Heilung der Erinnerung

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Vorfeld der 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia (11. bis 16. Mai) hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Nachfahren des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika um Vergebung gebeten.

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Die afrikanische Bevölkerung, besonders die Herero und die Nama, setzte sich gegen die zunehmende Entrechtung und Enteignung sowie rassistische Diskriminierung zur Wehr. Ihr Aufstand wurde mit Vernichtungsbefehlen beantwortet und blutig niedergeschlagen; bei Kämpfen, Massakern und später in Konzentrationslagern starben Schätzungen zufolge in den Jahren 1904 bis 1908 bis zu 100 000 Menschen – aus Sicht von Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

In einer vom Rat der EKD Ende März verabschiedeten Erklärung stellt sich die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ihrer historischen Mitverantwortung für die im heutigen Namibia begangenen Gräueltaten. Auch wenn nach Quellenlage die nach Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen hätten, traten sie doch bis auf wenige Ausnahmen dem Völkermord nicht entgegen. Vielmehr sei durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft der Boden für den Tod vieler Tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen bereitet worden.

Ein »tiefsitzender Rassismus, gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität« habe ihr Denken geprägt und ihr Reden und Handeln vergiftet, heißt es in der Erklärung. »Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen.«

Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte, bekenne sich die EKD »heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.«

Dieses Schuldbekenntnis sei Ausdruck einer bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung. Man wolle gemeinsam mit den Nachfahren der Ermordeten das Gedenken an die Opfer wachhalten und für die Anerkennung des Genozids öffentlich eintreten. Es gehe darum, »an der Überwindung des durch die deutsche Kolonialherrschaft begründeten und danach fortgesetzten Unrechts zu arbeiten«.

Der Erklärung war ein zweiteiliger Studienprozess (2007–2015) zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirche und Missionswerke während der Kolonialzeit vorangegangen. Die Aufarbeitung soll allen Beteiligten dabei helfen, »als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten«.

»Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung. Die Befreiung unserer Länder kann nur dann gelingen, wenn Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen zusammenkommen, sich den Schmerz und die Sorgen der anderen anhören und sich die Hand reichen«, wird der frühere Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, Zephania Kameeta, in der EKD-Erklärung zitiert.

Kameeta, heute Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, wird anlässlich der LWB-Vollversammlung bei der großen Reformations-Gedenkfeier am 14. Mai im Sam-Nujoma-Fußballstadion in Windhuk die Predigt halten.

Im Vorfeld der LWB-Vollversammlung in der namibischen Hauptstadt hat dessen Generalsekretär Martin Junge die Hoffnung geäußert, dass die EKD-Erklärung zu den Kolonialverbrechen sowie Gespräche zwischen den Kirchen in Namibia und Deutschland die Aussöhnung zwischen beiden Ländern beschleunigen könne. Er begrüßte zudem die Aufarbeitung der Verbrechen durch beide Regierungen: »Das ist ein Versöhnungsprozess zwischen Namibia und Deutschland«, sagte Martin Junge dem Evangelischen Pressedienst.

Sollte der LWB gebeten werden, dabei zu vermitteln, sei der Dachverband dazu bereit. Bisher habe sich der Weltbund aus gutem Grund nicht in diesen komplexen Prozess eingemischt. »Jeder Versöhnungsprozess ist einzigartig, es gibt keine Standardlösungen, vielmehr müssen die Akteure herausfinden, wie das Geschehene gemeinsam benannt werden soll und wie man sich einer gemeinsamen Zukunft zuwenden kann«, so Martin Junge. Aussöhnung sei das Fundament für zukünftige Zusammenarbeit.

Ende Februar hatten Nachfahren der Völkermord-Opfer die deutsch-namibischen Regierungsverhandlungen über die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte kritisiert. Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama seien an den Gesprächen nicht beteiligt, sagte die Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation, Esther Muinjangue. Sie betonte, dass die Opfervertreter keine individuellen Entschädigungen forderten. Auch eine konkrete Summe wurde nicht genannt. Vorstellbar sei stattdessen etwa der Bau einer von Deutschland finanzierten Universität im südlichen Namibia, die Herero und Nama sowie anderen Bewohnern Namibias offenstehen solle, sagte Muin­jangue.

Auch sei eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Genozid dringend erforderlich.

Adrienne Uebbing

www.ekd.de/EKD-Texte/weitere_texte.html

Blog zur LWB-Vollversammlung in Namibia:
felixkalbe.de/category/namibia/

Klein-Deutschland in Äthiopien

24. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Nachfahrin der Königin von Saba, Königin Taytu, ließ sich 1888, aus den rauen Bergen kommend, an einer warmen Quelle im Tal ein Haus bauen, gründete eine Stadt und gab ihr den Namen »Addis Abeba« – die Neue Blume. Kürzlich hatte die Deutsche Evangelische Kreuzkirche Besuch vom katholischen Seelsorger aus Sambia.

Auf dem Altarplatz der Deutschen Evangelischen Kreuzkirche in Addis Abeba ein ungewohntes Bild: Neben Pastorin Anja Jacobi im lutherisch-schwarzen Talar der katholische Reiseseelsorger Thomas Matthaei aus Sambia in der weiß-violetten Robe seiner Kirche. Ungewohnt aber vor allem, weil der Pater, der seit 33 Jahren in Sambia amtiert, zum ersten Mal Äthiopien besucht. Sowohl das Pastoren-Ehepaar Anja und Karl Jacobi als auch Pater Matthaei kommen ursprünglich aus Mainz und haben sich seit Langem dem Dienst in Afrika verschrieben.

Der Glockenturm der Deutschen Evangelischen Kirche, »Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes« für Deutschsprachige in der äthiopischen Hauptstadt, wird noch von Hand geläutet. Foto: Georg Meusel

Der Glockenturm der Deutschen Evangelischen Kirche, »Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes« für Deutschsprachige in der äthiopischen Hauptstadt, wird noch von Hand geläutet. Foto: Georg Meusel

In diesem Gottesdienst in der äthiopischen Hauptstadt erlebe ich ein Stück lebendiger deutsch-afrikanischer Ökumene mit. Die Farbe Ocker der Äthiopischen Orthodoxen Kirche Tewahedo fehlt allerdings. Pfarrer Jacobi erklärt mir, dass sich die orthodoxe Geistlichkeit im Blick auf Ökumene vor Ort zurzeit zurückhalte. Zur protestantischen Mekane Yesus Church (»Der Ort Jesu«), die auf Missionstätigkeit von Lutheranern und Anglikanern zurückgeht, hat die deutsche evangelische Gemeinde gute Kontakte.

Der ökumenische Gottesdienst wird von jugendlichen und erwachsenen Gemeindegliedern mitgestaltet und ist der Höhepunkt des Besuches von Pfarrer Matthaei.

Der Gast berichtet von seiner Arbeit als Diozösan-Priester seit 1984 und einziger weißer Priester in dem von 72 Stämmen bewohnten Norden Sambias. Etwa die Hälfte der Bevölkerung seien Christen. Er selbst predige in Bantu, welches von vielen als Umgangssprache verwendet wird. Thomas Matthaeis Diözese hat eine Ausdehnung von 500 Kilometern von Nord nach Süd und er betreut dort 15 Pfarreien. Als er nach 20 Dienstjahren in Sambia nach Deutschland zurückkehren wollte, habe sein Heimatbischof in Mainz humorvoll zu ihm gesagt: »Du bist verbuscht, bleibe am besten, wo du bist.« Nun ist er nach 33 Jahren noch immer in Afrika aktiv und wird als Reiseseelsorger künftig von Sambia aus viermal im Jahr nach Addis Abeba kommen.

In der äthiopischen Hauptstadt leben nicht wenige Deutsche. Nachdem Kaiser Haile Selassie der deutschen evangelischen Gemeinde in Addis Abeba ein Grundstück geschenkt hatte, konnte dort die Kreuzkirche errichtet und das Projekt später um die German Church School erweitert werden. »Klein-Deutschland« wird die German Church von vielen genannt. Das zeigt, dass sie Treffpunkt vieler Deutschsprachiger und Umschlagplatz von Nachrichten ist. Immer wieder kommen Äthiopien-Neulinge hierher, um sich bei denen zu informieren, die schon länger im Land sind.

Das Pfarrer-Ehepaar machte es zur Tradition, dass, wer zum ersten Mal in ihrem Gottesdienst auftaucht, sich der Gemeinde vorstellt. So erfährt man voneinander und auch von den unterschiedlichsten Gründen, weshalb und für wie lange Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Addis Abeba kommen. Oft sind es junge Leute, die auf Zeit an Hilfsprojekten mitarbeiten, manchmal langjährig Erfahrene, die schon in anderen afrikanischen Ländern Hilfe geleistet haben. Und dann diejenigen, die eine Äthiopierin heirateten und gemeinsame Kinder haben. Deren Urgestein ist der über 80-jährige Karl Hildebrandt, der die Kirche mit aufgebaut hat und seit mehr als 50 Jahren in Addis Abeba eine deutsche Apotheke betreibt. Die Gemeindeglieder sind gerührt, als im Gottesdienst der Tod seiner äthiopischen Frau abgekündigt wird. Sie war zur Krebstherapie nach Deutschland geflogen worden. Karl Hildebrandt hat sie dort noch besucht. In äthiopischer Erde wurde sie inzwischen bestattet.

Viele Kinder weißer und schwarzer Hautfarbe fliegen nach dem Kindergottesdienst ihren Eltern in die Arme und strömen zusammen mit den anderen Besuchern zum Kirchenkaffee und zum Austausch ins Gemeindehaus. Die evangelische Kreuzkirche in Addis Abeba – nicht nur an diesem Tag der Ökumene ein Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes.
Das Christentum ist in Äthiopien, wie das Land in der Antike hieß und nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie 1974 sich wieder nennt, sehr alt.

Mit dem laut Apostelgeschichte im Neuen Testament durch Philippus bekehrten »Kämmerer aus dem Mohrenland« gelangte es schon im 1. Jahrhundert nach Äthiopien. Nach anderer Überlieferung wurde die christliche Botschaft von den Brüdern Frumentius und Aidesios aus Tyrus, die auf einer Reise an der Küste des Roten Meeres überfallen und an den Hof des Königs von Aksum verkauft wurden, nach Äthiopien getragen.

Heute bildet die äthiopische orthodoxe Kirche mit etwa 50 Millionen Gläubigen und mehr als 50 Prozent der Einwohner des Landes eine überwältigende Mehrheit.

Vor Ort verhält sich die orthodoxe Geistlichkeit gegenüber der Ökumene reserviert. Nach einem Gottesdienst in der St. Urael Church nehme ich mit einem Priester Kontakt auf. Ich stelle mich mit einem Flyer des Martin-Luther-King-Zentrums vor. Dieser zeigt ein Porträt des Baptistenpastors und Bürgerrechtskämpfers King. Der Priester sagt abweisend: »That is not our leader« (Das ist nicht unser Vorbild).

Georg Meusel

Wenn Sie die Gemeinde unterstützen wollen:
gemeinde.addis.center/joomla

Sonntagsreden zu Alltagsfragen: »Was ist uns heilig?«

23. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sonntagsreden. Nachdenken über das Heilige sonntags um 11 Uhr – nicht in der Kirche, sondern im Deutschen Nationaltheater. Seit 1994 gibt es die Weimarer Reden jedes Jahr im März zu den unterschiedlichsten Themen. Eine Erfolgsgeschichte.

Diesmal also die Gretchenfrage: »Wie hältst du’s mit der Religion?« Oder eben allgemeiner gefragt: »Was ist uns heilig?« Ein weites Feld. Drei Prominente waren auf die Bühne gebeten worden: ein Muslim, ein Katholik und eine Jüdin. Martin Luther hätte wohl für alle drei Redner nicht viel übriggehabt, mutmaßte Feridun Zaimoglu (52), der als Erster auftrat und in einem Vorgespräch mit der Journalistin Liane von Billerbeck auf seinen Luther-Roman »Evangelio« angesprochen wurde. »Es war eine unversöhnliche Zeit.«

Das ist jetzt zum Glück anders, jedenfalls hier und heute. Wer den Sonntagsreden zugehört hat, kann sich lebhaft vorstellen, dass der muslimische Schriftsteller und Künstler mit dem Psychiater und katholischen Theologen Manfred Lütz (63) und der Journalistin und Rabbinerin Elisa Klapheck (54) sehr gut auskommen könnte. Der jeweilige Kontext ist verschieden, man weiß, wo man herkommt, aber allen ist eine große Offenheit gegenüber jedem eigen, für den anderes heilig ist.

Feridun Zaimoglu, Foto: Melanie Grande; Manfred Lütz, Foto: Amanda Berens; Elisa Klapheck, Foto: Rafael Herlich

Feridun Zaimoglu, Foto: Melanie Grande; Manfred Lütz, Foto: Amanda Berens; Elisa Klapheck, Foto: Rafael Herlich (von links)

Auf eine poetisch-literarische Spurensuche nach dem Heiligen im Alltag machte sich eigens für diesen Anlass Feridun Zaimoglu und ging – überraschenderweise – von der ersten Seligpreisung Jesu im Lukasevangelium aus. »Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.« Und weil es für diesen Schriftsteller unverzichtbar ist, dass »Wort und Körper beieinander sind«, wie er sagt, ging er hin zu den Armen.

Was ist kostbar und unverzichtbar, fragte er den Rentner, den man den Krüppel nennt; der immer zwei Schnäpse zu viel trinkt und mit einem jungen Syrer befreundet ist. Heilig sind ihm die Kleider seiner verstorbenen Frau, mit der er jeden Abend spricht. – Und Zaimoglu ging zu der jungen Frau an der Kasse des Discounters, Vater tot, Mutter dement und der Bruder untauglich fürs Leben. Sie putzt nebenbei, hat Probleme mit der Liebe und hasst philosophierende Männer. »Meine Mutter ist mir heilig, mehr musst du nicht wissen.« – Und Zaimoglu ging zu dem verarmten Dichter, der wirre Geschichten erzählt, und zum Kommunisten, mit dem nicht wirklich zu reden ist vor lauter Dogmen. Er sieht die Armen der Bahnhöfe, die Kippengreifer und Pfandflaschensammler, die Obdachlosen und Trinker, Fremde und Einheimische. Aber er sieht auch Menschen, denen es etwas ausmacht, dass ihr Nächster hungert. Spurensuche ganz unten.

Die zweite Rede war ganz anderer Art. Obwohl von seinem Buchhändler gewarnt (Theologensprache ist unverkäuflich), hat Manfred Lütz ein Bestsellerbuch über »Gott. Eine kleine Geschichte des Größten« geschrieben, sehr unterhaltsam, sehr tiefgründig und in einer Sprache, die nachweislich auch sein Metzger versteht. Einen Teil davon hat er unter der Überschrift »Die Werte, die Wahrheit und das Glück« in Weimar zum Besten gegeben. »Geht’s nicht ein bisschen kleiner?«, wurde im vorausgehenden Interview gefragt. In aller Bescheidenheit, nein, findet er, denn Kirche, Beten, Glaube – das gehöre in die Öffentlichkeit. Man müsse den religiösen Bürger im säkularen Staat wieder ernst nehmen.

In einer Zeit, in der Menschen auf Glücksratgeber hören oder Drogen nehmen, als ob das Glück machbar sei, die vorbeugend leben, um dann gesund zu sterben oder die Ewigkeit leugnen und damit ihr Leben verkürzen, sei die Frage nach Gott wichtig. Für ihn als bekennenden katholischen Christen ist klar: »Gott allein ist mir heilig.« Und da Manfred Lütz nicht nur Theologie, sondern auch Humanmedizin, Psychiatrie und Philosophie studiert hat, Humor besitzt und mit offenen Augen durch die Welt geht, war es für Gläubige und Atheisten gleichermaßen ein anregendes Vergnügen, ihm zuzuhören.

Vom »Judentum als politische He­rausforderung« handelte die dritte Rede. Welche Werte sind uns heilig? Säkulares und Religiöses waren schon im Alten Testament zwei Seiten einer Medaille, das wurde im Talmud unter veränderten Bedingungen fortgeschrieben und ist bis heute in der Diskussion. Elisa Klapheck, von Hause aus Politologin und Journalistin, ist eine von insgesamt sieben Rabbinerinnen in Deutschland. Holocaust und Opferrolle sind ihr Thema nicht, sie will sich aktiv in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einmischen – als Rabbinerin in ihrer Frankfurter Einheitsgemeinde, wo orthodoxe und liberale Juden aus vielen Ländern gut miteinander auskommen, als Professorin mit einem Lehrstuhl für jüdische Studien in Paderborn und als Autorin zahlreicher Bücher. Was kann das Judentum auf seinem Weg ins messianische Zeitalter beitragen zu einer gerechteren Gesellschaft? Wie war das doch mit dem Zehnten? Welche Rechte hat der Einzelne in einem Gemeinwesen und welche Pflichten? Wie sieht der Minimalkonsens aus, der Pluralismus möglich macht? Alte Fragen nach heiligen Werten ganz aktuell. Sonntags­reden zu Alltagsfragen.

Christine Lässig

Beziehungskrise?

11. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Über das deutsch-russische Verhältnis sprach Harald Krille mit dem Bundestagsabgeordneten Christoph Bergner (CDU), der als bekennender Protestant (Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine) im Auswärtigen Ausschuss sowie im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union aktiv ist.

Dr. Christoph Bergner. Foto: Harald Krille

Dr. Christoph Bergner. Foto: Harald Krille

Herr Dr. Bergner, warum sind die deutsch-russischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt, obwohl sich die Mehrheit der Bevölkerung laut Umfragen ein gutes Verhältnis zur einstigen Supermacht wünscht?
Bergner:
Der Wunsch nach guten, partnerschaftlichen Beziehungen ist verständlich: Russland ist als Rechtsnachfolger der Sowjetunion von großer weltpolitischer Bedeutung. Das Pro­blem besteht darin, dass sich die russische Politik seit dem Fall des Eisernen Vorhangs dramatisch verändert hat. Und dass wir in Europa und auch in Deutschland diese Veränderung noch immer nicht richtig verstanden haben.

Worin sehen Sie die dramatischen Veränderungen?
Bergner:
Wenn wir auf die Aufbruchsjahre von 1990/91 zurückblicken, dann war damals das Bild vom Haus Europa, das ja von Gorbatschow stammt, prägend. Es gab Vereinbarungen und ein Bekenntnis zu gemeinsamen Grundwerten. Verglichen damit ist die jetzige russische Politik anders orientiert. Sie ist – plakativ gesagt – an einem eurasischen Konzept orientiert, in dem die Werte von Rechtsstaat und Demokratie nachrangig sind. Und bei dem auch völkerrechtliche Vereinbarungen machtpolitischen Zielen untergeordnet werden, wie wir das in der Ukraine und bei der Annexion der Krim gesehen haben.

Wurde diese Entwicklung nicht durch die überhebliche Haltung des Westens begünstigt?
Bergner:
Ich sehe nicht, dass man der deutschen Politik diesen Vorwurf machen kann. Aber selbst wenn das international gelegentlich so war, liegt das eigentliche Problem woanders, nämlich darin, dass in Russland die Transformation zu Demokratie und Rechtsstaat bedauerlicherweise misslungen ist. Sie ist misslungen, weil sich in dieser Transformation eine Oligarchenherrschaft herausgebildet hat.

Der zweite Punkt ist, Russland hat sich mit inneren Konflikten herumschlagen müssen. Der dramatischste war der Tschetschenien-Konflikt. Das führte dazu, dass die Macht des Staates eine immer größere Bedeutung bekam und damit auch das Land totalitärere Züge angenommen hat.

Nun hat die EU mit Unterstützung Deutschlands die Sanktionen gegen Russland verlängert. Was bringt das außer einer weiteren Verhärtung der Fronten?
Bergner:
Sanktionen sind die einzige Möglichkeit, um beispielsweise das vereinbarte Friedensabkommen von Minsk beziehungsweise einen Waffenstillstand durchzusetzen. Insofern kann ich das etwas leichtfertige Gerede von Sanktionen, die nichts bringen, nicht verstehen. Wer keine militärischen Mittel will und sich trotzdem für Recht und Gerechtigkeit in der Völkerfamilie einsetzen will, der muss bereit sein, wenigstens dieses Instrument zu nutzen. Deshalb: Solange wir einen solch eingefrorenen Krieg in der Ostukraine haben und solange wir eine De-facto-Besetzung eines Teiles der Ukraine haben, müssen wir standfest bleiben und die Sanktionen aufrechterhalten.

Sie sagen, Europa schließe militärische Antworten aus. Andererseits steht die Nato heute unmittelbar an den Grenzen Russlands und führt dort Militärmanöver durch.
Bergner:
Die baltischen Staaten haben aus eigenem Entschluss um die Mitgliedschaft in der Nato gebeten. Und als Mitgliedsstaaten haben sie ein Recht auf Beistand. Und wir haben auf der anderen Seite Russland, das erkennbar versucht, diese baltischen Staaten einzuschüchtern. Darüber hinaus versucht Moskau, Einfluss auf die russischsprachige Minderheit in den baltischen Staaten auszuüben. Die Nato hat bisher, wie ich finde, sehr besonnen reagiert. Die Natostaaten zeigen Präsenz in der Region. Es ist ein wichtiges Signal an Russland, dass das, was man auf der Krim gemacht hat, mit den Territorien im Baltikum nicht geht. Aber um das ganz klarzumachen: Die Einheiten, die dort stationiert sind, sind völlig ungeeignet, um etwa gegenüber Russland aggressiv werden zu können.

Wie kommt man von diesem Konfrontationsniveau wieder herunter?
Bergner:
Zuerst einmal bleibt es ein wichtiges Anliegen, in allen Bereichen, die von der Konfrontation nicht betroffen sind, die Dialogstrukturen weiterzuführen. So ist beispielsweise in der Kultur- und Bildungspolitik die Zusammenarbeit völlig unverändert und unbeschränkt. Auch der Petersburger Dialog findet weiter statt. Der Punkt ist: Wir müssen Russland klarmachen, dass wir uns nicht belügen lassen. Denn Russland hat versucht, uns zu belügen, und belügt uns mit seiner Propaganda immer wieder. Es muss klar sein, wir lassen uns nicht instrumentalisieren für Hegemonie-Bemühungen gegenüber anderen postsowjetischen Staaten.

Und: Wir beobachten leider, dass Russland Versuche unternimmt, europafeindliche Kräfte zu unterstützen und den europäischen Einigungsprozess zu schwächen. Das sieht man von Pegida bis zur französischen Front National und möglicherweise auch bis zur AfD. Dazu kommen gezielte Hacker-Angriffe und die Produktion von sogenannten Fake-News. Das müssen wir abwehren. Wenn wir diese Prämissen konsequent gegenüber der russischen Seite verständlich machen, ist eine Basis gefunden, auf der man zumindest redlich miteinander umgeht, auch wenn wir nicht mehr auf denselben Wertegrundlagen operieren.

Sie sehen hinter den europakritischen Strömungen bei AfD und Pegida direkten russischen Einfluss?
Bergner:
Also ich sehe zumindest russische Fahnen bei Pegida, was ja schon erklärungsbedürftig ist. Russia today hat die Pegida-Demonstrationen von Beginn an live aus Dresden übertragen. Ich sehe, dass in der AfD die Forderung nach Sanktionsaufhebung besonders deutlich artikuliert wird. Ich weiß von finanzieller Unterstützung der Front National in Frankreich durch Russland.

Die russische Politik hat erkennbar ein Interesse daran, den europäischen Einigungsprozess zu stören und zu schwächen. Und dagegen müssen wir uns wehren. Denn aus meiner Sicht ist der europäische Einigungsprozess das wertvollste politische Konzept, was wir für die nachfolgende Generation bewahren müssen.

Von Glaube, Liebe und Hoffnung

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationsbotschafter Dr. Eckart von Hirschhausen nimmt sich in einem exklusiven Programm Martin Luther vor. Er will unter anderem der Frage nachgehen, ob der Reformator Komiker war. Maria Socolowsky (MDR) und Willi Wild haben den Entertainer getroffen.

»War Luther Komiker?« Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
von Hirschhausen:
Das wäre ein schlechter Komiker, der die Pointe vorwegnimmt. Aber ich bin natürlich als Sprachkünstler sehr froh über Luthers Freude an der deutschen Sprache, über sein Geschick, Bilder, Metaphern, geflügelte Worte zu finden. Und die sind ja so geläufig geworden, dass wir oft gar nicht mehr wissen, dass sie von Luther sind, zum Beispiel: Unterhalten sich zwei Säue am Trog. Was gibt es denn heute? Ach, schon wieder Perlen. Wer nicht weiß, dass »Perlen vor die Säue werfen« eine lutherische Bezeichnung ist, kann darüber gar nicht lachen.

Foto: Willi Wild

Foto: Willi Wild

Ich bin selber von Kind auf Protestant und bin mit lutherischem Liedgut aufgezogen worden. Beim großartigen Pop-Oratorium »Luther« von Michael Kunze und dem Komponisten Dieter Falk habe ich kürzlich sogar mitgesungen. Moderne, mitreißende Musicalmelodien – da habe ich Gänsehaut bekommen, als da plötzlich 3 000 Chorsänger und 10 000 Leute im Publikum ergriffen sind, von der Geschichte, von den Konflikten und dem Kampf zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Mir wurde plötzlich klar, wie aktuell das alles ist. Wir brauchen heute wie vor 500 Jahren Menschen, die sich hinstellen und sagen: Hier stehe ich und ich stehe zu etwas und ich kann auch nicht anders. Ich widerrufe nicht das, woran ich glaube.

»Humor hilft heilen«, so heißt Ihre Stiftung. An anderer Stelle schreiben Sie von der Wunderwirkung der Musik. Sind Humor und Musik die besseren Tabletten?
von Hirschhausen:
Die Musik wird als Heilkraft unterschätzt, genauso wie Humor und Gemeinschaft. Mein Buch »Wunder wirken Wunder« ist praktisch ein Wiederentdecken von dem, was man gerne unter Selbstheilungskräfte subsumiert. Ganz konkret und wissenschaftlich untermauerbar kann Musik Menschen erreichen, die demenziell erkrankt sind. Ich habe für die ARD eine Reportage gedreht, wo ich mich drei Tage in einem Altenheim einquartiert habe. Ich habe den Bewohnern Musik ihrer Jugendzeit vorgespielt. Es ist rührend, zu erleben, wie Menschen dann plötzlich auftauen – Menschen, die ganz weit weg sind, kaum zu erreichen mit Sprache.

Plötzlich fangen sie an, zu sprechen, zu lachen, mitzutanzen. Das ist die Heilkraft der Musik. Musik spielt im Alter zwischen 15 und 25 eine wichtige Rolle, es ist die Zeit intensiver Ersterfahrungen. Die werden offenbar im Gedächtnis viel stärker eingebrannt. Es gibt einen sehr schönen Satz: »Das Herz wird nicht dement, das Ohr auch nicht.«

Welche Rolle spielt die Musik im Luther-Programm?
von Hirschhausen:
Ich genieße es, wie Luther, auf der Bühne das freie Wort zu ergreifen. Im schönen Spiegelzelt in Weimar werde ich ein bisschen singen und das Publikum auch dazu animieren. Ich bin kein ausgebildeter Sänger und mein Gesang ist sicher nicht der reine Genuss. Da gibt es Leute, die das besser können. Aber ich kann mich mit Musik anders ausdrücken als mit Sprache allein.

