Mal keine Hiobsbotschaften

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein junger Mann entscheidet sich, in Jerusalem Mönch zu werden – und setzt sich damit zwischen alle Stühle.

Es ist leider schon zur Binsenwahrheit geworden: dass es im Heiligen Land sehr unheilig zugeht. Die Nachrichtenlage ist schlecht. Der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern stockt. Auf beiden Seiten scheinen die Scharfmacher das Sagen zu haben. Und die Religion, so will man meinen, dient in dem Konflikt eher als Brandbeschleuniger denn als Friedensstifter.

Doch es lohnt sich, den Blick einmal wegzulenken von der Nachrichtenlage und zu schauen, was sich jenseits der Eskalation in diesem besonderen Land tut. Da stößt man zum Beispiel auf den deutschen Benediktinermönch Nikodemus. Er hat sich mit 24 Jahren nicht nur für das Mönchsein, sondern auch für ein Leben im Benediktinerkloster »Dormitio Abtei« auf dem Jerusalemer Zionsberg entschieden. In seinem Buch »Zuhause im Niemandsland« erzählt der heute 38-Jährige davon – und von den vielen kleinen Begegnungen und Situationen, die eine neue Sicht eröffnen. Ganz entgegen der gängigen Klischees berichtet Nikodemus von viel Nähe, Herzlichkeit und Solidarität zwischen den Vertretern der drei abrahamitischen Religionen. Nach der Lektüre dieses Buches keimt eine leise Zuversicht auf: dass doch noch nicht alle Wege zum friedlichen Miteinander im Heiligen Land verbaut sind. Und dass es in diesem Konflikt nicht nur ein Schwarz-Weiß-Bild gibt.

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Denn bisweilen fühlt man sich ja als Christ in Deutschland dazu gedrängt, entschieden Partei für eine Seite zu ergreifen: für Israel oder für die Palästinenser. In beiden Fällen lautet das Hauptargument, man müsse klar und deutlich an der Seite der Opfer stehen. Pater Nikodemus verwischt diese scharfen Grenzziehungen auf erfrischende Art. Er erzählt ganz konkret vom Leid und den Ängsten beider Parteien des Konflikts und weckt Mitgefühl mit den Opfern beider Seiten. So formuliert er auch gleich am Anfang den Zweck seines Buches: dass er zu einer Sichtweise einladen will, die weder proisraelisch noch propalästinensisch, sondern pro Mensch sei.

Dabei wäre es auch für Nikodemus nicht schwer, in Resignation oder gar Hass zu verfallen. Denn das aufgeheizte Klima in Jerusalem richtet sich auch gegen Christen. Es geschehe oft, dass er auf seinen Wegen durch Jerusalem von ultraorthodoxen Juden angespuckt werde, schreibt Nikodemus. In seiner Mönchskutte sei er ein wandelndes Feindbild für die strengreligiösen Juden, die Jerusalem für sich allein beanspruchen. Auch die Klostermauern werden regelmäßig mit feindseligen Sprüchen wie »Tod den Christen« beschmiert. Teile der Schwesterkirche am Ort der Brotvermehrung am See Genezareth wurden sogar durch einen Brandanschlag vor zwei Jahren zerstört.

»Die Kirchen von Jerusalem sind momentan auf dem besten Weg, wieder eine Kirche unter dem Kreuz zu werden«, schreibt Nikodemus. Er sieht genau darin seine Aufgabe: ein Zeichen der Liebe zu setzen inmitten des Hasses. »Wenn wir angegriffen werden, weil wir Christen sind, wollen wir darauf auch wie Christen reagieren, nämlich mit der Bereitschaft zur Versöhnung«, schreibt er. Deshalb bauen sie keine Sicherheitszäune um ihre Kirchen, sondern bleiben offen und gastfreundlich.

Und wie durch ein zweites Vermehrungswunder konnten mittlerweile ausreichend Spenden zusammengetragen werden, um den hohen Sachschaden an der Brotvermehrungskirche zu beheben. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin sagte bei der Wiedereröffnung des Klosters Tabgha am vergangenen Wochenende: Das sei ein Zeichen dafür, dass der Hass nicht gesiegt hat.

Genau daran möchte Nikodemus mitwirken. Er wünscht sich, dass nicht die Radikalen das Erscheinungsbild einer Religion prägen. Es sei wie beim Fußball, wo man zwischen Fans und Hooligans unterscheiden müsse. Jeder, der im Namen welcher Religion auch immer als Gewalttäter oder Scharfmacher auftrete, habe nichts mit der eigentlichen Religion zu tun. »Wahre Religiosität, die Gott sucht, schenkt nämlich den demütig realistischen Blick, dass der andere genauso geliebt ist wie ich selbst.« Nikodemus zufolge gehe es bei der Religion um Gott- und nicht um Identitätssuche. Also sei nicht die Abgrenzung zu den anderen entscheidend, sondern die Leidenschaft einer persönlichen Gottesbeziehung.

Genau diese Leidenschaft des Glaubens legt Nikodemus an den Tag. Sogar die Gründung einer eigenen Familie hat er dafür geopfert. Immer wieder wird er deshalb von jüdischen Gläubigen angefragt: Warum folgt er nicht dem Vermehrungsgebot der Bibel? Nikodemus antwortet dann: »Wir glauben wie ihr ja an ein Leben bei Gott nach dem Tod. Dann werden wir nicht mehr heiraten oder verheiratet sein. Gott allein genügt dann in jeder Hinsicht. Wir Mönche leben hier auf Erden schon so, als ob wir im Himmel wären.« Und wie auch der Zionsberg, auf dem sein Kloster steht, zum biblischen Symbol der endzeitlichen Völkerzusammenkunft ist, glaubt Nikodemus an das Miteinander der Menschen und Völker. »Wahrscheinlich ist dies der Königsweg jeglicher Friedensbemühungen: den anderen, den Fremden, vor allem als Mitmenschen zu sehen. Und der Königsweg aller Kriegstreiber ist wohl die Dehumanisierung des anderen, des Fremden, dem man sein Menschsein abzusprechen und in ihm ein Monster zu sehen versucht.«

Doch nicht die dauernde Umarmung und demonstrative Nähe der verschiedenen Religionen und Völker sei der Weg zum Frieden. Es käme auf die große Kunst an, aneinander vorbei zu leben. Genau dafür gebe der Alltag in Jerusalem eigentlich ein sehr gelingendes Beispiel. Dieses Buch ist endlich einmal keine Hiobsbotschaft aus dem Heiligen Land.

Stefan Seidel

Pater Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland. Herbig Verlag, 176 S., ISBN 978-3-7766-2744-2, 20 Euro

Royaler Glanz in Lutherstadt

16. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das schwedische Königspaar zeigt sich beeindruckt von den Kirchen der Stadt und wird freundlich von den Wittenbergern empfangen.

Die neunjährige Lena Herzer ist aufgeregt: Sie darf dem schwedischen Königspaar vor der Schlosskirche einen Blumenstrauß überreichen, gebunden aus Hortensien, Enzian und Rosen in den schwedischen Landesfarben. König Carl XVI. Gustaf und Silvia von Schweden kommen zum Abschluss ihres viertägigen Staatsbesuches in Deutschland auch in die Lutherstadt Wittenberg, zu der es bereits seit der Reformationszeit gute Beziehungen gibt. Zuletzt waren sie 1993 kurz hier.

Trotz kühler Herbsttemperaturen harren viele Schaulustige hinter den Absperrungen aus, um das Königspaar zu begrüßen. So auch die 65-jährige Rosel Emmer, die sich sehr gewünscht hat, Carl Gustaf und Silvia von Schweden einmal live zu erleben. Eigentlich ist sie Autogramm-Jägerin, für die Schauspieler Johnny Depp oder Tom Cruise wartet sie dafür schon mal bis zu acht Stunden. Das Königspaar sei aber auch ohne Aussicht auf ein Autogramm etwas ganz Besonderes, meint sie.

Als das Königspaar eintrifft, brandet Applaus auf, schwedische Fähnchen werden geschwenkt. Direkt am roten Teppich dürfen auch Schüler des Luther-Melanchthon-Gymnasiums, das eine Partnerschule in Schweden hat, mit ihrer Lehrerin Stefanie Kirbach die Delegation empfangen. Die Lehrerin für Englisch und Religion ist selbst ein großer Schweden-Fan, hat dort studiert, kann die Sprache fließend und würde Schwedisch auch gern selbst unterrichten an der Hundertwasserschule. Mit dem König darf sie nur reden, wenn sie angesprochen wird. Das Protokoll muss eingehalten werden.

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Durch die berühmte Thesentür der Schlosskirche, an die der Reformator Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 kirchenkritischen Thesen angeschlagen haben soll, schreitet das Königspaar in die Schlosskirche. Gerade mal eine Woche ist vergangen, seitdem die dänische Königin Margrethe II. das Gotteshaus ebenfalls durch diese Tür betrat. Nach mehrjährigen Restaurierungsarbeiten war die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst offiziell wiedereingeweiht worden. Das Geschenk der dänischen Königin, ein selbst gefertigtes, rotes Antependium, schmückt nun den Altar.

Die schwedischen Gäste sind beeindruckt und sehr interessiert an den Ausführungen der Direktorin des Predigerseminars, Hanna Kasparick, und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). In der Atmosphäre der Kirche tragen sich die Gäste noch in das Goldene Buch der Stadt sowie in das Buch der Landesregierung ein. Der ledergebundene Band der Stadtverwaltung fasst mehr als 200 Seiten, das schwedische Königspaar schreibt den 55. Eintrag in das 1997 begonnene Buch.

Der Zeitplan sieht ein straffes Programm vor, aber für einzelne Punkte scheinen sich die Royals dennoch Zeit zu nehmen. Dann geht es, begleitet von einer historischen Stadtwache, zu Fuß durch die Stadt. Dabei gibt es für die Anwohner trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen durchaus Gelegenheit, dem König und der Königin nahezukommen. So ist immer wieder am Rande auch die Freude über eine gute Fotogelegenheit zu hören. Aus einem Fenster ruft ein kleines Mädchen: »Hallo, Königin!« Die Monarchin blickt hinauf, lächelt und winkt zurück.

Im Luthergarten übernimmt der König mit einer symbolischen Baumpflanzung die Patenschaft für einen Trompetenbaum. König Carl XVI. Gustaf greift zum Spaten, Ministerpräsident Haseloff hilft mit der Gießkanne und verspricht noch, den Baum auch künftig nicht vertrocknen zu lassen. Der Trompetenbaum steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blumen-Esche, dem Baum, für den die dänische Königin vor einer Woche die Patenschaft übernommen hatte.

In der Stadtkirche St. Marien, der Predigtkirche Martin Luthers, überreicht Pfarrer Johannes Block eine Luthermedaille, einen Kirchenführer und einen Brief der Stadtkirchengemeinde. »Es ist eine große Ehre, dass ein schwedischer Monarch unsere Kirche besucht«, sagt er. Das Königspaar bestaunt den Cranach-Altar und bleibt an der 1931 errichteten Gedenkplatte für Gustav II. Adolf stehen.

Als der Besuch weiterfährt in Richtung Leipzig, bleiben zufriedene Wittenberger zurück. Regierungschef Haseloff sagt: »Es war ein toller Tag.« Glücklich war an diesem Tag auch Lehrerin Kirbach. Die 47-Jährige wurde vom König angesprochen und konnte schwedisch sprechen, und das noch viel länger als gedacht. Mit ihrem Anliegen, Schwedisch als Schulfach anzubieten, traf sie an diesem Tag auf offene Ohren. Der Ministerpräsident selbst sicherte seine Unterstützung zu. Die royalen Besuche gehen im kommenden Jahr zum Reformationsjubiläum weiter. Dann hat sich das niederländische Königshaus in der Lutherstadt Wittenberg angekündigt.

Romy Richter

Von einem, der den Atomkrieg verhinderte

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Welt am Abgrund: Vor 33 Jahren verhinderte ein sowjetischer Offizier mit gesundem Menschenverstand einen »Atomkrieg aus Versehen«.

Am 26. September 2016 jährt sich zum dritten Mal der von der UN-Versammlung ausgerufene Internationale Tag für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen. Warum am 26. September?

Wir müssen 33 Jahre zurückgehen, ins gefährlichste Jahr des Kalten Krieges. Viele Menschen, auch in Deutschland – hüben und drüben – peinigt die Furcht, dass der sogenannte Ost-West-Konflikt aus der Zone der politischen Machtauseinandersetzung heraustreten und zu einem militärischen Konflikt eskalieren würde: Ein Krieg, in dem der Einsatz von atomaren Waffen auch auf deutschem Boden nicht nur denkbar, sondern auch realisierbar und unabwendbar werden würde.

Das Frühwarnsystem im »Dorf« Serpuchow 15

In dieser Situation spielt sich am 26. September ein Vorgang ab, der ohne Beispiel ist: Der Hauptakteur heißt Stanislaw Petrow. Er ist Jahrgang 1939. Tatort ist Serpuchow 15, ein »Dorf« in der Nähe Moskaus. Dort ist das sowjetische Raketen-Frühwarnsystem untergebracht: in Bunkern auf einem riesigen Gelände von 70 km Durchmesser. Petrow ist Oberstleutnant der sowjetischen Luftwaffe in der Raketen- und Flugabwehr. Seine Aufgabe: mit seinen Untergebenen die Überwachung des sowjetischen Luftraums per Satellit und Computer zu leiten.

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Zu seinen Pflichten gehört es, möglichst früh und absolut fehlerfrei einen jederzeit denkbaren Raketenangriff des Westens gegen den Osten festzustellen. Die Nachricht davon muss dann unverzüglich weitergeleitet werden an die argwöhnische politische Führung mit dem Nachfolger Breschnews, Juri Andropow, an der Spitze. Dieser hätte dann den Abschuss der sowjetischen Raketen zu befehlen. Der ganze Ablauf muss innerhalb von fünfzehn bis zwanzig Minuten geschehen. So lange dauert der Raketenflug aus den USA nach Moskau.

Von dem, was am 26. September 1983 passiert, berichtet Petrow so: »Der Alarm ging gegen 0.15 Uhr los, vollkommen unerwartet. Wir hatten das oft geprobt, aber nun war es ernst. Die ganze Festbeleuchtung ging an, die Sirenen heulten, und auf den Bildschirmen blinkte in großen, roten, kyrillischen Buchstaben ›Raketenstart‹ mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Es war ein Schock, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich war der Diensthabende, der Älteste und vom Dienstgrad her Ranghöchste, die anderen waren jüngere Offiziere, die dafür zuständig waren, die Raketen scharf zu machen. Sie waren ganz durcheinander geraten und blickten mich an. Alle warteten auf meine Entscheidung.«

Petrow ist zunächst selber ebenso vor Entsetzen erstarrt wie seine Untergebenen. Es gelingt ihm aber, sich zu fassen und seinen Verstand auszurichten: Ein amerikanischer Atomangriff auf die SU würde nicht mit einer einzelnen Rakete beginnen, sondern mit einer Unmenge. Er telefoniert mit dem Generalstab. Noch während dieses Gesprächs »meldete der Computer einen zweiten Raketenstart und dann einen dritten, vierten und fünften«.

Zweifel – und eine intuitive Entscheidung

Dem diensthabenden Offizier bleiben in einem solchen Fall nur wenige Minuten, um die Flugkörper zweifelsfrei zu identifizieren. Danach muss unbedingt Andropow informiert werden. Wenn dieser sich zum Abwehrschlag entschließt, sind sieben Minuten später ein ganzes Rudel sowjetischer Interkontinental-Raketen des Typs SS-18 unterwegs in Richtung Washington, New York und diverser US-Militärbasen in Europa – insbesondere auch in Westdeutschland. Alles wird in Gang gesetzt nach der geltenden Doktrin von der »gesicherten gegenseitigen Zerstörung«.

Aber Oberstleutnant Petrow riskiert Kopf und Kragen und verweigert den Befehl zur Information Andropows. Warum? Eine sachlich überlegte Entscheidung im Kopf war für Petrow undenkbar. »Man kann die Vorgänge unmöglich in ein paar Minuten gründlich analysieren«, erklärt er den Vorfall zwanzig Jahre später. »Man kann sich nur auf seine Intuition verlassen.« Also entscheidet Petrow intuitiv und geht noch einmal von einem Irrtum aus. Er riskiert alles. Einerseits spielt er mit seinem Leben und einer Verurteilung wegen Befehlsverweigerung, andererseits wäre ein nuklearer Schlagabtausch, ein »Atomkrieg aus Versehen«, mit dramatischen Konsequenzen die Folge. Und Petrows Intuition wird bestätigt – Fehlalarm.

Was hat den Fehlalarm ausgelöst? Die späteren Untersuchungen ergeben: Der sowjetische Weltraumsatellit Kosmos 1382 hat Reflexionen von Sonnenstrahlen in der Gegend der amerikanischen Malmstrom-Raketenbasis in Montana für den Schweif einer startenden Rakete gehalten.

Statt eines Dankes aufs Abstellgleis geschoben

Welche Folgen hatte der Fehlalarm für Stanislaw Petrow? Seine Tat – oder besser: seine Nicht-Tat – bleibt zu Zeiten des sowjetischen Sozialismus unbekannt. Für ihn und die Zeugen wird ein strenges Schweigegebot erlassen. Erst 1991 berichtet die Prawda davon.

Nach jenem Ereignis wird Petrow dafür weder gewürdigt noch bestraft. Aber seit seinem eigenmächtigen Handeln gilt er nicht mehr als ein zuverlässiger Offizier. Seine bis dahin ungebrochen verlaufene Karriere endet, indem er auf einen bedeutungslosen Posten versetzt wird. Eine kleine Ehrung bekommt er 1984 wegen seiner »Verdienste um den Aufbau der Raketenstation Serpuchow 15«, nicht für das, wofür er am 26. September 1983 die Verantwortung übernahm.

Auch vereinzelte, weithin unbeachtet gebliebene Ehrungen – zum Beispiel der Dresden-Preis 2013 – konnten nicht mehr verhindern, dass er zu einem gebrochenen Mann wurde, der heute alkoholkrank, psychisch versehrt und physisch krank in der Nähe von Moskau lebt. Ein Arte-Film zeigt ihn als einen manisch-depressiven Patienten, ständig zwischen Depression und krankhaftem Hochgefühl, zwischen Nüchternheit und Betrunkenheit.

An jenem 26. September 1983 musste Stanislaw Petrow seinen Dienst unvorhergesehenerweise in Vertretung eines erkrankten Kollegen wahrnehmen. Hätte dieser kein Fieber gehabt, hätte anstelle Petrows ein anderer die Wache schieben müssen. Zufall? Fügung?

Zufall oder Gottes Fügung?

Eine Arbeitsgruppe des sowjetischen Militärs macht sich im Winter 1983/84 daran, nach den Ursachen jenes Fehlalarms vom 26. September zu suchen. Petrow muss immer wieder auf dieselben Fragen antworten. Insbesondere der Leiter dieser Arbeitsgruppe reizt den Offizier so sehr, dass er nur noch ein: »Das hing vom lieben Gott ab«, hervorbringen kann, womit er den Vorgesetzten noch mehr in Rage bringt.

Petrow erinnert sich: »Nun wurde der wütend wie ein Stier, begann mit den Füßen zu trampeln und sagte: ›Was soll das denn heißen? Das hing vom lieben Gott ab?‹ Wir waren ja ein atheistisches Land. Aber ich entgegnete ihm: ›Andere Informationen habe ich nicht.‹«

Von Malte Heine und Rolf Wischnath

Malte Heine ist Theologiestudent und Rolf Wischnath Honorarprofessor für Dogmatik an der Universität Paderborn.

Mit Zeichen und Gebärden zum Verstehen

13. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gebärdenkultur ist ausdrucksstark, tiefgründig und humorvoll. Auf jeden Fall zählt der Stolz auf die eigene Sprache dazu. Denn das Selbstbewusstsein wächst, wenn man sich in seiner Sprache mitteilen und anderen helfen kann.

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

An die 50 Jugendliche aus Deutschland und Norwegen entdeckten im August in Strandheim am Oslofjord verschiedene Ausdrucksformen von Gebärdenkultur: Poesie, Theater, Lieder und vieles mehr. Visuell wurde diskutiert, gelernt und geübt. Nicht überall wird Gebärdensprache gefördert. Und nicht überall haben Gehörlose Möglichkeiten, ihre Sprache zu entwickeln. Deshalb waren die Voraussetzungen bei den Teilnehmenden teilweise sehr unterschiedlich. Doch gemeinsam haben es alle geschafft und jede und jeder konnte abends seine Fähigkeiten auf einer Bühne unter Beweis stellen.

Zudem gab es viele Freizeitaktivitäten – von Fußballspielen bis zu Wikingerschach, Schwimmen oder Klettern, von Kajak- und Kanufahren bis zur Schifffahrt auf dem Oslofjord. Dabei galt stets: gemeinsam statt einsam. Mehr als ein Drittel der deutschen Teilnehmer kam aus Mitteldeutschland: Von Hildburghausen über Triptis, Zwickau und Leipzig bis nach Dres-
den.

Helfen ist ein wichtiger Teil von Gehörlosen- und Gebärdenkultur. Dies gilt nicht nur für Hilfe untereinander, sondern auch gegenüber anderen Menschen. Deshalb wurde ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten, um dann als Ersthelfer mutiger zu sein und etwa einen Krankenwagen rufen zu können. Auch wenn die technischen Systeme (Apps auf dem Handy oder dreimal Power-Taste drücken auf dem Smartphone ab Android 5) in Deutschland und Norwegen unterschiedlich entwickelt sind.

Weltweit gibt es mehr als einhundert verschiedene Gebärdensprachen. Spannend war daher die Begegnung über die Grenze verschiedener Sprachen hinweg. Nur wenn es unbedingt notwendig war, wurde gedolmetscht. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit, mit Benutzern einer anderen Gebärdensprache zu kommunizieren. Die meisten haben dabei ihre Liebe zur eigenen Gebärdensprache ganz neu entdeckt.

Die Jugendbegegnung wurde von der norwegischen Gehörlosenkirche, der »Døvekirken«, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge organisiert und durch das EU-Programm »Erasmus-Plus« gefördert. Das Wichtigste an der Woche war, dass die Jugendlichen über sich selbst hinauswuchsen und mit Stolz auf ihre Leistungen wieder nach Hause reisten. Die Hoffnung aller Beteiligten ist es deshalb, dass im August 2017 eine weitere Jugendbegegnung, dann in Eisenach, möglich wird.

Michael Hoffmann und Andreas Konrath

Michael Hoffmann ist Pfarrer der norwegischen Døvekirken, Andreas Konrath ist Landesgehörlosenpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Popmusik fürs Kirchenvolk

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Oh happy day«: Am Wochenende treffen sich Gospelchöre aus ganz Deutschland in Braunschweig zum 8. Internationalen Gospelkirchentag, initiiert von der Creativen Kirche in Witten. Die »Singende Gemeinde« aus dem Ruhrgebiet hat auch für das Reformationsjahr 2017 Großes geplant.

Stellen Sie sich das mal vor«, jubelt Christian Gerhardus geradezu am Telefon, »für das Luther-Pop-Oratorium Ende Oktober 2017 in Berlin haben sich schon 1 200 Sänger angemeldet, obwohl die Werbung dafür noch gar nicht gestartet ist.« Gerhardus gehört zur Stiftung Creative Kirche in Witten, die »das Projekt der tausend Stimmen« organisiert. Berlin soll der krönende Abschluss werden. Acht Städte, zehn Aufführungen in den größten Hallen und eine vor der Schlosskirche in Wittenberg sind für das kommende Jahr geplant.

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Bei der Creativen Kirche hat man Erfahrung mit musikalischen Großereignissen. Seit über 20 Jahren exportieren die »Creas« die Vision der »singenden Gemeinde«. Musikprojekte, Kinderbibelmusicals, Workshops, Chortage, Gottesdienste in neuer Form, die mit Popmusik Kinder, Jugendliche und Erwachsene berühren sollen. Was 1993 mit einer Idee der Diakone Ralf Rathmann und Martin Bartelworth begann, ist heute ein kleines Musikunternehmen im Ruhrgebiet, zu dem 22 Angestellte und viele Ehrenamtliche gehören.

Seit 2002 veranstaltet die Creative Kirche regelmäßig alle zwei Jahre den Gospelkirchentag an wechselnden Orten. Der 8. Internationale Gospelkirchentag ist diesmal in Braunschweig zu Gast. »Wir wollten einen Begegnungsraum und ein Forum für die vielen Gospelchöre schaffen«, erklärt Martin Bartelworth, der heute zusammen mit Ralf Rathmann Vorstand der Stiftung Creative Kirche ist.

Dass die Gospelchöre Unterstützung brauchen, wurde spätestens nach einer Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD deutlich: 40 Prozent der Chorleiter gaben an, ohne Ausbildung, also Autodidakten zu sein. »Das war die Geburtsstunde der Evangelischen Popakademie«, so Bartelworth.

Im Herbst beginnt in Witten ein Studiengang, der speziell populär-musikalisch geprägt ist. »Wir wollen Glaube und Kirche attraktiv machen mit der Lebenskultur, mit der wir groß geworden sind. Das ist für uns die Popularmusik«, beschreibt er die Intention. Deshalb soll jetzt in Qualifizierung und Bildung investiert werden. Die Popakademie versteht er dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur klassischen Kirchenmusik.

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Fotos: Stiftung Creative Kirche

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Foto: Stiftung Creative Kirche

Vor sechs Jahren startete mit dem Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« von Dieter Falk und Michael Kunze ein weiteres Projekt. In Zeiten, in denen Kirchenchöre Nachwuchssorgen plagen, gelang es, allein für die Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle 2 500 ehrenamtliche Sänger zu gewinnen. Die Mischung aus Musical und Gospelkonzert kam an. Das soll im kommenden Jahr mit »Luther« noch getoppt werden.

Dass Projektchöre entstehen und wieder in der Versenkung verschwinden, findet Bartelworth nicht schlimm. »Jeder kann mitmachen und etwas Einmaliges erleben. Komm wie du bist, du bist willkommen, sagt Jesus«, und so laute auch das Credo der Creativen Kirche. Das sei zutiefst lutherisch, meint Bartelworth. Luther komponierte damals keine Klassik, sondern »Volks-Pop«. Der Diakon unterstreicht: »Es ging und geht um die frohe Botschaft des Evangeliums und um ihren auch musikalischen Sitz im Leben.«

Da gehörten die Choräle der alten Meister in neuen Arrangements genauso dazu wie Gospels, Worship und andere Stile.

Mit bis zu 5 000 Beteiligten zählt der Gospelkirchentag zu den größten Sängerfesten im Lande. Aber die Masse sei nicht entscheidend, meint Bartelworth. Es gehe vielmehr darum, dass Menschen gemeinsam Gottesdienst feiern – nach dem Motto, mit dem Besucher in den Räumen der Creativen Kirche in Witten empfangen werden: »Glauben singen. Glauben leben«. Kirche so zu gestalten, dass man guten Gewissens auch andere dazu einladen kann, sei das Ziel – im Kleinen wie im Großen.

Willi Wild

www.gospelkirchentag.de


www.creative-kirche.de


www.luther-oratorium.de


www.gospel.de

Wo die Pflege etwas gilt

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahren wird bei uns über die Probleme in der Pflege diskutiert. Andere Länder sind längst weiter, wovon sich Diakonie-Präsident Ulrich Lilie kürzlich bei der Diakonie in Norwegen überzeugen konnte.

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos hängen im kleinen Sprechzimmer der Haraldsplass Diakonale Stiftelse (Diakoniestiftung Haraldsplatz) im norwegischen Bergen. Sie zeigen norwegische Diakonissen: Junge Frauen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zwischenkriegszeit und auch noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Ausbildung als Krankenschwester entschieden und sich in der Diakoniestiftung einsegnen ließen. Doch mit den Jahren nimmt die Zahl der jungen Frauen auf den Fotos ab. Zum Schluss sind es nur noch drei, die ihre Hände in die Hand des Vorstehers der Einrichtung legen. Das Foto wirkt wie eine Trotzgeste.

