Wo die Pflege etwas gilt

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahren wird bei uns über die Probleme in der Pflege diskutiert. Andere Länder sind längst weiter, wovon sich Diakonie-Präsident Ulrich Lilie kürzlich bei der Diakonie in Norwegen überzeugen konnte.

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos hängen im kleinen Sprechzimmer der Haraldsplass Diakonale Stiftelse (Diakoniestiftung Haraldsplatz) im norwegischen Bergen. Sie zeigen norwegische Diakonissen: Junge Frauen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zwischenkriegszeit und auch noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Ausbildung als Krankenschwester entschieden und sich in der Diakoniestiftung einsegnen ließen. Doch mit den Jahren nimmt die Zahl der jungen Frauen auf den Fotos ab. Zum Schluss sind es nur noch drei, die ihre Hände in die Hand des Vorstehers der Einrichtung legen. Das Foto wirkt wie eine Trotzgeste.

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Heute gibt es in der Bergener Stiftung so wie in den meisten Häusern des Kaiserswerther Verbands deutscher Diakonissenmutterhäuser, von dem die Einrichtung im norwegischen Bergen einst gegründet wurde, kaum noch Diakonissen. An Pflegekräften allerdings besteht in Norwegen kein Mangel. Im Gegenteil. »Bei uns ist die Pflege ein akademischer Beruf«, sagt Ingunn Moser, Rektorin der zur norwegischen Diakonie gehörenden Hochschule VID, die sich unter anderem mit der Pflegeausbildung beschäftigt. Wer sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, absolviert einen Bachelorstudiengang. Und die Ausbildung ist beliebt: Für 118 Studienplätze gab es an der VID im vergangenen Jahr über 2 000 Bewerber. Bis zu 49 000 Euro im Jahr kann eine Krankenschwester mit allen Zuschlägen in Norwegen verdienen, sagt Ingunn Moser. Örtlichen Fachverbänden ist das noch zu wenig: Sie vergleichen das Gehalt einer Krankenschwester mit dem eines Ingenieurs, denn auch der hat ja schließlich ein Hochschulstudium absolviert.

Die Sozialverbände in Deutschland können von so viel Interesse am Pflegeberuf nur träumen. »Wir bemühen uns um eine generalisierte, akademische Pflegeausbildung«, sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, bei seinem kürzlich erfolgten Besuch in der norwegischen Diakoniestiftung. Immer wieder verwiesen ihn die norwegischen Gastgeber auf Unterschiede: So gibt es im steuerfinanzierten norwegischen Gesundheitssystem keine Krankenkassen. Nur wenige Norweger werden von ihrem Arbeitgeber privat versichert. Ein Einzelzimmer in der geriatrischen Station erhält nicht derjenige, der dafür bezahlt, sondern der, der es am nötigsten braucht, sagt Chefarzt Jan Henrik Rossland. Für Patienten gibt es ein dreistufiges System – für kleinere Krankheiten den von der Kommune bezahlten örtlichen Arzt mit einem klar definierten Versorgungsbezirk, der im Notfall in ein fest definiertes, für den Wohnort des Patienten zuständiges Krankenhaus einweist. Und darüberhinaus dann Spezialversorgung auf der regionalen Ebene.

So ist es auch in der Hospizversorgung geregelt, die in Deutschland ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Diakonie darstellt. Landesweit stehen den Norwegern nur knapp über 100 Betten in Palliativstationen zur Verfügung. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich in Seniorenheimen palliativmedizinisch versorgen zu lassen. »Patienten, die ihre letzten Wochen gerne zu Hause verbringen möchten, erhalten einen Schnellhefter, in dem genau aufgeschrieben ist, wen sie anrufen müssen, wenn es ihnen schlechter geht – und was sie sich wünschen, falls ein Pflegedienst im Zweifel ist«, sagt Marit Huseklepp, die in der »Haralds­plass Diakonale Stiftelse« auf Palliativversorgung spezialisiert ist. »Es ist uns wichtig, dass sich der Patient und seine Angehörigen zu Hause auch sicher fühlen.« Zudem bekommen die Patienten ein Paket mit Schmerzmitteln mit nach Hause – sogar Morphium ist darin enthalten. »Wir wollen, dass die Krankenpfleger die Patienten unkompliziert versorgen können, wenn es darauf ankommt.«

Unkomplizierte Lösungen, wie sie sich die deutschen Sozialverbände wohl auch hierzulande wünschten.

Benjamin Lassiwe

Es geht weiter, nur anders

30. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wandlungsfähig: Wie aus dem Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg in Elbingerode die Diakoniegemeinde wird

Haube und Tracht sind aus der Mode. Heute entschließen sich kaum noch junge Frauen, einer Schwesternschaft beizutreten. Da heißt es für die Mutterhäuser: umdenken.

Schwester Luise Kunze und Alt-Oberin Anita Rost gehören zu den 170 Diakonissen, die oberhalb des Harzstädtchens Elbingerode im Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« leben. »Wer hätte zu DDR-Zeiten gedacht, dass wir mal in Moskau Gottes Wort verkünden«, erzählt Schwester Anita bewegt. Bereits 1993 konnte Schwester Luise Kunze nach Moskau ausgesandt werden. Den Anfang beschrieb sie damals als ziemlich abenteuerlich, denn pflegerische, medizinisch-diakonische Arbeit war der dortigen Gemeinde völlig neu. Vor Kurzem las Schwester Luise, dass in Sibirien Hilfe benötigt wird. Ihr Russisch sitzt wie ihre Haube. So ging es Anfang des Jahres für 90 Tage zum Gemeindedienst tief nach Sibirien. Schwester Maren Martens, ihre Nachfolgerin in Moskau ist heute in einer lutherischen Gemeinde in Saratow an der Wolga tätig. Sie stehen exemplarisch für den politischen Wandel, den die am 20. Januar 1920 gegründete Schwesternschaft Neuvandsburg seither durchlebte.

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

»Doch die Schwesternschaft befindet sich im Umbruch. Die klassische Form des kommunitären Lebens schwindet wie die Zahl derer, die sich für diese Lebensweise entscheiden«, sagt der Direktor des Diakonissen-Mutterhauses von Elbingerode, Pastor Reinhard Holmer. »Wir diskutieren intensiv die Frage, was man tun soll. Sollen wir resigniert aufgeben und sagen, alles hat eben seine Zeit. Wenn es keine Hauben mehr gibt, wird es dann die Arbeit nicht mehr geben, der sich die Schwesternschaft verschrieben hat?« Holmer, der mit Oberin Kerstin Malych das Elbingeröder »Führungs-Duo« bildet, weiß, so geht es nicht weiter. »Vielleicht befinden wir uns schon in einer Phase des Übergangs, die Arbeit geht weiter, nur die Form hat sich geändert.«

Das könnte eine spannende Herausforderung werden. Mag sein, es gibt hier eines Tages keine Schwesternschaft mehr: Aber Menschen kümmern sich um Kranke, Ziellose, Migranten oder Bedürftige. Pastor Holmer sieht darin eine gute Lösung. Schwester Anita, die aus Halle stammt, erzählt, wie schrittweise Leitungspositionen, die Schwestern ausführten, an Mitarbeiter übergehen. 50 sind allein im Mutterhaus angestellt. »Die Küchen-Chefin ist noch eine Schwester. Die Aufgaben in unserer Berufsfachschule haben wir Diakonissen vor sieben Jahren abgegeben. Und siehe da, die Arbeit läuft prima weiter. Unser Gästehaus in Binz leitet jetzt auch keine Schwester mehr.« Sie weiß, in jeder Krise steckt die Chance eines Neuanfangs. Nicht umsonst steht unter dem Fenster des Oberinnen-Dienstzimmers seit 1934 der Spruch »Jesus lebt! Jesus siegt«. Die Alt-Oberin weiß um das Vertrauen, das Menschen gerade den Schwestern entgegenbringen. »Patienten oder jetzt Flüchtlinge erzählen uns Lebensgeschichten, da ist ein ganz tiefes Vertrauen.«