Es ist auch kein Zufall, dass Luther Kirchenlieder geschrieben hat, die wir bis heute singen. Wenn es da Hits gibt, die seit mehreren hundert Jahren gesungen werden, von Luther, von Bach im Weihnachtsoratorium oder in Passionen, die uns heute noch bewegen, dann ist das doch auch ein kleines Wunder.

Wie Luther damals, mache auch ich deutsche Texte auf bekannte Melodien, beispielsweise auf die Melodie von »Tears in heaven«. Eric Clapton verarbeitet darin den Unfalltod seines vierjährigen Sohnes, der 1991 aus dem 53. Stock einer Wohnanlage gefallen ist. Was gibt uns Trost? »Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand«, das sagt sich leichter als es ist, wenn einem schreckliche Dinge passieren.

Welche Rolle spielen Kirche und Reformation in dem Programm?
von Hirschhausen:
Ich beschäftige mich mit der Frage: Welche Rolle hat Glaube heute? Was ist uns noch heilig? Was ist der Ablasshandel von heute? Die Deutschen geben eine Milliarde Euro für Nahrungsergänzung und Vitaminpräparate aus. Wissenschaftlich ist das totaler Unsinn. Es ist längst nachgewiesen, dass eine Überdosierung davon schadet und niemandem etwas nützt. Man kriegt mehr Krebs und nicht weniger davon. Das ist alles klar. Trotzdem wird es gekauft. Für mich ist das so ein Beispiel von Ablasshandel. Du kaufst etwas Sinnloses, damit deine Seele gerettet wird – ohne dich selbst und dein Verhalten ändern zu müssen. Die Mechanik ist dieselbe wie vor 500 Jahren.

Es gibt lustige Zitate von Luther: »Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.« Heute heißt das Lactoseintoleranz. Im Kern hat er natürlich recht. Viele beschäftigen sich mehr mit ihrer Verdauung als mit den großen Fragen: Wofür sind wir hier auf der Erde? Was gibt uns Freude? Was inspiriert uns? Was hat uns Jesus vorgelebt? Was ist davon heute noch wichtig?

Letzten Endes geht es um den Placebo-Effekt. Um die große Trias von Glaube und Liebe und Hoffnung. Wenn ich einem Patienten eine Tablette gebe, die keinen Wirkstoff enthält, und sein Zustand bessert sich, dann ist das doch eigentlich ein Wunder. Zuwendung hat einen unglaublichen Effekt. Und dass Menschen, die wieder an sich glauben können, Kräfte zuwachsen, ist doch längst belegt. Die Ärzteschaft hat diese Heilkräfte, die sich nicht in eine Tablette pressen lassen, in den letzten 20, 30 Jahren ziemlich vernachlässigt. Und es ist höchste Zeit, sie wiederzuentdecken.

Wie ernst ist es Ihnen mit den Wirkstoffen Glaube, Liebe, Hoffnung?
von Hirschhausen:
In den Vorlesungen, die ich für Medizinstudenten halte, sage ich: 40 Prozent der Wirkung von jedem Medikament seid ihr selber. Es ist der Kontext. Zu Luthers Zeiten gab es keine wirksamen Medikamente. Damals haben sie einen Bibelspruch oder ein kraftvolles Wort auf einen Zettel geschrieben und den Zettel gekaut und runtergeschluckt. Bis heute sagen wir, dass man lange auf etwas herumgekaut hat. Das kommt von diesen mittelalterlichen Ritualen. Stellen Sie sich mal vor, Patienten würden nicht die Tablette, sondern den Beipackzettel schlucken – sie würden wahrscheinlich alle Nebenwirkungen bekommen, die sie vorher gelesen haben.

Die beiden Veranstaltungen im Spiegelzelt sind zugunsten Ihrer Stiftung »Humor hilft heilen«. Welchen Zweck verfolgen Sie damit?
von Hirschhausen:
In ganz Deutschland gibt es durch die Stiftung ungefähr 500 Klinikclowns. Der Grundgedanke ist sehr einfach. Lachen hilft gegen Schmerzen. Das lässt sich schnell beweisen. Hauen Sie sich einfach mit einem Hammer auf den eigenen Daumen. Machen Sie das einmal allein und dann noch einmal in Gesellschaft. Sie werden feststellen, alleine tut es sehr lange sehr weh. In Gesellschaft müssen Sie über Ihr Missgeschick lachen und der Schmerz lässt nach. Deshalb sollten Menschen mit Schmerzen nicht alleine sein und etwas zu lachen haben. Das ist der Grundansatz von »Humor hilft heilen«.

In der Bibel wird Jesus mit den Worten zitiert: »Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Wir nutzen in der Medizin viel zu wenig die positiven Kräfte von Gemeinschaftserfahrung. Menschen können anderen Menschen guttun.

So wie Luther ein Priestertum aller Gläubigen ausgerufen hat, rufe ich ein »Heilertum aller Gläubigen« aus. Damit meine ich, dass man nicht zu einem Guru rennen, in Indien oder in Japan, oder bei einem ayurvedischen Wunderheiler in Sri Lanka das Heil suchen muss. Das »Heilertum aller Gläubigen« wirkt überall, wo Menschen sich füreinander engagieren und einsetzen. Es tut einfach gut, wenn man im Kreis sitzt, miteinander still wird und das Gefühl hat, die Menschen meinen es gut mit dir und wünschen dir Gutes.

Und du legst ihnen vielleicht die Hand auf oder auch die Hand auf die Schulter. Uralte kleine Rituale könnte man tun, ohne falsche Versprechung, und ohne falsche Hoffnung zu wecken. Dafür möchte ich mich in der evangelischen Kirche einsetzen: Menschen mit existenziellen Fragen und Krisen nicht alleine zu lassen. Ich will nach Formen suchen, die modern, zeitgemäß und verantwortlich sind.

Was bedeutet für Sie heute, evangelisch zu sein?
von Hirschhausen:
Evangelisch wird oft als etwas sehr Nüchternes abgetan. Damit tun wir, glaube ich, dem Luther unrecht. Ich habe mit dem Kirchenhistoriker Volker Leppin studiert. Er schreibt, dass Luther in Teilen auch ein großer Mystiker war. Er wusste sehr wohl um die Kraft von Ritualen. Ich kann jeden verstehen, der mit kirchlichen Formen nichts mehr anzufangen weiß. Aber als Mediziner kann man einfach mal anerkennen, wie viel sozialpsychologische Weisheit in der Bibel steckt. Wer gibt, der empfängt, das ist bis heute wichtig.

Wir leben in einer Zeit, wo es ums Haben geht, um Status, um Besitzen. Das macht die Menschen seelisch total arm. Wir kaufen uns Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Das ist eigentlich ein total idiotisches Spiel.

Da hat Kirche bis heute eine ganz wichtige Aufgabe, nämlich zu sagen: Es gibt einen Raum innerhalb der Gesellschaft, wo Status keine oder zumindest eine geringere Rolle spielt. Ob du mit dem Porsche, dem Fahrrad oder dem Rollstuhl in die Kirche kommst, ist gar nicht wichtig. Und ob du 5 Jahre, 50 oder 95 bist, ist auch nicht entscheidend. Wo gibt es noch Institutionen, die so eine verbindende Kraft haben?

Was schätzen Sie an Luther?
von Hirschhausen:
Ich finde längst nicht alles gut an Luther. Seinen Antisemitismus beispielsweise. Aber mir machen viel mehr die Menschen in Deutschland Sorgen, die heute genauso antisemitisch denken wie vor 500 Jahren. Die haben nichts dazugelernt.

Von Luther kann man die Grundfreiheit lernen, nicht mit der Horde zu grölen, sondern zu sagen, was einem selber wichtig ist. Dafür einzustehen, auch wenn es wehtut und unangenehm wird. Das ist eine Haltung, vor der ich absolut Respekt habe.

Der linke Flügel der Reformation

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Opposition: Radikale Reformation ist der Sammelbegriff für die Gruppierungen, die sich neben den lutherischen und zwinglianischen Bewegungen entwickelt haben: Schwärmer, Wiedertäufer oder Nichttrinitarier (die die Dreieinigkeit Gottes nicht anerkennen).

Die Männer kannten sich in der Bibel aus. Dabei waren sie einfache Leute, vor allem ihr Sprecher Nikolaus Storch, ein Tuchmacher. Sie predigten, dass man an ihren Lippen hing. Sie sagten, dass man das Wort Gottes nicht nur hören, sondern tun müsse. Deshalb galt es, alles abzulegen, was nicht aus Gottes Wort zu begründen sei. Zum Beispiel die Kindertaufe. Drei von ihnen waren aus Zwickau gekommen. Dort hatten sie den Pfarrer Thomas Müntzer überzeugt. Jetzt, 1521 in Wittenberg, gewannen sie den jungen Professor Andreas Bodenstein für sich. Sogar Philipp Melanchthon, der Kopf der reformatorischen Bewegung, war von ihnen beindruckt. Luther war verschwunden. Bodenstein ließ Heiligenbilder verbrennen, er zog kein Messgewand mehr an, feierte Gottesdienst auf Deutsch und reichte der Gemeinde in der Eucharistie auch den Kelch. Die Besucher protestierten. Er ließ sich nicht beirren.

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Auf einmal, im März 1522, war Luther wieder da. In acht Predigten wies er Bodenstein in die Schranken und die frommen Prediger auch. Er verspottete sie als »Zwickauer Propheten«. Nach einer Woche war die Ordnung wieder hergestellt. Melanchthon bereute seine Offenheit für die Zwickauer und meinte fortan, dass man Ketzer wie sie mit dem Tod bestrafen müsse.

Luthers Urteil hat die Sicht auf die Dissidenten der Reformation und ihre Nachfolger über Jahrhunderte geprägt. Erst 1941 hat der amerikanische Theologe Ronald Herbert Bainton einen neutralen Begriff dafür gefunden: der linke Flügel der Reformation. Der mennonitische Theologe Heinold Fast hat ihn ins Deutsche eingeführt.

Zu den Ursprüngen des Christentums zurück

Zum linken Flügel der Reformation werden meist drei Gruppen gezählt: Spiritualisten wie die Männer aus Zwickau, Antitrinitarier, die das Dogma der Dreieinigkeit ablehnen, und die Täufer. Alle drei wollten zu den Ursprüngen des Christentums zurückkehren. Und alle drei, so verschieden sie sonst waren, lehnten die Kindertaufe ab, denn sie ist aus dem Neuen Testament nicht zu begründen. Dieses Nein brachte ihnen Konflikte auch mit der weltlichen Obrigkeit ein. Denn die Taufe war Reichsrecht. Wer sie ablehnte, spaltete die Einheit von Staat und Kirche.

Zu den Spiritualisten gehörte auch Thomas Müntzer, der »Mystiker der Revolution«. Schon als Pfarrer von Zwickau hatte er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und ging mit der Obrigkeit hart ins Gericht. Dafür musste er gehen. 1524 brach Müntzer mit Luther. Er veröffentlichte eine Schrift mit dem Titel: »Wider das geistlose sanftlebige Fleisch zu Wittenberg«. Die Theologie der Reformation, meinte er, sei nicht konsequent, schließe Kompromisse und stütze ja doch nur die Herrschaft der Gottlosen.

Thomas Müntzers unbekannte Seite

Als Pfarrer in Mühlhausen schlug er sich auf die Seite der Bauern, die sich gegen die Fürstenherrschaft erhoben. Luther dagegen hatte zwar Verständnis für den Unmut der Bauern, aber er lehnte Gewalt in den Händen der Untertanen ab. Deshalb empfahl er den Fürsten die Niederschlagung des Aufstandes. In der Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525 kamen rund 5 000 Bauern auf dem Schlachtfeld ums Leben. Auch Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und vor den Toren von Mühlhausen enthauptet. Die DDR machte ihn deshalb zur Ikone der frühbürgerlichen Revolution. Der Fünfmarkschein trug Müntzers Bild.

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

Seine andere Seite ist kaum bekannt: Er hat als einer der ersten Reformatoren den Gottesdienst erneuert. Schon vor Luther übersetzte er 1523 die lateinische Messe ins Deutsche. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde in Thüringen nach seiner Reform Gottesdienst gefeiert. Nur durfte niemand mehr seinen Namen nennen. Und erst bei der letzten Gesangbuchreform 1993 wurde eines seiner Lieder, die Nummer 3, neu aufgenommen: »Gott, heilger Schöpfer aller Stern,/erleucht uns, die wir sind so fern,/dass wir erkennen Jesus Christ,/der für uns Mensch geworden ist.«

Der Sündenfall der Reformation

Zu den bekannten Antitrinitariern gehörte der spanische Arzt Michel Servet. Heute gilt sein Schicksal als Sündenfall der Reformation: Auf Betreiben Johannes Calvins wurde er 1553 wegen seines Glaubens lebendig verbrannt. Servet wollte zurück zur ursprünglichen Religion der ersten Christen. Jesus und seine Jünger, meinte er, seien nie vom Monotheismus des Judentums abgewichen. Das Dogma von der Trinität war in Servets Augen ein Abfall, ein Kompromissprodukt des von Kaiser Konstantin befohlenen Konzils von Nicäa im Jahr 325. Melanchthon befürwortete Servets Hinrichtung. Nach dem Druck der Reformationszeit sind die Antitrinitarier für Jahrhunderte verstummt. Ihre neuzeitlichen Vertreter sind etwa Zeugen Jehovas, die Mormonen und die liberalen Quäker.

Das Täufertum ist an verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden. 1525 wurden in Zürich die ersten Täufer zum Tod verurteilt. Doch da gab es schon täuferische Kreise in ganz Süddeutschland und auch in den Niederlanden. Sie beeindruckten den katholischen Priester Menno Simons im friesischen Witmarsum. Er wurde zum Theologen und Organisator der Täuferbewegung. Und er sagt aller Gewalt ab und meint, dass Christen wehrlos sein müssen. 1544 nennt ein Polizeiprotokoll die Täufer zum ersten Mal »Mennoniten«. Doch Menno Simons muss vorsichtig sein. Der Kaiser hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Er reist nach Köln, aber muss bald wieder nach Norddeutschland zurückkehren.

Von der Täuferbewegung bis heute
1614 wird zum letzten Mal ein Täufer hingerichtet. Doch noch lange werden die religiösen Dissidenten diskriminiert und vertrieben. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung wächst ein Freiraum auch für sie heran. Im 19. Jahrhundert gewährt Preußen Versammlungsfreiheit. Zum ersten Mal können Mennoniten in ihrer Heimat unbehelligt zusammenkommen – zusammen mit neuen Täuferkreisen. Sie kommen aus England, etwa die Baptisten, oder wie die Freien evangelischen Gemeinden aus Frankreich und der Schweiz. Aber Mennoniten sind die einzige täuferische Kirche, die auf die Reformationszeit zurückgeht. Heute leben etwa 40 000 Mennoniten in Deutschland.

1919, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, macht die junge Weimarer Demokratie Ernst mit der Trennung von Staat und Kirche. Sie schafft die Basis dafür, dass heute Volks- und Freikirchen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenarbeiten. An die Geschichte erinnert nur noch, dass die Freikirchen in Deutschland nie auf große Zahlen gekommen sind.

Wolfgang Thielmann

Die Mennoniten
Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die aus dem pazifistischen Flügel der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts entstand. Rund 40 000 Mennoniten gibt es in Deutschland. Die Protestanten, die sich nach dem niederländischen Theologen Menno Simons (1496–1561) benannt haben, lehnen Waffendienst und Eid konsequent ab. Sie fordern eine vom Staat unabhängige Kirche, die sich in allen Fragen des Glaubens und Lebens am Modell der neutestamentlichen Gemeinde orientiert.

www.mennoniten.de



Türken in Deutschland: Auf der Suche nach der Heimat?

28. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Partei des türkischen Präsidenten Erdogan versteht es meisterhaft, die Suche vieler Deutsch-Türken nach Heimat und Identität für ihre Ziele auszunutzen. Im Moment eskaliert die Lage, und allem Anschein nach wird sich daran bis zum Tag des Referendums über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei am 16. April nichts ändern. Präsident Recep Tayyip Erdogan wird weiter provozieren und den Feind außen suchen, um im Inneren die Menschen hinter sich zu scharen.

Während die Niederlande klare Kante zeigen, ist Deutschland noch auf der Suche nach dem richtigen Weg. Immerhin hat das Bundesverfassungsgericht inzwischen grünes Licht dafür gegeben, die umstrittenen Wahlkampfauftritte türkischer Politiker hierzulande zu untersagen, weil diese sich nicht auf das Recht auf Meinungsfreiheit berufen können. Nun ist es an der Bundesregierung, zu entscheiden und den Kommunen die Last der Verantwortung von den Schultern zu nehmen. Der Streit um die Wahlkampfauftritte ist eine Frage der Außenpolitik. Das hat auch das Verfassungsgericht festgestellt.

Unabhängig aber von der weiteren Entwicklung in dieser Sache haben die Diskussionen ein innenpolitisches und gesellschaftliches Problem offenbart, und das hat mit den in Deutschland lebenden Türken zu tun: Was ist es, das sie in großen Scharen einem Mann in die Arme treibt, der aus seinem Land eine Diktatur machen will?

Ratlos steht man davor und fragt sich: Haben diese Menschen die Werte der Demokratie und die damit verbundenen politischen Rechte, von denen doch wir alle profitieren, nicht schätzen gelernt? Haben sie nicht verstanden, wohin Diktaturen führen können?

Das mag so sein, muss aber nicht. Denn vielleicht geht es im Kern ja gar nicht um Politik, wenn Tausende in deutschen Hallen die türkischen Fahnen schwenken. Vielleicht geht es um etwas viel Tieferes. Um die eigene Identität? Um die Suche nach Heimat? Nach Verankerung? Einer Verankerung, die eine große Zahl von Deutsch-Türken offenbar in der deutschen Gesellschaft nicht findet. Fachleute warnen schon seit Langem, dass sich viele von ihnen nicht angenommen, nicht wertgeschätzt fühlen. Sie schwimmen zwischen zwei Kulturen, zwei Identitäten.

Wer dafür die Verantwortung trägt, ist schwer festzumachen. Erdogans Partei AKP jedenfalls versteht es meisterhaft, diese Gemütslage für ihre Ziele auszunutzen. Immerhin erhielt sie 2015 etwa 60 Prozent der Stimmen der in Deutschland lebenden Türken. In der Türkei erreichte sie nur etwa 50 Prozent.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die Politik müssen diese Realitität ernst nehmen. Dazu gehört, auf allen Ebenen die Ohren zu öffnen – übern Gartenzaun und auf politischer Bühne, nicht über »die Türken« zu reden, sondern mit ihnen. Denn es wäre fatal, wenn sich die größte Minderheit in Deutschland innerlich von diesem Land und seinen Werten lossagen würde.

Am Ende muss es so sein wie mit der AfD oder Pegida, deren Ziele ebenso schwer nachvollziehbar sind wie die der Erdogan-Anhänger: Wir müssen sprechen. Nicht als Türken oder Deutsche. Als Menschen. Das ist zwar mühsam, aber der einzige Weg zum Fortbestand des sozialen Friedens.

Annemarie Heibrock

Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

Lebensgefährliche Ferien

8. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Internationaler Frauentag – ein Anlass, die lebensbedrohliche Praxis der Genitalverstümmelung ins Bewusstsein zu rücken, unter der weltweit rund 200 Millionen Mädchen und Frauen leiden; auch in Deutschland sind sie nicht sicher.

Shadia aus dem Sudan gehört zu der wachsenden Zahl von Frauen in der Bundesrepublik, die Opfer einer Genitalverstümmelung wurden. In ihrem Heimatland wurde die 52-Jährige als junge Frau so beschnitten, dass sie seither ständige Schmerzen beim Wasserlassen hatte, von der Menstruation oder Sex ganz zu schweigen. 2015 kam sie nach Deutschland und fand Hilfe bei »Dr. Conny«.

Cornelia Strunz ist Ärztin am Desert Flower Center in Berlin, das beschnittenen Frauen sowohl medizinische Hilfe als auch psychosoziale Unterstützung bietet. »Der Fokus liegt nicht auf der Operation, auch wenn diese dann vielleicht nötig ist«, sagt Strunz. »Neben Beratung und Therapie gibt es auch eine Selbsthilfegruppe, in der die Frauen Rückhalt und Mut gewinnen.«

Und Mut ist nötig. »Die Genitalverstümmelung ist oft ein Tabuthema«, sagt Strunz. »Die meisten Frauen reden nicht darüber, dass sie zu uns kommen. Sie wollen nicht, dass jemand davon erfährt.« Einfacher wird es, wenn die Opfer die Rückendeckung ihres Mannes haben, der ihr Leid einschätzen kann und den Gang zum Arzt mitträgt. Shadia hatte dieses Glück.

Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation »Terre des Femmes« leben in Deutschland mehr als 48 000 Opfer weiblicher Genitalverstümmelung – Tendenz steigend. Im Vergleich zu 2014 gebe es eine Zunahme von 37 Prozent, erklärt Fachreferentin Charlotte Weil. Das sei vor allem auf verstärkte Migration aus Ländern wie Somalia und Eritrea zurückzuführen, wo diese Art der Beschneidung besonders häufig vorkommt.

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Rund 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind an ihren Genitalien verstümmelt, die Praxis ist in etwa 30 afrikanischen Ländern verbreitet. Außerhalb Afrikas wird der Eingriff auch in arabischen Ländern wie Oman und dem Jemen sowie in einigen asiatischen Ländern wie Indonesien oder Malaysia vorgenommen.

Doch auch in Deutschland sind Mädchen aus den entsprechenden Gemeinschaften nicht sicher. Mehr als 9 300 Mädchen seien hierzulande in Gefahr, dem lebensgefährlichen Eingriff unterworfen zu werden, sagt Weil. Immer wieder gebe es sogenannte Ferienbeschneidungen: »Sie fliegen in den Sommerferien mit der Tochter oder Enkelin in die Heimat und kommen mit einem verstümmelten Kind zurück.« Auch Beschneiderinnen in Paris oder Amsterdam bieten ihre Dienste an.

Im Kampf gegen die Verstümmelung setzt »Terre des Femmes« vor allem auf Aufklärung über die dramatischen Folgen. Projekte, bei denen Schlüsselpersonen als Multiplikatorinnen gewonnen werden, zeigen durchaus Erfolge. »Wir bekommen Rückmeldung, dass es eine Öffnung bei diesem Tabuthema gibt«, sagt Weil. »Und wir hören von Frauen, die nun ganz klar sagen: Ich wusste das alles nicht. Meine Tochter wird auf keinen Fall beschnitten!«

Großer Bedarf besteht nach Angaben von »Terre des Femmes« nach wie vor bei der Ausbildung von Fachpersonal. Nicht nur medizinische Experten und Sozialarbeiter müssten besser geschult werden, sondern auch Päda­gogen »Damit Erzieher und Lehrer rechtzeitig eingreifen können, um die Mädchen zu schützen.«

Silvia Vogt  (epd)

Mal keine Hiobsbotschaften

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein junger Mann entscheidet sich, in Jerusalem Mönch zu werden – und setzt sich damit zwischen alle Stühle.

Es ist leider schon zur Binsenwahrheit geworden: dass es im Heiligen Land sehr unheilig zugeht. Die Nachrichtenlage ist schlecht. Der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern stockt. Auf beiden Seiten scheinen die Scharfmacher das Sagen zu haben. Und die Religion, so will man meinen, dient in dem Konflikt eher als Brandbeschleuniger denn als Friedensstifter.

Doch es lohnt sich, den Blick einmal wegzulenken von der Nachrichtenlage und zu schauen, was sich jenseits der Eskalation in diesem besonderen Land tut. Da stößt man zum Beispiel auf den deutschen Benediktinermönch Nikodemus. Er hat sich mit 24 Jahren nicht nur für das Mönchsein, sondern auch für ein Leben im Benediktinerkloster »Dormitio Abtei« auf dem Jerusalemer Zionsberg entschieden. In seinem Buch »Zuhause im Niemandsland« erzählt der heute 38-Jährige davon – und von den vielen kleinen Begegnungen und Situationen, die eine neue Sicht eröffnen. Ganz entgegen der gängigen Klischees berichtet Nikodemus von viel Nähe, Herzlichkeit und Solidarität zwischen den Vertretern der drei abrahamitischen Religionen. Nach der Lektüre dieses Buches keimt eine leise Zuversicht auf: dass doch noch nicht alle Wege zum friedlichen Miteinander im Heiligen Land verbaut sind. Und dass es in diesem Konflikt nicht nur ein Schwarz-Weiß-Bild gibt.

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Denn bisweilen fühlt man sich ja als Christ in Deutschland dazu gedrängt, entschieden Partei für eine Seite zu ergreifen: für Israel oder für die Palästinenser. In beiden Fällen lautet das Hauptargument, man müsse klar und deutlich an der Seite der Opfer stehen. Pater Nikodemus verwischt diese scharfen Grenzziehungen auf erfrischende Art. Er erzählt ganz konkret vom Leid und den Ängsten beider Parteien des Konflikts und weckt Mitgefühl mit den Opfern beider Seiten. So formuliert er auch gleich am Anfang den Zweck seines Buches: dass er zu einer Sichtweise einladen will, die weder proisraelisch noch propalästinensisch, sondern pro Mensch sei.

Dabei wäre es auch für Nikodemus nicht schwer, in Resignation oder gar Hass zu verfallen. Denn das aufgeheizte Klima in Jerusalem richtet sich auch gegen Christen. Es geschehe oft, dass er auf seinen Wegen durch Jerusalem von ultraorthodoxen Juden angespuckt werde, schreibt Nikodemus. In seiner Mönchskutte sei er ein wandelndes Feindbild für die strengreligiösen Juden, die Jerusalem für sich allein beanspruchen. Auch die Klostermauern werden regelmäßig mit feindseligen Sprüchen wie »Tod den Christen« beschmiert. Teile der Schwesterkirche am Ort der Brotvermehrung am See Genezareth wurden sogar durch einen Brandanschlag vor zwei Jahren zerstört.

»Die Kirchen von Jerusalem sind momentan auf dem besten Weg, wieder eine Kirche unter dem Kreuz zu werden«, schreibt Nikodemus. Er sieht genau darin seine Aufgabe: ein Zeichen der Liebe zu setzen inmitten des Hasses. »Wenn wir angegriffen werden, weil wir Christen sind, wollen wir darauf auch wie Christen reagieren, nämlich mit der Bereitschaft zur Versöhnung«, schreibt er. Deshalb bauen sie keine Sicherheitszäune um ihre Kirchen, sondern bleiben offen und gastfreundlich.

Und wie durch ein zweites Vermehrungswunder konnten mittlerweile ausreichend Spenden zusammengetragen werden, um den hohen Sachschaden an der Brotvermehrungskirche zu beheben. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin sagte bei der Wiedereröffnung des Klosters Tabgha am vergangenen Wochenende: Das sei ein Zeichen dafür, dass der Hass nicht gesiegt hat.

