»Gott schickte mir die besten Engel«

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen in der DDR: Ausgerechnet in der NVA-Zeit fand Lothar Rochau zum Glauben. Er wurde Diakon und wollte fortan keine faulen Kompromisse mehr machen.

Wenn Lothar Rochau über die Zeit spricht, die zu seiner Verhaftung, Verurteilung und erzwungenen Ausreise führte, dann klingt es, trotz allem, wie die Zeit seines Lebens. Die hellen Augen leuchten, erinnert er sich an die Freitagabende im Bauwagen auf dem Kirchengelände in Halle-Neustadt. Seine Lippen formen ein Lachen, denkt er an seine Freunde, die Visionen, die sie teilten, die Aktionen, die sie planten. Seine Stimme zitiert fröhlich aus den Büchern, die sie lasen. Er springt vom Stuhl auf, zeigt Fotos: Rüstzeit in Braunsdorf im Thüringischen, Werkstatt-Tage in Neustadt, Fahrraddemo durch Halles Altstadt. »Ich hatte so wunderbare, mutige, so tolle junge Leute um mich und wir hatten so viel Freude«, sagt er.

Eine Zeit der Befreiung. Dabei war die Offene Arbeit, die Rochau als Jugenddiakon in der Kirchengemeinde in Neustadt – der sozialistischen Musterstadt – 1977 aufbaute, umstritten. Nicht nur bei der Stasi oder offiziellen staatlichen Stellen, sondern auch in seiner Kirche.

Bruder Rochau praktizierte die Offene Arbeit nach dem Vorbild Walter Schillings aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Offene Arbeit war mehr als Arbeit, es war ein Lebensentwurf. »Die Befreiung des Menschen durch den Menschen. Du hast deine ganze Person in die Waagschale gelegt«, erklärt Lothar Rochau. Die radikale Öffnung der Jungen Gemeinde war die Antwort auf ein politisiertes staatliches Bildungssystem und der Versuch, Kirche für andere und mit anderen zu sein. Aber die von Staat und Stasi vorangetriebene Differenzierung zwischen dem Diakon und den jungen Leuten auf der einen und der Kirchengemeinde auf der anderen Seite, gewinnt letztlich der Staat. Rochau wird 1983 von seiner Kirche entlassen.

Lothar Rochau. Foto: Katja Schmidtke

Lothar Rochau. Foto: Katja Schmidtke

Verlassen fühlt er sich nicht – zumindest nicht von Gott. Denkt er an seine Inhaftierung im »Roten Ochsen«, spricht er zwar von Einsamkeit, aber auch von der Kraft, die ihm die Leidensgeschichte Jesu gab und von den »besten Engeln, die Gott immer wieder zu mir schickte«. Der Prozess und die Haft sind Prüfungen, gewiss. Aber Angst? Nein. »Wir riskieren in der DDR vielleicht unser Wohl-Leben, nicht aber unser Leben«, zitiert Rochau Robert Havemann. Der Diakon sieht selbst in den dunklen Stunden seinen Weg. »Und ich wusste, irgendwann werden es auch die anderen sehen. Ich hatte ein tiefe Zuversicht.«
Die tiefe Zuversicht des Glaubens wurde Lothar Rochau nicht in die Wiege gelegt. Was er aufsog mit der Muttermilch, das waren Liebe, Sicherheit, Urvertrauen. »Ich zehre ein Leben lang von dem, was meine Mutter mir gegeben hat«, sagt er mit Zärtlichkeit.

1952 in Weißensee/Thüringen geboren, wird der Säugling auf Bestreben der Mutter getauft. Aber als der Vater 1955 Parteisekretär wird, »ist Ruhe mit Kirche« im Hause Rochau. Mit 13, 14 Jahren liest er Hermann Hesse, Leo Tolstoi und Albert Schweitzer. Er lässt sich die Haare wachsen, trägt Parka, hört Blues. Er ist ein Kunde, ein Tramper. Und als ihm, der 1 000 Meter in 2:55 Minuten läuft, die Teilnahme an der Spartakiade verboten wird, weil er lange Haare hat, verändert ihn das.

Zum Glauben findet er einige Jahre später, ausgerechnet bei der Armee. Nach einem Lazarettaufenthalt macht er auf dem Weg zurück zur Kaserne in Eggesin Stopp in Ueckermünde und geht, einem inneren Bedürfnis folgend, in die Kirche am Markt. »Ich muss einen ziemlich traurigen Anblick abgegeben haben«, sagt er heute lachend. Eine Dame setzt sich zu ihm, schenkt ihm ein kleines blaues Neues Testament. Die Bergpredigt und besonders die Seligpreisungen sind eine Offenbarung für den jungen Mann. Er kehrt als Christ von der NVA zurück. Nach Glaubensunterricht bei Pfarrer Siegfried Merker in Weißensee ist Rochau klar, dass er sich in den Dienst der Kirche stellen möchte. »Ich möchte etwas Praktisches tun, etwas mit Menschen«, sagt er dem Geistlichen und beginnt 1973 in Eisenach und Neinstedt seine Ausbildung.

Der Jugenddiakon ist kein frömmelnder Christ, aber ein politischer. Das Christentum verlange, sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzumischen. Rochaus Tun stützt sich auf zwei Grundpfeiler: Die Botschaft radikal ernst zu nehmen und die Ebenbildlichkeit Gottes in den Menschen zu erkennen.

Das gilt auch für seine politischen Gegner; Feinde nennt er sie nicht. Die Boshaftigkeit seiner Stasi-Vernehmer greift ihn an. Aber er sieht hinter der Fassade, hinter dieser Hülle die Menschen. »Sie taten mir leid, sie liefen an ihrer Bestimmung als Mensch vorbei.« Mit dem Staatsanwalt, der Rochau angeklagt hat, sprach er sich kurz nach der Wende aus. Seinem Verteidiger Wolfgang Schnur, der für die Stasi spitzelte, hat Rochau die Absolution nach einer absurden Szene verweigert. Detlef Hammer, Oberkonsistorialrat und Offizier im besonderen Einsatz, verstarb 1991 völlig überraschend.

Besonders wichtig war Lothar Rochau nach der Wende das Gespräch mit Helmut Hartmann, dem damaligen Superintendenten von Halle. Pfarrer Hartmann schätzte Rochaus Arbeit in Neustadt, er schützte ihn so lange es ging und konnte am Ende doch nicht helfen, sondern musste ihn entlassen. »Es tut mir bis heute weh, dass alles auf dem Rücken von Helmut Hartmann ausgetragen wurde«, beklagt Rochau.

Hat er inzwischen verziehen, seiner Kirche vergeben? »Schuld und Vergebung sind individuelle Prozesse«, sagt er. Dennoch berührt ihn das Bußwort der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Es sei ein Eingangstor, ein Arbeitsauftakt. Lothar Rochau denkt nicht nur an die Hauptamtlichen, die bedrängt und drangsaliert, ausgewiesen und mit zeitweiligem Berufsverbot belegt worden sind. Er denkt auch an all die Gemeindeglieder, die Ehrenamtlichen und an seine Freunde von der Offenen Arbeit.

Katja Schmidtke

Hintergrund

Jugenddiakon Lothar Rochau kommt 1977 nach Halle-Neustadt. Schnell spricht sich unter den unangepassten Jugendlichen herum, dass sie in der Kirche am Rande der Plattenbauten eine Heimat finden können. Mit den Werkstatt-Tagen schaffen sie ein republikweit bekanntes Festival. Spätestens, als die Offene Arbeit (OA) regimekritische Künstler einlädt, forciert der Staat die Differenzierung zwischen Gemeindeleitung und OA-Akteuren.

Nachdem 1981 zwei Freunde der OA verhaftet und verurteilt werden, entscheidet die Kirchengemeinde, »dass die Jugendarbeit von Rochau nicht mehr verantwortet werden kann«. Kirchenkreis und Neinstedter Bruderschaft können nicht vermitteln. Offiziell zur Weiterbildung beurlaubt, sucht Rochau im gesamten Gebiet des Bundes Evangelischer Kirchen nach Arbeit – erfolglos. Ende Februar 1983 wird er entlassen.

Aber er macht weiter. Er und seine Freunde wagen mehr. Am 5. Juni 1983 startet eine Fahrraddemo gegen die Umweltverschmutzung durch die Chemieindustrie. Rochau wird am 23. Juni festgenommen, im September zu drei Jahren Haft verurteilt und im Dezember in die Bundesrepublik abgeschoben. Kurz nach dem Mauerfall kehrt er nach Halle zurück. Er arbeitet bis zu seiner Pensionierung in der Stadtverwaltung und ist heute ehrenamtlich Ombudsmann für Soziales.

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»Das letzte Wort wird Christus sprechen«

26. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Lieblingsfeind der Stasi: Ludwig Große erinnert sich an seine Zeit als Superintendent in Saalfeld

Vorsichtiges Taktieren und lauwarmes Gerede sind Ludwig Großes Sache nie gewesen – schon als junger Pfarrer in Tannroda nicht, als Superintendent in Saalfeld von 1970 bis 1988 schon gar nicht. Das hat ihn zum Lieblingsfeind der Stasi gemacht. Als er sich vor 30 Jahren überzeugen ließ, als Oberkirchenrat und Ausbildungsdezernent in den Eisenacher Landeskirchenrat zu wechseln, hatte sich das Ministerium für Staatssicherheit allerdings die Zähne an ihm ausgebissen. Dabei ist nichts unversucht gelassen worden, um ihn zu disziplinieren.

Mittlerweile ist Ludwig Große alt geworden, fast 85. Wir sitzen mit seiner Frau im Wohnzimmer des Bad Blankenburger Hauses, das ihr Großvater gebaut hat. Der Blick geht ins Weite und in die Vergangenheit. »Nur gut, dass wir uns damals der Gefahren nicht so bewusst gewesen sind«, sagt Ursula Große, die als Fachärztin für Allgemeinmedizin immer berufstätig war.

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Seine Stasiakten haben im Nachhinein gezeigt, dass an ihm und seiner Familie die ganze Klaviatur geheimdienstlicher Maßnahmen angewendet wurde, um den Superintendenten auszuschalten, der Jugendliche in Scharen anzog, der wortgewaltig predigen konnte, sich tatkräftig vor seine Gemeindeglieder stellte, der sich mit seinen Pfarrern einig war, mit allen Mitarbeitern bestens zusammenarbeitete und als Synodaler der Landeskirche, des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und als Mitglied in der Konferenz der Kirchenleitungen Einfluss und Informationen aus erster Hand hatte.

Drei »Operative Vorgänge mit dem Ziel der Zersetzung«, wie die ungeschminkte Formulierung hieß, bedeuteten permanente Beobachtung. Auf persönliche Anweisung Erich Mielkes durften die vier Kinder kein Abitur machen, streckenweise Telefonterror Tag und Nacht, Briefaktionen an die Kollegen mit der Unterstellung moralischer Verfehlungen, kompromittierende Fotomontagen – alles anonym natürlich.

Und immer wieder der Versuch, ihn durch Drohungen einzuschüchtern oder aber mit Versprechungen zu ködern, als Druckmittel die Arbeit im Grenzgebiet zu erschweren oder die Veranstaltungsordnung restriktiv zu handhaben und ihn bei der Kirchenleitung anzuschwärzen. Alles erfolglos.Für den Ernstfall war vorgesehen, ihn mit anderen missliebigen Bürgern auf der Leuchtenburg zu internieren.

»Der Schutzengel war immer da«, sagt Ludwig Große. Wenn er wieder einmal zum Rat des Kreises musste, haben die Gemeindeschwestern für ihn gebetet. Und nicht nur die. Nach der Wende schlug ihn die Saalfelder Kirchengemeinde für das Bundesverdienstkreuz vor. »Das letzte Wort über das Leben eines Menschen wird Christus sprechen«, weiß er. Aber er hat die Würdigung angenommen für alle Christen, die widerständig waren um ihres Glaubens willen.

Christine Lässig

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Feindlich, staatszersetzend, Christ

22. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerung: Mit dem Porträt des Kirchenhistorikers und Zeitzeugen, Professor Peter Maser, der sich in Sachen Aufarbeitung verdient gemacht hat, startet unsere Serie über »Christen in der DDR«.

Peter Maser steht im Innenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt und blickt auf den Kubus, einen dunklen Würfel, bemalt mit Comiczeichnungen, die von den aufwühlenden Tagen im Spätherbst 1989 in Erfurt erzählen. »Ich glaube, das ist das bisher einzige gelungene und überzeugende Denkmal der friedlichen Revolution, das wir haben«, erklärt er nachdenklich.

Maser ist 74 Jahre alt und seine Geschichte ist eng und untrennbar mit der Andreasstraße verbunden. Dabei hat er zu diesem Ort gar keinen persönlichen Bezug. »Ich habe hier weder eingesessen, noch kenne ich irgendwelche Familienangehörige oder Freunde, die das taten«, betont er. Aber natürlich hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen getroffen, deren Biografie auf fatale Weise mit diesem Ort verbunden ist.

Maser selbst hat auch eine DDR-Vergangenheit. Der gebürtige Berliner, der in Sachsen-Anhalt aufwuchs und heute in Bad Kösen lebt, besuchte in den 1950er-Jahren die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Naumburg. »Das war eine sehr bekannte und traditionsträchtige Lehranstalt, die in der Zeit, als ich da zur Schule ging, gerade mit brachialer Gewalt zu einer sozialistischen Heimoberschule umgestaltet wurde.«

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Maser war aktives Mitglied der Jungen Gemeinde, die der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Nachdem er seine Aktivitäten nicht einschränkte, musste er nach der 10. Klasse die Oberschule verlassen. Er ging ans Proseminar nach Halle, eine der kirchlichen Hochschulen in der DDR, die auf das Theologiestudium vorbereiten durften. »Eigentlich konnten die Absolventen dieser Schulen nur an kirchlichen Hochschulen studieren, aber zu meiner Zeit war es gerade möglich, auch an staatliche Universitäten zu gehen.« So kam er nach Halle, studierte ab 1962 Theologie und machte später dort auch seinen Doktor. Und das ganz ohne Hochschulreife. Er sei wohl der einzige Professor und Direktor eines geisteswissenschaftlichen Instituts in Deutschland, der nie Abitur gemacht habe, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Peter Maser führt durch die verschiedenen Etagen der Andreasstraße. Das Gebäude diente schon zur Kaiserzeit als Gefängnis. Die Nationalsozialisten brachten hier ihre Gefangenen unter. Später nutzte die Stasi diese Räume, um vermeintliche Gegner einzusperren.
»Haft – Diktatur – Revolution« ist die Ausstellung überschrieben. Hier wird die Geschichte des Ortes lebendig. Das wird in der Dauerausstellung, aber vor allem auf der Haftetage deutlich. Man spürt förmlich die Wirkmächtigkeit des DDR-Apparats und das Ausgeliefertsein derer, die sich nicht konform zeigten.

Dem langen Arm der Stasi konnte sich der Kirchenhistoriker nicht entziehen. Der unbeugsame junge Mann, der auch aus seinem Glauben und seinen Ansichten keinen Hehl machte, war der Stasi ein Dorn im Auge. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Wähnte man Maser doch als das Haupt einer feindlichen, staatszersetzenden Gruppe. »Das war ich nicht«, erklärt Maser. »Natürlich waren wir kritisch. Wir haben im privaten Kreis den jungen Marx gelesen und auch über die aktuellen Verhältnisse kritisch diskutiert, aber eine feindliche Gruppe waren wir ganz sicher nicht.«

Die Übergriffe der Stasi wurden immer massiver. Maser stellte 1976 einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin seine Stelle. »1977 reiste ich mit meiner Familie und der tatkräftigen Unterstützung der Kirchenleitung in Magdeburg, die erkannt hatte, dass es mit mir in der DDR nicht mehr lange gutgehen wird, in die Bundesrepublik aus«, so Maser.

Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kirchenamtes der EKD in Hannover und Lehrbeauftragter der Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1988 in Kirchengeschichte. In all diesen Jahren verlor Maser jedoch nie den Blick für die Situation der Kirche in der DDR. Immer wieder publizierte er zu diesem Thema.

Nach der Wende berief man ihn im Bundestag als Berater zur ersten Enquete-Kommission. Es sei schon damals klar gewesen, »dass es im Grunde genommen kein Kapitel der DDR- und SED-Geschichte gab, in dem die Kirche nicht maßgeblich vorkam.«

Peter Maser vereinigt zwei Attribute. Er ist Zeitzeuge und Wissenschaftler. Einer, der sich sehr früh darüber Gedanken machte, wie dieser Teil der deutschen Geschichte aufgearbeitet und tradiert werden sollte. In die Überlegungen zur Nutzung des früheren Stasi-Gefängnisses in der Erfurter Andreasstraße bezog 1992 das Thüringer Kultusministerium Maser ein. »Daraus entwickelte sich dann über mehrere Jahre eine sehr intensive, anstrengende, aber immer spannende Mitarbeit und Zusammenarbeit in Erfurt«, so Maser. Es war von Beginn an keineswegs klar, was werden sollte. Eine aktive Gruppe, die sich im »Freiheits e.V.« zusammengeschlossen hatte und zu der viele ehemalige Häftlinge gehörten, schlug eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Diktatur vor.

Am Ende eines langen Prozesses stand die Entscheidung, hier einen Ort mit zweipoliger Erinnerung zu schaffen, der zwei scheinbar gegensätzliche Themen verbindet: Unterdrückung und Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert an Haft und Repression, an DDR-Unrecht in vielfältiger Form und an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zugleich hält sie die Erinnerung an die friedliche Revolution wach. Deren Geschichte mit der erzwungenen Öffnung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 durch Bürgerrechtler wird hier erzählt.

Peter Masers Engagement für die Andreasstraße ist ungebrochen. An der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR ist er ebenfalls beteiligt. Auch in der Arbeitsgemeinschaft, die die interministerielle Arbeitsgruppe in der Thüringer Staatskanzlei unterstützt, ist er dabei. Er ist zuversichtlich, was die Aufarbeitungsbemühungen anbelangt: »Dass das Thema ›Christen in der DDR‹ mit Ernsthaftigkeit und auf unterschiedlichen Ebenen behandelt wird, wirkt sich allmählich aus«, ist er sich sicher. »Also, ich kann kein Bundesland sehen, in dem das mit dieser Intensität abläuft, wie das hier in Thüringen geschieht.«

Diana Steinbauer

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Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

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Ihr gedachtet es böse zu machen

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen in der DDR: Elly Lange gerät in der DDR als Schuldirektorin in Konflikt mit der SED-Ideologie. Ihr beruflicher Weg bricht abrupt ab. Die Folgen begleiten die 92-Jährige bis heute.

Wenn Elly Lange (Jahrgang 1925) auf ihr Leben zurückblickt und sich dabei an das erlittene Unrecht in der DDR erinnert, greift sie immer wieder auf ihre schriftlichen Ausführungen zurück. Sie helfen ihr, Gedächtnislücken zu schließen. In der Vergangenheit hat sie im Schreiben ein Ventil gefunden. Dramatische Situationen, einschneidende Ereignisse hat sie schriftlich festgehalten und sich damit den Schmerz von der Seele geschrieben, die Erschütterungen abgefangen.

