unrechtstaates, spricht ständig davon, wie viel ihm sein evangelischer Glaube bedeutet. Eine Bibel liegt auf seinem Schreibtisch, durfte die Öffentlichkeit erfahren. Aber reichen diese Worte und die zur Schau gestellte Bibel? Herr MP Ramelow hat sich pauschal für in der DDR geschehenes Unrecht entschuldigt, hat sich also für Dinge entschuldigt, die er als westdeutscher Gewerkschaftsfunktionär nicht begangen hat und nie persönlich erfahren musste. Feststeht, dass Herr Ramelow als aktiver evangelischer Christ in der DDR kein erfolgreicher Gewerkschaftsfunktionär geworden wäre. Offen als aktiver Christ in der DDR zu leben und eine erfolgreiche berufliche Karriere zu machen schlossen sich aus. Keinerlei Einsicht oder gar Reue bezeigen dagegen ehemalige SED-Mitglieder, die heute in der Thüringer Linkspartei in der Regierung und in verantwortlichen Positionen sitzen. Noch nie hat Bodo Ramelow in der Öffentlichkeit ein Wort darüber verloren oder sich zudem Unrecht bekannt, welches seine Vorgängerpartei den Christen und ihren Familien in der DDR-Zeit angetan hat. Wir fordern Herrn Ramelow auf, Stellung zu beziehen zum Thema der Christenverfolgung in der ehemaligen DDR und sie öffentlich erkennbar zu thematisieren. Man hört, dass Mitgenossen untereinander lästern: “Von uns aus kann er auch noch der katholischen Kirche beitreten – Hauptsache wir gewinnen dadurch wieder Wahlen”. Wie makaber. Unser Offener Brief soll zum Nachdenken anregen und das Gespräch unter Christen und Nichtchristen fördern. Wir sind Menschen der Hoffnung, weil wir Christen sind! Wir plädieren für eine “ansteckende Gesundheit” für unsere Demokratie, die in Freiheit auch gelebtes Christsein erlaubt. Wir wissen, dass alle Freiheitsliebenden Demokraten diesen offenen Brief unterschreiben (im Sinne von Sophie Scholl: “… was viele denken, aber nicht sagen” am 22. Februar 1943, dem Tag ihrer Hinrichtung vor ihrem Richter in München). Dann braucht ein Herr Dittes (innenpolitischer Sprecher der LINKEN) nicht mehr zu einer Demo aufrufen “Es gibt 1000 Gründe Deutschland zu hassen”, dann gibt es gute Gründe offen und hilfsbereit zu anderen Menschen zu sein. Mit hoffnungsvollen Grüßen und den besten Erfolgswünschen beim Lesen, Nachdenken und Handeln.

Pedro Hertel
Gerhard Sammet

Sammeln will gelernt sein

14. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Fundraisingtag: Es geht um viel mehr als Geld – nämlich um die Kunst, Gunst zu gewinnen

Auf einer dramatischen Flucht von Syrien in Richtung Europa das eigene Kind zu verlieren, ist etwas, das für Eltern ein kaum vorstellbares Grauen ist. Einer kurdischen Flüchtlingsfamilie, die im Juni vergangenen Jahres in den Saale-Orla-Kreis kam, ist genau dies passiert.

Über soziale Medien konnten sie das Mädchen ausfindig machen. Doch wie das Kind zu den Eltern zurückholen? Dabei erwies sich Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz als Retter in der Not. Unterstützt durch viele Mitstreiter in seiner Gemeinde und im ganzen Umkreis und gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat, dem DRK-Suchdienst, dem Bundesamt für Migration, dem türkischen Generalkonsulat und der Deutschen Botschaft sowie vielen anderen Behörden, fand er das Mädchen, flog mit den Eltern in die Türkei und konnte die Familie wieder zusammenzuführen und nach Deutschland bringen. Dafür erhielt Groh im Rahmen des Mitteldeutschen Fundraisingtages am 8. März in Jena den Mitteldeutschen Fundraisingpreis 2016.

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

»Ich bin dankbar für diese Auszeichnung und freue mich, dass mein Handeln in dieser Sache von anderen als hervorhebenswert angesehen wird. Ich will mit dem, was ich tue, Menschen dafür gewinnen, ähnliche Dinge zu tun«, erklärt Fabian Groh. »Doch unendlich mehr als der Preis bedeuten mir die Menschen und die Momente, die ich in dieser Geschichte erleben durfte: in die Augen der Menschen zu sehen, die sich wieder haben und wissen, was ich an ihnen getan habe. Das ist mein Glück«, betont der 38-Jährige. Ohne die Unterstützung vieler Menschen, auch mit Geld, hätte die Geschichte der Familie kein so gutes Ende nehmen können.