Genau daran möchte Nikodemus mitwirken. Er wünscht sich, dass nicht die Radikalen das Erscheinungsbild einer Religion prägen. Es sei wie beim Fußball, wo man zwischen Fans und Hooligans unterscheiden müsse. Jeder, der im Namen welcher Religion auch immer als Gewalttäter oder Scharfmacher auftrete, habe nichts mit der eigentlichen Religion zu tun. »Wahre Religiosität, die Gott sucht, schenkt nämlich den demütig realistischen Blick, dass der andere genauso geliebt ist wie ich selbst.« Nikodemus zufolge gehe es bei der Religion um Gott- und nicht um Identitätssuche. Also sei nicht die Abgrenzung zu den anderen entscheidend, sondern die Leidenschaft einer persönlichen Gottesbeziehung.

Genau diese Leidenschaft des Glaubens legt Nikodemus an den Tag. Sogar die Gründung einer eigenen Familie hat er dafür geopfert. Immer wieder wird er deshalb von jüdischen Gläubigen angefragt: Warum folgt er nicht dem Vermehrungsgebot der Bibel? Nikodemus antwortet dann: »Wir glauben wie ihr ja an ein Leben bei Gott nach dem Tod. Dann werden wir nicht mehr heiraten oder verheiratet sein. Gott allein genügt dann in jeder Hinsicht. Wir Mönche leben hier auf Erden schon so, als ob wir im Himmel wären.« Und wie auch der Zionsberg, auf dem sein Kloster steht, zum biblischen Symbol der endzeitlichen Völkerzusammenkunft ist, glaubt Nikodemus an das Miteinander der Menschen und Völker. »Wahrscheinlich ist dies der Königsweg jeglicher Friedensbemühungen: den anderen, den Fremden, vor allem als Mitmenschen zu sehen. Und der Königsweg aller Kriegstreiber ist wohl die Dehumanisierung des anderen, des Fremden, dem man sein Menschsein abzusprechen und in ihm ein Monster zu sehen versucht.«

Doch nicht die dauernde Umarmung und demonstrative Nähe der verschiedenen Religionen und Völker sei der Weg zum Frieden. Es käme auf die große Kunst an, aneinander vorbei zu leben. Genau dafür gebe der Alltag in Jerusalem eigentlich ein sehr gelingendes Beispiel. Dieses Buch ist endlich einmal keine Hiobsbotschaft aus dem Heiligen Land.

Stefan Seidel

Pater Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland. Herbig Verlag, 176 S., ISBN 978-3-7766-2744-2, 20 Euro

Royaler Glanz in Lutherstadt

16. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das schwedische Königspaar zeigt sich beeindruckt von den Kirchen der Stadt und wird freundlich von den Wittenbergern empfangen.

Die neunjährige Lena Herzer ist aufgeregt: Sie darf dem schwedischen Königspaar vor der Schlosskirche einen Blumenstrauß überreichen, gebunden aus Hortensien, Enzian und Rosen in den schwedischen Landesfarben. König Carl XVI. Gustaf und Silvia von Schweden kommen zum Abschluss ihres viertägigen Staatsbesuches in Deutschland auch in die Lutherstadt Wittenberg, zu der es bereits seit der Reformationszeit gute Beziehungen gibt. Zuletzt waren sie 1993 kurz hier.

Trotz kühler Herbsttemperaturen harren viele Schaulustige hinter den Absperrungen aus, um das Königspaar zu begrüßen. So auch die 65-jährige Rosel Emmer, die sich sehr gewünscht hat, Carl Gustaf und Silvia von Schweden einmal live zu erleben. Eigentlich ist sie Autogramm-Jägerin, für die Schauspieler Johnny Depp oder Tom Cruise wartet sie dafür schon mal bis zu acht Stunden. Das Königspaar sei aber auch ohne Aussicht auf ein Autogramm etwas ganz Besonderes, meint sie.

Als das Königspaar eintrifft, brandet Applaus auf, schwedische Fähnchen werden geschwenkt. Direkt am roten Teppich dürfen auch Schüler des Luther-Melanchthon-Gymnasiums, das eine Partnerschule in Schweden hat, mit ihrer Lehrerin Stefanie Kirbach die Delegation empfangen. Die Lehrerin für Englisch und Religion ist selbst ein großer Schweden-Fan, hat dort studiert, kann die Sprache fließend und würde Schwedisch auch gern selbst unterrichten an der Hundertwasserschule. Mit dem König darf sie nur reden, wenn sie angesprochen wird. Das Protokoll muss eingehalten werden.

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Durch die berühmte Thesentür der Schlosskirche, an die der Reformator Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 kirchenkritischen Thesen angeschlagen haben soll, schreitet das Königspaar in die Schlosskirche. Gerade mal eine Woche ist vergangen, seitdem die dänische Königin Margrethe II. das Gotteshaus ebenfalls durch diese Tür betrat. Nach mehrjährigen Restaurierungsarbeiten war die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst offiziell wiedereingeweiht worden. Das Geschenk der dänischen Königin, ein selbst gefertigtes, rotes Antependium, schmückt nun den Altar.

Die schwedischen Gäste sind beeindruckt und sehr interessiert an den Ausführungen der Direktorin des Predigerseminars, Hanna Kasparick, und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). In der Atmosphäre der Kirche tragen sich die Gäste noch in das Goldene Buch der Stadt sowie in das Buch der Landesregierung ein. Der ledergebundene Band der Stadtverwaltung fasst mehr als 200 Seiten, das schwedische Königspaar schreibt den 55. Eintrag in das 1997 begonnene Buch.

Der Zeitplan sieht ein straffes Programm vor, aber für einzelne Punkte scheinen sich die Royals dennoch Zeit zu nehmen. Dann geht es, begleitet von einer historischen Stadtwache, zu Fuß durch die Stadt. Dabei gibt es für die Anwohner trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen durchaus Gelegenheit, dem König und der Königin nahezukommen. So ist immer wieder am Rande auch die Freude über eine gute Fotogelegenheit zu hören. Aus einem Fenster ruft ein kleines Mädchen: »Hallo, Königin!« Die Monarchin blickt hinauf, lächelt und winkt zurück.

Im Luthergarten übernimmt der König mit einer symbolischen Baumpflanzung die Patenschaft für einen Trompetenbaum. König Carl XVI. Gustaf greift zum Spaten, Ministerpräsident Haseloff hilft mit der Gießkanne und verspricht noch, den Baum auch künftig nicht vertrocknen zu lassen. Der Trompetenbaum steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blumen-Esche, dem Baum, für den die dänische Königin vor einer Woche die Patenschaft übernommen hatte.

In der Stadtkirche St. Marien, der Predigtkirche Martin Luthers, überreicht Pfarrer Johannes Block eine Luthermedaille, einen Kirchenführer und einen Brief der Stadtkirchengemeinde. »Es ist eine große Ehre, dass ein schwedischer Monarch unsere Kirche besucht«, sagt er. Das Königspaar bestaunt den Cranach-Altar und bleibt an der 1931 errichteten Gedenkplatte für Gustav II. Adolf stehen.

Als der Besuch weiterfährt in Richtung Leipzig, bleiben zufriedene Wittenberger zurück. Regierungschef Haseloff sagt: »Es war ein toller Tag.« Glücklich war an diesem Tag auch Lehrerin Kirbach. Die 47-Jährige wurde vom König angesprochen und konnte schwedisch sprechen, und das noch viel länger als gedacht. Mit ihrem Anliegen, Schwedisch als Schulfach anzubieten, traf sie an diesem Tag auf offene Ohren. Der Ministerpräsident selbst sicherte seine Unterstützung zu. Die royalen Besuche gehen im kommenden Jahr zum Reformationsjubiläum weiter. Dann hat sich das niederländische Königshaus in der Lutherstadt Wittenberg angekündigt.

Romy Richter

Von einem, der den Atomkrieg verhinderte

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Welt am Abgrund: Vor 33 Jahren verhinderte ein sowjetischer Offizier mit gesundem Menschenverstand einen »Atomkrieg aus Versehen«.

Am 26. September 2016 jährt sich zum dritten Mal der von der UN-Versammlung ausgerufene Internationale Tag für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen. Warum am 26. September?

Wir müssen 33 Jahre zurückgehen, ins gefährlichste Jahr des Kalten Krieges. Viele Menschen, auch in Deutschland – hüben und drüben – peinigt die Furcht, dass der sogenannte Ost-West-Konflikt aus der Zone der politischen Machtauseinandersetzung heraustreten und zu einem militärischen Konflikt eskalieren würde: Ein Krieg, in dem der Einsatz von atomaren Waffen auch auf deutschem Boden nicht nur denkbar, sondern auch realisierbar und unabwendbar werden würde.

Das Frühwarnsystem im »Dorf« Serpuchow 15

In dieser Situation spielt sich am 26. September ein Vorgang ab, der ohne Beispiel ist: Der Hauptakteur heißt Stanislaw Petrow. Er ist Jahrgang 1939. Tatort ist Serpuchow 15, ein »Dorf« in der Nähe Moskaus. Dort ist das sowjetische Raketen-Frühwarnsystem untergebracht: in Bunkern auf einem riesigen Gelände von 70 km Durchmesser. Petrow ist Oberstleutnant der sowjetischen Luftwaffe in der Raketen- und Flugabwehr. Seine Aufgabe: mit seinen Untergebenen die Überwachung des sowjetischen Luftraums per Satellit und Computer zu leiten.

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Zu seinen Pflichten gehört es, möglichst früh und absolut fehlerfrei einen jederzeit denkbaren Raketenangriff des Westens gegen den Osten festzustellen. Die Nachricht davon muss dann unverzüglich weitergeleitet werden an die argwöhnische politische Führung mit dem Nachfolger Breschnews, Juri Andropow, an der Spitze. Dieser hätte dann den Abschuss der sowjetischen Raketen zu befehlen. Der ganze Ablauf muss innerhalb von fünfzehn bis zwanzig Minuten geschehen. So lange dauert der Raketenflug aus den USA nach Moskau.

Von dem, was am 26. September 1983 passiert, berichtet Petrow so: »Der Alarm ging gegen 0.15 Uhr los, vollkommen unerwartet. Wir hatten das oft geprobt, aber nun war es ernst. Die ganze Festbeleuchtung ging an, die Sirenen heulten, und auf den Bildschirmen blinkte in großen, roten, kyrillischen Buchstaben ›Raketenstart‹ mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Es war ein Schock, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich war der Diensthabende, der Älteste und vom Dienstgrad her Ranghöchste, die anderen waren jüngere Offiziere, die dafür zuständig waren, die Raketen scharf zu machen. Sie waren ganz durcheinander geraten und blickten mich an. Alle warteten auf meine Entscheidung.«

Petrow ist zunächst selber ebenso vor Entsetzen erstarrt wie seine Untergebenen. Es gelingt ihm aber, sich zu fassen und seinen Verstand auszurichten: Ein amerikanischer Atomangriff auf die SU würde nicht mit einer einzelnen Rakete beginnen, sondern mit einer Unmenge. Er telefoniert mit dem Generalstab. Noch während dieses Gesprächs »meldete der Computer einen zweiten Raketenstart und dann einen dritten, vierten und fünften«.

Zweifel – und eine intuitive Entscheidung

Dem diensthabenden Offizier bleiben in einem solchen Fall nur wenige Minuten, um die Flugkörper zweifelsfrei zu identifizieren. Danach muss unbedingt Andropow informiert werden. Wenn dieser sich zum Abwehrschlag entschließt, sind sieben Minuten später ein ganzes Rudel sowjetischer Interkontinental-Raketen des Typs SS-18 unterwegs in Richtung Washington, New York und diverser US-Militärbasen in Europa – insbesondere auch in Westdeutschland. Alles wird in Gang gesetzt nach der geltenden Doktrin von der »gesicherten gegenseitigen Zerstörung«.

Aber Oberstleutnant Petrow riskiert Kopf und Kragen und verweigert den Befehl zur Information Andropows. Warum? Eine sachlich überlegte Entscheidung im Kopf war für Petrow undenkbar. »Man kann die Vorgänge unmöglich in ein paar Minuten gründlich analysieren«, erklärt er den Vorfall zwanzig Jahre später. »Man kann sich nur auf seine Intuition verlassen.« Also entscheidet Petrow intuitiv und geht noch einmal von einem Irrtum aus. Er riskiert alles. Einerseits spielt er mit seinem Leben und einer Verurteilung wegen Befehlsverweigerung, andererseits wäre ein nuklearer Schlagabtausch, ein »Atomkrieg aus Versehen«, mit dramatischen Konsequenzen die Folge. Und Petrows Intuition wird bestätigt – Fehlalarm.

Was hat den Fehlalarm ausgelöst? Die späteren Untersuchungen ergeben: Der sowjetische Weltraumsatellit Kosmos 1382 hat Reflexionen von Sonnenstrahlen in der Gegend der amerikanischen Malmstrom-Raketenbasis in Montana für den Schweif einer startenden Rakete gehalten.

Statt eines Dankes aufs Abstellgleis geschoben

Welche Folgen hatte der Fehlalarm für Stanislaw Petrow? Seine Tat – oder besser: seine Nicht-Tat – bleibt zu Zeiten des sowjetischen Sozialismus unbekannt. Für ihn und die Zeugen wird ein strenges Schweigegebot erlassen. Erst 1991 berichtet die Prawda davon.

Nach jenem Ereignis wird Petrow dafür weder gewürdigt noch bestraft. Aber seit seinem eigenmächtigen Handeln gilt er nicht mehr als ein zuverlässiger Offizier. Seine bis dahin ungebrochen verlaufene Karriere endet, indem er auf einen bedeutungslosen Posten versetzt wird. Eine kleine Ehrung bekommt er 1984 wegen seiner »Verdienste um den Aufbau der Raketenstation Serpuchow 15«, nicht für das, wofür er am 26. September 1983 die Verantwortung übernahm.

Auch vereinzelte, weithin unbeachtet gebliebene Ehrungen – zum Beispiel der Dresden-Preis 2013 – konnten nicht mehr verhindern, dass er zu einem gebrochenen Mann wurde, der heute alkoholkrank, psychisch versehrt und physisch krank in der Nähe von Moskau lebt. Ein Arte-Film zeigt ihn als einen manisch-depressiven Patienten, ständig zwischen Depression und krankhaftem Hochgefühl, zwischen Nüchternheit und Betrunkenheit.

An jenem 26. September 1983 musste Stanislaw Petrow seinen Dienst unvorhergesehenerweise in Vertretung eines erkrankten Kollegen wahrnehmen. Hätte dieser kein Fieber gehabt, hätte anstelle Petrows ein anderer die Wache schieben müssen. Zufall? Fügung?

Zufall oder Gottes Fügung?

Eine Arbeitsgruppe des sowjetischen Militärs macht sich im Winter 1983/84 daran, nach den Ursachen jenes Fehlalarms vom 26. September zu suchen. Petrow muss immer wieder auf dieselben Fragen antworten. Insbesondere der Leiter dieser Arbeitsgruppe reizt den Offizier so sehr, dass er nur noch ein: »Das hing vom lieben Gott ab«, hervorbringen kann, womit er den Vorgesetzten noch mehr in Rage bringt.

Petrow erinnert sich: »Nun wurde der wütend wie ein Stier, begann mit den Füßen zu trampeln und sagte: ›Was soll das denn heißen? Das hing vom lieben Gott ab?‹ Wir waren ja ein atheistisches Land. Aber ich entgegnete ihm: ›Andere Informationen habe ich nicht.‹«

Von Malte Heine und Rolf Wischnath

Malte Heine ist Theologiestudent und Rolf Wischnath Honorarprofessor für Dogmatik an der Universität Paderborn.

Mit Zeichen und Gebärden zum Verstehen

13. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gebärdenkultur ist ausdrucksstark, tiefgründig und humorvoll. Auf jeden Fall zählt der Stolz auf die eigene Sprache dazu. Denn das Selbstbewusstsein wächst, wenn man sich in seiner Sprache mitteilen und anderen helfen kann.

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

An die 50 Jugendliche aus Deutschland und Norwegen entdeckten im August in Strandheim am Oslofjord verschiedene Ausdrucksformen von Gebärdenkultur: Poesie, Theater, Lieder und vieles mehr. Visuell wurde diskutiert, gelernt und geübt. Nicht überall wird Gebärdensprache gefördert. Und nicht überall haben Gehörlose Möglichkeiten, ihre Sprache zu entwickeln. Deshalb waren die Voraussetzungen bei den Teilnehmenden teilweise sehr unterschiedlich. Doch gemeinsam haben es alle geschafft und jede und jeder konnte abends seine Fähigkeiten auf einer Bühne unter Beweis stellen.

Zudem gab es viele Freizeitaktivitäten – von Fußballspielen bis zu Wikingerschach, Schwimmen oder Klettern, von Kajak- und Kanufahren bis zur Schifffahrt auf dem Oslofjord. Dabei galt stets: gemeinsam statt einsam. Mehr als ein Drittel der deutschen Teilnehmer kam aus Mitteldeutschland: Von Hildburghausen über Triptis, Zwickau und Leipzig bis nach Dres-
den.

Helfen ist ein wichtiger Teil von Gehörlosen- und Gebärdenkultur. Dies gilt nicht nur für Hilfe untereinander, sondern auch gegenüber anderen Menschen. Deshalb wurde ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten, um dann als Ersthelfer mutiger zu sein und etwa einen Krankenwagen rufen zu können. Auch wenn die technischen Systeme (Apps auf dem Handy oder dreimal Power-Taste drücken auf dem Smartphone ab Android 5) in Deutschland und Norwegen unterschiedlich entwickelt sind.

Weltweit gibt es mehr als einhundert verschiedene Gebärdensprachen. Spannend war daher die Begegnung über die Grenze verschiedener Sprachen hinweg. Nur wenn es unbedingt notwendig war, wurde gedolmetscht. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit, mit Benutzern einer anderen Gebärdensprache zu kommunizieren. Die meisten haben dabei ihre Liebe zur eigenen Gebärdensprache ganz neu entdeckt.

Die Jugendbegegnung wurde von der norwegischen Gehörlosenkirche, der »Døvekirken«, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge organisiert und durch das EU-Programm »Erasmus-Plus« gefördert. Das Wichtigste an der Woche war, dass die Jugendlichen über sich selbst hinauswuchsen und mit Stolz auf ihre Leistungen wieder nach Hause reisten. Die Hoffnung aller Beteiligten ist es deshalb, dass im August 2017 eine weitere Jugendbegegnung, dann in Eisenach, möglich wird.

Michael Hoffmann und Andreas Konrath

Michael Hoffmann ist Pfarrer der norwegischen Døvekirken, Andreas Konrath ist Landesgehörlosenpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Popmusik fürs Kirchenvolk

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Oh happy day«: Am Wochenende treffen sich Gospelchöre aus ganz Deutschland in Braunschweig zum 8. Internationalen Gospelkirchentag, initiiert von der Creativen Kirche in Witten. Die »Singende Gemeinde« aus dem Ruhrgebiet hat auch für das Reformationsjahr 2017 Großes geplant.

Stellen Sie sich das mal vor«, jubelt Christian Gerhardus geradezu am Telefon, »für das Luther-Pop-Oratorium Ende Oktober 2017 in Berlin haben sich schon 1 200 Sänger angemeldet, obwohl die Werbung dafür noch gar nicht gestartet ist.« Gerhardus gehört zur Stiftung Creative Kirche in Witten, die »das Projekt der tausend Stimmen« organisiert. Berlin soll der krönende Abschluss werden. Acht Städte, zehn Aufführungen in den größten Hallen und eine vor der Schlosskirche in Wittenberg sind für das kommende Jahr geplant.

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Bei der Creativen Kirche hat man Erfahrung mit musikalischen Großereignissen. Seit über 20 Jahren exportieren die »Creas« die Vision der »singenden Gemeinde«. Musikprojekte, Kinderbibelmusicals, Workshops, Chortage, Gottesdienste in neuer Form, die mit Popmusik Kinder, Jugendliche und Erwachsene berühren sollen. Was 1993 mit einer Idee der Diakone Ralf Rathmann und Martin Bartelworth begann, ist heute ein kleines Musikunternehmen im Ruhrgebiet, zu dem 22 Angestellte und viele Ehrenamtliche gehören.

Seit 2002 veranstaltet die Creative Kirche regelmäßig alle zwei Jahre den Gospelkirchentag an wechselnden Orten. Der 8. Internationale Gospelkirchentag ist diesmal in Braunschweig zu Gast. »Wir wollten einen Begegnungsraum und ein Forum für die vielen Gospelchöre schaffen«, erklärt Martin Bartelworth, der heute zusammen mit Ralf Rathmann Vorstand der Stiftung Creative Kirche ist.

Dass die Gospelchöre Unterstützung brauchen, wurde spätestens nach einer Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD deutlich: 40 Prozent der Chorleiter gaben an, ohne Ausbildung, also Autodidakten zu sein. »Das war die Geburtsstunde der Evangelischen Popakademie«, so Bartelworth.

Im Herbst beginnt in Witten ein Studiengang, der speziell populär-musikalisch geprägt ist. »Wir wollen Glaube und Kirche attraktiv machen mit der Lebenskultur, mit der wir groß geworden sind. Das ist für uns die Popularmusik«, beschreibt er die Intention. Deshalb soll jetzt in Qualifizierung und Bildung investiert werden. Die Popakademie versteht er dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur klassischen Kirchenmusik.

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Fotos: Stiftung Creative Kirche

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Foto: Stiftung Creative Kirche

Vor sechs Jahren startete mit dem Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« von Dieter Falk und Michael Kunze ein weiteres Projekt. In Zeiten, in denen Kirchenchöre Nachwuchssorgen plagen, gelang es, allein für die Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle 2 500 ehrenamtliche Sänger zu gewinnen. Die Mischung aus Musical und Gospelkonzert kam an. Das soll im kommenden Jahr mit »Luther« noch getoppt werden.

Dass Projektchöre entstehen und wieder in der Versenkung verschwinden, findet Bartelworth nicht schlimm. »Jeder kann mitmachen und etwas Einmaliges erleben. Komm wie du bist, du bist willkommen, sagt Jesus«, und so laute auch das Credo der Creativen Kirche. Das sei zutiefst lutherisch, meint Bartelworth. Luther komponierte damals keine Klassik, sondern »Volks-Pop«. Der Diakon unterstreicht: »Es ging und geht um die frohe Botschaft des Evangeliums und um ihren auch musikalischen Sitz im Leben.«

Da gehörten die Choräle der alten Meister in neuen Arrangements genauso dazu wie Gospels, Worship und andere Stile.

Mit bis zu 5 000 Beteiligten zählt der Gospelkirchentag zu den größten Sängerfesten im Lande. Aber die Masse sei nicht entscheidend, meint Bartelworth. Es gehe vielmehr darum, dass Menschen gemeinsam Gottesdienst feiern – nach dem Motto, mit dem Besucher in den Räumen der Creativen Kirche in Witten empfangen werden: »Glauben singen. Glauben leben«. Kirche so zu gestalten, dass man guten Gewissens auch andere dazu einladen kann, sei das Ziel – im Kleinen wie im Großen.

Willi Wild

www.gospelkirchentag.de


www.creative-kirche.de


www.luther-oratorium.de


www.gospel.de

Wo die Pflege etwas gilt

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahren wird bei uns über die Probleme in der Pflege diskutiert. Andere Länder sind längst weiter, wovon sich Diakonie-Präsident Ulrich Lilie kürzlich bei der Diakonie in Norwegen überzeugen konnte.

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos hängen im kleinen Sprechzimmer der Haraldsplass Diakonale Stiftelse (Diakoniestiftung Haraldsplatz) im norwegischen Bergen. Sie zeigen norwegische Diakonissen: Junge Frauen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zwischenkriegszeit und auch noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Ausbildung als Krankenschwester entschieden und sich in der Diakoniestiftung einsegnen ließen. Doch mit den Jahren nimmt die Zahl der jungen Frauen auf den Fotos ab. Zum Schluss sind es nur noch drei, die ihre Hände in die Hand des Vorstehers der Einrichtung legen. Das Foto wirkt wie eine Trotzgeste.

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Heute gibt es in der Bergener Stiftung so wie in den meisten Häusern des Kaiserswerther Verbands deutscher Diakonissenmutterhäuser, von dem die Einrichtung im norwegischen Bergen einst gegründet wurde, kaum noch Diakonissen. An Pflegekräften allerdings besteht in Norwegen kein Mangel. Im Gegenteil. »Bei uns ist die Pflege ein akademischer Beruf«, sagt Ingunn Moser, Rektorin der zur norwegischen Diakonie gehörenden Hochschule VID, die sich unter anderem mit der Pflegeausbildung beschäftigt. Wer sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, absolviert einen Bachelorstudiengang. Und die Ausbildung ist beliebt: Für 118 Studienplätze gab es an der VID im vergangenen Jahr über 2 000 Bewerber. Bis zu 49 000 Euro im Jahr kann eine Krankenschwester mit allen Zuschlägen in Norwegen verdienen, sagt Ingunn Moser. Örtlichen Fachverbänden ist das noch zu wenig: Sie vergleichen das Gehalt einer Krankenschwester mit dem eines Ingenieurs, denn auch der hat ja schließlich ein Hochschulstudium absolviert.

Die Sozialverbände in Deutschland können von so viel Interesse am Pflegeberuf nur träumen. »Wir bemühen uns um eine generalisierte, akademische Pflegeausbildung«, sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, bei seinem kürzlich erfolgten Besuch in der norwegischen Diakoniestiftung. Immer wieder verwiesen ihn die norwegischen Gastgeber auf Unterschiede: So gibt es im steuerfinanzierten norwegischen Gesundheitssystem keine Krankenkassen. Nur wenige Norweger werden von ihrem Arbeitgeber privat versichert. Ein Einzelzimmer in der geriatrischen Station erhält nicht derjenige, der dafür bezahlt, sondern der, der es am nötigsten braucht, sagt Chefarzt Jan Henrik Rossland. Für Patienten gibt es ein dreistufiges System – für kleinere Krankheiten den von der Kommune bezahlten örtlichen Arzt mit einem klar definierten Versorgungsbezirk, der im Notfall in ein fest definiertes, für den Wohnort des Patienten zuständiges Krankenhaus einweist. Und darüberhinaus dann Spezialversorgung auf der regionalen Ebene.

So ist es auch in der Hospizversorgung geregelt, die in Deutschland ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Diakonie darstellt. Landesweit stehen den Norwegern nur knapp über 100 Betten in Palliativstationen zur Verfügung. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich in Seniorenheimen palliativmedizinisch versorgen zu lassen. »Patienten, die ihre letzten Wochen gerne zu Hause verbringen möchten, erhalten einen Schnellhefter, in dem genau aufgeschrieben ist, wen sie anrufen müssen, wenn es ihnen schlechter geht – und was sie sich wünschen, falls ein Pflegedienst im Zweifel ist«, sagt Marit Huseklepp, die in der »Haralds­plass Diakonale Stiftelse« auf Palliativversorgung spezialisiert ist. »Es ist uns wichtig, dass sich der Patient und seine Angehörigen zu Hause auch sicher fühlen.« Zudem bekommen die Patienten ein Paket mit Schmerzmitteln mit nach Hause – sogar Morphium ist darin enthalten. »Wir wollen, dass die Krankenpfleger die Patienten unkompliziert versorgen können, wenn es darauf ankommt.«

Unkomplizierte Lösungen, wie sie sich die deutschen Sozialverbände wohl auch hierzulande wünschten.