Der berufliche Weg der 92-Jährigen ist in der DDR abrupt abgebrochen. Die Folgen begleiten sie bis heute. Elly Langes berufliche Laufbahn beginnt mit der Lehrerausbildung von 1942–1944. »Die ganze Klasse wurde – wir waren 18 Jahre alt – in die NSDAP überführt.« Als sie nach dem Kriegsende in den Schuldienst eintreten will, wird ihr nahegelegt, dass dies nur möglich sei, wenn sie einer antifaschistischen Partei beitritt. Sie wird Mitglied der SED, überzeugt von deren Idealen. »Ich glaubte an einen humanistischen Sozialismus.« Mit dieser Einstellung steht ihr in der DDR eine berufliche Karriere an der Schule offen. 1952 bekommt sie einen Vertrag als Schuldirektorin – und schon gerät sie in den ersten schweren Konflikt. Bei einer Festveranstaltung soll sie auf der Bühne verlesen, »dass wir auch mit der Waffe unseren Aufbau in der DDR verteidigen würden«. Das will sie nicht, sie gibt die Schulleitung ab, arbeitet als Lehrerin.

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Der nächste Konflikt folgt einige Jahre später. 1958 wird sie kommissarisch zur Parteisekretärin ernannt. Es ist die Zeit, in der die DDR-Regierung mit der Einführung der Jugendweihe einen harten Kampf gegen die Kirche führt. Eine Kollegin – Genossin – soll fristlos entlassen werden, weil sie sich auf die Seite der christlichen Schüler gestellt hatte. Elly Lange soll als Parteisekretärin diesen Vorgang leiten. »Die Stunde meiner Entscheidung.« Sie solidarisiert sich als Christin mit ihrer Kollegin und verkündet: »Ich erkenne, dass ich nicht in die Partei gehöre.« Die Mitgliedschaft ist damit noch nicht beendet, aber: »Das war ein Durchbruch zu innerer Freiheit, den ich als Hochgefühl erlebte. Ich konnte nach Depressionen und schlaflosen Nächten wunderbar schlafen, erkannte aber, dass ich keinen Boden mehr hatte in dem, was mich bislang trug.«

Sie kündigt und will der Familie Priorität geben. Eine ganz private Entscheidung, forciert durch persönliche Schicksalsschläge: Zwei Fehlgeburten, eines der Kinder lebte einige Stunden und starb. Sie will Abstand gewinnen und sie wünscht sich ein Kind. Sie und ihr Mann adoptieren einen kleinen Jungen, anderthalb Jahre alt. Als dieser fünf Jahre alt ist, reicht ihr Mann die Scheidung ein. Sie kehrt zurück in den Schuldienst.

Ihr Sohn kommt in die Schule, wo sich zeigt, dass er trotz normaler Intelligenz Schwierigkeiten hat. Sie will eine gute Mutter sein, fühlt sich aber alleinerziehend überfordert, sucht nach einem Ausweg. »Menschenskind«, denkt sie eines Abends, »es muss doch nicht der Lehrerberuf sein!« Sie entdeckt ein Inserat, das ihr wie ein Lichtblitz erscheint, und folgt ihm: Sie erlernt die Fußpflege. Sie scheidet aus dem Schuldienst und löst ihre Mitgliedschaft zur SED wegen ihres christlichen Glaubens – eine folgenschwere Entscheidung. Eigentlich wollte sie nach der Ausbildung teilweise als Fußpflegerin arbeiten und daneben Vertretungsdienste in der Schule übernehmen. Doch die Tür zur Schule ist verschlossen. Auf dem Schulamt wird ihr ein Papier gezeigt, in dem zu lesen ist, dass sie wegen ihrer »psychopathischen Konstitution« im gesamten Bereich der Volksbildung von einer Anstellung ausgeschlossen sei.

Sie beginnt in einem Kinderheim als Küchenhilfe. »Es war gut für mich, vom Obergeschoss runterzukommen«, schätzt sie heute selbstkritisch ein. Ehemalige Lehrerkollegen fragen: Wo bist du hingeraten? Von der Schuldirektorin zur Küchenhilfe! Eine Kollegin empfiehlt sie als Fürsorgerin im Gesundheitswesen. Bei einer Vorstellung sagt man ihr, sie müsse zuvor einen mittleren medizinischen Beruf erlernen. Die Frage, ob sie auch zu alten Menschen gehen würde, bejaht sie. So landet sie in einem Pflegeheim mit katastrophalen Zuständen. »Der 1. August 1968 ist für mich ein Schicksalstag. Er führte in ein anderes Leben«, hält sie in ihren Aufzeichnungen fest.

Die Schuldirektorin, hochqualifiziert, der nach dem Parteiaustritt und ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben eine psychopathische Konstitution angehängt wird, verschlägt es in ein abbruchreifes Pflegeheim mit schockierenden Missständen!

»Die größte Herausforderung meines Lebens!« Sie stellt sich ihr. Packt kräftig zu, stemmt sich gegen den Schlendrian, will die Not der hilfsbedürftigen alten Menschen lindern. Sie eckt an. Doch sie verbucht auch Erfolge. Nach einer Eingabe an den Staatsrat der DDR, in der sie menschenwürdige Bedingungen für Heimbewohner und Personal einklagt, wird das Pflegeheim abgerissen. Sie kommt auf eine andere Station, wo sie unter besseren Bedingungen arbeiten kann. Ein Ende des Unrechts, der Demütigungen und der Schikanen? Dazu ist ein Obergutachten nötig, welches die psychopathische Konstitution als nichtig erklären und ihr damit die Fähigkeit für den Schuldienst bescheinigen soll.

Sie bekommt dieses Obergutachten, das ihr die Tür zur Schule wieder öffnen soll. Sie tut es bedingt. Ihr wird eine Anstellung als Erzieherin für stationär betreute Kinder in der Nervenklinik mit einem Gehalt von 1 000 DDR-Mark angeboten. Ihr bisheriger Verdienst auf der Pflegestation beträgt 250 Mark. Dennoch: Sie lehnt ab.

Hier in etwa endet die böse Phase ihrer Verfolgung in der DDR. Nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz wird ihr die Zeit vom 1. März 1968 bis 31. Dezember 1970 als Verfolgungszeit angerechnet.

Die DDR ist indes noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Elly Lange bezeichnet ihre Entscheidung, weiterhin sozial tätig zu bleiben, als eine Sternstunde ihres Lebens. Sie glaubt, ihre Berufung erkannt und Gottes Wille befolgt zu haben. Und nach dem erlittenen Unrecht kann sie sagen: Die Menschen wollten es böse machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20)

Nichtsdestotrotz bekommt sie mit dieser gebrochenen Berufsbiografie nur eine geringe Rente. Wäre sie Lehrerin oder Schuldirektorin geblieben, würde diese vermutlich höher ausfallen.

2011 soll die Miete um zehn Euro erhöht werden. Bei einer Rente in Höhe von 661 Euro ist das für sie viel Geld. Doch es geschieht etwas Überraschendes. Ein Pfarrer im Westen – er hatte den 2010 im MDR gezeigten Film »Der Mut der Anständigen« gesehen, in dem auch Elly Lange auftrat, meldet sich. Der Theologe ist von dem Schicksal dieser resoluten Frau so berührt, dass er ihr helfen will. Monatlich bekommt sie eine finanzielle Unterstützung von ihm – über seinen Tod hinaus. »Das große Wunder meines Lebens.«

Sabine Kuschel

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Klingende Zukunft

7. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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30 Jahre Handglockenchor Gotha

Wieder einmal: Luther. Zu seinem 500. Geburtstag, den 1983 auch die DDR-Staatsführung groß feierte, rückten Augustinerkloster und -kirche Gotha in den Fokus. Mehrfach hatte hier der Reformator gepredigt. Das faszinierte bei seinem Besuch den amerikanischen Pastor Larry Hoffsis aus Ohio ebenso wie die Historie der Gebäude. Er wollte unbedingt mit seiner Gemeinde eine Partnerschaft mit der Augustinergemeinde begründen. Ein nicht zu erfüllender Wunsch in jenen Jahren. »Wenn was ging, dann auf kultureller oder sportlicher Ebene«, sagt Kirchenmusikerin Elke Eichhorn.

1985 reiste der Handglockenchor aus Dayton (Ohio) nach Thüringen und gastierte auch in Gotha. »Was wir da hörten, war so ungewöhnlich wie einmalig«, erinnert sich die Musikerin. Wenig später fragte der Landeskirchenmusikdirektor sie rundheraus, ob sie sich zutraue, einen Handglockenchor zu leiten. Warum nicht mal tun, was völlig unbekannt ist, entschied Elke Eichhorn. Dann dauerte es noch zwei Jahre, ehe alle Formalitäten erledigt waren und Larry Hoffsis mit seiner Frau Cindy einen Satz Handglocken als Geschenk der Epiphany Lutheran Church an die Augustinergemeinde übergeben konnte.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Ein Geschenk, das nachhaltig ist. Damit wurde eine dreißigjährige Geschichte begründet. Vom 8. bis 10. September feiert der Chor sein 30-jähriges Bestehen.

»Nach einem Schnellkurs konnten wir in langsamem Tempo drei, vier Lieder spielen«, so Elke Eichhorn. Aber der Anfang war gemacht. 1988 reiste sie zu einem Workshop für Handglockenspieler und -chorleiter in die USA.

Unter den jungen Handglockenspielern vor 30 Jahren war auch der achtjährige Sohn der Kirchenmusikdirektorin. Matthias Eichhorns Begeisterung für diese Musik ist seitdem ungebrochen. 2005 hat er von seiner Mutter die Leitung des Handglockenchors übernommen. »Als Jazzmusiker hat er weitere Klangfarben in unsere Musik gebracht«, freut sich die Mutter, die natürlich weiterhin im Ensemble aktiv ist.

Die Liste der Konzerte ist lang. Zu Hause in der Augustinerkirche erspielte er in Benefizkonzerten Geld für den Orgelneubau. Mit der Wiedervereinigung weitete sich auch der Radius der Aufführungsreisen. Eine erste CD bringt der Chor 1995 auf den Markt, die vierte erscheint pünktlich in diesen Tagen zum Jubiläum.

Nachwuchssorgen, sagt Elke Eichhorn, hat der Handglockenchor nicht. Und das zeigt, mit seinen 30 Jahren ist er erstaunlich jung. Und blickt in eine klingende Zukunft.

Klaus-Dieter Simmen

Programm zum Festwochenende:

8. September, 18 Uhr Auftaktabend,

9. September, 18 Uhr Festkonzert in der Augustinerkirche,

10. September, 10 Uhr Festgottesdienst in der Margarethenkirche

www.hgcg.de

Seelsorger für Mitarbeitende

21. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Keine Zeit zum Ausruhen, auch wenn der Ruhestand naht: Mit Propst Diethard Kamm, dem Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar, sprach Michael von Hintzenstern unter anderem über die Aufgaben der Kirche in der Gesellschaft.

Herr Kamm, was hat Sie in den letzten fünf Jahren als Regionalbischof ermutigt, was erscheint Ihnen verbesserungswürdig?
Kamm:
Ich möchte zuerst sagen, dass mir dieser Dienst als Regionalbischof in unserer Landeskirche ausgesprochen viel Freude macht. Ich tue den Dienst gerne, weil es möglich ist, Gemeinden zu besuchen, als Seelsorger unterwegs zu sein für Gemeindekirchenräte, für Pfarrerinnen, Pfarrer, für Mitarbeitende in unserer Region. Es ist ein ganz anderer Blick als in der Zeit vorher, als ich Superintendent war. Das ist die Möglichkeit, Seelsorger für Mitarbeitende zu sein. Nicht als Dienstvorgesetzter zu kommen, ist für mich wichtig. Ich habe den Eindruck, es ist gut, dass es diesen seelsorgerlichen Dienst und dieses Amt in unserer Landeskirche gibt.

Bei meinen Besuchen erlebe ich die große Unterschiedlichkeit unserer Gemeinden, von ganz kleinen Gemeinden im Schleizer oder Greizer Oberland oder auch im Kirchenkreis Eisenberg, die zum Teil zwischen 50 und 100 Gemeindeglieder umfassen, bis hin zu einer ganz großen Kirchengemeinde in Jena mit 12 000 Gemeindegliedern.

Auch den Unterschied zwischen Stadt und Land erlebe ich sehr deutlich. Auf der einen Seite erlebe ich die Kulturstadt Weimar, die Universitätsstadt Jena, in der es viel Industrie und Innovation gibt. Daneben liegt die ehemalige Bezirksstadt Gera, die im SPIEGEL als »Stadt im Niedergang« bezeichnet wurde, mit ihren Schönheiten. Wenige wissen, dass es in Gera das einzige Fünf-Sparten-Theater in Thüringen gibt, den Hofwiesenpark, das Otto-Dix-Haus oder die Schulenburgvilla von van der Velde. Zugleich erlebe ich eine Mentalität, die mit den Veränderungen nach 1990 nur schwer umgehen kann: dem Einwohnerverlust, dem Wegfall von Industrie und einem gefühlten Bedeutungsverlust. In Gera arbeitet aber auch ein »Kulturpfarrer«, der mit spannenden Projekten kirchenfernere Menschen erreicht.

Im stärker ländlich geprägten Bereich gehören oft 30 bis 35 Prozent der Bevölkerung zur evangelischen Kirche, in Gera keine zehn Prozent. Es ist spannend, das zu erleben und dabei auch zu sehen, wie unterschiedlich die Erwartungen sind, ohne zu vergessen, dass wir an alle Menschen gesandt sind. Mit ihnen zu suchen, was zum Leben hilft, könnte heute hier eine Aufgabe von Kirche sein. Die Ungleichzeitigkeit in unserer Landeskirche kann man hier hautnah erleben.

Gera wird immer als besonders entkirchlicht bezeichnet. Ist das ein Resultat aus 40 Jahren DDR?
Kamm:
Die Entkirchlichung in Gera hat noch tiefere Ursachen. Sie begann schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Das hat viel mit der Industrialisierung zu tun. Ich bin davon überzeugt, dass die evangelische Kirche nicht unschuldig an dieser Entkirchlichung ist. Sie hatte meist auf die Fragen und Probleme der Arbeiter in einer Arbeiterstadt keine Antworten. Auch auf die sozialen Fragen hatte die Kirche kaum Antworten. Aber es hat auch mit den Entwicklungen in der Zeit des Nationalsozialismus und danach in den Zeiten der DDR zu tun. Damals ist es einer forcierten antikirchlichen Politik, ja man muss es wohl so sagen, gelungen, Menschen mit Druck und Lockungen dazu zu führen, aus der Kirche auszutreten.

Gerade in Gera ist die Staatssicherheit sehr zielgerichtet vorgegangen, um kirchliche Strukturen zu unterwandern oder anzugreifen …
Kamm:
Ja, es ist so und ich habe das zum Teil miterlebt. Ich bin ja nicht erst 2012 nach Gera gekommen, sondern ich war von 1987 bis 1999 zuerst als Stadtjugendpfarrer und dann als Gemeindepfarrer in Gera-Lusan tätig. In der Zeit als Stadtjugendpfarrer habe ich diese Erfahrung deutlich machen müssen. Es wurde versucht, Einfluss auf kirchliche Jugendarbeit zu nehmen oder sie zu unterbinden. So erlebte ich, dass ein Anruf kam, dass drei NVA-Soldaten sich durch einen Aushang in meinem Schaukasten diskriminiert fühlten. Ich konnte darauf antworten: Ich weiß gar nicht, was Sie stört? Es ist ein Kalenderblatt, das in der DDR gedruckt worden ist. Ich hänge es nicht ab. Die Erkenntnis, wie stark die Unterwanderung kirchlicher Strukturen war, ist bis heute erschreckend.

Sie waren immer auch gesellschaftlich engagiert: Als Organisator der Friedensgebete in Gera wie als Mitbegründer des Runden Tisches gegen rechts in Jena. Welche Aufgabe hat die Kirche heute in der Gesellschaft?
Kamm:
Ich denke, die erste Aufgabe von Kirche ist es, und zwar auf allen Ebenen und zu aller Zeit, das Evangelium weiterzusagen. Das heißt auch zu fragen: Wie sehen wir gesellschaftliche Entwicklungen in diesem Land und inwieweit sind es für Christen Entwicklungen, die wir begrüßen können, die wir kritisieren müssen? Dies müssen wir klar und eindeutig tun.
Wir müssen erkennbar sein und müssen deutlich machen, wofür wir stehen. Wir sind nicht dazu da, Parteipolitik zu machen. Ich wünsche mir aber eine politische Kirche.

Sie hatten in Jena mehrfach mit rechtsextremen Auswüchsen zu tun. Wie kann man neonazistischen Aufmärschen angemessen begegnen?
Kamm:
Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ist ein wichtiges Gut in unserem Land. Das ist unbestritten, gerade, wenn man wie ich aus der DDR kommt. Aber, wie können wir Menschen motivieren, sich zu engagieren, dafür einzustehen, was ich mit demokratischer Gesellschaft, mit Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit, Einsatz für Frieden und gegen Gewalt beschreiben möchte? Da haben wir noch viel zu tun. Auch in unseren Gemeinden ist das nötig.

Vielleicht muss man manchmal einfach deutlich erinnern: Kirche ist weltumspannend und nicht national. Jedenfalls hat Kirche, hat das Evangelium sehr schnell den Weg in einen größeren weltweiten Zusammenhang gefunden. Es heißt im Neuen Testament: Hier ist nicht Jude noch Grieche. Das heißt, wir haben den Auftrag, jeden Menschen als Ebenbild Gottes zu sehen, zu erkennen und dies auch weiterzusagen. Ist das nicht unser politischer und theologisch seelsorgerlicher Auftrag?

Zu den Herausforderungen gehören seit 2015 viele Flüchtlinge, die auch in Ihrer Region aufgenommen werden mussten. Wie waren Ihre Erfahrungen in den Gemeinden?
Kamm:
Manche haben sich überfordert gefühlt. Aber zuallererst darf ich sagen, es hat in unseren Gemeinden ein ausgesprochen großes Engagement für Flüchtlinge gegeben, oft in Zusammenarbeit mit der Diakonie. Hier in Gera gibt es ganz hervorragende Beispiele: Es gibt einen Flüchtlingskreis, der ökumenisch arbeitet und sehr viel bewegt hat und bewegt.

Ich habe natürlich auch Ablehnung erlebt, nicht zuerst in Gemeinden, sondern weit darüber hinaus. Als in Gera-Liebschwitz eine Erstaufnahmeeinrichtung eingerichtet werden sollte, wurden sowohl der Justiz- und Migrationsminister als auch ich von 2 000 Leuten für unsere Position ausgepfiffen. Das gehört zum Bemühen um Klarheit dazu.

Es ist eben in einer Demokratie so, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. In unseren Gemeinden gibt es beides. Es gibt die Menschen, die ganz engagiert sind und jene, die voller Sorge sind oder einfach Fremde nicht in ihrer Nähe haben wollen, weil sie es nicht gewohnt sind. Beides begegnet mir immer wieder.

Sie haben das Amt des Regionalbischofs nur zögerlich angetreten, weil Sie sich als Superintendent in Jena sehr wohl und angenommen gefühlt haben. Werden Sie im Ruhestand von der Elster wieder an die Saale zurückkehren?
Kamm:
Ja, das werden wir. Wir haben eine Ruhestandswohnung in Jena. Jetzt fühlen wir uns hier in Gera-Untermhaus sehr wohl. Im Ruhestand werden wir dann in Jena wohnen. Meine Frau und ich haben in Jena studiert und haben dort viele Freunde. Wir haben also ein soziales Umfeld, in dem wir gerne leben wollen.