Ein Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist »Fundraising« – »Schätze heben« könnte man den englischen Begriff übersetzen, der heute in aller Munde ist. »Beim Fundraising geht es darum, Menschen für eine gute Sache zu gewinnen, für eine Idee, einen gemeinsamen Wert«, erläutert Doris Voll, Organisatorin des Fundraisingtages in Jena. »Wir alle haben eine Verantwortung, die Welt ein Stück besser zu machen und Fundraising gibt dazu das Handwerkszeug«, so Voll.

Fundraising – die sanfte Kunst, die Freude am Spenden zu lehren? Geht es also nur ums Geld? Fabian Groh hält diese Sichtweise für falsch. Natürlich sei Geld zur Verwirklichung von Zielen wichtig und auch die finanzielle Unterstützung durch andere, aber: »Für mich ist etwas anderes wichtig beim Fundraising: Es ist für mich das Gewinnen von Menschen für ein Ziel. Ich will die Herzen der Menschen gewinnen. Gespendete Lebenszeit und Lebenskraft, das Engagement für andere ist viel mehr wert als totes Gold«, betont Fabian Groh.

Der Fundraisingtag gilt als größtes Treffen von Vereinen, Verbänden, Kirchgemeinden und gemeinnützigen Unternehmungen in Mitteldeutschland. Organisatorin Doris Voll freute sich auf den Austausch und viele Kontakte. Auch Volker Maibaum nahm an der Veranstaltung teil. Der Gemeindepfarrer von Gotha-Sundhausen ist einer von mehreren ausgebildeten Fundraisern in der EKM. Für ihn steht der Beziehungsaufbau an erster Stelle in Sachen Fundraising. »Eine Beziehung aufzubauen braucht immer Zeit. Das ist bei allen Beziehungen so, ob privat, beruflich oder eben für soziale und karitative Projekte. Um ein gutes Vorhaben voranzubringen, muss man eine gute Beziehung aufbauen: zum Spendenprojekt und zu den Spendern. Man muss aufeinander hören, die Beziehung festigen und man darf sich nicht scheuen, nach Unterstützung und eben auch nach Geld zu fragen«, so Volker Maibaum. Lokale Projekte seien gut geeignet, damit Menschen sich für sie engagieren. So zum Beispiel die Erneuerung des Glockenturms einer Gemeinde oder die Anschaffung einer neuen Orgel. Ebenso können aber auch Projekte mit Gruppen, in der Jugendarbeit oder mit Kindern gefördert werden. »Die Menschen wollen sehen, dass das für sie einen Mehrwert hat und dann sind sie auch bereit, dieses zu unterstützen«, weiß Maibaum. Er glaubt, dass die Gemeinden schon vieles in dieser Richtung richtig machen. Ein Fundraising-Workshop kann sie dabei unterstützen und ihnen professionelle Möglichkeiten und Wege aufzeigen. Dafür bietet der Gemeindedienst der EKM Unterstützung an.

Fundraiser: Volker Maibaum

Fundraiser: Volker Maibaum

Für den Fundraising-Preisträger Fabian Groh steht ebenso wie für Volker Maibaum die Beziehung zwischen Menschen beim Fundraising an erster Stelle. »Durch konkretes Engagement für Menschen wachsen Beziehungen«, ist sich der Pfarrer sicher. »Das ist etwas anderes als wenn ich anonym etwas spende.« Wer Menschen kennenlerne, dem wachsen diese quasi ans Herz, man mache echte Erfahrungen und erlebe gemeinsam etwas mit anderen. »Mir hilft das sehr, mich in dieser bewegten Welt zu verorten. Durch persönliches Engagement bekommt mein Leben in dieser Welt eine ganz neue Qualität als wenn ich die Welt nur am Bildschirm wahrnehme«, so Groh.