Benjamin Lassiwe

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


Miteinander reden statt übereinander

29. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava heißt Brüderlichkeit: Nach einem beachtlichen Start im vergangenen Jahr gehen die Achava-Festspiele, deren Medienpartner die Kirchenzeitung ist, in diesem Jahr vom 1. bis 11. September in Erfurt in die zweite Runde. Harald Krille sprach mit Martin Kranz, dem Intendanten des Festivals, über Ziele und Schwerpunkte des Programms.

Herr Kranz, Sie haben vor einem Jahr in einer an kulturellen Glanzlichtern nicht gerade armen Region mit »Achava« ein neues Festival ins Leben gerufen, wie kam es zu dieser Idee?
Kranz:
Ich war elf Jahre lang Leiter und Intendant der »Jüdischen Kulturtage« in Berlin, die in dieser Zeit das wirklich mit Abstand größte jüdische Festival in Deutschland wurden. Ich lebe aber weiter in Thüringen, in Weimar, und da hat mich schon lange die jüdische Geschichte Erfurts beeindruckt. Immerhin gab es in Erfurt im Mittelalter zumindest zeitweise die größte jüdische Gemeinde Deutschlands. Ich habe immer gedacht, da müsste man doch was machen.

2013 habe ich mich dann mit dem jüdischen Musikprofessor Jascha Nemtsov aus Weimar und dem Präsidenten der Musikhochschule, Professor Christoph Stölzl, zusammengesetzt. Gemeinsam erarbeiteten wir den Vorschlag, ein Festival zu etablieren, dass einen starken jüdischen Kern hat, aber künstlerisch, kulturell und religiös über den Tellerrand hinausschaut und zum Dialog von Kulturen und Religionen einlädt.

Und Sie stießen auf Begeisterung?
Kranz:
Am Anfang stießen wir auf viel Skepsis. Viele erkannten wohl zunächst auch das Potenzial eines solchen Festivals nicht. Aber dann rückte 2014 das Thema islamischer Terror und »IS« in den Blickpunkt, die Welt stand auf einmal in Flammen. Da habe ich dann gedacht, jetzt müssen wir es machen. Ich bin Anfang Dezember 2014, am Tag nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten, zu Bodo Ramelow. Auch mit ihm hatte ich vorher schon gesprochen und an dem Tag sagte er spontan: »Wir machen es.«
Kultur-vor-Ort-33-2016Aber er hatte außer ein paar freien Lottomitteln kein Geld, das Land hatte für 2015 noch keinen Haushalt. Doch er hat die Schirmherrschaft übernommen, wir haben uns den Namen »Achava« ausgedacht, was auf hebräisch »Brüderlichkeit« bedeutet und die Zielrichtung des Festivals vorgibt. Und dann haben wir Sponsoren gesucht und letztlich auch gefunden, sodass es 2015 das erste Achava-Festival gab.

Wie war die Resonanz im vergangenen Jahr?
Kranz:
Wir hatten um die 6 000 Besucher. Das ist für ein völlig neues Festival schon nicht schlecht.

Religion wird von vielen heute als Privatsache gesehen, von etlichen sogar als Bedrohung empfunden. Bei Achava geht es dezidiert um die jüdische, christliche, muslimische und auch buddhistische Religion und Kultur.
Kranz:
Achava nimmt sich Religion und Kulturen zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie es mit uns und unserer Welt weitergeht. Dazu muss man immer einen Blick zurückwerfen und fragen: Wo kommen wir her? Wo ist unser kultureller und religiöser Ursprung? Beides hängt ja zusammen. Deshalb die Einladung an die Menschen, sich wieder verstärkt mit der Identität zu beschäftigen. Und da spielt Religion natürlich eine ganz große Rolle. Zum anderen sehen wir natürlich, wie weltweit Religion für politische Zwecke missbraucht wurde und wird. Auch dem wollen und werden wir nachspüren.

Was unterscheidet Achava II von Achava I?
Kranz:
Achava II ist in seiner Ausprägung vor allem noch einmal breiter aufgestellt und geht stärker weg von dem israelischen Fokus. Wir nehmen die anderen Kulturen, die anderen Religionen stärker in den Blick.

Zu den neuen Programmpunkten und Formaten in diesem Jahr gehört am 3. September der »Shuk Achava« im Erfurter Landtag. Was erwartet die Besucher dort?
Kranz:
Hinter der Idee des Shuks, also des traditionellen arabischen Marktes, steht für mich mehreres. Zunächst ist es ein Format mit einer niedrigen Hemmschwelle für Besucher. Zugleich finde ich es wichtig, im Landtag, also einem Haus, wo sonst Politik gemacht wird, die Tür zu öffnen und etwas zu machen, was sonst dort so nicht stattfindet: Wir machen politisches Kabarett im Plenum, wir machen Puppentheater im ganzen Haus, wir werden orientalisch kochen mit dem ehemaligen Chefkoch des Landtags und einem israelischen Spitzenkoch. Dort werden sich Erfurter Religionsgemeinschaften ebenso präsentieren wie die Fraktionen des Landtags, es wird Ausstellungen und Podiumsdiskussionen geben. Kurz: Wir bringen Politik, Kultur und Religion in einen Gesprächskontext.

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Dazu gehört auch am Vormittag ein Israeltag, bei dem wir mit Schülern über das moderne Israel und die politische Lage im Nahen Osten diskutieren. Also niedrigschwellig viele Menschen ansprechen, eine Tür öffnen und sagen: Guckt einfach mal, seid neugierig, schaut euch das an. Das ist die Idee des Shuks.

Wir zeigen damit übrigens auch, dass Achava überparteilich ist: Schirmherr ist der Ministerpräsident Bodo Ramelow, ein Linker. In den Landtag aber wurden wir von Landtagspräsident Christian Carius, einem CDU-Politiker, eingeladen.

Als wohl größte Herausforderung empfinden die meisten Menschen die Auseinandersetzungen mit dem Islam und die Frage der Integration von Flüchtlingen. Greift Achava diese Fragen auf?
Kranz:
Aber natürlich spielen die Flüchtlingsfrage und die Herausforderung durch den Islam eine große Rolle. In der Reihe der Erfurter Religionsgespräche in der Peterskirche werden wir unter anderem der Frage nachgehen, ob und wie demokratie- und zukunftsfähig der Islam ist. Mit der türkischstämmigen Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek und dem Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide wird es dabei kompetente und auch kritische Gesprächspartner geben.

Werden Flüchtlinge auch selbst zu Wort kommen?
Kranz:
Selbstverständlich. Zum Beispiel in der Reihe »Hört die Zeugen«. Da wird uns in diesem Jahr unter anderem ein syrischer Flüchtling über seine drei Jahre andauernde Flucht erzählen, auf der er fünf Sprachen lernte, bevor er in Berlin ankam und jetzt Dolmetscher werden will. Das ist doch spannend, sich mit so einem Menschen zu unterhalten. Überhaupt ist es wichtiger, mit Flüchtlingen, mit Muslimen, zu reden, als immer nur über sie.

Und ich komme wieder auf den Shuk zurück: Dort wird die »Banda International« aus Dresden auftreten und auch mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Das ist eine Formation, in der Flüchtlinge aus 20 Nationen mitspielen und die als künstlerische Antwort auf Pegida entstanden ist.

Viele Veranstaltungen bei Achava sind kostenlos, andere kosten einen eher symbolischen Eintritt von fünf Euro. Wie funktioniert das bei solch hochkarätigem Programm?
Kranz:
Das funktioniert vor allem durch die Unterstützung von Privatpersonen und -institutionen. Der Gesamtetat des Festivals beträgt 500 000 Euro. Knapp 250 000 Euro kommen von privaten Spendern, der Rest sind öffentliche Mittel. Ich stehe dafür, dass Achava kein Hochpreis-Eliten-Festival wird, sondern wir wollen alle erreichen. Und ich denke, für eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion sind fünf Euro ein zumutbarer Obolus. Für die teuersten Konzerte sind je nach Preiskategorie 15 bis 30 Euro fällig. Das kann sich wohl jeder leisten, wenn er es möchte. Und so soll es auch bleiben.

Was wünscht sich der Intendant von Achava für das Festival?
Kranz:
Der größte Wunsch ist natürlich, dass möglichst viele Besucher kommen. Das Zweite ist, dass alles glatt läuft, dass die Künstler gesund sind, dass wir alle Veranstaltungen durchführen können. Und das Dritte ist, dass die Menschen, die kommen, etwas mitnehmen. Dass wir in einer Zeit, in der viele Fragen im Raum stehen, wir vielfach verunsichert sind, ein paar Anregungen und vielleicht auch ein paar Antworten geben können und vor allem ehrlich miteinander ins Gespräch kommen, Probleme offen ansprechen. Das ist ja der Sinn von Achava.

www.achava-festspiele.de

Ein Festival für Toleranz und Dialog

Im Grußwort der Veranstalter heißt es: »Das Motto der Achava-Festspiele ist dem Buch des Propheten Micha entnommen: ›Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.‹ Diese Friedensvision erscheint einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander seinen Glauben, seine Meinung und Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.«

»Egal welcher Religion wir angehören oder ob wir keiner Religion angehören, dürfen wir in den zahlreichen Veranstaltungen Gemeinsamkeiten entdecken, über unsere Unterschiede reflektieren und sehr viel lernen«, meint Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Schirmherr.

Und Ministerpräsident Bodo Ramelow, ebenfalls Schirmherr, schreibt: »Die Erfurter Achava Festspiele geben wichtige Impulse für unsere weltoffene Gesellschaft.« Das Festival sei eine Stimme der Humanität und die kulturvolle und kulturelle Antwort der Zivilgesellschaft auf Intoleranz und Ausgrenzung und Ausdruck für das moderne und weltoffene Thüringen.

Nicht Rückblick, sondern Aufbruch

15. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Für unsere Sommerinterview-Serie traf Sabine Kuschel Margot Käßmann in einem Berliner Restaurant. Sie sprachen über das Reformationsjubiläum, Mission, Karriere und Zukunftspläne.

Frau Käßmann, Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum – was sind die Herausforderungen dieses Jobs?
Käßmann:
Der Bundestag hat gesagt, das Reformationsjubiläum ist von kulturhistorischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland, für Europa, ja, die Welt. Meine Aufgabe ist, nach außen zu vermitteln, dass das Reformationsjubiläum alle angeht. Es ist kein binnenkirchliches Ereignis, sondern auch ein säkulares. Das macht mir besonders Spaß. Ich habe zudem viele Partnerkirchen im Ausland besucht.

Es wird kein deutsch-nationales Reformationsjubiläum wie 1817 oder 1917 werden, sondern ein internationales. Einerseits, weil Gäste aus dem Ausland zu uns kommen, andererseits, weil unsere Partnerkirchen in Asien, Afrika, Lateinamerika sagen: Das ist auch unser Jubiläum. Die Partnerkirchen in aller Welt entwickeln tolle Ideen, wie sie das Jubiläumsjahr vor Ort begehen wollen.

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Eine Arbeit, die Freude macht?
Käßmann:
Weil ich meine Arbeit auch mit Leidenschaft mache. Ich finde diese Form berufstätig zu sein jetzt noch schöner, als Ratsvorsitzende zu sein. Sämtliche Dienstverpflichtungen wie Sitzungen, Akteneinsicht, Dokumente redigieren, habe ich nicht mehr. Ich kann schreiben, Vorträge halten, ich predige jede Woche woanders, quer durch die Republik. Das macht mir Spaß.

Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten?
Käßmann:
Die Konzeption der Weltausstellung. Wir werden 16 Wochen vom 20. Mai bis 4. September 2017 Wittenberg sozusagen als Ausstellungsgelände erleben. Es wird 14 Themenwochen geben, die wir jetzt inhaltlich planen. Themen sind unter anderen Europa, Ökumene, Bildung, Gerechtigkeit, Dialog der Religionen, Frieden, Spiritualität.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Käßmann:
Auf den Reformationssommer insgesamt. Jeden Tag, den ganzen Sommer, werden Menschen nach Wittenberg kommen, um am Ende sagen zu können: Das war nicht Rückblick, sondern das war Aufbruch.

Was könnte schiefgehen?
Käßmann:
Dass es Desinteresse gibt. Die Kirchen in Ostdeutschland haben es wirklich schwer. Sie sind in einer Minderheitssituation. Es ist da eine besondere Herausforderung, überzeugend von Gott zu reden. Ich wünsche mir, dass das Reformationsjubiläum für die Kirchen in Ostdeutschland ein ermutigendes Ereignis wird.

Das Wort »Mission« hat einen schlechten Klang, auch in Deutschland. Aber mittlerweile ist die Einsicht gewachsen, wenn Christen hier nicht missionarisch wirken, stirbt der Glauben. Wie stehen Sie zur Mission?
Käßmann:
Bei einer Tagung 1998 in Simbabwe hörte ich Nelson Mandela sagen: Die Missionare haben vielleicht viele Fehler gemacht, aber sie haben uns in Südafrika den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass wir Schwarzen genausoviel wert sind wie die Weißen. Dieser Gedanke ist nicht mehr weggegangen. Das fand ich sehr interessant.

Ich denke, es ist richtig, diesen Gedanken von der Würde jedes Menschen weiterzugeben. Es gibt einen schönen Satz: »Missionarisch sein heißt, lebe so, dass andere dich fragen, warum du so lebst.« Ich finde, die Christen sollten sich nicht scheuen, auch zu sagen, wo der Grund ihrer Haltung liegt. Sie sollten offen über ihren Glauben reden.

Und die Türen der Kirchen sollten weit geöffnet werden für die Menschen. Bei der Weltausstellung in Wittenberg haben wir beispielsweise ein Panorama von Yadegar Asisi, das schlicht spannend ist für Menschen mit und ohne Glauben. Ich wünsche mir, dass das auch eine missionarische Chance hat 2017.

Was eine Theologin in Deutschland erreichen kann, haben Sie erreicht. Wie haben Sie das geschafft?
Käßmann:
Es hat sich eines aus dem anderen ergeben. Ich hatte zweimal im Leben einen großen Vorteil durch Glück. 1974 hatte ich ein Stipendium in den USA gewonnen. Ich hatte mich fast nebenbei in der Schule beworben und konnte ein Jahr in den USA verbringen. Das war eine enorme Horizonterweiterung. Dort habe ich fließend Englisch gelernt.
Sommerlogo GuHAls ich 1983 als Jugenddelegierte der Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Vancouver teilnahm, wurde ich als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt. Da war ich bis 2002 Mitglied. Das sind fast 20 Jahre, in denen ich internationale Erfahrungen sammeln konnte, Sitzungen zu leiten hatte. Das war eine intensive Erfahrung, die für mich später in Leitungssituationen von großem Vorteil war, etwa als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, auch dann bei der Wahl zur Landesbischöfin. Ich wäre sicher nicht Bischöfin geworden ohne diese Vancouver-Vorgeschichte.

Und dann: Wenn ich gefragt wurde, hatte ich oft den Mut, »Ja« zu sagen. Das liegt vielleicht auch daran: meine Mutter hatte nie Zweifel, dass eine Frau alles erreichen kann.

Wittenberg ist eine kleine Stadt, in der Reformationsgeschichte geschrieben wurde. Wissen die Wittenberger um den Wert ihrer Stadt?
Käßmann:
Die Wittenberger wissen, was ihre Stadt wert ist. Wittenberg war ein Zentrum von Ideen und Gedanken, auch universitär. Die Stadt sollte nicht unterschätzt werden. Es wird jetzt viel renoviert. Es ist großartig, dass die historischen Stätten so aufgearbeitet werden. Es tut sich einiges.

Was kommt danach, nach dem großen Fest und Jubiläumsjahr?
Käßmann:
Meine Erfahrung mit Kirchentagen ist nun sehr, sehr lang. Menschen, die von Kirchentagen zurück nach Hause kommen, bringen Ideen mit; sie sind ermutigt, haben eine Tankstelle für die Seele erlebt und können dann in ihrer kleinen Gemeinde vielfach wieder Erfahrungen umsetzen.
Sonne-webEs werden viele neue Verbindungen entstehen, die dann auch Kreativität freisetzen. Wir geben das Reformationsjubiläum 2018 weiter in die Schweizer Kirchen. Sie werden ab 2019 ihren Zwingli ins Zentrum setzen. Und viele Orte werden weitermachen. Ich denke eher an Aufbruch, als an Abfeiern.

Und wie wird es für Sie persönlich weitergehen?
Käßmann:
Für das Jahr 2018 habe ich schon jetzt viele Einladungen. Bis Juni 2018 werde ich unterwegs sein. Am
3. Juni 2018 werde ich 60 und werde offiziell in Pension gehen. Von Juni bis Dezember nehme ich keine Einladungen an, um auch den Bruch zu markieren. Aber danach kann ich ja glücklicherweise weiterhin schreiben, Vorträge halten, predigen. Langweilen werde ich mich nicht.

Ich wünsche mir, mehr Zeit für die Enkelkinder zu haben. Drei habe ich schon.

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?
Käßmann:
Ich merke schon, dass ich älter werde. Neulich bin ich mit meiner jüngsten Tochter zum Joggen gegangen. Als sie 115 Stufentreppen rasant hochgelaufen ist, musste ich mich anstrengen, dass ich hinterherkomme. Ich merke das Alter auch an den Falten, aber ich fühle mich noch nicht so alt wie ich bin.

Allerdings beschäftige ich mich öfter mit der Frage, wie mein Leben im Alter aussehen soll. Willst du in deiner Wohnung bleiben? Willst du Teil einer Wohngemeinschaft sein? Ich bin sehr dankbar, dass es heute professionelle ambulante Pflege gibt. Niemand muss unbedingt in ein Pflegeheim gehen, sondern kann zu Hause bleiben. Das würde ich auch gerne.

Mein Jahrgang taucht häufiger in den Traueranzeigen auf. Ich hänge am Leben, ich will jetzt noch nicht sterben, aber wenn es so sein sollte, wäre das für mich okay. Ich habe ein volles Leben gelebt.

Ich hatte vor zehn Jahren Brustkrebs. Das hätte auch anders ausgehen können. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich gesund geblieben bin.

Gibt es einen Lieblingsort, wo Sie Kraft tanken?
Käßmann:
Die Insel Usedom ist ein wunderschöner Flecken Erde. Ich habe dort ein Ferienhaus. Ich möchte dort beerdigt werden. Und hier in Berlin gibt es ein großes kulturelles Angebot, Theater, Museen, Kino. Heute Morgen, das Wetter war so schön, bin ich an den Schlachtensee gefahren, dort bin ich gern. Ich bin um den See gelaufen und dann eine halbe Stunde geschwommen. Das war großartig.

Ich mache gern Sport: Laufen, Schwimmen, Radfahren. Oder ich lege mich aufs Sofa und gucke im Fernsehen ein Fußballspiel oder den »Tatort«. Oder ich setze mich auf meinen kleinen Balkon und lese einen Krimi. Ich gehe auch gern ins Kabarett und ins Kino.

Professor Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann wird am Donnerstag, 25. August, in Weimar als Festrednerin anlässlich des Empfangs von Kirche und Diakonie zum Herdergeburtstag erwartet. Ihr Thema: »Reformationsjubiläum 2017 – was gibt es da zu feiern?« Beginn der Veranstaltung, zu der auch die Verleihung des diesjährigen Herderförderpreises gehört, ist 17 Uhr in der Stadtkirche St. Peter und Paul.

Türkei: Erdogan und der Gruß der Muslimbrüder

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Als die Muslimbrüder in Ägypten gegen die Absetzung von Präsident Muhammad Mursi durch den Militärputsch des derzeitigen Präsidenten Al Sisi protestierten, sah man es tausendfach auf den Straßen: Statt der zwei Finger des säkularen »Victory« (engl. für Sieg) wurden vier Finger gezeigt, eine schwarze Hand mit eingeschlagenem Daumen auf gelbem Grund. Es war das Zeichen der Muslimbrüder. 2013 wurde Erdogan gefilmt, als er weinend den Tod von Asmaa el Beltagy betrauerte. Die junge Demonstrantin war vor der Rabaa al-Adawiya Moschee in Kairo erschossen worden. »Rabaa« bedeutet auf Arabisch »vier« und deshalb die vier Finger als Zeichen der Solidarität für die Muslimbrüder und die Islamisten. Das Symbol verbreitete sich in der ganzen muslimischen Welt.

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Jetzt, nach dem erfolgreichen Niederschlagen des Militärputsches, trat Erdogan auf, im Maßanzug und mit einem karierten Arbeiterhemd ohne Krawatte. So demonstrierte er »Volksnähe«. Und wieder zeigte der türkische Präsident für alle sichtbar seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern. Zu Beginn seiner Rede, als er sich an »meine lieben Brüder« wandte, winkte er mit seiner Hand, mit vier ausgestreckten Fingern und einem weggedrehten Daumen.

Erdogan hat das Symbol in seiner Rede mehrfach verwendet und gewiss nicht zufällig. In arabischen Medien wird Erdogans stilles Zeichen ausführlich diskutiert. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al Sisi ungehalten.
Auch im Westen spielen solche Symbole eine große Rolle, wie das V-Zeichen für »Victory«, von Winston Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg und später von »Friedensbewegten« in aller Welt verwendet.

In Deutschland kennt jeder die ausgestreckte Hand als Symbol für den Hitlergruß, heute bewusst von der Hisbollah in Beirut und der Hamas sogar mitten in Jerusalem verwendet. Nach der Entführung von drei jungen Israelis im Westjordanland im Juni 2014 war es bei Palästinensern populär, drei Finger hochzuhalten, als Symbol für die drei entführten und ermordeten jungen Israelis.

Und nun macht Erdogan unübersehbar klar, wo er steht. In der arabischen Welt gibt es viele Analphabeten, aber symbolische Handzeichen werden von jedem verstanden. Ob der Westen diese Zeichen der Zeit begreift?

Ulrich W. Sahm

Ein Riss geht durch das Land

5. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: Der katholische Mehrheitsglaube hat die Menschen im Nachbarland noch immer geeint. Doch in den aktuellen politischen Auseinandersetzungen scheint selbst dies nicht mehr zu funktionieren.

Teile und herrsche«, das sei das Motto von Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der derzeit alleinregierenden Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS), meint Piotr Kandyba. Er selbst ist Mitglied der Partei »Nowoczesna Ryszarda Petru«, zu deutsch »Richard Petrus Moderne« oder auch einfach nur »Die Moderne«. Auf dem Weg vom Büro zur Parteiarbeit nimmt er sich in einem Café Zeit für ein Gespräch. Die Regierung ermuntere die Menschen zu einem aggressiven Verhalten. Der Lokalpolitiker Kandyba werde darum als Parteimitglied des Ökonoms Ryszard Petru als »Bankster« beschimpft. Das schmerzt ihn, da er sich als »sozialliberalen Katholik« sieht, der sich vor Ort auch für die sozial Schwachen engagiert, die sich nun teils gegen ihn wenden. »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden«, so das Motto des Weltjugendtags, zu dem Papst Franziskus Ende Juli Polen besuchen wird. Im Gastgeberland stehen sich Regierungsgegner und Regierungsbefürworter derzeit jedoch unversöhnlich gegenüber.

Bei Demonstrationen und Protestaktionen kommt es immer wieder zu Gerangel. »Verräter, geht nach Deutschland oder Russland!«, werden Aktivisten des »Komitees zur Verteidigung der Demokratie« (KOD) von Anhängern der PiS angeschrien. Die Partei unter der Leitung von Jaroslaw Kaczynski hat im vergangenen Herbst die Wahlen gewonnen. Seitdem gestaltet sie Polen nach ihren nationalkonservativen Vorstellungen um.

Nicht die Begeisterung über Polens Einzug ins Viertelfinale der Fußball-EM treibt derzeit immer wieder Tausende Polen auf die Straße, sondern die Angst vor einer immer nationalistischeren und europafeindlicheren Politik. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Nicht die Begeisterung über Polens Einzug ins Viertelfinale der Fußball-EM treibt derzeit immer wieder Tausende Polen auf die Straße, sondern die Angst vor einer immer nationalistischeren und europafeindlicheren Politik. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Möchte man mit Gegnern oder Befürwortern der PiS ins Gespräch kommen und gibt sich als Journalist zu erkennen, erntet man oft bei allen erst mal Misstrauen: »Ah, pass auf – wir wissen nicht, auf welcher Seite er ist!« An eine neutrale Berichterstattung scheint kaum noch jemand in Polen zu glauben.

Doch wo ist dann die Mitte, die Brücke zwischen den Polen? Lange galt die Familie als Zuflucht gegenüber einer oft feindselig empfundenen politischen Umgebung. Doch heute: Kommentare zur Politik lassen Familienzusammenkünfte platzen, Eltern löschen ihre Kinder auf Facebook und umgekehrt. Zerwürfnisse, die in anonymer Form kolportiert werden.

Der 46-jährige Kandyba hofft, dass es zu keinem »Maidan«, zu keiner gewaltsamen Auseinandersetzung wie in der Ukraine kommt. Eine Änderung erwartet er – leider – erst, »wenn die umgesetzten Versprechen der Regierung unsere Volkswirtschaft zum Kippen bringen. Wenn die Leute ihre Arbeit verlieren«. Dann, so hofft er, würden viele ihre Fehler einsehen und die Zerstrittenen könnten aufeinander zu gehen. Da er in einem internationalen Konzern arbeitet, gleichzeitig offen für das KOD wirbt, sieht er sich als eine Ausnahme: Die meisten Angestellten hätten sich bereits aus der politischen Arbeit verabschiedet, da sie um ihre Stelle fürchten.

Von der katholischen Kirche, dem einst großen gemeinsamen Nenner Polens, ist Kandyba enttäuscht. Sie versäume es, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. In der Kirche in seinem Heimatstädtchen Piaseczno bei Warschau würde bei der Messe den KOD-Engagierten sogar der Friedensgruß verweigert.

Dies wird Ende Juli hoffentlich nicht passieren. Der Besuch des Papstes in Polen wird seit Februar durch von ihm ernannte 76 polnische »Missionare der Barmherzigkeit« vorbereitet. Die Geistlichen haben sogar die besondere Ermächtigung, von Sünden loszusprechen, von denen sonst nur der Apostolische Stuhl freisprechen darf.

Einer von ihnen, der auch im staatlichen Fernsehen TVP mitwirkt, erklärte sich einverstanden, ein Interview zu geben. Die Kirche nach Franziskus sei ein »Feldlazarett«, bei dem jeder sich holen könne, was er brauche. Die Kirche dürfe sich nicht vor dem Menschen verschließen. Doch dann ist er über die seiner Meinung nach zu politischen Fragen ungehalten. Eine Autorisierung des Interviews entfällt im Nachhinein.

Von einem gespaltenen Land will der Geistliche indes auch nichts wissen: »Als Missionar der Barmherzigkeit fahre ich durch Polen von Süden nach Norden. Ich bin in unterschiedlichen Gemeinden, in unterschiedlichen Gemeinschaften, die sehr mit der Kirche verbunden, oder auch überhaupt nicht mit der Kirche verbunden sind. Es ist ein Polen, ein wunderbares Polen, eine polnische Gesellschaft, ein Volk Gottes.«

Dennoch steht bereits fest, dass er nach dem Papstbesuch seine Arbeit im Staatsfernsehen aufgeben muss. Intendant Jacek Kurski und ein Teil der Bischöfe störten sich an einer zu liberalen Ausrichtung, so jedenfalls die These liberaler polnischer Medien.