Diethard Kamm: Mit dem Ruhestand in Sicht, absolviert er derzeit eine Ausbildung zum Coach. Foto: Wolfgang Hesse

Diethard Kamm: Mit dem Ruhestand in Sicht, absolviert er derzeit eine Ausbildung zum Coach. Foto: Wolfgang Hesse

Als Regionalbischof und Stellvertreter der Landesbischöfin müssen Sie viele Termine wahrnehmen. Was machen Sie zum Ausgleich?
Kamm:
Ich fahre Fahrrad. Meine Frau und ich wandern gerne. Wenn wir es schaffen und das Wetter es hergibt, gehen wir schwimmen. Ich setz mich auch gerne mal auf meinen Balkon und lese ein Buch.

Und gibt es auch schon Pläne für die Zeit danach in Jena und der Welt?
Kamm:
Es gibt vielleicht keine Pläne, aber es gibt Überlegungen. Da sind ein paar Dinge, die ich schon heute tue und gerne weitermachen möchte. Ich bin z. B. im Kuratorium der Evangelischen Akademie in Neudietendorf. Da würde ich sehen, ob ich noch etwas mittun kann. Ich mache derzeit noch eine Ausbildung zum Coach. Damit will ich dann auch der Landeskirche, wenn sie mich braucht, zur Verfügung stehen. Bis 2021 bin ich zudem im Hochschulrat der Ernst-Abbe-Hochschule, der Fachhochschule in Jena.

Und dann möchte ich einfach auch Zeit haben, meine Kinder und ihre Familien zu besuchen, die relativ weit entfernt in Niederbayern und in Schleswig-Holstein leben.

Diethard Kamm wurde in Meiningen geboren und hat zunächst Physik und dann Theologie studiert. Danach arbeitete er als Vikar in Jena und Creuzburg sowie als Pfarrer in Creuzburg, Scherbda und Gera. 1999 bis 2012 war er Superintendent des Kirchenkreises Jena sowie seit Januar 2012 amtierender Regionalbischof für den Propstsprengel Gera-Weimar.
Die Synode wählte ihn 2013 in dieses Amt. Er war Mitbegründer der ökumenischen Umwelt­bibliothek Gera, Organisator der Friedensgebete in Gera, Vor­sitzender der Jugendkammer in Thüringen und Mitbegründer des »Runden Tisches gegen rechts« in Jena.
Kamm ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Der Testbild-Sammler

20. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit einem Knopfdruck startete vor 50 Jahren der damalige Bundeskanzler Willi Brandt bei der Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland. Das war auch die Geburtsstunde des farbigen Testbilds. Heute ausgestorben? Von wegen!

Schon im Treppenhaus empfängt den Besucher ein Puzzle an der Wand mit dem Vollkreis, drei Kästchen Abstand links, drei Kästchen rechts, Farb- und Grauskala, das klassische Testbild aus einer Zeit, als Fernseher noch eine Bildröhre hatten. Uwe Alberti schmunzelt: »In Deutschland gibt es noch etwa 5 bis 7 Verrückte wie mich.« Was er damit meint, legt er auf den Küchentisch. Aufnahmen von über 4 000 Fernseh-Testbildern aus aller Welt. Berufsbedingt hat den Radio- und Fernsehtechniker vor 40 Jahren die Sammelleidenschaft gepackt. Mit dem genormten Fernseh-Testbild wurden damals die Bildschirme der Fernseher eingestellt. Sie dienten in erster Linie technischen Zwecken. In der Werkstatt wurden vorzugsweise Testbilder aus dem Westen eingesetzt, der geometrische Aufbau war besser als beim DDR-Fernsehen, meint der aus dem thüringischen Apolda stammende Alberti.

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

»Viele können mit meiner Leidenschaft nicht viel anfangen«, meint er. Was ihn daran fasziniere, seien die unterschiedliche Gestaltung und dass es nahezu überall auf der Welt Testbilder gegeben habe und bis heute noch gibt. Damals dienten die Testbilder den Fernsehanstalten dazu, das Bild vor dem eigentlichen Programmstart auszurichten. Bis in die 80er-Jahre starteten die öffentlich-rechtlichen Programme eine halbe Stunde vor Sendebeginn den Farbbalkengenerator mit dem Testbild. »Im Osten kam das Testbild schon um 7 Uhr, wegen des Schulfernsehens. Im Westen erschien es erst um 9 Uhr. Danach kam die ›Sesamstraße‹.«

Nach der Wende hat Alberti im Garten mit einer drehbaren Satellitenschüssel dann plötzlich ein Testbild aus Zypern eingefangen. Mittlerweile schicken ihm Freunde Bilder von Testbildern aus aller Herren Länder. Stolz ist der Sammler auch über seine Testbilder-Sammlung aus dem Weltall. Startet vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou im Norden Südamerikas eine Rakete, werden die Bilder davon via Satellit übertragen. Bei Störungen erscheint ein Testbild. Für Uwe Alberti der Zeitpunkt, um auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Dafür steht er schon mal nachts um 3 Uhr auf.

Im digitalen Zeitalter ist das klassische Testbild nicht mehr notwendig. Und doch gibt es noch die individuellen Platzhalter auf der Mattscheibe. Wenn Fernsehsender ihre Übertragungswagen im Einsatz haben, wird vor Beginn der Übertragung ein Testbild gesendet. Manchmal lassen ihn die Fernsehleute direkt im Ü-Wagen seine Fotos vom Testbild auf den Sendemonitoren abfotografieren. Das 50-jährige Jubiläum des Farbfernsehens oder, wie es hierzulande hieß, des Buntfernsehens hat Alberti auf dem Schirm. »In der DDR hat man damals für die Einführung zwei Jahre länger gebraucht, dafür war man besser vorbereitet«, sagt der Fernsehtechniker-Meister und kann sich dabei ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Erstaunt war er allerdings, dass man in Staßfurt, der Stadt der DDR-Fernsehproduktion, das West-Testbild zur Einstellung der Bildröhre empfahl. Sein Elektronik-Fachgeschäft und die dazugehörende Werkstatt hat der 56-Jährige krankheitsbedingt mittlerweile aufgeben müssen, die Leidenschaft für die Testbilder ist geblieben.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Aber nicht nur dafür. Seit ihn die Oma in die Christenlehre geschickt hat, engagiert sich der evangelische Christ in der Kirchengemeinde. Zunächst in der Jungen Gemeinde, dann in der Spielschar und später im Gemeindekirchenrat sowie im Kirchbauverein. Mit der Laienspielgruppe haben sie 15 Jahre lang den »Jedermann« aufgeführt. Alberti spielte den Tod. Als vor sechs Jahren sein Leben an einem seidenen Faden hing, wurde aus dem Spiel bitterer Ernst. Seine Frau habe ihm zwei Drittel ihrer Leber gespendet, damit er überleben kann, erzählt Alberti bewegt. Das hätte für beide tödlich enden können. Aber das sei eine andere Geschichte, meint er.

Willi Wild

www.uwe-alberti.de

Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Sie kann sich nicht verzeihen

27. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Vergebung ist ein großes Geschenk – Heike Liebsch kann es für sich nicht an-nehmen. Als SED-Funktionärin wollte sie Brücken zur Kirche bauen. Dass dabei ihr Gewissen vor der Partei kapitulierte, verzeiht sie sich nie.

Ob die Kirchenzeitung wirklich über sie schreiben wolle? Sie fragt das zweifelnd am Telefon, ernst, ohne alle Koketterie. »Ich gehöre doch zu den Bösen.«

Es gab da ein Gespräch, im Winter der abebbenden Revolution von 1989. Da hat Heike Liebsch, die Mitarbeiterin für Staatspolitik in Kirchenfragen beim Rat des Stadtbezirks Dresden-Mitte, dem Superintendenten Christof Ziemer ihre Stasi-Gespräche offenbart. »Jetzt ist Heilung möglich«, sagte der Theologe. Vergebung. Heike Liebsch dachte nur: »Als könnte man einen Genickschuss heilen!« Von der Schuld, dem Verrat, auch dem Verrat an sich selbst.

Die Kugel für den Schuss flog bereits, als sie jung war. Der Sozialismus musste ja verteidigt werden. Ihre Mutter Oberleutnant bei der Volkspolizei, ihr Vater auch Genosse, ihr Großvater hatte in einem der ersten KZs gelitten. Gott und Glaube? Alles von der Wissenschaft widerlegt, dachte sie damals. »Das ist Opium des Volkes, das war für mich ein Glaubenssatz.« Ein anderer Glaubenssatz betraf die Menschenfreundlichkeit des Sozialismus. Sie glaubte mit heißem Herzen.

Die Kugel flog, da war sie Lehrling in der Druckerei und FDJ-Sekretärin. Schießlehrerin war sie auch. Einen Christen erkannte sie daran, dass er mit dem Luftgewehr neben die Zielscheibe schoss. Es war die Zeit der Atomraketenangst, es war 1982. Sie schmuggelte zwischen den Druck von Korrekturfahnen ein paar Flugblätter, in denen sie zu einem Friedensmarsch aufrief. Freunde von ihr waren Christen und trugen später die »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher, es kam ihr nur absurd vor, ideologische Gräben zu ziehen beim Kampf für den Frieden. Micha, Jesaja? Die Kommunistin Heike Liebsch begann, die Bibel zu lesen. Sie wollte es wissen.

Dann flog die Kugel über linoleumbelegtes Büroland. Mit 22 bezog die junge Genossin Heike 1986 ihren Schreibtisch im Stadtbezirk Dresden-Mitte. Sie hängte ein Bild von Gorbatschow neben dem des Papstes an die Wand.

Die Aufgaben einer Mitarbeiterin für Kirchenfragen im SED-System waren so: Kontrollgänge zu kirchlichen Schaukästen, um bei politischen Äußerungen auf Mäßigung zu dringen; Konfirmanden zum Abitur zuzulassen oder abzulehnen; bei Bau- und sonstigen Fragen zwischen Staat und Kirche zu vermitteln – und mindestens vier Gespräche im Jahr mit jedem Pfarrer in ihrem Gebiet.

»Sie hat nie verheimlicht, auf welcher Seite sie stand – aber ich habe sie immer als einen um die Wahrheit ringenden, suchenden Menschen erlebt«, erinnert sich Pfarrer Matthias Weismann, heute Superintendent im Leipziger Land. Auch der reformierte Pfarrer Klaus Vesting saß einer nachdenklichen Frau gegenüber. »Bei ihr konnte man kritische Dinge anbringen, ohne dass gleich die Keule der Staatsmacht kam.«

Die Staatsmacht war trotzdem im Boot. Die Kugel flog schneller. Nach jedem Pfarrergespräch schrieb Heike Liebsch einen Bericht an das Ministerium für Staatssicherheit. Und einmal im Vierteljahr betrat sie eine ohne Geschmack eingerichtete Wohnung in einer Gasse, in der sie ein Offizier zum Gespräch empfing. »Er hat mir immer recht gegeben, wenn ich am Verzweifeln war über die SED – das waren die Einzigen, mit denen ich über alles reden konnte. Und ich war süchtig nach Anerkennung.«

Der Offizier hatte sie, es war gut kalkuliert. Einmal im Jahr gab es eine Vase oder einen Kerzenständer oder 200 Mark.

Die Kugel trat in dem Moment ein, als sie spürte: »Ich verrate die Wärme an die Kälte.« Die Pfarrer, die sie sehr schätzte und von denen sie manches lernte. Ihre Hoffnung, Verständnis zwischen SED und Kirche zu wecken, auch manchem Kirchenmitarbeiter zu helfen.

Sie sah beides als Gnade an. Selbstbetrug nennt sie es heute. Sie tippte weiter Berichte, sie sicherten ihr Anerkennung, Aussicht auf eine Karriere und nebenbei ein Philosophiestudium. »Ich war ein Feigling und habe geholfen, das System am Laufen zu halten«, sagt sie heute. Da entstand der Bruch in ihr.

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

Als im Herbst 1989 die Demonstranten Kerzen auf Dresdens Straßen trugen, lief sie wie ein gefangenes Tier in der Bürokratenburg der Macht umher, inspizierte Schaukästen an den Kirchen, Friedensgebete. Schlaflose Nächte. »Die Wut muss raus aus mir, diese Verzweiflung. Niemand kann etwas dafür – außer ich selbst«, notierte sie in ihr Tagebuch. »Und ob ich schuldig geworden bin!«

Wenige Wochen später ging sie zu den Pfarrern und bekannte ihnen ihre Berichte. »Dass diese Leute damals Protokolle für die Stasi geschrieben haben, war uns doch klar«, sagt Pfarrer Klaus Vesting. In seinen Akten hat er keinen Bericht von Heike Liebsch gefunden. Einige Pfarrer waren ebenso wenig überrascht, manche Verbindung blieb bis heute.
Zu einem anderen Theologen zerbrach das Verhältnis. Sie verstand, aber es schmerzte.

Die Kugel steckte jetzt in ihr. Man fragte sie in den Wirren des Umbruchs, den sie selbst als Befreiung empfand, ob sie nicht Pressesprecherin der Stadt werden wolle. Sie wurde lieber Pförtnerin. Zwei Jahre lang.

»Ich habe gelernt, dass ich anfällig bin für Macht – also halte ich mich davon fern. Ich will nicht wieder in Versuchung kommen«, das ist ihre Lehre. Sie nimmt sie sehr ernst. Baute den jüdischen Kulturverein »Hatikva« in Dresden mit auf, erforschte die jüdischen Friedhöfe. Zwei Jahre lang fuhr sie nachts Taxi. Manchmal geht sie am Sabbat in die Synagoge.

Sie betet dort nicht. Aber dass es keinen Gott gibt, würde sie heute auch nicht mehr sagen. Sie sagt: Wer weiß? Nur scheut sie eine neue Wahrheit, nachdem ihr alter Glaube sie in den Verrat geführt hat. Als Stadtführerin zeigt sie ihren Gästen heute die Synagoge und auch Kirchen.

Nein, Buße sei all das nicht. »Seine Schuld kriegt man nicht los«, sagt sie. »Ich konnte nichts ungeschehen machen, nichts wiedergutmachen. Wie sollte das auch gehen?« Ihr Kopf weiß, dass Vergebung ein großes Geschenk sein kann. Sich selbst zu vergeben, hat ihr Herz nie geschafft. Die Kugel steckt fest und schmerzt.

Eine ihrer Stadtführungen beginnt an den spärlichen Überresten der von der DDR gesprengten Jakobikirche. Ein Fragment im Freien, mehr nicht. Ruinen, sagt sie, sind ehrlich.

Andreas Roth

Eindeutig und geradlinig

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Dr. Werner Leich, der frühere Thüringer Landesbischof, wird am 31. Januar 90 Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau Trautel in Eisenach und stand den Redakteuren Michael von Hintzenstern und Willi Wild Rede und Antwort.

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie geht es Ihnen?
Leich:
Man merkt das Alter, Schwäche und Vergesslichkeit nehmen zu. Aber solange wir als Ehepaar zusammen sind, geht’s mir gut. Das ist ein außergewöhnliches Geschenk Gottes. Wir sind 2017 65 Jahre verheiratet, eiserne Hochzeit, und die Liebe ist ungebrochen.

Sie haben Ihre Frau beim Tanzstundenball kennengelernt.
Leich:
Unsere Tanzstundenlehrerin hat jedes Jahr am 3. Weihnachtsfeiertag für die Ehemaligen einen Ball gegeben. Und dabei haben wir uns getroffen. Wir haben also nicht zusammen Tanzstunde gemacht, sondern wir waren beide Ehemalige.

Eine Tanzstunde hatte auch etwas mit Ihrer Berufsentscheidung zu tun.
Leich:
Bevor ich meine Frau kennengelernt habe, hatte ich mit einer Pfarrerstochter Tanzstunde gemacht. Bei ihr zu Hause, im Pfarrhaus, habe ich den Pfarrberuf kennengelernt. Und so entstand auf charmante Weise über die Tanzstunde der Wunsch, Pfarrer zu werden.

Ihr Studium in Marburg und Heidelberg war mit Hindernissen verbunden. Wie kamen Sie über die Grenze?
Leich:
Ich musste schwarz über die Grenze gehen. In Marburg habe ich dann unter anderem bei Professor Rudolf Bultmann studiert. In Heidelberg prägte mich Professor Edmund Schlink. Die Ökumene war sehr ausgeprägt. Nach zwei Semestern in Heidelberg habe ich bereits Examen gemacht. Viel früher als nötig, aber ich wollte zurück zu meiner Braut.

Während Ihrer Studentenzeit waren Sie auch mal Kohlekumpel in Gelsenkirchen. Wie kam es dazu?
Leich:
Nach der Währungsreform waren plötzlich alle Stipendien erloschen. Und um zu überleben, musste ich arbeiten. Es war nicht einfach, Arbeit zu bekommen. Da blieb nur das Bergwerk. Ich bin heute noch dankbar für die Erfahrung.

Rührt daher Ihr Interesse für den Fußballverein Schalke 04?
Leich:
Ja. Wissen Sie, damals gab es noch keine Fußballprofis. Ich kannte die Fußballer aus dem Bergwerk. Im Hauptberuf waren sie Kumpels und anschließend haben sie Fußball gespielt.

Mit all diesen Erfahrungen sind Sie wieder nach Thüringen zurückgegangen. Wie kamen Sie an Ihre erste Pfarrstelle?
Leich:
Zunächst war das in Angelroda (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau). Dort waren wir nur drei Jahre. Damals bestand noch Pfarrermangel und so wurde ich auf eine größere Pfarrstelle nach Wurzbach (Kirchenkreis Schleiz) versetzt. Ich hatte gerade an meiner Doktorarbeit geschrieben. Aber Bischof Moritz Mitzenheim meinte: »Wir brauchen keine Doktoren, wir brauchen Pastoren.«

Bereits in Angelroda mussten Sie erfahren, dass der Staat Ihre Arbeit kritisch kontrollierte. Es gab Predigtkontrollen und Ihr Telefon wurde abgehört.
Leich:
Das ist dadurch aufgefallen, dass einmal ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes einen Zettel in der Kirche verloren hat, auf dem er alles notiert hatte, was seiner Meinung nach berichtenswert gewesen war.

Die Staatssicherheit war allgegenwärtig. Als junger Superintendent in Bad Lobenstein haben Sie Kriterien im Umgang mit der Stasi aufgestellt.
Leich:
Das waren drei Regeln: Keine Gespräche mit Mitarbeitern der Stasi unter vier Augen, keine Treffpunkte an neutralen Orten, kein Schweigeversprechen. Die drei Regeln standen sogar in meiner Stasi-Akte.

Ihre Wahl zum Landesbischof versuchte die Stasi zu verhindern. In Ihrer Amtszeit waren Sie dann von 17 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des Staatssicherheitsdienstes umringt. Hat sich eigentlich später einer bei Ihnen dafür entschuldigt?
Leich:
Bis auf eine Ausnahme ist keiner der IM auf mich zugegangen. Das schmerzt mich bis heute. Gerade weil ich dafür bekannt bin, nicht nachtragend zu sein.

Man hat Ihnen auch nach dem Leben getrachtet. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Das wurde mir aber erst später klar. Kurz nach der Wahl zum Landesbischof stellte ich fest, dass die Radmuttern an meinem Auto gelockert waren. Außerdem versuchten mehrfach Lkws mich von der Straße zu drängen. Aber ich habe nie aus Angst vor dem Staatssicherheitsdienst heraus gehandelt.