Pastor Holmer sieht dieses Vertrauen der Gesellschaft in die Diakonissen, die zunehmend aus dem öffentlichen Bild verschwinden, ebenso. »Aber da gibt es eine Ambivalenz. Gerade im Berufsleben wirkt die Tracht hinderlich. Dass fromme Frauen auch mit einer hohen fachlichen Bildung gesegnet sind, das wird in Teilen der Gesellschaft nicht so klar gesehen.« Schwester Sonja, hoch in den Achtzigern, arbeitete seit 1960 für 34 Jahre als Missionsschwester in Taiwan, wo sie ein Heim für behinderte Mädchen leitete. Sie erzählte einmal, dass sich vor ihrer Schwesterntracht in Asien die Menschen respektvoll verbeugten, wie sie es auch vor buddhistischen Mönchen taten.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Elbingeröder Schwesternschaft halbiert. Oberin Kerstin feierte gerade ihren 50., Direktor Holmer seinen 60. und Alt-Oberin Rost ihren 70. Geburtstag. »Da zählen wir noch zu den Jüngsten«, meint Anita Rost, die knapp zwei Jahrzehnte an der Spitze der Schwesternschaft stand. »Gerade mal 20 Schwestern sind unter 65 Jahren. Wir haben hier sogar schon ein 82-jähriges Diakonissenjubiläum gefeiert!« So wirkte es im Vorjahr wie ein Segen, dass Janina Meier (29) aus Bad Harzburg begann, auf Probe unter den Schwestern zu leben. Die ausgebildete Altenpflegerin mit dem silbernen Kreuz um den Hals ändert ihr Leben: Arbeit und Gebet, alles in der Gemeinschaft der Schwestern, dafür ein Taschengeld. Doch die Jungdiakonisse Janina lebt seit ein paar Monaten nicht mehr in Elbingerode. Persönliche Gründe gaben den Ausschlag.

Alt-Oberin Anita, die 1975 in die Schwesternschaft eintrat, stimmt Pastor Reinhard Holmer zu. »Wir leben in einer sich zunehmend individualisierenden Gesellschaft, wer will sich da noch in eine Gemeinschaft einordnen? Den jungen Leuten steht die Welt offen, aber sie wollen keine langfristigen Bindungen mehr eingehen.« So erlebte sie mit, wie das Krankenhaus der Diakonissen mit der Wende auf der Kippe stand, es an einen Träger übergeben wurde, das Gästehaus in Rathen, die Behinderteneinrichtung in Oranienburg oder das Erholungsheim unter neuen Bedingungen nicht mehr so weiterbestehen konnten wie in der DDR. Das Mutterhaus zog sich aus der Fläche zurück und konzentrierte sich auf Elbingerode. Hier entstand ein modernes Pflegezentrum, vom Mutterhaus finanziert und gebaut, das vom Diakoniekrankenhaus auf der anderen Straßenseite betrieben wird. Holmer spricht von einer engen Zusammenarbeit und einer Investition in die Zukunft. »Wir haben keine Angst, dass auch nur eins der Zimmer leer steht.« Es werde die komplette Palette geboten: ambulante, Kurzzeit- und Tagespflege, betreutes Wohnen, bis hin zur Sterbebegleitung. Ein offenes Angebot für alle Menschen sei so entstanden.

Das gibt es auch für das geistliche Leben. Feierte früher die »Mutterhausgemeinde« ihren Gottesdienst, gründete man zu Pfingsten 2014 die Diakoniegemeinde. Eine Vision, wie es die Elbingeröder nennen. Dass die Früchte trägt, beweist der Besuch des Gottesdienstes in der Mutterhauskapelle, zu Trinitatis waren es wieder über 200, die den Gottesdienst feierten. »Wir spüren, hier finden Menschen ihre geistliche Heimat, Suchtkranke suchen ein Stück Zuhause, weil man hier ihre Situation kennt, hierher kommen Wernigeröder und Leute aus Halle und Nordhausen. Es ist alles etwas anders, da spielt der Chefarzt Klavier und ein Therapeut predigt«, so Holmer, der die Gemeindeleitung innehat.

Und wenn er mit fester Stimme sagt: »Wir können nicht alles so weitermachen wie früher«, meint er wohl mehr als das Mutterhaus und die Gemeindearbeit.

Uwe Kraus

Das Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« in Elbingerode
Vandsburg in Westpreußen, wo sich die Schwesternschaft gegründet hatte, fiel mit den Versailler Verträgen an Polen. 300 Schwestern packten ihre Koffer und gingen auf die Reise in ein ungewisses Land. Sie waren auf der Suche nach ihrem »neuen Vandsburg«. Der Gründer der Gemeinschaft im Mutterhaus Vandsburg, Pfarrer Theophil Krawielitzki, gab ihnen das Wort mit auf den Weg: »Im Herzen Gottes liegt es schon eingezeichnet. Es muss nur noch auf die Landkarte kommen.«

Über Berlin und Rathen (Sachsen) fand die stark angewachsene Schwesternschaft der Neu-Vandsburger ihre Heimat im Wald bei Elbingerode, wo das christliche Erholungsheim Bad Waldheim lag. Die Schwesternschaft, die ab 1922 zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehörte, wuchs nicht nur zahlenmäßig. Auch durch die Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Bibelarbeit in rund 60 Orten machten sich die Diakonissen einen Namen. Im Juli 1945 ging ein Riss durch die Schwesternschaft. Elbingerode kam unter russische Besatzung, von den rund 1 200 Diakonissen gingen rund die Hälfte in den Westen, wo in Velbert Neuvandsburg-West entstand.

Neuvandsburg-Ost in Elbingerode galt schnell als eine der gefragtesten medizinischen Einrichtungen. 1976 entstand die Neuropsychiatrische Ambulanz, aus der sich unter großem Engagement von Dr. Klaus-Herbert Richter, der sich besonders für Alkoholabhängige engagierte, ein anerkanntes Zentrum der Suchtarbeit entwickelte. 1997 wurde die Rehaklinik für Suchtkranke gegenüber dem Mutterhaus errichtet, Akut-Krankenhaus, Tagesklinik und der Umzug anderer Bereiche folgten. Unterdessen ist das Krankenhaus eine GmbH, die zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehört.

Sind wir noch imstande, uns geduldig »behindern zu lassen«?

14. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Behinderung soll verhindert werden – das ist doch ein gutes Ziel, oder? Es spart Leid und Geld. Wenn ich weiß, dass ein Mensch behindert sein wird – dann sollte er doch gar nicht erst die Möglichkeit haben, mich zu behindern, oder?

Das Unfallopfer mit irreparablen Folgen, egal ob geistig oder körperlich – gleich die Maschinen abschalten? Die Schmerzen, Nerven, das Geld und das Leid – können wir uns sparen, oder?

Der Patient mit bösartigem Tumor – wäre es nicht besser, schnell ein Ende zu machen, bevor eine lange Schmerzenszeit beginnt?

Der älter werdende Mensch – ist es nicht vernünftiger, all dem, was noch kommt, die Fragezeichen zu nehmen und dem Leben rechtzeitig ein Ende zu setzen?

Ist es nicht genial, wenn man das erwachende Leben im Mutterleib diagnostizieren und im Zweifelsfall sicherheitshalber gleich »einschläfern« kann (klingt besser als töten, oder?). Mit einem solchen Eingriff wird doch Leid und Behinderung verhindert, oder?

Und bei einer Behinderung darf es auch ein »später« Schwangerschaftsabbruch sein. Warum nicht auch in den ersten vier oder acht Wochen (oder Monaten?) nach der Geburt? Da könnte man doch noch – oder?

Leben mit Behinderung – das muss heute nicht mehr sein? Da war man in Deutschland doch schon mal »weiter«. Oder?

Wo setzen wir den Punkt? Welche Grenzen gibt es, wenn wir uns erlauben, das Leben vor der Geburt auf seinen Lebenswert zu taxieren – und zu töten? Die Fragen sind komplex, und folglich gibt es keine einfachen Antworten. Doch es gibt auch kein leidfreies Leben.

Mir scheint, dass wir diesen Satz grundlegend wieder in unser gesellschaftliches Bewusstsein bekommen müssen: Es gibt kein leidfreies Leben! Leben und Leiden gehören zusammen wie Essen und Trinken, Ruhe und Arbeit, Glück und Schmerz. Doch bedeutet Behinderung immer Leid?