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Heute gibt es in der Bergener Stiftung so wie in den meisten Häusern des Kaiserswerther Verbands deutscher Diakonissenmutterhäuser, von dem die Einrichtung im norwegischen Bergen einst gegründet wurde, kaum noch Diakonissen. An Pflegekräften allerdings besteht in Norwegen kein Mangel. Im Gegenteil. »Bei uns ist die Pflege ein akademischer Beruf«, sagt Ingunn Moser, Rektorin der zur norwegischen Diakonie gehörenden Hochschule VID, die sich unter anderem mit der Pflegeausbildung beschäftigt. Wer sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, absolviert einen Bachelorstudiengang. Und die Ausbildung ist beliebt: Für 118 Studienplätze gab es an der VID im vergangenen Jahr über 2 000 Bewerber. Bis zu 49 000 Euro im Jahr kann eine Krankenschwester mit allen Zuschlägen in Norwegen verdienen, sagt Ingunn Moser. Örtlichen Fachverbänden ist das noch zu wenig: Sie vergleichen das Gehalt einer Krankenschwester mit dem eines Ingenieurs, denn auch der hat ja schließlich ein Hochschulstudium absolviert.

Die Sozialverbände in Deutschland können von so viel Interesse am Pflegeberuf nur träumen. »Wir bemühen uns um eine generalisierte, akademische Pflegeausbildung«, sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, bei seinem kürzlich erfolgten Besuch in der norwegischen Diakoniestiftung. Immer wieder verwiesen ihn die norwegischen Gastgeber auf Unterschiede: So gibt es im steuerfinanzierten norwegischen Gesundheitssystem keine Krankenkassen. Nur wenige Norweger werden von ihrem Arbeitgeber privat versichert. Ein Einzelzimmer in der geriatrischen Station erhält nicht derjenige, der dafür bezahlt, sondern der, der es am nötigsten braucht, sagt Chefarzt Jan Henrik Rossland. Für Patienten gibt es ein dreistufiges System – für kleinere Krankheiten den von der Kommune bezahlten örtlichen Arzt mit einem klar definierten Versorgungsbezirk, der im Notfall in ein fest definiertes, für den Wohnort des Patienten zuständiges Krankenhaus einweist. Und darüberhinaus dann Spezialversorgung auf der regionalen Ebene.

So ist es auch in der Hospizversorgung geregelt, die in Deutschland ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Diakonie darstellt. Landesweit stehen den Norwegern nur knapp über 100 Betten in Palliativstationen zur Verfügung. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich in Seniorenheimen palliativmedizinisch versorgen zu lassen. »Patienten, die ihre letzten Wochen gerne zu Hause verbringen möchten, erhalten einen Schnellhefter, in dem genau aufgeschrieben ist, wen sie anrufen müssen, wenn es ihnen schlechter geht – und was sie sich wünschen, falls ein Pflegedienst im Zweifel ist«, sagt Marit Huseklepp, die in der »Haralds­plass Diakonale Stiftelse« auf Palliativversorgung spezialisiert ist. »Es ist uns wichtig, dass sich der Patient und seine Angehörigen zu Hause auch sicher fühlen.« Zudem bekommen die Patienten ein Paket mit Schmerzmitteln mit nach Hause – sogar Morphium ist darin enthalten. »Wir wollen, dass die Krankenpfleger die Patienten unkompliziert versorgen können, wenn es darauf ankommt.«

Unkomplizierte Lösungen, wie sie sich die deutschen Sozialverbände wohl auch hierzulande wünschten.

Benjamin Lassiwe

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


Miteinander reden statt übereinander

29. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava heißt Brüderlichkeit: Nach einem beachtlichen Start im vergangenen Jahr gehen die Achava-Festspiele, deren Medienpartner die Kirchenzeitung ist, in diesem Jahr vom 1. bis 11. September in Erfurt in die zweite Runde. Harald Krille sprach mit Martin Kranz, dem Intendanten des Festivals, über Ziele und Schwerpunkte des Programms.

Herr Kranz, Sie haben vor einem Jahr in einer an kulturellen Glanzlichtern nicht gerade armen Region mit »Achava« ein neues Festival ins Leben gerufen, wie kam es zu dieser Idee?
Kranz:
Ich war elf Jahre lang Leiter und Intendant der »Jüdischen Kulturtage« in Berlin, die in dieser Zeit das wirklich mit Abstand größte jüdische Festival in Deutschland wurden. Ich lebe aber weiter in Thüringen, in Weimar, und da hat mich schon lange die jüdische Geschichte Erfurts beeindruckt. Immerhin gab es in Erfurt im Mittelalter zumindest zeitweise die größte jüdische Gemeinde Deutschlands. Ich habe immer gedacht, da müsste man doch was machen.

2013 habe ich mich dann mit dem jüdischen Musikprofessor Jascha Nemtsov aus Weimar und dem Präsidenten der Musikhochschule, Professor Christoph Stölzl, zusammengesetzt. Gemeinsam erarbeiteten wir den Vorschlag, ein Festival zu etablieren, dass einen starken jüdischen Kern hat, aber künstlerisch, kulturell und religiös über den Tellerrand hinausschaut und zum Dialog von Kulturen und Religionen einlädt.

Und Sie stießen auf Begeisterung?
Kranz:
Am Anfang stießen wir auf viel Skepsis. Viele erkannten wohl zunächst auch das Potenzial eines solchen Festivals nicht. Aber dann rückte 2014 das Thema islamischer Terror und »IS« in den Blickpunkt, die Welt stand auf einmal in Flammen. Da habe ich dann gedacht, jetzt müssen wir es machen. Ich bin Anfang Dezember 2014, am Tag nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten, zu Bodo Ramelow. Auch mit ihm hatte ich vorher schon gesprochen und an dem Tag sagte er spontan: »Wir machen es.«
Kultur-vor-Ort-33-2016Aber er hatte außer ein paar freien Lottomitteln kein Geld, das Land hatte für 2015 noch keinen Haushalt. Doch er hat die Schirmherrschaft übernommen, wir haben uns den Namen »Achava« ausgedacht, was auf hebräisch »Brüderlichkeit« bedeutet und die Zielrichtung des Festivals vorgibt. Und dann haben wir Sponsoren gesucht und letztlich auch gefunden, sodass es 2015 das erste Achava-Festival gab.

Wie war die Resonanz im vergangenen Jahr?
Kranz:
Wir hatten um die 6 000 Besucher. Das ist für ein völlig neues Festival schon nicht schlecht.

Religion wird von vielen heute als Privatsache gesehen, von etlichen sogar als Bedrohung empfunden. Bei Achava geht es dezidiert um die jüdische, christliche, muslimische und auch buddhistische Religion und Kultur.
Kranz:
Achava nimmt sich Religion und Kulturen zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie es mit uns und unserer Welt weitergeht. Dazu muss man immer einen Blick zurückwerfen und fragen: Wo kommen wir her? Wo ist unser kultureller und religiöser Ursprung? Beides hängt ja zusammen. Deshalb die Einladung an die Menschen, sich wieder verstärkt mit der Identität zu beschäftigen. Und da spielt Religion natürlich eine ganz große Rolle. Zum anderen sehen wir natürlich, wie weltweit Religion für politische Zwecke missbraucht wurde und wird. Auch dem wollen und werden wir nachspüren.

Was unterscheidet Achava II von Achava I?
Kranz:
Achava II ist in seiner Ausprägung vor allem noch einmal breiter aufgestellt und geht stärker weg von dem israelischen Fokus. Wir nehmen die anderen Kulturen, die anderen Religionen stärker in den Blick.

Zu den neuen Programmpunkten und Formaten in diesem Jahr gehört am 3. September der »Shuk Achava« im Erfurter Landtag. Was erwartet die Besucher dort?
Kranz:
Hinter der Idee des Shuks, also des traditionellen arabischen Marktes, steht für mich mehreres. Zunächst ist es ein Format mit einer niedrigen Hemmschwelle für Besucher. Zugleich finde ich es wichtig, im Landtag, also einem Haus, wo sonst Politik gemacht wird, die Tür zu öffnen und etwas zu machen, was sonst dort so nicht stattfindet: Wir machen politisches Kabarett im Plenum, wir machen Puppentheater im ganzen Haus, wir werden orientalisch kochen mit dem ehemaligen Chefkoch des Landtags und einem israelischen Spitzenkoch. Dort werden sich Erfurter Religionsgemeinschaften ebenso präsentieren wie die Fraktionen des Landtags, es wird Ausstellungen und Podiumsdiskussionen geben. Kurz: Wir bringen Politik, Kultur und Religion in einen Gesprächskontext.

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Dazu gehört auch am Vormittag ein Israeltag, bei dem wir mit Schülern über das moderne Israel und die politische Lage im Nahen Osten diskutieren. Also niedrigschwellig viele Menschen ansprechen, eine Tür öffnen und sagen: Guckt einfach mal, seid neugierig, schaut euch das an. Das ist die Idee des Shuks.

Wir zeigen damit übrigens auch, dass Achava überparteilich ist: Schirmherr ist der Ministerpräsident Bodo Ramelow, ein Linker. In den Landtag aber wurden wir von Landtagspräsident Christian Carius, einem CDU-Politiker, eingeladen.

Als wohl größte Herausforderung empfinden die meisten Menschen die Auseinandersetzungen mit dem Islam und die Frage der Integration von Flüchtlingen. Greift Achava diese Fragen auf?
Kranz:
Aber natürlich spielen die Flüchtlingsfrage und die Herausforderung durch den Islam eine große Rolle. In der Reihe der Erfurter Religionsgespräche in der Peterskirche werden wir unter anderem der Frage nachgehen, ob und wie demokratie- und zukunftsfähig der Islam ist. Mit der türkischstämmigen Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek und dem Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide wird es dabei kompetente und auch kritische Gesprächspartner geben.

Werden Flüchtlinge auch selbst zu Wort kommen?
Kranz:
Selbstverständlich. Zum Beispiel in der Reihe »Hört die Zeugen«. Da wird uns in diesem Jahr unter anderem ein syrischer Flüchtling über seine drei Jahre andauernde Flucht erzählen, auf der er fünf Sprachen lernte, bevor er in Berlin ankam und jetzt Dolmetscher werden will. Das ist doch spannend, sich mit so einem Menschen zu unterhalten. Überhaupt ist es wichtiger, mit Flüchtlingen, mit Muslimen, zu reden, als immer nur über sie.

Und ich komme wieder auf den Shuk zurück: Dort wird die »Banda International« aus Dresden auftreten und auch mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Das ist eine Formation, in der Flüchtlinge aus 20 Nationen mitspielen und die als künstlerische Antwort auf Pegida entstanden ist.

Viele Veranstaltungen bei Achava sind kostenlos, andere kosten einen eher symbolischen Eintritt von fünf Euro. Wie funktioniert das bei solch hochkarätigem Programm?
Kranz:
Das funktioniert vor allem durch die Unterstützung von Privatpersonen und -institutionen. Der Gesamtetat des Festivals beträgt 500 000 Euro. Knapp 250 000 Euro kommen von privaten Spendern, der Rest sind öffentliche Mittel. Ich stehe dafür, dass Achava kein Hochpreis-Eliten-Festival wird, sondern wir wollen alle erreichen. Und ich denke, für eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion sind fünf Euro ein zumutbarer Obolus. Für die teuersten Konzerte sind je nach Preiskategorie 15 bis 30 Euro fällig. Das kann sich wohl jeder leisten, wenn er es möchte. Und so soll es auch bleiben.

Was wünscht sich der Intendant von Achava für das Festival?
Kranz:
Der größte Wunsch ist natürlich, dass möglichst viele Besucher kommen. Das Zweite ist, dass alles glatt läuft, dass die Künstler gesund sind, dass wir alle Veranstaltungen durchführen können. Und das Dritte ist, dass die Menschen, die kommen, etwas mitnehmen. Dass wir in einer Zeit, in der viele Fragen im Raum stehen, wir vielfach verunsichert sind, ein paar Anregungen und vielleicht auch ein paar Antworten geben können und vor allem ehrlich miteinander ins Gespräch kommen, Probleme offen ansprechen. Das ist ja der Sinn von Achava.

www.achava-festspiele.de

Ein Festival für Toleranz und Dialog

Im Grußwort der Veranstalter heißt es: »Das Motto der Achava-Festspiele ist dem Buch des Propheten Micha entnommen: ›Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.‹ Diese Friedensvision erscheint einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander seinen Glauben, seine Meinung und Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.«

»Egal welcher Religion wir angehören oder ob wir keiner Religion angehören, dürfen wir in den zahlreichen Veranstaltungen Gemeinsamkeiten entdecken, über unsere Unterschiede reflektieren und sehr viel lernen«, meint Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Schirmherr.

Und Ministerpräsident Bodo Ramelow, ebenfalls Schirmherr, schreibt: »Die Erfurter Achava Festspiele geben wichtige Impulse für unsere weltoffene Gesellschaft.« Das Festival sei eine Stimme der Humanität und die kulturvolle und kulturelle Antwort der Zivilgesellschaft auf Intoleranz und Ausgrenzung und Ausdruck für das moderne und weltoffene Thüringen.

Nicht Rückblick, sondern Aufbruch

15. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Für unsere Sommerinterview-Serie traf Sabine Kuschel Margot Käßmann in einem Berliner Restaurant. Sie sprachen über das Reformationsjubiläum, Mission, Karriere und Zukunftspläne.

Frau Käßmann, Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum – was sind die Herausforderungen dieses Jobs?
Käßmann:
Der Bundestag hat gesagt, das Reformationsjubiläum ist von kulturhistorischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland, für Europa, ja, die Welt. Meine Aufgabe ist, nach außen zu vermitteln, dass das Reformationsjubiläum alle angeht. Es ist kein binnenkirchliches Ereignis, sondern auch ein säkulares. Das macht mir besonders Spaß. Ich habe zudem viele Partnerkirchen im Ausland besucht.

Es wird kein deutsch-nationales Reformationsjubiläum wie 1817 oder 1917 werden, sondern ein internationales. Einerseits, weil Gäste aus dem Ausland zu uns kommen, andererseits, weil unsere Partnerkirchen in Asien, Afrika, Lateinamerika sagen: Das ist auch unser Jubiläum. Die Partnerkirchen in aller Welt entwickeln tolle Ideen, wie sie das Jubiläumsjahr vor Ort begehen wollen.

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Eine Arbeit, die Freude macht?
Käßmann:
Weil ich meine Arbeit auch mit Leidenschaft mache. Ich finde diese Form berufstätig zu sein jetzt noch schöner, als Ratsvorsitzende zu sein. Sämtliche Dienstverpflichtungen wie Sitzungen, Akteneinsicht, Dokumente redigieren, habe ich nicht mehr. Ich kann schreiben, Vorträge halten, ich predige jede Woche woanders, quer durch die Republik. Das macht mir Spaß.

Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten?
Käßmann:
Die Konzeption der Weltausstellung. Wir werden 16 Wochen vom 20. Mai bis 4. September 2017 Wittenberg sozusagen als Ausstellungsgelände erleben. Es wird 14 Themenwochen geben, die wir jetzt inhaltlich planen. Themen sind unter anderen Europa, Ökumene, Bildung, Gerechtigkeit, Dialog der Religionen, Frieden, Spiritualität.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Käßmann:
Auf den Reformationssommer insgesamt. Jeden Tag, den ganzen Sommer, werden Menschen nach Wittenberg kommen, um am Ende sagen zu können: Das war nicht Rückblick, sondern das war Aufbruch.

Was könnte schiefgehen?
Käßmann:
Dass es Desinteresse gibt. Die Kirchen in Ostdeutschland haben es wirklich schwer. Sie sind in einer Minderheitssituation. Es ist da eine besondere Herausforderung, überzeugend von Gott zu reden. Ich wünsche mir, dass das Reformationsjubiläum für die Kirchen in Ostdeutschland ein ermutigendes Ereignis wird.

Das Wort »Mission« hat einen schlechten Klang, auch in Deutschland. Aber mittlerweile ist die Einsicht gewachsen, wenn Christen hier nicht missionarisch wirken, stirbt der Glauben. Wie stehen Sie zur Mission?
Käßmann:
Bei einer Tagung 1998 in Simbabwe hörte ich Nelson Mandela sagen: Die Missionare haben vielleicht viele Fehler gemacht, aber sie haben uns in Südafrika den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass wir Schwarzen genausoviel wert sind wie die Weißen. Dieser Gedanke ist nicht mehr weggegangen. Das fand ich sehr interessant.

Ich denke, es ist richtig, diesen Gedanken von der Würde jedes Menschen weiterzugeben. Es gibt einen schönen Satz: »Missionarisch sein heißt, lebe so, dass andere dich fragen, warum du so lebst.« Ich finde, die Christen sollten sich nicht scheuen, auch zu sagen, wo der Grund ihrer Haltung liegt. Sie sollten offen über ihren Glauben reden.

Und die Türen der Kirchen sollten weit geöffnet werden für die Menschen. Bei der Weltausstellung in Wittenberg haben wir beispielsweise ein Panorama von Yadegar Asisi, das schlicht spannend ist für Menschen mit und ohne Glauben. Ich wünsche mir, dass das auch eine missionarische Chance hat 2017.

Was eine Theologin in Deutschland erreichen kann, haben Sie erreicht. Wie haben Sie das geschafft?
Käßmann:
Es hat sich eines aus dem anderen ergeben. Ich hatte zweimal im Leben einen großen Vorteil durch Glück. 1974 hatte ich ein Stipendium in den USA gewonnen. Ich hatte mich fast nebenbei in der Schule beworben und konnte ein Jahr in den USA verbringen. Das war eine enorme Horizonterweiterung. Dort habe ich fließend Englisch gelernt.
Sommerlogo GuHAls ich 1983 als Jugenddelegierte der Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Vancouver teilnahm, wurde ich als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt. Da war ich bis 2002 Mitglied. Das sind fast 20 Jahre, in denen ich internationale Erfahrungen sammeln konnte, Sitzungen zu leiten hatte. Das war eine intensive Erfahrung, die für mich später in Leitungssituationen von großem Vorteil war, etwa als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, auch dann bei der Wahl zur Landesbischöfin. Ich wäre sicher nicht Bischöfin geworden ohne diese Vancouver-Vorgeschichte.

Und dann: Wenn ich gefragt wurde, hatte ich oft den Mut, »Ja« zu sagen. Das liegt vielleicht auch daran: meine Mutter hatte nie Zweifel, dass eine Frau alles erreichen kann.

Wittenberg ist eine kleine Stadt, in der Reformationsgeschichte geschrieben wurde. Wissen die Wittenberger um den Wert ihrer Stadt?
Käßmann:
Die Wittenberger wissen, was ihre Stadt wert ist. Wittenberg war ein Zentrum von Ideen und Gedanken, auch universitär. Die Stadt sollte nicht unterschätzt werden. Es wird jetzt viel renoviert. Es ist großartig, dass die historischen Stätten so aufgearbeitet werden. Es tut sich einiges.

Was kommt danach, nach dem großen Fest und Jubiläumsjahr?
Käßmann:
Meine Erfahrung mit Kirchentagen ist nun sehr, sehr lang. Menschen, die von Kirchentagen zurück nach Hause kommen, bringen Ideen mit; sie sind ermutigt, haben eine Tankstelle für die Seele erlebt und können dann in ihrer kleinen Gemeinde vielfach wieder Erfahrungen umsetzen.
Sonne-webEs werden viele neue Verbindungen entstehen, die dann auch Kreativität freisetzen. Wir geben das Reformationsjubiläum 2018 weiter in die Schweizer Kirchen. Sie werden ab 2019 ihren Zwingli ins Zentrum setzen. Und viele Orte werden weitermachen. Ich denke eher an Aufbruch, als an Abfeiern.

Und wie wird es für Sie persönlich weitergehen?
Käßmann:
Für das Jahr 2018 habe ich schon jetzt viele Einladungen. Bis Juni 2018 werde ich unterwegs sein. Am
3. Juni 2018 werde ich 60 und werde offiziell in Pension gehen. Von Juni bis Dezember nehme ich keine Einladungen an, um auch den Bruch zu markieren. Aber danach kann ich ja glücklicherweise weiterhin schreiben, Vorträge halten, predigen. Langweilen werde ich mich nicht.

Ich wünsche mir, mehr Zeit für die Enkelkinder zu haben. Drei habe ich schon.

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?
Käßmann:
Ich merke schon, dass ich älter werde. Neulich bin ich mit meiner jüngsten Tochter zum Joggen gegangen. Als sie 115 Stufentreppen rasant hochgelaufen ist, musste ich mich anstrengen, dass ich hinterherkomme. Ich merke das Alter auch an den Falten, aber ich fühle mich noch nicht so alt wie ich bin.

Allerdings beschäftige ich mich öfter mit der Frage, wie mein Leben im Alter aussehen soll. Willst du in deiner Wohnung bleiben? Willst du Teil einer Wohngemeinschaft sein? Ich bin sehr dankbar, dass es heute professionelle ambulante Pflege gibt. Niemand muss unbedingt in ein Pflegeheim gehen, sondern kann zu Hause bleiben. Das würde ich auch gerne.

Mein Jahrgang taucht häufiger in den Traueranzeigen auf. Ich hänge am Leben, ich will jetzt noch nicht sterben, aber wenn es so sein sollte, wäre das für mich okay. Ich habe ein volles Leben gelebt.

Ich hatte vor zehn Jahren Brustkrebs. Das hätte auch anders ausgehen können. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich gesund geblieben bin.

Gibt es einen Lieblingsort, wo Sie Kraft tanken?
Käßmann:
Die Insel Usedom ist ein wunderschöner Flecken Erde. Ich habe dort ein Ferienhaus. Ich möchte dort beerdigt werden. Und hier in Berlin gibt es ein großes kulturelles Angebot, Theater, Museen, Kino. Heute Morgen, das Wetter war so schön, bin ich an den Schlachtensee gefahren, dort bin ich gern. Ich bin um den See gelaufen und dann eine halbe Stunde geschwommen. Das war großartig.

Ich mache gern Sport: Laufen, Schwimmen, Radfahren. Oder ich lege mich aufs Sofa und gucke im Fernsehen ein Fußballspiel oder den »Tatort«. Oder ich setze mich auf meinen kleinen Balkon und lese einen Krimi. Ich gehe auch gern ins Kabarett und ins Kino.

Professor Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann wird am Donnerstag, 25. August, in Weimar als Festrednerin anlässlich des Empfangs von Kirche und Diakonie zum Herdergeburtstag erwartet. Ihr Thema: »Reformationsjubiläum 2017 – was gibt es da zu feiern?« Beginn der Veranstaltung, zu der auch die Verleihung des diesjährigen Herderförderpreises gehört, ist 17 Uhr in der Stadtkirche St. Peter und Paul.

Türkei: Erdogan und der Gruß der Muslimbrüder

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Als die Muslimbrüder in Ägypten gegen die Absetzung von Präsident Muhammad Mursi durch den Militärputsch des derzeitigen Präsidenten Al Sisi protestierten, sah man es tausendfach auf den Straßen: Statt der zwei Finger des säkularen »Victory« (engl. für Sieg) wurden vier Finger gezeigt, eine schwarze Hand mit eingeschlagenem Daumen auf gelbem Grund. Es war das Zeichen der Muslimbrüder. 2013 wurde Erdogan gefilmt, als er weinend den Tod von Asmaa el Beltagy betrauerte. Die junge Demonstrantin war vor der Rabaa al-Adawiya Moschee in Kairo erschossen worden. »Rabaa« bedeutet auf Arabisch »vier« und deshalb die vier Finger als Zeichen der Solidarität für die Muslimbrüder und die Islamisten. Das Symbol verbreitete sich in der ganzen muslimischen Welt.

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Jetzt, nach dem erfolgreichen Niederschlagen des Militärputsches, trat Erdogan auf, im Maßanzug und mit einem karierten Arbeiterhemd ohne Krawatte. So demonstrierte er »Volksnähe«. Und wieder zeigte der türkische Präsident für alle sichtbar seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern. Zu Beginn seiner Rede, als er sich an »meine lieben Brüder« wandte, winkte er mit seiner Hand, mit vier ausgestreckten Fingern und einem weggedrehten Daumen.

Erdogan hat das Symbol in seiner Rede mehrfach verwendet und gewiss nicht zufällig. In arabischen Medien wird Erdogans stilles Zeichen ausführlich diskutiert. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al Sisi ungehalten.
Auch im Westen spielen solche Symbole eine große Rolle, wie das V-Zeichen für »Victory«, von Winston Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg und später von »Friedensbewegten« in aller Welt verwendet.

In Deutschland kennt jeder die ausgestreckte Hand als Symbol für den Hitlergruß, heute bewusst von der Hisbollah in Beirut und der Hamas sogar mitten in Jerusalem verwendet. Nach der Entführung von drei jungen Israelis im Westjordanland im Juni 2014 war es bei Palästinensern populär, drei Finger hochzuhalten, als Symbol für die drei entführten und ermordeten jungen Israelis.

Und nun macht Erdogan unübersehbar klar, wo er steht. In der arabischen Welt gibt es viele Analphabeten, aber symbolische Handzeichen werden von jedem verstanden. Ob der Westen diese Zeichen der Zeit begreift?

Ulrich W. Sahm

Ein Riss geht durch das Land

5. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: Der katholische Mehrheitsglaube hat die Menschen im Nachbarland noch immer geeint. Doch in den aktuellen politischen Auseinandersetzungen scheint selbst dies nicht mehr zu funktionieren.

Teile und herrsche«, das sei das Motto von Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der derzeit alleinregierenden Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS), meint Piotr Kandyba. Er selbst ist Mitglied der Partei »Nowoczesna Ryszarda Petru«, zu deutsch »Richard Petrus Moderne« oder auch einfach nur »Die Moderne«. Auf dem Weg vom Büro zur Parteiarbeit nimmt er sich in einem Café Zeit für ein Gespräch. Die Regierung ermuntere die Menschen zu einem aggressiven Verhalten. Der Lokalpolitiker Kandyba werde darum als Parteimitglied des Ökonoms Ryszard Petru als »Bankster« beschimpft. Das schmerzt ihn, da er sich als »sozialliberalen Katholik« sieht, der sich vor Ort auch für die sozial Schwachen engagiert, die sich nun teils gegen ihn wenden. »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden«, so das Motto des Weltjugendtags, zu dem Papst Franziskus Ende Juli Polen besuchen wird. Im Gastgeberland stehen sich Regierungsgegner und Regierungsbefürworter derzeit jedoch unversöhnlich gegenüber.

Bei Demonstrationen und Protestaktionen kommt es immer wieder zu Gerangel. »Verräter, geht nach Deutschland oder Russland!«, werden Aktivisten des »Komitees zur Verteidigung der Demokratie« (KOD) von Anhängern der PiS angeschrien. Die Partei unter der Leitung von Jaroslaw Kaczynski hat im vergangenen Herbst die Wahlen gewonnen. Seitdem gestaltet sie Polen nach ihren nationalkonservativen Vorstellungen um.

Nicht die Begeisterung über Polens Einzug ins Viertelfinale der Fußball-EM treibt derzeit immer wieder Tausende Polen auf die Straße, sondern die Angst vor einer immer nationalistischeren und europafeindlicheren Politik. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Nicht die Begeisterung über Polens Einzug ins Viertelfinale der Fußball-EM treibt derzeit immer wieder Tausende Polen auf die Straße, sondern die Angst vor einer immer nationalistischeren und europafeindlicheren Politik. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Möchte man mit Gegnern oder Befürwortern der PiS ins Gespräch kommen und gibt sich als Journalist zu erkennen, erntet man oft bei allen erst mal Misstrauen: »Ah, pass auf – wir wissen nicht, auf welcher Seite er ist!« An eine neutrale Berichterstattung scheint kaum noch jemand in Polen zu glauben.

Doch wo ist dann die Mitte, die Brücke zwischen den Polen? Lange galt die Familie als Zuflucht gegenüber einer oft feindselig empfundenen politischen Umgebung. Doch heute: Kommentare zur Politik lassen Familienzusammenkünfte platzen, Eltern löschen ihre Kinder auf Facebook und umgekehrt. Zerwürfnisse, die in anonymer Form kolportiert werden.