Wie sehr hat es Ihre Arbeit belastet, von IM der Stasi umgeben zu sein?
Leich:
Es war mir bewusst. Ich hatte glücklicherweise in Oberkirchenrat Heinz Krannich einen Freund und Vertrauten.
Das Erstaunliche ist, dass auch die IM’s meine Anordnung mitgetragen haben. Wir hatten manchmal die Aufforderung, dass sich alle Superintendenten beim Rat des Kreises melden sollten. Ich habe diese Treffen untersagt und alle haben sich daran gehalten.

Reichten Ihre drei Regeln im Umgang mit der Stasi aus?
Leich:
Ja, damit wussten selbst die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes genau, woran sie waren. Und, dass ihre Gespräche nicht geheim blieben. Damit sind wir gut gefahren. Gerade auch im Umgang mit der Kirchenzeitung. Die Chefredakteure von »Glaube + Heimat«, Herbert von Hintzenstern und Gottfried Müller, sind damals sehr genau von der Stasi beobachtet worden.

Hatte die Staatssicherheit den direkten Kontakt mit Ihnen gesucht?
Leich:
Ja natürlich. Ein gewisser Dr. Roßbach, alias Roßberg, hat sich regelmäßig in der Superintendentur in Bad Lobenstein zum Gespräch angemeldet. Ich habe dann immer einen Pfarrer als Zeugen dazu gebeten und das Gespräch dokumentiert. Erstaunlich war, dass die Sachpunkte in meinem Protokoll und in dem der Stasi identisch waren. Aber die Beurteilung war natürlich völlig unterschiedlich.

Wie war es für Sie, als Sie feststellen mussten, dass Mitglieder der Kirchenleitung IM der Stasi waren?
Leich:
Das war mir relativ schnell bekannt. Und ich wusste, worauf ich mich als Landesbischof einließ. Damit konnte man auch leben, wenn man seinen eigenen klaren Weg gegangen ist.

Mit Oberkirchenrat Martin Kirchner war immerhin Ihr Stellvertreter ein IM. Hat Sie das nicht erschüttert, als Sie erfahren haben, dass er bei der Stasi war?
Leich:
Kirchner ist ein Sonderfall. Ihn habe ich ja bevorzugt gegenüber dem Oberkirchenrat Wolfram Johannes, von dem wir wussten, dass er Staatssicherheitsmitarbeiter war. Kirchner ist mir nie in den Rücken gefallen. Da herrschten immer klare Fronten. Und was ich von ihm als Jurist verlangt habe, das hat er auch gemacht.

Hatten Sie nach der Wende noch Kontakt?
Leich:
Er hat in Eisenach als Rechtsanwalt gearbeitet. Und wir sind uns auch mal begegnet. Er wusste, dass ich nicht nachtragend war und dass ich ihn kannte. Was jetzt aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.

Wie schätzen Sie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte durch die evangelische Kirche ein?
Leich:
Ich bin der Überzeugung, dass man die Geschichte nach 25 Jahren ruhen lassen sollte. Es ist schon viel zu lange her. Erfahrungsgemäß wird durch spätere Aufarbeitung auch vieles hineingedeutet. Die Betroffenen sind alle schon sehr alt. Wir haben die offiziellen Stellen zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Dort sind die Dokumente hinterlegt. Jeder kann einen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Das ist meines Erachtens ausreichend. Im Übrigen halte ich die Sache für erledigt.

Plädieren Sie für vergeben und vergessen?
Leich:
Vergeben ja, vergessen nicht. Auch die heutige Generation sollte daraus lernen. Die drei Regeln, die ich aufgestellt habe, die stammen aus einem Buch aus der Nazi-Zeit über den Umgang mit der NS-Staatssicherheit. Ich glaube, die Nähe zur Politik ist auch heute eine Sache, bei der die Kirche ganz eindeutig und gerade gehen muss. Das tut sie leider nicht immer.

»Das hat mich all die Jahre getragen«

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Der frühere Thüringer Landesbischof Werner Leich feierte am 31. Januar seinen 90. Geburtstag.
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Gesprächs, das Michael von Hintzenstern und Willi Wild mit dem Jubilar geführt haben.

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie als Bischof vorstanden?
Leich:
In tiefer Trauer. Wir haben ein ausgezeichnetes Landeskirchenamt gehabt, das auch sehr gut organisiert war. Und die Auflösung des Landeskirchenamtes, ich hab’s ja dauernd vor Augen, ist eine schwierige Sache. Ich bedauere, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen in dieser Form nicht mehr besteht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Da kommen mir die Tränen.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit?
Leich:
Höhepunkt war auf jeden Fall das Lutherjahr. Wenn ich an den öffentlichen Gottesdienst auf der Wartburg denke. Die Mitarbeiter des Rundfunks meinten es sehr gut und haben ganz Eisenach beschallt. Das hat die Genossen natürlich furchtbar geärgert. Erstaunlich war, als ich mich hinterher bei den Fernsehleuten bedankt habe, sagten sie: Ach, Herr Bischof, wir hätten das gerne noch viel länger gemacht.

Wir stehen am Anfang eines weiteren Lutherjahres oder Reformationsjahres. Was erhoffen Sie sich von dem Reformationsgedenken?
Leich:
Ich hoffe, dass nicht der gedeutete Luther, sondern der originale Luther in den Mittelpunkt gerückt wird. Dass man ohne Scheu und ohne den Menschen gefallen zu wollen sagt, worum es geht. Das hat Luther in vielen Belangen getan. Er ist oft angeeckt, auch oft zu Recht kritisiert worden, beispielsweise im Umgang mit den Juden. Aber dieser ungeschminkte originale Ton, der muss erhalten bleiben.

Sie waren selbst geradlinig und mutig, obwohl Sie auch Ängste hatten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Die Umgebung des Staatssicherheitsdienstes hat mich oft in Unruhe versetzt. Aber ich habe Gott sei Dank gelernt, regelmäßig zu beten. Ich habe Gott alles, was mich bewegt und auch geängstigt hat, im Gebet vorgetragen. In meinem Arbeitszimmer stand ein altes gotisches Kruzifix. Darunter hab ich mir einen Betschemel bauen lassen. Jeden Tag habe ich mit Gebet begonnen und ihn auch beendet. Das hat mich all die Jahre getragen.

Wie haben Sie in all den Jahren Ihre Ehe und Familie zusammenhalten können?
Leich:
Das habe ich hauptsächlich meiner Frau zu verdanken, die von Anfang an auch mein Amt mitgetragen hat. Unsere Kinder haben gelitten. Sie wurden regelmäßig vom Staatssicherheitsdienst beobachtet. Die Stasi hoffte, über diese Quelle mehr über mich zu erfahren. Für unsere Kinder war es schwer.

Welchen Rat geben Sie Ihrer Kirche heute mit auf den Weg?
Leich:
Die große Gefahr für die Kirche ist, dass sie aus allem einen Event machen will. Dass sie sich nicht mehr verlässt auf Wort und Sakrament und auf eine treue Ausrichtung. Sondern alles in Spielszenen einkleidet. Die eigentlichen großen Gaben der Kirche treten zurück: Wort und Sakrament.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sich in der Kirche weniger Strukturdebatten, sondern mehr Hinwendung und Einladung zum Glauben wünschen.
Leich:
Wenn ich das kirchliche Amtsblatt lese, habe ich den Eindruck, unsere Kirche verliert sich im Augenblick völlig darin, die Strukturen neu zu schaffen oder einander anzugleichen. Und stattdessen ist die Einladung zum Glauben von der offiziellen Kirchenseite sehr gering.

Es gibt Gott sei Dank eine ganze Reihe von Pfarrern, die einfach ihren Dienst tun und sich davon nicht beeindrucken lassen. Aber die offizielle Kirche verliert sich in Formalitäten.

Sie sprechen davon, dass Kirche wieder mehr vom Geist der Liebe und des Zeugnisses ergriffen sein sollte. Wie kann das geschehen?
Leich:
Der Geist der Liebe und des Zeugnisses entsteht nur durch regelmäßiges Lesen der Heiligen Schrift, durch Gebet und durch den Versuch, die Erkenntnisse im täglichen Leben umzusetzen.

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Die Arbeitsbelastung für Pfarrer mit 15 Gemeinden und mehr wird immer größer. Haben Sie eine Idee, wie man diese Entwicklung verändern könnte?
Leich:
Wir haben schon zu meiner Dienstzeit begonnen, zusammen mit der Superintendentur Saalfeld und Oberkirchenrat Ludwig Große, kirchlich engagierte Mitarbeiter so auszubilden, dass sie selbst Gottesdienste halten können. Notfalls sogar Trauungen und Beerdigungen. Nach meiner Überzeugung ist ein gut ausgebildetes Laienchristentum die einzige Antwort.

Sie kommen aus der Bekennenden Kirche. Zu welchem Bekenntnis rufen Sie heute auf?
Leich:
Das Bekenntnis ist ja nichts anderes als der Hinweis auf die Heilige Schrift. Dass die Kirche aus der Heiligen Schrift lebt und aus dem Gebet, das ist unumgänglich. Sobald das vernachlässigt wird, schwindet auch die Kraft der Kirche.

Meine Botschaft ist: Verlasst euch auf das, was uns Gott mitgegeben hat: die Heilige Schrift, das Gebet, die Zuwendung zum Nächsten. Und wer sich darauf verlässt, der wird nicht im Stich gelassen.

Sie klammern die Endlichkeit des Lebens nicht aus. Wie möchten Sie sterben?
Leich:
Also am liebsten zusammen mit meiner Frau. Ich möchte so sterben, dass ich dabei die Hände falten und beten kann: Herr, nimm meinen Geist auf. Und ich glaube an die Auferstehung der Toten. Dies spielt für mich eine besondere Rolle, weil ich meine Mutter nie kennengelernt habe. Meine Mutter ist verstorben, als ich ein halbes Jahr alt war. Und ich habe die große Sehnsucht, dass ich im Reich Gottes erstens an der Seite meiner Frau sein darf und dass ich meine Mutter einmal kennenlerne.

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Die starke Frau an seiner Seite

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Film: Dreharbeiten über »Katharina Luther« im Schloss Reinhardsbrunn

Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 will das Fernsehen einen Film über Luthers Frau zeigen. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen im Schloss Reinhardsbrunn, wo derzeit gedreht wird.

Filme über Martin Luther gibt es wie Sand am See Genezareth. Die meisten von uns können sogar Passagen mitsprechen. Man könnte meinen, es reicht. Was jedoch verwundert: Einen Film über die Frau an seiner Seite, Katharina von Bora, gibt es bisher nicht. Hin und wieder taucht sie als Nebencharakter auf, ist jedoch von der Handlungsmitte weit entfernt. Doch ihre Leistungen sind ebenso groß wie wichtig. Eine starke, selbstbewusste und emanzipierte Frau des späten Mittelalters, die auf alle theologischen Fragen Luthers eine Antwort hatte. Eine Frau, beispielhaft für unsere heutigen Debatten zur Gleichstellung. In genau dieser Aktualität bewegt sich der neue Film, der aktuell in Reinhardsbrunn gedreht wird. Er will ein anderes Licht auf den Reformator und seine Frau werfen, die Distanz von 500 Jahren verringern. Er stellt bewusst Katharina von Bora in den Mittelpunkt. Es geht um ihr Denken und Fühlen, um ihre Sicht auf Martin Luther. Eine Ehegeschichte mit allen Höhen und Tiefen. Katharina war Mitte 20, als sie den 40 Jahre alten Luther kennen und lieben lernte. In dieses Szenario soll der Zuschauer geführt werden. 1524 im »Schwarzen Kloster« zu Wittenberg. Katharina ist auf Augenhöhe mit ihrem Mann, wichtigste Beraterin in allen politisch-theologischen Fragen. So schrieb Luther mit seiner Frau über sein weiteres theologisches Vorgehen, während er seinen Freund Melanchthon kontaktierte, er solle ihm ein neues Paar Socken für seine Reise zusenden. Eines sei ihm kaputtgegangen.

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Zwar existieren noch originale Kulissen, vor allem in Wittenberg, aber mittelalterlich sind sie schon lange nicht mehr. Deshalb wurde nach einem passenden Drehort gesucht. Nach langer Suche bekam der Produzent Mario Krebs den Hinweis vom Waltershäuser Pfarrer Christfried Boelter, sich Schloss Reinhardsbrunn anzuschauen. Nachdem zu DDR Zeiten dort ein Interhotel zu finden war, steht das Schloss seit vielen Jahren leer und verkommt. An vielen Stellen wurde der Stuck abgeschlagen, Dielen entfernt. Wertvoller Goldschmuck fehlt. Ein nicht tragbarer Zustand, den das Land jetzt zu ändern versucht. Seit Februar wird im Schloss gebaut. Viele Stunden hat die Baubühne um Daniel Lange, Pierre Winkler und Sebastian Braband benötigt, um Stück für Stück die Vergangenheit in die Gegenwart zu projizieren. Und plötzlich fühlt man sich zurückversetzt in das alte Wittenberg. Man wandelt durch die Kulisse, nicht ahnend, dass alles nur aus Holz und Styropor ist. In der Küche brennt Feuer im Ofen, die Bibel, natürlich noch in Latein, liegt aufgeschlagen auf dem Pult, der Tisch im Refektorium ist für das nächste Mahl gedeckt.

Dr. Martin Treu, Geschäftsführer der Luthergesellschaft, ist als Fachberater für die Details, die den Film authentisch machen, zuständig. Spezielle Schaf- und Hühnerarten wurden eingeflogen, die Bepflanzung historisch korrekt angepasst und die krummste Karotte hat ihren Platz in der Küche gefunden.

Katharina von Bora wird von Karoline Schuch gespielt, Martin Luther von Devid Striesow. Regie führt Julia von Heinz. Karoline Schuch, gebürtige Jenenserin, betont die Vorbildrolle Ka­tharinas für viele Frauen bis heute. Striesow bemerkt ergänzend, dass man als Schauspieler keinen Respekt vor der Person Luthers haben darf, um authentisch und ehrlich zu spielen.
Das Ehepaar Luther – hautnah und privat. Das ist der Anspruch des Films. Bis zum 19. Juli soll der 105 Minuten lange Film abgedreht sein. Weitere Dreh­orte sind unter anderem Mühlhausen und Arnstadt.

Der Film ist ein Projekt der Fernseh- und Filmproduktionsgesellschaft Eikon, deren größter Gesellschafter die Evangelische Kirche in Deutschland ist. Zu sehen ist der Fernsehfilm im Frühjahr 2017 im Ersten. Wir dürfen gespannt sein.

Julia Braband

Christen bislang kein Thema

10. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeindemitglieder aus dem Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau fordern eine Debatte über die Religionsfeindlichkeit in der DDR und deren Folgen.

Der 17. Juni wird in Thüringen erstmals als Gedenktag für die Opfer von SED-Unrecht begangen. Der Tag des Volksaufstandes in der DDR bietet nach Ansicht der Thüringer Landesregierung die Chance auf eine neue Herangehensweise an die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Der Überwachungsapparat, die Strafverfolgung von Oppositionellen und Repu­blikflüchtigen, die Thematisierung von Schuld, Zwangsadoption und Zwangsaussiedlung sollen Teil des Prozesses sein. Einzig die Christenfeindlichkeit kommt dabei nicht vor.

Diskriminierung

Christen im Osten Deutschlands, die die DDR noch erlebt haben, können von Diskriminierung auf vielen Ebenen des Lebens berichten. Wer sich für die Konfirmation oder Firmung anstatt der »freiwilligen« Jugendweihe entschied, dem musste klar sein, dass die Ausbildungs-, Berufs- und Studienwünsche meistens eines bleiben würden: Wünsche. Christen wurden nicht nur in ihrer Religionsausübung eingeschränkt, sie wurden diskriminiert, ihr kirchliches Tun ins Verborgene, ins Private verbannt. Gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone noch 95 Prozent der Bürger einer der beiden Kirchen an, so sind es heute gerade noch 20 Prozent.

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

»Was die Minimierung der Christenzahlen angeht, hat die DDR ganze Arbeit geleistet«, erklärt Pfarrer i. R. Gerhard Sammet aus Ilmenau. Diese Entwicklung ließe sich nicht ungeschehen machen, doch Sammet hofft darauf, dass die Christen- und Religionsfeindlichkeit in der DDR endlich auch Thema einer umfassenden Aufarbeitung der Thüringer Landesgeschichte wird. Darum hat er gemeinsam mit dem Mathematiker Pedro Hertel einen offenen Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition formuliert. Darin beschreiben die Autoren, welche Repressalien Christen in der DDR erleiden mussten.

»Dieser Brief legt den Finger in die Wunde und beschreibt ein großes Dilemma«, betont Christian Dietrich, Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auch er glaubt, dass die Christenfeindlichkeit des Regimes bisher zu wenig offen thematisiert worden ist. Darin kritisiert Dietrich auch die Kirchen. Anpassung, das eigene Bekenntnis, Erpressungsversuche des Staates, all das sei bisher zu wenig betrachtet worden.

Die Thüringer Landesregierung, zu deren Koalition auch die Partei die LINKE gehört, bekennt sich im Koalitionsvertrag zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. »Seit Regierungsantritt haben sich zahlreiche Menschen an uns gewandt. Darunter war aber keine einzige Anfrage zur Christenfeindlichkeit. Daraus resultiert auch, dass wir bisher keine Projekte in diese Richtung angedacht haben«, erklärt Staatssekretärin Babette Winter.

Aufarbeitung des Unrechts

Die Landesregierung will mit beiden Seiten ins Gespräch kommen. Gespräche, das ist es auch, was die Verfasser des offenen Briefes wollen: »Es geht uns nicht darum, Entschädigungen für erlittenes Unrecht zu verlangen. Wir wollen mit dem Brief eine Entwicklung, einen Gesprächsprozess darüber in Gang setzen, was diese Religionsfeindlichkeit in der Bevölkerung bewirkt hat und was davon bis heute nachwirkt«, so Sammet. Denn die Rolle und der Platz der Kirchen in der Gesellschaft – damals wie heute – sei ein wichtiges Thema. Darum fordert Mitverfasser Pedro Hertel, dass sich der Landtag mit dem Thema in einer öffentlichen Fragestunde befasst. Und auch eine weitere Debatte innerhalb der Kirchen sei nach seiner Ansicht notwendig. Forschungsergebnisse belegen, dass nicht einmal jedes zweite Opfer von SED-Repressionen über seine Erfahrungen spreche.

Opfer meist sprachlos

Auch Personen, deren Schicksal im offenen Brief von Gerhard Sammet und Pedro Hertel an die Regierungskoalition angedeutet wurde, scheuten sich heute noch, an die Öffentlichkeit zu gehen. »Opfer würden dann gezwungen, sich wiederum mit den Erniedrigungen und den Tätern auseinanderzusetzen«, erklärt Christian Dietrich. Das sei meist nicht hilfreich. Gerade die Auseinandersetzung um Religionsfreiheit ist konfliktträchtig. Das Recht, seinen Glauben in der eigenen Familie und öffentlich zu leben, ist bis heute nicht selbstverständlich. Christian Dietrich glaubt nicht, »dass Aufarbeitung das Ziel hat, dass sich wieder alle lieb haben«.

Vielmehr sollte es darum gehen, das Geschehene zu benennen und Dialoge mit gesellschaftlichen Gruppen zu führen, um in der aktuellen Auseinandersetzung achtsamer miteinander umzugehen.