Jens Mattern

Segenswünsche zum Ramadan

19. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Muslime in aller Welt begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Für Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Kirchen ist es üblich geworden, zu Beginn der Fastenzeit Grußbotschaften zu übermitteln. Am 6. Juni 2016 postete die tagesschau-Redaktion auf Facebook: »Heute beginnt der Ramadan. Wir wünschen allen Musliminnen und Muslimen einen gesegneten Fastenmonat.« Was halten evangelische Theologen davon?

Andreas Fincke

Andreas Fincke

Ja

Andreas Fincke, früher Referent der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, heute Hochschulpfarrer in Erfurt.

Für fromme Muslime ist der Ramadan eine Zeit der Entsagung von körperlichen Bedürfnissen und der Besinnung auf den Koran und auf Gott, der hier Allah genannt wird. Seit einigen Jahren übermitteln hochrangige Politiker den Muslimen in Deutschland ihre guten Wünsche zum Ramadan. Auch die Kirchen wünschen immer häufiger einen »gesegneten Ramadan«.

Manchen gefällt das nicht. Sie fragen, ob wir hier eine schleichende Islamisierung des Abendlands erleben. Schließlich gehöre der Ramadan nicht zu Deutschland. Zu unserer Kultur, so mahnen einige, gehören andere Fastenzeiten.

Doch so einfach ist das nicht. Zu unserer Kultur gehören seit Jahrhunderten viele Einflüsse aus dem Morgenland. Der nicht wegzudenkende Kaffee ist dabei wohl das bekannteste Erbe Arabiens. Also abwarten und Kaffee trinken?

Keinesfalls. Denn mit Beginn des diesjährigen Ramadans haben in Tel Aviv palästinensische Attentäter wahllos Spaziergänger erschossen. Zeitnah kündigten radikale Gruppen weitere Anschläge auf Israelis während des Fastenmonats an. Und in Düsseldorf soll es bei einer Brandstiftung in einem Flüchtlingsheim ebenfalls einen klaren Bezug zum Ramadan geben.
Für Millionen frommer Muslime ist der Fastenmonat Ramadan eine Zeit der Besinnung und der spirituellen Neuausrichtung. Es ist gut, wenn wir ihnen dazu Gottes Segen wünschen. Denn Gott wünscht ein gutes Miteinander, Vergebung und Barmherzigkeit. Und er wünscht einen respektvollen Umgang mit Frauen, den eigenen Töchtern und Andersgläubigen. Dazu finden sich im Koran zahlreiche Hinweise. Leider gibt es auch andere Stellen in der Heiligen Schrift der Muslime. Aber man kann ja den Ramadan zum Anlass nehmen, gewaltverherrlichende Stellen im Koran neu zu gewichten. Das geht – die christlichen Kirchen sind diesen Weg auch gegangen.

Möge Gott geben, dass fromme Muslime im Ramadan eine Zeit spiritueller Erbauung finden. Möge Gott helfen, dass man sich in islamistischen Kreisen neu auf Gott, auf Allah und den Kern des Korans besinnt. Dazu wünschen wir gern einen gesegneten Ramadan!

Ulrich Neuenhausen

Ulrich Neuenhausen

Nein

Ulrich Neuenhausen ist Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz.


Erst einmal ist es biblisches Gebot, Menschen zu segnen, unabhängig davon, ob sie gut oder böse sind, richtig oder falsch liegen, sympathisch oder unsympathisch wirken. So sagt es unter anderen Petrus in seinem ersten Brief, Kapitel 3, Vers 9: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt! Christen begegnen jedem Menschen mit Wohlwollen und wünschen sich von Herzen, dass jeder Mensch Gottes Güte in seinem Leben und Herzen erfährt.

Der für Muslime ausgesprochene Segen im Fastenmonat Ramadan kann allerdings auch missverständlich sein. Wenn damit Fasten als eine fromme Übung bestätigt wird, die Gott gefällt und ihn den Menschen gegenüber gnädig stimmt, dann ist damit das Evangelium selbst in Frage gestellt. Gottes Gnade leuchtet uns in Jesus Christus auf, und nicht in frommen Übungen. Gerade hier liegt ja der entscheidende Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben: Die Mitte des Evangeliums ist eine Person, Jesus Christus, die von Gott gekommen, gestorben und auferstanden und dann wieder zu Gott aufgefahren ist. Es gibt keine Vergebung von Schuld, keine Versöhnung mit Gott ohne diesen Jesus, wie ihn die Bibel verkündigt.

Wenn mein Segnen für Muslime bedeutet, dass ihre frommen Übungen Allah gnädig stimmen, Kompensation von Sünde bewirken und so das Leben im Paradies näherbringen, dann ist es ein falscher Segen. Ich kann nicht muslimische Rituale »ab-segnen«, als wären sie ein alternativer Weg zum Glauben an Jesus Christus. Deshalb möchte ich nur dann Segen wünschen, wenn ich vorher klären kann, was mein Gegenüber darunter versteht.

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Referendum in Großbritannien: Goodbye Europa?

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Wir sind eine durch und durch europäische Familie. Mein Mann ist Engländer, ich komme aus Deutschland. Zwei unserer Kinder sind in Deutschland geboren, zwei in Großbritannien. Als ich 1999 das erste Mal den Sommer über in London gearbeitet habe, da habe ich die Freiheit, in verschiedenen europäischen Ländern reisen und arbeiten zu können, als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen. Nun liegt es in den Händen der Wähler meines Gastlandes, ob es auch meinen Kindern vergönnt sein wird, mit dieser Freiheit aufzuwachsen.

Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib des Landes in der Europäischen Union ab. Foto: momius – fotolia.com

Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib des Landes in der Europäischen Union ab. Foto: momius – fotolia.com

Am 23. Juni wird hier darüber abgestimmt, ob Großbritannien auch zukünftig ein Mitgliedsstaat in der Europäischen Union sein oder ob es zum »Brexit«, dem britischen Exit von der EU, kommen wird. Das Thema beherrscht seit Wochen die Nachrichten, und je näher der Termin des Referendums rückt, umso erbitterter und emotionaler werden Diskussionen und Argumente. Krieg werde es geben, Großbritannien würde in eine neue Wirtschaftskrise gestürzt, die Briten würden am Ende mit weniger Geld dastehen, heißt es aus dem Lager derjenigen, die für den Verbleib in der EU werben. Alles Quatsch, meint die andere Seite. Dann müssten endlich nicht mehr Milliarden von britischen Steuergeldern an andere Mitgliedsstaaten verschwendet werden und man könnte die Immigration aus anderen europäischen Ländern kontrollieren.

Die anglikanische Kirche verhält sich in der Frage offiziell neutral. Auf die Referendumsfrage gäbe es keine korrekte christliche Antwort, heißt es vom Erzbischof von Canterbury, Justin Welby. Lediglich ein allgemeines Gebet für das EU-Referendum wurde vor einigen Wochen von der Kirche veröffentlicht. Mit Bedacht sind die Worte dabei in dem neunzeiligen Gebet gewählt worden, um keiner Seite den Vorzug zu geben. Um Offenheit und Ehrlichkeit in der Debatte wird darin gebetet, um Großzügigkeit bei der Meinungsbildung und Einsicht bei der Wahl. Auch die katholische Kirche bezieht keine Position. Kürzlich gab Kardinal Vincent Nichols, Vorsitzender der katholischen Kirche in England und Wales, jedoch zu verstehen, dass er persönlich für einen Verbleib in der EU sei.

In wenigen Wochen wird sich zeigen, ob sich die Mehrheit der Wähler seiner Meinung anschließt. Nur eine Minderheit derjenigen, die dann für den Verbleib in der EU stimmen, dürfte dies aus Überzeugung für die europäische Sache tun, sondern weil es das kleinere von zwei Übeln ist. »Better the devil you know«, heißt das im Englischen. Es ist nichts Neues, dass sich Großbritannien mit seiner Mitgliedschaft in der EU schwertut. Europa ist nicht hier. Dies zeigt sich auch in der Alltagssprache. Spricht man von Europa, dann meint man das europäische Festland. Doch wie die Abstimmung auch immer ausgeht: Wir sind und bleiben eine europäische Familie. Ob nun inner- oder außerhalb der Europäischen Union.

Julia Wohlgemuth

Wenn Muslime dem Christentum begegnen

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Nichts ist für sie so normal, wie das Reden über den persönlichen Glauben

Günther Beck ist hauptamtlicher Mitarbeiter beim Missionswerk »DMG interpersonal« (früher Deutsche Missionsgemeinschaft) in Sinsheim in Baden-Württemberg. Er arbeitete viele Jahre in arabischen Ländern und begleitet bis heute Muslime, die Christen geworden sind. Harald Krille sprach mit ihm.

Ein Blitz, Saulus stürzt vom Pferd und wird zum Paulus – haben Sie so etwas bei Muslimen auch erlebt?
Beck:
Nein. Aber ich habe schon erlebt, dass Muslime zum Glauben an Christus gefunden haben. Durch Radiosendungen etwa oder Gespräche mit Freunden. In jedem Fall war es kein »Damaskuserlebnis«, sondern ein längerer Prozess mit vielen Gesprächen.

Was motiviert Muslime, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden?
Beck:
Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Gründe. Ein Mann sagte mir, dass er das Neue Testament las und ihn der Friede, der aus den Seiten strömte, schlicht überwältigte.
Ein anderer nannte mir den Vers, wo Jesus sagt: »Wer eine Frau nur ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« (Matthäus 5,28). Ich war überrascht und fragte ihn, warum gerade dieser Vers? Seine Antwort: »Alles, was ich als Moslem machen muss, fasten, beten, Almosen geben, das kann ich erfüllen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber das, was Jesus hier sagt, das kann ich nicht. Und das zeigt mir, dass hier ein Geist ist, der stärker ist als im Islam.«

Worauf sollten Christen in der Begegnung und im Gespräch mit Muslimen achten?
Beck:
Mein erster Rat: Keine Kommentare oder Wertungen, positiv wie negativ, über den Islam, über den Koran oder Mohammed abgeben. Auch nicht allgemein und theologisch über das Christentum sprechen. Wichtiger ist es, über den eigenen Glauben zu reden. Was bedeutet Jesus für mich, warum bin ich froh, Christ zu sein?

Günther Beck ist ehrenamtlicher bayerischer Pfarrer. Foto: DMGint

Günther Beck ist ehrenamtlicher bayerischer Pfarrer. Foto: DMGint

Das Andere: Fragen stellen. Es gibt im ganzen Koran nur eine einzige Frage, aber das Evangelium ist voller Fragen. Jesus stellt immer Fragen an seine Zuhörer. Und wenn ihn jemand fragt, dann antwortet er oft mit einer Gegenfrage. Mit Fragen zeige ich ja auch mein Interesse. Nicht, ich sage dir jetzt, was ich vom Islam halte, sondern ich frage, was bedeutet zum Beispiel der Ramadan für dich? Wie lebst du das? Was macht dir Freude daran? Und wenn ich genug gefragt habe, dann kommen auch Fragen zurück.

In Deutschland herrscht vielfach die Meinung, Glaube ist so persönlich, darüber redet man nicht …
Beck:
Das empfinden Muslime völlig anders. Glaube ist immer öffentlich. Deshalb redet ein Muslim auch ohne Mühe über seinen Glauben und freut sich in der Regel sogar, wenn er auf ein solches Thema angesprochen wird. Im Gegenteil, wenn wir nicht über unseren Glauben reden, dann erwecken wir eher den Eindruck, wir verstecken etwas oder schämen uns dafür.

www.dmgint.de

Schweiz: Muslimische Teenager lösen Grundsatzdebatte aus

19. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Brennpunkt Sekundarschule Therwil im Kanton Baselland: Hier verweigerten im vergangenen Herbst zwei muslimische Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren ihrer Klassenlehrerin den Handschlag bei der Begrüßung, angeblich aus religiösen Gründen. Die Lehrerin meldete den Vorfall der Schulleiterin. Diese traf mit den Schülern schließlich eine »Vereinbarung«. Diese besagt, dass sie weiterhin der Lehrerin den Handschlag verweigern dürfen – unter der Bedingung, dass sie auch den Lehrern die Hand nicht geben. Damit die Lehrerin nicht einseitig diskriminiert wird, wie die Schulleiterin den Entscheid begründete.

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Man könnte den Vorfall unter dem Stichwort »Provinzposse« abbuchen, wenn er nicht den Nerv der Zeit treffen würde. Der Vorfall wurde vor zwei Wochen von der Sendung »Arena« des Schweizer Fernsehens zum Thema »Angst vor dem Islam?« erwähnt und führte sofort zu schweizweiten Schlagzeilen. Die Brisanz des Vorfalls liegt offenkundig darin, dass er eine unbewältigte Wertedebatte tangiert. Hier die nicht ausdiskutierten Fragen um die minimalen Standards einer Integration von Menschen aus anderen Kulturen, namentlich den Muslimen. Dort die anhaltende Genderdiskussion, die immer wieder aufbricht, wenn Frauen angeblich oder offensichtlich diskri­miniert werden.

In der Schweiz wird die Frage einerseits von Rechtspopulisten aus der Schweizerischen Volkspartei aufgegriffen – mit Volksinitiativen wie jene für ein Minarettverbot, die 2009 in der Volksabstimmung angenommen wurde, oder neulich mit der Lancierung einer Burkaverbots-Initiative. Zum andern versuchen gut meinende Pädagoginnen, mit einem Verzicht auf Weihnachtsfeiern die muslimischen Kinder nicht zu brüskieren. Dahinter verbirgt sich letztlich die Frage, ob ein europäisches Land eine Leitkultur postulieren und durchsetzen soll, an der sich Migranten orientieren können. Dies hat in Deutschland zu heftigen Diskussionen geführt und ist auch in der Schweiz ein Tabu-Thema.

Die muslimischen Verbände in der Schweiz sind sich typischerweise nicht einig, wie weit sich Muslime anpassen sollen. Konservative Vertreter wie Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen (FIDS), zeigt ein gewisses Verständnis, findet die Vereinbarung von Therwil aber auch nicht glücklich. Er sieht das Gebot des Respekts gegenüber Mitmenschen verletzt, wenn der Handschlag verweigert wird.

Eigentlich wäre jetzt der Anlass gegeben für eine Grundsatzdiskussion über unaufgebbare Werte in einer europäischen Gesellschaft, die für viele (muslimische) Migranten so attraktiv ist. Aber damit scheinen europäische Gesellschaften überfordert zu sein.

Fritz Imhof

Islamischer Extremismus in Deutschland

13. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Expertenmeinung: Die Mehrheit der Flüchtlinge ist friedlich – doch ohne Integration wächst die Gefahr der Radikalisierung

Mit der Gefahr des islamistischen Terrors in Deutschland beschäftigte sich der diesjährige jüdische Jugendkongress. Mehr als 400 Teilnehmer diskutierten dabei in Frankfurt am Main mit hochrangigen Terrorismus-Experten.

Es gehe nicht darum, die jungen Menschen zu verunsichern. Aber man dürfe die Augen nicht verschließen, mahnt Abraham Lehrer, Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: »Ich glaube, Juden haben ein besseres Feingefühl, eine größere Empfindlichkeit für diese Dinge, weil Juden im Laufe ihrer Geschichte immer wieder verfolgt und angegriffen worden sind. Von daher haben wir vieles aus unserer Vergangenheit gelernt und wissen, wenn wir uns nicht damit beschäftigen, dann wird es uns vielleicht wieder überrennen.«

BKA-Chef: »IS« will vor allem verunsichern

Auffallend viele hochrangige Terror­experten referierten beim Jugend­kongress. Holger Münch etwa, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), sprach über die aktuelle Anschlagsgefahr. Ziel der Dschihadisten sei es vor allem, in Europa Verunsicherung zu verbreiten: »Wir sehen, dass der ›IS‹ das Flüchtlingsthema gezielt nutzt. Zwei der Attentäter, die in Paris eine Rolle gespielt haben, sind über die Balkanroute eingereist. Und wenn man dann seinen Reisepass zum Anschlag mitnimmt, sodass man letztlich eine Visitenkarte für die Polizei hinterlässt, dann kann man davon ausgehen, dass das auch sehr schnell erkannt werden sollte.«

Das Bundeskriminalamt kenne aktuell 471 Gefährder, von denen eine unmittelbare Gefahr ausgehe. Davon lebte aber etwa die Hälfte nicht in Deutschland, 60 bis 70 seien derzeit in Haft, der Rest aber bewege sich auf freiem Fuß. Das Unterstützer-Potenzial, meist aus der salafistischen Szene, schätzt das BKA aktuell auf rund 43 000 Personen.

Enttäuschte Hoffnungen können radikalisieren

Der dschihadistische Terrorismus sei das eine, das andere seien die Millionen Flüchtlinge, die auch bis nach Deutschland gelangten. Holger Münch sieht nicht, dass von ihnen eine höhere Kriminalität oder gar Terrorgefahr ausgehe. Aber es gebe ein gewisses Potenzial in den Asylbewerberheimen: »Wir sehen, dass salafistische Gruppierungen versuchen, bei den Flüchtlingen zu werben. Wir sehen, dass bislang die Anfälligkeit nicht sehr groß ist. Wir haben aber viele Personen, die Brüche in ihrem Leben erlebt haben, die nach Anschluss, nach Halt suchen. Diese Hoffnung kann auch enttäuscht werden. Das alles ist auch ein Nährboden für Radikalisierung«, warnt der BKA-Präsident.

Zweite Generation ist anfälliger für Extremismus

Von einer massenweisen Einschleusung von Dschihadisten nach Europa könne derzeit keine Rede sein, meint auch Peter Neumann, Terrorismus­experte am Londoner King’s College. Die Syrien-Flüchtlinge, von denen viele säkular und eben nicht religiös seien, hält er nicht für »IS«-Sympathisanten. Aber er mahnt zur dringenden Inte­gration dieser Flüchtlinge.
»Was wir aus der Geschichte wissen, ist, dass es typischerweise nicht die erste Einwanderergeneration ist, die für extremistische Gruppen ansprechbar wird, sondern deren Kinder.

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Wenn das mit der Integration nicht klappt in den nächsten fünf bis zehn Jahren, gibt es eine Frustration, die sich in Richtung des Salafismus oder des dschihadistischen Salafismus lenken lassen kann«, warnt Neumann.

So ähnlich schätzen das auch israelische Terrorexperten ein, etwa Anat Hochberg-Marom von der Herzliya-University in Tel Aviv. Zwar befänden sich Israel und Syrien offiziell immer noch im Kriegszustand. Praktisch aber schwiegen schon lange die Waffen. Man könne nicht davon ausgehen, dass nun alle Syrer automatisch gegen Juden und Israel eingestellt seien. Im aktuellen Bürgerkrieg würden viele Syrer Israelis vielmehr als Helfer erleben.

Die meisten Syrer sind keine verbohrten Muslime

»Wir müssen daran erinnern, dass Israelis im Norden von Israel auf den Golanhöhen verletzten Syrern helfen. Sie sind nicht Feinde, sondern es geht um eine humanitäre Krise und wir versuchen zu helfen. Die meisten Flüchtlinge sind säkular und nicht verbohrte Muslime, die einfach nur Juden hassen«, meint Hochberg-Marom.

Der israelische Sicherheitsexperte Chaim Tomer weist darauf hin, dass Syrien ein heterogener Vielvölker-Staat ist. 80 Prozent sind Muslime, 20 Prozent gehören anderen religiösen Gruppen und Minderheiten an. Zwar hätten die Kriege gegen Israel einst das Land geeint. Doch die Propaganda gegen Juden greife heute nicht mehr. Die Baath-Partei, die Familie Assad und die Alawiten dominierten die sunnitische Mehrheit. Der Feind sei für viele daher zuallererst das eigene Regime.

Jüdische Gemeinden engagiert für Flüchtlinge

Auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland gebe es eine große Bereitschaft, sich für Flüchtlinge einzusetzen, meint Benjamin Fischer. Er ist Präsident der Europäischen Union jüdischer Studenten, die rund 160 000 Mitglieder zählt. Man habe Erfahrung damit, eine Vielzahl von Menschen schnell in die deutsche Gesellschaft integrieren zu müssen, denn ab den 1990er Jahren kamen mit den sogenannten Kontingent-Flüchtlingen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland.

»Das geschah vor allem mit der russischen Sprache. Nun ist es so, dass viele der Geflüchteten aus Syrien Russisch sprechen. Und der Erfahrungsschatz lässt sich nun ganz direkt anwenden. Zudem gibt es viele Juden, die Arabisch sprechen aufgrund der Herkunft aus arabischen Ländern«, betont Benjamin Fischer.

Thomas Klatt

Verheiratet nach ganz Europa

12. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal geht es um die Hochzeitspolitik der Ernestiner.

Der Titel der kommenden Landesausstellung »Eine Dynastie prägt Europa« ist beileibe nicht medientauglich übertrieben. Mit geschickt eingefädelten Vermählungen von ernestinischen Prinzen und Prinzessinnen an die großen Höfe Europas trugen die von progressiver Geisteshaltung geprägten Ernestiner wesentlich zur Entwicklung des heutigen Europas bei. Zwei von vielen Beispielen solcher Eheschließungen:

Ein im April 1894 entstandenes Foto auf dem Coburger Schloss Ehrenburg, das zum Herrschaftsbereich des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha gehörte, zeigt den gesamten europäischen Hochadel in festlicher Pose vereint. Das Bild, auf dem auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der spätere Zar Nikolaus II. zu sehen sind, dokumentiert einen bedeutenden Anlass: die Hochzeit eines Enkels der englischen Königin Victoria. Franken, Thüringen, Deutschland, Großbritannien, Irland, Russland – lief da etwas aus dem familiären Ruder? Nein! Diese Fürstenhochzeit belegte einmal mehr die sehr bewusst gehandhabte Heirats­politik der Ernestiner, dank welcher Verbindungen zu Höfen in ganz Europa entstanden. Initiatorin der wohl bis heute ebenso populären wie spektakulären Verbandelungen war Herzogin Auguste Caroline Sophie. Sie verheiratete ihre Tochter Juliane nach Russland und Victoria nach England. Mehrfach gehörten Deutsche zu den Regenten des Königreiches England. Der Gothaer Prinz Albert – eine riesige Veranstaltungshalle in London ist nach ihm benannt – gehört dazu wie auch zahlreiche Nachkommen aus seiner Ehe mit Königin Victoria. Bis in unsere Zeit ist die prominenteste Repräsentantin der Monarchie, Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, eine Ernestinerin. Zu den »Windsors« wurde der britisch-ernestinische Zweig erst nach der Umbenennung durch den Großvater der heutigen Königin Elisabeth II. im Weltkriegsjahr 1917. So nimmt es denn nicht Wunder, dass das schön anzuschauende Bildnis der aus Gotha stammenden englischen Königin Victoria (1819–1901) den werbenden Hintergrund für den Ausstellungsort Gotha der kommenden Landesausstellung bildet. Und mit eben diesen traditionsreichen Verbindungen zwischen Gotha und der Insel versteht man auch, warum Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch nicht müde wird, die Queen in seine Stadt zu bekommen – eine erste kurze Begegnung der beiden gab es im vorigen Jahr in Berlin …

Eine im europäischen Sinne durchaus spektakuläre Hochzeit wurde im November 1804 in Weimar 20 Tage lang gefeiert. Es war die Ehe zwischen Erbprinz Carl Friedrich und der russischen Zarentochter Maria Pawlowna. »Die Festivitäten sind nun zu Ende, und wir treten wieder allmählich in unser gewöhnliches Philisterleben zurück. Außer einem Katarrh, den ich mir geholt, bin ich ganz leidlich weggekommen, welches ich kaum erwarten konnte, da man sich bei solchen Gelegenheiten niemals schonen kann« , resümierte Schiller in einem Brief an Freund Körner, was am Nachmittag des 9. November 1804, einen Tag vor Friedrich Schillers Geburtstag, begonnen hatte und Weimar kopfstehen ließ: Nach vierwöchiger Reise mit einer ausgesprochen komfortablen Kutsche rollte von St. Petersburg her – vom Volk begeistert empfangen – die Enkelin Katharinas der Großen und Tochter des Zaren Paul und der aus dem Hause Württemberg stammenden Maria Fjodo­rowna, der Schwester der Zaren Ale­xander und Nikolaus, die Großfürstin von Russland, Maria Pawlowna, in das kleine Weimar ein. Neben der gerade Achtzehnjährigen saß der Erbprinz und spätere Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Friedrich, ihr frisch vermählter Ehemann. Im Fourierbuch des weimarischen Hofes steht unter diesem Tag u. a.: »Der Empfang geschahe von dem gesammten Hof und sämtl. Wirkl. Räthen u. Assessoren der Landes-Collegien an der untersten Treppe im Schloß.« Verteilt auf 80 Planwagen, war zuvor schon die Aussteuer der jungen Frau samt Ausstattung für ihren Mann eingetroffen. Auf den Einzug folgten zwanzig Tage lang Bälle, Feuerwerk, Illumination, Musik, Komödie und dergleichen mehr. Das Festlichste an allem aber war für Schiller »die aufrichtige, allgemeine Freude über unsre neue Prinzessin, an der wir in der Tat eine unschätzbare Akquisition gemacht haben«.

Schon bald nach dem prächtigen Einzug war allenthalben zu spüren, wie segensreich sich der vom Freiherrn Wilhelm von Wolzogen äußerst diplomatisch eingefädelte Coup auf das Herzogtum auswirkte. Finanziert auch mit stattlichen Summen aus der Privatschatulle, förderte Maria Pawlowna, so wie es vor ihr Anna Amalia getan hatte, die Künste, die Wissenschaft und die Bildung. Die von ihr nach Weimar geholten Musiker und Komponisten Hummel, Liszt und Wagner stehen stellvertretend für viele andere, die das so genannte »Silberne Zeitalter« der Stadt begründeten. Indem sie im Schloss Memorialräume für Goethe, Schiller und andere Dichter aus Weimars »Goldenem Zeitalter« einrichten ließ, legte sie das Fundament für den bis heute wirkenden »Mythos Weimar«. An Maria Pawlowna erinnert auf dem Historischen Friedhof von Weimar die von Zwiebeltürmen gekrönte russisch-orthodoxe Grabkapelle.

Heinz Stade

»Am Ende wird alles gut«

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Zur Leipziger Buchmesse präsentiert Felix Leibrock mit »Eisesgrün« seinen zweiten Band der Weimar-Krimireihe

Man kann das Böse auf verschiedene Art und Weise ergründen. Der gebürtige Saarländer, Wahlmünchner und inzwischen Wochenend-Weimarer Felix Leibrock tut es auf seine Weise: Er schreibt Krimis. Nicht nur, aber immer öfter.