Der 46-jährige Kandyba hofft, dass es zu keinem »Maidan«, zu keiner gewaltsamen Auseinandersetzung wie in der Ukraine kommt. Eine Änderung erwartet er – leider – erst, »wenn die umgesetzten Versprechen der Regierung unsere Volkswirtschaft zum Kippen bringen. Wenn die Leute ihre Arbeit verlieren«. Dann, so hofft er, würden viele ihre Fehler einsehen und die Zerstrittenen könnten aufeinander zu gehen. Da er in einem internationalen Konzern arbeitet, gleichzeitig offen für das KOD wirbt, sieht er sich als eine Ausnahme: Die meisten Angestellten hätten sich bereits aus der politischen Arbeit verabschiedet, da sie um ihre Stelle fürchten.

Von der katholischen Kirche, dem einst großen gemeinsamen Nenner Polens, ist Kandyba enttäuscht. Sie versäume es, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. In der Kirche in seinem Heimatstädtchen Piaseczno bei Warschau würde bei der Messe den KOD-Engagierten sogar der Friedensgruß verweigert.

Dies wird Ende Juli hoffentlich nicht passieren. Der Besuch des Papstes in Polen wird seit Februar durch von ihm ernannte 76 polnische »Missionare der Barmherzigkeit« vorbereitet. Die Geistlichen haben sogar die besondere Ermächtigung, von Sünden loszusprechen, von denen sonst nur der Apostolische Stuhl freisprechen darf.

Einer von ihnen, der auch im staatlichen Fernsehen TVP mitwirkt, erklärte sich einverstanden, ein Interview zu geben. Die Kirche nach Franziskus sei ein »Feldlazarett«, bei dem jeder sich holen könne, was er brauche. Die Kirche dürfe sich nicht vor dem Menschen verschließen. Doch dann ist er über die seiner Meinung nach zu politischen Fragen ungehalten. Eine Autorisierung des Interviews entfällt im Nachhinein.

Von einem gespaltenen Land will der Geistliche indes auch nichts wissen: »Als Missionar der Barmherzigkeit fahre ich durch Polen von Süden nach Norden. Ich bin in unterschiedlichen Gemeinden, in unterschiedlichen Gemeinschaften, die sehr mit der Kirche verbunden, oder auch überhaupt nicht mit der Kirche verbunden sind. Es ist ein Polen, ein wunderbares Polen, eine polnische Gesellschaft, ein Volk Gottes.«

Dennoch steht bereits fest, dass er nach dem Papstbesuch seine Arbeit im Staatsfernsehen aufgeben muss. Intendant Jacek Kurski und ein Teil der Bischöfe störten sich an einer zu liberalen Ausrichtung, so jedenfalls die These liberaler polnischer Medien.

Jens Mattern

Segenswünsche zum Ramadan

19. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Muslime in aller Welt begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Für Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Kirchen ist es üblich geworden, zu Beginn der Fastenzeit Grußbotschaften zu übermitteln. Am 6. Juni 2016 postete die tagesschau-Redaktion auf Facebook: »Heute beginnt der Ramadan. Wir wünschen allen Musliminnen und Muslimen einen gesegneten Fastenmonat.« Was halten evangelische Theologen davon?

Andreas Fincke

Andreas Fincke

Ja

Andreas Fincke, früher Referent der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, heute Hochschulpfarrer in Erfurt.

Für fromme Muslime ist der Ramadan eine Zeit der Entsagung von körperlichen Bedürfnissen und der Besinnung auf den Koran und auf Gott, der hier Allah genannt wird. Seit einigen Jahren übermitteln hochrangige Politiker den Muslimen in Deutschland ihre guten Wünsche zum Ramadan. Auch die Kirchen wünschen immer häufiger einen »gesegneten Ramadan«.

Manchen gefällt das nicht. Sie fragen, ob wir hier eine schleichende Islamisierung des Abendlands erleben. Schließlich gehöre der Ramadan nicht zu Deutschland. Zu unserer Kultur, so mahnen einige, gehören andere Fastenzeiten.

Doch so einfach ist das nicht. Zu unserer Kultur gehören seit Jahrhunderten viele Einflüsse aus dem Morgenland. Der nicht wegzudenkende Kaffee ist dabei wohl das bekannteste Erbe Arabiens. Also abwarten und Kaffee trinken?

Keinesfalls. Denn mit Beginn des diesjährigen Ramadans haben in Tel Aviv palästinensische Attentäter wahllos Spaziergänger erschossen. Zeitnah kündigten radikale Gruppen weitere Anschläge auf Israelis während des Fastenmonats an. Und in Düsseldorf soll es bei einer Brandstiftung in einem Flüchtlingsheim ebenfalls einen klaren Bezug zum Ramadan geben.
Für Millionen frommer Muslime ist der Fastenmonat Ramadan eine Zeit der Besinnung und der spirituellen Neuausrichtung. Es ist gut, wenn wir ihnen dazu Gottes Segen wünschen. Denn Gott wünscht ein gutes Miteinander, Vergebung und Barmherzigkeit. Und er wünscht einen respektvollen Umgang mit Frauen, den eigenen Töchtern und Andersgläubigen. Dazu finden sich im Koran zahlreiche Hinweise. Leider gibt es auch andere Stellen in der Heiligen Schrift der Muslime. Aber man kann ja den Ramadan zum Anlass nehmen, gewaltverherrlichende Stellen im Koran neu zu gewichten. Das geht – die christlichen Kirchen sind diesen Weg auch gegangen.

Möge Gott geben, dass fromme Muslime im Ramadan eine Zeit spiritueller Erbauung finden. Möge Gott helfen, dass man sich in islamistischen Kreisen neu auf Gott, auf Allah und den Kern des Korans besinnt. Dazu wünschen wir gern einen gesegneten Ramadan!

Ulrich Neuenhausen

Ulrich Neuenhausen

Nein

Ulrich Neuenhausen ist Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz.


Erst einmal ist es biblisches Gebot, Menschen zu segnen, unabhängig davon, ob sie gut oder böse sind, richtig oder falsch liegen, sympathisch oder unsympathisch wirken. So sagt es unter anderen Petrus in seinem ersten Brief, Kapitel 3, Vers 9: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt! Christen begegnen jedem Menschen mit Wohlwollen und wünschen sich von Herzen, dass jeder Mensch Gottes Güte in seinem Leben und Herzen erfährt.

Der für Muslime ausgesprochene Segen im Fastenmonat Ramadan kann allerdings auch missverständlich sein. Wenn damit Fasten als eine fromme Übung bestätigt wird, die Gott gefällt und ihn den Menschen gegenüber gnädig stimmt, dann ist damit das Evangelium selbst in Frage gestellt. Gottes Gnade leuchtet uns in Jesus Christus auf, und nicht in frommen Übungen. Gerade hier liegt ja der entscheidende Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben: Die Mitte des Evangeliums ist eine Person, Jesus Christus, die von Gott gekommen, gestorben und auferstanden und dann wieder zu Gott aufgefahren ist. Es gibt keine Vergebung von Schuld, keine Versöhnung mit Gott ohne diesen Jesus, wie ihn die Bibel verkündigt.

Wenn mein Segnen für Muslime bedeutet, dass ihre frommen Übungen Allah gnädig stimmen, Kompensation von Sünde bewirken und so das Leben im Paradies näherbringen, dann ist es ein falscher Segen. Ich kann nicht muslimische Rituale »ab-segnen«, als wären sie ein alternativer Weg zum Glauben an Jesus Christus. Deshalb möchte ich nur dann Segen wünschen, wenn ich vorher klären kann, was mein Gegenüber darunter versteht.

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Referendum in Großbritannien: Goodbye Europa?

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wir sind eine durch und durch europäische Familie. Mein Mann ist Engländer, ich komme aus Deutschland. Zwei unserer Kinder sind in Deutschland geboren, zwei in Großbritannien. Als ich 1999 das erste Mal den Sommer über in London gearbeitet habe, da habe ich die Freiheit, in verschiedenen europäischen Ländern reisen und arbeiten zu können, als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen. Nun liegt es in den Händen der Wähler meines Gastlandes, ob es auch meinen Kindern vergönnt sein wird, mit dieser Freiheit aufzuwachsen.

Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib des Landes in der Europäischen Union ab. Foto: momius – fotolia.com

Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib des Landes in der Europäischen Union ab. Foto: momius – fotolia.com

Am 23. Juni wird hier darüber abgestimmt, ob Großbritannien auch zukünftig ein Mitgliedsstaat in der Europäischen Union sein oder ob es zum »Brexit«, dem britischen Exit von der EU, kommen wird. Das Thema beherrscht seit Wochen die Nachrichten, und je näher der Termin des Referendums rückt, umso erbitterter und emotionaler werden Diskussionen und Argumente. Krieg werde es geben, Großbritannien würde in eine neue Wirtschaftskrise gestürzt, die Briten würden am Ende mit weniger Geld dastehen, heißt es aus dem Lager derjenigen, die für den Verbleib in der EU werben. Alles Quatsch, meint die andere Seite. Dann müssten endlich nicht mehr Milliarden von britischen Steuergeldern an andere Mitgliedsstaaten verschwendet werden und man könnte die Immigration aus anderen europäischen Ländern kontrollieren.

Die anglikanische Kirche verhält sich in der Frage offiziell neutral. Auf die Referendumsfrage gäbe es keine korrekte christliche Antwort, heißt es vom Erzbischof von Canterbury, Justin Welby. Lediglich ein allgemeines Gebet für das EU-Referendum wurde vor einigen Wochen von der Kirche veröffentlicht. Mit Bedacht sind die Worte dabei in dem neunzeiligen Gebet gewählt worden, um keiner Seite den Vorzug zu geben. Um Offenheit und Ehrlichkeit in der Debatte wird darin gebetet, um Großzügigkeit bei der Meinungsbildung und Einsicht bei der Wahl. Auch die katholische Kirche bezieht keine Position. Kürzlich gab Kardinal Vincent Nichols, Vorsitzender der katholischen Kirche in England und Wales, jedoch zu verstehen, dass er persönlich für einen Verbleib in der EU sei.

In wenigen Wochen wird sich zeigen, ob sich die Mehrheit der Wähler seiner Meinung anschließt. Nur eine Minderheit derjenigen, die dann für den Verbleib in der EU stimmen, dürfte dies aus Überzeugung für die europäische Sache tun, sondern weil es das kleinere von zwei Übeln ist. »Better the devil you know«, heißt das im Englischen. Es ist nichts Neues, dass sich Großbritannien mit seiner Mitgliedschaft in der EU schwertut. Europa ist nicht hier. Dies zeigt sich auch in der Alltagssprache. Spricht man von Europa, dann meint man das europäische Festland. Doch wie die Abstimmung auch immer ausgeht: Wir sind und bleiben eine europäische Familie. Ob nun inner- oder außerhalb der Europäischen Union.

Julia Wohlgemuth

Wenn Muslime dem Christentum begegnen

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Nichts ist für sie so normal, wie das Reden über den persönlichen Glauben

Günther Beck ist hauptamtlicher Mitarbeiter beim Missionswerk »DMG interpersonal« (früher Deutsche Missionsgemeinschaft) in Sinsheim in Baden-Württemberg. Er arbeitete viele Jahre in arabischen Ländern und begleitet bis heute Muslime, die Christen geworden sind. Harald Krille sprach mit ihm.

Ein Blitz, Saulus stürzt vom Pferd und wird zum Paulus – haben Sie so etwas bei Muslimen auch erlebt?
Beck:
Nein. Aber ich habe schon erlebt, dass Muslime zum Glauben an Christus gefunden haben. Durch Radiosendungen etwa oder Gespräche mit Freunden. In jedem Fall war es kein »Damaskuserlebnis«, sondern ein längerer Prozess mit vielen Gesprächen.

Was motiviert Muslime, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden?
Beck:
Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Gründe. Ein Mann sagte mir, dass er das Neue Testament las und ihn der Friede, der aus den Seiten strömte, schlicht überwältigte.
Ein anderer nannte mir den Vers, wo Jesus sagt: »Wer eine Frau nur ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« (Matthäus 5,28). Ich war überrascht und fragte ihn, warum gerade dieser Vers? Seine Antwort: »Alles, was ich als Moslem machen muss, fasten, beten, Almosen geben, das kann ich erfüllen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber das, was Jesus hier sagt, das kann ich nicht. Und das zeigt mir, dass hier ein Geist ist, der stärker ist als im Islam.«

Worauf sollten Christen in der Begegnung und im Gespräch mit Muslimen achten?
Beck:
Mein erster Rat: Keine Kommentare oder Wertungen, positiv wie negativ, über den Islam, über den Koran oder Mohammed abgeben. Auch nicht allgemein und theologisch über das Christentum sprechen. Wichtiger ist es, über den eigenen Glauben zu reden. Was bedeutet Jesus für mich, warum bin ich froh, Christ zu sein?

Günther Beck ist ehrenamtlicher bayerischer Pfarrer. Foto: DMGint

Günther Beck ist ehrenamtlicher bayerischer Pfarrer. Foto: DMGint

Das Andere: Fragen stellen. Es gibt im ganzen Koran nur eine einzige Frage, aber das Evangelium ist voller Fragen. Jesus stellt immer Fragen an seine Zuhörer. Und wenn ihn jemand fragt, dann antwortet er oft mit einer Gegenfrage. Mit Fragen zeige ich ja auch mein Interesse. Nicht, ich sage dir jetzt, was ich vom Islam halte, sondern ich frage, was bedeutet zum Beispiel der Ramadan für dich? Wie lebst du das? Was macht dir Freude daran? Und wenn ich genug gefragt habe, dann kommen auch Fragen zurück.

In Deutschland herrscht vielfach die Meinung, Glaube ist so persönlich, darüber redet man nicht …
Beck:
Das empfinden Muslime völlig anders. Glaube ist immer öffentlich. Deshalb redet ein Muslim auch ohne Mühe über seinen Glauben und freut sich in der Regel sogar, wenn er auf ein solches Thema angesprochen wird. Im Gegenteil, wenn wir nicht über unseren Glauben reden, dann erwecken wir eher den Eindruck, wir verstecken etwas oder schämen uns dafür.

www.dmgint.de

Schweiz: Muslimische Teenager lösen Grundsatzdebatte aus

19. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Brennpunkt Sekundarschule Therwil im Kanton Baselland: Hier verweigerten im vergangenen Herbst zwei muslimische Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren ihrer Klassenlehrerin den Handschlag bei der Begrüßung, angeblich aus religiösen Gründen. Die Lehrerin meldete den Vorfall der Schulleiterin. Diese traf mit den Schülern schließlich eine »Vereinbarung«. Diese besagt, dass sie weiterhin der Lehrerin den Handschlag verweigern dürfen – unter der Bedingung, dass sie auch den Lehrern die Hand nicht geben. Damit die Lehrerin nicht einseitig diskriminiert wird, wie die Schulleiterin den Entscheid begründete.

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Man könnte den Vorfall unter dem Stichwort »Provinzposse« abbuchen, wenn er nicht den Nerv der Zeit treffen würde. Der Vorfall wurde vor zwei Wochen von der Sendung »Arena« des Schweizer Fernsehens zum Thema »Angst vor dem Islam?« erwähnt und führte sofort zu schweizweiten Schlagzeilen. Die Brisanz des Vorfalls liegt offenkundig darin, dass er eine unbewältigte Wertedebatte tangiert. Hier die nicht ausdiskutierten Fragen um die minimalen Standards einer Integration von Menschen aus anderen Kulturen, namentlich den Muslimen. Dort die anhaltende Genderdiskussion, die immer wieder aufbricht, wenn Frauen angeblich oder offensichtlich diskri­miniert werden.

In der Schweiz wird die Frage einerseits von Rechtspopulisten aus der Schweizerischen Volkspartei aufgegriffen – mit Volksinitiativen wie jene für ein Minarettverbot, die 2009 in der Volksabstimmung angenommen wurde, oder neulich mit der Lancierung einer Burkaverbots-Initiative. Zum andern versuchen gut meinende Pädagoginnen, mit einem Verzicht auf Weihnachtsfeiern die muslimischen Kinder nicht zu brüskieren. Dahinter verbirgt sich letztlich die Frage, ob ein europäisches Land eine Leitkultur postulieren und durchsetzen soll, an der sich Migranten orientieren können. Dies hat in Deutschland zu heftigen Diskussionen geführt und ist auch in der Schweiz ein Tabu-Thema.

Die muslimischen Verbände in der Schweiz sind sich typischerweise nicht einig, wie weit sich Muslime anpassen sollen. Konservative Vertreter wie Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen (FIDS), zeigt ein gewisses Verständnis, findet die Vereinbarung von Therwil aber auch nicht glücklich. Er sieht das Gebot des Respekts gegenüber Mitmenschen verletzt, wenn der Handschlag verweigert wird.

Eigentlich wäre jetzt der Anlass gegeben für eine Grundsatzdiskussion über unaufgebbare Werte in einer europäischen Gesellschaft, die für viele (muslimische) Migranten so attraktiv ist. Aber damit scheinen europäische Gesellschaften überfordert zu sein.

Fritz Imhof

Islamischer Extremismus in Deutschland

13. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Expertenmeinung: Die Mehrheit der Flüchtlinge ist friedlich – doch ohne Integration wächst die Gefahr der Radikalisierung

Mit der Gefahr des islamistischen Terrors in Deutschland beschäftigte sich der diesjährige jüdische Jugendkongress. Mehr als 400 Teilnehmer diskutierten dabei in Frankfurt am Main mit hochrangigen Terrorismus-Experten.

Es gehe nicht darum, die jungen Menschen zu verunsichern. Aber man dürfe die Augen nicht verschließen, mahnt Abraham Lehrer, Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: »Ich glaube, Juden haben ein besseres Feingefühl, eine größere Empfindlichkeit für diese Dinge, weil Juden im Laufe ihrer Geschichte immer wieder verfolgt und angegriffen worden sind. Von daher haben wir vieles aus unserer Vergangenheit gelernt und wissen, wenn wir uns nicht damit beschäftigen, dann wird es uns vielleicht wieder überrennen.«

BKA-Chef: »IS« will vor allem verunsichern

Auffallend viele hochrangige Terror­experten referierten beim Jugend­kongress. Holger Münch etwa, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), sprach über die aktuelle Anschlagsgefahr. Ziel der Dschihadisten sei es vor allem, in Europa Verunsicherung zu verbreiten: »Wir sehen, dass der ›IS‹ das Flüchtlingsthema gezielt nutzt. Zwei der Attentäter, die in Paris eine Rolle gespielt haben, sind über die Balkanroute eingereist. Und wenn man dann seinen Reisepass zum Anschlag mitnimmt, sodass man letztlich eine Visitenkarte für die Polizei hinterlässt, dann kann man davon ausgehen, dass das auch sehr schnell erkannt werden sollte.«

Das Bundeskriminalamt kenne aktuell 471 Gefährder, von denen eine unmittelbare Gefahr ausgehe. Davon lebte aber etwa die Hälfte nicht in Deutschland, 60 bis 70 seien derzeit in Haft, der Rest aber bewege sich auf freiem Fuß. Das Unterstützer-Potenzial, meist aus der salafistischen Szene, schätzt das BKA aktuell auf rund 43 000 Personen.

Enttäuschte Hoffnungen können radikalisieren

Der dschihadistische Terrorismus sei das eine, das andere seien die Millionen Flüchtlinge, die auch bis nach Deutschland gelangten. Holger Münch sieht nicht, dass von ihnen eine höhere Kriminalität oder gar Terrorgefahr ausgehe. Aber es gebe ein gewisses Potenzial in den Asylbewerberheimen: »Wir sehen, dass salafistische Gruppierungen versuchen, bei den Flüchtlingen zu werben. Wir sehen, dass bislang die Anfälligkeit nicht sehr groß ist. Wir haben aber viele Personen, die Brüche in ihrem Leben erlebt haben, die nach Anschluss, nach Halt suchen. Diese Hoffnung kann auch enttäuscht werden. Das alles ist auch ein Nährboden für Radikalisierung«, warnt der BKA-Präsident.

Zweite Generation ist anfälliger für Extremismus

Von einer massenweisen Einschleusung von Dschihadisten nach Europa könne derzeit keine Rede sein, meint auch Peter Neumann, Terrorismus­experte am Londoner King’s College. Die Syrien-Flüchtlinge, von denen viele säkular und eben nicht religiös seien, hält er nicht für »IS«-Sympathisanten. Aber er mahnt zur dringenden Inte­gration dieser Flüchtlinge.
»Was wir aus der Geschichte wissen, ist, dass es typischerweise nicht die erste Einwanderergeneration ist, die für extremistische Gruppen ansprechbar wird, sondern deren Kinder.

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Wenn das mit der Integration nicht klappt in den nächsten fünf bis zehn Jahren, gibt es eine Frustration, die sich in Richtung des Salafismus oder des dschihadistischen Salafismus lenken lassen kann«, warnt Neumann.

So ähnlich schätzen das auch israelische Terrorexperten ein, etwa Anat Hochberg-Marom von der Herzliya-University in Tel Aviv. Zwar befänden sich Israel und Syrien offiziell immer noch im Kriegszustand. Praktisch aber schwiegen schon lange die Waffen. Man könne nicht davon ausgehen, dass nun alle Syrer automatisch gegen Juden und Israel eingestellt seien. Im aktuellen Bürgerkrieg würden viele Syrer Israelis vielmehr als Helfer erleben.

Die meisten Syrer sind keine verbohrten Muslime

»Wir müssen daran erinnern, dass Israelis im Norden von Israel auf den Golanhöhen verletzten Syrern helfen. Sie sind nicht Feinde, sondern es geht um eine humanitäre Krise und wir versuchen zu helfen. Die meisten Flüchtlinge sind säkular und nicht verbohrte Muslime, die einfach nur Juden hassen«, meint Hochberg-Marom.

Der israelische Sicherheitsexperte Chaim Tomer weist darauf hin, dass Syrien ein heterogener Vielvölker-Staat ist. 80 Prozent sind Muslime, 20 Prozent gehören anderen religiösen Gruppen und Minderheiten an. Zwar hätten die Kriege gegen Israel einst das Land geeint. Doch die Propaganda gegen Juden greife heute nicht mehr. Die Baath-Partei, die Familie Assad und die Alawiten dominierten die sunnitische Mehrheit. Der Feind sei für viele daher zuallererst das eigene Regime.

Jüdische Gemeinden engagiert für Flüchtlinge

Auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland gebe es eine große Bereitschaft, sich für Flüchtlinge einzusetzen, meint Benjamin Fischer. Er ist Präsident der Europäischen Union jüdischer Studenten, die rund 160 000 Mitglieder zählt. Man habe Erfahrung damit, eine Vielzahl von Menschen schnell in die deutsche Gesellschaft integrieren zu müssen, denn ab den 1990er Jahren kamen mit den sogenannten Kontingent-Flüchtlingen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland.

»Das geschah vor allem mit der russischen Sprache. Nun ist es so, dass viele der Geflüchteten aus Syrien Russisch sprechen. Und der Erfahrungsschatz lässt sich nun ganz direkt anwenden. Zudem gibt es viele Juden, die Arabisch sprechen aufgrund der Herkunft aus arabischen Ländern«, betont Benjamin Fischer.

Thomas Klatt

Verheiratet nach ganz Europa

12. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal geht es um die Hochzeitspolitik der Ernestiner.

Der Titel der kommenden Landesausstellung »Eine Dynastie prägt Europa« ist beileibe nicht medientauglich übertrieben. Mit geschickt eingefädelten Vermählungen von ernestinischen Prinzen und Prinzessinnen an die großen Höfe Europas trugen die von progressiver Geisteshaltung geprägten Ernestiner wesentlich zur Entwicklung des heutigen Europas bei. Zwei von vielen Beispielen solcher Eheschließungen:

Ein im April 1894 entstandenes Foto auf dem Coburger Schloss Ehrenburg, das zum Herrschaftsbereich des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha gehörte, zeigt den gesamten europäischen Hochadel in festlicher Pose vereint. Das Bild, auf dem auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der spätere Zar Nikolaus II. zu sehen sind, dokumentiert einen bedeutenden Anlass: die Hochzeit eines Enkels der englischen Königin Victoria. Franken, Thüringen, Deutschland, Großbritannien, Irland, Russland – lief da etwas aus dem familiären Ruder? Nein! Diese Fürstenhochzeit belegte einmal mehr die sehr bewusst gehandhabte Heirats­politik der Ernestiner, dank welcher Verbindungen zu Höfen in ganz Europa entstanden. Initiatorin der wohl bis heute ebenso populären wie spektakulären Verbandelungen war Herzogin Auguste Caroline Sophie. Sie verheiratete ihre Tochter Juliane nach Russland und Victoria nach England. Mehrfach gehörten Deutsche zu den Regenten des Königreiches England. Der Gothaer Prinz Albert – eine riesige Veranstaltungshalle in London ist nach ihm benannt – gehört dazu wie auch zahlreiche Nachkommen aus seiner Ehe mit Königin Victoria. Bis in unsere Zeit ist die prominenteste Repräsentantin der Monarchie, Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, eine Ernestinerin. Zu den »Windsors« wurde der britisch-ernestinische Zweig erst nach der Umbenennung durch den Großvater der heutigen Königin Elisabeth II. im Weltkriegsjahr 1917. So nimmt es denn nicht Wunder, dass das schön anzuschauende Bildnis der aus Gotha stammenden englischen Königin Victoria (1819–1901) den werbenden Hintergrund für den Ausstellungsort Gotha der kommenden Landesausstellung bildet. Und mit eben diesen traditionsreichen Verbindungen zwischen Gotha und der Insel versteht man auch, warum Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch nicht müde wird, die Queen in seine Stadt zu bekommen – eine erste kurze Begegnung der beiden gab es im vorigen Jahr in Berlin …

Eine im europäischen Sinne durchaus spektakuläre Hochzeit wurde im November 1804 in Weimar 20 Tage lang gefeiert. Es war die Ehe zwischen Erbprinz Carl Friedrich und der russischen Zarentochter Maria Pawlowna. »Die Festivitäten sind nun zu Ende, und wir treten wieder allmählich in unser gewöhnliches Philisterleben zurück. Außer einem Katarrh, den ich mir geholt, bin ich ganz leidlich weggekommen, welches ich kaum erwarten konnte, da man sich bei solchen Gelegenheiten niemals schonen kann« , resümierte Schiller in einem Brief an Freund Körner, was am Nachmittag des 9. November 1804, einen Tag vor Friedrich Schillers Geburtstag, begonnen hatte und Weimar kopfstehen ließ: Nach vierwöchiger Reise mit einer ausgesprochen komfortablen Kutsche rollte von St. Petersburg her – vom Volk begeistert empfangen – die Enkelin Katharinas der Großen und Tochter des Zaren Paul und der aus dem Hause Württemberg stammenden Maria Fjodo­rowna, der Schwester der Zaren Ale­xander und Nikolaus, die Großfürstin von Russland, Maria Pawlowna, in das kleine Weimar ein. Neben der gerade Achtzehnjährigen saß der Erbprinz und spätere Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Friedrich, ihr frisch vermählter Ehemann. Im Fourierbuch des weimarischen Hofes steht unter diesem Tag u. a.: »Der Empfang geschahe von dem gesammten Hof und sämtl. Wirkl. Räthen u. Assessoren der Landes-Collegien an der untersten Treppe im Schloß.« Verteilt auf 80 Planwagen, war zuvor schon die Aussteuer der jungen Frau samt Ausstattung für ihren Mann eingetroffen. Auf den Einzug folgten zwanzig Tage lang Bälle, Feuerwerk, Illumination, Musik, Komödie und dergleichen mehr. Das Festlichste an allem aber war für Schiller »die aufrichtige, allgemeine Freude über unsre neue Prinzessin, an der wir in der Tat eine unschätzbare Akquisition gemacht haben«.

Schon bald nach dem prächtigen Einzug war allenthalben zu spüren, wie segensreich sich der vom Freiherrn Wilhelm von Wolzogen äußerst diplomatisch eingefädelte Coup auf das Herzogtum auswirkte. Finanziert auch mit stattlichen Summen aus der Privatschatulle, förderte Maria Pawlowna, so wie es vor ihr Anna Amalia getan hatte, die Künste, die Wissenschaft und die Bildung. Die von ihr nach Weimar geholten Musiker und Komponisten Hummel, Liszt und Wagner stehen stellvertretend für viele andere, die das so genannte »Silberne Zeitalter« der Stadt begründeten. Indem sie im Schloss Memorialräume für Goethe, Schiller und andere Dichter aus Weimars »Goldenem Zeitalter« einrichten ließ, legte sie das Fundament für den bis heute wirkenden »Mythos Weimar«. An Maria Pawlowna erinnert auf dem Historischen Friedhof von Weimar die von Zwiebeltürmen gekrönte russisch-orthodoxe Grabkapelle.

Heinz Stade

»Am Ende wird alles gut«

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Zur Leipziger Buchmesse präsentiert Felix Leibrock mit »Eisesgrün« seinen zweiten Band der Weimar-Krimireihe

Man kann das Böse auf verschiedene Art und Weise ergründen. Der gebürtige Saarländer, Wahlmünchner und inzwischen Wochenend-Weimarer Felix Leibrock tut es auf seine Weise: Er schreibt Krimis. Nicht nur, aber immer öfter.

Wir tun immer so ›heile Welt‹ in der Kirche – aber damit erreichst du nur noch fünf Prozent, 95 Prozent sagen, ›die sind von gestern‹«, ist Felix Leibrock überzeugt. »Die Kirche muss sich viel mehr dem Bösen als dem Guten zuwenden. Sie muss die Heimstatt der Emotionen sein.« Auch deswegen schreibe er Krimis, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Leibrock hat schon vieles ausprobiert in seinem Leben. Als Spätberufener studierte er nach Germanistik und Geschichte sowie Stationen als Antiquariatsbuchhändler mit 30 noch einmal »ganz effizient« evangelische Theologie in Erlangen. Und weil nach der Wende im Osten die Sorge herrschte, dass alle Pfarrer in die Politik gehen oder sonst wie den Beruf wechseln und niemand mehr Theologie studieren will, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf und siedelte nach Thüringen über. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Es folgten Anstellungen als Pfarrer in Weimar und Apolda sowie als Stadtkulturdirektor in der Goethestadt. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks in München, nebenher Seelsorger bei der bayerischen Bereitschaftspolizei und ehrenamtlicher Teeausfahrer bei einer katholischen Obdachloseninitiative in der weiß-blauen Landeshauptstadt. Außerdem gehört er zur evangelischen Redaktion bei Antenne Bayern.

Was reizt diesen Tausendsassa am Krimischreiben? »Selbst die schlimmsten Terroristen sind erst böse geworden, sie sind nicht böse geboren. Und das ist etwas, was mich fasziniert und das ich versuche, in meinen Krimis ein Stück weit zu ergründen.« Leibrock glaubt, die Menschen positiv beeinflussen zu können. »Das klingt jetzt ein bisschen überhöht, aber das ist schon ein Motiv, zu schreiben.« Er wolle nicht nur unterhalten – Spannung bescheren –, sondern habe auch einen Bildungsanspruch. »Der Krimi ist neben dem historischen Roman ein Genre, das sehr gut geeignet ist, um Bildungsinhalte unterhaltsam zu transportieren« – so seine Überzeugung.

Einer von Leibrocks Wahlsprüchen lautet: »Ich glaube, am Ende wird alles gut!« Spielt das für ihn auch eine Rolle beim Schreiben? Übt die Tatsache, dass er das Ende als Autor faktisch in der Hand hat, einen besonderen Reiz aus? »Wahrscheinlich ja, man erschafft eine eigene Welt, man ist Schöpfer. Es ist eine Welt, die sich zunächst nur im eigenen Kopf abspielt, aber man kre­iert Personen, man stellt Menschen her, gibt ihnen ein Profil – optisch, aber auch charakterlich – man bringt sie in Beziehung zueinander«, so der umtriebige Pfarrer.

Zwischen Tür und Angel schreiben kommt für ihn nicht infrage. Er macht das immer blockweise: »Ich nehme dann drei Wochen Urlaub und schreibe von morgens bis abends; dann bin ich komplett abgetaucht in diese Parallelwelt und nur schwer ansprechbar.« Ein Zustand, den die weltbekannte Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem Interview mal als »Flow« bezeichnet habe: Man taucht ein in die eigene Welt, die man erschaffen hat, man redet mit seinen Figuren – das ist es, was er am Schreiben so wunderbar findet, begeistert er sich.
Felix Leibrock hat viele Vorbilder. Er liest sehr viel, macht halbjährlich Literaturabende mit jeweils zwölf Neuvorstellungen. Und er hat auch historische Vorbilder. Sein Lieblingsbuch ist »Moby Dick« von Herman Melville: »Ich kann mich kaputtlachen, wenn er den Pfarrer auf der Kanzel beschreibt, da gibt es so herrliche Szenen.«

Wichtig sei, dass »immer so ein bisserl« Humor mit dabei ist, denn ganz ernst kann laut Leibrock auch ein Krimi nicht sein. Und der Erfolg gibt ihm recht. Der erste Band des Weimar-Krimis »Todesblau«, erschienen im renommierten Droemer-Knaur Verlag, kommt jetzt in zweiter Auflage heraus. Und auch wenn die Krimireihe mit den beiden Ermittlern Sascha Woltmann und Mandy Hoppe in der Goethestadt angesiedelt ist – die Weimar-Krimireihe reiht sich nicht ein in die inflationär erscheinenden Regional-, Provinz- und Mundartkrimis.

Für die Erstvorstellung von »Eisesgrün« hat Leibrock einen besonderen Coup gelandet. Er wird eine »original Mandy Hoppe« als Gast aufbieten. »Laut Facebook gibt es 17 Frauen mit diesem Namen in Deutschland. Ich habe eine angeschrieben und gefragt, ob sie nicht bei meiner Buchpräsentation mit dabei sein möchte. Und kurioserweise kommt sie aus Apolda«, freut sich der Krimi-Pfarrer über ihre Zusage.

Dabei offenbart er auch seine Entertainer-Qualitäten. Wenn Felix Leibrock mit seinen Krimis auf Tour geht, bietet er dem Publikum nicht die klassische Autorenlesung – »weil ich das selber schon mehrfach als einschläfernd erlebt habe«: Er hat einen Musiker, der eigens für die Lesungen Lieder komponiert und spielt, und er selbst plaudert dazu aus dem Nähkästchen. Zum Beispiel über seine Recherchen zum Buch: »Ich musste jetzt eine Leiche tiefgefrieren. Da hab ich mir im Weimarer Land einen Techniker gesucht, der so was kann und es mir erklärt, damit es im Buch auch realistisch beschrieben ist – und das erzähl ich dann.« Und auch vom Marketing versteht er etwas: Zur Buchmesse gewährt ihm der Bayerische Rundfunk eine Stunde Sendezeit, und eine bekannte Illustrierte widmet ihm zwei Seiten.

Zu »Eisesgrün«: In Felix Leibrocks zweitem Weimar-Krimi entdecken zwei Landschaftspfleger merkwürdige Hügelgräber. Das erste, kaum größer als ein Maulwurfshügel, enthält eine Holzkiste mit einer Puppe. Das zweite einen Golden Retriever. Das dritte schließlich zwingt die beiden, die Polizei zu verständigen …

Adrienne Uebbing

Leibrock, Felix: Eisesgrün, Knaur Taschenbuch, 368 Seiten, ISBN 978-3-426-51617-1, 9,99 Euro

Gemeinsam aufstehen

2. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltgebetstag: Kinder und das Zusammenleben der Generationen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Liturgie aus Kuba

Wenn am 4. März zum Weltgebetstag eingeladen wird, schauen Christen weltweit auf einen kleinen Inselstaat in der Karibik: Kuba.

Vengan, vengan to-dos – Steht auf, steht gemeinsam auf: Dieser Kanon aus der kubanischen Weltgebetstagsordnung bringt auf den Punkt, was die Frauen des Inselstaates der Welt zu sagen haben: Steht gemeinsam auf. Träumen wir von der Zukunft. Leben wir unsre Träume. Bauen wir am Reich Gottes. In den Mittelpunkt der Liturgie haben sie die Kinder und das Zusammenleben der Generationen gestellt. Die Kubanerinnen wissen, was damit verbunden ist. Leben doch viele Familien auf engstem Raum zusammen, da der Wohnraum knapp ist. Nicht nur Eltern, Großeltern und Kinder bewohnen ein Haus mit oft nur ein oder zwei Zimmern, manchmal sind auch Tanten und Onkel mit dabei. Das hat Vorteile, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Aber vor allem Nachteile: Junge Paare, die keine Wohnung bekommen, wollen auch keine Kinder oder höchstens eins. So steigt die Überalterung in Kuba rapide.

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Zum kubanischen Weltgebetstagskomitee gehören Baptistinnen, Katholikinnen, Frauen von der Heilsarmee oder der presbyterianischen Kirche. Ormara Nolle Cao ist die Präsidentin des Komitees. Seit 2007 hat man sich bemüht, als Weltgebetstagsland ausgewählt zu werden, berichtet sie. Die Weltgebetstagsversammlung in New York wählte den Inselstaat 2012 aus. Im Jahr darauf begann die Arbeit für die kubanischen Christinnen. »Es war schwierig, aber ein Segen für alle, die daran mitgearbeitet haben«, sagt Ormara. Das Hauptproblem sei die Verständigung mit dem internationalen Komitee gewesen. »Es war nicht leicht, ihnen begreiflich zu machen, was uns beschäftigt.« Da ging es zum Beispiel um den Begriff »Blockade« in den Gebetsbitten. Auf ihn wollten die Kubanerinnen nicht verzichten, in New York kam das Wort dagegen nicht gut an. Ein Ringen auf den verschiedenen Ebenen, das sich letztlich lohnte und zur gegenseitigen Wertschätzung und Verständigung beitrug.
Welt-2-09-2016Die Entspannung zwischen den USA und Kuba und dass Barack Obama im März als erster Präsident der Vereinigten Staaten in das lange verfemte Kuba reisen wird, war am Anfang der Vorbereitungen nicht abzusehen. »Es hat sich seit Dezember 2014 so viel verändert. Wir sind sicher, dass nichts ohne Gottes Führung passiert«, ist Ormara überzeugt.

Wer sich genau umhört im Lande, spürt, dass die Christen lange vom Staat unterdrückt wurden. Sie konnten keine Leitungspositionen bekleiden und waren vom Studium der Geisteswissenschaften ausgeschlossen. Vor allem die älteren Frauen haben das Gemeindeleben aufrechterhalten. Frauen sind die Starken im Land, bis heute. Auch wenn der kubanische Mann als Macho bekannt ist, Frauen zeigen eine große Kreativität im Kampf ums tägliche Leben. Sie sorgen für die Familien, geben christliche Werte und Traditionen weiter, engagieren sich bei kirchlichen Vorhaben. Trotz der Doppelbelastung sind sie heute auch in Wirtschaft und Gesellschaft stark vertreten. Die Politik wird allerdings nach wie vor von dem überalterten und männlich dominierten Politkader aus regiert.

Die Weltgebetstagsbewegung hat die Konfessionen des Inselstaates zusammengebracht. 1981 wurde in Kuba erstmals Weltgebetstag gefeiert. Damals waren nur wenige Glaubensrichtungen vertreten. Inzwischen sind 30 Kirchen an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Das habe das Verständnis füreinander befördert und die Solidarität zwischen den Frauen gestärkt, sagt Ormara.

Dietlind Steinhöfel

Die Autorin war im Herbst 2015 zu einer Studienreise auf Kuba, zu der die Erwachsenenbildung und die Evangelischen Frauen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eingeladen hatten.

Weltgebetstag der Frauen
Jedes Jahr am ersten Freitag im März laden Christinnen unterschiedlicher Konfessionen zum gemeinsamen Gebet ein. In mehr als 170 Ländern wird dann der Weltgebetstag der Frauen gefeiert, in diesem Jahr am 4. März. Dabei steht jedes Mal ein anderes Land im Mittelpunkt. 2016 ist es die Karibikinsel Kuba. In Deutschland beteiligen sich jährlich bis zu einer Million Menschen am Weltgebetstag. Die Idee zu der inzwischen weltgrößten ökumenischen Basisbewegung stammt aus den USA, wo sich Christinnen 1887 erstmals zu einem Weltgebetstag versammelten. 1927 wurde der erste internationale Gebetstag gefeiert. Seit 1949 wird dieser Tag auch in Deutschland begangen.


»Noch ist Polen nicht verloren«

10. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Polens nationalkonservative Regierung baut den Staat um – doch der Widerstand wächst

Der derzeitige tief greifende Umbau des polnischen Staates bringt nicht nur Spannungen innerhalb der Europäischen Union. Auch im Land selbst formiert sich Widerstand.

Das Café am Rande der Krakauer Altstadt ist bis auf den letzten Platz gefüllt, doch noch immer strömen Menschen hinein. Sie sind in Mäntel eingehüllt, viele tragen eine Pelzmütze. Und fast alle kommen mit einer weiß-roten polnischen Flagge. »Wir müssen unsere Fahne zurückerobern«, sagt Frau Anna, »wir dürfen sie nicht den Nationalisten überlassen«. Demonstrativ schwenkt sie eine zweite Flagge, die einen Kreis aus zwölf goldenen Sternen auf blauem Hintergrund zeigt. »Polen gehört zur Europäischen Union, und dafür stehen wir!«, ruft sie. »Einheit, Solidarität, Verständigung – das sind unsere Werte!«

Mit einer Europafahne und der Flagge Polens demonstriert diese Frau in Warschau gegen die Politik der derzeitigen Regierung. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Mit einer Europafahne und der Flagge Polens demonstriert diese Frau in Warschau gegen die Politik der derzeitigen Regierung. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

»Für diese Werte kämpfen wir«, ergänzt Herr Janusz, ihr Begleiter. »Und wir schützen die Demokratie!«, fügt er ebenso leidenschaftlich wie lautstark hinzu. Frau Anna und Herr Janusz haben die 70 längst überschritten, aber sie lassen keine Demonstration gegen die nationalkonservative Regierung aus, die seit November 2015 das Land mit absoluter Mehrheit regiert und in einer Geschwindigkeit umgestaltet, dass der britische Osteuropa-Experte Timothy Garton Ash von einem »political blitzkrieg« spricht. Auch in der Eiseskälte des Januars haben die beiden wieder demonstriert – so wie Zehntausende anderer Polen im In- und Ausland.

Das Parlament hatte sich keine Weihnachtspause gegönnt und am Tag vor Silvester ein Mediengesetz verabschiedet, das am 7. Januar von Staats­präsident Andrzej Duda trotz internationaler Proteste unterzeichnet wurde. Es macht die öffentlich-rechtlichen Medien zu Verlautbarungsorganen der Regierung: Sie sollen in »nationale Kulturinstitute« umgewandelt werden, die Leitungspositionen werden künftig vom Schatzminister besetzt. Geplant ist zudem, innerhalb von drei Monaten allen Mitarbeitern des öffentlichen Rundfunks und der staatlichen Nachrichtenagentur PAP zu kündigen und dann im Einzelfall zu entscheiden, wer seine Arbeit behalten kann. Private Medien, an denen ausländische Verlage beteiligt sind, sollen »repolonisiert« werden.

Die Mediengesetze sind nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zur »Reparatur des Landes«, wie Jaroslaw Kaczynski, der Vorsitzende der Regierungspartei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS), den radikalen Umbau des 38-Millionen-Einwohner-Staates bezeichnet. Zuvor waren bereits das Verfassungsgericht entmachtet und Spitzenstellen in Verwaltung und Staatsbetrieben neu besetzt worden. Der Koordinator der Geheimdienste ist nun ein Parteifreund, der wegen Amtsmissbrauchs zu drei Jahren Haft verurteilt worden war. Damit er sein neues Amt überhaupt antreten konnte, hatte ihn Staatspräsident Duda kurzerhand begnadigt – obwohl das Urteil noch gar nicht rechtskräftig war.

»Ist das nicht unfassbar?«, fragt Herr Stanislaw und hebt die Hände. Während des Kriegsrechts vor 30 Jahren habe er seine Wohnung der Opposition zur Verfügung gestellt – für konspirative Treffen der Solidarnosc-Bewegung. »Wenn ich damals geahnt hätte, was die heute machen …«, sagt er und spielt vor allem auf Solidarnosc-Mitglied Jaroslaw Kaczynski an.

Der 66-jährige Kaczynski vertritt ein extrem katholisch-nationalistisches Weltbild und ist der eigentliche starke Mann der Regierung: Ministerpräsidentin Beata Szydlo, seit 16. November im Amt, und auch der im August 2015 vereidigte Staatspräsident Andrzej Duda gelten als seine willfährigen Marionetten und Befehlsempfänger. Kaczynski war bereits von 2006 bis 2007 Ministerpräsident einer EU-skeptischen und anti-deutschen Regierung – unter der Präsidentschaft seines Zwillingsbruders Lech, der im April 2010 bei dem Flugzeugabsturz bei Smolensk ums Leben gekommen war. Sein Vorbild ist der ungarische Premierminister Viktor Orban, mit dem er sich Anfang Januar traf, um eine strategische Allianz zu schmieden.

Im Wahlkampf noch hatte Kaczynski nationalistische Töne vermieden und vor allem auf soziale Themen gesetzt. Versprechungen, das Kindergeld zu erhöhen oder das Renteneintrittsalter wieder zu senken, fielen auf fruchtbaren Boden – vor allem bei denjenigen, die von dem Wirtschaftsboom unter dem Manchester-Kapitalismus der liberal-konservativen Vorgängerregierung nicht profitierten.

Doch wes Geistes Kind die neue Regierung ist, wurde rasch deutlich: Ministerpräsidentin Szydlo ließ vor ihrer ersten Regierungserklärung demonstrativ die EU-Fahne aus dem Saal entfernen. Und: Als in Wroclaw/Breslau auf einer anti-muslimischen Demonstration die Figur eines orthodoxen Juden, der eine EU-Flagge in der Hand hielt, verbrannt wurde, weigerte sich die Regierung, die antisemitische Aktion zu verurteilen.

So ist es kein Wunder, dass in den sozialen Netzen, aber auch von rechtsextremen Politikern unverhohlen verbreitet wird, die vom »Komitee zum Schutz der Demokratie« (KOD) organisierten Demonstrationen würden von Juden finanziert.

Kaczynski selbst kennt nur noch Freund und Feind. Kritiker bezichtigt er des Vaterlandsverrats, der »bei manchen Leuten wie in den Genen« sei – sie seien »Polen der schlimmsten Sorte«. Und er zückt auch wieder die anti-deutsche Karte: »Kein Druck, keine Worte, die vor allem nicht über die Lippen deutscher Politiker kommen sollten, werden uns von diesem Weg abbringen«, betonte er erst kürzlich. Sein Außenminister Witold Waszczykowski war bereits Anfang Januar vorgeprescht: Als er in einem Interview mit der Bild-Zeitung vor einem »neuen Mix von Kulturen und Rassen« warnte und vor einer »Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen«, war allen klar, wer gemeint war.

Und so fallen bei den PiS-Anhängern auch im Blick auf Deutschland alle Hemmungen. Die Ereignisse der Silvesternacht werden mit hämischer Schadenfreude kommentiert, und es scheint, als ob der Zweite Weltkrieg erst gestern geendet hätte: Kritiker werden als »Volksdeutsche« diffamiert, und die rechtsgerichtete Gazeta Polska zeigt auf dem Titelblatt ein Foto von Wehrmachtssoldaten, die einen polnischen Grenzpfahl zerbrechen. Ihre Gesichter: Kanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissar Günther Oettinger, und EU-Parla­mentspräsident Martin Schulz.

Er habe nie erwartet, sagt Herr Janusz, dass er jemals die Demokratie, die man in Polen über zweieinhalb Jahrzehnte mühsam aufgebaut habe, gegen die eigene Regierung verteidigen müsse. Er befürchte, dass Ex-Präsident Lech Walesa, der einen »Bürgerkrieg« prophezeit hat, recht behält. Frau Magdalena ist optimistischer: Kaczynski sei ein verbitterter alter Mann, die Regierung werde ihre sozialen Versprechungen nicht einhalten können und bald den Rückhalt verlieren, und die Polen hätten schon ganz andere Regime gestürzt. Und sie beginnt die Nationalhymne zu singen: »Noch ist Polen nicht verloren …«

Uwe von Seltmann

Uwe von Seltmann war Chefredakteur der sächsischen Kirchenzeitung »DER SONNTAG« und arbeitet heute als freier Journalist in Polen.

»Ich möchte mich einbringen«

3. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Mit Michael Diener sitzt erstmals ein Chef der konservativen Evangelikalen im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Präses Michael Diener, bekommt Gegenwind aus den eigenen Reihen, weil er von den Pietisten Selbstkritik einfordert. Harald Krille hat mit ihm gesprochen.

Herr Präses Diener, wenn man in die recht chaotische Welt schaut – kann da einem Christen nicht der Frage kommen, ob wir in der Endzeit leben?
Diener:
Wir leben definitiv in der Endzeit. Denn biblisch betrachtet ist die Endzeit die Zeit zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft. Aber: Es gab wohl keine Generation von Christen, die nicht gesagt hat, schlimmer kann es nicht mehr kommen, jetzt ist es so weit. Umgekehrt: Die Erwartung, dass unser Herr bald kommen möge, ist natürlich eine Essenz unseres christlichen Glaubens. Dem schließe ich mich auch gerne an. Aber vor zeitlichen Berechnungen warnt uns die Heilige Schrift sehr deutlich.

Christliche Menschenrechtsgruppen verweisen darauf, dass noch niemals so viele Christen um ihres Glaubens willen getötet und verfolgt wurden, wie in den vergangenen Jahren.
Diener:
Ich denke, dass diese Beobachtung richtig ist. Doch wird das ganze Ausmaß bisher von der Öffentlichkeit, auch unter uns Christen, nur bedingt wahrgenommen. Dabei kann ich die Bibel gar nicht lesen, ohne fast auf jeder Seite daran erinnert zu werden, dass wir als Christenmenschen für unsere Geschwister einstehen sollen. Das Thema müsste uns alle viel mehr beschäftigen und uns auch zu konkreten Schritten bewegen.

Auch zum militärischen Eingreifen gegen islamistische Gruppen wie den »IS«?
Diener:
Persönlich sehe ich bei dem jetzt beschlossenen Kriegseinsatz noch ganz, ganz viele ungeklärte Fragen. Umgekehrt glaube ich, dass dem, was der »IS« dort treibt, auch mit legitimierter Gewalt Einhalt geboten werden muss. Doch auch unter Christen gibt es sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Ich bin froh, dass ich das im Bundestag nicht entscheiden musste. Aber: Wäre ich Abgeordneter des Bundestages, hätte ich wahrscheinlich für diesen Militäreinsatz gestimmt.

»IS« und die Christenverfolgung ist die eine Sache, die Flüchtlingsdiskussion bei uns eine andere. Wo ist in dieser Frage der Platz der »Frommen«: bei Pegida und Co. oder bei den Multikulti-Apologeten?
Diener:
Es kann überhaupt gar keine Frage geben, dass der vorrangige Platz der Christenmenschen bei den Verfolgten und bei den Flüchtlingen ist. Und da sind sie nach meiner Beobachtung auch über die Maßen aktiv, sowohl in der Gemeinschaftsbewegung, im Raum der Evangelischen Allianz und im Bereich der Landes- und Freikirchen.

Studien über die NS-Zeit zeigen, wie beschämend nahe Christen den Gedanken des Rassismus standen. Und es gibt zeitgenössische Umfragen, die konservativen Christen auch heute eine latente Nähe zu fremdenfeindlichen Gedanken bescheinigen.
Diener:
Wenn man sich die erwähnten Untersuchungen anschaut, dann fragt es sich, wie belastbar sie sind. Umgekehrt sage ich ganz klar: Ja, es gibt auch in unserem Bereich fremdenfeindliche Äußerungen. Es gibt Menschen, die sich passiv, abwartend, teilweise ablehnend und auch aggressiv feindlich gegenüber Flüchtlingen und Fremden verhalten. Da muss man genau hinschauen, kommt das aus diffusen Ängsten, ist das Widerstand gegen bestimmte Entscheidungen der Politik oder ist es vielleicht so etwas wie eine bräunliche Blut- und Boden-Ideologie. Wo Letzteres zutage tritt, müssen wir als Evangelische Allianz und auch als Gnadauer Verband entschieden widersprechen.

Viele Menschen haben Angst vor einer schleichenden Islamisierung Deutschlands, Sie nicht?
Diener:
Nein, ich habe keine Angst vor einer Islamisierung Deutschlands. Und wir diffamieren die Menschen, die zu uns kommen, wenn wir pauschal unterstellen, die,
die da geflohen sind, wollen das System, das sie vertrieben hat, bei uns installieren. Ich bin überzeugt, dass unser freiheitliches System Ausstrahlungskraft hat und dass es uns gelingen kann, eine friedliche Kultur des Miteinanders aufzubauen. Deshalb heiße ich von Herzen alle die willkommen, die sich daran beteiligen wollen. Natürlich ist klar, dass Integration von beiden Seiten geleistet werden muss. Und wer am Erhalt und am Ausbau unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht interessiert ist, der hat in unserem Gemeinwesen dann natürlich auch nichts zu suchen.

Und wie sehen sie die umstrittene Frage der Mission unter Muslimen?
Diener:
Für uns als Evangelische Allianz ist diese Frage nicht umstritten. Selbstverständlich gilt die Botschaft von dem Licht, dass mit Christus in die Welt gekommen ist, allen Menschen, auch Muslimen. Natürlich brauchen Menschen, die hier ankommen, erst mal das Notwendige für Leib und Leben. Und selbstverständlich sind entwurzelte Menschen sensibel zu behandeln. Aber daraus darf nicht abgeleitet werden, dass wir unserem Zeugnis gegenüber Muslimen nicht nachkommen sollen.

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Vom 10. bis 17. Januar lädt die Deutsche Evangelische Allianz wieder zu ihrer traditionellen Gebetswoche. Was erhoffen sie sich angesichts der angesprochen Probleme davon?
Diener:
In diesen Umbruchszeiten, in denen wir stehen, ist es einfach eine unheimlich große Chance, dass wir am Anfang des Jahres aus unterschiedlichen Gemeinden zusammenkommen und unseren Dank und unsere Freude, aber auch unsere Sorgen und Bitten vor den Herrn dieser Welt bringen können. Die Zeit ist drängend und verlangt geradezu nach Gebet. Ich hoffe, dass wir eine auch zahlenmäßig gut besuchte Allianz-Gebetswoche in den über 1 000 Orten in Deutschland erleben werden.

Mit Ihnen ist erstmals ein profilierter Vertreter des innerkirchlichen Pietismus in den Rat der EKD gewählt worden. Wie fühlt man sich da – wie Daniel in der Löwengrube?
Diener:
(lacht) Definitiv nicht! Wer so denkt, hat noch nicht verstanden, wie ich evangelische Kirche wahrnehme. Ich bin genauso evangelischer Pfarrer wie ich Pietist bin. Beides lässt sich in meinem Leben nicht auseinanderdividieren. Deshalb verstehe ich den Rat der EKD als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die miteinander wollen, dass wir als Kirche in den kommenden Jahren auf einem verheißungsvollen Weg sind. Da möchte ich mich mit meinem eigenen Glaubensprofil einbringen.

Für welche Bereiche wollen Sie sich besonders stark machen wollen?
Diener:
Als erstes müssen wir uns den missionarischen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Da ist noch mehr möglich und nötig. Dann sehe ich die große Notwendigkeit, noch stärker darauf zu achten, dass die Stimmung an der Basis gut ist, dass die Mitarbeiter in den Gemeinden, haupt- wie ehrenamtliche, sich ernst genommen und unterstützt wissen. Das Dritte: Diakonie und verfasste Kirche ergänzen einander und sollen eng zusammenstehen. Und als Viertes: Wir brauchen ein Reformationsjubiläum, das evangelische Ausstrahlungskraft in unsere Gesellschaft hinein hat, auch über das Jahr 2017 hinaus.

Der stille Revolutionär

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff – einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts

In einer fulminanten Werkschau feiern die Chemnitzer Kunstsammlungen mit Karl Schmidt-Rottluff einen der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in Deutschland.

Pamphlete und programmatische Schriften waren nicht sein Metier. Ebenso wenig das Herumtollen mit nackten halbwüchsigen Modellen an den Moritzburger Teichen oder der so manchen seiner expressionistischen Künstlerkollegen eigene Hang zur selbstzerstörerischen Existenz. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – schuf Karl Schmidt-Rottluff in seinem fast 92 Jahre währenden Leben ein Werk, das ihn nicht nur zum bedeutendsten Maler des deutschen Expressionismus, sondern zu einem der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt macht.

Geboren wurde Karl Schmidt am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz. Nach Besuch des heute nach ihm benannten Gymnasiums der Indus­triestadt und erster künstlerischer Beschäftigung begann er 1905 in Dresden ein Studium der Architektur. Doch die Freundschaft zu Erich Heckel, die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl führten zum Richtungswechsel: Zur künftigen Suche nach einer neuen und unverfälschten Ausdrucksweise in der Malerei.

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956.Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956. Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

»Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«, heißt es im Aufruf der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke«. Deren Name geht auf Karl Schmidt zurück, welcher nunmehr seinem eigenen Namen auch den seines Geburtsortes hinzufügt. Während der Name der Künstlergruppe oft als Reminiszenz an das brückenreiche Dresden gedeutet wird, sieht der Weimarer Kunstwissenschaftler Christoph Stölzl darin eher einen Ausdruck Schmidt-Rottluffscher Eigenart: Revolutionärer Aufbruch, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Rund 500 Werke aller Schaffensepochen umfasst die Chemnitzer Schau. Von den ersten Werken des Schülers, bis zum Alterswerk des Künstlers, der aus Gesundheitsgründen zuletzt nur noch Aquarellmalerei betrieb. Neben den farbenfrohen großen Landschaften der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen und den reifen Gemälden der Nachkriegszeit ist es vor allem das umfangreiche und ausdrucksstarke grafische Werk, mit dem die Chemnitzer Schau überrascht. Besonders eindrücklich die ungemein kraftvollen Holzschnitte, etwa aus der 1918 entstandenen Mappe mit dem Titel »Ist euch nicht Kristus erschienen?«.

Wie jede aufrichtige künstlerische Existenz geriet auch Schmidt-Rottluff zwischen die Mahlsteine der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Seinen 1933 erzwungenen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste nahm er mit Würde an. Ohne jeglichen Versuch, sich etwa wie sein Malerkollege Emil Nolde noch jahrelang den Nationalsozialisten anzudienen. Seine Werke wurden aus den Museen verbannt, in der Schandausstellung »Entartete Kunst« gezeigt, er selbst ab 1941 mit absolutem Malverbot belegt.

Und auch der erhoffte Neuanfang in seiner Heimatstadt Chemnitz endete 1946 schnell in der Erkenntnis, dass seine Kunst für die neuen Machthaber zwar nicht »entartet«, wohl aber »zu wenig volksverbunden« und »formalistisch« sei. So führte ihn sein Weg als Lehrer an die (West-)Berliner Hochschule für bildende Künste.

Christoph Stölzl sinnierte in seiner Eröffnungsrede der Chemnitzer Schau am vergangenen Sonnabend über die »armen Kunsthistoriker«, die immer beschreiben müssten, »was man eigentlich sehen kann«. In diesem Sinne bleibt nur eine Empfehlung: Auf nach Chemnitz! Bis 10. April kommenden Jahres ist die Ausstellung geöffnet, zu der ein opulenter Begleitkatalog erschienen ist.

Harald Krille

Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. 490 Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Der Plan des Pastors

9. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erlebt: Ein Tag mit Pastor Kleopa – Alltag in einer lutherischen Gemeinde in Tansania

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania ist mit 5,5 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte Mitgliedskirche des Lutherischen Weltbundes. Der Alltag eines Pastors unterscheidet sich deutlich von dem eines deutschen geistlichen Kollegen.

Lautes Hupen vor dem Gästehaus der Tumaini Universität von Makumira, einer Kleinstadt am Rande Arushas, im Norden Tansanias. Es ist acht Uhr 30. Pastor Kleopa Akyoo, der den Beinamen Petri trägt, seit er als Siebenjähriger getauft wurde, lässt den Motor laufen. Als ich in sein Auto steige, lege ich als erstes das Tuch ab, das ich mir vorher für den kurzen Weg vom Haus zum Auto um die Hose gewickelt habe. Auf dem Campus sind Hosen für Frauen strengstens verboten. Pastor Kleopa hingegen hat mich zu Beginn meines Gemeindepraktikums gebeten, welche zu tragen. Er ist ein Befürworter der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern, besonders dort, wo Traditionen der Bildung und finanziellen Absicherung von Frauen im Wege stehen.

Kinder – die Zukunft Afrikas – stehen nicht nur beim Gemeindefest im Pfarrgarten im Mittelpunkt. Foto: Jette Förster

Kinder – die Zukunft Afrikas – stehen nicht nur beim Gemeindefest im Pfarrgarten im Mittelpunkt. Foto: Jette Förster

Wir fahren zur naheliegenden Kirche, wo gerade Kindergartenkinder zum Unterricht eintreffen und Jugendliche auf den Schlüssel für den Computerraum warten. Beide Einrichtungen werden von der Gemeinde und Einzelpersonen getragen: Fast 500 Kinder und Jugendliche aus mittellosen Familien erhalten dort eine Mahlzeit am Tag und eine Bildungschance. Auch wir warten eine Weile auf einen Schlüssel, dann laden wir einen Generator in den Kofferraum zu unseren anderen Materialien, die wir für heute benötigen, und sind wieder auf dem Weg.

Drei Mal halten wir links, rechts und wieder links am Straßenrand. Jedes Mal hupt der Pastor jemanden herbei, tauscht Grüße und anderes aus, wofür meine Sprachkenntnisse in Kisuaheli noch nicht ausreichen, zückt ein großes Bündel Geldscheine, zählt mal 50 000, mal 100 000 Schilling (knapp 44 Euro) ab und hält sie aus dem Fenster. Auf diese Weise passieren wir eine Ziegelbrennerei, einen Neubau mit Zimmern für Studierende und die Gemeindefarm. Diese machen nur einen Bruchteil der vielen Nebengeschäfte aus, die fast immer zwischendurch – eben nebenher – versorgt werden. Ziel ist stets die Weiterfinanzierung: Der Ertrag der Farm fließt zu 30 Prozent in das Gehalt der Angestellten des Pfarrbezirks, das Wohnheim wird zu den Ausbildungskosten von Pastor Kleopas leiblichen und aufgenommenen Kindern beitragen, andere Projekte sichern ihm und seiner Frau eine Rente. Oder bezahlen den neuen Gebrauchtwagen, den wir letzten Sonntag eine dreiviertel Stunde lang mit Gebeten und unter Handauflegen eingeweiht haben und bei dem seither nicht mehr einfach die Beifahrertür aufgeht, wenn man sich aus Versehen dagegenlehnt.

Auch die Imbaseny Friedensschule, eine von Pastor Kleopa gegründete christliche Privatgrundschule, wird auf diese Weise unterhalten. Im ganzen Landkreis hat sie den besten Ruf. Der Direktor bespricht mit den Kindern eine Sitzordnung, damit beim Skypen später keine Zeit verloren geht, wenn sich die Schülerinnen vor der Webcam am Bildschirm hinknien, um gut gesehen zu werden. Eine Stunde lang unterhalten sich die Kinder mit der Hortgruppe einer katholischen Grundschule in Deutschland, stellen Fragen und beantworten welche, singen sich gegenseitig ein Lied vor und bringen sich ein Spiel bei.

Die tansanischen Kinder wundern sich, dass die deutschen erst mit sechs Jahren in die Schule kommen und in der vierten Klasse noch nicht fließend Englisch sprechen. Sie amüsieren sich prächtig, als auf ihre Nachfrage, ob im Religionsunterricht die Zehn Gebote gelehrt werden, mit: »Ja, aber ich kann jetzt keines aufsagen«, geantwortet wird. Als wir am frühen Nachmittag das Schulgelände wieder verlassen, um zum nächsten Termin zu fahren, werden gerade frische Ziegel für ein neues Gebäude angeliefert, welches ab nächstem Schuljahr den Klassen fünf bis sieben bereitstehen soll.

Pastor Kleopas Handy klingelt, kurz darauf erklärt er: Planänderung. Eine halbe Stunde später, bepackt mit frischem Hühnchen und Colaflaschen, kommen wir bei ihm zu Hause an. Dort deckt seine Frau Anna, die in einem Waisenhaus arbeitet, fünf große Töpfe ab, die mit Gemüse, Reis, frittierten Kartoffeln und Rindfleisch gefüllt sind. Erick, einer der Ziehsöhne der Familie, hat, noch bevor er seinen offiziellen Mastertitel in den Händen hält, seinen ersten Job als Bankangestellter gelandet: Das muss gefeiert werden.

Mittlerweile lasse ich mich ganz ohne schlechtes Gewissen einladen. Geld zum Essen beizusteuern wäre unhöflich. Traditionsgemäß – Gleichberechtigung hin oder her – ist des Pastors Adoptivtochter Neema (Gnade), die Lehramt studiert, den Abend über für die Küche zuständig und kommt erst zu Tisch, wenn alle anderen bereits für Kaffee und Tee auf den Sofas Platz genommen haben. Anna spricht ein Abendgebet, in dem sie dafür dankt, dass all ihre Kinder zu Hause sind; auch mein Name ist unter den Genannten. In der Dämmerung fährt mich Pastor Kleopa zurück zum Gästehaus.

Kurz nach 22 Uhr kommt noch eine SMS von ihm: Planänderung für morgen.

Jette Förster

Die Autorin, Jahrgang 1988, stammt aus Halle und studiert Theologie in Jena. Vor Beginn des Winter-Auslandssemesters an der Tumaini Universität in Makumira absolvierte Jette Förster ein Gemeindepraktikum bei Pastor Kleoba von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania. Unterstützung für die Arbeit von Pastor Kleopa ist über das Leipziger Missionswerk möglich.

www.lmw-mission.de

Gebet ist Fernwärme von innen

23. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Zeugnis: Die Ewigkeit mehr in unser Heute einbinden und die gute Botschaft weitergeben

Der IS-Terror versetzt die westliche Welt in Angst und Schrecken. Der Versuch einer geistlichen Einordnung.

Was sind das für Wochen! Die Geschehnisse haben mich nach rationaler Aufnahme nun auch emotional erreicht.

Viele Jahrzehnte konnte ich in den verschiedensten Missionen um die Welt jetten. Dabei Menschen, Lebensweisen, Musik, Religionen und Kulturstätten zu studieren, war das größte Erlebnis. Doch eine große Zahl des (Welt-)Kultur-Erbes besteht nicht mehr. Kann man Geschichte zerstören? Sie lebt in Büchern – in gedruckter wie digitaler Form – weiter; das wird niemand auslöschen können. Die Frage stellt sich, ob man aus dem Geschehenen etwas lernt. Salomo schreibt im Buch Prediger: »Was geschehen ist, wird wieder sein. Was man getan hat, wird man später wieder tun. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen … es geschieht nichts Neues unter der Sonne.« – Ich befürchte, er behält recht.

Doch was sind die Vernichtungen materieller Güter gegen die Taten, die gegen Menschen gerichtet sind? Schreckliche Bilder der Hinrichtungen von Christen gehen um die Welt, und man blickt wie paralysiert auf die Fernsehschirme, Tablets oder Smartphones. Nahezu zeitnah ist man dabei und findet keine Worte. Christenverfolgungen gab es schon immer – doch noch nie in dieser Dimension. Der stillte Trost kommt in mir hoch, dass die grausam Ermordeten in der Ewigkeit sind. Die Freude darüber sollte überwiegen, doch die Traurigkeit hält stark dagegen. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, tröstet Jesus und zeigt auf, wie sehr sein Leben und Wirken für die Menschheit ewigkeitsbezogen war. »Wer an mich glaubt, der wird leben –
und ob er gleich stürbe«, sagt Jesus.

Das Wochenende in Paris hat gezeigt: Mittlerweile geht es nicht nur mehr um Christen, sondern gegen alle, die anderen Glaubens sind als die Täter selbst. Mensch gegen Mensch, die Werte schwinden. Was können wir dem bloß entgegensetzen? Wir dürfen die Dinge dieser Welt mit beeinflussender Wirkung vor Gott bringen. Das, was wir Gläubigen mitbekommen haben, um Geschehnissen eine andere Richtung zu geben, liegt in den Patellen (Kniescheiben). »Betet, dass es nicht im Winter geschieht«, sagt Jesus, als er die Endzeit beschreibt. Das heißt, wir können Dinge bewirken! Ernsthaftes Gebet ist immer auch Fernwärme für Menschen, die frieren. Innerlich wie auch äußerlich. Zum Beispiel auch für die, die an unseren Grenzen gerade auf ein besseres Leben hoffen.

Ich bin noch nicht da, wo ich einmal sein möchte, nämlich in der himmlischen Gemeinschaft mit Christus. Aber ich bin auch nicht mehr da, wo ich einmal war. Geprägt von all den vielen Jahren »ohne Gott« in Politik, Wirtschaft und Showbusiness, lebe ich im Heute und darf das Gelernte nun mit einbringen, um Menschen mit der guten Botschaft bekannt zu machen. Wie wunderbar, wenn all unser Schaffen und Reden täglich mehr mit dem Gedanken des Ewigkeitswertes behaftet wäre!

Waldemar Grab

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Der Autor Waldemar Grab
Waldemar Grab ist Journalist. Von 1976 bis 1982 war er Chef-steward der Kanzlermaschine von Helmut Schmidt, Redenschreiber für Politiker und Wirtschaftsmanager. Der Hobby-Pianist wurde von TV-Produzent Wolfgang Rademann in einer Hotelbar entdeckt und ging 1998 als Showpianist auf das ZDF-Traumschiff »MS Deutschland«. Über das Lesen eines Neuen Testamentes in der Schublade seiner Luxuskabine kam er 2002 zum Glauben an Christus, besuchte eine Bibelschule und gründete 2006 den Verein »Missionswerk Hoffnungsträger«. Auf Haiti baut er derzeit mit Partnern ein Kinderdorf auf und ist mit rund 200 Veranstaltungen pro Jahr auf Konzert-, Vortrags- und Predigttour in Deutschland unterwegs.

Der, der den Mantel teilte

10. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: 1700 Jahre Sankt Martin – Feiern in Tours an der Loire

Start ins Martins-Jahr: Die französische Stadt Tours, Grablege des populärsten europäischen Heiligen, rüstet zur 1700. Wiederkehr seines Geburtstages.

In Frankreich, wo 237 Städte und Dörfer und 3 600 Kirchen den Namen Martins tragen, hoffen viele auf einen Besuch von Papst Franziskus am Grab des heiligen Martin. Wie der neue Papst, heißt es in Tours, hätte sich auch Martin ganz den Armen verpflichtet gefühlt, den Ausgestoßenen, Flüchtlingen, Bettlern und Gefangenen, deren Schutzheiliger Martin ebenso ist wie der von Soldaten, Reisenden und Reitern.

»Martin war vergessen, aber wir entdecken ihn jetzt wieder«, sagt Antoine Selosse im Martin gewidmeten europäischen Kulturzentrum. Im Heiligen sieht er einen konsequenten Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit. Sein jüngstes Projekt ist »Das grüne Band des heiligen Martin«, ein mehr als zweitausend Kilometer langer Streifen quer durch Europa, der Ungarn mit Frankreich verbinden soll.

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

Ein paar Kilometer rechts und links davon sollen in den nächsten Jahren zahlreiche umweltverträgliche, nicht primär kommerzielle Projekte erstehen. »Auf jedem Hektar kreieren wir neue Jobs, vom Biobauern bis zum Kunsthandwerker«, gibt sich der Projektplaner kämpferisch. »Dabei soll vor allem die Grundidee Martins propagiert werden: nämlich zu teilen!« Bekanntlich war dem Heiligen vor den Stadttoren von Amiens als römischer Soldat ein Bettler begegnet, dem er die Hälfte seines Mantels schenkte. In der Nacht darauf träumte er von Jesus, der genau diesen Mantelteil trug und zu ihm sagte: »Dies ist Martin, der römische Soldat, der nicht getauft ist. Er hat mich gekleidet.« Es war diese Vision, die ihn ermutigte, sich taufen zu lassen und ein neues Leben anzufangen.

Fachmännisch restauriert zeigen sich die Reste der alten Martins-Basilika, die mit über 100 Metern Länge einmal eines der größten Gotteshäuser Europas war. »Auch wenn man nicht gläubig war,« sagt Annick, die heute Touristen in deutscher Sprache auf den Spuren des Heiligen durch Tours führt, »die Größe dieser Kirche hat jeden bekehrt«. Vom um das Jahr 1 000 erbauten Turm Karls des Großen bietet sich dem Besucher heute ein einmaliger Blick über Tours. Im Friseursalon zu seinen Füßen finden sich noch ein paar Gewölbereste der Kirche, die einmal Martins Grablege war.

Schon bald nach seinem Begräbnis setzte der Pilgerstrom nach Tours ein, entwickelte sich »Martinopolis« zur Stadt, die Kaiser und Könige besuchten, die immer wieder aber auch Ziel kriegerischer Angriffe war. Als die Wikinger die Stadt einzunehmen suchten, heißt es in Tours, hätte man die Schädelknochen Martins auf die Stadtmauer gelegt, woraufhin die Angreifer vor Schrecken geflüchtet seien.

Es sind solche Geschichten, Legenden zumeist, welche die Pilgerreisen nach Tours bis heute beleben. Immer neue Erzählungen, die den Mythos um Martin seit Jahrhunderten beflügeln. Eine erzählt von Gänsen, deren Geschnatter ihn angeblich verraten hätte, als er sich vor seiner Wahl zum Bischof versteckt haben soll. Eine andere von seinem Esel, der im Sommer die Blätter von den Weinstöcken gefressen habe, worauf ihn seine Mönchsfreunde beschimpft hätten. Als im Herbst aber größere und süßere Trauben an den Reben hingen, werteten sie die Fresssucht des Esels rückblickend als ein Wunder. Und noch heute schwört mancher Winzer der Region darauf, dass es Martin gewesen sei, der den Qualitäts-Weinbau an der Loire so entscheidend beeinflusst hat.

Prächtige Herbergen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeugen in der Altstadt vom mittelalterlichen Pilgerstrom. Eine große Brücke führt über die Loire. Dort, auf der anderen Flussseite und nur ein paar Autominuten weiter, liegt das Kloster Marmoutier. 372 hatte es Martin gegründet, der auch nach der Wahl zum Bischof anno 371 ein asketischer Mensch blieb und keinen Wert auf bischöfliche Kleidung legte. Mit 80 Weggefährten soll er hier in kleinen Höhlen gehaust haben.

Am nächsten kommt man Martins Welt in der mächtigen Kathedrale von Tours, die dem ersten Bischof der Stadt, Gatianus, geweiht ist. Saint Gatien heißen ihn die Franzosen. Auf den großen, um 1300 entstandenen Glasfenstern der Kathedrale, die zu den ältesten und sehenswertesten Europas gehören, wird sein Leben lebendig. Sie zeigen Martin unter anderem als Exorzist, bei der Versuchung durch den Teufel, bei der Totenerweckung eines zur Taufe bestimmten Jünglings, beim Treffen mit dem Kaiser und dem Engel, der ihm den Zugang zum kaiserlichen Hof erst ermöglicht haben soll. Andere Fensterbilder zeigen, wie Heiden neben ihm einen Baum fällen ohne Martin zu verletzen, oder bei einem visionären Treffen mit den drei heiligen Frauen Maria, Agnes und Tecla.

Zu den Prunkstücken zählen die Darstellungen seiner Bischofsweihe am 4. Juli, weshalb Tours das Jubiläumsjahr bis zum 4. Juli 2017 ausdehnt. An diesem Tag gedenkt Frankreich heute des Heiligen – ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo der 11. November das Martinsfest markiert. An diesem Tag feiern die Franzosen seit 1918 traditionell den Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg. Damals hatten Frankreich und Großbritannien in einem Eisenbahn-Salonwagen im nordfranzösischen Compiegne das Ende bewaffneter Auseinandersetzungen mit Deutschland besiegelt – ein Friedensschluss, heißt es in Tours, der ebenfalls der Fürsprache des heiligen Martin gedankt sei.

Günter Schenk

Die Welt ist kleiner geworden

19. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wolfgang Bauer machte sich getarnt als Englischlehrer aus dem Kaukasus mit Syrern auf den Weg übers Meer

Das Buch »Über das Meer« beschreibt die Flucht von Syrern nach Europa. Der ZEIT-Reporter Wolfgang Bauer hat die fliehenden Menschen im September 2014 begleitet. Ein Jahr später ist die damals schon große Flutwelle riesig geworden und seine Reportage aktueller denn je. Claudia Götze sprach mit dem Autor.

Herr Bauer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, syrische Flüchtlinge bei ihrer Flucht über das Meer nach Europa zu begleiten?
Bauer:
Ich fahre seit 1990 regelmäßig in diese Region. Ich bin mit ihr mittlerweile sehr verwachsen und habe dort viele Kontakte. So habe ich mitverfolgt, wie immer mehr meiner Bekannten und Freunde aus Syrien flohen. Einer meiner Bekannten, ein Arzt aus Syrien, hatte bei der Flucht seine Frau und seine drei Kinder im Mittelmeer verloren. Ich habe kurz darauf mit ihm telefoniert. Und er erzählte mir, wie er im untergehenden Boot seine Frau festhielt, sie aber loslassen musste, weil ihm selber die Luft ausging. Er überlebte, sie starb. Durch die Auseinandersetzung mit ihm ist in mir die Idee entstanden, die Flucht über das Meer zu dokumentieren. Die Menschen dabei zu begleiten. Wir konnten aber nicht als Journalisten reisen, das wäre zu gefährlich gewesen. Der Fotograf und ich haben uns eine Geschichte von Englischlehrern aus dem Kaukasus zurechtgelegt, die nach Europa wollten. Unsere Tarnung war ein russischer Bibliotheksausweis. Ein widerliches Theaterspielen. Wichtig war, immer in der Rolle zu bleiben. Aus der Rolle zu fallen, hätte unser Leben gekostet.

Hatten Sie Angst?
Bauer:
Welche Angst meinen Sie? Wir hatten vor so vielen Dingen Angst. Bei so einer Flucht gibt es viele Unwägbarkeiten: Seenot, Ertrinken, Gefangennahme. Ich hatte vorher Kontakt zur italienischen Seite aufgenommen, damit die im Falle einer Festnahme meinen Namen kannten. Wir beschafften uns Neopren-Unterwäsche, Satelliten-Telefone. Ich hatte einen Seglerausstatter wegen der Ausrüstung befragt.

Würden Sie es noch einmal machen?
Bauer:
Nein!

Was haben Sie sich von dieser riskanten Recherche versprochen?
Bauer:
Ich wollte klarmachen, dass die Bürgerkriegsflüchtlinge nicht des Geldes wegen zu uns kommen. Die fliehen vor den Bomben, die suchen hier Sicherheit. Viele, die mit mir flohen, hatten früher Fabriken besessen, das sind Akademiker und Ärzte. Die Armen bleiben in Syrien oder schaffen es nur bis in die Nachbarregion.

Wolfgang Bauer: »Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht.« Foto: picture alliance

Wolfgang Bauer: »Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht.« Foto: picture alliance

Was bleibt als wichtige Erfahrung?
Bauer:
Wie wichtig es auf der Welt ist, den richtigen Pass in die Wiege gelegt zu bekommen. Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht. Ich habe auf der Reise großartige Menschen kennengelernt, die sich gegenseitig stützen. Wir haben aber auch schlechte Menschen getroffen, die Freunde verraten, nur um selber einen kleinen Vorteil davon zu bekommen. Nie vergessen werde ich sicher auch die Entführung. Zusammen mit den anderen Flüchtlingen wurden wir gekidnappt und vier Tage als Geiseln gehalten.

Warum ist Deutschland bei den Flüchtlingen so beliebt, wie erklären Sie das positive Deutschland-Bild?
Bauer:
Wir sind das Idol im mittleren Osten. Fußball, Wertarbeit, teure Autos. Hitler wird dort noch sehr verehrt, etwas, was mich immer sehr beschämt.

Die arabischen Golf-Staaten schauen dem Drama nur zu?
Bauer:
Sie schauen nicht zu, sie liefern Waffen, liefern sehr viel Lebensmittel an die im Land verbliebende Bevölkerung, aber sie nehmen keine Flüchtlinge auf. Das ist ein Skandal.

Wie kann die Fluchtwelle gestoppt werden ?
Bauer:
Wichtig wäre eine Flugverbotszone. Die meisten Menschen fliehen vor den Bomben. Wenn es gelingt, die Gefahr aus der Luft zu beseitigen, werden auch weniger Menschen fliehen. Assads Flugzeuge dürfen nicht mehr aufsteigen. Das hat der Westen in den letzten fünf Kriegsjahren versäumt. Jetzt haben die Russen ihre Jets in der Luft und bombardieren vor allem die gemäßigten Rebellen. Eine Katastrophe, die dem »IS« noch viel mehr junge Leute zuführen dürfte.

Welche Rolle spielt Russland?
Bauer:
Eine schlechte. Es verlängert den Krieg durch seine Waffen und jetzt auch direkt mit seinen Truppen um viele Jahre.

Warum haben hierzulande Menschen ein Problem mit den vielen Flüchtlingen?
Bauer:
Weil sie überfordert sind. Weil sie zu satt sind. Weil sie nicht begreifen, dass wir uns von der Welt nicht abkehren können. Die Welt ist kleiner geworden. Wir können aber die Flüchtlinge nicht aufhalten. Ihre Verzweiflung ist so enorm, dass sie kommen werden, egal wie. Die einzige Möglichkeit sie aufzuhalten ist: sie zu erschießen. Die Grenze mit Selbstschussanlagen auszustatten. Aber das wollen wir hoffentlich nicht. Deswegen, weil wir sie nicht stoppen können, müssen wir alles Mögliche tun, um den Vorgang so erträglich wie möglich für beide Seiten zu machen. Schnell Deutschkurse, schnell kulturelle Unterrichtungen, damit Missverständnisse vermieden werden können. Ich glaube, schon mittelfristig werden wir als Wirtschaft in Deutschland von den Bürgerkriegsflüchtlingen sehr profitieren.

Wie geht es weiter?
Bauer:
Wir sollten den Bürgerkriegsflüchtlingen etwas anbieten, was wir schon einmal denen aus Bosnien Anfang der 90er Jahre angeboten haben. Keine Einzelfallprüfung, sondern alle aus dem Kriegsland dürfen kommen, wenn sie sich bei Einreise verpflichten, nach Beendigung der Krise wieder zurückzureisen. Bei Bosnien hat das wunderbar funktioniert. Hunderttausende kamen, Zehntausende blieben, in Freundschaft und ohne Schlepper und ohne Tote an der Grenze.

Buchtipp:
Bauer, Wolfgang: Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa, Suhrkamp-Verlag Berlin 2014, 133 Seiten, ISBN 978-3-51-806724-6, 14 Euro

Einigungsprozess geht weiter

28. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Deutsche Einheit: Der Pfarrer und Journalist Matthias Gehler meint, Deutschland sei gereift und bereit für neue Herausforderungen

Vor 25 Jahren ging die DDR zu Ende. Der Sprecher der letzten und ersten frei gewählten DDR-Regierung blickt zurück und nach vorn.

Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte. Die Kritik an der Metapher von den »blühenden Landschaften« hört man immer seltener. Ich muss zugeben: Auch mir war stets zu viel naive Malerei in diesem Bild. Heute bin ich versöhnter. Vielleicht auch, weil wir alle 25 Jahre älter geworden sind. Altern macht weise.

Als wir nach den ersten demokratischen Wahlen am 18. März 1990 an die Regierung kamen, gingen wir zunächst noch von einer Regierungszeit von vielleicht sogar drei Jahren aus. Alles sollte geordnet vereint werden. Die Realität sah anders aus. Nach sechs Monaten war die DDR Geschichte. Die Dynamik der Ereignisse erforderte schnellere Lösungen. Pro Monat verließen Hundert­tausende die Noch-DDR und siedelten sich im Westen an. Die D-Mark musste eingeführt werden. Innenpolitisch waren trotz der Schwächen des in Eile gezimmerten Einigungsvertrages, der sozialen Härtefälle und der Veruntreuungsskandale bei der Treuhand kaum Alternativen möglich.

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner. Rechts im Bild: Das Sprecher-Duo von einst: Er ist heute Chefredakteur bei MDR Thüringen, sie ist Bundeskanzlerin – Matthias Gehler und Angela Merkel. Foto: Guido Werner

Auch außenpolitisch war das Zeitfenster begrenzt. Ich erinnere mich an unseren ersten Staatsbesuch Ende April in Moskau, der mein idealisiertes Gorbatschow-Bild ins Wanken brachte. Er behandelte uns wie Untertanen – dabei waren wir im Gegensatz zu ihm frei und demokratisch gewählt. Wir haben gegengehalten. Gorbatschow stand schon damals unter enormem innenpolitischen Druck in seinem Land. Dann kam sein Sturz. Die ehemalige UdSSR zerfiel völlig und damit der östliche Verhandlungspartner. Auch im Westen änderte sich die Blickrichtung: Die Iraker marschierten in Kuweit ein, und die Amerikaner sahen nicht tatenlos zu. Eine sich anbahnende weltweite Rezession tat ihr Übriges.

Aber schon als ich etwa zehn Jahre nach der Wiedervereinigung im Auftrag der Bundesregierung in Südkorea war, schlug mir durchweg Bewunderung für die deutsche Wiedervereinigung entgegen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Koreaner haben Respekt vor diesem Kraftakt und sind sich nicht sicher, ob sie das einmal selbst hinbekommen.

Schritt für Schritt und mit gebotener Vorsicht hat sich Deutschland zu einem Land entwickelt, dass sich in der Welt Ansehen erarbeitet hat. Dazu beigetragen haben nicht nur die Wirtschaftskraft, Kultur und Gastfreundschaft, zum Beispiel bei der Fußball-WM, sondern auch das kluge Agieren von Politikern. Wir stehen für Demokratie und Fortschritt. Es gibt schon längst ein weit verbreitetes gesundes Nationalbewusstsein, das neonationalsozialistischem Extremismus mehrheitlich die Stirn bietet. Deutschland ist gereift.

Und jetzt stehen wir vor einer Herausforderung, die wir vielleicht so nicht hätten früher angehen können – die Flüchtlinge. Sie kommen zu Zigtausenden und suchen bei uns das »gelobte Land«. Sie haben Merkel-Bilder in der Hand, benennen ihre Kinder nach ihr, und Erwachsene sagen Mama zur Kanzlerin. Ist uns das peinlich? Nun, zumindest ist die Frau gewählt, steht für Demokratie und Werte, die den Schutzsuchenden fehlen. Das wiedervereinte Deutschland gibt Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Von New York Times bis BBC berichten die Medien weltweit darüber. Die Kanzlerin sagt: »Wir schaffen das«.

Was hier passiert, sucht Seinesgleichen in der Geschichte und hat auch etwas mit Religion zu tun. So säkularisiert dieses wiedervereinte Deutschland auch sein mag, wir offenbaren Werte, die christliche Fundamente haben. Damit antworten wir nicht nur auf IS, sondern praktizieren Nächstenliebe. Das christliche »Abendland« ist nicht in Gefahr, sondern erweist sich gerade in dieser Situation als christlich. Das wirkt auch auf uns zurück. Es schafft gesundes Selbstbewusstsein und Klarheit. Daran ändert auch nichts, wenn nun nach Regelungen gerufen wird, wieder Grenzkontrollen stattfinden, Kapazitäts- und Verteilungsdiskussionen zwischen den Bundesländern und den Ländern der EU geführt werden. Deutschland ist in punkto Menschlichkeit soweit vorangegangen, dass andere Länder sogar das deutsche Wort »Willkommenskultur« aufgegriffen haben.

Die Mühen der Ebene kommen erst noch. Nicht jeder, der unser Gast ist, wird sich konform verhalten, und nicht jeder Gastgeber wird sich als guter Gastgeber erweisen. Das müssen wir aushalten. »An ihren Werken sollt ihr sie erkennen« – na dann mal anpacken. Wenn die 40 Jahre Wüste in der DDR und die 25 Jahre Kanaan jetzt zur Öffnung des »Auenlandes« geführt haben, dann dürfen wir vielleicht schon wieder von einem »Sommermärchen« sprechen. Das wird uns allerdings noch Jahre Integrationsarbeit abverlangen. Ich habe keine Bange um Deutschland. Die Wiedervereinigung ist gelungen. Die ganze Welt hat es begriffen. Wir auch?

Matthias Gehler

Ein Glücksfall in der deutschen Geschichte

25. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Der Opernsänger und Entertainer Gunther Emmerlich blickt auf 25 Jahre deutsche Einheit

»Ich freue mich nach wie vor über die deutsche Einheit«, sagt der Sänger und Moderator Gunther Emmerlich. Mit ihm sprach Willi Wild

Herr Emmerlich, welche Erinnerung haben Sie an den 3. Oktober 1990?
Emmerlich:
Den haben wir gefeiert und zwar in meinem Garten mit Freunden aus Sachsen und Oberfranken. Das war ja ein verhältnismäßig warmer Herbsttag. Es sollten bei dieser Feier auch die dabei sein, mit denen wir uns wiedervereinigen. Gegen Mitternacht sind wir runter in die Stadt gefahren auf den Theaterplatz. Und da waren viele, viele Menschen. Die Blechbläser der Staatskapelle haben auf dem Balkon der Semperoper »Nun danket alle Gott« gespielt. Und wir haben uns an den Händen gehalten und Rotz und Wasser geheult.

Das ist ein Ereignis, das Sie auch nach 25 Jahren emotional berührt?
Emmerlich:
Ja, es gibt ein paar Ereignisse, die durchlebt man immer noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt.

Rückblickend auf 25 Jahre deutsche Einheit, was ist gelungen oder was haben Sie sich damals anders vorgestellt?
Emmerlich:
Es ist kein Bauplan nach dem man sich richten kann und alles geht gut. Das ist etwas komplizierter. Das hatte es auch nirgendwo auf der Welt bislang gegeben. Ich will hoffen, dass eines Tages vielleicht auch Südkorea und Nordkorea vereint sein werden. Und dann könnten die Koreaner von uns lernen, auch aus unseren Fehlern. Es war ein Kraftakt. Und es schien, als wären die Skeptiker fast in der Überzahl. Auch manchen Medien hat es damals große Freude bereitet, diesen Einheitstag durch den Kakao zu ziehen. Es schien gelegentlich so, als ob man von einer Geburtstagsfeier berichtet und die Kamera steht auf der Toilette. Solche Berichte gab es damals. Das entsprach keineswegs meinen Empfindungen. Dass nicht alles glatt laufen würde, war zu befürchten und so war es denn auch. Aber in der Summe aller Dinge war es ein Glückstag, und er hat sich auch in den darauffolgenden Jahren als solcher erwiesen. Wenn ich nur allein unsere alten, maroden Städte hernehme. Das war doch wirklich höchste Eisenbahn. Noch ein paar Jahre, dann wär das alles in sich zusammengebrochen. Viele sagen ja, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Ich vollende den Satz gern mit den Worten, es hat nur bissel lange gedauert.

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Sie jetzt auf Ihre Geburtsstadt Eisenberg blicken, 25 Jahre nach der Deutschen Einheit. Was hat sich verändert?
Emmerlich:
2004 bin ich zum Ehrenbürger von Eisenberg ernannt worden. Das hat mich natürlich sehr stolz gemacht. In meiner Dankesrede habe ich auch erwähnt, dass Eisenberg gute Voraussetzungen hat, um sich prosperierend zu entwickeln. Ob da manches hätte wegbrechen müssen, das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall gab und gibt es eine ganze Menge Industriebrachen. Es ist aber auch viel Neues entstanden. Und der Aufschwung braucht Zeit, daran muss man arbeiten. Die Reformation ist auch nicht in 25 Jahren vollendet gewesen. Das einiges geschehen ist, kann man nicht übersehen. Ich sage manchmal, zu DDR-Zeiten fiel das eine Haus auf, das gerade mal renoviert war. Jetzt fällt das Haus auf, das noch nicht renoviert ist.

Sie sind im Showgeschäft zu Hause. Erleben Sie da heute noch die Unterschiede zwischen Ost und West?
Emmerlich:
Ich habe mich nicht in die Ostschmollecke zurück gezogen, sondern bin durch die nun offenen Türen gegangen. Mal mit größerem, mal mit weniger Erfolg. Man sagte damals, geh ins Offene und das habe ich getan. Gott sei Dank! Es sind neue Freundschaften entstanden, alte Freundschaften habe ich nicht in Frage gestellt. Es sei denn, die »Freunde« haben der Stasi regelmäßige Berichte über mich geschrieben. Beim Tournee-Theater zum Beispiel ist es weniger interessant, woher einer kommt, sondern ob er seine Sache gut macht. Das nehme ich für mich in Anspruch, sonst hätte ich nicht so viele Auftritte.

Für viele Christen ist die Wende und die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk. Wie sehen Sie das?
Emmerlich:
Der liebe Gott hat sicherlich auch dafür gesorgt, um in dieser Richtung handeln zu können. Aber es musste auch gehandelt werden. Manche sagen: Das dauert seine Zeit, oder Gott wird es schon richten. Gottvertrauen ist gut. Ich denke, der liebe Gott baut auch auf uns, dass wir dann in solchen Situationen das Richtige tun.

Trotz anfänglicher Skepsis haben den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche viele Menschen hilfreich begleitet, im In- und Ausland. Und jetzt steht sie als Symbol für Frieden und Versöhnung.

»Es gibt Ereignisse, die durchlebt man noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt«

Eines Tages kam ein Arzt aus Lüdenscheid auf mich zu und erzählte mir von einer renovierungsbedürftigen Rokoko-Kirche in Berka vor dem Hainich. Das ist weit weg von Lüdenscheid. Seine Initiative, dort etwas zu machen, hat mich gerührt und aktiviert. Mittlerweile erglänzt diese Rokokokirche in alter Schönheit. Ich könnte noch viele solcher Initiativen hinzufügen. Eine meiner vornehmsten Pflichten, die ich gern übernommen habe, ist die Schirmherrschaft für die Generalsanierung der Stadtkirche in Wittenberg. Und auch da gibt es Hilfe aus allen Himmelsrichtungen. Das ist ja doch vielleicht die wichtigste Kirche für unseren Glauben überhaupt.

Zum Schluss noch eine Bitte. Können Sie den folgenden Satz weiterführen: Die Deutsche Einheit ist für mich …
Emmerlich:
… ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Die Konstellation war günstig und es haben viele das Richtige getan. Es gibt immer noch viele, die sich erfreuen an dem, was nicht klappt. Meine Freude über das, was klappt, ist größer. Ich weiß natürlich auch, dass noch nicht alles funktioniert. Aber das sehe ich gerade als die Herausforderung dieser Tage. Ich freue mich nach wie vor über die Einheit. Wobei ich keine Vereinheitlichung möchte. Ich sehe auch einen großen Unterschied zwischen Hamburgern und Leuten aus Garmisch-Partenkirchen. Und die waren immer in einem Teil Deutschlands. Und ich sehe auch den großen Unterschied zwischen Dresdnern und Rostockern. Und das stört mich nicht. Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen.

Grenzen der Nächstenliebe?

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Der Ansturm auf Europa und vor allem Deutschland fordert das »christliche Abendland« heraus

Mehr als 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland um Asyl bitten, vielleicht auch noch mehr. Gibt es ein Zuviel an Zuwanderung? Die Kirche muss Antworten finden.

Wenn es eine menschliche Welle gibt in Deutschland, dann ist es eine Welle des guten Willens. Flüchtlingshelfer arbeiten, um Abertausende Flüchtlinge aufzunehmen. Ehrenamtliche, Beamte, Christen und Nicht-Christen. Bis zur Erschöpfung. Gibt es eine Grenze?

Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU), Protestant aus Sachsen, hat sie unlängst so definiert: Das Grundrecht auf Asyl habe keine Obergrenze – aber 800 000 Flüchtlinge pro Jahr wie derzeit »sind auf Dauer zu viel« für Deutschland. Am Wochenende hat er wieder Kontrollen an Deutschlands Grenzen eingeführt. Auch de Mazières früherer Landesbischof, der Ende August aus dem Amt geschiedene Jochen Bohl, mahnte eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern aus Syrien und den Balkanländern an: »Einwanderung ist etwas anderes als Flucht.« Die Probleme in Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Große Koalition sieht das ähnlich wie die EU. Die grüne und linke Opposition ist mehr oder weniger dagegen. An realen und virtuellen Stammtischen wird heftig gestritten.
Es gibt nur die Wahl zwischen einem großen Übel und einem noch größeren: Notleidende abzuweisen, um noch Notleidendere aufnehmen zu können. Zwischen Schuld und größerer Schuld. Denn die Fakten sind: Auch ohne Krieg ist das Elend groß auf dem Balkan oder in Afrika. Die Staatswesen im Kosovo, in Albanien und Montenegro sind von Korruption und organisierter Kriminalität verseucht, Minderheiten wie die Roma werden diskriminiert. Fast die Hälfte der Kosovaren lebt nach UN-Angaben von weniger als 1,42 Euro am Tag, schätzungsweise 70 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeit und Perspektive. Kein Grund, das Weite zu suchen?

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

»Ich finde die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen problematisch«, sagt Ulf Liedke, Ethik-Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Hinter dem Reden von Grenzen der Aufnahmebereitschaft in Deutschland steht ganz häufig die Angst vor Einschränkungen und das Gefühl, zu kurz zu kommen. Objektiv verdient wegen der Flüchtlinge niemand weniger – die Ressourcen für ihre Aufnahme stehen unserem reichen Land zur Verfügung.«

Doch schon bringt ein Finanzexperte des renommierten Ifo-Instituts die Rücknahme der Rente mit 63 ins Gespräch, um die Milliardenkosten für Flüchtlinge zu bezahlen. Es wäre ein erster Test, wie teuer vielen ihre Nächstenliebe ist. Doch da gibt es noch die andere Rechnung: Wie viel Gewinn Flüchtlinge für Deutschland sein könnten. Menschlich – aber auch in der Wirtschaft. So wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädiert der Berliner Bischof Markus Dröge für ein Einwanderungsgesetz: »Auch wer politisch nicht verfolgt ist, muss eine faire Chance haben, einwandern zu können«, sagte Dröge auf einer Friedenskonferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Gibt es ein Zuviel? Was es mit Sicherheit gibt, ist ein Zuviel an Ungerechtigkeit weltweit – viel Armut dort, viel Reichtum hier. Beides oft unverdient. Und mitunter hängt beides zusammen. Gibt es auch ein Zuviel an Nächstenliebe?

Heinrich Bedford-Strohm machte sich gemeinsam mit Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie-Katastrophenhilfe, am Montag in Ungarn und Serbien selbst ein Bild der dortigen Lage. Abschottung, egal ob in Ungarn oder in Deutschland, halten beide für das falsche Mittel in der Flüchtlingspolitik. Grenzkontrollen dürften nur eine Notmaßnahme, eine Atempause in einer Krisensituation sein, mahnt Bedford-Strohm. »Aber es kann nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht, mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen.« Das Selbstverständnis der EU würde mit Füßen getreten, wenn sich Europa wie eine Festung gegenüber anderen abschottet. »Wer verzweifelt ist, findet seinen Weg. Wenn man in Ungarn diesen Zaun baut, dann werden die Menschen sich andere Routen nach Europa suchen.«

»Wir haben kein harmloses Evangelium, das uns nur in dem bestärkt, was wir sind. Die Liebe Gottes fließt zu uns und muss aus uns weiterfließen«, sagt der Dresdner Ethik-Professor Ulf Liedke – und er sieht, wie es im tausendfachen Engagement geschieht. »Aber manchmal erlebe ich uns so wie die Jünger in Jesu Heilungsgeschichten, wenn einer am Wegesrand um Erbarmen ruft – und sie zu ihm sagten: Bleib still!«

Andreas Roth

Am Ende ratlos

15. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Mancher hofft auf eine einfache Lösung für den Nahen Osten – eine Diskussion in Erfurt zeigte die Probleme

Siedler gelten als Hauptproblem im Nahostkonflikt. In Erfurt war erstmalig eine israelische Siedlerin auf einem Podium – und diskutierte mit einem Palästinenser und einem Nahostkorrespondenten.

Sie ist charmant, 24 Jahre alt, in Leningrad geboren und hat in Köln ihr Abitur abgelegt. Anschließend ging sie nach Israel, diente in der Armee und lebt jetzt in einer israelischen Siedlung südlich von Jerusalem. Bekannt wurde sie durch ihren Internet-Blog »Ich, die Siedlerin«. Für Chaya Tal ist klar, dass ganz Judäa und Samaria, die alten biblischen Gegenden, ursprüngliches jüdisches Siedlungsland sind, und deshalb auch zum Staat Israel gehören sollten. Unabhängig davon legt sie Wert auf die Feststellung, dass das Land, welches sie jetzt bebaut, rechtmäßig durch Kauf erworben wurde.

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Ayman Qasarwa wurde im palästinensischen Dschenin in einer im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 vertriebenen bzw. geflüchteten Familie geboren. Er studierte in der früheren DDR, lebt heute in Weimar und ist Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt. Qasarwa macht sogleich klar, dass die angeblich Jahrtausende zurückliegende Besiedlung Palästinas durch die Juden nicht belegbar und lediglich eine Fantasievorstellung der Thora sei. Und Siedlungsland sei nicht gekauft, »nein, es ist weggenommen worden«. Für ihn sind alle Siedlungen illegal und Chaya Tal eine Frau, die durch ihre Einwanderung nach Israel »den Platz eines Palästinensers weggenommen hat, die dort schon immer leben«.

Der dritte in der Runde, die sich im Rahmen der Achava-Festspiele auf dem Podium im Barocksaal der Erfurter Staatskanzlei versammelte, war der auch den Kirchenzeitungslesern bekannte Journalist Ulrich Sahm. Seit 40 Jahren lebt er in Israel und beobachtet den Konflikt. Er beklagt vor allem den Missbrauch von Begriffen und Schlagworten in der öffentlichen Diskussion. Schon der Begriff Palästina sei fragwürdig, die Bezeichnung erst von den Römern nach der endgültigen Eroberung der Region als Name eingeführt. Und Palästinenser gibt es erst, seit das Wort 1967 in der zweiten Charta der PLO als Selbstbezeichnung eingeführt wurde. Bis dahin nannte sich die nichtjüdische Bevölkerung schlicht Araber.

Den Wunsch nach Frieden betonen beide Seiten. Aber wie kann ein friedliches Zusammenleben konkret aussehen? Die zahlreichen Zuhörer konnten manche Beobachtungen machen, die Aufschluss über die Schwierigkeiten des Nahost-Dialogs geben. Da gab es die auch von weiteren palästinensischen Gästen in der offenen Diskussion zu hörende These, dass Palästina immer schon und allein von Palästinensern besiedelt war. »Wer jüdische Geschichte in Israel nachweisen will, braucht nur einen Spaten nehmen und ein wenig zu graben«, so Chaya Tals Antwort auf diese Delegitimation Israels.

Da war kein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels als jüdischer Staat aus palästinensischem Mund zu hören. Zwar wird als Voraussetzung der Zwei-Staaten-Lösung das Rückkehrrecht der Palästinenser auch in die israelischen Gebiete gefordert. Doch erklärte Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas erst jüngst, in einem künftigen Palästinenser-Staat sei kein Platz für Juden. Ob er sich vorstellen könne, dass in einem Staat Palästina die jüdische Siedlerin Tal mit israelischem und palästinensischem Pass leben könne, wurde Qasarwa konkret gefragt. Die Antwort: »Warum dann nicht gleich in einem gemeinsamen Staat mit gemeinsamer Regierung?« Was Sahm mit Hinweis auf die Zahlenverhältnisse als »demografischen Selbstmord« bezeichnete. Juden würden dann als Minderheit in einem arabischen Staat leben. Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Erfahrung des Umgangs mit jüdischen Minderheiten in europäischen wie arabischen Staaten eine kaum erträgliche Vorstellung für Israelis.

Am Ende blieb Ratlosigkeit. Die vielleicht sogar gut ist. Denn eine Beobachtung Sahms ist es auch, dass besonders die Deutschen gern für alles eine Lösung und entsprechende Ratschläge haben. Wobei die so ersehnte »endgültige« Lösung des Nahostkonfliktes nur allzuschnell nicht nur sprachlich in die Nähe einer »Endlösung« zu geraten drohe. »Wir sagten früher immer: ›Die beste Lösung ist Gummilösung‹«, so das Fazit eines Besuchers.

Harald Krille

Der Samariter mit den Bonbons

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Wie Fabian Groh innerhalb von 48 Stunden zum Seelsorger für Flüchtlinge in Budapest und Saalfeld wurde

Die Bilder von den Flüchtlingen haben ihn nicht mehr losgelassen. Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz will helfen, nicht nur reden. Spontan packt er Wasser, Brot, Plüschtiere und Süßigkeiten in sein Auto und fährt los – ohne Navi, ohne Landkarte. Sein Ziel ist der Ostbahnhof in Budapest. Dort, wo viele Hundert Menschen aus Syrien, Pakistan und anderen Ländern ausharren. Über seine Eindrücke sprach er mit Willi Wild.

Warum sind sie spontan nach Budapest gefahren?
Groh:
Ich hielt das für notwendig. Die Handlungsanweisung dazu finde ich in der Bibel, mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder Matthäus 25, Vers 40: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Wenn wir als Kirche weitermachen wie bisher und die halb toten Leute vor unserer Tür liegen lassen, dann werden wir dem Herrn nicht gerecht. Ich bin losgefahren und habe mich in Budapest durchgefragt zum Ostbahnhof, zur Keleti-Station. Und bin dort einfach hingegangen.

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Was haben Sie vor Ort erlebt?
Groh:
Tausende Menschen lagen und lagerten im Bahnhof auf der Erde, bedroht von Hooligans, geschützt von der Polizei. Ich traf auf Familien mit Kindern, aber auch alte und kranke Menschen. Einige hatten mich gebeten, sie doch nach Deutschland mitzunehmen. Der alte Mann mit Katheter, der neben seinem Rollstuhl auf der Erde lag, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Diese verzweifelte Situation ging mir so zu Herzen, dass ich still stehen blieb und gebetet habe.

Konnten Sie den Menschen helfen?
Groh:
Allein, dass ich da war, die Not gesehen habe, hat den Menschen geholfen. Ich habe zugehört, von meinen Hoffnungen erzählt. Nahrungsmittel und Getränke, die ich mitgebracht hatte, habe ich verteilt. Eine kleine »Schatzkiste« hatte ich ebenfalls eingepackt. Darin waren Bonbons, die ich sonst an Kinder im Gottesdienst verteile. Die Kiste habe ich aufgemacht. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen konnten sich Bonbons nehmen. Das Wichtigste war, einfach nur da zu sein, um den Menschen zu zeigen, ihr seid nicht allein und ihr seid willkommen.

In der Nacht sind sie dann wieder zurückgefahren?
Groh:
Das war nicht abzusehen. Nach Mitternacht kamen Busse an. Sie sollten die Flüchtlinge an die österreichische Grenze bringen. Keine Ansage, kein Offizieller. Wir wenigen Freiwilligen haben auf Zuruf denen, die uns verstanden, die Informationen weitergesagt. Einige waren gerade erst eingeschlafen. Mir wurde die Aufgabe zuteil, dafür zu sorgen, dass alle geweckt werden. Das ging auf Zuruf. Eine mir fremde Frau sprach mich an und bat mich zu helfen. Die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die meisten aus Syrien, aber auch aus Pakistan, und anderswo, strömten in Richtung der Busse. Nachdem die vielen Menschen den Bahnhof verlassen hatten, habe ich mich auch auf den Weg gemacht. Am nächsten Tag sollte ich schließlich in Thüringen eine Trauung halten.

Sie wurden von den Ereignissen eingeholt. Ein Zug mit 500 Flüchtlingen war auf dem Weg nach Saalfeld. Wie haben Sie reagiert?
Groh:
Im Autoradio habe ich davon gehört. Obwohl ich müde war, wollte ich doch in Saalfeld dabei sein, in der Hoffnung, Menschen vom Budapester Ostbahnhof wiederzuerkennen. Es war überwältigend am Saalfelder Bahnhof. Da kamen all die Menschen vom Keleti-Bahnhof auf mich zu: der alte Mann im Rollstuhl mit seiner Familie, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Wie am Vorabend in Budapest habe ich ihnen Bonbons aus meiner Schatzkiste gereicht, jetzt in Deutschland. Das hätten wir am Vorabend nicht zu träumen gewagt. Einige haben mich gleich umarmt, und voller Freude haben wir uns in die Augen geschaut.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Groh:
Neben dem Dienst in den Gemeinden und der Situation hier vor Ort, gilt mein Engagement den Menschen, die noch weiter südlich von Ungarn unterwegs sind. Ich denke, wir haben als Kirche den Auftrag, uns um diese Menschen zu kümmern. Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, diese Leute vor der Südgrenze Ungarns zu empfangen. Die Bundeskanzlerin habe ich aufgefordert, das Botschaftspersonal in den europäischen Staaten zu erhöhen, sodass Menschen dort über die Botschaft legal nach Deutschland einreisen können.

Wir brauchen legale Zuwanderungswege nach Deutschland. Es geht nicht, dass wir die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir brauchen legale Fähren, Sonderzüge an den syrischen Grenzen.

Auch unsere Landesbischöfin Ilse Junkermann habe ich gebeten, auf die Deutsche Katholische Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuzugehen mit diesem Thema. Die christlichen Kirchen haben die Aufgabe, sich für die Flüchtlinge bei der Bundesregierung stark zu machen.

Was ist Ihre Motivation?
Groh:
Schlicht und einfach fühle ich mich als Christ dazu berufen. Das hat auch viel mit meiner Biografie zu tun. Ich bin durch verschiedene Lebenssituationen so geprägt und will Menschen in Not nicht allein lassen. Das ist ein Grund, warum ich Pfarrer bin. Dem Landkreis Saale-Orla habe ich angeboten, in meiner Dienstwohnung Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben ein leer stehendes Gästezimmer und bewohnen zu viert 140 Quadratmeter. im Pfarrhaus. Das ist viel zu viel für uns. Da ist durchaus noch Platz, beispielsweise für eine Mutter mit Kindern.

Die Gebetserhörung verschlafen

1. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Jahrelang wurde für Chinas Christen gebetet – doch Gottes Antwort haben viele noch nicht wahrgenommen

Er nennt sich »Chinabeauftragter des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Deutschland«. Seit 2004 reiste Albrecht Kaul bisher 16 Mal ins Reich der Mitte. Und korrigierte das gewohnte China-Bild. Harald Krille sprach mit ihm.

Herr Kaul, es gibt »Russland-Versteher« und »Islam-Versteher« – Sie sind der fromme »China-Versteher«?
Kaul:
Das könnte man vielleicht sagen. Weil ich mittlerweile schon sehr oft in China war und natürlich versuche, vor allem die Christen dort ein bisschen besser zu verstehen.

Wie kommt ein CVJM-Mitarbeiter dazu, nach China zu fahren?
Kaul:
Das hängt damit zusammen, dass es in China schon lange den CVJM gibt. Ich stamme ja aus der DDR. Da war es unmöglich, einen CVJM zu gründen, obwohl wir das immer wieder versuchten. Und so wollte ich wissen, wie lebt der CVJM in China? Deshalb bin ich dann 2004 sieben Wochen völlig allein nach China gereist. Und ich habe da erstaunliche Dinge gesehen und erlebt.

Die meisten verbinden China bisher eher mit Christenverfolgung und Repression …
Kaul:
Das stimmte in Zeiten der Kulturrevolution und sogar noch vor 20 Jahren. Doch inzwischen hat sich so vieles in China geändert, dass man eigentlich bloß von einem Wunder Gottes sprechen kann. Es stehen praktisch in allen Städten Kirchen und in denen wird jeden Sonntag zwei-, drei-, vier-, mitunter sogar fünfmal Gottesdienst gefeiert, weil so viele Menschen kommen. Man kann Bibeln kaufen, freie Evangelisten reisen unbehelligt durch das Land. In Nanjing steht übrigens die größte Bibeldruckerei der Welt!

Sie sprechen von offiziellen, staatlichen genehmigten Gemeinden?
Kaul:
Ja, von der protestantischen sogenannten Drei-Selbst-Kirche: Selbstverwaltung, Selbstausbreitung, Selbstfinanzierung. Die ist vom Staat genehmigt, weil die Menschen in diesen Kirchen einen Halt finden und der Staat weiß, wir können uns auf diese Leute verlassen. Die sind ehrlich, die sind gute Arbeiter, die kümmern sich um Benachteiligte. Deshalb fördert der Staat die Kirche in einem gewissen Maße. Das passt zwar mit der Ideologie nicht zusammen. Aber Ideologie und Praxis ist in China ein riesengroßer Unterschied, siehe die kapitalistische Wirtschaftspraxis.

Albrecht Kaul war 16 Jahre Landesjugendwart im sächsischen Jungmännerwerk und von 1995 bis 2009 stellvertretender Generalsekretär des CVJM in Deutschland. Foto: Harald Krille

Albrecht Kaul war 16 Jahre Landesjugendwart im sächsischen Jungmännerwerk und von 1995 bis 2009 stellvertretender Generalsekretär des CVJM in Deutschland. Foto: Harald Krille

Das passt auch nicht zu dem, was man immer wieder einmal zu hören bekommt über die verfolgte Untergrundkirche.
Kaul:
Es gibt die nicht registrierten Hauskirchen. Wörtlich übersetzt heißen sie eigentlich Familienkirchen. Sie selbst lehnen den Begriff Untergrundkirche ab. Denn sie sagen zu Recht: Der Staat weiß um uns Bescheid, er beargwöhnt uns, er kontrolliert uns, wenn er irgendwie kann. Aber er lässt uns zur Zeit in Frieden.

Aber man hört von Verhaftungen?
Kaul:
Es kommt zu einzelnen Verhaftungen. Etwa dort, wo ein Hauskreispastor sich extrem mit dem Staat anlegt oder man illegale Gebäude errichtet. Es gibt aber auch das, was ich vorsichtig als »martyriumssüchtige« Menschen bezeichnen würde. Doch das sind Ausnahmen. Die große Masse der schätzungsweise zwischen 90 und 130 Millionen Christen erlebt organisierte Verfolgung nicht mehr.

Man wirft den Kirchen der DDR manchmal vor, sich politisch zu angepasst verhalten zu haben. Trifft das dann nicht auch für Chinas offizielle Kirche zu?
Kaul:
Das könnte man ihnen sicher vorwerfen. Sie selbst sagen aber, wir haben zurzeit keinen anderen Weg. Wir wollen das Evangelium verkündigen. Wir wollen, dass Menschen Gott erkennen und Werte in ihrem Leben finden. Und da wollen wir nicht den Staat ärgern. Wenn Christen sich dann für Menschenrechte einsetzen oder gegen konkretes Unrecht, das in China ja pausenlos passiert, dann ist das nicht eine Aktion der Kirche, sondern von engagierten Einzelpersonen.

Wir sprachen bisher von der protestantischen Kirche …
Kaul:
… die in China eine nach-konfessionelle Kirche ist, also nicht mehr aufgeteilt in verschiedene Denominationen, sondern nur noch evangelisch. Bei den Katholiken gibt es zum einen die offizielle patriotisch-katholische Kirche, die vom Staat ebenfalls genehmigt ist und die nicht abhängig vom Ausland sein darf, also auch nicht vom Papst. Das macht natürlich Probleme für diejenigen Katholiken, die darauf bestehen, den Papst als ihren Heiligen Vater zu ehren und ihm zu gehorchen. Diese Christen können ihre katholische Praxis nur im Untergrund leben.

Noch vor Jahren gingen Schätzungen von 20 Millionen Christen in China aus. Wie ist diese explosionsartige Zunahme zu erklären? Was fasziniert Chinesen am christlichen Glauben?
Kaul:
Vor allem, dass Menschen im Christentum nicht als Volksmasse, sondern als Individuum wahrgenommen werden. Dass da ein persönlicher Gott ist, der mich, den kleinen Chinesen, einen unter Milliarden, anspricht und liebt, das ist die revolutionäre Botschaft, die ihnen bei jedem Gottesdienst aus dem Gesicht strahlt.

Ein Aufbruch, den wir bisher kaum realisiert haben.
Kaul:
Ja, wir haben jahrelang in unseren Kirchengemeinden für China gebetet, dass es eine Lockerung gibt, dass die Christen Freiheit haben. Und die Erhörung unserer Gebete haben wir regelrecht verschlafen. Dabei kann uns das Beispiel China Mut machen, für unsere christlichen Geschwister in Nordkorea und in den islamischen Ländern zu beten. Gott kann eine Situation wandeln. Er ist stärker als der Kommunismus und auch stärker als der »IS«.

Die sächsische Kirchenzeitung »DER SONNTAG« lädt vom 9. bis 19. Februar 2016 zu einer Leserreise mit Albrecht Kaul nach China ein. Weitere Informationen bei der Redaktion DER SONNTAG, Telefon (03 41)-7 11 41 70, E-Mail: <reisen@sonntag-sachsen.de>

Eduard lernt schwimmen

31. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Im thüringischen Tabarz zeigt sich, wie eine lebendige Willkommenskultur für Asylbewerber aussehen kann

Neun Familien aus dem Balkanraum leben derzeit als Asylbewerber in Tabarz. Ein ehrenamtlicher Arbeitskreis kümmert sich um die Belange der häufig als »Wirtschaftsflüchtlinge« diskriminierten Menschen. Und macht die Erfahrung, dass der Einzelfall dann oft gar nicht so eindeutig ist.

Eduard lernt schwimmen. Er kommt aus dem Kosovo, ist acht Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit November letzten Jahres in Tabarz. Unter seinen langen Wimpern schaut er ein wenig schüchtern, als er um acht Uhr morgens im Schwimmbad Friedrichroda ankommt. Er wirkt zaghaft, ganz anders als sein großer Bruder Shemai (11), der ihn an diesem Tag zum Schwimmkurs begleitet und mutig einen Kopfsprung wie aus dem Lehrbuch vom 3-Meter-Brett zum Besten gibt.

Doch heute traut sich auch Eduard: Nach einer Woche Schwimmkurs hüpft er erstmals beherzt vom Rand ins Becken, wo ihn Schwimmmeister Peter Liebau mit offenen Armen erwartet und für seinen Mut lobt: »Toll, Eduard!« Auch sein Bruder und Hanfried Victor vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz«, der ihn jeden Morgen zum Kurs bringt, jubeln. Dann geht es auf die Bahn. Geduldig korrigiert Peter Liebau die Beinarbeit seines Schützlings und ist zuversichtlich, dass Eduard schon bald ohne Hilfsmittel schwimmen wird.

Ein Arbeitskreis koordiniert die Hilfe für Flüchtlinge

Dass Eduard schwimmen lernen kann, noch dazu an diesem geschichtsträchtigen Ort – 1936 und 1940 trainierte in der heute denkmalgeschützten Anlage die deutsche Olympiamannschaft – hat er vielen Menschen zu verdanken: Dem Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« mit Pfarrer i.R. Hanfried Victor und der engagierten Schulleiterin Sabine Geißler an der Spitze, der Gemeindeverwaltung und natürlich Schwimmmeister Liebau, der in seinen 37 Berufsjahren schon etlichen Menschen das nasse Element vertraut gemacht hat und der sich mit Eduard trotz sprachlicher Verständigungsschwierigkeiten bestens zu verstehen scheint.

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Fotos: Adrienne Uebbing

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Foto: Adrienne Uebbing

Im November 2014 kamen die ersten Familien aus den Balkanstaaten nach Tabarz. »Im Ort wusste keiner Bescheid und es existierte Hilflosigkeit auf allen Seiten«, so Hanfried Victor. Es gab spontane, oft noch unkoordinierte Hilfsaktionen, aber auch kritische Stimmen im Ort: Sowohl zu den Flüchtlingen als auch zur Situation und durchaus auch »über manchen, der sich engagiert«. Vor diesem Hintergrund kam es zur Gründung des Arbeitskreises »Asyl in Tabarz« mit dem erklärten Ziel, die diversen Hilfsaktionen zu bündeln, den Asylbewerbern bei der Bewältigung und Gestaltung des Alltags, bei der Beschaffung beispielsweise von Möbeln oder Kleidung zu helfen sowie Patenschaften für die Familien zu übernehmen, kurzum: Willkommenskultur zu üben und zu pflegen.

Eine Kleiderkammer, die allen Bürgern offensteht

Zurzeit leben neun Familien – 18 Erwachsene und 21 Kinder, bzw. Jugendliche – aus Serbien, Albanien und dem Kosovo in Tabarz. Je nach Familiengröße belegen sie eine Wohnung allein oder zwei Kleinfamilien teilen sich eine Bleibe. Die Tabarzer Wohnungsgesellschaft stellte dem Arbeitskreis im Wohnblock der Asylbewerber zwei Wohnungen kostenlos zur Verfügung, in denen unter anderen eine Kleiderkammer eingerichtet wurde, die übrigens allen bedürftigen Tabarzern offensteht.

Inzwischen gehören rund 25 Tabarzer Bürgerinnen und Bürger zum Arbeitskreis – die Kirchengemeinde ist durch den Pfarrer, einen Kirchenältesten und Gemeindeglieder vertreten, die Kommune durch den Bürgermeister und eine Mitarbeiterin des Rathauses. Auch der Sozialausschuss ist involviert. Die monatlichen Treffen dienen dem Erfahrungsaustausch, der Fortbildung und der Vorbereitung von Aktivitäten. Man stimmt sich mit vergleichbaren Arbeitskreisen der benachbarten Orte Friedrichroda und Waltershausen, mit dem Ausländerbeauftragten des Freistaates Thüringen sowie dem für alle Asylfragen zuständigen Zweiten Beigeordneten des Landkreises ab.

Zusätzlich gibt es noch einen Freundeskreis, der im Bedarfsfall für Einzelaktionen ansprechbar ist. In den monatlich erscheinenden Rathausinformationen und der Informationsbroschüre der Gemeinde berichtet der Arbeitskreis regelmäßig über aktuelle Entwicklungen.

Mit Transparenz gegen Gerüchte und Vorurteile

Solche Transparenz wirkt dem Entstehen von Gerüchten entgegen und baut Vorurteile ab. Das gemeinsame Engagement zeigt Wirkung und hat ganz wesentlich zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. »Es gibt im Ort kaum mehr laute Stimmen gegen die Asylbewerber«, konstatiert Victor.

Auch zwischen den meisten Flüchtlingsfamilien hat sich ein gutes Miteinander etabliert: Ob beim Aufräumen rings um den Wohnblock, bei der – von drei Rentnern aus Tabarz unterstützten – Anlage eines »interkulturellen Blumenbeets« oder beim Straßenfest zum Ende des Ramadan.

Dank langfristiger ehrenamtlicher Unterstützung kann regelmäßiger Deutschunterricht für die Erwachsenen angeboten werden. Leider, so bemängelt Schulleiterin Sabine Geißler, gibt es derzeit und laut zuständigem Schulamt auch auf absehbare Zeit trotz der wachsenden Anzahl von ausländischen Kindern und Jugendlichen keine DaZ- (Deutsch als Zweitsprache) Lehrkraft für ihre Schule. Die Pädagogin hat kurzerhand die Unterrichtung der ausländischen Schüler selbst übernommen: »Man muss doch etwas tun!«

Über Eduard und seiner Familie hängt das Damoklesschwert der Abschiebung. Immer nur für einen Monat wird ihr Bleiberecht verlängert. Weil Vater Muhamet (42) im Kosovokrieg für die NATO als Dolmetscher für Englisch, Spanisch und Serbisch gearbeitet hat, galt er danach in seinem Heimatland als »Verräter«, wurde seines Hauses beraubt und bekam seit 1999 keine Arbeit. Die Familie fand seither nur Unterschlupf auf Zeit bei diversen Verwandten. 2014 kamen sie nach Deutschland und haben Asylantrag gestellt. Auch wenn Muhamet bisher nur wenig Deutsch spricht, ist er aufgrund seines sozialen Engagements und seiner Englisch-, Albanisch- und Serbischkenntnisse ein ganz wichtiger Ansprechpartner für die Belange der Flüchtlinge, und – unterstützt durch seinen schon fließend Deutsch sprechenden Sohn Shemai – für den Arbeitskreis eine enorme Hilfe.

»Sichere Herkunftsländer« sind nicht für jeden sicher

Die Chance, in Deutschland bleiben zu können, ist für Flüchtlinge vom Balkan sehr gering. In der aktuellen Diskussion werden sie zumeist als Wirtschaftsflüchtlinge abgestempelt. Solche pauschalen Urteile, die – so gestehen Hanfried Victor und Sabine Geißler freimütig ein, im ein oder anderen Fall tatsächlich zutreffen mögen – laufen an der Realität vorbei. Immer gibt es das Einzelschicksal, das es zu berücksichtigen gilt. Trotzdem, darin sind sich die beiden einig, müssen die Asylanträge deutlich schneller als bisher bearbeitet und die Entscheidung dann auch konsequent umgesetzt werden. Die Ungewissheit jedenfalls sei weder für die Betroffenen selbst noch für die Gesellschaft förderlich.

Wann endgültig über den Antrag von Eduards Familie entschieden wird, ist nicht absehbar. Der Kleine jedenfalls freut sich schon auf das neue Schuljahr. Mathe und Werken mag er besonders.

Adrienne Uebbing


Die Kindernachrichtensendung »logo!« des ZDF plant für diesen Sonnabend, 29. August, um 11 Uhr einen Beitrag zur Flüchtlingsarbeit in Tabarz.

Ein Land findet zur Normalität

12. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Vor vier Jahren tötete ein rechtsradikaler Terrorist 77 Menschen

Es war ein Schock für das als friedlich bekannte Norwegen: Ein rechtsgerichteter Fanatiker ließ in Oslo eine Autobombe detonieren, wenig später verübte er auf der Ferieninsel Utøya ein Massaker unter Jugendlichen. Auch vier Jahre später gibt es noch offene Wunden.

Gerade habe ich von meinem Flugzeugfenster aus die Insel Utøya gesehen. Die grüne Insel im Blau des Sees Tyrifjorden bietet ein friedliches Bild. Vor vier Jahren sah dies anders aus. Nach seinem Bombenschlag in Oslo am 22. Juli 2011 ermordete der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik dort 69 Jugendliche während ihres jährlichen Sommertreffens der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten.

Der heutige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg legte am 22. Juli Blumen zum Gedenken an die Opfer des Massakers auf Utøya ab. Der ehemalige Ministerpräsident war zur Zeit des Anschlages Vorsitzender der Sozialdemokraten Norwegens. Foto: picture alliance/Frederik Varfjell

Der heutige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg legte am 22. Juli Blumen zum Gedenken an die Opfer des Massakers auf Utøya ab. Der ehemalige Ministerpräsident war zur Zeit des Anschlages Vorsitzender der Sozialdemokraten Norwegens. Foto: picture alliance/Frederik Varfjell

Manches ist seitdem geschehen, anderes nicht. Ein geplantes Monument zur Erinnerung an den Terror, das in einer nahe gelegenen Bucht errichtet werden sollte, wurde bis heute nicht begonnen, da sich die Anwohner dagegen wehren. Es ist ihnen zu viel Verkehr und zu viel Aufmerksamkeit. Manche von ihnen haben damals selbst unter Einsatz ihres Lebens Überlebende gerettet und sind noch immer traumatisiert.

An die damals Getöteten wird allerdings trotzdem erinnert. In den Heimatorten der Opfer stehen Gedächtnisstelen. Auch auf Utøya selbst gibt es einen Ort des Gedenkens: Ein Stahlring wurde an der höchsten Stelle der Insel installiert. Er hat einen Durchmesser von vier Metern und trägt eingraviert die Namen aller Opfer.

Am 22. Juli waren die Gedenkfeierlichkeiten auf Utøya. Doch im August wollen die jungen Sozialdemokraten die Insel wieder in Besitz nehmen. Es wird ein Rekord von fast 1 000 Teilnehmern erwartet. Eskil Pedersen, der damalige Vorsitzende der Jugendpartei, wird dabei sein, auch wenn er sich inzwischen aus der Politik zurückgezogen hat. Ebenfalls wird als Gast die ehemalige Ministerpräsidentin und WHO-Vorsitzende Gro Harlem Brundtland erwartet. Sie wollte der Terrorist auf Utøya eigentlich auch töten. Nur weil sie kurz vorher die Insel verlies, blieb sie unversehrt.

Breivik sitzt inzwischen als Hochsicherheitsgefangener im Gefängnis in Skien und klagt über seine Haftverhältnisse. Ein Fernstudium der Politikwissenschaften an der Universität Oslo wurde ihm genehmigt, auch wenn er es wohl nicht vollenden können wird. Für einige Prüfungen ist nämlich persönliches Erscheinen unabdingbar, und dies wird für den Massenmörder auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Doch es fehlt ihm auch so nicht an Grund zu klagen: Er hat nur minimalen Kontakt zu Mitgefangenen, und eine »rechte Gefängnisakademie« wird wohl nicht möglich sein. Auch seine unzähligen Briefe an verschiedene Medien, Organisationen und Privatpersonen werden entweder zensiert oder gänzlich zurückgehalten. Er fühle sich »lebendig begraben«, sagt Breivik.

Sein neuer Anwalt Øystein Storrvik hat deswegen in Breiviks Namen gegen das Gefängnis und den norwegischen Staat wegen »Verletzung der Menschenrechte« geklagt. Sein alter Verteidiger Geir Lippestad war dazu nicht bereit gewesen. Er wurde aus diesem Grund von Breivik entlassen. Wirklich undankbar war Lippestad dafür nicht, zumal er inzwischen als sozialdemokratischer Kandidat für das Amt des Bürgermeisters in Oslo bei den Kommunalwahlen im Herbst im Gespräch war.

Beim Jugendtreffen auf Utøya, das vor vier Jahren durch einen falschen Polizisten zum Massaker wurde, wird es diesmal echte Polizeikontrollen geben. Und die Polizei wird dabei im Gegensatz zu früher bewaffnet sein. Denn obwohl das norwegische Parlament erst im Juni erneut beschlossen hat, dass die Polizei des Landes auch in Zukunft grundsätzlich unbewaffnet sein soll, hat der Justizminister die Ausnahmegenehmigung zur allgemeinen Bewaffnung, die schon fast ein Jahr gilt, erst vor Kurzem bis zum 21. August verlängert. Sicherer fühlen sich die Menschen deswegen allerdings nicht. Sorgen machen ihnen weniger der Terror als beispielsweise Diebesbanden, die in der Ferienzeit generalstabsmäßig Winterräder aus unverschlossenen Garagen stehlen. Während früher fast alle norwegischen Häuser unverschlossen waren, schließt man heute meist hinter sich ab.

Wenn ich am 9. August von einem Jugendaustausch mit gehörlosen Jugendlichen in Deutschland zurückkehre, werde ich sicher am Flughafen in Oslo auf Jugendliche stoßen, die vom Treffen auf Utøya wieder nach Hause reisen. Ich werde mich freuen, denn wieder ist nach dem Schock vom 22. Juli 2011 ein Stück norwegische Normalität zurückgekehrt.

Michael Hoffmann

Der Autor stammt aus Sachsen und ist Gehörlosenpfarrer in Norwegen.

»Herkommen und die Menschen lieb gewinnen«

15. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Wie die deutschsprachige Gemeinde von Thessaloniki die Krise Griechenlands erlebt

Seit knapp einem Jahr ist Ulrike Weber Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde im nordgriechischen Thessaloniki. Harald Krille sprach mit ihr über ihre Erfahrungen in einer Gemeinde mitten in der Krise.

Frau Weber, schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben und nicht in einer der Schlangen vor den Bankautomaten stehen, die man in den Medien immer wieder sieht …
Weber:
Also ich selbst habe noch keine Schlangen gesehen, wohl aber mein Mann. Der Hintergrund ist, dass der bargeldlose Zahlungsverkehr hier noch lange nicht so verbreitet ist wie etwa in Deutschland. Deshalb brauchen die Menschen unbedingt Bargeld.

Und wie nehmen Sie sonst die aktuelle Situation wahr?
Weber:
Wir sind seit 1. September vergangenen Jahres hier in Thessaloniki, kamen also schon in das Land der Krise. Aber ich habe durchaus den Eindruck, dass die Probleme seither deutlich größer geworden sind. Bei den Frauen unserer Gemeinde, zumeist Deutsche die mit griechischen Männern verheiratet sind, sehe ich viele sorgenvolle Gesichter. Niemand weiß, wie sich die Lage weiterentwickelt, was noch auf die Menschen zukommt und vor allem ist kein Ende abzusehen. Viele gehörten früher auch eher zu den gut situierten Familien, aber durch die Krise sind sie inzwischen alle betroffen. Unter ihnen erlebe ich aber auch Solidarität. Man macht sich gegenseitig Mut, organisiert Flohmärkte und Kleiderbörsen, wo man sich gegenseitig mit Dingen aushilft.

Auf der Internetseite Ihrer Gemeinde finden sich auch etliche sozialdiakonische Angebote.
Weber:
Schon seit 2010, also vom Beginn der Krise an, hat die Gemeinde ihre sozialdiakonische Arbeit verstärkt. Und unsere Hilfsangebote werden zunehmend in Anspruch genommen. Nicht nur von Menschen, die zur Gemeinde gehören.

Welche konkreten Hilfen bietet die deutsche Gemeinde an?
Weber:
Weihnachten und Ostern haben wir beispielsweise Lebensmittelpakete zusammengestellt und an Bedürftige abgegeben. Oder: Wir haben Kontakt zu einem griechischen Sozialarbeiter im Gefängnis. Von dort kam im Winter die Anfrage nach Wolldecken, weil die Gefängnisinsassen frieren. Wir hatten einen Vorrat und konnten helfen. Es sind aber oft auch die kleinen Dinge für den Alltag der Menschen. Aktuell etwa Hygieneartikel, Duschbad und Ähnliches, was einfach gebraucht wird. Diese Artikel sind hier in Griechenland teurer als in Deutschland und manche Menschen können sie sich einfach nicht mehr leisten.

Woher nehmen Sie das Geld für solche Hilfen?
Weber:
Wir haben gute Kontakte zum Diakonischen Werk in Baden-Württemberg und zum Gustav-Adolf-Werk. Und wir werden natürlich auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt. Aber das ist gemessen am Bedarf alles ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir müssen zusehen, dass wir Spenden bekommen. Und da brauchen wir ganz viel Fantasie. Ich biete beispielsweise Hochzeiten für Brautpaare aus Deutschland hier in Thessaloniki an – mit Trauung am Strand oder auf der Hotelterrasse. Dafür nehmen wir eine Gebühr, die vollständig der diakonischen Arbeit zugutekommt. Und die jungen Paare sind nach meiner Erfahrung gern bereit die Gebühr zu zahlen, weil sie wissen, dass sie damit konkret helfen können.

Die orthodoxe Kirche in Griechenland gilt auch nicht gerade als arm. Was geschieht von dieser Seite an Hilfe?
Weber:
Es ist unterschiedlich: Die eine oder andere griechisch-orthodoxe Kirche nimmt sich auch sehr der Armen an. Das ist nicht zuletzt vom jeweiligen Metropoliten abhängig, ob er ein Herz dafür hat. Wir haben guten Kontakt zu dem Metropoliten Barnabas, der hier in Thessaloniki eine große Armenspeisung organisiert. Da gehen täglich Tausende von Essen an die arme Bevölkerung. Wir haben auch Kontakt zur evangelisch-griechischen Kirche, die sich ebenfalls sehr um die Menschen bemüht. Die ökumenische Landschaft hier in und um Thessaloniki ist sehr bunt und lebendig. Da wird nicht zuerst gefragt, was der andere glaubt, sondern was gemeinsam getan werden muss.

Was würden Sie den Lesern der Kirchenzeitung in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gern ans Herz legen?
Weber:
Wir stellen immer wieder fest, dass die offizielle Berichterstattung nicht ganz das widerspiegelt, was die Menschen hier in ihrem Herzen bewegt. Die wünschen sich vor allem Solidarität. Deshalb wäre es eine Katastrophe, wenn in Deutschland jetzt alle denken würden, es sei schwierig oder gar gefährlich nach Griechenland zu reisen. Um Gottes Willen! Also bitte: Herkommen, sich das Land besehen, Urlaub machen und die Menschen lieb gewinnen. Das ist es, was dieses Land natürlich auch neben Investitionen von Firmen braucht.

Wenn jemand Ihre Gemeinde konkret unterstützen will, wie kann er das tun?
Weber:
Mit mir Kontakt aufnehmen über E-Mail oder Telefon. Wir haben auch eine Internetseite, dort findet man einen Flyer zum Herunterladen, mit allen Informationen über uns und auch unsere Bankverbindung. Ich freue mich herzlich über jeden Kontakt, der zustandekommt.

Kontaktdaten:
Evangelische Kirche deutscher Sprache Thessaloniki, P. Patron Germanou 13, GR-54622 Thessaloniki, Telefon (+30) 23 10 27 44 72

E-Mail <evkithes@otonet.gr>

www.evkithes.net

Sind wir noch imstande, uns geduldig »behindern zu lassen«?

14. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Behinderung soll verhindert werden – das ist doch ein gutes Ziel, oder? Es spart Leid und Geld. Wenn ich weiß, dass ein Mensch behindert sein wird – dann sollte er doch gar nicht erst die Möglichkeit haben, mich zu behindern, oder?

Das Unfallopfer mit irreparablen Folgen, egal ob geistig oder körperlich – gleich die Maschinen abschalten? Die Schmerzen, Nerven, das Geld und das Leid – können wir uns sparen, oder?

Der Patient mit bösartigem Tumor – wäre es nicht besser, schnell ein Ende zu machen, bevor eine lange Schmerzenszeit beginnt?

Der älter werdende Mensch – ist es nicht vernünftiger, all dem, was noch kommt, die Fragezeichen zu nehmen und dem Leben rechtzeitig ein Ende zu setzen?

Ist es nicht genial, wenn man das erwachende Leben im Mutterleib diagnostizieren und im Zweifelsfall sicherheitshalber gleich »einschläfern« kann (klingt besser als töten, oder?). Mit einem solchen Eingriff wird doch Leid und Behinderung verhindert, oder?

Und bei einer Behinderung darf es auch ein »später« Schwangerschaftsabbruch sein. Warum nicht auch in den ersten vier oder acht Wochen (oder Monaten?) nach der Geburt? Da könnte man doch noch – oder?

Leben mit Behinderung – das muss heute nicht mehr sein? Da war man in Deutschland doch schon mal »weiter«. Oder?

Wo setzen wir den Punkt? Welche Grenzen gibt es, wenn wir uns erlauben, das Leben vor der Geburt auf seinen Lebenswert zu taxieren – und zu töten? Die Fragen sind komplex, und folglich gibt es keine einfachen Antworten. Doch es gibt auch kein leidfreies Leben.

Mir scheint, dass wir diesen Satz grundlegend wieder in unser gesellschaftliches Bewusstsein bekommen müssen: Es gibt kein leidfreies Leben! Leben und Leiden gehören zusammen wie Essen und Trinken, Ruhe und Arbeit, Glück und Schmerz. Doch bedeutet Behinderung immer Leid?

Thomas Günzel (l.) mit seinem Sohn Florian als Gäste bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Feist (hinten Mitte). Foto: privat

Thomas Günzel (l.) mit seinem Sohn Florian als Gäste bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Feist (hinten Mitte). Foto: privat

Menschen mit Behinderung sind oft Freudenbringer! Sie bereichern unser Leben! Wie oft haben wir mit unserem behinderten Sohn gelacht, sind wir beeindruckt und begeistert von seinen Ideen, seiner Kreativität, seinem Mut, seiner Lebensfreude, seiner Ausdauer und Geduld, seiner Stärke, das Schwere in seinem Leben auszuhalten und seiner Zielstrebigkeit, Neues zu entdecken und uns zu motivieren, das Ungewöhnliche anzugehen. Ist er behindert – oder bereichernd? Sind wir durch ihn behindert – oder mit ihm beschenkt?

Wie reagieren wir, wenn Menschen Behinderung erleben oder von Schmerz und Leid betroffen sind? Beten wir im Stillen und zucken die Achseln? Schauen wir weg und verweisen auf die Spezialisten? Werden wir Aktionisten, die den Betroffenen auf die Nerven gehen? Oder schaffen wir es, die ganz konkrete Situation aufmerksam zu erfassen, bewusst wahrzunehmen, auszuhalten? Können wir behutsam und einfühlsam nachfragen und Hilfe anbieten, ohne sie aufzudrängen? Sind wir imstande, dauerhaft zu begleiten und uns fröhlich und geduldig »behindern zu lassen« – vielleicht weil es uns selbst guttut?

So könnte es gehen, und ich bin überzeugt: Jedes Leben und jede Lebensphase ist Geschenk Gottes, bereichert uns und es bleibt der menschlichen Verfügbarkeit entzogen: »Herr, in deine Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.« (Eduard Mörike)

Thomas Günzel

Der Autor, Jahrgang 1960, ist Direktor des Bad Blankenburger Allianzhauses und gehört zum Leitungskreis des Fachverbandes Diakonie und geistliches Leben innerhalb der Diakonie Mitteldeutschland. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne, darunter einen mit Behinderung.

Statements allein helfen nicht

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Als Kofi Annan seine Rede beendet, erhält er donnernden Applaus. Die größte Halle des Stuttgarter Kirchentags, die 10 000 Besucher fassende Hans-Martin-Schleyer-Halle, war restlos überfüllt beim Thema »Die Welt ist aus den Fugen«.

Es ist dringend nötig, dass wir als Kirche endlich wieder begreifen, dass die Sorge um den Frieden nicht eine unter vielen ist, sondern dass sie im Zentrum unseres Glaubens steht«, begrüßt der ARD-Journalist Arnd Henze die Teilnehmer der Veranstaltung. Denn genau darum soll es in den folgenden zwei Stunden gehen. Unter dem Motto »Die Welt ist aus den Fugen« diskutieren der ehemalige UN-Generalsekretär Annan mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und dem anglikanischen Bischof Nick Baines über die Weltlage.

Gemeinsame Verantwortung für die Welt: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD, l.) und der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan trafen am vergangenen Sonnabend beim 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart zusammen. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Gemeinsame Verantwortung für die Welt: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD, l.) und der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan trafen am vergangenen Sonnabend beim 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart zusammen. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Der Fall des Eisernen Vorhangs habe die alte, in Ost und West getrennte Weltordnung zerstört, sagt Steinmeier. Doch eine neue Weltordnung sei nicht an ihre Stelle getreten. »Wir leben in einer neuen Welt auf der Suche nach einer neuen Ordnung«, so der Außenminister. »Das Aufkommen neuer, nicht staatlicher Akteure, wie IS oder Boko Haram, die Verbindung von mittelalterlicher Barbarei und Internet, entlädt sich in einer Vielzahl von Krisen rund um den Erdball.«

Doch Steinmeier, dessen Vortrag immer wieder von Applaus unterbrochen wird, macht auch deutlich, dass Frieden nicht einfach so entstehe. »Frieden lässt sich nicht herbeiwünschen«, sagt Steinmeier. Und fügt hinzu: »Er entsteht nicht durch Unterschriftenlisten oder öffentliche Erklärungen.« Nötig sei vielmehr gewachsenes Vertrauen – so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Israel und Deutschland entstanden sei. Steinmeier nannte das »ein Wunder«. »Und wer sagt, dass so ein Wunder nicht auch zwischen Israel und Palästina möglich sein könnte?« Aber: Auch die Deutschen müssten bereit sein, Verantwortung für den Frieden zu übernehmen.

Dagegen erklärt Kofi Annan, er glaube nicht daran, dass die Welt außer Kontrolle geraten sei. »Wir haben in den letzten Jahrzehnten eine Menge erreicht«, so der aus Ghana stammende Diplomat. So sei die Zahl der Hungernden weltweit in den letzten 25 Jahren um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Doch die Welt habe noch kein Konzept, um den globalen Terrorismus zu bekämpfen. »Afghanistan, Libyen und Syrien zeigen die Grenzen militärischer Einsätze«, so Annan. Neben den Herausforderungen des Klimawandels und der Flüchtlingskrise, vor denen die Welt steht, macht der frühere UN-Generalsekretär auf die Vorteile der Globalisierung aufmerksam. »Globalisierung bedeutet, dass Nachrichten und Bilder aus Kriegen und Massakern schnell viral werden«, so Annan. Durch die sozialen Netzwerke werde jeder Smarthphone-Besitzer zu einem Journalisten. »Wir können nicht länger sagen, dass wir nicht wussten.«

Und die Kirchen? »Die Kirchen haben eine Verantwortung für die, die sonst keine Stimme haben – die Migranten, die Armen«, sagt der anglikanische Lordbischof von Leeds, Nick Baines. Man könne aber auch nicht die Welt verändern, »indem man State­ments macht«. Das in den 1980er Jahren noch vielfach geforderte Friedenskonzil sieht er kritisch. »Konferenzen stehen immer in der Gefahr, dass man glaubt, man hat etwas erreicht, weil man mal miteinander gesprochen hat«, so Baines. Kritisch äußert er sich zur Rolle der Kirchen im Ukraine-Konflikt. »Es ist immer ein Problem, wenn die Kirche zu dicht an den Mächtigen steht«, so Baines. Für die Ukraine gelte das ganz besonders.

Benjamin Lassiwe

Glauben hinter der Glaswand

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Juden unter uns: Die meisten heute hier lebenden jüdischen Mitbürger stammen aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion

Trotz der ungeheuren Verbrechen des Nationalsozialismus gibt es heute wieder zaghaftes jüdisches Leben in Deutschland. Auch in Mitteldeutschland. Ein Besuch in der jüdischen Gemeinde Halle.

Seit sechs Jahren sei sie nicht mehr zur Synagoge gekommen. Warum sie aber gerade heute, am Freitagabend, zur Begrüßung des Sabbats, den Weg hierher eingeschlagen habe, kann sie nicht sagen. Vielleicht Sehnsucht, vielleicht ein unbestimmtes Gefühl. Das Essen nach dem Gottesdienst beschließt ein langes Gebet. In ihren Händen hält sie ein zerlesenes Heftchen mit dessen Texten in kyrillischen und hebräischen Buchstaben. Ihre Augen leuchten, eine sanfte Bewegung erfasst ihren Körper, als sie in die altbekannten Melodien hineinfällt.

Die ehemalige Trauerhalle wurde zum Bethaus

Melodien und Worte, die ihr Schutz zu geben scheinen, die sie bergen. Melodien und Worte, die von weit her kommen. Aus der Weite der Geschichte Israels. Und die bis hierher klingen in die Synagoge in Halle, dem kleinen Gebäude mit den Zwiebeltürmchen am Rand des alten jüdischen Friedhofs. Ein Gebäude, das eigentlich die Trauerhalle war und wie die große Synagoge im Herzen der Stadt von den Nazis zerstört wurde. Zu DDR-Zeiten, als vielleicht ein, zwei Dutzend Juden noch in Halle lebten, wurde die Trauerhalle saniert und zum Bet Knesset – zum Haus der Versammlung, zur Synagoge umgebaut. Heute hat die jüdische Gemeinde in Halle gut 600 Mitglieder.

In Deutschland sind derzeit rund 100 000 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Viele der hier lebenden Juden sind aber offiziell keiner Gemeinde angeschlossen. Die Gemeinde in Halle zählt rund 600 Mitglieder. Kinder bei der Feier des Jerusalemtages. Fotos: Jüdische Gemeinde Halle

In Deutschland sind derzeit rund 100 000 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Viele der hier lebenden Juden sind aber offiziell keiner Gemeinde angeschlossen. Die Gemeinde in Halle zählt rund 600 Mitglieder. Kinder bei der Feier des Jerusalemtages. Fotos: Jüdische Gemeinde Halle

Der Gottesdienst folgt Regeln, die den Außenstehenden verwirren. Die Männer versinken in den Gebeten und Psalmen, singen, wiegen sich betend. »Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen.« Der Gesang füllt den Raum. Auch von der hinteren Seite des Vorhangs, wo die Frauen sitzen, mischen sich Stimmen in das Lied. »Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen.« Dann, später, schlagen sich die Männer eine Hand vor die Augen. Gemeinsam und doch jeder für sich, sprechen sie in höchster Konzentration das »Sch’ma Jisrael«: »Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig.«

»Der jüdische Glauben ist keine Sache des Gefühls, sondern des Wissens«, sagt Rabbiner Alexander Kahanovsky. Das Wissen, dass der Ewige einzig ist. Das jeder Mensch dem Ewigen alles verdanke. Gefühle, so Kahanovsky, führen in die Irre. Sie sind wandelbar, kommen und gehen. Wissen aber, Wissen bleibe. Es ist ein Wissen, das in einen Dialog mit dem Ewigen führe, der nach dem Gottesdienst nicht zu Ende ist. Sondern der mit den Taten, mit dem Halten der Gebote fortgesetzt werde. Der Dialog höre nie auf, sagt der Rabbiner, und wenn er von den 613 Gesetzen, den Mizwot spricht, ist nirgends der Ton einer Klage über eine Bürde oder eine Last zu hören. Nein, das Halten der Mizwot ist eine Antwort des Menschen im Gespräch mit Gott.

Es ist Montag. Der Gottesdienst zum Schawuot, dem jüdischen Wochenfest, ist gerade zu Ende. Wieder gibt es Essen. Borschtsch, Nudelauflauf, süßen Wein und Wodka. »Jetzt reden sie gerade über Stalin«, übersetzt flüsternd eine Frau, die in Weißrussland geboren wurde und seit zehn Jahren nahe Halle wohnt, das Tischgespräch der Männer. Die jüdische Geschichte unter den grausamen Regimen des 20. Jahrhunderts ist auch hier gegenwärtig, zwischen den vollen Tellern, den vollen Gläsern, den lachenden Gesichtern. Und nach dem Essen erzählt Rabbiner Alexander Kahanovsky eine Geschichte des Neubeginns, der Wiedergeburt.

Viele lernen erst hier, was Jude-Sein bedeutet

Das gegenwärtige jüdische Leben in Deutschland ist jüdisches Leben mit russischen, osteuropäischen Wurzeln. Ein Großteil derer, die heute als Juden hier leben, stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Aus einem Gebiet, so Kahanovsky, wo man Jude nur im Privaten, im Kreis der Familie sein konnte. Wo es jüdische Kultur in den eigenen vier Wänden gab, aber keinen Kultus in der Öffentlichkeit. Drei Generationen seien abgeschnitten gewesen vom lebendigen Strang der Tradition, bis nur noch Fragmente, Bruchstücke da waren. Jetzt, in Deutschland, beginnen sie neu zu lernen, was es heißt, Jude, Jüdin zu sein. »Meine Aufgabe ist es, die Menschen wieder mit ihrem Erbe vertraut zu machen«, erzählt Kahanovsky.

»Wir sehen uns, leben aber aneinander vorbei«

Und er erzählt noch viel mehr mit einer humorvollen Leidenschaft, mit Witz und Verve: vom Vergeben, von der Einheit von Wort und Tat, vom Ewigen, der alles gibt, von den Menschen, die Sinn und Geborgenheit suchen. »Kennen sie den Witz?«, fragt Kahanovsky. »Was ist der Unterschied zwischen einem Psychotherapeuten und einem Rabbi? Das Gehalt!« Und er erzählt vom Leben als Jude in Deutschland. Wenn er allein im ICE sitzen wolle, sagt er augenzwinkernd, lasse er seine Kippa auf. Die Menschen seien unsicher und wüssten nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen.

Quellen: www.synagoge.de; www.jüdische-gemeinden.de; Grafik: G + H

Quellen: www.synagoge.de; www.jüdische-gemeinden.de; Grafik: G + H

Ein kleiner Schelmenstreich, sicher. Doch fühle er sich auch sonst manchmal wie ein Fremder. »Wir Juden und die anderen Menschen im Land leben wie durch eine Glaswand getrennt. Wir sehen uns, wir nehmen uns wahr. Aber wir leben aneinander vorbei.« Mit seiner Familie lebt er in Berlin, weil es in Halle keinen jüdischen Kindergarten, keinen jüdischen Religionsunterricht gibt. Er kann die verstehen, die ihren jüdischen Glauben nicht hervorkehren. »Wer sagt schon gerne seinem Chef, dass er am Sabbat – von Freitagabend bis Samstagabend – nicht arbeiten dürfe? Da stehen doch schon andere bereit, die seinen Job wollen.«

Am Freitagabend trägt die Frau mit dem Liederheftchen ihren Rucksack heimlich, aber schmunzelnd aus der Synagoge. »Der Rabbi darf das nicht sehen. Am Sabbat darf man doch nichts tragen«, sagt sie und zwinkert mit den Augen. Wie lebt es sich als Jüdin hier im Land? Hat sie Angst? Nein, sagt sie erst. Doch dann flüstert sie im Hinausgehen: Der neue Antisemitismus komme nicht nur von Deutschen. Der komme anderswoher. Aber das, sagt sie traurig, dürfe man nicht laut sagen.

Stefan Körner

www.jghalle.de

Schienen, Züge und die Bibel

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Klein, aber mit Dampf – das Netzwerk der Christlichen Vereinigung Deutscher Eisenbahner

Seit mehr als 100 Jahren gibt es, mit Unterbrechungen – in Deutschland ein Netzwerk christlicher Eisenbahner. Am vergangenen Wochenende kamen sie in Thüringen zusammen.

Himmelfahrtswetter, wie es im Buche steht. Die Straßen sind leer, Wanderwege und Ausflugslokale umso voller. Doch nicht für alle ist Feiertag. Am Gleis 1 des Weimarer Hauptbahnhofs stehen zwei Triebwageneinheiten der Erfurter Bahn (EB), einer Thüringer Privatbahngesellschaft. In wenigen Minuten wird sich die eine Einheit in Richtung Jena ins Saaletal, die andere in Richtung Bad Berka-Kranichfeld ins Ilmtal auf den Weg machen. Die Personale, Lokführer und Zugbegleiter, stehen bei einem Schwätzchen auf dem Bahnsteig.

»Signale der Hoffnung« für die Kollegen in Weimar

Helmut Hosch ist gerade mit dem Regionalexpress aus Erfurt angekommen. Zielgerichtet geht der Eisenbahnkollege aus Hessen auf die Gruppe zu, stellt sich als Vertreter der Christlichen Vereinigung Deutscher Eisenbahner (CVDE) vor. »So was gibt es?« »Ja, so was gibt es«, erklärt Hosch und fragt, ob er den Kollegen etwas schenken darf. Beispielsweise die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift »Zug zum Ziel« mit kurzen geistlichen Impulsen, Erfahrungsberichten von und über Kollegen der Bahn sowie Veranstaltungshinweisen der CVDE in den Regionen.

»Darf ich Ihnen etwas zum Lesen mitgeben?« Helmut Hosch aus Hessen im Gespräch mit den Kollegen von der Erfurter Bahn auf dem Weimarer Bahnhof. Fotos: Harald Krille

»Darf ich Ihnen etwas zum Lesen mitgeben?« Helmut Hosch aus Hessen im Gespräch mit den Kollegen von der Erfurter Bahn auf dem Weimarer Bahnhof. Fotos: Harald Krille

Das Gespräch geht hin und her, gern wird ein Werbekugelschreiber angenommen. Ein Kollege interessiert sich für das handliche Buch im flexiblen Umschlag mit Eisenbahnmotiven und dem Titel »Signale der Hoffnung«. Dahinter verbirgt sich eine Ausgabe des Neuen Testamentes mit den Psalmen und dem Buch der Sprüche. Ergänzt wird das Ganze durch Berichte von Eisenbahnern, was Glaube ihnen bedeutet. Nach wenigen Minuten ist das freundliche Gespräch beendet. Die Kollegen der EB müssen zu ihren Arbeitsplätzen, während Helmut Hosch mit einem weiteren Mitstreiter das Servicecenter in der Empfangshalle aufsucht.

Eigentlich sind beide auf dem Weg nach Bad Blankenburg, wo vom Himmelfahrtstag bis zum vergangenen Sonntag die Mitglieder des CVDE zu ihrer Jahrestagung zusammenkamen. Doch »uns geht es nicht nur um uns selbst, wir verstehen uns als missionarische Vereinigung und wollen unseren Berufskollegen mit der Frohen Botschaft bekannt machen«, wie Christof Sommer, regionaler Ansprechpartner für Sachsen und Thüringen im CVDE, betont. Deshalb die Verbindung der Anreise mit einem praktischen Einsatz auf Bahnhöfen in Mitteldeutschland.

Wobei es gar nicht so leicht ist, an einem Feiertag Kollegen zu treffen. »Die meisten Bahnhöfe in Mitteldeutschland werden inzwischen von Leipzig aus ferngesteuert«, berichtet Sommer, der selbst in der Messestadt als Fahrlagenplaner der DB die Vorarbeiten zur Fahrplangestaltung in ganz Mitteldeutschland macht. Zudem ist der einstige »Familienbetrieb« Bahn inzwischen in verschiedene selbstständige Geschäftsbereiche aufgespalten. Und neben den klassischen roten Zügen der DB rollen vermehrt die Fahrzeuge der Privatbahngesellschaften über die Gleise.

Christof Sommer: Der 48-jährige Eisenbahner aus Wurzen ist regionaler CVDE-Ansprechparter für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Christof Sommer: Der 48-jährige Eisenbahner aus Wurzen ist regionaler CVDE-Ansprechparter für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Darauf hat auch der CVDE reagiert: »Wir sind offen für die Mitarbeit aller, die ein Herz für die Eisenbahnermission haben, unsere Zielgruppe sind alle, die irgendwie mit der Schiene zu tun haben«, so Sommer. Das reicht von der Fahrzeugherstellung über den Gleisbau bis zum traditionellen Betriebseisenbahner, ganz gleich ob bei DB oder Privatgesellschaften. Und, darauf legen die Mitglieder Wert: »Wir sind überkonfessionell.«

Seine Wurzeln hat der CVDE im Anfang des 19. Jahrhunderts. Eisenbahner klagten darüber, dass sie so oft wegen des Schichtdienstes nicht zu den Gottesdiensten kommen konnten. So gründeten sie eine eigenen Verbindung zur Vernetzung derer, denen ihr Christsein auch im Alltag wichtig war. 1902 erschien eine erste Zeitschrift, kaum 25 Jahre später zählte man 2 000 Mitglieder. Mehrere Reisesekretäre betreuten die regionalen Gruppen, die Zentrale befand sich ein einem eigenen Haus in Eisenach. Bald entstanden Kontakte zu ausländischen Kollegen und die Internationale Eisenbahnermission wurde ins Leben gerufen.

In Deutschland endete die Arbeit abrupt im Nationalsozialismus: Haus und Finanzen wurden beschlagnahmt. Während sich die CVDE im Westen Deutschlands 1948 neu gründete, hatten in der Deutschen Reichsbahn der DDR Christen keine Organisationsmöglichkeit.

Als Säleute auf den Bahnhöfen des Landes

Sommer wusste allerdings durch seine Gemeindezugehörigkeit schon als junger Reichsbahner, dass es »im Westen« so ein Netzwerk missionarischer Eisenbahner gab. Ein Kalender, den er von Westkollegen unmittelbar nach der Wende geschenkt bekam, weckte in ihm das Interesse, so etwas auch im Osten anzufangen. In der Aufbruchstimmung kamen etliche heimliche Christen »aus der Deckung«, wie Sommer sagt und gründeten einen eigenen Verband. Der sich dann aber sehr bald mit dem CVDE zusammenschloss.

Heute gehören etwa 250 Menschen zur CVDE. Der nur aus Spenden bestrittene Jahreshaushalt umfasst ca. 60 000 Euro. Umso beachtlicher, was diese kleine Truppe mit viel Herzblut und unter großen Freizeitopfern auf die Beine stellt. Allein für 2015 wurden 13 000 der unter Eisenbahnern beliebten Wandkalender mit Eisenbahnmotiven und Bibelsprüchen gedruckt, weitere 8 000 für die Schweizer Kollegen. Dazu kamen 3 000 Tischkalender sowie 2 000 missionarische Verteilblättchen in insgesamt acht Sprachen. Verteilt werden sie etwa an Infoständen in größeren Bahnhöfen, von Kollege zu Kollege oder eben bei Einsätzen wie zum Himmelfahrtstag. »Wir sind eine Art Säleute«, beschreibt es Sommer.

Zur »International Railway Mission« (IRM) gehören nationale Verbände aus zwölf Ländern. Mit ihrem nächsten Konferenz- und Freizeitwochenende ist die IRM im kommenden Jahr in Goslar zu Gast. »Denkt daran, das ist ein Heimspiel für euch«, gibt Ueli Bergner, IRM-Präsident aus der Schweiz, seinen Kollegen in Bad Blankenburg mit auf den Weg. »Ihr seid schließlich Fußballweltmeister.« Kein Zweifel, die engagierten Eisenbahner der CVDE werden dafür sorgen, dass für Goslar alle Signale auf »Hp 1« stehen: »Fahrt frei.«

Harald Krille

www.cvde.de

www.railwaymission.eu

Zurück auf dem Boden der Wirklichkeit

1. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der Außenwahrnehmung entspricht oft nicht der wirklichen Situation im Lande – wie der Ausgang der Wahl zeigt

Alle sagten seinen Absturz voraus. Doch am Ende ist Israels umstrittener Regierungschef Benjamin Netanjahu mit seinem Likud-Block der strahlende Sieger der Wahlen zur Knesset.

Netanjahus konservativer Likud-Block erhielt nach Auszählung von 99 Prozent der Wählerstimmen 30 Mandaten, während das sozialistische »Zionistische Lager« nur 24 Mandate bekam. Zusammen mit anderen Parteien des sogenannten rechten Blocks glaubt Netanjahu, »umgehend« eine neue und stabile Rechtsregierung errichten zu können.
14 Mandate erhielt das Bündnis von vier arabischen Miniparteien, das arabische Islamisten, Kommunisten, Pro-Palästinenser und Nationalisten umfast. Sie wollen in der nächsten Knesset, dem israelischen Parlament, »den Ton angeben« zugunsten der Bedürfnisse der großen arabischen Minderheit von etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Doch selbst Aiman Odeh, Führer der »Gemeinsamen Liste«, wagt nicht vorherzusagen, wie das Sammelsurium derart gegensätzlicher Ideologien zusammenhalten kann.

Rechtsnationale und Orthodoxe verloren Sitze

Außenminister Avigdor Lieberman hatte gedroht, unloyalen Arabern »mit der Axt den Kopf abschlagen« zu wollen. Selbst rechtsgerichteten Anhängern Liebermans ging das offensichtlich zu weit. Sie verpassten ihm eine krachende Niederlage. Seine rechtsnationale Partei Israel Beitenu (»Unser Zuhause Israel«) erhielt nur noch sechs Mandate. Einst hatte sie 15.

Einen starken Rückgang verzeichneten auch die orthodoxen Parteien. Von 18 Mandaten sank ihre Macht auf nur noch 13 ab. Ein Grund dafür ist die Spaltung der einst starken Partei frommer orientalischer Juden. Eli Ischai, ehemaliger Innenminister, hatte sich wegen theologischer Differenzen über das Erbe des verstorbenen geistigen Übervaters der Partei, Rabbi Ovadja Josef, mit Arieh Derri zerstritten. Ischais separate Partei scheiterte an der Sperrklausel. Mehrere weitere Parteien sind weit abgeschlagen untergegangen.

Netanjahu: Wahlsieg trotz negativer Presse

Netanjahu hat allen Unkenrufen zum Trotz gesiegt. In den Medien des Auslands, von der New York Times und bis zum Spiegel, wurde eine Wahlkampagne gegen Netanjahu betrieben. Da wurde mit falschen Fakten, Klischees und Emotionen Hass auf Netanjahu geschürt. Er müsse abgeschafft werden, um Israel zu retten. Zum »Bürgerkrieg« gekürte Streitereien mit den Orthodoxen und zur »Überlebensfrage« erhobene Friedensverhandlungen mit den Palästinensern, sowie die als »Panikmache« dargestellte Angst Netanjahus vor einer iranischen Atombombe entfachten im Ausland den Eindruck, als sei Netanjahu ein Unglück für Israel. Allein anhand dieser Beispiele lässt sich darstellen, wie falsch und unrealistisch die Darstellung Israels in den Auslandsmedien war.

Israels alter und – wie es scheint – neuer »starker Mann«: Benjamin »Bibi« Netanjahu. Foto: picture alliance

Israels alter und – wie es scheint – neuer »starker Mann«: Benjamin »Bibi« Netanjahu. Foto: picture alliance

Die Orthodoxen leben in Israel in geschlossenen Ghettos in einer geistigen wie gesellschaftlich verschlossenen Welt. Diese Menschen interessieren sich nur für ihre Heiligen Schriften. Auf die Barrikaden gingen sie, als der ehemalige Finanzminister, Jair Lapid, sie durch Rekrutierung zum Militärdienst in die Gesellschaft und in den Arbeitskreislauf integrieren wollte. Ansonsten sind die Orthodoxen politisch neutral oder desinteressiert, ob bei der Siedlungspolitik oder dem Friedensprozess.

Der »Bürgerkrieg« waren lokale, begrenzte Aufstände, meist innerhalb der frommen Viertel, weil ihnen nach 67 Jahren Privilegien genommen werden sollten. Die Orthodoxen beteiligten sich fast immer an Koalitionen, jedoch ohne Minister zu stellen. Sie forderten lediglich Zuwendungen für ihre Erziehungseinrichtungen und stimmten ansonsten mit der jeweiligen Regierung.

Die Friedensverhandlungen mit den Palästinensern sind gewiss wichtig. Doch muss man hier wohl die Proportionen wahren. Die Palästinenser haben mehrfach Krieg gegen Israel geführt. Die Al-Aksa-Intifada ab 2000 hat über 1 000 Israelis das Leben gekostet. Dann gab es trotz völligem Rückzug aus dem Gazastreifen (2005) mehrere Kriege der Hamas mit Tausenden Raketen auf Israel, zuletzt im vergangenen Sommer. Seit Zusammenbruch der von US Außenminister John Kerry geführten Friedensgespräche sind es die Palästinenser, die sich weiteren Gesprächen verweigern und sie umgehen, indem sie bei der UNO und internationalen Gremien Anerkennung als »Staat Palästina« einfordern. Was von Israel als Vertragsbruch der Osloer Abkommen gesehen wird. Eine Mehrheit der Israelis scheint zu keinen weiteren Konzessionen an die Palästinenser bereit zu sein.

Zudem sieht man in Israel ganz andere Gefahren mit Folgen für den jüdischen Staat: In Libanon herrscht eine bis an die Zähne bewaffnete Miliz, die Hisbollah, von Israel und sogar Deutschland als Terrororganisation definiert. Syrien befindet sich in einem Zustand der Auflösung mit grausamem Bürgerkrieg und weit über 200 000 Toten. Der »IS« ist auf dem Vormarsch im Irak und kontrolliert den Jemen. Sogar im benachbarten Sinai, entlang der Grenze zu Israel, hat er Fuß gefasst.

Die Hamas-Miliz im Gazastreifen wurde offenbar beim letzten Krieg im Sommer heftiger geschlagen als angenommen, während die übrigen Palästinenser hinter einer hohen Mauer sitzen und sich mit Terroranschlägen schwertun. Vorläufig, aus eigenem Interesse, kooperieren sie sogar mit Israels Sicherheitskräften. Angesichts der riesigen Gefahren aus der restlichen arabischen Welt, spielen die Palästinenser derzeit nur noch eine untergeordnete Rolle. In Israel gibt es Probleme, die den Menschen und deren Portemonnaie näher stehen und deshalb auch Wahlen entscheiden.

Irans Atombombe: Für viele Israelis das größere Problem

Und die iranische Atombombe? Die täglichen Drohungen des Irans, den Staat Israel auslöschen zu wollen und nicht zuletzt die regelmäßig im Internet präsentierte Produktion von Raketen mit einer Reichweite bis Israel, weckt bei allen Israelis, rechts wie links, sehr ungute Erinnerungen an den Holocaust. Darin sind sich alle einig. Netanjahu werden da bestenfalls »Stilfragen« vorgeworfen. Er habe Israel weiter in die Isolation gedrängt. Aber sowie der Iran eine Atombombe hat und diese über Tel Aviv abwirft – wie in Teheran angekündigt – wäre das dann ziemlich irrelevant.

Ulrich W. Sahm

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