In der DDR-Vergangenheit gäbe es nicht nur Täter und Opfer, nicht nur Schwarz und Weiß, betonte Staatssekretärin Babette Winter. Entschuldigen könne sich nur, wer schuldig geworden sei, vergeben könne nur der, der Opfer gewesen sei. Für die Landesregierung aber gelte, »dass wir anerkennen, dass es Unrecht war, und das muss es uns wert sein – auch noch in zehn Jahren«.

Diana Steinbauer

Offener Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition

“Fremdenfeindlichkeit” ist ein böses Wort. Im vergangenen fahr 2015 haben wir mehr als genug davon, auch im persönlichen Leben, erfahren müssen. Wir kennen sehr viele Christen, die in ganz Deutschland Herzen und Türen geöffnet haben, um Flüchtlingen zu begegnen und für sie da zu sein. Bis zur Friedlichen Revolution 1989 haben wir Christen in der DDR auch eine spezielle Feindlichkeit erfahren: “Christenfeindlichkeit”. Wir können uns also in die Opfer von Feindlichkeiten jeglicher Art hineinversetzen. Von der Christenfeindlichkeit in der DDR, die wir erleben mussten, berichtet dieser “Offene Brief”. Nach dem Krieg gehörten in der damaligen SBZ etwa 95% der Einwohner einer der beiden großen Kirchen an. Heute sind es nur etwa 20% der Einwohner in den jungen Bundesländern. Wie ist es dazu gekommen? Schon 1956 referierte der katholische Bischof Otto Spülbeck aus Meißen auf dem Kölner Katholikentag: “Wir Christen leben in der DDR in einem Haus, das wir nicht gebaut haben. Wir halten auch die Fundamente dieses Hauses für falsch, Wir dürfen in diesem Haus nur die Treppen säubern.” Diese Feststellung erregte damals großes Aufsehen, besonders natürlich in der DDR. Die Machthaber monierten: Der Sozialismus ist für alle da! Schon ab 1945 hatte die SED in der SBZ die Weichen gestellt: nur eine sozialistische Kinderorganisation: Junge Pioniere (FP) und nur eine sozialistische Jugendorganisation: Freie Deutsche Fugend (FDJ). Aber 1945 war mit den Kirchen abgesprochen worden: Nach Überwindung der Kriegsschäden – auch in den Köpfen – könnt ihr Christen selbständige Organisationen gründen. Dieses Versprechen wurde NIE eingelöst. Das Gegenteil war der Fall. Es gab massive Maßnahmen z. B. gegen die Mitglieder der “Jungen Gemeinde” in der evangelischen Kirche. Sie wurden insbesondere sichtbar von 1950 bis 53, wo z. B. an der Schiller Universität Jena Studenten deshalb exmatrikuliert und verfolgt wurden, was bei der Aufarbeitung der Geschichte der Universität Jena nach 1989 beispielhaft nachgewiesen wurde. Jugendweihe und andere pseudosakrale Riten wurden eingeführt. Die Teilnahme der Kinder und Jugendlichen war angeblich freiwillig, wehe aber denen, die diese Freiwilligkeit in Anspruch nehmen wollten. Berufswünsche, Studienwünsche wurden negativ beeinflusst, wenn ein junger Mensch kein Junger Pionier, nicht in der FDJ war oder nicht an der Jugendweihe teilnehmen wollte. Lebenswege wurden verbaut. Die Konfirmation wurde “erfolgreich” in den Hintergrund gedrängt, sie brachte den Jugendlichen Nachteile. Dieser Trend hat sich bis heute erhalten, etwas, was die damaligen Kinder und heutigen Eltern nie kennengelernt haben, das erwarten sie von eigenen Kindern nicht, viele freuen sich über das Ritual der Jugendweihe, das Fest und Geschenke. Da jede Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen verboten war, wurde die Tätigkeit der Kirchen und der christlichen Religion immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. In vielen Bereichen hatte es den Anschein, als sei die Kirche schon tot oder ihre Seelsorge sei überflüssig geworden, sei nur noch Sterbehilfe für wenige alte Menschen. Ein konkretes Beispiel: Ein junger Schüler im heutigen Thüringen hatte in allen Fächern Bestnoten. Ihm fehlten für das schulische Weiterkommen allerdings die Zugehörigkeit zu den JP und die Jugendweihe. Im Gespräch mit dem damaligen Rat des Kreises, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Abteilung Inneres, der zuständige Ansprechpartner für Kirchenfragen: “Der Schulrat ist ein Stalinist, er hasst jeden Christen persönlich”. Diese Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden war schon recht offen – aber niemals hätte er schriftlich dazu gestanden. Trotz aller danach geführten Gespräche, schriftlichen Eingaben von Eltern und dem Pfarrer, trotz der schulischen Bestleistungen wurde der damals 14jährige Schüler nicht zur EOS (Erweiterte Oberschule) zugelassen, damit von Abitur und Erreichen der Studienreife bewusst ausgeschlossen. Weil er Christ war! Das Verhalten des DDR-Staates (SED-Einparteienherrschaft) gegenüber Christen bewegte sich wie auf einer schiefen Ebene, fast unmerklich gab es Absagen, Verunsicherungen, Ausgrenzungen. Andererseits wurden Ausnahmen gemacht und diese dazu benutzt, um sagen zu können: “Na, der hat es doch auch geschafft.” Wie verlogen, verunsichernd und zersetzend. Unter dieser systematischen Benachteiligung christlicher Kinder kam es 1976 zu einem tragischen Höhepunkt. Am 18. August 1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz in Zeitz im Talar und in aller Öffentlichkeit und starb. Er hatte bei sich das Spruchband: “Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an. Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.” Der Liedermacher Wolf Biermann nannte dieses Geschehen “Republikflucht in den Tod”. Diese Selbstverbrennung konnte vor der Öffentlichkeit nicht verborgen werden. Die SED-Presse sprach von einem “geistig gestörten Pfarrer”, von einem “Einzelgänger”. Dieses “Zeichen von Zeitz” änderte auch nichts an der Kirchenpolitik der SED. Eigentlich muss es heißen: an der “Christenpolitik”. Weitgehend wurden kirchliche Institutionen und Amtsträger geschont (Kampf gegen die Kirchen wäre für die DDR-Außenpolitik nicht förderlich gewesen), aber nach dem Motto: “Die Hirten schonen, die Schafe zerstreuen und unterdrücken” wurden ostdeutsche Christen in ihren Aktivitäten auf das Äußerste eingeschränkt. Zudem wurden sie an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: an ihren Kindern. Die Drohung hieß: “Sie wollen doch, dass aus Ihren Kindern einmal etwas wird, dann müssen Sie …!”

Bereits am 30. Mai 1968 ließ der SED Chef und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ohne Not die aus dem 15. Jahrhundert stammende, im Zentrum Leipzigs gelegene Universitätskirche trotz aller Proteste, sprengen. Sie war seit Jahrhunderten Teil des Leipziger universitären Lebens, Martin Luther predigte hier und J. S. Bach spielte auf der 0rgel. Ulbricht wollte diese Kirche nicht. Das genügte. Kein kirchenfeindlicher Unrechtsstaat? Von Herrn Bodo Ramelow wird erzählt, dass er sich während seiner westdeutschen Zeit für Menschen mit Berufsverbot eingesetzt hat. Für tausende junge Christen gab es in der DDR unausgesprochene Berufsverbote: Wo gab es einen Polizisten, der Christ war? Wo gab es einen Schuldirektor, der Christ war? Wo gab es einen Rektor einer Hochschule, der Christ war? Wo gab es Jurastudenten, die Christen waren? Diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Manchmal gab es einen Stellvertreter aus einer Blockpartei, der aber “nichts zu sagen hatte”, der als Alibifunktion an diesem Platz war. Diese Berufsverbote wurden wie selbstverständlich von den Menschen hingenommen, als sei dies in jedem Staat der Welt so. Nach der 10. vergeblichen Beschwerde hörten fast alle auf, sich zu beschweren. Zwei fahre vor der Friedlichen Revolution wurde sozusagen als letzter Versuch, von der Stasi initiiert, der “Bund der Freidenker” gegründet. Der Vorsitzende diese Bundes in unserem Kreis Ilmenau, Herr Prof. L., sagte im persönlichen Gespräch: “Dieser Bund wird die letzten Christen ausrotten. Die marxistisch-leninistische Weltanschauung ist allmächtig, weil sie wahr ist. Also Christen macht Platz!”. Eine gefährliche Drohung, aber nur bis zum Herbst 1989 gültig. Im Rückblick auf die Jahrzehnte von 1945-1989 muss man dem DDR-Unrechtsstaat bescheinigen, dass er in seinem Sinne ganze Arbeit an der Minimierung der Christenzahlen geleistet hat. Insbesondere die Stasi, Schild und Schwert der SED, ein Geheimdienst der außerhalb des Rechts stand und Menschen ungebremst, ungehemmt und unkontrolliert bespitzeln, verfolgen, zersetzen und sogar töten konnte, schürte die Grundängste der Menschen. Christen waren Feinde, die sich nicht anpassen wollten und zu einer Minderheit gemacht wurden. Die Thüringer Partei die LINKE hat als direkte Nachfolgepartei der SED im Herbst 2014 in dem Koalitionsvertrag als Zugeständnis an SPD und Bündnis 90/Grüne stehen, dass die DDR in der “Konsequenz ein Unrechtsstaat” gewesen sei. Aber was haben die Thüringer von einer solchen Aussage zu erwarten? Aufarbeitung? Auseinandersetzung mit allem, was Unrechtsstaat bedeutet, z. B. Einparteiendiktatur? Entschuldigungen für vielfach begangenes Unrecht, auch an Christen? Nichts davon spürt man. Bisher ist von wenigen Einzelschicksalen abgesehen, kein einziges Wort über die 44 Jahre Christenfeindlichkeit in der SBZ/DDR gesagt worden. Als hätte es diese schlimmen und folgenschweren Tatsachen und Vorgänge nicht gegeben. Man hört nur vom Streit der alten Genossen von der Basis und Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche über den Begriff, “Unrechtsstaat DDR” von denen, die nun in “Amt und Würden” sind. Im 0ktober 2014 hat der angesehene Politikwissenschaftler und langjährige Vorsitzende der Stiftung Ottersberg Hanns-Joachim Veen im Detail erläutert, weshalb die DDR für hinein Unrechtsstaat war (Thüringer Allgemeine, 8.10.2014).Diese Haltung der Partei die LINKE zu ihrer eigenen SED-Vergangenheit mit der Verantwortung für verursachtes Unrecht, auch gegenüber Christen, macht echte Aufarbeitung unmöglich. Es würde von den Mandatsträgern doch dann eigentlich erfordern, aus Ihrer Partei auszutreten. Wie kann man diese 44 Jahre aufarbeiten, in denen eine Demenz besonderer Art gewachsen ist, in der Menschen schließlich dachten und sagten: “wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben!” Schaut man auf die Fraktion der Partei die LINKE im Thüringer Landtag, so ist festzustellen, dass von den 28 Mitgliedern mindestens 16 schon bis 1989 im Unterdrückungsapparat der SED-Partei auf Kreis- oder Bezirksebene beteiligt waren. Wenn dem Reden ein Tun folgen sollte, dann müsste die Aufarbeitung der Christenfeindlichkeit und des Christenhasses von 1945 bis 1989 endlich beginnen. Allein Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow, durch seine westdeutsche Vergangenheit unbelastet vom Vorwurf des DDR Unrechtstaates, spricht ständig davon, wie viel ihm sein evangelischer Glaube bedeutet. Eine Bibel liegt auf seinem Schreibtisch, durfte die Öffentlichkeit erfahren. Aber reichen diese Worte und die zur Schau gestellte Bibel? Herr MP Ramelow hat sich pauschal für in der DDR geschehenes Unrecht entschuldigt, hat sich also für Dinge entschuldigt, die er als westdeutscher Gewerkschaftsfunktionär nicht begangen hat und nie persönlich erfahren musste. Feststeht, dass Herr Ramelow als aktiver evangelischer Christ in der DDR kein erfolgreicher Gewerkschaftsfunktionär geworden wäre. Offen als aktiver Christ in der DDR zu leben und eine erfolgreiche berufliche Karriere zu machen schlossen sich aus. Keinerlei Einsicht oder gar Reue bezeigen dagegen ehemalige SED-Mitglieder, die heute in der Thüringer Linkspartei in der Regierung und in verantwortlichen Positionen sitzen. Noch nie hat Bodo Ramelow in der Öffentlichkeit ein Wort darüber verloren oder sich zudem Unrecht bekannt, welches seine Vorgängerpartei den Christen und ihren Familien in der DDR-Zeit angetan hat. Wir fordern Herrn Ramelow auf, Stellung zu beziehen zum Thema der Christenverfolgung in der ehemaligen DDR und sie öffentlich erkennbar zu thematisieren. Man hört, dass Mitgenossen untereinander lästern: “Von uns aus kann er auch noch der katholischen Kirche beitreten – Hauptsache wir gewinnen dadurch wieder Wahlen”. Wie makaber. Unser Offener Brief soll zum Nachdenken anregen und das Gespräch unter Christen und Nichtchristen fördern. Wir sind Menschen der Hoffnung, weil wir Christen sind! Wir plädieren für eine “ansteckende Gesundheit” für unsere Demokratie, die in Freiheit auch gelebtes Christsein erlaubt. Wir wissen, dass alle Freiheitsliebenden Demokraten diesen offenen Brief unterschreiben (im Sinne von Sophie Scholl: “… was viele denken, aber nicht sagen” am 22. Februar 1943, dem Tag ihrer Hinrichtung vor ihrem Richter in München). Dann braucht ein Herr Dittes (innenpolitischer Sprecher der LINKEN) nicht mehr zu einer Demo aufrufen “Es gibt 1000 Gründe Deutschland zu hassen”, dann gibt es gute Gründe offen und hilfsbereit zu anderen Menschen zu sein. Mit hoffnungsvollen Grüßen und den besten Erfolgswünschen beim Lesen, Nachdenken und Handeln.

Pedro Hertel
Gerhard Sammet

Einigungsprozess geht weiter

28. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Deutsche Einheit: Der Pfarrer und Journalist Matthias Gehler meint, Deutschland sei gereift und bereit für neue Herausforderungen

Vor 25 Jahren ging die DDR zu Ende. Der Sprecher der letzten und ersten frei gewählten DDR-Regierung blickt zurück und nach vorn.

Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte. Die Kritik an der Metapher von den »blühenden Landschaften« hört man immer seltener. Ich muss zugeben: Auch mir war stets zu viel naive Malerei in diesem Bild. Heute bin ich versöhnter. Vielleicht auch, weil wir alle 25 Jahre älter geworden sind. Altern macht weise.

Als wir nach den ersten demokratischen Wahlen am 18. März 1990 an die Regierung kamen, gingen wir zunächst noch von einer Regierungszeit von vielleicht sogar drei Jahren aus. Alles sollte geordnet vereint werden. Die Realität sah anders aus. Nach sechs Monaten war die DDR Geschichte. Die Dynamik der Ereignisse erforderte schnellere Lösungen. Pro Monat verließen Hundert­tausende die Noch-DDR und siedelten sich im Westen an. Die D-Mark musste eingeführt werden. Innenpolitisch waren trotz der Schwächen des in Eile gezimmerten Einigungsvertrages, der sozialen Härtefälle und der Veruntreuungsskandale bei der Treuhand kaum Alternativen möglich.

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner. Rechts im Bild: Das Sprecher-Duo von einst: Er ist heute Chefredakteur bei MDR Thüringen, sie ist Bundeskanzlerin – Matthias Gehler und Angela Merkel. Foto: Guido Werner

Auch außenpolitisch war das Zeitfenster begrenzt. Ich erinnere mich an unseren ersten Staatsbesuch Ende April in Moskau, der mein idealisiertes Gorbatschow-Bild ins Wanken brachte. Er behandelte uns wie Untertanen – dabei waren wir im Gegensatz zu ihm frei und demokratisch gewählt. Wir haben gegengehalten. Gorbatschow stand schon damals unter enormem innenpolitischen Druck in seinem Land. Dann kam sein Sturz. Die ehemalige UdSSR zerfiel völlig und damit der östliche Verhandlungspartner. Auch im Westen änderte sich die Blickrichtung: Die Iraker marschierten in Kuweit ein, und die Amerikaner sahen nicht tatenlos zu. Eine sich anbahnende weltweite Rezession tat ihr Übriges.

Aber schon als ich etwa zehn Jahre nach der Wiedervereinigung im Auftrag der Bundesregierung in Südkorea war, schlug mir durchweg Bewunderung für die deutsche Wiedervereinigung entgegen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Koreaner haben Respekt vor diesem Kraftakt und sind sich nicht sicher, ob sie das einmal selbst hinbekommen.

Schritt für Schritt und mit gebotener Vorsicht hat sich Deutschland zu einem Land entwickelt, dass sich in der Welt Ansehen erarbeitet hat. Dazu beigetragen haben nicht nur die Wirtschaftskraft, Kultur und Gastfreundschaft, zum Beispiel bei der Fußball-WM, sondern auch das kluge Agieren von Politikern. Wir stehen für Demokratie und Fortschritt. Es gibt schon längst ein weit verbreitetes gesundes Nationalbewusstsein, das neonationalsozialistischem Extremismus mehrheitlich die Stirn bietet. Deutschland ist gereift.

Und jetzt stehen wir vor einer Herausforderung, die wir vielleicht so nicht hätten früher angehen können – die Flüchtlinge. Sie kommen zu Zigtausenden und suchen bei uns das »gelobte Land«. Sie haben Merkel-Bilder in der Hand, benennen ihre Kinder nach ihr, und Erwachsene sagen Mama zur Kanzlerin. Ist uns das peinlich? Nun, zumindest ist die Frau gewählt, steht für Demokratie und Werte, die den Schutzsuchenden fehlen. Das wiedervereinte Deutschland gibt Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Von New York Times bis BBC berichten die Medien weltweit darüber. Die Kanzlerin sagt: »Wir schaffen das«.

Was hier passiert, sucht Seinesgleichen in der Geschichte und hat auch etwas mit Religion zu tun. So säkularisiert dieses wiedervereinte Deutschland auch sein mag, wir offenbaren Werte, die christliche Fundamente haben. Damit antworten wir nicht nur auf IS, sondern praktizieren Nächstenliebe. Das christliche »Abendland« ist nicht in Gefahr, sondern erweist sich gerade in dieser Situation als christlich. Das wirkt auch auf uns zurück. Es schafft gesundes Selbstbewusstsein und Klarheit. Daran ändert auch nichts, wenn nun nach Regelungen gerufen wird, wieder Grenzkontrollen stattfinden, Kapazitäts- und Verteilungsdiskussionen zwischen den Bundesländern und den Ländern der EU geführt werden. Deutschland ist in punkto Menschlichkeit soweit vorangegangen, dass andere Länder sogar das deutsche Wort »Willkommenskultur« aufgegriffen haben.

Die Mühen der Ebene kommen erst noch. Nicht jeder, der unser Gast ist, wird sich konform verhalten, und nicht jeder Gastgeber wird sich als guter Gastgeber erweisen. Das müssen wir aushalten. »An ihren Werken sollt ihr sie erkennen« – na dann mal anpacken. Wenn die 40 Jahre Wüste in der DDR und die 25 Jahre Kanaan jetzt zur Öffnung des »Auenlandes« geführt haben, dann dürfen wir vielleicht schon wieder von einem »Sommermärchen« sprechen. Das wird uns allerdings noch Jahre Integrationsarbeit abverlangen. Ich habe keine Bange um Deutschland. Die Wiedervereinigung ist gelungen. Die ganze Welt hat es begriffen. Wir auch?