Mehr noch als alle anderen Einrichtungen, Träger und Wohlfahrtsverbände, die beim Mitteldeutschen Fundraisingtag teilnehmen, sind es vor allem die Kirchen, die von jeher im Besonderen vom Engagement ihrer Mitglieder leben. Und dennoch: Viele Kirchenmitglieder verweisen auf die Einnahmen der Kirchensteuer und wollen sich nicht an Projekten beteiligen. Ebenso im säkularisierten Bereich – der Staat möge doch mehr regeln. »Das ist eine fatale Sichtweise«, sagt Doris Voll. »Sowohl der Staat als auch die Kirche als Institution kann und soll auch nicht alles regeln. Ich glaube, dass das bürgerschaftliche, das christliche Engagement sozusagen das Salz in der Suppe ist, etwas, das zusammenschweißt, neue Energie gibt und Identität stiftet.« Alles Dinge, die beim Fundraising nicht nur das Projekt, sondern die Gemeinschaft an sich weiterbringen können. Die Frage, warum es wichtig ist, sich als einzelner zu engagieren und nicht alles den Institutionen zu überlassen, ist eine Frage, die sich Pfarrer Fabian Groh so noch gar nicht gestellt hat. »Ich suche in meiner Biografie vergeblich nach Anknüpfungspunkten, wo ich andere verantwortlich gesehen hätte, wenn meine Angehörigen, Klassenkameraden oder Freunde in Not waren. Jesus sagt: Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten. Dass ich mich als einzelner Bürger engagiere, ist wichtig, weil ich Mensch, weil ich Gottes Geschöpf bin.«

Diana Steinbauer

Hier erfahre ich mehr

Mit Hilfe des Fundraisings werden Unterstützer für gemeinnützige Projekte gewonnen. Es geht nicht nur um die Einwerbung von Spendengeldern, sondern auch darum, Begeisterung und Gemeinsinn zu wecken sowie am Leben zu erhalten. Fundraising versteht sich als »Kunst, Gunst zu gewinnen«.

Fundraising in den Gemeinden:
Der Gemeindedienst der EKM berät Gemeinden und vermittelt, wie Fundraising funktioniert: Wie entwickeln wir ein Projekt weiter? Wie erreichen wir Unterstützer und Spender? Wie dokumentieren und begleiten wir die Unterstützer?
Informationen unter www.gemeindedienst-ekm.de/themenfelder

Service rund ums kirchliche Fundraising:

Unter www.fundraising-evangelisch.info finden Sie auf der Internetseite der Fundraising­akademie Material, Anleitungen und Beispielprojekte.

Fundraisingtage:

Diese sind eine gute Anlaufstelle. Vorträge und Workshops führen ein in die Welt des Fundraising.

»Es geht nicht ums Abnehmen«

22. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Passionszeit: Etwas weglassen, um etwas zu gewinnen – Fasten ist mehr als der Verzicht auf Genuss

Die Passionszeit gilt im Kirchenjahr als Fastenzeit –eine Bußübung und Besinnung auf das Leiden Christi. Heute stehen Entschlackung und Entschleunigung im Vordergrund.

Gibt man den Begriff »Fastenzeit« in eine der großen Suchmaschinen des Internets ein, so erhält man mehr als 1 150 000 Treffer. »Fastenzeit für Anfänger«, »Tipps und Tricks für die Fastenzeit«, »Anders leben in der Zeit vor Ostern«: so und so ähnlich heißen die angezeigten Seiten. Die Fastenzeit scheint im Bewusstsein der Menschen tief verankert zu sein. Dabei ergab kürzlich eine Umfrage des Nachrichtenmagazins »Focus«, dass nur 22 Prozent der Deutschen während der sieben Wochen vor dem Osterfest ihre Ess- und Trinkgewohnheiten mäßigen. In Ostdeutschland verzichten noch einmal deutlich weniger Menschen auf Alkohol, Fleisch oder andere Genussmittel.

»Wenn man Fasten nur als Verzicht begreift, dann bedeutet das eine Lebensminderung«, erklärt der Augustinerpater Jakob Olschewski. Für Bruder Jakob, der mit seinen Mitbrüdern in der Erfurter Reglergemeinde beheimatet ist, geht es in der Fastenzeit vor allem um das Wecken neuen Lebens. »Es gibt bei jedem Menschen Lebensbereiche, Talente, Interessen, die brach liegen. Ich finde es wichtig, diese zu finden und aufzuwecken, was das eigene Leben und das anderer reicher macht.«

Foto: piai – fotolia.com

Fotos: piai – fotolia.com

Das könnte das Musizieren allein und miteinander sein. Das könnte ein Bibelkreis sein, bei dem man sich mit Gottes Wort, aber auch mit den Menschen dort auseinandersetzt. »Momentan sind wir als Christen wieder besonders gefordert, für den Frieden in der Welt einzutreten, für die Gerechtigkeit und für die vielen Hilfesuchenden, die zu uns gekommen sind und noch kommen werden«, so Bruder Jakob. Das, was wir gerade erleben, könnte unsere Gesellschaft und auch die Christen verändern. »Alles, was dem Leben dient und den Beziehungen zwischen Menschen, ist etwas für die Fastenzeit«, betont er. Dabei könne man auch ganz neue Wege gehen.