Thomas Günzel (l.) mit seinem Sohn Florian als Gäste bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Feist (hinten Mitte). Foto: privat

Thomas Günzel (l.) mit seinem Sohn Florian als Gäste bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Feist (hinten Mitte). Foto: privat

Menschen mit Behinderung sind oft Freudenbringer! Sie bereichern unser Leben! Wie oft haben wir mit unserem behinderten Sohn gelacht, sind wir beeindruckt und begeistert von seinen Ideen, seiner Kreativität, seinem Mut, seiner Lebensfreude, seiner Ausdauer und Geduld, seiner Stärke, das Schwere in seinem Leben auszuhalten und seiner Zielstrebigkeit, Neues zu entdecken und uns zu motivieren, das Ungewöhnliche anzugehen. Ist er behindert – oder bereichernd? Sind wir durch ihn behindert – oder mit ihm beschenkt?

Wie reagieren wir, wenn Menschen Behinderung erleben oder von Schmerz und Leid betroffen sind? Beten wir im Stillen und zucken die Achseln? Schauen wir weg und verweisen auf die Spezialisten? Werden wir Aktionisten, die den Betroffenen auf die Nerven gehen? Oder schaffen wir es, die ganz konkrete Situation aufmerksam zu erfassen, bewusst wahrzunehmen, auszuhalten? Können wir behutsam und einfühlsam nachfragen und Hilfe anbieten, ohne sie aufzudrängen? Sind wir imstande, dauerhaft zu begleiten und uns fröhlich und geduldig »behindern zu lassen« – vielleicht weil es uns selbst guttut?

So könnte es gehen, und ich bin überzeugt: Jedes Leben und jede Lebensphase ist Geschenk Gottes, bereichert uns und es bleibt der menschlichen Verfügbarkeit entzogen: »Herr, in deine Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.« (Eduard Mörike)

Thomas Günzel

Der Autor, Jahrgang 1960, ist Direktor des Bad Blankenburger Allianzhauses und gehört zum Leitungskreis des Fachverbandes Diakonie und geistliches Leben innerhalb der Diakonie Mitteldeutschland. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne, darunter einen mit Behinderung.

»Das Vaterunser bleibt deutsch«

25. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Russland: Zwischen Traditionsbewahrung und Umbruch – Russlands Lutheraner sind eine winzige Minderheit

Dietrich Brauer ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER). Der 31-jährige Russe ist der erste Einheimische, der dieses Amt bekleidet. Andreas Steidel sprach mit ihm über die Situation der evangelischen Kirche in Russland, die Orthodoxie und Präsident Putin.

Herr Bischof Brauer, Sie haben einen deutschen Namen und sprechen perfekt deutsch. Wie kommt das?
Brauer:
Ich bin ein Russlanddeutscher, wie so viele hier. Noch immer bilden Russlanddeutsche den Kern unserer Gemeinden. Die geistliche Gemeinschaft hilft dabei, die Sprache und die Traditionen zu erhalten.

Bischof Dietrich Brauer leitet seit 2010 die Evangelisch-Lutherische Kirche Europäisches Russland, seine Vorgänger kamen aus Deutschland. Foto: ELKER

Bischof Dietrich Brauer leitet seit 2010 die Evangelisch-Lutherische Kirche Europäisches Russland, seine Vorgänger kamen aus Deutschland. Foto: ELKER

Wie ist das im Gottesdienst: Findet der auf Deutsch oder auf Russisch statt?
Brauer:
Immer häufiger Russisch. Die Predigt wird fast überall auf Russisch gehalten. Die deutsche Sprache bleibt als liturgische Sprache in Verwendung. Kyrie Eleison, Herr, erbarme dich, das wird auf Deutsch gesprochen. Und natürlich das Vaterunser.

Und bei den Liedern?
Brauer:
Da wird oft eine Strophe auf Deutsch und eine Strophe auf Russisch gesungen. Das ist eine gute Lösung für alle.

Wie hoch ist der Anteil Deutschstämmiger heute noch bei Ihnen?
Brauer:
Das ist schwer zu sagen, die meisten Familien sind gemischt. Unser Land ist multikulturell und war es eigentlich schon immer.

Wie ist das bei Ihnen zu Hause, Herr Brauer?
Brauer:
Meine Frau ist auch gemischt in ihrer Herkunft. Meistens sprechen wir Russisch. Aber wir möchten auch, dass die deutsche Tradition erhalten bleibt bei unseren Kindern. Wir beten und singen auf Deutsch oder sprechen kurze Gedichte. Und wir haben oft Gäste aus Deutschland.

Welche Auswirkung hat die Abwanderung der Russlanddeutschen?
Brauer:
Zweieinhalb Millionen Russlanddeutsche sind gegangen. Das war für die Gemeinden ein gewaltiger Einschnitt. Inzwischen hat es sich stabilisiert. Die, die noch da sind, werden uns erhalten bleiben. Das Gemeindeverständnis hat sich dabei verändert: Wir sind nun nicht mehr ausschließlich eine Kirche für Russlanddeutsche, sondern für alle die, die sich mit der lutherischen Tradition identifizieren.

Wie viele Evangelisch-Lutherische gibt es denn heute in Russland?
Brauer:
Etwa 40 000 in allen lutherischen Gemeinden der ehemaligen Sowjetunion, 15 000 im Bereich der europäischen Kirche. Vor der Russischen Revolution waren es 1,5 Millionen. Nach der Perestroika haben wir gehofft, dass es wieder genauso viele werden würden, aber das war eine romantische Vorstellung. Einige haben unsere Gemeinden auch nur genutzt, um nach Deutschland auszuwandern.

Wie kommen Sie über die Runden? Eine Kirchensteuer gibt es ja nicht.
Brauer:
Die Finanzierung ist in der Tat ein Problem. Wir haben große alte Kirchen, deren Unterhalt teuer ist. Vielen Absolventen unseres Theologischen Seminars können wir nicht versprechen, dass sie danach eine bezahlte Anstellung als Pfarrer bekommen.

Wie ist das Verhältnis zwischen der ELKER und dem Staat?
Brauer:
Das ist je nach Region verschieden. Wo die Orthodoxie nicht so stark ist und es viele ethnische Gruppen gibt, ist es einfacher. In anderen Regionen, wie in Südrussland, wo die Olympischen Spiele stattfinden, ist es schwieriger. Manchmal gibt es staatliche Inspektionen, bei denen die Prüfer die Hand aufhalten, frei nach dem Motto: Das ist eine deutsche Kirche, die bekommen Geld aus Deutschland.

Bekommen Sie denn Unterstützung aus Deutschland?
Brauer:
Weniger als früher, hauptsächlich dann, wenn wir Projekte haben. Für uns ist es wichtig, dass wir bei politischen Besuchen aus Deutschland erwähnt werden. Da hören auch die Russen hin.

Was ist mit der Ökumene? Reden die Orthodoxen mit Ihnen?
Brauer:
Es gibt Gespräche, persönliche Kontakte, letztes Jahr war sogar der Metropolit von Moskau in unserer Kirche und hat sehr freundliche Worte gesprochen. Gemeinsame sakrale Handlungen wie Gebete sind aber nicht möglich, das ist streng untersagt.

Ist die orthodoxe Kirche eine Staatskirche?
Brauer:
Nicht offiziell. Aber es werden Kirchenbauten finanziert oder diakonische Projekte bezahlt. Die Kontakte zu den Regierungsbeamten sind eng, diese Möglichkeiten haben wir nicht.

In Deutschland wird Putin sehr kritisch gesehen. Wie sehen Sie ihn?
Brauer:
Gute Frage. Es gibt zwei Wege für Russland. Zum einen als eine Konföderation mit Freiheiten und Selbstständigkeit. Aber viele träumen hier in Russland von einem großen Russischen Reich, einem Imperium, und dafür braucht man einen Anführer. Der ist Putin, er füllt diese Rolle aus.

Träumen Sie auch von diesem Reich?
Brauer:
Wir sind anders geprägt, setzen eher auf den einzelnen Menschen. So wie Luther.

Partnerschaft mit Sachsen

Foto: privat

Foto: privat

Im Rahmen einer Besuchsreise vom 6. bis 11. Februar unterzeichneten Sachsens Landesbischof Jochen Bohl (r.) und ELKER-Bischof Dietrich Brauer (l.) in Moskau eine Partnerschaftsvereinbarung zwischen beiden Kirchen. Sie sieht unter anderem den regelmäßigen Austausch über die Entwicklungen des spirituellen Lebens, die Ausbildung von Mitarbeitern sowie über alle wichtigen Vorgänge in Kirche, Diakonie und Gesellschaft vor. Außerdem sind gegenseitige Besuche der Synodentagungen vorgesehen. Beide Kirchen verpflichten sich zudem, den Ausbau der bereits bestehenden Partnerschaftsbeziehungen zwischen Gemeinden beziehungsweise Kirchenbezirken und Propsteien zu unterstützen.







Russlands Lutheraner

Foto: ELKER

Foto: ELKER

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Europäisches Russland (ELKER) hat etwa 15 000 Mitglieder, 170 Gemeinden und elf Propsteien. Bischofssitz ist Moskau, Hauptkirche die Moskauer evangelische St.-Peter-und-Paul-Kirche (Foto).

Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien (ELKRAS) heißt der Dachverband aller lutherischen Kirchen in Russland. Zusammengefasst sind dort sieben Teilkirchen der früheren Sowjetunion und des Russischen Reiches. Der ELKRAS steht ein Erzbischof vor. Auch dieses Amt bekleidet seit kurzem Dietrich Brauer, nachdem der bisherige Erzbischof August Kruse vorzeitig ausgeschieden war.

Im Einsatz für den Nächsten

16. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Asta Sibylle-Schröder – die erste und bisher einzige Frau mit dem Ehrenritterkreuz des Johanniter-Ordens

Ihr Ehrenamt steht nicht unter dem Kronenkreuz der Diakonie, sondern unter dem achtzackigen Kreuz der Johanniter. Doch die Richtung ist die gleiche: Es geht um Hilfe für Menschen.

Das Äußeres ist Abbild innerer Haltung: Asta-Sibylle Schröder hat ihr ganzes Leben den sprichwörtlichen »aufrechten Gang« geübt, sich mit Aufrichtigkeit gegen jeden Versuch des Verbiegens zur Wehr gesetzt. Das begann für die am 28. Juni 1940 im thüringischen Ranis als Tochter von Arthur von Breitenbuch und Asta, geborene Gräfin von der Schulenburg, zur Welt gekommene spätestens in der Schulzeit. Der Vater ist Pfarrer und Rektor des Weimarer Sophienhauses, einer diakonischen Einrichtung mit Schwesternschaft und Krankenhaus. Adlige Herkunft und kirchliche Bindung stehen fortan als doppeltes Verdikt über Asta-Sibylles Leben im DDR-Staat.

Die Erweiterte Oberschule kann sie nur nach Intervention durch den damaligen Landebischof Moritz Mitzenheim besuchen. Ihre Bewerbung zum Medizinstudium wird abgelehnt. Stattdessen erlernt Asta-Sibylle den Beruf einer Krankenschwester im Eisenacher Diakonissenkrankenhaus. Erst als 1962 der Ärztemangel akut wird, darf sie ihr Wunschstudium aufnehmen. Doch die kleinen und großen Tritte linientreuer Vorgesetzter begleiten sie ihren ganzen Berufsweg lang in den verschiedenen Bereiche des Gesundheitswesen.

Aber auch das Standvermögen der inzwischen mit einem Arzt verheirateten Frau wird gestählt. Dies bleibt auch nach der friedlichen Revolution erhalten. So legt sie 1991 nach Kontroversen ihr Amt als Dezernentin für Soziales, Jugend und Sport der Stadt Weimar nieder, ebenso ihr Ehrenamt als Kirchenälteste nach einem Streit um eine geplante Predigt von Gregor Gysi 1999 in der Weimarer Stadtkirche.

Ehrenamtlich engagiert bleibt Schröder freilich dennoch. Auch nach ihrer Pensionierung 2003. Dafür sorgt ihre alte Verbindung zu den Johannitern – war ihr Vater doch letzter Ritter des protestantischen Ordens der Nächstenliebe in der DDR. 1990 gründet sie den Kreisverband der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), seit 1993 gehört sie dem Präsidium der JUH an, ist von 1997 bis vor wenigen Tagen sogar deren ehrenamtliche Vizepräsidentin.

Asta-Sibylle Schröder ist als Ärztin seit 2003 im Ruhestand – als Johanniterin lebt sie freilich noch immer im beständigen »Unruhestand«.  Foto: Harald Krille

Asta-Sibylle Schröder ist als Ärztin seit 2003 im Ruhestand – als Johanniterin lebt sie freilich noch immer im beständigen »Unruhestand«. Foto: Harald Krille

Doch das Engagement beschränkt sich nicht auf Ämter. Vielleicht weil sie selbst nur unter so vielen Schwierigkeiten Ärztin werden konnte, nimmt sie die Probleme von zugewanderten Ärzten in Deutschland besonders wahr. Es beginnt in den 1990er Jahren mit »einer Welle von sehr unterschiedlich ausgebildeten Ärzten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion«, wie sie sich erinnert. Diese wollten gern arbeiten, mussten sich aber zunächst einer Gleichwertigkeitprüfung ihrer Abschlüsse unterziehen. Und das bei oft nur eingeschränkten deutschen Sprachkenntnissen und ohne Erfahrung mit der speziellen deutschen Krankenhauskultur.

Für Schröder ist klar: »Uns muss etwas einfallen.« 1996 beginnt sie in Thüringen mit dem Aufbau eines bis heute bundesweit einmaligen Weiterbildungsprogramms für zugewanderte Ärztinnen und Ärzte aus Nicht-EU-Staaten. Es umfasst die Sprachausbildung ebenso wie die Vermittlung von fachlichen Praktika in Krankenhäusern. Doch es geht um mehr. Es geht auch um kulturelle und soziale Kompetenz. »Denken Sie nur an die Probleme, die unter Umständen ein traditioneller arabischer Arzt mit einer Stationsschwester oder gar einer Chefärztin hat«, berichtet Schröder.

Nachdem eine Finanzierung durch den Europäischen Sozialfonds auslief, hat die Thüringer JUH kurzerhand die Trägerschaft übernommen. Mehr als 200 Ärzte haben dieses »Anpassungsjahr« bisher durchlaufen und anschließend erfolgreich ihre Gleichwertigkeitsprüfung bestanden. »Aber die JUH in den neuen Bundesländern ist an der Grenze ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit«, konstatiert Schröder. Unermüdlich ist sie deshalb auf der Suche nach Finanzierungstöpfen beim Bund, bei der EU oder bei privaten Sponsoren. Denn im Frühjahr 2014 soll der nächste Kurs starten. Er ist bereits voll ausgebucht mit Bewerbern.

»Wir können sie schließlich nicht sitzen lassen«, resümiert die Ärztin, die für ihr Engagement im Frühjahr dieses Jahres vom Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Und die als bisher einzige Frau zudem Trägerin des Ehrenritterkreuzes der Johanniter ist.

Harald Krille

Kirche zwischen Gewerkschaft und Himmelreich

19. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Debatte: Der kirchliche Sonderweg im Arbeitsrecht wird immer mehr infrage gestellt – was sagen die Politiker dazu?

Jahrzehntelang galt das kirchliche Selbstbestimmungsrecht in Sachen Arbeitsrecht für Mitarbeiter in der Diakonie als selbstverständlich. Doch der Streit, vor allem im Blick auf ein ­Streikrecht, spitzt sich zu. Die Kirchenzeitung befragte ­Vertreter der Fraktionen im ­Bundestag zu ihrer Sicht.

Ingrid Fischbach, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Ingrid Fischbach, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Ihre Position zum kirchlichen Arbeitsrecht?
Fischbach: Das kirchliche Arbeitsrecht als Ausdruck der Religionsfreiheit und des kirchlichen Selbstbestimmungs- und Selbstverwaltungsrechts ermöglicht eine sehr hohe Tarifbindung kirchlicher Einrichtungen. Der sogenannte »Dritte Weg« der Kirchen führt – und das ist bisweilen nicht ­bekannt – zu einem vergleichsweise hohen Vergütungsniveau: die Bezahlung entspricht im Wesentlichen der des Öffentlichen Dienstes. Damit hält der »Dritte Weg« jedem seriösen Vergleich mit nichtkirchlichen Tarifen stand.

Wie stehen Sie zum Streikverbot für kirchliche Mitarbeiter?
Fischbach: Das Streikverbot ergibt sich zunächst aus der Tatsache, dass Löhne und andere grundlegende ­Arbeitsbedingungen im kirchlichen Arbeitsrecht nicht einseitig vom Arbeitgeber festgelegt oder im Rahmen von Tarifverhandlungen ausgehandelt und beschlossen werden, sondern durch Gremien, die paritätisch aus den Reihen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber besetzt sind. Auch unterscheiden sich kirchliche Einrichtungen aufgrund ihrer religiösen Dimension von anderen Einrichtungen. Dennoch gilt es zu prüfen, ob Arbeitskampfmaßnahmen wie Streik und Aussperrung tatsächlich gänzlich mit der Zielrichtung kirchlicher Arbeit unvereinbar sind.

Was müsste sich konkret ändern?
Fischbach: Nicht die Regelungen des kirchlichen Arbeitsrechts sind problematisch, sondern einige regelwidrige Abweichungen von diesem als eine Reaktion auf den zunehmenden Wettbewerbsdruck und die geänderten ­Refinanzierungsbedingungen, insbesondere im Sozial- und Gesundheitswesen.

Raju Sharma, religionspolitischer Sprecher der ­Fraktion Die Linke

Raju Sharma, religionspolitischer Sprecher der ­Fraktion Die Linke

Ihre Position zum kirchlichen Arbeitsrecht?
Sharma: Das Sonderarbeitsrecht der Kirchen enthält den Mitarbeitern dort wichtige Rechte vor, die im öffentlichen Dienst oder der Privatwirtschaft selbstverständlich sind. In Tarifverhandlungen haben Beschäftigte kirchlicher Träger deshalb schlechtere ­Karten. Auch der Kündigungsschutz ist ein Problem. Uneheliche Kinder, Homosexualität oder Wiederheirat können (zumindest in der katholischen Kirche) nicht nur für den Pfarrer, sondern auch für den Krankenpfleger oder die Putzfrau die Kündigung bedeuten.

Wie stehen Sie zum Streikverbot für kirchliche Mitarbeiter?
Sharma: Natürlich muss das Streikrecht auch den Beschäftigten von ­Kirchen und kirchlichen Trägern zustehen. Den Mitarbeitern fehlt damit das wichtigste Instrument, um für ihre Interessen zu kämpfen. Kirchliche Träger verschaffen sich damit oft Wettbewerbsvorteile, weil Dumping­löhne beispielsweise im Bereich der Pflege Billigpreise möglich machen.

Was müsste sich konkret ändern?
Sharma: Ich hoffe, dass für Beschäftigte der Kirchen und ihrer Träger irgendwann die gleichen Rechte gelten wie für alle anderen. Bis dahin können wir nur auf die Einsicht der Kirchen und Träger hoffen, denn es entspräche dem christlichen Weltbild, dass der Leistung der Beschäftigten der gebührende Respekt entgegengebracht wird. Und zwar nicht erst im Himmelreich, sondern schon auf Erden. Die EKD beispielsweise könnte sofort ­ihren fatalen Beschluss rückgängig machen, der das Streikrecht für ihre Beschäftigten ausschließt.

Kerstin Griese, kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.

Kerstin Griese, kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.

Ihre Position zum kirchlichen Arbeitsrecht?
Griese: Das Hauptargument für den »Dritten Weg« ist die hohe Tarifbindung von über 80 Prozent, die in kirchlichen Einrichtungen erreicht wird und die es nicht mehr geben würde, wenn der »Dritte Weg« beendet würde. Das wäre zum Schaden der Mitarbeitenden. Ich unterstütze das kirchliche Arbeitsrecht aber nicht bedingungslos: In der letzten Zeit sind zu viele Missstände bekannt geworden, die behoben werden müssen. Wenn der »Dritte Weg« Zukunft haben soll, muss er fair gestaltet und gut gelebt werden.

Wie stehen Sie zum Streikverbot für kirchliche Mitarbeiter?
Griese: Als Sozialdemokratin halte ich das Streikrecht für ein Grundrecht ­abhängig Beschäftigter. Dass sich der Konflikt zwischen ver.di und den ­Kirchen auf die Frage des Streiks zuspitzt, ist wenig hilfreich. Denn wenn Kirchen und Gewerkschaften zusammenarbeiten würden, könnte man gemeinsam mehr für die Menschen im Sozial- und Gesundheitsbereich erreichen. Daher appelliere ich an beide Seiten: Rüstet ab! Die Kirchen sollten das Streikrecht akzeptieren und die Gewerkschaften sollten in den Arbeitsrechtlichen Kommissionen mitarbeiten und den »Dritten Weg« nicht mehr boykottieren.

Was müsste sich konkret ändern?
Griese: Die Rechte und Strukturen der Mitarbeitenden und ihrer Vertretung müssen gestärkt werden, damit auf Augenhöhe zwischen Dienstgebern und Dienstnehmern verhandelt werden kann. »Schwarze Schafe«, die durch ersetzende Leiharbeit oder verstärktes Outsourcing die Mitarbeitenden ausbeuten, müssen sanktioniert werden, bis zum Ausschluss aus Diakonie oder Caritas. Die Kirchen sollten sich für einen »Branchentarifvertrag Soziales« einsetzen, damit der Wert der Arbeit am Menschen gestärkt wird und auch die privaten Anbieter gezwungen werden, mit dem Lohndumping aufzuhören. Wir brauchen einen verbindlichen bundesweiten Leittarif und auf evangelischer Seite einheitlichere Strukturen. Zudem schlage ich eine »Ombudsstelle« vor, die Missständen nachgeht und an die sich alle Beteiligten wenden können.

Stefan Ruppert, kirchenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion

Stefan Ruppert, kirchenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion

Ihre Position zum kirchlichen Arbeitsrecht?
Ruppert: Als Ergebnis des grundgesetzlich garantierten Selbstbestimmungsrecht der Kirchen und somit der institutionellen Religionsfreiheit ist das kirchliche Arbeitsrecht nicht überholt. Den sogenannten »Tendenzschutz« genießen eine Reihe von Organisationen und Betriebe, was nicht gegen europäische Antidiskriminierungsvorgaben verstößt.

Wie stehen Sie zum Streikverbot für kirchliche Mitarbeiter?
Ruppert: Das Konzept der Dienstgemeinschaft hat nach wie vor Geltung. Allerdings sind Reformen dringend notwendig. Eine Stärkung der Mitarbeitervertretungen ist hier nur ein Beispiel. Nur wenn dies gewährleistet wird, ist ein Streikverbot auf die Dauer gerechtfertigt. Als Christ wünsche ich mir, dass das Gemeindeleben und die Diakonie nicht entkoppelt werden. Eine völlig professionalisierte Diakonie, ohne dass sich die Gemeinden vor Ort auch einbringen, ist keine gute Entwicklung.

Was müsste sich konkret ändern?
Ruppert: Die Sozialeinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft sollten in ihrer Tätigkeit ihre Kernaufgabe, die Verkündung des Evangeliums, nicht aus den Augen verlieren. Daran sollten ihre Aktivitäten (auch die unternehmerischen) gemessen werden. Trotz Zwänge der Ökonomisierung im sozial-karitativen Bereich, sollten die Kirchen ihren moralischen Ansprüchen gerecht werden. Die neuere Judikatur des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs stellt das kirchliche Arbeitsrecht nicht infrage, sondern verlangt eine genauere Grundrechtsabwägung.

Josef Winkler, kirchenpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis90/Die Grünen, teilte vor Redaktionsschluss dieser Zeitung mit, dass man sich innerhalb seiner Partei noch nicht auf eine einheitliche Linie zum Thema geeinigt habe und er deshalb noch keine Stellungnahme abgeben wolle.

Benjamin Lassiwe

Der Bundestag beschäftigt sich mit dem kirchlichen Arbeitsrecht

Das kirchliche Arbeitsrecht wird erneut Thema im Deutschen Bundestag: Am 26. März soll im Ausschuss für Arbeit und Soziales eine öffentliche Anhörung zur Situation der Beschäftigten in den beiden großen Kirchen, in Diakonie und Caritas stattfinden. ­Anlass ist ein Antrag der Fraktion Die Linke, der bereits im Mai 2011 in erster Lesung im Parlament debattiert worden war: Er ­fordert die Abschaffung des vom Grundgesetz garantierten, gesonderten kirchlichen Arbeitsrechts. Denn die Linkspartei stört sich ebenso wie die Gewerkschaften schon lange daran, dass im kirchlichen Arbeitsrecht ein Streikverbot gilt.

Seit der ersten Lesung ist in Sachen Arbeitsrecht allerdings schon viel passiert: Die Kirchen stärkten den »Dritten Weg«, bei dem Dienstgeber und Dienstnehmer in paritätisch besetzten Kommissionen Arbeits- und Tarifrecht aushandeln – und gingen zugleich die von den Gewerkschaften beklagten Probleme ­damit an. So schrieb die von ver.di-Demonstrationen begleitete EKD-Synode im vergangenen November in Magdeburg den »Dritten Weg« als »kirchengemäßes« Arbeitsrecht für Diakonie-Einrichtungen verbindlich fest.

Doch in einem parallelen »Kundgebungs«-Papier beklagte die Synode zugleich, dass sich einige diakonische Träger »ganz oder in Teilen den Tarifen der Diakonie entzogen« hätten und forderte »ernsthafte Konsequenzen« für »Missstände wie Outsourcing mit Lohnsenkungen, ersetzende Leiharbeit und nicht hinnehmbare Niedriglöhne«.

Und erst in der vergangenen Woche bekräftigte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, dass diakonische Unternehmen, die über privatrechtliche Konstruktionen dauerhaft den »Ersten Weg« gehen wollten, mit ihrem Ausschluss aus dem Diakonischen Werk rechnen müssten. Einzelne Diakonie-Einrichtungen in Niedersachsen bekamen die neue Linie bereits zu spüren: Die Altenhilfe Lilienthal und das Wichernstift in Ganderkesee wurden wegen Lohndumpings aus ihren jeweiligen Diakonischen Werken ausgeschlossen. Weitere könnten folgen.

Ganz ähnlich ist die Situation in der römisch-katholischen Kirche. Die Deutsche Bischofskonferenz stellte ihren Betrieben und Einrichtungen auf der Frühjahrsvollversammlung in Regensburg ein Ultimatum: Bis Ende 2013 muss sich jede katholische Einrichtung verbindlich entscheiden, ob sie den »Dritten Weg« befolgt – oder das weltliche Arbeitsrecht anwendet. »Wer die Vorteile des kirchlichen Arbeitsrechts haben möchte, muss sich auch an den »Dritten Weg« halten«, sagte der DBK-Vorsitzende Robert ­Zollitsch in Regensburg.

Und wenn es in einer katholischen Einrichtung mehr als sechs Monate Leiharbeit geben soll, muss die Mitarbeitervertretung zustimmen – sofern die Einrichtung der ­Jurisdiktion der Bischofskonferenz untersteht. Auf die kirchenrechtlich direkt Rom unterstellten Orden und ihre Krankenhäuser und Altenheime haben die deutschen Bischöfe bekanntlich keinen Zugriff.

(GKZ/las)

Familie für kurze Zeit

18. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Kinder in familiärer Not: In Bereitschaftspflegefamilien finden Kinder vorübergehend ein Zuhause

In Bereitschaftspflegefamilien kommen Kinder ­unter, die das Jugendamt kurzfristig von ihren Eltern trennen muss. Sie bleiben dort, bis sich ihre Situation geklärt hat. Familie Turban in Leipzig hat sich für familiäre Bereitschaftspflege entschieden.

Von Maxie Thielemann

Familie Turban, v. re. Vater Hans-Joachim, Mutter Freya, Sohn Aaron und Tochter Tabea. (Foto: Uwe Winkler)

Familie Turban, v. re. Vater Hans-Joachim, Mutter Freya, Sohn Aaron und Tochter Tabea. (Foto: Uwe Winkler)

Mit müden Augen guckt der kleine Sascha (Name von der Redaktion geändert) aus seinem Kinderbettchen. Freya Turban lächelt ihn an, flüstert »Schlaf mal schön weiter« und schließt vorsichtig die Schlafzimmertür. Seit knapp sieben Monaten wohnt der eineinhalbjährige Junge bei ihr und ihrer Familie in Leipzig. Hier hat er Geborgenheit, die es in seinem eigenen Zuhause nicht gab.

Das Jugendamt musste Sascha von seinen leiblichen Eltern trennen. Bis entschieden ist, ob er zu ihnen zurückdarf, Adoptiveltern bekommt oder ins Heim geht, bleibt er bei Familie Turban. Sie gehört seit viereinhalb Jahren zur familiären Bereitschaftspflege von Jugendamt und Diakonie in Leipzig.

Immer dann, wenn das Jugendamt minderjährige Kinder kurzfristig in Obhut nimmt, um sie vor Gefahren in der eigenen Familie zu schützen, sind Bereitschafspflegefamilien gefragt. Anders als bei der Dauerpflege nehmen sie ein Kind übergangsweise, oft nur für wenige Wochen oder Monate, bei sich auf.

»Wenn wir gerade kein Kind hier haben, sind wir in Rufbereitschaft«, erzählt Freya Turban. »Dann wird uns oft ganz kurzfristig gesagt, dass beim Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes ein neues Pflegekind auf uns wartet.« Bisher ­waren sieben verschiedene Mädchen und Jungen bei den Turbans zu Gast. Ein Mädchen blieb sogar ein ganzes Jahr. Und noch immer hängen alle ihre Fotos an der Küchenwand.

Freya und Hans-Joachim Turban haben zunächst ihre eigenen fünf ­Kinder großgezogen, bevor sie sich für die familiäre Bereitschaftspflege entschieden haben. Die zwei Jüngsten, die noch zu Hause wohnen, waren damit einverstanden. Ihre Mutter ist nun rund um die Uhr auch für Pflegekinder da, ermöglicht ihnen einen geregelten Tagesablauf, spielt mit ihnen, bringt sie zum Arzt. Dafür erhält die 49-Jährige eine Aufwandsentschädigung und finanzielle Unterstützung für die materiellen Kosten.

»Die Kinder gehören bei uns richtig dazu«, sagt sie. »Sie kommen überall mit hin. ­Unsere Verwandten und Bekannten machen genau wie wir keinen Unterschied zu unseren eigenen Kindern.«

Ihre 18-jährige Tochter findet das gut: »Zu meinen Freunden sage ich auch: das ist mein kleines Geschwisterchen.« Sie halten auch dann noch Kontakt zu den Pflegekindern, wenn diese längst zu ihren leiblichen Eltern zurückgekehrt sind oder Adoptiveltern gefunden haben.

Katrin Hoffmann vom Leipziger Jugendamt hat großen Respekt vor den Familien, die sich diese Aufgabe zutrauen, denn: »Es ist ein hartes Brot, wenn man von jetzt auf gleich ein Kind zu sich nimmt, das man nicht kennt. Das kostet sehr viel Kraft.«

Das gemeinsame Ziel bleibe immer, dass die Pflegekinder zu ihren leiblichen Eltern zurückgehen können. Dafür treffen sich die Turbans ­regelmäßig mit den leiblichen Eltern. Auch wenn sie die oft traurigen Geschichten der kleinen Gäste kennt, empfindet Freya Turban keine Wut: »Ich sehe die Eltern auch ein ganzes Stück als Opfer. Die machen das ja nicht, um ihrem Kind zu schaden. Die kommen ja auch aus einer Geschichte.«

Die Bereitschaftspflegefamilien sind nicht auf sich allein gestellt. In Leipzig kümmert sich die Diakonie als Freier Träger um die Pflegeeltern, unterstützt sie mit einem Notruftelefon und Weiterbildungen. Regelmäßig können sich die Pflegefamilien untereinander austauschen und auch mal eine Pause einlegen. Die oft traumatisierten Pflegekinder sollen sich in den Übergangsfamilien sicherfühlen. Marion Wiegand von der Diakonie schaut sich interessierte Familien deshalb genau an: »Wir lernen sie in einem Einführungskurs kennen und bekommen dort einen ersten Eindruck. Wir gehen auch zu ihnen nach Hause, sprechen über ihre Motivation, über ihre Lebensgeschichte und das, was ihnen in der Erziehung wichtig ist.«

Noch bevor Freya Turban den kleinen Sascha zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt hat, kam ein Anruf vom Jugendamt. Der kleine Junge soll nun woanders untergebracht werden. Für die Pflegefamilie ein kleiner Schock. »Wir dürfen ja erleben, wie die Kinder bei uns heil werden, wie sie sich entwickeln, wie sie die ganze Geschichte, die sie zu Hause erlebt haben, überwinden und ganz normale Kinder werden«, sagt die Pflegemutter bedrückt. »Und dann wird man damit konfrontiert, dass sie wieder gehen, und hat keinen Einfluss darauf, wohin.« Doch die Turbans haben einen Vorteil. Sie halten auch in Krisen zusammen. Familien wie sie werden dringend gesucht, damit Kinder in ­familiärer Not zumindest vorübergehend ein Zuhause finden.

»Wir haben alles verloren«

4. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: Das Wasser geht, die Schäden bleiben – Caritas und Diakonie appellieren an internationale Hilfe

Ohnmächtig mussten Tausende Polen zusehen, wie ihre bescheidene Habe im steigenden Wasser verschwand – wie diese Bewohner eines Holzhauses in Plock in Zentralpolen. Foto: picture alliance

Ohnmächtig mussten Tausende Polen zusehen, wie ihre bescheidene Habe im steigenden Wasser verschwand – wie diese Bewohner eines Holzhauses in Plock in Zentralpolen. Foto: picture alliance

Erst langsam wird in Polen das ganze Ausmaß der Schäden durch die Flut sichtbar. Doch fest steht: Tausende haben ihre Existenz verloren. Solidarität ist gefordert.

Eine weißhaarige Frau kniet auf ­einem Weg und betet inbrünstig. Links und rechts wächst saftiges und hohes Gras, die Sonne scheint. Doch die Idylle trügt: Nur wenige Meter von der Frau entfernt hat das Unheil seinen Lauf genommen: Ein Damm der Weichsel ist gebrochen und das schmutzigbraune Wasser des sonst so trägen Flusses strömt ungehindert über die Wiesen und Felder bis ins nächste Dorf. »Gott, nur du hast die Kraft, die schreckliche Flut zu stoppen«, wird die Frau im Fernsehsender TVN zitiert. Das immer wieder gezeigte Bild von der knienden und betenden Frau ist zum Symbol für die Hochwasserkatastrophe in Polen geworden, zum Sinnbild für die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Naturgewalten.

Viele verloren das Vieh und technisches Gerät
»Wir haben alles verloren«, ist immer wieder zu hören und zu lesen. Der Kampf von Zehntausenden Feuerwehrleuten, Soldaten und auch mehreren Hundert Häftlingen gegen die Wassermassen war an vielen Orten vergebens. Das eigentliche Ausmaß der Flut entlang der Flüsse Weichsel, Oder und Warthe wird erst allmählich sichtbar: Seit Mitte Mai hat sie 21 Menschen das Leben gekostet und Tausende ihrer Existenz beraubt. ­Experten schätzen den materiellen Schaden auf rund zehn Milliarden Złoty, rund 2,5 Milliarden Euro.

Unter den Betroffenen seien zahlreiche arme und kinderreiche Familien sowie alleinstehende Menschen, berichtet die polnische Diakonie. Neben ­ihrer persönlichen Habe hätten viele auch ihr Vieh und das landwirtschaftliche Gerät verloren. Dies bedrohe die Lebensgrundlage der Betroffenen. Erschwerend kommt hinzu, dass etliche Gebiete von Hochwasser betroffen sind, die jahrzehntelang von Überschwemmungen verschont geblieben waren. »Die Menschen hier sind mit der Situation vollkommen überfordert. Die meisten von ihnen wollen trotz der Bedrohung ihre ­Häuser nicht verlassen und warten zu lange ab«, schildert Katarzyna Sekula von der Caritas Polen ihre Erfahrungen.

Caritas und Diakonie haben an die polnische Regierung appelliert, den Opfern schnell und unbürokratisch zu helfen, und einen internationalen Aufruf zur Hilfe gesandt. Dieser Aufruf ist nicht auf taube Ohren gestoßen, denn die Katastrophenhilfe der Diakonie in Deutschland, die schon bei den dramatischen Hochwassern 1997 und 2001 eng mit der polnischen Diakonie zusammenarbeitete, hat umgehend Unterstützung zugesagt. Auch die sächsische Landeskirche hat 10000 Euro Soforthilfe für die ­Flut­opfer im Nachbarland bereitgestellt. Benötigt werden vor allem Trocknungsgeräte und Reinigungsmittel zur Säuberung der überfluteten Häuser, damit diese schnellstmöglich wieder bezogen werden können. Außerdem will die Diakonie Polen die Geschädigten mit Schaufeln, Gummistiefeln und Kleidung versorgen.

Freud und Leid liegen oft dicht beieinander
Des einen Freud war während der Katastrophe häufig des anderen Leid. So blieben beispielsweise die Stadtviertel Kazimierz und Podgorze in der alten Königsstadt Krakau von den Wassermassen verschont, weil kurz vorher ein Damm der Weichsel gebrochen war – überflutet wurden andere Viertel. In einem Dorf südlich von Krakau wurde die eine Hälfte eines Doppelhauses weggespült, während die andere unversehrt stehen blieb. »Das ist nicht zu fassen«, sagt ein junger Mann, »so viel Ungerechtigkeit.« Das Haus seiner Eltern sei überflutet worden, er musste seine Wohnung am Stadtrand von Krakau verlassen. Und nicht einmal einen Kilometer entfernt gehe das Leben seinen normalen Gang. Wer nicht selbst betroffen sei, könne gar nicht ermessen, was das ­bedeute, wenn plötzlich alles weggeschwemmt werde, was man sich aufgebaut habe. »Da verlierst du den ­Boden unter den Füßen«, sagt er.

Pfarrer Marian Niemiec aus dem schlesischen Oppeln hatte hingegen eine gute Nachricht zu verkünden: Im Gegensatz zur großen Flut 1997 war die evangelische Kirche diesmal verschont geblieben. Er dankte übers Internet allen, die beim vorsorglichen Evakuieren des Gebäudes geholfen hatten. Nun könne wieder alles eingeräumt werden. »Wir werden das mit großer Freude tun«, schließt er.

Von Uwe von Seltmann

Haiti: Der Kampf ums Überleben

21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Warten auf Hilfe: Überlebende Kinder der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat Haiti vor einer Lebensmittelausgabestelle der Welthungerhilfe in Petionville. (Foto: picture alliance/landov)

Warten auf Hilfe: Überlebende Kinder der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat Haiti vor einer Lebensmittelausgabestelle der Welthungerhilfe in Petionville. (Foto: picture alliance/landov)

Nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar in Haiti arbeiten internationale Helfer fieberhaft daran, die Versorgung der Überlebenden zu verbessern. Auch eine Woche nach dem Beben herrschen weiter chaotische Zustände im Katastrophengebiet, viele Schwerverletzte warteten vergeblich auf medizinische Behandlung.

Die haitianische Regierung befürchtet bis zu 200.000 Tote. 250.000 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, 1,5 Millionen sind obdachlos. Behindert werden die Rettungsarbeiten nicht zuletzt durch das administrative Chaos.

Mehrere Minister sind vermisst, wahrscheinlich wurden auch sie Opfer des ­Bebens. Und nicht nur der Präsidentenpalast, auch Behörden und Verwaltungsgebäude sind großteils zerstört.

Die Missionare Volker und Annette Schnüll, die im Auftrag der Deutsche Missionsgemeinschaft (DMG) mit Sitz in Sinsheim seit Jahren in Haiti tätig sind, schildern die Situation auf der DMG-Internetseite als geradezu ­»apokalyptisch«. Durch die zentralistische Organisation des Landes wirkten sich die schweren Zerstörungen in der Hauptstadt Port-au-Prince besonders verheerend auch für die ­unzerstörten Regionen aus.

»Nichts kommt rein oder raus – keine Leute, keine Güter, nichts – außer über Port-au-Prince. Was dort nicht ankommt, fehlt irgendwann überall: Nahrung (fast alles wird eingeführt), Medikamente, Werkzeuge, Gas, Treibstoff … Mit Diesel wird in den meisten Orten der Strom produziert, ohne Diesel kein Strom«, so das Ehepaar. Aus seiner Sicht komme der Wiederaufbau des Landes einem vollständigen Neustart gleich.

Auf den zunehmenden Treibstoffmangel verweisen auch andere Organisationen. Viele Fahrzeuge und Helikopter könnten deshalb nicht eingesetzt werden, bestätigt Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.

Auch Martin Ruppenthal, Regionalbeauftragter der Christoffel-Blindenmission (CBM) mit Sitz in Bensheim, die in Haiti insgesamt sieben Hilfsprojekte betreut, berichtet aus der haitianischen Hauptstadt: »Das noch verfügbare Benzin wird verwendet, um die Generatoren der Krankenhäuser anzutreiben. Zwei Tage reicht es noch, dann kann nicht mehr operiert werden.«

Und das, wo in den Krankenhäusern des Landes so schon dramatische Zustände herrschen: »Der Konkurrenzkampf der Menschen hier ist fürchterlich. Sobald einer im OP ist, müssen die Angehörigen das Bett hüten, sonst ist es bei seiner Rückkehr aus dem OP besetzt«, heißt es etwa in einem ersten Bericht des Teams des DMG-Missionsarztes Eckehart Wolff aus Port-au-Prince.

Zudem fehlen nach Angaben der Diakonie Katastrophenhilfe Medikamente und medizinisches Personal. Gemeinsam mit Caritas international schickte die Diakonie deshalb am Montag ein Flugzeug mit Hilfsgütern nach Port-au-Prince. Darunter sind medizinische Nothilfepakete für 80000 Menschen, Zelte, Nahrungsmittel sowie Tabletten zur Wasserreinigung. Die Verteilung erfolgt mit lokalen Partnerorganisationen und den Partnern im globalen kirchlichen Hilfsnetzwerk ACT (Kirchen helfen gemeinsam).

Mit Haiti hat die Katastrophe das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen Kontinents getroffen. Etwas kleiner als Belgien und mit 9,6 Millionen Einwohnern ist Haiti damit dichter besiedelt als Deutschland. Vier von fünf Haitianern leben unter der Armutsschwelle und müssen mit ­weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Die Bevölkerung bekennt sich mehrheitlich zum katholischen Glauben.

Harald Krille/epd

Wie man konkret helfen kann:

Die Landeskirchen und die Diakonischen Werke in Mitteldeutschland rufen dringend zur Unterstützung der Opfer des Erbebens in Haiti auf.

Die Diakonie Sachsen bittet um Spenden auf das Konto 100 100 100 bei der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft Sachsen (LKG), BLZ 850 951 64, ­Kennwort: Haiti Erdbebenhilfe

Die Diakonie Mitteldeutschland als Landesverband für Sachsen-Anhalt, ­Thüringen sowie Teilen Brandenburgs und Sachsens bittet um Spenden auf das Konto 800 8000, bei der Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel,
BLZ 520 604 10, Kennwort: Erdbebenopfer Haiti.

»Mit dem Herzen hören«

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Seelsorge: Wenn das Weihnachtsfest nicht nur eitel Friede, Freude, Eierkuchen ist

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. 	Foto: Maxie Thielemann

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. (Foto: Maxie Thielemann)

Weihnachten kommen die ­Gefühle hoch. Nicht bei jedem nur die schönen. Gut, dass es die Mitarbeiterinnen und ­Mitarbeiter der Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas gibt.

»Telefonseelsorge, Guten Abend.« Knapp begrüßt Anneruth Klingner* (* Name geändert) die Anrufer mit ihrer warmen tiefen Stimme. Neben dem Telefon brennt eine Kerze, das Büro ist mit Zweigen geschmückt. Die fremden Menschen am anderen Ende der Leitung fühlen sich oft wenig weihnachtlich. Das Fest weckt bei ihnen die immer gleichen Wunschvorstellungen, die auch von der Werbung ­getragen werden: »Da denkt jeder an eine große Familie um einen Tisch herum, an leckeres Essen und tolle Geschenke«, sagt Anneruth Klingner, »aber in Wirklichkeit ist das bei vielen gar nicht gegeben. Da entstehen dann Lücken.« Diese Lücken möchte Klingner füllen.

Zwei bis vier Mal im Monat sitzt die 52-Jährige ehrenamtlich im Büro der Leipziger Telefonseelsorge und ist für Menschen da, die nicht mehr wissen, mit wem sie reden können. Sie ist da und hört einfach zu. Auch jedes Jahr am Heiligen Abend. »Das ist mein Beitrag zu unserer Gesellschaft.«

Ihre Anrufer sind nicht selten überrascht, dass die Telefonseelsorge auch Weihnachten besetzt ist: »Schön, dass ich Sie erreiche« oder »Wie gut, dass jemand da ist«, hört Anneruth Klingner dann oft. Viele wollten einfach eine menschliche Stimme hören – sei es, weil sie den Abend alleine verbringen, weil sie sich trotz ­Familie innerlich einsam fühlen oder weil sie gerade etwas Schweres durchmachen. Weihnachten liegen die Gefühle näher unter der Oberfläche. Dann sind es vor ­allem Anlässe wie Beziehungsprobleme oder Arbeitslosigkeit, die die großen Fragen des Lebens aufwerfen: »Manche denken, ich wüsste, wie das funktioniert mit dem Glück«, erzählt Klingner nachdenklich, »aber das weiß ich natürlich genauso wenig wie alle anderen. Ich glaube nur, dass das Glück nicht von Geld abhängt.«

Geld, das sei das ganze Jahr über Thema, aber besonders zu Weihnachten. Mütter und Väter, Töchter und Söhne fragen sich dann: was ist mein Leben wert, wenn ich mir nichts leisten, wenn ich keine teuren Geschenke machen kann? Manchmal reichen als Antwort ein, zwei gute Ideen. Liebevolle Geschenke müssen eben nicht viel kosten: z. B. ein gemeinsamer Spaziergang im Wald. Doch die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge möchte weniger mit Ratschlägen helfen. »Ich löse mich selbst ein Stück weit auf und fühle in den anderen Menschen hinein. Ich höre einfach mit dem Herzen«, versucht Anneruth Klingner zu beschreiben. »Wenn jemand eine schwere Krankheit hat, was soll ich dann auch sagen? Ich kann höchstens fragen: Wollen wir gemeinsam so etwas machen wie Beten?« Dann zünden sich zwei Menschen eine Kerze an. Anneruth Klingner am einen Ende der Telefonleitung, ein verzweifelter Anrufer am anderen. Klingner versucht damit, eine unsichtbare Verbindung zu knüpfen über das anonyme Gespräch ­hinaus. »Manchmal ist mein Gegenüber gerührt, manchmal auch ich.« Allein wenn sie darüber nachdenkt, werden ihre Augen glasig, die Stimme stockt.

Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge geben ein Stück aktive Lebenshilfe. Das professionelle Rüstzeug dazu erhalten sie in speziellen Weiterbildungen neben ­ihrem eigentlichen Beruf. Auch Anneruth Klingner hat in ihrem normalen Arbeitsalltag viel zu tun, gerade jetzt vor Weihnachten. »Ich empfinde meine Arbeit als sinnvoll, aber es ist auch eine sehr beschränkte Welt. Bei der Telefonseelsorge entstehen ganz andere Gespräche und das holt mich wieder ein Stück auf die Erde zurück«, so ihr Fazit.

Manchmal fragen die Anrufer an Heiligabend besorgt: »Was machen Sie denn hier? Warum sind Sie nicht zu Hause?« Anneruth Klingner kann dann jedes Mal beruhigen: »Ich bin Ihretwegen hier.« Die vier Stunden Telefondienst an Heiligabend sind ihr ganz persönliches Geschenk.

Von Maxie Thielemann

Die Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter den Rufnummern (0800)1110111 und (0800)1110222.

Es werden weitere ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht.
www.telefonseelsorge.de