Matthias Gehler

Ein Glücksfall in der deutschen Geschichte

25. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Der Opernsänger und Entertainer Gunther Emmerlich blickt auf 25 Jahre deutsche Einheit

»Ich freue mich nach wie vor über die deutsche Einheit«, sagt der Sänger und Moderator Gunther Emmerlich. Mit ihm sprach Willi Wild

Herr Emmerlich, welche Erinnerung haben Sie an den 3. Oktober 1990?
Emmerlich:
Den haben wir gefeiert und zwar in meinem Garten mit Freunden aus Sachsen und Oberfranken. Das war ja ein verhältnismäßig warmer Herbsttag. Es sollten bei dieser Feier auch die dabei sein, mit denen wir uns wiedervereinigen. Gegen Mitternacht sind wir runter in die Stadt gefahren auf den Theaterplatz. Und da waren viele, viele Menschen. Die Blechbläser der Staatskapelle haben auf dem Balkon der Semperoper »Nun danket alle Gott« gespielt. Und wir haben uns an den Händen gehalten und Rotz und Wasser geheult.

Das ist ein Ereignis, das Sie auch nach 25 Jahren emotional berührt?
Emmerlich:
Ja, es gibt ein paar Ereignisse, die durchlebt man immer noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt.

Rückblickend auf 25 Jahre deutsche Einheit, was ist gelungen oder was haben Sie sich damals anders vorgestellt?
Emmerlich:
Es ist kein Bauplan nach dem man sich richten kann und alles geht gut. Das ist etwas komplizierter. Das hatte es auch nirgendwo auf der Welt bislang gegeben. Ich will hoffen, dass eines Tages vielleicht auch Südkorea und Nordkorea vereint sein werden. Und dann könnten die Koreaner von uns lernen, auch aus unseren Fehlern. Es war ein Kraftakt. Und es schien, als wären die Skeptiker fast in der Überzahl. Auch manchen Medien hat es damals große Freude bereitet, diesen Einheitstag durch den Kakao zu ziehen. Es schien gelegentlich so, als ob man von einer Geburtstagsfeier berichtet und die Kamera steht auf der Toilette. Solche Berichte gab es damals. Das entsprach keineswegs meinen Empfindungen. Dass nicht alles glatt laufen würde, war zu befürchten und so war es denn auch. Aber in der Summe aller Dinge war es ein Glückstag, und er hat sich auch in den darauffolgenden Jahren als solcher erwiesen. Wenn ich nur allein unsere alten, maroden Städte hernehme. Das war doch wirklich höchste Eisenbahn. Noch ein paar Jahre, dann wär das alles in sich zusammengebrochen. Viele sagen ja, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Ich vollende den Satz gern mit den Worten, es hat nur bissel lange gedauert.

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Sie jetzt auf Ihre Geburtsstadt Eisenberg blicken, 25 Jahre nach der Deutschen Einheit. Was hat sich verändert?
Emmerlich:
2004 bin ich zum Ehrenbürger von Eisenberg ernannt worden. Das hat mich natürlich sehr stolz gemacht. In meiner Dankesrede habe ich auch erwähnt, dass Eisenberg gute Voraussetzungen hat, um sich prosperierend zu entwickeln. Ob da manches hätte wegbrechen müssen, das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall gab und gibt es eine ganze Menge Industriebrachen. Es ist aber auch viel Neues entstanden. Und der Aufschwung braucht Zeit, daran muss man arbeiten. Die Reformation ist auch nicht in 25 Jahren vollendet gewesen. Das einiges geschehen ist, kann man nicht übersehen. Ich sage manchmal, zu DDR-Zeiten fiel das eine Haus auf, das gerade mal renoviert war. Jetzt fällt das Haus auf, das noch nicht renoviert ist.

Sie sind im Showgeschäft zu Hause. Erleben Sie da heute noch die Unterschiede zwischen Ost und West?
Emmerlich:
Ich habe mich nicht in die Ostschmollecke zurück gezogen, sondern bin durch die nun offenen Türen gegangen. Mal mit größerem, mal mit weniger Erfolg. Man sagte damals, geh ins Offene und das habe ich getan. Gott sei Dank! Es sind neue Freundschaften entstanden, alte Freundschaften habe ich nicht in Frage gestellt. Es sei denn, die »Freunde« haben der Stasi regelmäßige Berichte über mich geschrieben. Beim Tournee-Theater zum Beispiel ist es weniger interessant, woher einer kommt, sondern ob er seine Sache gut macht. Das nehme ich für mich in Anspruch, sonst hätte ich nicht so viele Auftritte.

Für viele Christen ist die Wende und die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk. Wie sehen Sie das?
Emmerlich:
Der liebe Gott hat sicherlich auch dafür gesorgt, um in dieser Richtung handeln zu können. Aber es musste auch gehandelt werden. Manche sagen: Das dauert seine Zeit, oder Gott wird es schon richten. Gottvertrauen ist gut. Ich denke, der liebe Gott baut auch auf uns, dass wir dann in solchen Situationen das Richtige tun.

Trotz anfänglicher Skepsis haben den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche viele Menschen hilfreich begleitet, im In- und Ausland. Und jetzt steht sie als Symbol für Frieden und Versöhnung.

»Es gibt Ereignisse, die durchlebt man noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt«

Eines Tages kam ein Arzt aus Lüdenscheid auf mich zu und erzählte mir von einer renovierungsbedürftigen Rokoko-Kirche in Berka vor dem Hainich. Das ist weit weg von Lüdenscheid. Seine Initiative, dort etwas zu machen, hat mich gerührt und aktiviert. Mittlerweile erglänzt diese Rokokokirche in alter Schönheit. Ich könnte noch viele solcher Initiativen hinzufügen. Eine meiner vornehmsten Pflichten, die ich gern übernommen habe, ist die Schirmherrschaft für die Generalsanierung der Stadtkirche in Wittenberg. Und auch da gibt es Hilfe aus allen Himmelsrichtungen. Das ist ja doch vielleicht die wichtigste Kirche für unseren Glauben überhaupt.

Zum Schluss noch eine Bitte. Können Sie den folgenden Satz weiterführen: Die Deutsche Einheit ist für mich …
Emmerlich:
… ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Die Konstellation war günstig und es haben viele das Richtige getan. Es gibt immer noch viele, die sich erfreuen an dem, was nicht klappt. Meine Freude über das, was klappt, ist größer. Ich weiß natürlich auch, dass noch nicht alles funktioniert. Aber das sehe ich gerade als die Herausforderung dieser Tage. Ich freue mich nach wie vor über die Einheit. Wobei ich keine Vereinheitlichung möchte. Ich sehe auch einen großen Unterschied zwischen Hamburgern und Leuten aus Garmisch-Partenkirchen. Und die waren immer in einem Teil Deutschlands. Und ich sehe auch den großen Unterschied zwischen Dresdnern und Rostockern. Und das stört mich nicht. Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen.

Gebet allein sichert keine Arbeitsplätze

3. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im Gespräch mit der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«

Es ist für viele noch immer schwer vorstellbar: Ein Vertreter der Linkspartei führt die Landesregierung. Er verzichtete bei seiner Einführung auf den Gottesbezug im Amtseid, bezeichnet sich dennoch als gläubiger Christ. Trotzdem ist er nicht immer im Gleichklang mit den Vorstellungen seiner Kirche. Dietlind Steinhöfel und Harald Krille sprachen mit Bodo Ramelow.

G+H: Herr Ministerpräsident, viele unserer Leser haben Probleme, Ihr christliches Bekenntnis und die Zugehörigkeit zu einer Partei mit atheistischer Tradition zu vereinbaren.
Ramelow:
Bevor ich dieser Partei beigetreten bin, habe ich sie einer Prüfung unterzogen, um zu klären, inwieweit Atheismus ein Grundsatz dieser Partei sei. Und die Partei Die Linke oder damals noch die PDS ist durchaus keine atheistische Partei, sondern eine grundsätzlich weltanschaulich neutrale Partei. Und ich erinnere daran: Schon im März 1990, also noch in der DDR-Zeit, hat der Parteivorstand der SED-PDS in einem seiner ersten Beschlüsse die Bitte um Entschuldigung gegenüber den Christinnen und Christen in der DDR ausgesprochen.

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

G+H: Aber es gibt durchaus religionsfeindliche Töne aus den Reihen der Linken.
Ramelow:
Also wenn man über religionsfeindliche Tendenzen reden möchte, dann gibt es die durchaus auch in anderen Parteien. Ich kann nur sagen, sicher ist die Linke eine durchaus muntere und diskussionsfreudige Partei in Sachen Religion. Aber es gab und gibt eine starke Arbeitsgemeinschaft der Christinnen und Christen bei der Partei Die Linke und bereits vorher bei der PDS. Die Arbeitsgemeinschaft ist auch seit Jahren auf dem Evangelischen Kirchentag mit einem Strand vertreten.

G+H: Nun hat aber gerade Ihr Verzicht auf die religiöse Bekräftigungsformel bei Ihrer Amtseinführung viele unserer Leser sehr verstört. Was hat Sie dazu bewogen?
Ramelow:
Das war eine tiefgehende, vor meinem Gewissen zu verantwortende Entscheidung, die ich nicht erst vor meiner Vereidigung als Ministerpräsident getroffen habe. Schon viele Jahre vorher habe ich mich dafür entschieden, den Staat und meinen Glauben voneinander zu trennen. Und das bedeutet für mich: Wenn ich ein staatliches Amt übernehme, werde ich die mir vorgeschriebene Eidesformel wählen und mich zu den Gesetzen unseres Staates und der Gleichrangigkeit und Akzeptanz jedes Menschen bekennen. Ich werde mich immer auch zu meinem persönlichen Glauben bekennen und ihn verteidigen, aber ich werde das nicht mit meinem staatlichen Amt verbinden.

Der zweite Grund: Ich bin mit sehr vielen Muslimen und Juden befreundet. Und sowohl Juden als auch die Muslime waren während meiner Vereidigung auf der Tribüne. Und dann steht doch die Frage, welcher Gott in der Bekräftigungsformel gemeint ist? In der abendländischen Tradierung meint es den christlichen Gott, was ich aber für eine Verkürzung halte. Ich sehe den Gottesbegriff durchaus universeller.

G+H: Die institutionelle Trennung von Staat und Kirche ist unbestritten. Doch besteht für Christen nicht gerade die Herausforderung, bewusst als glaubende Menschen das Leben, die Gesellschaft und auch die Politik zu gestalten?
Ramelow:
Das tue ich ja. Nebenbei: Es haben noch nie so viele Menschen auch mit mir über meinen Glauben geredet, wie nach dem Verzicht auf die religiöse Eidesformel. Und ich sage auch ausdrücklich: Es war meine persönliche Entscheidung und ich respektiere jeden Menschen, der die Eidesformel mit dem Gottesbezug wählt.

G+H: Manche sehen in Ihrem Verzicht ein Einknicken vor den religionskritischen Kräften Ihrer Partei.
Ramelow:
Das ist eine ehrabschneidende Behauptung! Weil es mir die Ehre nimmt, dass ich selber eine Gewissensentscheidung getroffen habe.

G+H: Welchen Einfluss hat ihr persönlicher Glaube auf ihr Handeln als Politiker und Ministerpräsident?
Ramelow:
Mein Glaube gibt mir zunächst mal meine innere Festigkeit, verbunden mit einem Grundvertrauen. Wenn es freilich darum geht, bei der Kali und Salz AG eine feindliche Übernahme zu verhindern und 2200 Arbeitsplätze in Thüringen zu sichern, dann bekomme ich das nicht mit Gebet geregelt. Das geht nur, indem ich gemeinsam mit den Betriebsräten und den Anteilseignern eine sehr klare politische Linie entwickle. Aber in all dem lässt mich der Wertekanon unseres Glaubens ein Stück weit gelassener sein. Zudem habe ich schon zu oft in meinem Leben an der Grenze zwischen Leben und Tod gestanden. Spätestens da steht ja die Frage, ob du ein Gottvertrauen hast oder ob du verzweifelst. Das Gutenberg-Massaker hier in Erfurt war so ein Punkt, wo ich sage, der Glaube und die offenen Kirchen in Erfurt haben uns in dieser Situation gestärkt in der städtischen Gemeinschaft, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung atheistisch oder laizistisch oder wie wohl die meisten einfach nur glaubensfern ist.

G+H: Zu Beginn der Sitzungswochen gibt es im Landtag die ökumenischen Andachten. Nehmen Sie als Ministerpräsident daran teil?
Ramelow:
Schon seit 1999 nehme ich daran teil und das tue ich auch als Ministerpräsident weiter. Das war am Anfang etwas spannungsgeladen, weil mancher kurioserweise dachte, ein Linker kann doch mit Gott und Glauben und Christentum nichts am Hut haben.

G+H: Da sitzen Sie dann auch mit ihrer Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht zusammen. Beeinflusst das Ihr Verhältnis?
Ramelow:
Ich denke, wer miteinander betet, geht miteinander vielleicht etwas nachdenklicher um. Nach dem Amtsantritt von Christine Lieberknecht 2009 gab es einen entscheidenden Punkt, der in Thüringen viel verändert hat. Unmittelbar danach hat sie mich eingeladen, dass wir nach Pößneck fahren und gemeinsam Gesicht zeigen gegenüber den Neonazis. Die wollten damals das dortige Schützenhaus zu einer neuen Wallfahrtsstätte machen. Da hat Christine Lieberknecht mich angerufen und hat gesagt, morgen ist eine Demo in Pößneck, lass uns da gemeinsam hinfahren. Am Ende waren alle Fraktionsvorsitzenden dort, aber von ihr ging die Initiative aus.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Und als 2011 das Atomkraftwerk von Fukushima explodierte, hat sie noch in der Nacht mit mir telefoniert. Und dann hat sie eine Regierungserklärung vorbereitet und die Linksfraktion hat sie bestärkt, darin bestimmte Aussagen öffentlich zu treffen. Das sind Dinge, die hat es außerhalb von Thüringen so nie gegeben. Und die werden außerhalb nie wahrgenommen. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, mit Christine Lieberknecht auch im Gottesdienst zu sitzen. Manche finden das komisch, aber als Christ finde ich es eher komisch, dass man das komisch finden kann.

G+H: Wie sehen sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen Staat und der Institution Kirche? Im Blick auf die Kritik der katholischen Kirche an der Besetzung einer Professorenstelle in Bayern haben sie kürzlich deutlich Ihren Protest formuliert.
Ramelow:
Da bleibe ich auch dabei. Was geht den katholischen Klerus ein Soziologieprofessor an einer staatlichen Hochschule an? Nach meinem Dafürhalten nichts. Etwas anderes wäre es bei einer katholischen Schule oder einer evangelischen Schule. Da entscheidet selbstverständlich der Schulträger, wer dort Lehrer ist und wer nicht. Mir geht es um die saubere Trennung. Auf der anderen Seite bereiten wir gerade im Blick auf das Reformationsjubiläum die “Kirchentage auf dem Weg” vor, die wir erheblich aus dem Etat des Landes unterstützen. Und mit Verlaub, das kann man Ihren Lesern auch mal sagen, schon seit zwei Landtagswahlen steht die Vorbereitung für das Lutherjubiläum im Wahlprogramm der Linkspartei in Thüringen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Im Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht haben Sie aber dezidierten Dissens zur Haltung der Kirchen.
Ramelow:
Ich erzähle Ihnen mal ein konkretes Beispiel: Im Unstrut-Hainich-Kreis haben Diakonie und Caritas das Hainich-Klinikum übernommen. Dazu gehört auch eine Abteilung für den Maßregelvollzug, also eine hoheitliche Aufgabe. Und da wird dann das kirchliche Arbeitsrecht eingeführt, nach dem nur noch derjenige die Belange der Mitarbeiter vertreten darf, der zu einer christlichen Kirche gehört. Und wen trifft es? Den bisherigen Personalratsvorsitzenden, ein ehemaliges CDU-Mitglied, der heute zu meiner Partei gehört und Sprecher unserer Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus ist. Der darf nicht mehr kandidieren, fliegt raus aus der Mitbestimmung. Da sage ich ganz entschieden: Ich halte das kirchliche Arbeitsrecht jenseits des Verkündigungsbereiches für nicht mehr zeitgemäß. Und das sage ich als Gläubiger, nicht als Ministerpräsident. Es wird immer dann schwierig, wenn unsere Kirche als Trägerin in staatliche Aufgaben hineingeht und das auf einmal überlagert wird mit den Regeln unserer Glaubensgemeinschaft. Darüber wünsche ich mir eine offene Debatte.

G+H: Wir hätten noch ein Reizwort in der Staat-Kirche-Debatte: die Staatsleistungen.
Ramelow:
Da bin ich ganz tiefenentspannt. Wer ins Grundgesetz schaut, findet darin die übernommenen Paragrafen aus der Reichsverfassung von 1919. Und da steht ganz klar, dass diese Staatsleistungen durch eine entsprechende gesetzliche Regelung final abgelöst werden sollen. Und die einzige Partei, die das bisher immer wieder thematisiert hat, ist meine Partei. Auch dies ist keine Ausdruck von Partei-Atheismus, sondern es geht um einen Verfassungsauftrag. Das vergessen die meisten. Vor jeder Initiative meiner Partei habe ich darüber auch mit unseren Bischöfen in Thüringen gesprochen. Dabei hatten wir immer Einigkeit darin, dass es eine Frage der Ablöseformel ist.

G+H: Zunehmend wird die Meinung propagiert, dass durch die seit Jahren andauernden Zahlungen die staatlichen Enteignungen im Zuge der Säkularisierung von 1803 mittlerweile abgezahlt seinen.
Ramelow:
Das höre ich immer wieder aus ganz verschiedenen Lagern. Da kann ich immer nur sagen, die Linke im Bundestag ist die einzige Fraktion, die dazu einen gesetzeskonformen Regelantrag vorgelegt hat. Denn es geht um eine Ewigkeitsgarantie, nicht um eine Schuld, die man irgendwann abgezinst hat. Wenn, dann kann man darüber diskutieren, ob der fünffache, der zehnfache oder der fünfzehnfache Jahresbetrag als dauerhafte Ablösung angemessen ist. Dazwischen ist irgendwo die Spannbreite, die man verfassungsgerecht ermitteln und belegen muss.

G+H: Ein weiteres Thema, das unsere Leser bewegt, ist die Frage des Betreuungsgeldes bzw. des in Thüringen nun wieder abgeschafften Landeselterngeldes.
Ramelow:
Ja, weil das Elterngeld nur bezahlt wurde für die Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen und das Geld dafür letztlich dem Ausbau der Kindertagesstätten vorenthalten wurde. Im Gegenzug stiegen dann die Kindergartengebühren. Da wollen wir gegensteuern und dafür sorgen, dass die Kitas ausreichend finanziert werden. Es geht auch nicht darum, einen Zwang zur staatlichen Betreuung von Kinder auszuüben. Jeder kann frei entscheiden, das Angebot anzunehmen oder nicht. Das Problem ist dabei allerdings, dass der Bund bedauerlicher Weise viele Dinge der Kindererziehung über Steuerfreibeträge so geregelt hat, dass Familien mit geringem Einkommen davon nicht profitieren können. Entschuldigung, aber da darf ich sagen, dass im Bund eine Partei regiert, die vorne mit “C” beginnt …

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Ein Fragekomplex unserer Leser betrifft das Stichwort »Gerechtigkeit für Opfer der SED-Diktatur«. Beispielsweise für Schüler, denen wegen ihres Engagements in der Jungen Gemeinde bestimmte Berufsausbildungen oder ein Studium verwehrt wurden und die nunmehr geringere Renten erhalten.
Ramelow:
Ja, diese Fälle sind mir alle bekannt. Und Ja, wir werden in dieser Angelegenheit immer wieder beim Bund vorstellig. Unserer jetzige Finanzministerin Heike Taubert (SPD) hat sich beispielsweise ganz stark dafür eingesetzt, dass es den Entschädigungsfonds für Opfer von Jugendwerkhöfen gibt. Wenn sie da nicht schon in der letzten Legislatur als Sozialministerin dafür gekämpft hätte, wäre das alles in den Entschädigungstopf für Opfer der westdeutschen Jugendeinrichtungen der 1950er-Jahre gegangen. Genauso drücken und schieben wir immer wieder in der Frage des Rentensystems. Da wurde bei der Überleitung vieles nicht berücksichtigt. Zum einen ist die Ausgleichsrente für SED-Opfer viel zu niedrig, zum anderen gibt es weitere benachteiligte Gruppen – denken sie nur an die Absicherung für geschiedene DDR-Frauen oder mithelfende Ehefrauen in Familienbetrieben. Da ist bis heute nichts geregelt.

G+H: Zum Abschluss – was wünschen Sie sich als Ministerpräsident für Ihre Kirche und von Ihrer Kirche?
Ramelow:
Ich wünsche mir für die Kirche, dass sie nicht aus den ökonomischen Zwängen die Türen zu viel und zu oft zumacht. Wir brauchen mehr offene Türen, wie es einst unser leider schon verstorbener Bruder Christian Führer in Leipzig vorgemacht hat. Wer aus der DDR-Kirche mit der Kerze in der Hand auf die Straße rausgegangen ist, der musste mehr Mut aufbringen als alle Westdeutschen jemals in den letzten 50 Jahren. Doch das war nur möglich mit Kirchen, die trotz Stasi-Durchseuchung immer noch genügend Räume gefunden und geöffnet haben. Und das alte Signet »Schwerter zu Pflugscharen« hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Und dann würde ich mir von meiner Kirche noch ein Stück weit mehr Ökumene wünschen. Das sind wir, glaube ich, in Vorbereitung des Reformationsjubiläums allen Christen schuldig. Weil klar ist, dass Luther keine neue Kirche wollte, sondern eine Reform der Kirche.

Die Gebetserhörung verschlafen

1. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Jahrelang wurde für Chinas Christen gebetet – doch Gottes Antwort haben viele noch nicht wahrgenommen

Er nennt sich »Chinabeauftragter des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Deutschland«. Seit 2004 reiste Albrecht Kaul bisher 16 Mal ins Reich der Mitte. Und korrigierte das gewohnte China-Bild. Harald Krille sprach mit ihm.

Herr Kaul, es gibt »Russland-Versteher« und »Islam-Versteher« – Sie sind der fromme »China-Versteher«?
Kaul:
Das könnte man vielleicht sagen. Weil ich mittlerweile schon sehr oft in China war und natürlich versuche, vor allem die Christen dort ein bisschen besser zu verstehen.

Wie kommt ein CVJM-Mitarbeiter dazu, nach China zu fahren?
Kaul:
Das hängt damit zusammen, dass es in China schon lange den CVJM gibt. Ich stamme ja aus der DDR. Da war es unmöglich, einen CVJM zu gründen, obwohl wir das immer wieder versuchten. Und so wollte ich wissen, wie lebt der CVJM in China? Deshalb bin ich dann 2004 sieben Wochen völlig allein nach China gereist. Und ich habe da erstaunliche Dinge gesehen und erlebt.

Die meisten verbinden China bisher eher mit Christenverfolgung und Repression …
Kaul:
Das stimmte in Zeiten der Kulturrevolution und sogar noch vor 20 Jahren. Doch inzwischen hat sich so vieles in China geändert, dass man eigentlich bloß von einem Wunder Gottes sprechen kann. Es stehen praktisch in allen Städten Kirchen und in denen wird jeden Sonntag zwei-, drei-, vier-, mitunter sogar fünfmal Gottesdienst gefeiert, weil so viele Menschen kommen. Man kann Bibeln kaufen, freie Evangelisten reisen unbehelligt durch das Land. In Nanjing steht übrigens die größte Bibeldruckerei der Welt!

Sie sprechen von offiziellen, staatlichen genehmigten Gemeinden?
Kaul:
Ja, von der protestantischen sogenannten Drei-Selbst-Kirche: Selbstverwaltung, Selbstausbreitung, Selbstfinanzierung. Die ist vom Staat genehmigt, weil die Menschen in diesen Kirchen einen Halt finden und der Staat weiß, wir können uns auf diese Leute verlassen. Die sind ehrlich, die sind gute Arbeiter, die kümmern sich um Benachteiligte. Deshalb fördert der Staat die Kirche in einem gewissen Maße. Das passt zwar mit der Ideologie nicht zusammen. Aber Ideologie und Praxis ist in China ein riesengroßer Unterschied, siehe die kapitalistische Wirtschaftspraxis.

Albrecht Kaul war 16 Jahre Landesjugendwart im sächsischen Jungmännerwerk und von 1995 bis 2009 stellvertretender Generalsekretär des CVJM in Deutschland. Foto: Harald Krille

Albrecht Kaul war 16 Jahre Landesjugendwart im sächsischen Jungmännerwerk und von 1995 bis 2009 stellvertretender Generalsekretär des CVJM in Deutschland. Foto: Harald Krille

Das passt auch nicht zu dem, was man immer wieder einmal zu hören bekommt über die verfolgte Untergrundkirche.
Kaul:
Es gibt die nicht registrierten Hauskirchen. Wörtlich übersetzt heißen sie eigentlich Familienkirchen. Sie selbst lehnen den Begriff Untergrundkirche ab. Denn sie sagen zu Recht: Der Staat weiß um uns Bescheid, er beargwöhnt uns, er kontrolliert uns, wenn er irgendwie kann. Aber er lässt uns zur Zeit in Frieden.

Aber man hört von Verhaftungen?
Kaul:
Es kommt zu einzelnen Verhaftungen. Etwa dort, wo ein Hauskreispastor sich extrem mit dem Staat anlegt oder man illegale Gebäude errichtet. Es gibt aber auch das, was ich vorsichtig als »martyriumssüchtige« Menschen bezeichnen würde. Doch das sind Ausnahmen. Die große Masse der schätzungsweise zwischen 90 und 130 Millionen Christen erlebt organisierte Verfolgung nicht mehr.

Man wirft den Kirchen der DDR manchmal vor, sich politisch zu angepasst verhalten zu haben. Trifft das dann nicht auch für Chinas offizielle Kirche zu?
Kaul:
Das könnte man ihnen sicher vorwerfen. Sie selbst sagen aber, wir haben zurzeit keinen anderen Weg. Wir wollen das Evangelium verkündigen. Wir wollen, dass Menschen Gott erkennen und Werte in ihrem Leben finden. Und da wollen wir nicht den Staat ärgern. Wenn Christen sich dann für Menschenrechte einsetzen oder gegen konkretes Unrecht, das in China ja pausenlos passiert, dann ist das nicht eine Aktion der Kirche, sondern von engagierten Einzelpersonen.

Wir sprachen bisher von der protestantischen Kirche …
Kaul:
… die in China eine nach-konfessionelle Kirche ist, also nicht mehr aufgeteilt in verschiedene Denominationen, sondern nur noch evangelisch. Bei den Katholiken gibt es zum einen die offizielle patriotisch-katholische Kirche, die vom Staat ebenfalls genehmigt ist und die nicht abhängig vom Ausland sein darf, also auch nicht vom Papst. Das macht natürlich Probleme für diejenigen Katholiken, die darauf bestehen, den Papst als ihren Heiligen Vater zu ehren und ihm zu gehorchen. Diese Christen können ihre katholische Praxis nur im Untergrund leben.

Noch vor Jahren gingen Schätzungen von 20 Millionen Christen in China aus. Wie ist diese explosionsartige Zunahme zu erklären? Was fasziniert Chinesen am christlichen Glauben?
Kaul:
Vor allem, dass Menschen im Christentum nicht als Volksmasse, sondern als Individuum wahrgenommen werden. Dass da ein persönlicher Gott ist, der mich, den kleinen Chinesen, einen unter Milliarden, anspricht und liebt, das ist die revolutionäre Botschaft, die ihnen bei jedem Gottesdienst aus dem Gesicht strahlt.

Ein Aufbruch, den wir bisher kaum realisiert haben.
Kaul:
Ja, wir haben jahrelang in unseren Kirchengemeinden für China gebetet, dass es eine Lockerung gibt, dass die Christen Freiheit haben. Und die Erhörung unserer Gebete haben wir regelrecht verschlafen. Dabei kann uns das Beispiel China Mut machen, für unsere christlichen Geschwister in Nordkorea und in den islamischen Ländern zu beten. Gott kann eine Situation wandeln. Er ist stärker als der Kommunismus und auch stärker als der »IS«.

Die sächsische Kirchenzeitung »DER SONNTAG« lädt vom 9. bis 19. Februar 2016 zu einer Leserreise mit Albrecht Kaul nach China ein. Weitere Informationen bei der Redaktion DER SONNTAG, Telefon (03 41)-7 11 41 70, E-Mail: <reisen@sonntag-sachsen.de>

Rettung in der Nacht

20. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Tschechien: Ein abenteuerlicher »Kirchenraub« wird jetzt zum Glücksfall für den Wiederaufbau in Peterswald


In den Wirren des Herbstes 1989 bringt Adolf Wagner Inventar der Kirche in Petrovice in Sicherheit. Jetzt kehrt es wieder zurück.

Schon oft war Adolf Wagner in die Nikolaikirche im tschechischen Petrovice (Peterswald) zurückgekehrt. Doch was er an diesem Tag im Herbst 1989 sah, raubte ihm fast den Verstand. »Kirchenbücher lagen zerrissen auf dem Boden und alles war verwüstet«, erinnert er sich. Am schlimmsten war das riesige Loch, das in der Kirche klaffte. Ein Jahr zuvor war das baufällige Dach in sich zusammengefallen. Nur über dem Altarraum hielt es noch einigermaßen.

Als Wagner das Chaos sieht, fasst er einen Entschluss. Er greift nach allem, was ihm gerade in die Hände kommt und nimmt es mit. »Das war eine plötzliche Entscheidung. Mir wäre nie im Traum eingefallen, Dinge aus einer Kirche mitzunehmen, erst recht aus meiner Taufkirche«, sagt Wagner. 1942 in Peterswald an der alten Passstraße zwischen Osterzgebirge und der Sächsisch-Böhmischen Schweiz geboren, gehörte seine Familie vier Jahre später zu den letzten, die nach dem Krieg vertrieben wurden. Wagner, den alle nur kurz Adi nennen, kehrte regelmäßig zurück. 1969 das erste Mal und dann immer wieder. In die Kirche ging er jedes Mal und musste mit ansehen, wie sie mehr und mehr verfiel.

Im Herbst 1989 tat es Adolf Wagner nur noch leid um all das, was nun unter freiem Himmel dem Wetter ausgesetzt war: Zwei noch fast komplett erhaltene, den heiligen Josef und Maria geweihte Seitenaltäre, Plastiken und Fußbodenfliesen. Anderes, wie die Kirchenbänke, war bereits verschwunden. Als es dunkel wird, fährt er mit seinem Mercedes so nah wie möglich an die Kirche heran. War das Auto voll, fuhr er über die Grenze nach Sachsen, lud alles hinter einem Busch aus und fuhr wieder zurück. Insgesamt dreimal. »Die Grenzer schien das nicht zu wundern«, sagt er. Wie auch, in diesem Herbst passierten ganz andere Dinge zum Wundern.

Adolf Wagner zeigt einen Teil der wertvollen Bodenfliesen und andere Teile aus der Nikolauskirche in Petrovice (Peterswald). Er hatte sie auf abenteuerliche Weise im Herbst 1989 aus der maroden Kirche gerettet. Nun, da die Kirche saniert wird, kehren sie wieder zurück. Foto: Steffen Neumann

Adolf Wagner zeigt einen Teil der wertvollen Bodenfliesen und andere Teile aus der Nikolauskirche in Petrovice (Peterswald). Er hatte sie auf abenteuerliche Weise im Herbst 1989 aus der maroden Kirche gerettet. Nun, da die Kirche saniert wird, kehren sie wieder zurück. – Foto: Steffen Neumann

Auf diese Weise schaffte Wagner sage und schreibe 340 Kilogramm Einzelteile weg. Darunter waren schwere Tabernakel, aber auch eine stattliche Zahl von Bodenfliesen. Alles zusammen brachte er in sein Haus nach Berlin. Gleich am nächsten Wochenende wollte er noch einmal nach Petrovice. Er packte eine Leiter ein, um die Heiligenstatuen auf dem Hauptaltar zu erreichen.Doch als er ankam, erwartete ihn eine Überraschung. »Nicht nur alle Statuen waren weg, sondern auch die Seitenaltäre«, erzählt Wagner. Sie sind bis heute verschwunden.
Nicht aber die Dinge, die Wagner mitgenommen hat. In seiner Datsche in Buckow bei Berlin lagerte er alles ein. Die Holzteile behandelte er gegen Holzwurmbefall. Für die Fliesen wurde ihm mehrfach ein schönes Sümmchen Geld geboten, aber Wagner gab nichts her. Als ob er geahnt hat, dass sie noch einmal gebraucht werden.

In Petrovice gingen allerdings bis vor Kurzem noch alle davon aus, dass die Dinge wie so viele andere verschwunden sind. Ein Nachbar in Buckow sorgte dafür, dass sich das änderte. »Er ist Historiker und weiß viel über Petrovice.« Das hat Wagner angestachelt. Er fand die Webseite der aus der Heimat vertriebenen Peterswalder. Kaum war der Kontakt aufgebaut, ging alles schnell. »Für uns war das eine kleine Sensation«, ist Renate von Babka, die die Webseite der Heimatvertriebenen betreut, immer noch erfreut. Sie lud Adi Wagner zum alle zwei Jahre stattfindenden Heimattreffen nach Bad Gottleuba ein. Er kam, obwohl ihm nicht ganz wohl war. Hatte er doch streng genommen Kirchenraub begangen.

Doch diese Befürchtung erwies sich als unbegründet. Auch Bürgermeister Zdenek Kutina war positiv überrascht. Zumal die Gemeinde gerade begonnen hat, das Dach neu aufzubauen. »Wir haben lange erfolglos um Fördermittel gekämpft, jetzt machen wir es aus eigener Kraft«, sagt Kutina. »Das ist es uns wert. Zwar wohnen nur noch wenige Gläubige im Dorf, aber die Kirche ist trotzdem unser Mittelpunkt«, erklärt er. Bisher wurde schon die Turmuhr erneuert und ein automatisches Glockenspiel installiert. Im Presbyterium befindet sich ein kleines Heimatmuseum. Und die Bleiglasfenster wurden restauriert. Das neue, teils verglaste Dach wird bis Ende September fertig.

Wie es weitergeht, ist offen. Die Kirche wird aber sicher nicht nur Raum für Gottesdienste, sondern vor allem für Kulturveranstaltungen sein. »Aber das Dach ist die Voraussetzung für alles andere«, sagt Kutina. Sobald das gedeckt ist, können auch die von Adolf Wagner geretteten Fliesen wieder an ihren eigentlichen Platz zurückkehren. Einen Teil hat er schon mitgebracht und zum Heimattreffen gezeigt. Um den Rest, der immer noch in Buckow lagert, wird sich diesmal die Gemeinde Petrovice selbst kümmern.

Steffen Neumann

Der Glanz der Vergangenheit

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Merseburg war einst die bedeutendste Königspfalz im Osten des Kaiserreiches

Eine Stadt mit großer Tradition feiert: Vor 1 000 Jahren legte Bischof Thietmar den Grundstein für den Kaiserdom in Merseburg. Am 9. August wurde die Ausstellung »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom eröffnet.

Wer heute nach Merseburg kommt, ahnt wenig von der einstigen Bedeutung der Stadt für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation im frühen 11. Jahrhundert. In der Chemieregion der DDR gelegen, fiel ein Großteil der Altstadt dem »sozialistischen Umbau« zum Opfer. Die Kirche spielte in der Bevölkerung kaum eine Rolle. Auch heute gehört der Kirchenkreis Merseburg zu denen mit sehr wenigen Christen, laut Statistik waren es 2013 gerade mal 11,5 Prozent evangelische Gemeindemitglieder.

Dabei gehört Merseburg zu den ältesten deutschen Städten, älter und einstmals bedeutender als das nahe gelegene Leipzig. Unter dem frommen König Heinrich II. aus dem Adelsgeschlecht der Ottonen und 1014 zum Kaiser gekrönt entwickelte sich die Stadt zur bedeutendsten Königspfalz im Osten des Reiches. Für vier Monate wollen die Vereinigten Domstifter, das Land Sachsen-Anhalt, die Stadt und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland etwas vom einstigen Glanz zeigen. Die Sonderausstellung »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg«, die am 9. August von Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh eröffnet wurde, soll die Bedeutung Merseburgs in der Geschichte der Königspfalzen wieder ins Licht rücken, erläuterte Kurator Markus Cottin, Leiter des Merseburger Domstiftarchivs, das Konzept. Im Mittelpunkt der Präsentation stehe deshalb vor allem die politische Bedeutung der einstigen Königspfalz. So seien wichtige politische Entscheidungen in der Pfalz getroffen worden. Unter anderem reiste 979 der Kalif von Cordoba zu diplomatischen Verhandlungen in die Saalestadt, eine wichtige Begegnung zwischen christlicher und islamischer Kultur.

Das Ensemble Dom und Schloss in Merseburg beherbergt mit »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« eine vor allem geschichtlich interessante Ausstellung. Fotos: Burkhard Dube

Das Ensemble Dom und Schloss in Merseburg beherbergt mit »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« eine vor allem geschichtlich interessante Ausstellung. Fotos: Burkhard Dube

Heinrich II. betrieb 1004 die Neubildung des Bistums Merseburg, das 968 dem heiligen Laurentius geweiht und 981 wieder aufgelöst worden war. Mit der Neugründung waren umfangreiche Schenkungen verbunden. Am 18. Mai 1015 legte Bischof Thietmar von Merseburg schließlich den Grundstein zum Dom. Heinrich der II. soll insgesamt 29 Mal in Merseburg geweilt haben. Ein Grund war die gute Versorgung des Hofstaates. Die Bauern in der ländlichen Umgebung der Stadt mit ihren fruchtbaren Böden konnten eine Weile genügend Nahrung für das Herrschergefolge liefern.

Zu den wichtigsten Quellen dieser Zeit gehört die Chronik Thietmars von Merseburg, der dem hochverehrten Kaiser damit ein Denkmal setzte. Heute erinnert die König-Heinrich-Straße in Merseburg an den mittelalterlichen Herrscher. Heinrich wurde 1146 heiliggesprochen, seine Frau Kunigunde 1200. Die Gewänder des Paares, die Merseburg als Schenkung besaß, galten fortan als Reliquien. Thietmar machte sich auch Gedanken über die Herkunft des Städtenamens und führte ihn auf den römischen Gott Mars zurück. Thietmar gefiel der Gedanke, dass Cäsar zu Ehren des Gottes hier eine Burg gegründet hätte. Doch der Name Merseburg ist germanischen Ursprungs. Die Römer sind nie hier gewesen, aber germanische und slawische Stämme siedelten sich an.