Wir tun immer so ›heile Welt‹ in der Kirche – aber damit erreichst du nur noch fünf Prozent, 95 Prozent sagen, ›die sind von gestern‹«, ist Felix Leibrock überzeugt. »Die Kirche muss sich viel mehr dem Bösen als dem Guten zuwenden. Sie muss die Heimstatt der Emotionen sein.« Auch deswegen schreibe er Krimis, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Leibrock hat schon vieles ausprobiert in seinem Leben. Als Spätberufener studierte er nach Germanistik und Geschichte sowie Stationen als Antiquariatsbuchhändler mit 30 noch einmal »ganz effizient« evangelische Theologie in Erlangen. Und weil nach der Wende im Osten die Sorge herrschte, dass alle Pfarrer in die Politik gehen oder sonst wie den Beruf wechseln und niemand mehr Theologie studieren will, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf und siedelte nach Thüringen über. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Es folgten Anstellungen als Pfarrer in Weimar und Apolda sowie als Stadtkulturdirektor in der Goethestadt. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks in München, nebenher Seelsorger bei der bayerischen Bereitschaftspolizei und ehrenamtlicher Teeausfahrer bei einer katholischen Obdachloseninitiative in der weiß-blauen Landeshauptstadt. Außerdem gehört er zur evangelischen Redaktion bei Antenne Bayern.

Was reizt diesen Tausendsassa am Krimischreiben? »Selbst die schlimmsten Terroristen sind erst böse geworden, sie sind nicht böse geboren. Und das ist etwas, was mich fasziniert und das ich versuche, in meinen Krimis ein Stück weit zu ergründen.« Leibrock glaubt, die Menschen positiv beeinflussen zu können. »Das klingt jetzt ein bisschen überhöht, aber das ist schon ein Motiv, zu schreiben.« Er wolle nicht nur unterhalten – Spannung bescheren –, sondern habe auch einen Bildungsanspruch. »Der Krimi ist neben dem historischen Roman ein Genre, das sehr gut geeignet ist, um Bildungsinhalte unterhaltsam zu transportieren« – so seine Überzeugung.

Einer von Leibrocks Wahlsprüchen lautet: »Ich glaube, am Ende wird alles gut!« Spielt das für ihn auch eine Rolle beim Schreiben? Übt die Tatsache, dass er das Ende als Autor faktisch in der Hand hat, einen besonderen Reiz aus? »Wahrscheinlich ja, man erschafft eine eigene Welt, man ist Schöpfer. Es ist eine Welt, die sich zunächst nur im eigenen Kopf abspielt, aber man kre­iert Personen, man stellt Menschen her, gibt ihnen ein Profil – optisch, aber auch charakterlich – man bringt sie in Beziehung zueinander«, so der umtriebige Pfarrer.

Zwischen Tür und Angel schreiben kommt für ihn nicht infrage. Er macht das immer blockweise: »Ich nehme dann drei Wochen Urlaub und schreibe von morgens bis abends; dann bin ich komplett abgetaucht in diese Parallelwelt und nur schwer ansprechbar.« Ein Zustand, den die weltbekannte Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem Interview mal als »Flow« bezeichnet habe: Man taucht ein in die eigene Welt, die man erschaffen hat, man redet mit seinen Figuren – das ist es, was er am Schreiben so wunderbar findet, begeistert er sich.
Felix Leibrock hat viele Vorbilder. Er liest sehr viel, macht halbjährlich Literaturabende mit jeweils zwölf Neuvorstellungen. Und er hat auch historische Vorbilder. Sein Lieblingsbuch ist »Moby Dick« von Herman Melville: »Ich kann mich kaputtlachen, wenn er den Pfarrer auf der Kanzel beschreibt, da gibt es so herrliche Szenen.«

Wichtig sei, dass »immer so ein bisserl« Humor mit dabei ist, denn ganz ernst kann laut Leibrock auch ein Krimi nicht sein. Und der Erfolg gibt ihm recht. Der erste Band des Weimar-Krimis »Todesblau«, erschienen im renommierten Droemer-Knaur Verlag, kommt jetzt in zweiter Auflage heraus. Und auch wenn die Krimireihe mit den beiden Ermittlern Sascha Woltmann und Mandy Hoppe in der Goethestadt angesiedelt ist – die Weimar-Krimireihe reiht sich nicht ein in die inflationär erscheinenden Regional-, Provinz- und Mundartkrimis.

Für die Erstvorstellung von »Eisesgrün« hat Leibrock einen besonderen Coup gelandet. Er wird eine »original Mandy Hoppe« als Gast aufbieten. »Laut Facebook gibt es 17 Frauen mit diesem Namen in Deutschland. Ich habe eine angeschrieben und gefragt, ob sie nicht bei meiner Buchpräsentation mit dabei sein möchte. Und kurioserweise kommt sie aus Apolda«, freut sich der Krimi-Pfarrer über ihre Zusage.

Dabei offenbart er auch seine Entertainer-Qualitäten. Wenn Felix Leibrock mit seinen Krimis auf Tour geht, bietet er dem Publikum nicht die klassische Autorenlesung – »weil ich das selber schon mehrfach als einschläfernd erlebt habe«: Er hat einen Musiker, der eigens für die Lesungen Lieder komponiert und spielt, und er selbst plaudert dazu aus dem Nähkästchen. Zum Beispiel über seine Recherchen zum Buch: »Ich musste jetzt eine Leiche tiefgefrieren. Da hab ich mir im Weimarer Land einen Techniker gesucht, der so was kann und es mir erklärt, damit es im Buch auch realistisch beschrieben ist – und das erzähl ich dann.« Und auch vom Marketing versteht er etwas: Zur Buchmesse gewährt ihm der Bayerische Rundfunk eine Stunde Sendezeit, und eine bekannte Illustrierte widmet ihm zwei Seiten.

Zu »Eisesgrün«: In Felix Leibrocks zweitem Weimar-Krimi entdecken zwei Landschaftspfleger merkwürdige Hügelgräber. Das erste, kaum größer als ein Maulwurfshügel, enthält eine Holzkiste mit einer Puppe. Das zweite einen Golden Retriever. Das dritte schließlich zwingt die beiden, die Polizei zu verständigen …

Adrienne Uebbing

Leibrock, Felix: Eisesgrün, Knaur Taschenbuch, 368 Seiten, ISBN 978-3-426-51617-1, 9,99 Euro

Gemeinsam aufstehen

2. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltgebetstag: Kinder und das Zusammenleben der Generationen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Liturgie aus Kuba

Wenn am 4. März zum Weltgebetstag eingeladen wird, schauen Christen weltweit auf einen kleinen Inselstaat in der Karibik: Kuba.

Vengan, vengan to-dos – Steht auf, steht gemeinsam auf: Dieser Kanon aus der kubanischen Weltgebetstagsordnung bringt auf den Punkt, was die Frauen des Inselstaates der Welt zu sagen haben: Steht gemeinsam auf. Träumen wir von der Zukunft. Leben wir unsre Träume. Bauen wir am Reich Gottes. In den Mittelpunkt der Liturgie haben sie die Kinder und das Zusammenleben der Generationen gestellt. Die Kubanerinnen wissen, was damit verbunden ist. Leben doch viele Familien auf engstem Raum zusammen, da der Wohnraum knapp ist. Nicht nur Eltern, Großeltern und Kinder bewohnen ein Haus mit oft nur ein oder zwei Zimmern, manchmal sind auch Tanten und Onkel mit dabei. Das hat Vorteile, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Aber vor allem Nachteile: Junge Paare, die keine Wohnung bekommen, wollen auch keine Kinder oder höchstens eins. So steigt die Überalterung in Kuba rapide.

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Zum kubanischen Weltgebetstagskomitee gehören Baptistinnen, Katholikinnen, Frauen von der Heilsarmee oder der presbyterianischen Kirche. Ormara Nolle Cao ist die Präsidentin des Komitees. Seit 2007 hat man sich bemüht, als Weltgebetstagsland ausgewählt zu werden, berichtet sie. Die Weltgebetstagsversammlung in New York wählte den Inselstaat 2012 aus. Im Jahr darauf begann die Arbeit für die kubanischen Christinnen. »Es war schwierig, aber ein Segen für alle, die daran mitgearbeitet haben«, sagt Ormara. Das Hauptproblem sei die Verständigung mit dem internationalen Komitee gewesen. »Es war nicht leicht, ihnen begreiflich zu machen, was uns beschäftigt.« Da ging es zum Beispiel um den Begriff »Blockade« in den Gebetsbitten. Auf ihn wollten die Kubanerinnen nicht verzichten, in New York kam das Wort dagegen nicht gut an. Ein Ringen auf den verschiedenen Ebenen, das sich letztlich lohnte und zur gegenseitigen Wertschätzung und Verständigung beitrug.
Welt-2-09-2016Die Entspannung zwischen den USA und Kuba und dass Barack Obama im März als erster Präsident der Vereinigten Staaten in das lange verfemte Kuba reisen wird, war am Anfang der Vorbereitungen nicht abzusehen. »Es hat sich seit Dezember 2014 so viel verändert. Wir sind sicher, dass nichts ohne Gottes Führung passiert«, ist Ormara überzeugt.

Wer sich genau umhört im Lande, spürt, dass die Christen lange vom Staat unterdrückt wurden. Sie konnten keine Leitungspositionen bekleiden und waren vom Studium der Geisteswissenschaften ausgeschlossen. Vor allem die älteren Frauen haben das Gemeindeleben aufrechterhalten. Frauen sind die Starken im Land, bis heute. Auch wenn der kubanische Mann als Macho bekannt ist, Frauen zeigen eine große Kreativität im Kampf ums tägliche Leben. Sie sorgen für die Familien, geben christliche Werte und Traditionen weiter, engagieren sich bei kirchlichen Vorhaben. Trotz der Doppelbelastung sind sie heute auch in Wirtschaft und Gesellschaft stark vertreten. Die Politik wird allerdings nach wie vor von dem überalterten und männlich dominierten Politkader aus regiert.

Die Weltgebetstagsbewegung hat die Konfessionen des Inselstaates zusammengebracht. 1981 wurde in Kuba erstmals Weltgebetstag gefeiert. Damals waren nur wenige Glaubensrichtungen vertreten. Inzwischen sind 30 Kirchen an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Das habe das Verständnis füreinander befördert und die Solidarität zwischen den Frauen gestärkt, sagt Ormara.

Dietlind Steinhöfel

Die Autorin war im Herbst 2015 zu einer Studienreise auf Kuba, zu der die Erwachsenenbildung und die Evangelischen Frauen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eingeladen hatten.

Weltgebetstag der Frauen
Jedes Jahr am ersten Freitag im März laden Christinnen unterschiedlicher Konfessionen zum gemeinsamen Gebet ein. In mehr als 170 Ländern wird dann der Weltgebetstag der Frauen gefeiert, in diesem Jahr am 4. März. Dabei steht jedes Mal ein anderes Land im Mittelpunkt. 2016 ist es die Karibikinsel Kuba. In Deutschland beteiligen sich jährlich bis zu einer Million Menschen am Weltgebetstag. Die Idee zu der inzwischen weltgrößten ökumenischen Basisbewegung stammt aus den USA, wo sich Christinnen 1887 erstmals zu einem Weltgebetstag versammelten. 1927 wurde der erste internationale Gebetstag gefeiert. Seit 1949 wird dieser Tag auch in Deutschland begangen.


»Noch ist Polen nicht verloren«

10. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Polens nationalkonservative Regierung baut den Staat um – doch der Widerstand wächst

Der derzeitige tief greifende Umbau des polnischen Staates bringt nicht nur Spannungen innerhalb der Europäischen Union. Auch im Land selbst formiert sich Widerstand.

Das Café am Rande der Krakauer Altstadt ist bis auf den letzten Platz gefüllt, doch noch immer strömen Menschen hinein. Sie sind in Mäntel eingehüllt, viele tragen eine Pelzmütze. Und fast alle kommen mit einer weiß-roten polnischen Flagge. »Wir müssen unsere Fahne zurückerobern«, sagt Frau Anna, »wir dürfen sie nicht den Nationalisten überlassen«. Demonstrativ schwenkt sie eine zweite Flagge, die einen Kreis aus zwölf goldenen Sternen auf blauem Hintergrund zeigt. »Polen gehört zur Europäischen Union, und dafür stehen wir!«, ruft sie. »Einheit, Solidarität, Verständigung – das sind unsere Werte!«

Mit einer Europafahne und der Flagge Polens demonstriert diese Frau in Warschau gegen die Politik der derzeitigen Regierung. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Mit einer Europafahne und der Flagge Polens demonstriert diese Frau in Warschau gegen die Politik der derzeitigen Regierung. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

»Für diese Werte kämpfen wir«, ergänzt Herr Janusz, ihr Begleiter. »Und wir schützen die Demokratie!«, fügt er ebenso leidenschaftlich wie lautstark hinzu. Frau Anna und Herr Janusz haben die 70 längst überschritten, aber sie lassen keine Demonstration gegen die nationalkonservative Regierung aus, die seit November 2015 das Land mit absoluter Mehrheit regiert und in einer Geschwindigkeit umgestaltet, dass der britische Osteuropa-Experte Timothy Garton Ash von einem »political blitzkrieg« spricht. Auch in der Eiseskälte des Januars haben die beiden wieder demonstriert – so wie Zehntausende anderer Polen im In- und Ausland.

Das Parlament hatte sich keine Weihnachtspause gegönnt und am Tag vor Silvester ein Mediengesetz verabschiedet, das am 7. Januar von Staats­präsident Andrzej Duda trotz internationaler Proteste unterzeichnet wurde. Es macht die öffentlich-rechtlichen Medien zu Verlautbarungsorganen der Regierung: Sie sollen in »nationale Kulturinstitute« umgewandelt werden, die Leitungspositionen werden künftig vom Schatzminister besetzt. Geplant ist zudem, innerhalb von drei Monaten allen Mitarbeitern des öffentlichen Rundfunks und der staatlichen Nachrichtenagentur PAP zu kündigen und dann im Einzelfall zu entscheiden, wer seine Arbeit behalten kann. Private Medien, an denen ausländische Verlage beteiligt sind, sollen »repolonisiert« werden.

Die Mediengesetze sind nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zur »Reparatur des Landes«, wie Jaroslaw Kaczynski, der Vorsitzende der Regierungspartei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS), den radikalen Umbau des 38-Millionen-Einwohner-Staates bezeichnet. Zuvor waren bereits das Verfassungsgericht entmachtet und Spitzenstellen in Verwaltung und Staatsbetrieben neu besetzt worden. Der Koordinator der Geheimdienste ist nun ein Parteifreund, der wegen Amtsmissbrauchs zu drei Jahren Haft verurteilt worden war. Damit er sein neues Amt überhaupt antreten konnte, hatte ihn Staatspräsident Duda kurzerhand begnadigt – obwohl das Urteil noch gar nicht rechtskräftig war.

»Ist das nicht unfassbar?«, fragt Herr Stanislaw und hebt die Hände. Während des Kriegsrechts vor 30 Jahren habe er seine Wohnung der Opposition zur Verfügung gestellt – für konspirative Treffen der Solidarnosc-Bewegung. »Wenn ich damals geahnt hätte, was die heute machen …«, sagt er und spielt vor allem auf Solidarnosc-Mitglied Jaroslaw Kaczynski an.

Der 66-jährige Kaczynski vertritt ein extrem katholisch-nationalistisches Weltbild und ist der eigentliche starke Mann der Regierung: Ministerpräsidentin Beata Szydlo, seit 16. November im Amt, und auch der im August 2015 vereidigte Staatspräsident Andrzej Duda gelten als seine willfährigen Marionetten und Befehlsempfänger. Kaczynski war bereits von 2006 bis 2007 Ministerpräsident einer EU-skeptischen und anti-deutschen Regierung – unter der Präsidentschaft seines Zwillingsbruders Lech, der im April 2010 bei dem Flugzeugabsturz bei Smolensk ums Leben gekommen war. Sein Vorbild ist der ungarische Premierminister Viktor Orban, mit dem er sich Anfang Januar traf, um eine strategische Allianz zu schmieden.

Im Wahlkampf noch hatte Kaczynski nationalistische Töne vermieden und vor allem auf soziale Themen gesetzt. Versprechungen, das Kindergeld zu erhöhen oder das Renteneintrittsalter wieder zu senken, fielen auf fruchtbaren Boden – vor allem bei denjenigen, die von dem Wirtschaftsboom unter dem Manchester-Kapitalismus der liberal-konservativen Vorgängerregierung nicht profitierten.

Doch wes Geistes Kind die neue Regierung ist, wurde rasch deutlich: Ministerpräsidentin Szydlo ließ vor ihrer ersten Regierungserklärung demonstrativ die EU-Fahne aus dem Saal entfernen. Und: Als in Wroclaw/Breslau auf einer anti-muslimischen Demonstration die Figur eines orthodoxen Juden, der eine EU-Flagge in der Hand hielt, verbrannt wurde, weigerte sich die Regierung, die antisemitische Aktion zu verurteilen.

So ist es kein Wunder, dass in den sozialen Netzen, aber auch von rechtsextremen Politikern unverhohlen verbreitet wird, die vom »Komitee zum Schutz der Demokratie« (KOD) organisierten Demonstrationen würden von Juden finanziert.

Kaczynski selbst kennt nur noch Freund und Feind. Kritiker bezichtigt er des Vaterlandsverrats, der »bei manchen Leuten wie in den Genen« sei – sie seien »Polen der schlimmsten Sorte«. Und er zückt auch wieder die anti-deutsche Karte: »Kein Druck, keine Worte, die vor allem nicht über die Lippen deutscher Politiker kommen sollten, werden uns von diesem Weg abbringen«, betonte er erst kürzlich. Sein Außenminister Witold Waszczykowski war bereits Anfang Januar vorgeprescht: Als er in einem Interview mit der Bild-Zeitung vor einem »neuen Mix von Kulturen und Rassen« warnte und vor einer »Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen«, war allen klar, wer gemeint war.

Und so fallen bei den PiS-Anhängern auch im Blick auf Deutschland alle Hemmungen. Die Ereignisse der Silvesternacht werden mit hämischer Schadenfreude kommentiert, und es scheint, als ob der Zweite Weltkrieg erst gestern geendet hätte: Kritiker werden als »Volksdeutsche« diffamiert, und die rechtsgerichtete Gazeta Polska zeigt auf dem Titelblatt ein Foto von Wehrmachtssoldaten, die einen polnischen Grenzpfahl zerbrechen. Ihre Gesichter: Kanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissar Günther Oettinger, und EU-Parla­mentspräsident Martin Schulz.

Er habe nie erwartet, sagt Herr Janusz, dass er jemals die Demokratie, die man in Polen über zweieinhalb Jahrzehnte mühsam aufgebaut habe, gegen die eigene Regierung verteidigen müsse. Er befürchte, dass Ex-Präsident Lech Walesa, der einen »Bürgerkrieg« prophezeit hat, recht behält. Frau Magdalena ist optimistischer: Kaczynski sei ein verbitterter alter Mann, die Regierung werde ihre sozialen Versprechungen nicht einhalten können und bald den Rückhalt verlieren, und die Polen hätten schon ganz andere Regime gestürzt. Und sie beginnt die Nationalhymne zu singen: »Noch ist Polen nicht verloren …«

Uwe von Seltmann

Uwe von Seltmann war Chefredakteur der sächsischen Kirchenzeitung »DER SONNTAG« und arbeitet heute als freier Journalist in Polen.

»Ich möchte mich einbringen«

3. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Mit Michael Diener sitzt erstmals ein Chef der konservativen Evangelikalen im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Präses Michael Diener, bekommt Gegenwind aus den eigenen Reihen, weil er von den Pietisten Selbstkritik einfordert. Harald Krille hat mit ihm gesprochen.

Herr Präses Diener, wenn man in die recht chaotische Welt schaut – kann da einem Christen nicht der Frage kommen, ob wir in der Endzeit leben?
Diener:
Wir leben definitiv in der Endzeit. Denn biblisch betrachtet ist die Endzeit die Zeit zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft. Aber: Es gab wohl keine Generation von Christen, die nicht gesagt hat, schlimmer kann es nicht mehr kommen, jetzt ist es so weit. Umgekehrt: Die Erwartung, dass unser Herr bald kommen möge, ist natürlich eine Essenz unseres christlichen Glaubens. Dem schließe ich mich auch gerne an. Aber vor zeitlichen Berechnungen warnt uns die Heilige Schrift sehr deutlich.

Christliche Menschenrechtsgruppen verweisen darauf, dass noch niemals so viele Christen um ihres Glaubens willen getötet und verfolgt wurden, wie in den vergangenen Jahren.
Diener:
Ich denke, dass diese Beobachtung richtig ist. Doch wird das ganze Ausmaß bisher von der Öffentlichkeit, auch unter uns Christen, nur bedingt wahrgenommen. Dabei kann ich die Bibel gar nicht lesen, ohne fast auf jeder Seite daran erinnert zu werden, dass wir als Christenmenschen für unsere Geschwister einstehen sollen. Das Thema müsste uns alle viel mehr beschäftigen und uns auch zu konkreten Schritten bewegen.

Auch zum militärischen Eingreifen gegen islamistische Gruppen wie den »IS«?
Diener:
Persönlich sehe ich bei dem jetzt beschlossenen Kriegseinsatz noch ganz, ganz viele ungeklärte Fragen. Umgekehrt glaube ich, dass dem, was der »IS« dort treibt, auch mit legitimierter Gewalt Einhalt geboten werden muss. Doch auch unter Christen gibt es sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Ich bin froh, dass ich das im Bundestag nicht entscheiden musste. Aber: Wäre ich Abgeordneter des Bundestages, hätte ich wahrscheinlich für diesen Militäreinsatz gestimmt.

»IS« und die Christenverfolgung ist die eine Sache, die Flüchtlingsdiskussion bei uns eine andere. Wo ist in dieser Frage der Platz der »Frommen«: bei Pegida und Co. oder bei den Multikulti-Apologeten?
Diener:
Es kann überhaupt gar keine Frage geben, dass der vorrangige Platz der Christenmenschen bei den Verfolgten und bei den Flüchtlingen ist. Und da sind sie nach meiner Beobachtung auch über die Maßen aktiv, sowohl in der Gemeinschaftsbewegung, im Raum der Evangelischen Allianz und im Bereich der Landes- und Freikirchen.

Studien über die NS-Zeit zeigen, wie beschämend nahe Christen den Gedanken des Rassismus standen. Und es gibt zeitgenössische Umfragen, die konservativen Christen auch heute eine latente Nähe zu fremdenfeindlichen Gedanken bescheinigen.
Diener:
Wenn man sich die erwähnten Untersuchungen anschaut, dann fragt es sich, wie belastbar sie sind. Umgekehrt sage ich ganz klar: Ja, es gibt auch in unserem Bereich fremdenfeindliche Äußerungen. Es gibt Menschen, die sich passiv, abwartend, teilweise ablehnend und auch aggressiv feindlich gegenüber Flüchtlingen und Fremden verhalten. Da muss man genau hinschauen, kommt das aus diffusen Ängsten, ist das Widerstand gegen bestimmte Entscheidungen der Politik oder ist es vielleicht so etwas wie eine bräunliche Blut- und Boden-Ideologie. Wo Letzteres zutage tritt, müssen wir als Evangelische Allianz und auch als Gnadauer Verband entschieden widersprechen.

Viele Menschen haben Angst vor einer schleichenden Islamisierung Deutschlands, Sie nicht?
Diener:
Nein, ich habe keine Angst vor einer Islamisierung Deutschlands. Und wir diffamieren die Menschen, die zu uns kommen, wenn wir pauschal unterstellen, die,
die da geflohen sind, wollen das System, das sie vertrieben hat, bei uns installieren. Ich bin überzeugt, dass unser freiheitliches System Ausstrahlungskraft hat und dass es uns gelingen kann, eine friedliche Kultur des Miteinanders aufzubauen. Deshalb heiße ich von Herzen alle die willkommen, die sich daran beteiligen wollen. Natürlich ist klar, dass Integration von beiden Seiten geleistet werden muss. Und wer am Erhalt und am Ausbau unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht interessiert ist, der hat in unserem Gemeinwesen dann natürlich auch nichts zu suchen.

Und wie sehen sie die umstrittene Frage der Mission unter Muslimen?
Diener:
Für uns als Evangelische Allianz ist diese Frage nicht umstritten. Selbstverständlich gilt die Botschaft von dem Licht, dass mit Christus in die Welt gekommen ist, allen Menschen, auch Muslimen. Natürlich brauchen Menschen, die hier ankommen, erst mal das Notwendige für Leib und Leben. Und selbstverständlich sind entwurzelte Menschen sensibel zu behandeln. Aber daraus darf nicht abgeleitet werden, dass wir unserem Zeugnis gegenüber Muslimen nicht nachkommen sollen.

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Vom 10. bis 17. Januar lädt die Deutsche Evangelische Allianz wieder zu ihrer traditionellen Gebetswoche. Was erhoffen sie sich angesichts der angesprochen Probleme davon?
Diener:
In diesen Umbruchszeiten, in denen wir stehen, ist es einfach eine unheimlich große Chance, dass wir am Anfang des Jahres aus unterschiedlichen Gemeinden zusammenkommen und unseren Dank und unsere Freude, aber auch unsere Sorgen und Bitten vor den Herrn dieser Welt bringen können. Die Zeit ist drängend und verlangt geradezu nach Gebet. Ich hoffe, dass wir eine auch zahlenmäßig gut besuchte Allianz-Gebetswoche in den über 1 000 Orten in Deutschland erleben werden.

Mit Ihnen ist erstmals ein profilierter Vertreter des innerkirchlichen Pietismus in den Rat der EKD gewählt worden. Wie fühlt man sich da – wie Daniel in der Löwengrube?
Diener:
(lacht) Definitiv nicht! Wer so denkt, hat noch nicht verstanden, wie ich evangelische Kirche wahrnehme. Ich bin genauso evangelischer Pfarrer wie ich Pietist bin. Beides lässt sich in meinem Leben nicht auseinanderdividieren. Deshalb verstehe ich den Rat der EKD als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die miteinander wollen, dass wir als Kirche in den kommenden Jahren auf einem verheißungsvollen Weg sind. Da möchte ich mich mit meinem eigenen Glaubensprofil einbringen.

Für welche Bereiche wollen Sie sich besonders stark machen wollen?
Diener:
Als erstes müssen wir uns den missionarischen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Da ist noch mehr möglich und nötig. Dann sehe ich die große Notwendigkeit, noch stärker darauf zu achten, dass die Stimmung an der Basis gut ist, dass die Mitarbeiter in den Gemeinden, haupt- wie ehrenamtliche, sich ernst genommen und unterstützt wissen. Das Dritte: Diakonie und verfasste Kirche ergänzen einander und sollen eng zusammenstehen. Und als Viertes: Wir brauchen ein Reformationsjubiläum, das evangelische Ausstrahlungskraft in unsere Gesellschaft hinein hat, auch über das Jahr 2017 hinaus.

Der stille Revolutionär

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff – einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts

In einer fulminanten Werkschau feiern die Chemnitzer Kunstsammlungen mit Karl Schmidt-Rottluff einen der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in Deutschland.

Pamphlete und programmatische Schriften waren nicht sein Metier. Ebenso wenig das Herumtollen mit nackten halbwüchsigen Modellen an den Moritzburger Teichen oder der so manchen seiner expressionistischen Künstlerkollegen eigene Hang zur selbstzerstörerischen Existenz. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – schuf Karl Schmidt-Rottluff in seinem fast 92 Jahre währenden Leben ein Werk, das ihn nicht nur zum bedeutendsten Maler des deutschen Expressionismus, sondern zu einem der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt macht.

Geboren wurde Karl Schmidt am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz. Nach Besuch des heute nach ihm benannten Gymnasiums der Indus­triestadt und erster künstlerischer Beschäftigung begann er 1905 in Dresden ein Studium der Architektur. Doch die Freundschaft zu Erich Heckel, die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl führten zum Richtungswechsel: Zur künftigen Suche nach einer neuen und unverfälschten Ausdrucksweise in der Malerei.

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956.Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956. Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

»Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«, heißt es im Aufruf der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke«. Deren Name geht auf Karl Schmidt zurück, welcher nunmehr seinem eigenen Namen auch den seines Geburtsortes hinzufügt. Während der Name der Künstlergruppe oft als Reminiszenz an das brückenreiche Dresden gedeutet wird, sieht der Weimarer Kunstwissenschaftler Christoph Stölzl darin eher einen Ausdruck Schmidt-Rottluffscher Eigenart: Revolutionärer Aufbruch, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Rund 500 Werke aller Schaffensepochen umfasst die Chemnitzer Schau. Von den ersten Werken des Schülers, bis zum Alterswerk des Künstlers, der aus Gesundheitsgründen zuletzt nur noch Aquarellmalerei betrieb. Neben den farbenfrohen großen Landschaften der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen und den reifen Gemälden der Nachkriegszeit ist es vor allem das umfangreiche und ausdrucksstarke grafische Werk, mit dem die Chemnitzer Schau überrascht. Besonders eindrücklich die ungemein kraftvollen Holzschnitte, etwa aus der 1918 entstandenen Mappe mit dem Titel »Ist euch nicht Kristus erschienen?«.

Wie jede aufrichtige künstlerische Existenz geriet auch Schmidt-Rottluff zwischen die Mahlsteine der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Seinen 1933 erzwungenen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste nahm er mit Würde an. Ohne jeglichen Versuch, sich etwa wie sein Malerkollege Emil Nolde noch jahrelang den Nationalsozialisten anzudienen. Seine Werke wurden aus den Museen verbannt, in der Schandausstellung »Entartete Kunst« gezeigt, er selbst ab 1941 mit absolutem Malverbot belegt.

Und auch der erhoffte Neuanfang in seiner Heimatstadt Chemnitz endete 1946 schnell in der Erkenntnis, dass seine Kunst für die neuen Machthaber zwar nicht »entartet«, wohl aber »zu wenig volksverbunden« und »formalistisch« sei. So führte ihn sein Weg als Lehrer an die (West-)Berliner Hochschule für bildende Künste.

Christoph Stölzl sinnierte in seiner Eröffnungsrede der Chemnitzer Schau am vergangenen Sonnabend über die »armen Kunsthistoriker«, die immer beschreiben müssten, »was man eigentlich sehen kann«. In diesem Sinne bleibt nur eine Empfehlung: Auf nach Chemnitz! Bis 10. April kommenden Jahres ist die Ausstellung geöffnet, zu der ein opulenter Begleitkatalog erschienen ist.

Harald Krille

Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. 490 Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Der Plan des Pastors

9. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erlebt: Ein Tag mit Pastor Kleopa – Alltag in einer lutherischen Gemeinde in Tansania

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania ist mit 5,5 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte Mitgliedskirche des Lutherischen Weltbundes. Der Alltag eines Pastors unterscheidet sich deutlich von dem eines deutschen geistlichen Kollegen.

Lautes Hupen vor dem Gästehaus der Tumaini Universität von Makumira, einer Kleinstadt am Rande Arushas, im Norden Tansanias. Es ist acht Uhr 30. Pastor Kleopa Akyoo, der den Beinamen Petri trägt, seit er als Siebenjähriger getauft wurde, lässt den Motor laufen. Als ich in sein Auto steige, lege ich als erstes das Tuch ab, das ich mir vorher für den kurzen Weg vom Haus zum Auto um die Hose gewickelt habe. Auf dem Campus sind Hosen für Frauen strengstens verboten. Pastor Kleopa hingegen hat mich zu Beginn meines Gemeindepraktikums gebeten, welche zu tragen. Er ist ein Befürworter der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern, besonders dort, wo Traditionen der Bildung und finanziellen Absicherung von Frauen im Wege stehen.

Kinder – die Zukunft Afrikas – stehen nicht nur beim Gemeindefest im Pfarrgarten im Mittelpunkt. Foto: Jette Förster

Kinder – die Zukunft Afrikas – stehen nicht nur beim Gemeindefest im Pfarrgarten im Mittelpunkt. Foto: Jette Förster

Wir fahren zur naheliegenden Kirche, wo gerade Kindergartenkinder zum Unterricht eintreffen und Jugendliche auf den Schlüssel für den Computerraum warten. Beide Einrichtungen werden von der Gemeinde und Einzelpersonen getragen: Fast 500 Kinder und Jugendliche aus mittellosen Familien erhalten dort eine Mahlzeit am Tag und eine Bildungschance. Auch wir warten eine Weile auf einen Schlüssel, dann laden wir einen Generator in den Kofferraum zu unseren anderen Materialien, die wir für heute benötigen, und sind wieder auf dem Weg.

Drei Mal halten wir links, rechts und wieder links am Straßenrand. Jedes Mal hupt der Pastor jemanden herbei, tauscht Grüße und anderes aus, wofür meine Sprachkenntnisse in Kisuaheli noch nicht ausreichen, zückt ein großes Bündel Geldscheine, zählt mal 50 000, mal 100 000 Schilling (knapp 44 Euro) ab und hält sie aus dem Fenster. Auf diese Weise passieren wir eine Ziegelbrennerei, einen Neubau mit Zimmern für Studierende und die Gemeindefarm. Diese machen nur einen Bruchteil der vielen Nebengeschäfte aus, die fast immer zwischendurch – eben nebenher – versorgt werden. Ziel ist stets die Weiterfinanzierung: Der Ertrag der Farm fließt zu 30 Prozent in das Gehalt der Angestellten des Pfarrbezirks, das Wohnheim wird zu den Ausbildungskosten von Pastor Kleopas leiblichen und aufgenommenen Kindern beitragen, andere Projekte sichern ihm und seiner Frau eine Rente. Oder bezahlen den neuen Gebrauchtwagen, den wir letzten Sonntag eine dreiviertel Stunde lang mit Gebeten und unter Handauflegen eingeweiht haben und bei dem seither nicht mehr einfach die Beifahrertür aufgeht, wenn man sich aus Versehen dagegenlehnt.

Auch die Imbaseny Friedensschule, eine von Pastor Kleopa gegründete christliche Privatgrundschule, wird auf diese Weise unterhalten. Im ganzen Landkreis hat sie den besten Ruf. Der Direktor bespricht mit den Kindern eine Sitzordnung, damit beim Skypen später keine Zeit verloren geht, wenn sich die Schülerinnen vor der Webcam am Bildschirm hinknien, um gut gesehen zu werden. Eine Stunde lang unterhalten sich die Kinder mit der Hortgruppe einer katholischen Grundschule in Deutschland, stellen Fragen und beantworten welche, singen sich gegenseitig ein Lied vor und bringen sich ein Spiel bei.

Die tansanischen Kinder wundern sich, dass die deutschen erst mit sechs Jahren in die Schule kommen und in der vierten Klasse noch nicht fließend Englisch sprechen. Sie amüsieren sich prächtig, als auf ihre Nachfrage, ob im Religionsunterricht die Zehn Gebote gelehrt werden, mit: »Ja, aber ich kann jetzt keines aufsagen«, geantwortet wird. Als wir am frühen Nachmittag das Schulgelände wieder verlassen, um zum nächsten Termin zu fahren, werden gerade frische Ziegel für ein neues Gebäude angeliefert, welches ab nächstem Schuljahr den Klassen fünf bis sieben bereitstehen soll.

Pastor Kleopas Handy klingelt, kurz darauf erklärt er: Planänderung. Eine halbe Stunde später, bepackt mit frischem Hühnchen und Colaflaschen, kommen wir bei ihm zu Hause an. Dort deckt seine Frau Anna, die in einem Waisenhaus arbeitet, fünf große Töpfe ab, die mit Gemüse, Reis, frittierten Kartoffeln und Rindfleisch gefüllt sind. Erick, einer der Ziehsöhne der Familie, hat, noch bevor er seinen offiziellen Mastertitel in den Händen hält, seinen ersten Job als Bankangestellter gelandet: Das muss gefeiert werden.

Mittlerweile lasse ich mich ganz ohne schlechtes Gewissen einladen. Geld zum Essen beizusteuern wäre unhöflich. Traditionsgemäß – Gleichberechtigung hin oder her – ist des Pastors Adoptivtochter Neema (Gnade), die Lehramt studiert, den Abend über für die Küche zuständig und kommt erst zu Tisch, wenn alle anderen bereits für Kaffee und Tee auf den Sofas Platz genommen haben. Anna spricht ein Abendgebet, in dem sie dafür dankt, dass all ihre Kinder zu Hause sind; auch mein Name ist unter den Genannten. In der Dämmerung fährt mich Pastor Kleopa zurück zum Gästehaus.

Kurz nach 22 Uhr kommt noch eine SMS von ihm: Planänderung für morgen.

Jette Förster

Die Autorin, Jahrgang 1988, stammt aus Halle und studiert Theologie in Jena. Vor Beginn des Winter-Auslandssemesters an der Tumaini Universität in Makumira absolvierte Jette Förster ein Gemeindepraktikum bei Pastor Kleoba von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania. Unterstützung für die Arbeit von Pastor Kleopa ist über das Leipziger Missionswerk möglich.

www.lmw-mission.de

Gebet ist Fernwärme von innen

23. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Zeugnis: Die Ewigkeit mehr in unser Heute einbinden und die gute Botschaft weitergeben

Der IS-Terror versetzt die westliche Welt in Angst und Schrecken. Der Versuch einer geistlichen Einordnung.

Was sind das für Wochen! Die Geschehnisse haben mich nach rationaler Aufnahme nun auch emotional erreicht.

Viele Jahrzehnte konnte ich in den verschiedensten Missionen um die Welt jetten. Dabei Menschen, Lebensweisen, Musik, Religionen und Kulturstätten zu studieren, war das größte Erlebnis. Doch eine große Zahl des (Welt-)Kultur-Erbes besteht nicht mehr. Kann man Geschichte zerstören? Sie lebt in Büchern – in gedruckter wie digitaler Form – weiter; das wird niemand auslöschen können. Die Frage stellt sich, ob man aus dem Geschehenen etwas lernt. Salomo schreibt im Buch Prediger: »Was geschehen ist, wird wieder sein. Was man getan hat, wird man später wieder tun. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen … es geschieht nichts Neues unter der Sonne.« – Ich befürchte, er behält recht.

Doch was sind die Vernichtungen materieller Güter gegen die Taten, die gegen Menschen gerichtet sind? Schreckliche Bilder der Hinrichtungen von Christen gehen um die Welt, und man blickt wie paralysiert auf die Fernsehschirme, Tablets oder Smartphones. Nahezu zeitnah ist man dabei und findet keine Worte. Christenverfolgungen gab es schon immer – doch noch nie in dieser Dimension. Der stillte Trost kommt in mir hoch, dass die grausam Ermordeten in der Ewigkeit sind. Die Freude darüber sollte überwiegen, doch die Traurigkeit hält stark dagegen. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, tröstet Jesus und zeigt auf, wie sehr sein Leben und Wirken für die Menschheit ewigkeitsbezogen war. »Wer an mich glaubt, der wird leben –
und ob er gleich stürbe«, sagt Jesus.

Das Wochenende in Paris hat gezeigt: Mittlerweile geht es nicht nur mehr um Christen, sondern gegen alle, die anderen Glaubens sind als die Täter selbst. Mensch gegen Mensch, die Werte schwinden. Was können wir dem bloß entgegensetzen? Wir dürfen die Dinge dieser Welt mit beeinflussender Wirkung vor Gott bringen. Das, was wir Gläubigen mitbekommen haben, um Geschehnissen eine andere Richtung zu geben, liegt in den Patellen (Kniescheiben). »Betet, dass es nicht im Winter geschieht«, sagt Jesus, als er die Endzeit beschreibt. Das heißt, wir können Dinge bewirken! Ernsthaftes Gebet ist immer auch Fernwärme für Menschen, die frieren. Innerlich wie auch äußerlich. Zum Beispiel auch für die, die an unseren Grenzen gerade auf ein besseres Leben hoffen.

Ich bin noch nicht da, wo ich einmal sein möchte, nämlich in der himmlischen Gemeinschaft mit Christus. Aber ich bin auch nicht mehr da, wo ich einmal war. Geprägt von all den vielen Jahren »ohne Gott« in Politik, Wirtschaft und Showbusiness, lebe ich im Heute und darf das Gelernte nun mit einbringen, um Menschen mit der guten Botschaft bekannt zu machen. Wie wunderbar, wenn all unser Schaffen und Reden täglich mehr mit dem Gedanken des Ewigkeitswertes behaftet wäre!

Waldemar Grab

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Der Autor Waldemar Grab
Waldemar Grab ist Journalist. Von 1976 bis 1982 war er Chef-steward der Kanzlermaschine von Helmut Schmidt, Redenschreiber für Politiker und Wirtschaftsmanager. Der Hobby-Pianist wurde von TV-Produzent Wolfgang Rademann in einer Hotelbar entdeckt und ging 1998 als Showpianist auf das ZDF-Traumschiff »MS Deutschland«. Über das Lesen eines Neuen Testamentes in der Schublade seiner Luxuskabine kam er 2002 zum Glauben an Christus, besuchte eine Bibelschule und gründete 2006 den Verein »Missionswerk Hoffnungsträger«. Auf Haiti baut er derzeit mit Partnern ein Kinderdorf auf und ist mit rund 200 Veranstaltungen pro Jahr auf Konzert-, Vortrags- und Predigttour in Deutschland unterwegs.

Der, der den Mantel teilte

10. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: 1700 Jahre Sankt Martin – Feiern in Tours an der Loire

Start ins Martins-Jahr: Die französische Stadt Tours, Grablege des populärsten europäischen Heiligen, rüstet zur 1700. Wiederkehr seines Geburtstages.

In Frankreich, wo 237 Städte und Dörfer und 3 600 Kirchen den Namen Martins tragen, hoffen viele auf einen Besuch von Papst Franziskus am Grab des heiligen Martin. Wie der neue Papst, heißt es in Tours, hätte sich auch Martin ganz den Armen verpflichtet gefühlt, den Ausgestoßenen, Flüchtlingen, Bettlern und Gefangenen, deren Schutzheiliger Martin ebenso ist wie der von Soldaten, Reisenden und Reitern.

»Martin war vergessen, aber wir entdecken ihn jetzt wieder«, sagt Antoine Selosse im Martin gewidmeten europäischen Kulturzentrum. Im Heiligen sieht er einen konsequenten Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit. Sein jüngstes Projekt ist »Das grüne Band des heiligen Martin«, ein mehr als zweitausend Kilometer langer Streifen quer durch Europa, der Ungarn mit Frankreich verbinden soll.

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

Ein paar Kilometer rechts und links davon sollen in den nächsten Jahren zahlreiche umweltverträgliche, nicht primär kommerzielle Projekte erstehen. »Auf jedem Hektar kreieren wir neue Jobs, vom Biobauern bis zum Kunsthandwerker«, gibt sich der Projektplaner kämpferisch. »Dabei soll vor allem die Grundidee Martins propagiert werden: nämlich zu teilen!« Bekanntlich war dem Heiligen vor den Stadttoren von Amiens als römischer Soldat ein Bettler begegnet, dem er die Hälfte seines Mantels schenkte. In der Nacht darauf träumte er von Jesus, der genau diesen Mantelteil trug und zu ihm sagte: »Dies ist Martin, der römische Soldat, der nicht getauft ist. Er hat mich gekleidet.« Es war diese Vision, die ihn ermutigte, sich taufen zu lassen und ein neues Leben anzufangen.

Fachmännisch restauriert zeigen sich die Reste der alten Martins-Basilika, die mit über 100 Metern Länge einmal eines der größten Gotteshäuser Europas war. »Auch wenn man nicht gläubig war,« sagt Annick, die heute Touristen in deutscher Sprache auf den Spuren des Heiligen durch Tours führt, »die Größe dieser Kirche hat jeden bekehrt«. Vom um das Jahr 1 000 erbauten Turm Karls des Großen bietet sich dem Besucher heute ein einmaliger Blick über Tours. Im Friseursalon zu seinen Füßen finden sich noch ein paar Gewölbereste der Kirche, die einmal Martins Grablege war.

Schon bald nach seinem Begräbnis setzte der Pilgerstrom nach Tours ein, entwickelte sich »Martinopolis« zur Stadt, die Kaiser und Könige besuchten, die immer wieder aber auch Ziel kriegerischer Angriffe war. Als die Wikinger die Stadt einzunehmen suchten, heißt es in Tours, hätte man die Schädelknochen Martins auf die Stadtmauer gelegt, woraufhin die Angreifer vor Schrecken geflüchtet seien.

Es sind solche Geschichten, Legenden zumeist, welche die Pilgerreisen nach Tours bis heute beleben. Immer neue Erzählungen, die den Mythos um Martin seit Jahrhunderten beflügeln. Eine erzählt von Gänsen, deren Geschnatter ihn angeblich verraten hätte, als er sich vor seiner Wahl zum Bischof versteckt haben soll. Eine andere von seinem Esel, der im Sommer die Blätter von den Weinstöcken gefressen habe, worauf ihn seine Mönchsfreunde beschimpft hätten. Als im Herbst aber größere und süßere Trauben an den Reben hingen, werteten sie die Fresssucht des Esels rückblickend als ein Wunder. Und noch heute schwört mancher Winzer der Region darauf, dass es Martin gewesen sei, der den Qualitäts-Weinbau an der Loire so entscheidend beeinflusst hat.

Prächtige Herbergen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeugen in der Altstadt vom mittelalterlichen Pilgerstrom. Eine große Brücke führt über die Loire. Dort, auf der anderen Flussseite und nur ein paar Autominuten weiter, liegt das Kloster Marmoutier. 372 hatte es Martin gegründet, der auch nach der Wahl zum Bischof anno 371 ein asketischer Mensch blieb und keinen Wert auf bischöfliche Kleidung legte. Mit 80 Weggefährten soll er hier in kleinen Höhlen gehaust haben.

Am nächsten kommt man Martins Welt in der mächtigen Kathedrale von Tours, die dem ersten Bischof der Stadt, Gatianus, geweiht ist. Saint Gatien heißen ihn die Franzosen. Auf den großen, um 1300 entstandenen Glasfenstern der Kathedrale, die zu den ältesten und sehenswertesten Europas gehören, wird sein Leben lebendig. Sie zeigen Martin unter anderem als Exorzist, bei der Versuchung durch den Teufel, bei der Totenerweckung eines zur Taufe bestimmten Jünglings, beim Treffen mit dem Kaiser und dem Engel, der ihm den Zugang zum kaiserlichen Hof erst ermöglicht haben soll. Andere Fensterbilder zeigen, wie Heiden neben ihm einen Baum fällen ohne Martin zu verletzen, oder bei einem visionären Treffen mit den drei heiligen Frauen Maria, Agnes und Tecla.

Zu den Prunkstücken zählen die Darstellungen seiner Bischofsweihe am 4. Juli, weshalb Tours das Jubiläumsjahr bis zum 4. Juli 2017 ausdehnt. An diesem Tag gedenkt Frankreich heute des Heiligen – ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo der 11. November das Martinsfest markiert. An diesem Tag feiern die Franzosen seit 1918 traditionell den Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg. Damals hatten Frankreich und Großbritannien in einem Eisenbahn-Salonwagen im nordfranzösischen Compiegne das Ende bewaffneter Auseinandersetzungen mit Deutschland besiegelt – ein Friedensschluss, heißt es in Tours, der ebenfalls der Fürsprache des heiligen Martin gedankt sei.

Günter Schenk

Die Welt ist kleiner geworden

19. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wolfgang Bauer machte sich getarnt als Englischlehrer aus dem Kaukasus mit Syrern auf den Weg übers Meer

Das Buch »Über das Meer« beschreibt die Flucht von Syrern nach Europa. Der ZEIT-Reporter Wolfgang Bauer hat die fliehenden Menschen im September 2014 begleitet. Ein Jahr später ist die damals schon große Flutwelle riesig geworden und seine Reportage aktueller denn je. Claudia Götze sprach mit dem Autor.

Herr Bauer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, syrische Flüchtlinge bei ihrer Flucht über das Meer nach Europa zu begleiten?
Bauer:
Ich fahre seit 1990 regelmäßig in diese Region. Ich bin mit ihr mittlerweile sehr verwachsen und habe dort viele Kontakte. So habe ich mitverfolgt, wie immer mehr meiner Bekannten und Freunde aus Syrien flohen. Einer meiner Bekannten, ein Arzt aus Syrien, hatte bei der Flucht seine Frau und seine drei Kinder im Mittelmeer verloren. Ich habe kurz darauf mit ihm telefoniert. Und er erzählte mir, wie er im untergehenden Boot seine Frau festhielt, sie aber loslassen musste, weil ihm selber die Luft ausging. Er überlebte, sie starb. Durch die Auseinandersetzung mit ihm ist in mir die Idee entstanden, die Flucht über das Meer zu dokumentieren. Die Menschen dabei zu begleiten. Wir konnten aber nicht als Journalisten reisen, das wäre zu gefährlich gewesen. Der Fotograf und ich haben uns eine Geschichte von Englischlehrern aus dem Kaukasus zurechtgelegt, die nach Europa wollten. Unsere Tarnung war ein russischer Bibliotheksausweis. Ein widerliches Theaterspielen. Wichtig war, immer in der Rolle zu bleiben. Aus der Rolle zu fallen, hätte unser Leben gekostet.

Hatten Sie Angst?
Bauer:
Welche Angst meinen Sie? Wir hatten vor so vielen Dingen Angst. Bei so einer Flucht gibt es viele Unwägbarkeiten: Seenot, Ertrinken, Gefangennahme. Ich hatte vorher Kontakt zur italienischen Seite aufgenommen, damit die im Falle einer Festnahme meinen Namen kannten. Wir beschafften uns Neopren-Unterwäsche, Satelliten-Telefone. Ich hatte einen Seglerausstatter wegen der Ausrüstung befragt.

Würden Sie es noch einmal machen?
Bauer:
Nein!

Was haben Sie sich von dieser riskanten Recherche versprochen?
Bauer:
Ich wollte klarmachen, dass die Bürgerkriegsflüchtlinge nicht des Geldes wegen zu uns kommen. Die fliehen vor den Bomben, die suchen hier Sicherheit. Viele, die mit mir flohen, hatten früher Fabriken besessen, das sind Akademiker und Ärzte. Die Armen bleiben in Syrien oder schaffen es nur bis in die Nachbarregion.

Wolfgang Bauer: »Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht.« Foto: picture alliance

Wolfgang Bauer: »Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht.« Foto: picture alliance

Was bleibt als wichtige Erfahrung?
Bauer:
Wie wichtig es auf der Welt ist, den richtigen Pass in die Wiege gelegt zu bekommen. Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht. Ich habe auf der Reise großartige Menschen kennengelernt, die sich gegenseitig stützen. Wir haben aber auch schlechte Menschen getroffen, die Freunde verraten, nur um selber einen kleinen Vorteil davon zu bekommen. Nie vergessen werde ich sicher auch die Entführung. Zusammen mit den anderen Flüchtlingen wurden wir gekidnappt und vier Tage als Geiseln gehalten.

Warum ist Deutschland bei den Flüchtlingen so beliebt, wie erklären Sie das positive Deutschland-Bild?
Bauer:
Wir sind das Idol im mittleren Osten. Fußball, Wertarbeit, teure Autos. Hitler wird dort noch sehr verehrt, etwas, was mich immer sehr beschämt.

Die arabischen Golf-Staaten schauen dem Drama nur zu?
Bauer:
Sie schauen nicht zu, sie liefern Waffen, liefern sehr viel Lebensmittel an die im Land verbliebende Bevölkerung, aber sie nehmen keine Flüchtlinge auf. Das ist ein Skandal.

Wie kann die Fluchtwelle gestoppt werden ?
Bauer:
Wichtig wäre eine Flugverbotszone. Die meisten Menschen fliehen vor den Bomben. Wenn es gelingt, die Gefahr aus der Luft zu beseitigen, werden auch weniger Menschen fliehen. Assads Flugzeuge dürfen nicht mehr aufsteigen. Das hat der Westen in den letzten fünf Kriegsjahren versäumt. Jetzt haben die Russen ihre Jets in der Luft und bombardieren vor allem die gemäßigten Rebellen. Eine Katastrophe, die dem »IS« noch viel mehr junge Leute zuführen dürfte.

Welche Rolle spielt Russland?
Bauer:
Eine schlechte. Es verlängert den Krieg durch seine Waffen und jetzt auch direkt mit seinen Truppen um viele Jahre.

Warum haben hierzulande Menschen ein Problem mit den vielen Flüchtlingen?
Bauer:
Weil sie überfordert sind. Weil sie zu satt sind. Weil sie nicht begreifen, dass wir uns von der Welt nicht abkehren können. Die Welt ist kleiner geworden. Wir können aber die Flüchtlinge nicht aufhalten. Ihre Verzweiflung ist so enorm, dass sie kommen werden, egal wie. Die einzige Möglichkeit sie aufzuhalten ist: sie zu erschießen. Die Grenze mit Selbstschussanlagen auszustatten. Aber das wollen wir hoffentlich nicht. Deswegen, weil wir sie nicht stoppen können, müssen wir alles Mögliche tun, um den Vorgang so erträglich wie möglich für beide Seiten zu machen. Schnell Deutschkurse, schnell kulturelle Unterrichtungen, damit Missverständnisse vermieden werden können. Ich glaube, schon mittelfristig werden wir als Wirtschaft in Deutschland von den Bürgerkriegsflüchtlingen sehr profitieren.

Wie geht es weiter?
Bauer:
Wir sollten den Bürgerkriegsflüchtlingen etwas anbieten, was wir schon einmal denen aus Bosnien Anfang der 90er Jahre angeboten haben. Keine Einzelfallprüfung, sondern alle aus dem Kriegsland dürfen kommen, wenn sie sich bei Einreise verpflichten, nach Beendigung der Krise wieder zurückzureisen. Bei Bosnien hat das wunderbar funktioniert. Hunderttausende kamen, Zehntausende blieben, in Freundschaft und ohne Schlepper und ohne Tote an der Grenze.

Buchtipp:
Bauer, Wolfgang: Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa, Suhrkamp-Verlag Berlin 2014, 133 Seiten, ISBN 978-3-51-806724-6, 14 Euro

Einigungsprozess geht weiter

28. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Deutsche Einheit: Der Pfarrer und Journalist Matthias Gehler meint, Deutschland sei gereift und bereit für neue Herausforderungen

Vor 25 Jahren ging die DDR zu Ende. Der Sprecher der letzten und ersten frei gewählten DDR-Regierung blickt zurück und nach vorn.

Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte. Die Kritik an der Metapher von den »blühenden Landschaften« hört man immer seltener. Ich muss zugeben: Auch mir war stets zu viel naive Malerei in diesem Bild. Heute bin ich versöhnter. Vielleicht auch, weil wir alle 25 Jahre älter geworden sind. Altern macht weise.

Als wir nach den ersten demokratischen Wahlen am 18. März 1990 an die Regierung kamen, gingen wir zunächst noch von einer Regierungszeit von vielleicht sogar drei Jahren aus. Alles sollte geordnet vereint werden. Die Realität sah anders aus. Nach sechs Monaten war die DDR Geschichte. Die Dynamik der Ereignisse erforderte schnellere Lösungen. Pro Monat verließen Hundert­tausende die Noch-DDR und siedelten sich im Westen an. Die D-Mark musste eingeführt werden. Innenpolitisch waren trotz der Schwächen des in Eile gezimmerten Einigungsvertrages, der sozialen Härtefälle und der Veruntreuungsskandale bei der Treuhand kaum Alternativen möglich.

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner. Rechts im Bild: Das Sprecher-Duo von einst: Er ist heute Chefredakteur bei MDR Thüringen, sie ist Bundeskanzlerin – Matthias Gehler und Angela Merkel. Foto: Guido Werner

Auch außenpolitisch war das Zeitfenster begrenzt. Ich erinnere mich an unseren ersten Staatsbesuch Ende April in Moskau, der mein idealisiertes Gorbatschow-Bild ins Wanken brachte. Er behandelte uns wie Untertanen – dabei waren wir im Gegensatz zu ihm frei und demokratisch gewählt. Wir haben gegengehalten. Gorbatschow stand schon damals unter enormem innenpolitischen Druck in seinem Land. Dann kam sein Sturz. Die ehemalige UdSSR zerfiel völlig und damit der östliche Verhandlungspartner. Auch im Westen änderte sich die Blickrichtung: Die Iraker marschierten in Kuweit ein, und die Amerikaner sahen nicht tatenlos zu. Eine sich anbahnende weltweite Rezession tat ihr Übriges.

Aber schon als ich etwa zehn Jahre nach der Wiedervereinigung im Auftrag der Bundesregierung in Südkorea war, schlug mir durchweg Bewunderung für die deutsche Wiedervereinigung entgegen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Koreaner haben Respekt vor diesem Kraftakt und sind sich nicht sicher, ob sie das einmal selbst hinbekommen.

Schritt für Schritt und mit gebotener Vorsicht hat sich Deutschland zu einem Land entwickelt, dass sich in der Welt Ansehen erarbeitet hat. Dazu beigetragen haben nicht nur die Wirtschaftskraft, Kultur und Gastfreundschaft, zum Beispiel bei der Fußball-WM, sondern auch das kluge Agieren von Politikern. Wir stehen für Demokratie und Fortschritt. Es gibt schon längst ein weit verbreitetes gesundes Nationalbewusstsein, das neonationalsozialistischem Extremismus mehrheitlich die Stirn bietet. Deutschland ist gereift.

Und jetzt stehen wir vor einer Herausforderung, die wir vielleicht so nicht hätten früher angehen können – die Flüchtlinge. Sie kommen zu Zigtausenden und suchen bei uns das »gelobte Land«. Sie haben Merkel-Bilder in der Hand, benennen ihre Kinder nach ihr, und Erwachsene sagen Mama zur Kanzlerin. Ist uns das peinlich? Nun, zumindest ist die Frau gewählt, steht für Demokratie und Werte, die den Schutzsuchenden fehlen. Das wiedervereinte Deutschland gibt Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Von New York Times bis BBC berichten die Medien weltweit darüber. Die Kanzlerin sagt: »Wir schaffen das«.

Was hier passiert, sucht Seinesgleichen in der Geschichte und hat auch etwas mit Religion zu tun. So säkularisiert dieses wiedervereinte Deutschland auch sein mag, wir offenbaren Werte, die christliche Fundamente haben. Damit antworten wir nicht nur auf IS, sondern praktizieren Nächstenliebe. Das christliche »Abendland« ist nicht in Gefahr, sondern erweist sich gerade in dieser Situation als christlich. Das wirkt auch auf uns zurück. Es schafft gesundes Selbstbewusstsein und Klarheit. Daran ändert auch nichts, wenn nun nach Regelungen gerufen wird, wieder Grenzkontrollen stattfinden, Kapazitäts- und Verteilungsdiskussionen zwischen den Bundesländern und den Ländern der EU geführt werden. Deutschland ist in punkto Menschlichkeit soweit vorangegangen, dass andere Länder sogar das deutsche Wort »Willkommenskultur« aufgegriffen haben.

Die Mühen der Ebene kommen erst noch. Nicht jeder, der unser Gast ist, wird sich konform verhalten, und nicht jeder Gastgeber wird sich als guter Gastgeber erweisen. Das müssen wir aushalten. »An ihren Werken sollt ihr sie erkennen« – na dann mal anpacken. Wenn die 40 Jahre Wüste in der DDR und die 25 Jahre Kanaan jetzt zur Öffnung des »Auenlandes« geführt haben, dann dürfen wir vielleicht schon wieder von einem »Sommermärchen« sprechen. Das wird uns allerdings noch Jahre Integrationsarbeit abverlangen. Ich habe keine Bange um Deutschland. Die Wiedervereinigung ist gelungen. Die ganze Welt hat es begriffen. Wir auch?

Matthias Gehler

Ein Glücksfall in der deutschen Geschichte

25. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Der Opernsänger und Entertainer Gunther Emmerlich blickt auf 25 Jahre deutsche Einheit

»Ich freue mich nach wie vor über die deutsche Einheit«, sagt der Sänger und Moderator Gunther Emmerlich. Mit ihm sprach Willi Wild

Herr Emmerlich, welche Erinnerung haben Sie an den 3. Oktober 1990?
Emmerlich:
Den haben wir gefeiert und zwar in meinem Garten mit Freunden aus Sachsen und Oberfranken. Das war ja ein verhältnismäßig warmer Herbsttag. Es sollten bei dieser Feier auch die dabei sein, mit denen wir uns wiedervereinigen. Gegen Mitternacht sind wir runter in die Stadt gefahren auf den Theaterplatz. Und da waren viele, viele Menschen. Die Blechbläser der Staatskapelle haben auf dem Balkon der Semperoper »Nun danket alle Gott« gespielt. Und wir haben uns an den Händen gehalten und Rotz und Wasser geheult.

Das ist ein Ereignis, das Sie auch nach 25 Jahren emotional berührt?
Emmerlich:
Ja, es gibt ein paar Ereignisse, die durchlebt man immer noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt.

Rückblickend auf 25 Jahre deutsche Einheit, was ist gelungen oder was haben Sie sich damals anders vorgestellt?
Emmerlich:
Es ist kein Bauplan nach dem man sich richten kann und alles geht gut. Das ist etwas komplizierter. Das hatte es auch nirgendwo auf der Welt bislang gegeben. Ich will hoffen, dass eines Tages vielleicht auch Südkorea und Nordkorea vereint sein werden. Und dann könnten die Koreaner von uns lernen, auch aus unseren Fehlern. Es war ein Kraftakt. Und es schien, als wären die Skeptiker fast in der Überzahl. Auch manchen Medien hat es damals große Freude bereitet, diesen Einheitstag durch den Kakao zu ziehen. Es schien gelegentlich so, als ob man von einer Geburtstagsfeier berichtet und die Kamera steht auf der Toilette. Solche Berichte gab es damals. Das entsprach keineswegs meinen Empfindungen. Dass nicht alles glatt laufen würde, war zu befürchten und so war es denn auch. Aber in der Summe aller Dinge war es ein Glückstag, und er hat sich auch in den darauffolgenden Jahren als solcher erwiesen. Wenn ich nur allein unsere alten, maroden Städte hernehme. Das war doch wirklich höchste Eisenbahn. Noch ein paar Jahre, dann wär das alles in sich zusammengebrochen. Viele sagen ja, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Ich vollende den Satz gern mit den Worten, es hat nur bissel lange gedauert.

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Sie jetzt auf Ihre Geburtsstadt Eisenberg blicken, 25 Jahre nach der Deutschen Einheit. Was hat sich verändert?
Emmerlich:
2004 bin ich zum Ehrenbürger von Eisenberg ernannt worden. Das hat mich natürlich sehr stolz gemacht. In meiner Dankesrede habe ich auch erwähnt, dass Eisenberg gute Voraussetzungen hat, um sich prosperierend zu entwickeln. Ob da manches hätte wegbrechen müssen, das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall gab und gibt es eine ganze Menge Industriebrachen. Es ist aber auch viel Neues entstanden. Und der Aufschwung braucht Zeit, daran muss man arbeiten. Die Reformation ist auch nicht in 25 Jahren vollendet gewesen. Das einiges geschehen ist, kann man nicht übersehen. Ich sage manchmal, zu DDR-Zeiten fiel das eine Haus auf, das gerade mal renoviert war. Jetzt fällt das Haus auf, das noch nicht renoviert ist.

Sie sind im Showgeschäft zu Hause. Erleben Sie da heute noch die Unterschiede zwischen Ost und West?
Emmerlich:
Ich habe mich nicht in die Ostschmollecke zurück gezogen, sondern bin durch die nun offenen Türen gegangen. Mal mit größerem, mal mit weniger Erfolg. Man sagte damals, geh ins Offene und das habe ich getan. Gott sei Dank! Es sind neue Freundschaften entstanden, alte Freundschaften habe ich nicht in Frage gestellt. Es sei denn, die »Freunde« haben der Stasi regelmäßige Berichte über mich geschrieben. Beim Tournee-Theater zum Beispiel ist es weniger interessant, woher einer kommt, sondern ob er seine Sache gut macht. Das nehme ich für mich in Anspruch, sonst hätte ich nicht so viele Auftritte.

Für viele Christen ist die Wende und die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk. Wie sehen Sie das?
Emmerlich:
Der liebe Gott hat sicherlich auch dafür gesorgt, um in dieser Richtung handeln zu können. Aber es musste auch gehandelt werden. Manche sagen: Das dauert seine Zeit, oder Gott wird es schon richten. Gottvertrauen ist gut. Ich denke, der liebe Gott baut auch auf uns, dass wir dann in solchen Situationen das Richtige tun.

Trotz anfänglicher Skepsis haben den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche viele Menschen hilfreich begleitet, im In- und Ausland. Und jetzt steht sie als Symbol für Frieden und Versöhnung.

»Es gibt Ereignisse, die durchlebt man noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt«

Eines Tages kam ein Arzt aus Lüdenscheid auf mich zu und erzählte mir von einer renovierungsbedürftigen Rokoko-Kirche in Berka vor dem Hainich. Das ist weit weg von Lüdenscheid. Seine Initiative, dort etwas zu machen, hat mich gerührt und aktiviert. Mittlerweile erglänzt diese Rokokokirche in alter Schönheit. Ich könnte noch viele solcher Initiativen hinzufügen. Eine meiner vornehmsten Pflichten, die ich gern übernommen habe, ist die Schirmherrschaft für die Generalsanierung der Stadtkirche in Wittenberg. Und auch da gibt es Hilfe aus allen Himmelsrichtungen. Das ist ja doch vielleicht die wichtigste Kirche für unseren Glauben überhaupt.

Zum Schluss noch eine Bitte. Können Sie den folgenden Satz weiterführen: Die Deutsche Einheit ist für mich …
Emmerlich:
… ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Die Konstellation war günstig und es haben viele das Richtige getan. Es gibt immer noch viele, die sich erfreuen an dem, was nicht klappt. Meine Freude über das, was klappt, ist größer. Ich weiß natürlich auch, dass noch nicht alles funktioniert. Aber das sehe ich gerade als die Herausforderung dieser Tage. Ich freue mich nach wie vor über die Einheit. Wobei ich keine Vereinheitlichung möchte. Ich sehe auch einen großen Unterschied zwischen Hamburgern und Leuten aus Garmisch-Partenkirchen. Und die waren immer in einem Teil Deutschlands. Und ich sehe auch den großen Unterschied zwischen Dresdnern und Rostockern. Und das stört mich nicht. Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen.

Grenzen der Nächstenliebe?

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Der Ansturm auf Europa und vor allem Deutschland fordert das »christliche Abendland« heraus

Mehr als 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland um Asyl bitten, vielleicht auch noch mehr. Gibt es ein Zuviel an Zuwanderung? Die Kirche muss Antworten finden.

Wenn es eine menschliche Welle gibt in Deutschland, dann ist es eine Welle des guten Willens. Flüchtlingshelfer arbeiten, um Abertausende Flüchtlinge aufzunehmen. Ehrenamtliche, Beamte, Christen und Nicht-Christen. Bis zur Erschöpfung. Gibt es eine Grenze?

Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU), Protestant aus Sachsen, hat sie unlängst so definiert: Das Grundrecht auf Asyl habe keine Obergrenze – aber 800 000 Flüchtlinge pro Jahr wie derzeit »sind auf Dauer zu viel« für Deutschland. Am Wochenende hat er wieder Kontrollen an Deutschlands Grenzen eingeführt. Auch de Mazières früherer Landesbischof, der Ende August aus dem Amt geschiedene Jochen Bohl, mahnte eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern aus Syrien und den Balkanländern an: »Einwanderung ist etwas anderes als Flucht.« Die Probleme in Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Große Koalition sieht das ähnlich wie die EU. Die grüne und linke Opposition ist mehr oder weniger dagegen. An realen und virtuellen Stammtischen wird heftig gestritten.
Es gibt nur die Wahl zwischen einem großen Übel und einem noch größeren: Notleidende abzuweisen, um noch Notleidendere aufnehmen zu können. Zwischen Schuld und größerer Schuld. Denn die Fakten sind: Auch ohne Krieg ist das Elend groß auf dem Balkan oder in Afrika. Die Staatswesen im Kosovo, in Albanien und Montenegro sind von Korruption und organisierter Kriminalität verseucht, Minderheiten wie die Roma werden diskriminiert. Fast die Hälfte der Kosovaren lebt nach UN-Angaben von weniger als 1,42 Euro am Tag, schätzungsweise 70 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeit und Perspektive. Kein Grund, das Weite zu suchen?

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

»Ich finde die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen problematisch«, sagt Ulf Liedke, Ethik-Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Hinter dem Reden von Grenzen der Aufnahmebereitschaft in Deutschland steht ganz häufig die Angst vor Einschränkungen und das Gefühl, zu kurz zu kommen. Objektiv verdient wegen der Flüchtlinge niemand weniger – die Ressourcen für ihre Aufnahme stehen unserem reichen Land zur Verfügung.«

Doch schon bringt ein Finanzexperte des renommierten Ifo-Instituts die Rücknahme der Rente mit 63 ins Gespräch, um die Milliardenkosten für Flüchtlinge zu bezahlen. Es wäre ein erster Test, wie teuer vielen ihre Nächstenliebe ist. Doch da gibt es noch die andere Rechnung: Wie viel Gewinn Flüchtlinge für Deutschland sein könnten. Menschlich – aber auch in der Wirtschaft. So wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädiert der Berliner Bischof Markus Dröge für ein Einwanderungsgesetz: »Auch wer politisch nicht verfolgt ist, muss eine faire Chance haben, einwandern zu können«, sagte Dröge auf einer Friedenskonferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Gibt es ein Zuviel? Was es mit Sicherheit gibt, ist ein Zuviel an Ungerechtigkeit weltweit – viel Armut dort, viel Reichtum hier. Beides oft unverdient. Und mitunter hängt beides zusammen. Gibt es auch ein Zuviel an Nächstenliebe?

Heinrich Bedford-Strohm machte sich gemeinsam mit Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie-Katastrophenhilfe, am Montag in Ungarn und Serbien selbst ein Bild der dortigen Lage. Abschottung, egal ob in Ungarn oder in Deutschland, halten beide für das falsche Mittel in der Flüchtlingspolitik. Grenzkontrollen dürften nur eine Notmaßnahme, eine Atempause in einer Krisensituation sein, mahnt Bedford-Strohm. »Aber es kann nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht, mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen.« Das Selbstverständnis der EU würde mit Füßen getreten, wenn sich Europa wie eine Festung gegenüber anderen abschottet. »Wer verzweifelt ist, findet seinen Weg. Wenn man in Ungarn diesen Zaun baut, dann werden die Menschen sich andere Routen nach Europa suchen.«

»Wir haben kein harmloses Evangelium, das uns nur in dem bestärkt, was wir sind. Die Liebe Gottes fließt zu uns und muss aus uns weiterfließen«, sagt der Dresdner Ethik-Professor Ulf Liedke – und er sieht, wie es im tausendfachen Engagement geschieht. »Aber manchmal erlebe ich uns so wie die Jünger in Jesu Heilungsgeschichten, wenn einer am Wegesrand um Erbarmen ruft – und sie zu ihm sagten: Bleib still!«

Andreas Roth

Am Ende ratlos

15. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Mancher hofft auf eine einfache Lösung für den Nahen Osten – eine Diskussion in Erfurt zeigte die Probleme

Siedler gelten als Hauptproblem im Nahostkonflikt. In Erfurt war erstmalig eine israelische Siedlerin auf einem Podium – und diskutierte mit einem Palästinenser und einem Nahostkorrespondenten.

Sie ist charmant, 24 Jahre alt, in Leningrad geboren und hat in Köln ihr Abitur abgelegt. Anschließend ging sie nach Israel, diente in der Armee und lebt jetzt in einer israelischen Siedlung südlich von Jerusalem. Bekannt wurde sie durch ihren Internet-Blog »Ich, die Siedlerin«. Für Chaya Tal ist klar, dass ganz Judäa und Samaria, die alten biblischen Gegenden, ursprüngliches jüdisches Siedlungsland sind, und deshalb auch zum Staat Israel gehören sollten. Unabhängig davon legt sie Wert auf die Feststellung, dass das Land, welches sie jetzt bebaut, rechtmäßig durch Kauf erworben wurde.

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Ayman Qasarwa wurde im palästinensischen Dschenin in einer im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 vertriebenen bzw. geflüchteten Familie geboren. Er studierte in der früheren DDR, lebt heute in Weimar und ist Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt. Qasarwa macht sogleich klar, dass die angeblich Jahrtausende zurückliegende Besiedlung Palästinas durch die Juden nicht belegbar und lediglich eine Fantasievorstellung der Thora sei. Und Siedlungsland sei nicht gekauft, »nein, es ist weggenommen worden«. Für ihn sind alle Siedlungen illegal und Chaya Tal eine Frau, die durch ihre Einwanderung nach Israel »den Platz eines Palästinensers weggenommen hat, die dort schon immer leben«.

Der dritte in der Runde, die sich im Rahmen der Achava-Festspiele auf dem Podium im Barocksaal der Erfurter Staatskanzlei versammelte, war der auch den Kirchenzeitungslesern bekannte Journalist Ulrich Sahm. Seit 40 Jahren lebt er in Israel und beobachtet den Konflikt. Er beklagt vor allem den Missbrauch von Begriffen und Schlagworten in der öffentlichen Diskussion. Schon der Begriff Palästina sei fragwürdig, die Bezeichnung erst von den Römern nach der endgültigen Eroberung der Region als Name eingeführt. Und Palästinenser gibt es erst, seit das Wort 1967 in der zweiten Charta der PLO als Selbstbezeichnung eingeführt wurde. Bis dahin nannte sich die nichtjüdische Bevölkerung schlicht Araber.

Den Wunsch nach Frieden betonen beide Seiten. Aber wie kann ein friedliches Zusammenleben konkret aussehen? Die zahlreichen Zuhörer konnten manche Beobachtungen machen, die Aufschluss über die Schwierigkeiten des Nahost-Dialogs geben. Da gab es die auch von weiteren palästinensischen Gästen in der offenen Diskussion zu hörende These, dass Palästina immer schon und allein von Palästinensern besiedelt war. »Wer jüdische Geschichte in Israel nachweisen will, braucht nur einen Spaten nehmen und ein wenig zu graben«, so Chaya Tals Antwort auf diese Delegitimation Israels.

Da war kein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels als jüdischer Staat aus palästinensischem Mund zu hören. Zwar wird als Voraussetzung der Zwei-Staaten-Lösung das Rückkehrrecht der Palästinenser auch in die israelischen Gebiete gefordert. Doch erklärte Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas erst jüngst, in einem künftigen Palästinenser-Staat sei kein Platz für Juden. Ob er sich vorstellen könne, dass in einem Staat Palästina die jüdische Siedlerin Tal mit israelischem und palästinensischem Pass leben könne, wurde Qasarwa konkret gefragt. Die Antwort: »Warum dann nicht gleich in einem gemeinsamen Staat mit gemeinsamer Regierung?« Was Sahm mit Hinweis auf die Zahlenverhältnisse als »demografischen Selbstmord« bezeichnete. Juden würden dann als Minderheit in einem arabischen Staat leben. Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Erfahrung des Umgangs mit jüdischen Minderheiten in europäischen wie arabischen Staaten eine kaum erträgliche Vorstellung für Israelis.

Am Ende blieb Ratlosigkeit. Die vielleicht sogar gut ist. Denn eine Beobachtung Sahms ist es auch, dass besonders die Deutschen gern für alles eine Lösung und entsprechende Ratschläge haben. Wobei die so ersehnte »endgültige« Lösung des Nahostkonfliktes nur allzuschnell nicht nur sprachlich in die Nähe einer »Endlösung« zu geraten drohe. »Wir sagten früher immer: ›Die beste Lösung ist Gummilösung‹«, so das Fazit eines Besuchers.

Harald Krille

Der Samariter mit den Bonbons

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Wie Fabian Groh innerhalb von 48 Stunden zum Seelsorger für Flüchtlinge in Budapest und Saalfeld wurde

Die Bilder von den Flüchtlingen haben ihn nicht mehr losgelassen. Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz will helfen, nicht nur reden. Spontan packt er Wasser, Brot, Plüschtiere und Süßigkeiten in sein Auto und fährt los – ohne Navi, ohne Landkarte. Sein Ziel ist der Ostbahnhof in Budapest. Dort, wo viele Hundert Menschen aus Syrien, Pakistan und anderen Ländern ausharren. Über seine Eindrücke sprach er mit Willi Wild.

Warum sind sie spontan nach Budapest gefahren?
Groh:
Ich hielt das für notwendig. Die Handlungsanweisung dazu finde ich in der Bibel, mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder Matthäus 25, Vers 40: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Wenn wir als Kirche weitermachen wie bisher und die halb toten Leute vor unserer Tür liegen lassen, dann werden wir dem Herrn nicht gerecht. Ich bin losgefahren und habe mich in Budapest durchgefragt zum Ostbahnhof, zur Keleti-Station. Und bin dort einfach hingegangen.

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Was haben Sie vor Ort erlebt?
Groh:
Tausende Menschen lagen und lagerten im Bahnhof auf der Erde, bedroht von Hooligans, geschützt von der Polizei. Ich traf auf Familien mit Kindern, aber auch alte und kranke Menschen. Einige hatten mich gebeten, sie doch nach Deutschland mitzunehmen. Der alte Mann mit Katheter, der neben seinem Rollstuhl auf der Erde lag, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Diese verzweifelte Situation ging mir so zu Herzen, dass ich still stehen blieb und gebetet habe.

Konnten Sie den Menschen helfen?
Groh:
Allein, dass ich da war, die Not gesehen habe, hat den Menschen geholfen. Ich habe zugehört, von meinen Hoffnungen erzählt. Nahrungsmittel und Getränke, die ich mitgebracht hatte, habe ich verteilt. Eine kleine »Schatzkiste« hatte ich ebenfalls eingepackt. Darin waren Bonbons, die ich sonst an Kinder im Gottesdienst verteile. Die Kiste habe ich aufgemacht. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen konnten sich Bonbons nehmen. Das Wichtigste war, einfach nur da zu sein, um den Menschen zu zeigen, ihr seid nicht allein und ihr seid willkommen.

In der Nacht sind sie dann wieder zurückgefahren?
Groh:
Das war nicht abzusehen. Nach Mitternacht kamen Busse an. Sie sollten die Flüchtlinge an die österreichische Grenze bringen. Keine Ansage, kein Offizieller. Wir wenigen Freiwilligen haben auf Zuruf denen, die uns verstanden, die Informationen weitergesagt. Einige waren gerade erst eingeschlafen. Mir wurde die Aufgabe zuteil, dafür zu sorgen, dass alle geweckt werden. Das ging auf Zuruf. Eine mir fremde Frau sprach mich an und bat mich zu helfen. Die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die meisten aus Syrien, aber auch aus Pakistan, und anderswo, strömten in Richtung der Busse. Nachdem die vielen Menschen den Bahnhof verlassen hatten, habe ich mich auch auf den Weg gemacht. Am nächsten Tag sollte ich schließlich in Thüringen eine Trauung halten.

Sie wurden von den Ereignissen eingeholt. Ein Zug mit 500 Flüchtlingen war auf dem Weg nach Saalfeld. Wie haben Sie reagiert?
Groh:
Im Autoradio habe ich davon gehört. Obwohl ich müde war, wollte ich doch in Saalfeld dabei sein, in der Hoffnung, Menschen vom Budapester Ostbahnhof wiederzuerkennen. Es war überwältigend am Saalfelder Bahnhof. Da kamen all die Menschen vom Keleti-Bahnhof auf mich zu: der alte Mann im Rollstuhl mit seiner Familie, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Wie am Vorabend in Budapest habe ich ihnen Bonbons aus meiner Schatzkiste gereicht, jetzt in Deutschland. Das hätten wir am Vorabend nicht zu träumen gewagt. Einige haben mich gleich umarmt, und voller Freude haben wir uns in die Augen geschaut.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Groh:
Neben dem Dienst in den Gemeinden und der Situation hier vor Ort, gilt mein Engagement den Menschen, die noch weiter südlich von Ungarn unterwegs sind. Ich denke, wir haben als Kirche den Auftrag, uns um diese Menschen zu kümmern. Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, diese Leute vor der Südgrenze Ungarns zu empfangen. Die Bundeskanzlerin habe ich aufgefordert, das Botschaftspersonal in den europäischen Staaten zu erhöhen, sodass Menschen dort über die Botschaft legal nach Deutschland einreisen können.

Wir brauchen legale Zuwanderungswege nach Deutschland. Es geht nicht, dass wir die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir brauchen legale Fähren, Sonderzüge an den syrischen Grenzen.

Auch unsere Landesbischöfin Ilse Junkermann habe ich gebeten, auf die Deutsche Katholische Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuzugehen mit diesem Thema. Die christlichen Kirchen haben die Aufgabe, sich für die Flüchtlinge bei der Bundesregierung stark zu machen.

Was ist Ihre Motivation?
Groh:
Schlicht und einfach fühle ich mich als Christ dazu berufen. Das hat auch viel mit meiner Biografie zu tun. Ich bin durch verschiedene Lebenssituationen so geprägt und will Menschen in Not nicht allein lassen. Das ist ein Grund, warum ich Pfarrer bin. Dem Landkreis Saale-Orla habe ich angeboten, in meiner Dienstwohnung Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben ein leer stehendes Gästezimmer und bewohnen zu viert 140 Quadratmeter. im Pfarrhaus. Das ist viel zu viel für uns. Da ist durchaus noch Platz, beispielsweise für eine Mutter mit Kindern.

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