So wie Tilman Wagenknecht von Bus und Bahn Thüringen. Mit seinem Team und unterstützt durch die EKM hat der gläubige Christ vor sechs Jahren das »Autofasten« in unserer Region ins Leben gerufen. Sich besinnen und das eigene Leben in der Fastenzeit neu auszurichten, hat für Wagenknecht nicht nur etwas mit Genussverzicht zu tun. »Die berufstätige Generation unserer Tage ist aufgewachsen in einem großen Bewusstsein für Fragen des Umweltschutzes. Doch bei den hohen Mobilitätsanforderungen des Berufslebens fehlen oft die Mittel, um umweltverträglich zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen«, so Wagenknecht. Um Job, Familie und Freizeit unter einen Hut zu bekommen, benutzen viele Menschen das Auto. Die Aktion »Autofasten«, die es auch in Rheinland-Pfalz und den katholischen Bistümern Mainz, Trier und Fulda gibt, will hier zu einem Bewusstseinswechsel verhelfen.

»Unser Autofasten-Mitmach-Kalender kann am Kühlschrank befestigt werden und ich kann immer sehen, wie ich es geschafft habe, umweltfreundlich mobil zu sein«, so Wagenknecht. Dies ist eine Möglichkeit, Schöpfungsverantwortung in der Fastenzeit wahrzunehmen und zu leben. Zusätzlicher Anreiz ist das VMT-Fasten-Ticket, bei dem die Mitmachenden sieben Wochen zum Preis einer vierwöchigen Monatskarte mobil sein können. Das Autofasten zeigt Alternativen auf, verteufelt das Auto aber nicht. Es bleibt eine Möglichkeit, die man nutzen kann.

Regeln und Verbote sind für die meisten Menschen eben nicht attraktiv. Da die Fastenzeit oft als Zeit des Verzichts wahrgenommen wird, ist es bei ihr ebenso. »Nur wenn Menschen die Kirche als eine Gemeinschaft des Lebens und nicht der Regeln, der Ge- und Verbote erleben, werden sie sich ihr zuwenden«, ist sich Bruder Jakob sicher. Darum hält er es für besonders wichtig, dass Christen von der Freude und Lebendigkeit ihres Glaubens Zeugnis abgeben. »Wir gehen auf Ostern zu. Das Leben wird wieder erwachen. Wenn wir das vermitteln, dann werden die Menschen neugierig, auf das was wir glauben und tun«, betont der Augustinerpater.

Er plädiert dafür, das Evangelium ernster zu nehmen. In katholischen, aber auch in manchen lutherischen Aschermittwochsgottesdiensten wird das Aschenkreuz gespendet. Darauf hat Bruder Jakob in diesem Jahr bewusst verzichtet. »Im Matthäusevangelium heißt es: Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater (…). Und darum habe ich in diesem Jahr stattdessen eine Salbung der Menschen mit Myrrhe-Öl vorgenommen«, so Pater Jakob. »Gott schenkt uns Versöhnung und ruft uns dazu auf, diese Versöhnung und Freude an unsere Nächsten weiterzugeben. Vor allem in der Fastenzeit.«

Etwas weglassen, um etwas zu gewinnen und das Leben neu ordnen. So könnte man den Sinn der Fastenzeit überschreiben. »Es geht ja nicht, wie viele glauben, ums Abnehmen«, sagt Bruder Jakob. »Alkohol, Süßigkeiten, Autofahren: all das hat ja nichts mit meinem Innersten zu tun. Was macht einen Menschen denn lebendig? Das Zusammensein mit anderen. Und darum sollte dies auch im Vordergrund stehen«, meint er. Wenn jemand beschließe, die sieben Wochen vor dem Osterfest mehr Menschlichkeit – zum Beispiel am Arbeitsplatz – zu leben, dann wirke das im Nächsten und einem selber nach. Fastenzeit ist Zeit der Menschlichkeit, ist sich Bruder Jakob sicher.

Diana Steinbauer

Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer