Familie für kurze Zeit
18. September 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Kinder in familiärer Not: In Bereitschaftspflegefamilien finden Kinder vorübergehend ein Zuhause
In Bereitschaftspflegefamilien kommen Kinder unter, die das Jugendamt kurzfristig von ihren Eltern trennen muss. Sie bleiben dort, bis sich ihre Situation geklärt hat. Familie Turban in Leipzig hat sich für familiäre Bereitschaftspflege entschieden.
Von Maxie Thielemann

Familie Turban, v. re. Vater Hans-Joachim, Mutter Freya, Sohn Aaron und Tochter Tabea. (Foto: Uwe Winkler)
Mit müden Augen guckt der kleine Sascha (Name von der Redaktion geändert) aus seinem Kinderbettchen. Freya Turban lächelt ihn an, flüstert »Schlaf mal schön weiter« und schließt vorsichtig die Schlafzimmertür. Seit knapp sieben Monaten wohnt der eineinhalbjährige Junge bei ihr und ihrer Familie in Leipzig. Hier hat er Geborgenheit, die es in seinem eigenen Zuhause nicht gab.
Das Jugendamt musste Sascha von seinen leiblichen Eltern trennen. Bis entschieden ist, ob er zu ihnen zurückdarf, Adoptiveltern bekommt oder ins Heim geht, bleibt er bei Familie Turban. Sie gehört seit viereinhalb Jahren zur familiären Bereitschaftspflege von Jugendamt und Diakonie in Leipzig.
Immer dann, wenn das Jugendamt minderjährige Kinder kurzfristig in Obhut nimmt, um sie vor Gefahren in der eigenen Familie zu schützen, sind Bereitschafspflegefamilien gefragt. Anders als bei der Dauerpflege nehmen sie ein Kind übergangsweise, oft nur für wenige Wochen oder Monate, bei sich auf.
»Wenn wir gerade kein Kind hier haben, sind wir in Rufbereitschaft«, erzählt Freya Turban. »Dann wird uns oft ganz kurzfristig gesagt, dass beim Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes ein neues Pflegekind auf uns wartet.« Bisher waren sieben verschiedene Mädchen und Jungen bei den Turbans zu Gast. Ein Mädchen blieb sogar ein ganzes Jahr. Und noch immer hängen alle ihre Fotos an der Küchenwand.
Freya und Hans-Joachim Turban haben zunächst ihre eigenen fünf Kinder großgezogen, bevor sie sich für die familiäre Bereitschaftspflege entschieden haben. Die zwei Jüngsten, die noch zu Hause wohnen, waren damit einverstanden. Ihre Mutter ist nun rund um die Uhr auch für Pflegekinder da, ermöglicht ihnen einen geregelten Tagesablauf, spielt mit ihnen, bringt sie zum Arzt. Dafür erhält die 49-Jährige eine Aufwandsentschädigung und finanzielle Unterstützung für die materiellen Kosten.
»Die Kinder gehören bei uns richtig dazu«, sagt sie. »Sie kommen überall mit hin. Unsere Verwandten und Bekannten machen genau wie wir keinen Unterschied zu unseren eigenen Kindern.«
Ihre 18-jährige Tochter findet das gut: »Zu meinen Freunden sage ich auch: das ist mein kleines Geschwisterchen.« Sie halten auch dann noch Kontakt zu den Pflegekindern, wenn diese längst zu ihren leiblichen Eltern zurückgekehrt sind oder Adoptiveltern gefunden haben.
Katrin Hoffmann vom Leipziger Jugendamt hat großen Respekt vor den Familien, die sich diese Aufgabe zutrauen, denn: »Es ist ein hartes Brot, wenn man von jetzt auf gleich ein Kind zu sich nimmt, das man nicht kennt. Das kostet sehr viel Kraft.«
Das gemeinsame Ziel bleibe immer, dass die Pflegekinder zu ihren leiblichen Eltern zurückgehen können. Dafür treffen sich die Turbans regelmäßig mit den leiblichen Eltern. Auch wenn sie die oft traurigen Geschichten der kleinen Gäste kennt, empfindet Freya Turban keine Wut: »Ich sehe die Eltern auch ein ganzes Stück als Opfer. Die machen das ja nicht, um ihrem Kind zu schaden. Die kommen ja auch aus einer Geschichte.«
Die Bereitschaftspflegefamilien sind nicht auf sich allein gestellt. In Leipzig kümmert sich die Diakonie als Freier Träger um die Pflegeeltern, unterstützt sie mit einem Notruftelefon und Weiterbildungen. Regelmäßig können sich die Pflegefamilien untereinander austauschen und auch mal eine Pause einlegen. Die oft traumatisierten Pflegekinder sollen sich in den Übergangsfamilien sicherfühlen. Marion Wiegand von der Diakonie schaut sich interessierte Familien deshalb genau an: »Wir lernen sie in einem Einführungskurs kennen und bekommen dort einen ersten Eindruck. Wir gehen auch zu ihnen nach Hause, sprechen über ihre Motivation, über ihre Lebensgeschichte und das, was ihnen in der Erziehung wichtig ist.«
Noch bevor Freya Turban den kleinen Sascha zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt hat, kam ein Anruf vom Jugendamt. Der kleine Junge soll nun woanders untergebracht werden. Für die Pflegefamilie ein kleiner Schock. »Wir dürfen ja erleben, wie die Kinder bei uns heil werden, wie sie sich entwickeln, wie sie die ganze Geschichte, die sie zu Hause erlebt haben, überwinden und ganz normale Kinder werden«, sagt die Pflegemutter bedrückt. »Und dann wird man damit konfrontiert, dass sie wieder gehen, und hat keinen Einfluss darauf, wohin.« Doch die Turbans haben einen Vorteil. Sie halten auch in Krisen zusammen. Familien wie sie werden dringend gesucht, damit Kinder in familiärer Not zumindest vorübergehend ein Zuhause finden.
»Wir haben alles verloren«
4. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Polen: Das Wasser geht, die Schäden bleiben – Caritas und Diakonie appellieren an internationale Hilfe

Ohnmächtig mussten Tausende Polen zusehen, wie ihre bescheidene Habe im steigenden Wasser verschwand – wie diese Bewohner eines Holzhauses in Plock in Zentralpolen. Foto: picture alliance
Erst langsam wird in Polen das ganze Ausmaß der Schäden durch die Flut sichtbar. Doch fest steht: Tausende haben ihre Existenz verloren. Solidarität ist gefordert.
Eine weißhaarige Frau kniet auf einem Weg und betet inbrünstig. Links und rechts wächst saftiges und hohes Gras, die Sonne scheint. Doch die Idylle trügt: Nur wenige Meter von der Frau entfernt hat das Unheil seinen Lauf genommen: Ein Damm der Weichsel ist gebrochen und das schmutzigbraune Wasser des sonst so trägen Flusses strömt ungehindert über die Wiesen und Felder bis ins nächste Dorf. »Gott, nur du hast die Kraft, die schreckliche Flut zu stoppen«, wird die Frau im Fernsehsender TVN zitiert. Das immer wieder gezeigte Bild von der knienden und betenden Frau ist zum Symbol für die Hochwasserkatastrophe in Polen geworden, zum Sinnbild für die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Naturgewalten.
Viele verloren das Vieh und technisches Gerät
»Wir haben alles verloren«, ist immer wieder zu hören und zu lesen. Der Kampf von Zehntausenden Feuerwehrleuten, Soldaten und auch mehreren Hundert Häftlingen gegen die Wassermassen war an vielen Orten vergebens. Das eigentliche Ausmaß der Flut entlang der Flüsse Weichsel, Oder und Warthe wird erst allmählich sichtbar: Seit Mitte Mai hat sie 21 Menschen das Leben gekostet und Tausende ihrer Existenz beraubt. Experten schätzen den materiellen Schaden auf rund zehn Milliarden Złoty, rund 2,5 Milliarden Euro.
Unter den Betroffenen seien zahlreiche arme und kinderreiche Familien sowie alleinstehende Menschen, berichtet die polnische Diakonie. Neben ihrer persönlichen Habe hätten viele auch ihr Vieh und das landwirtschaftliche Gerät verloren. Dies bedrohe die Lebensgrundlage der Betroffenen. Erschwerend kommt hinzu, dass etliche Gebiete von Hochwasser betroffen sind, die jahrzehntelang von Überschwemmungen verschont geblieben waren. »Die Menschen hier sind mit der Situation vollkommen überfordert. Die meisten von ihnen wollen trotz der Bedrohung ihre Häuser nicht verlassen und warten zu lange ab«, schildert Katarzyna Sekula von der Caritas Polen ihre Erfahrungen.
Caritas und Diakonie haben an die polnische Regierung appelliert, den Opfern schnell und unbürokratisch zu helfen, und einen internationalen Aufruf zur Hilfe gesandt. Dieser Aufruf ist nicht auf taube Ohren gestoßen, denn die Katastrophenhilfe der Diakonie in Deutschland, die schon bei den dramatischen Hochwassern 1997 und 2001 eng mit der polnischen Diakonie zusammenarbeitete, hat umgehend Unterstützung zugesagt. Auch die sächsische Landeskirche hat 10000 Euro Soforthilfe für die Flutopfer im Nachbarland bereitgestellt. Benötigt werden vor allem Trocknungsgeräte und Reinigungsmittel zur Säuberung der überfluteten Häuser, damit diese schnellstmöglich wieder bezogen werden können. Außerdem will die Diakonie Polen die Geschädigten mit Schaufeln, Gummistiefeln und Kleidung versorgen.
Freud und Leid liegen oft dicht beieinander
Des einen Freud war während der Katastrophe häufig des anderen Leid. So blieben beispielsweise die Stadtviertel Kazimierz und Podgorze in der alten Königsstadt Krakau von den Wassermassen verschont, weil kurz vorher ein Damm der Weichsel gebrochen war – überflutet wurden andere Viertel. In einem Dorf südlich von Krakau wurde die eine Hälfte eines Doppelhauses weggespült, während die andere unversehrt stehen blieb. »Das ist nicht zu fassen«, sagt ein junger Mann, »so viel Ungerechtigkeit.« Das Haus seiner Eltern sei überflutet worden, er musste seine Wohnung am Stadtrand von Krakau verlassen. Und nicht einmal einen Kilometer entfernt gehe das Leben seinen normalen Gang. Wer nicht selbst betroffen sei, könne gar nicht ermessen, was das bedeute, wenn plötzlich alles weggeschwemmt werde, was man sich aufgebaut habe. »Da verlierst du den Boden unter den Füßen«, sagt er.
Pfarrer Marian Niemiec aus dem schlesischen Oppeln hatte hingegen eine gute Nachricht zu verkünden: Im Gegensatz zur großen Flut 1997 war die evangelische Kirche diesmal verschont geblieben. Er dankte übers Internet allen, die beim vorsorglichen Evakuieren des Gebäudes geholfen hatten. Nun könne wieder alles eingeräumt werden. »Wir werden das mit großer Freude tun«, schließt er.
Von Uwe von Seltmann
Haiti: Der Kampf ums Überleben
21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Warten auf Hilfe: Überlebende Kinder der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat Haiti vor einer Lebensmittelausgabestelle der Welthungerhilfe in Petionville. (Foto: picture alliance/landov)
Nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar in Haiti arbeiten internationale Helfer fieberhaft daran, die Versorgung der Überlebenden zu verbessern. Auch eine Woche nach dem Beben herrschen weiter chaotische Zustände im Katastrophengebiet, viele Schwerverletzte warteten vergeblich auf medizinische Behandlung.
Die haitianische Regierung befürchtet bis zu 200.000 Tote. 250.000 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, 1,5 Millionen sind obdachlos. Behindert werden die Rettungsarbeiten nicht zuletzt durch das administrative Chaos.
Mehrere Minister sind vermisst, wahrscheinlich wurden auch sie Opfer des Bebens. Und nicht nur der Präsidentenpalast, auch Behörden und Verwaltungsgebäude sind großteils zerstört.
Die Missionare Volker und Annette Schnüll, die im Auftrag der Deutsche Missionsgemeinschaft (DMG) mit Sitz in Sinsheim seit Jahren in Haiti tätig sind, schildern die Situation auf der DMG-Internetseite als geradezu »apokalyptisch«. Durch die zentralistische Organisation des Landes wirkten sich die schweren Zerstörungen in der Hauptstadt Port-au-Prince besonders verheerend auch für die unzerstörten Regionen aus.
»Nichts kommt rein oder raus – keine Leute, keine Güter, nichts – außer über Port-au-Prince. Was dort nicht ankommt, fehlt irgendwann überall: Nahrung (fast alles wird eingeführt), Medikamente, Werkzeuge, Gas, Treibstoff … Mit Diesel wird in den meisten Orten der Strom produziert, ohne Diesel kein Strom«, so das Ehepaar. Aus seiner Sicht komme der Wiederaufbau des Landes einem vollständigen Neustart gleich.
Auf den zunehmenden Treibstoffmangel verweisen auch andere Organisationen. Viele Fahrzeuge und Helikopter könnten deshalb nicht eingesetzt werden, bestätigt Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.
Auch Martin Ruppenthal, Regionalbeauftragter der Christoffel-Blindenmission (CBM) mit Sitz in Bensheim, die in Haiti insgesamt sieben Hilfsprojekte betreut, berichtet aus der haitianischen Hauptstadt: »Das noch verfügbare Benzin wird verwendet, um die Generatoren der Krankenhäuser anzutreiben. Zwei Tage reicht es noch, dann kann nicht mehr operiert werden.«
Und das, wo in den Krankenhäusern des Landes so schon dramatische Zustände herrschen: »Der Konkurrenzkampf der Menschen hier ist fürchterlich. Sobald einer im OP ist, müssen die Angehörigen das Bett hüten, sonst ist es bei seiner Rückkehr aus dem OP besetzt«, heißt es etwa in einem ersten Bericht des Teams des DMG-Missionsarztes Eckehart Wolff aus Port-au-Prince.
Zudem fehlen nach Angaben der Diakonie Katastrophenhilfe Medikamente und medizinisches Personal. Gemeinsam mit Caritas international schickte die Diakonie deshalb am Montag ein Flugzeug mit Hilfsgütern nach Port-au-Prince. Darunter sind medizinische Nothilfepakete für 80000 Menschen, Zelte, Nahrungsmittel sowie Tabletten zur Wasserreinigung. Die Verteilung erfolgt mit lokalen Partnerorganisationen und den Partnern im globalen kirchlichen Hilfsnetzwerk ACT (Kirchen helfen gemeinsam).
Mit Haiti hat die Katastrophe das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen Kontinents getroffen. Etwas kleiner als Belgien und mit 9,6 Millionen Einwohnern ist Haiti damit dichter besiedelt als Deutschland. Vier von fünf Haitianern leben unter der Armutsschwelle und müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Die Bevölkerung bekennt sich mehrheitlich zum katholischen Glauben.
Harald Krille/epd
Wie man konkret helfen kann:
Die Landeskirchen und die Diakonischen Werke in Mitteldeutschland rufen dringend zur Unterstützung der Opfer des Erbebens in Haiti auf.
Die Diakonie Sachsen bittet um Spenden auf das Konto 100 100 100 bei der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft Sachsen (LKG), BLZ 850 951 64, Kennwort: Haiti Erdbebenhilfe
Die Diakonie Mitteldeutschland als Landesverband für Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie Teilen Brandenburgs und Sachsens bittet um Spenden auf das Konto 800 8000, bei der Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel,
BLZ 520 604 10, Kennwort: Erdbebenopfer Haiti.
»Mit dem Herzen hören«
17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Seelsorge: Wenn das Weihnachtsfest nicht nur eitel Friede, Freude, Eierkuchen ist

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. (Foto: Maxie Thielemann)
Weihnachten kommen die Gefühle hoch. Nicht bei jedem nur die schönen. Gut, dass es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas gibt.
»Telefonseelsorge, Guten Abend.« Knapp begrüßt Anneruth Klingner* (* Name geändert) die Anrufer mit ihrer warmen tiefen Stimme. Neben dem Telefon brennt eine Kerze, das Büro ist mit Zweigen geschmückt. Die fremden Menschen am anderen Ende der Leitung fühlen sich oft wenig weihnachtlich. Das Fest weckt bei ihnen die immer gleichen Wunschvorstellungen, die auch von der Werbung getragen werden: »Da denkt jeder an eine große Familie um einen Tisch herum, an leckeres Essen und tolle Geschenke«, sagt Anneruth Klingner, »aber in Wirklichkeit ist das bei vielen gar nicht gegeben. Da entstehen dann Lücken.« Diese Lücken möchte Klingner füllen.
Zwei bis vier Mal im Monat sitzt die 52-Jährige ehrenamtlich im Büro der Leipziger Telefonseelsorge und ist für Menschen da, die nicht mehr wissen, mit wem sie reden können. Sie ist da und hört einfach zu. Auch jedes Jahr am Heiligen Abend. »Das ist mein Beitrag zu unserer Gesellschaft.«
Ihre Anrufer sind nicht selten überrascht, dass die Telefonseelsorge auch Weihnachten besetzt ist: »Schön, dass ich Sie erreiche« oder »Wie gut, dass jemand da ist«, hört Anneruth Klingner dann oft. Viele wollten einfach eine menschliche Stimme hören – sei es, weil sie den Abend alleine verbringen, weil sie sich trotz Familie innerlich einsam fühlen oder weil sie gerade etwas Schweres durchmachen. Weihnachten liegen die Gefühle näher unter der Oberfläche. Dann sind es vor allem Anlässe wie Beziehungsprobleme oder Arbeitslosigkeit, die die großen Fragen des Lebens aufwerfen: »Manche denken, ich wüsste, wie das funktioniert mit dem Glück«, erzählt Klingner nachdenklich, »aber das weiß ich natürlich genauso wenig wie alle anderen. Ich glaube nur, dass das Glück nicht von Geld abhängt.«
Geld, das sei das ganze Jahr über Thema, aber besonders zu Weihnachten. Mütter und Väter, Töchter und Söhne fragen sich dann: was ist mein Leben wert, wenn ich mir nichts leisten, wenn ich keine teuren Geschenke machen kann? Manchmal reichen als Antwort ein, zwei gute Ideen. Liebevolle Geschenke müssen eben nicht viel kosten: z. B. ein gemeinsamer Spaziergang im Wald. Doch die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge möchte weniger mit Ratschlägen helfen. »Ich löse mich selbst ein Stück weit auf und fühle in den anderen Menschen hinein. Ich höre einfach mit dem Herzen«, versucht Anneruth Klingner zu beschreiben. »Wenn jemand eine schwere Krankheit hat, was soll ich dann auch sagen? Ich kann höchstens fragen: Wollen wir gemeinsam so etwas machen wie Beten?« Dann zünden sich zwei Menschen eine Kerze an. Anneruth Klingner am einen Ende der Telefonleitung, ein verzweifelter Anrufer am anderen. Klingner versucht damit, eine unsichtbare Verbindung zu knüpfen über das anonyme Gespräch hinaus. »Manchmal ist mein Gegenüber gerührt, manchmal auch ich.« Allein wenn sie darüber nachdenkt, werden ihre Augen glasig, die Stimme stockt.
Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge geben ein Stück aktive Lebenshilfe. Das professionelle Rüstzeug dazu erhalten sie in speziellen Weiterbildungen neben ihrem eigentlichen Beruf. Auch Anneruth Klingner hat in ihrem normalen Arbeitsalltag viel zu tun, gerade jetzt vor Weihnachten. »Ich empfinde meine Arbeit als sinnvoll, aber es ist auch eine sehr beschränkte Welt. Bei der Telefonseelsorge entstehen ganz andere Gespräche und das holt mich wieder ein Stück auf die Erde zurück«, so ihr Fazit.
Manchmal fragen die Anrufer an Heiligabend besorgt: »Was machen Sie denn hier? Warum sind Sie nicht zu Hause?« Anneruth Klingner kann dann jedes Mal beruhigen: »Ich bin Ihretwegen hier.« Die vier Stunden Telefondienst an Heiligabend sind ihr ganz persönliches Geschenk.
Von Maxie Thielemann
Die Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter den Rufnummern (0800)1110111 und (0800)1110222.
Es werden weitere ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht.
www.telefonseelsorge.de