Insgesamt erwarten die Besucher 130 Exponate, davon 90 Leihgaben, die mit interessanten Begebenheiten der Geschichte verbunden sind. Zu den besonderen Stücken gehören die Nachbildung der Krone Heinrichs – das Original ist in München – sowie das Adelheidkreuz. Es war das Reichskreuz Rudolfs von Rheinfelden (1025–1080), der sich im Zuge des Investiturstreits zwischen Papst Gregor VII. und König Heinrich IV. zum König wählen ließ. Sein Grab im Merseburger Dom war einst mit Gold und Edelsteinen verziert. Und seine mumifizierte Hand, im Kampf abgetrennt, ist in einer Vitrine ausgestellt.

Die Grablege Sigismunds von Lindenau befindet sich im Chorraum. Er war der letzte katholische Bischof Merseburgs und hatte den Heinrichsaltar bei Lucas Cranach bestellt, der bis heute den Dom schmückt und von Luther vor der Vernichtung im Zuge der Bilderstürmerei gerettet worden sein soll.

Interessant sind zudem die Eindrücke, die durch Illusionspanoramen erzeugt werden. In der Vorhalle des Domes wird der Betrachter in die Zeit der Romanik geführt. Eine andere Kulisse gibt den Blick frei ins Kirchenschiff, der sonst von der Rückwand der Ladegastorgel verdeckt ist. Auch den Lettner haben die Aussteller wieder sichtbar gemacht.

Elf Räume erzählen von vergangenen Zeiten, von Prunk und Frömmigkeit, von Krieg und Machtkampf. Merseburg ist eine Reise wert.

Dietlind Steinhöfel

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag, 9 bis 18 Uhr
Gottesdienst sonntags und an kirchlichen Feiertagen von 10 bis 12 Uhr
Bitte beachten Sie Einschränkungen des Ausstellungsrundganges im Dom aufgrund von Gottesdiensten, Konzerten und Trauungen.

www.merseburg2015.de

Porträts, Ikonen, Kirchen

22. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel:  Mariana Lepadus studierte in ihrer Heimat in Rumänien Kirchen- und Ikonenmalerei

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische Künstler vor, die sich mit christlichen Themen auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier der Eislebener Künstlerin Mariana Lepadus.

Die Kirche in Landgrafroda (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) ist ein Schmuckstück – außen und innen. Den Innenraum der Jugendstilkirche restaurierte Mariana Lepadus. Als die Kirchenmalerin das Gotteshaus vor der Restaurierung sah, fiel zwar der Renovierungsbedarf ins Auge, aber die einst schönen Farben, die geometrischen Formen, die reiche Symbolik waren noch zu erkennen. Zur 100-Jahr-Feier 2008 sollte die Kirche in altem neuen Glanz erscheinen. Doch das Geld war knapp. Die Kirche verdankt ihr Schicksal einer lapidaren – oder vielleicht doch cleveren (?) Bemerkung. Gerald Hermann, Kirchenältester und sehr engagiert für »seine« Kirche, erinnert sich. Als Mariana Lepadus zögerte, gab er ihr gegenüber zu verstehen, falls sie sich nicht dazu entschließen könnte, die Kirche zu restaurieren, würde er die Wände einfach weiß überstreichen. Frevel in den Augen der Künstlerin. Das wollte sie nicht zulassen. Auch wenn ihr die Gemeinde keine üppige Bezahlung anbieten konnte, nahm sie den Auftrag an. Jede Woche kam sie für zwei bis drei Tage aus der Lutherstadt Eisleben, wo sie wohnt, nach Landgrafroda, um der Kirche ihr ursprüngliches Aussehen wiederzugeben.

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mit Akribie und Perfektionismus ging sie ans Werk. Alle Linien und Formen habe sie ohne Lineal und Schablonen gemalt, bewundert Hermann ihr Können. Auch wie akkurat alles geworden sei. Lepadus betrachtet diese Kirche als ihr Lebenswerk. »Ich bin stolz.«
Ihr Kunsthandwerk, die Kirchen- und Ikonenmalerei, hat sie von Rumänien mit nach Deutschland gebracht. 1961 in Maglavit, einem Dorf im Donautal, geboren, besuchte sie während der Ceausescu-Ära eine Kunsthochschule für Kirchenmalerei. Unterstützt wurde das Studium von der Rumänisch-Orthodoxen Kirche. Es bot zwar die Chance einer ideologiefreien Auseinandersetzung mit Kunst, Glauben und kirchlicher Tradition. Aber als Frau musste sie sich in einer Männerdomäne bewähren. Schwere Arbeit auf der Baustelle, von früh bis spät restaurierte sie nach Vorlagen Fresken und Ikonen. Unterkunft und Essen waren frei, ansonsten erhielt sie für ihre Arbeit kein Geld. »Das war Ausbeutung«, sagt Mariana Lepadus heute zu ihrer Ausbildung in Rumänien. »Ich möchte ein Buch darüber schreiben.« Sechs Jahre dauerte das Studium.

1988 kam sie in die DDR, 1989 wurde ihr erstes, einige Jahre später ihr zweites Kind geboren. 15 Jahre arbeitete sie als Theatermalerin an der Landesbühne Sachsen-Anhalt. Seitdem ihre Stelle Sparmaßnahmen zum Opfer fiel, ist sie freischaffend.

Sie malt Bilder mit sakralen Themen, Ikonen, Porträts und Stadtansichten. Daneben leitet die Künstlerin Kurse und Workshops in verschiedenen Bildungseinrichtungen und unterrichtet an der Musikschule Querfurt. Sie wirkt mit an dem Projekt der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland »Frauen der Reformation in der Region«. In der künstlerischen Auseinandersetzung finde sie Antwort auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Deshalb sagt sie zu ihrer und ihres Mannes Berufsentscheidung – er ist Musiker: »Wir leben unseren Traum.«

Ihr großes Vorbild ist Lucas Cranach. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Rekonstruktion eines Altarbildes von Lucas Cranach dem Jüngeren aus der Marienkirche in Kemberg (Kirchenkreis Wittenberg). Ein Auftrag, der für die Künstlerin allerdings nicht nur helle Freude bereithält. Unglücklich ist sie über die Entscheidung der Kemberger Kirchengemeinde. In deren Marienkirche wurde 1994 bei einem Brand der 1565 von Lucas Cranach dem Jüngeren erschaffene Altar fast vollständig zerstört. »Die Kirchengemeinde hat sehr getrauert«, sagt Dr. Bettina Seyderhelm, Kunsthistorikerin in Magdeburg. Lange Zeit war unklar, wie der Altarraum künftig gestaltet werden sollte. Über verschiedene Modelle wurde nachgedacht und in vielen Veranstaltungen darüber beraten. Die Angebote von Künstlern, den Altar nachzumalen, überzeugten die Gemeinde nicht. Sie war der Auffassung, »ein kopierter Altar ist immer eine Kopie«, so Seyderhelm. Ein internationaler Künstlerwettbewerb wurde ausgeschrieben, sechs namhafte Künstler reichten ihre Entwürfe ein. Die Gemeinde entschied sich für ein Kreuz des Österreicher Künstlers Arnulf Ralf. Und damit gegen eine Rekonstruktion des Altars.

Daraufhin bildete sich eine private Initiative, die sich für eine Nachahmung des Cranachschen Altarbildes engagiert und Mariana Lepadus damit beauftragte. Mit der ihr eigenen Sorgfalt und Leidenschaft widmet sie sich dieser Aufgabe. Und bedauert, dass ihr Werk nicht in der Kirche, sondern an einem anderen Ort seinen Platz finden wird.

Überhaupt würde sie sich ein viel größeres Interesse an sakraler Kunst wünschen. Am liebsten würde sie noch weitere Kirchen wie die in Landgrafroda ausmalen, denn renovierungsbedürftige Gotteshäuser gebe es genug.

Sabine Kuschel

Schienen, Züge und die Bibel

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Klein, aber mit Dampf – das Netzwerk der Christlichen Vereinigung Deutscher Eisenbahner

Seit mehr als 100 Jahren gibt es, mit Unterbrechungen – in Deutschland ein Netzwerk christlicher Eisenbahner. Am vergangenen Wochenende kamen sie in Thüringen zusammen.

Himmelfahrtswetter, wie es im Buche steht. Die Straßen sind leer, Wanderwege und Ausflugslokale umso voller. Doch nicht für alle ist Feiertag. Am Gleis 1 des Weimarer Hauptbahnhofs stehen zwei Triebwageneinheiten der Erfurter Bahn (EB), einer Thüringer Privatbahngesellschaft. In wenigen Minuten wird sich die eine Einheit in Richtung Jena ins Saaletal, die andere in Richtung Bad Berka-Kranichfeld ins Ilmtal auf den Weg machen. Die Personale, Lokführer und Zugbegleiter, stehen bei einem Schwätzchen auf dem Bahnsteig.

»Signale der Hoffnung« für die Kollegen in Weimar

Helmut Hosch ist gerade mit dem Regionalexpress aus Erfurt angekommen. Zielgerichtet geht der Eisenbahnkollege aus Hessen auf die Gruppe zu, stellt sich als Vertreter der Christlichen Vereinigung Deutscher Eisenbahner (CVDE) vor. »So was gibt es?« »Ja, so was gibt es«, erklärt Hosch und fragt, ob er den Kollegen etwas schenken darf. Beispielsweise die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift »Zug zum Ziel« mit kurzen geistlichen Impulsen, Erfahrungsberichten von und über Kollegen der Bahn sowie Veranstaltungshinweisen der CVDE in den Regionen.

»Darf ich Ihnen etwas zum Lesen mitgeben?« Helmut Hosch aus Hessen im Gespräch mit den Kollegen von der Erfurter Bahn auf dem Weimarer Bahnhof. Fotos: Harald Krille

»Darf ich Ihnen etwas zum Lesen mitgeben?« Helmut Hosch aus Hessen im Gespräch mit den Kollegen von der Erfurter Bahn auf dem Weimarer Bahnhof. Fotos: Harald Krille

Das Gespräch geht hin und her, gern wird ein Werbekugelschreiber angenommen. Ein Kollege interessiert sich für das handliche Buch im flexiblen Umschlag mit Eisenbahnmotiven und dem Titel »Signale der Hoffnung«. Dahinter verbirgt sich eine Ausgabe des Neuen Testamentes mit den Psalmen und dem Buch der Sprüche. Ergänzt wird das Ganze durch Berichte von Eisenbahnern, was Glaube ihnen bedeutet. Nach wenigen Minuten ist das freundliche Gespräch beendet. Die Kollegen der EB müssen zu ihren Arbeitsplätzen, während Helmut Hosch mit einem weiteren Mitstreiter das Servicecenter in der Empfangshalle aufsucht.

Eigentlich sind beide auf dem Weg nach Bad Blankenburg, wo vom Himmelfahrtstag bis zum vergangenen Sonntag die Mitglieder des CVDE zu ihrer Jahrestagung zusammenkamen. Doch »uns geht es nicht nur um uns selbst, wir verstehen uns als missionarische Vereinigung und wollen unseren Berufskollegen mit der Frohen Botschaft bekannt machen«, wie Christof Sommer, regionaler Ansprechpartner für Sachsen und Thüringen im CVDE, betont. Deshalb die Verbindung der Anreise mit einem praktischen Einsatz auf Bahnhöfen in Mitteldeutschland.

Wobei es gar nicht so leicht ist, an einem Feiertag Kollegen zu treffen. »Die meisten Bahnhöfe in Mitteldeutschland werden inzwischen von Leipzig aus ferngesteuert«, berichtet Sommer, der selbst in der Messestadt als Fahrlagenplaner der DB die Vorarbeiten zur Fahrplangestaltung in ganz Mitteldeutschland macht. Zudem ist der einstige »Familienbetrieb« Bahn inzwischen in verschiedene selbstständige Geschäftsbereiche aufgespalten. Und neben den klassischen roten Zügen der DB rollen vermehrt die Fahrzeuge der Privatbahngesellschaften über die Gleise.

Christof Sommer: Der 48-jährige Eisenbahner aus Wurzen ist regionaler CVDE-Ansprechparter für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Christof Sommer: Der 48-jährige Eisenbahner aus Wurzen ist regionaler CVDE-Ansprechparter für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Darauf hat auch der CVDE reagiert: »Wir sind offen für die Mitarbeit aller, die ein Herz für die Eisenbahnermission haben, unsere Zielgruppe sind alle, die irgendwie mit der Schiene zu tun haben«, so Sommer. Das reicht von der Fahrzeugherstellung über den Gleisbau bis zum traditionellen Betriebseisenbahner, ganz gleich ob bei DB oder Privatgesellschaften. Und, darauf legen die Mitglieder Wert: »Wir sind überkonfessionell.«

Seine Wurzeln hat der CVDE im Anfang des 19. Jahrhunderts. Eisenbahner klagten darüber, dass sie so oft wegen des Schichtdienstes nicht zu den Gottesdiensten kommen konnten. So gründeten sie eine eigenen Verbindung zur Vernetzung derer, denen ihr Christsein auch im Alltag wichtig war. 1902 erschien eine erste Zeitschrift, kaum 25 Jahre später zählte man 2 000 Mitglieder. Mehrere Reisesekretäre betreuten die regionalen Gruppen, die Zentrale befand sich ein einem eigenen Haus in Eisenach. Bald entstanden Kontakte zu ausländischen Kollegen und die Internationale Eisenbahnermission wurde ins Leben gerufen.

In Deutschland endete die Arbeit abrupt im Nationalsozialismus: Haus und Finanzen wurden beschlagnahmt. Während sich die CVDE im Westen Deutschlands 1948 neu gründete, hatten in der Deutschen Reichsbahn der DDR Christen keine Organisationsmöglichkeit.

Als Säleute auf den Bahnhöfen des Landes

Sommer wusste allerdings durch seine Gemeindezugehörigkeit schon als junger Reichsbahner, dass es »im Westen« so ein Netzwerk missionarischer Eisenbahner gab. Ein Kalender, den er von Westkollegen unmittelbar nach der Wende geschenkt bekam, weckte in ihm das Interesse, so etwas auch im Osten anzufangen. In der Aufbruchstimmung kamen etliche heimliche Christen »aus der Deckung«, wie Sommer sagt und gründeten einen eigenen Verband. Der sich dann aber sehr bald mit dem CVDE zusammenschloss.

Heute gehören etwa 250 Menschen zur CVDE. Der nur aus Spenden bestrittene Jahreshaushalt umfasst ca. 60 000 Euro. Umso beachtlicher, was diese kleine Truppe mit viel Herzblut und unter großen Freizeitopfern auf die Beine stellt. Allein für 2015 wurden 13 000 der unter Eisenbahnern beliebten Wandkalender mit Eisenbahnmotiven und Bibelsprüchen gedruckt, weitere 8 000 für die Schweizer Kollegen. Dazu kamen 3 000 Tischkalender sowie 2 000 missionarische Verteilblättchen in insgesamt acht Sprachen. Verteilt werden sie etwa an Infoständen in größeren Bahnhöfen, von Kollege zu Kollege oder eben bei Einsätzen wie zum Himmelfahrtstag. »Wir sind eine Art Säleute«, beschreibt es Sommer.

Zur »International Railway Mission« (IRM) gehören nationale Verbände aus zwölf Ländern. Mit ihrem nächsten Konferenz- und Freizeitwochenende ist die IRM im kommenden Jahr in Goslar zu Gast. »Denkt daran, das ist ein Heimspiel für euch«, gibt Ueli Bergner, IRM-Präsident aus der Schweiz, seinen Kollegen in Bad Blankenburg mit auf den Weg. »Ihr seid schließlich Fußballweltmeister.« Kein Zweifel, die engagierten Eisenbahner der CVDE werden dafür sorgen, dass für Goslar alle Signale auf »Hp 1« stehen: »Fahrt frei.«

Harald Krille

www.cvde.de

www.railwaymission.eu

»Meine Passion ist der Mensch«

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Maler Gert Weber erlebte, zur Kirche kommt man über die Kunst

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler dar, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Gräfenhainer Malers und Grafikers Gert Weber

Zunächst wirkt die Kraft der brillanten Farben: Violett, Türkis, Rot, Gold. Auf den zweiten Blick ist ein Gesicht zu erkennen – mit einer Dornenkrone – goldfarben. Sie identifiziert die Gestalt als Christus. Dornen! Menschen bilden das Dornengeflecht. »Wir sind es, die den Christus gekreuzigt haben«, sagt der Schöpfer dieses Bildes, der Maler und Grafiker Gert Weber, 1951 in Gräfenhain am Fuße des Thüringer Waldes geboren, wo er heute lebt. Die vielschichtige Botschaft dieser Christusdarstellung, für die Paul Gerhardts Passionslied »O Haupt voll Blut und Wunden« Pate stand, offenbart sich erst beim intensiven Hinschauen. Ein solches Bild, hinter dem viele Gedanken zu lesen sind, entsteht zuerst im Kopf des Künstlers. »Das ist ein ganz langer Prozess.« Er dauert über Jahre. »Und dann kommt es geflossen.«

Eine Affinität zu religiösen Themen hat Weber schon immer. »Zur Kirche kommt man über die Kunst.« Als Kind sieht er eine Reproduktion des Isenheimer Altars und ist nachhaltig von dem Werk Matthias Grünewalds, einer seiner »Lehrmeister«, beeindruckt. Als 12-Jähriger fängt er an zu malen, sodass automatisch der Wunsch entsteht, Künstler zu werden, ein Beruf, von dem er sich verspricht, in Freiheit arbeiten zu können. Mit dem »verlogenen« DDR-System will er nichts zu tun haben. Wenn er nicht hätte Kunst studieren können, wäre Theologie für ihn eine Alternative gewesen. Als Maler findet er sein Wirkungsfeld in der Kirche. Hier erhält er Aufträge und Präsentationsmöglichkeiten.

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Sein Werdegang verläuft nicht geradlinig. Die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden besteht er ad hoc. Als er 1974 – nach der Armee – das Studium in Dresden aufnimmt, hat er die Nase vom Militär voll. Doch an jeder sozialistischen Hochschule der DDR gehört zum Studium eine militärische Ausbildung, drei Monate Feldlager. Als ihm das klar wird, gehen bei ihm die Alarmglocken an. Bloß das nicht! Was tun? Hinzu kommt, das Konzept der Dresdner Einrichtung sagt ihm überhaupt nicht zu. »Rot verseucht«, die künstlerische Ausbildung nur an der alten Schule orientiert, europäische Moderne wurde nicht gelehrt. »Wenn du hier bleibst, wirst du verbogen«, denkt er. Eine Nacht sitzt der junge Mann am Dresdner Elbufer. Heute vergleicht Weber die Situation mit der biblischen Szene im Garten Gethsemane. Er schaut auf den Fluss und trifft eine Entscheidung. Die Elbe fließt. Diese Riesenchance, von 150 Bewerbern an der Kunsthochschule angenommen zu sein, er wirft sie ins Wasser, schmeißt das Studium und macht sich auf den Weg nach Friedrichroda, zu Werner Schubert-Deister, Maler, Grafiker, Bildhauer und Musiker, gefördert von Elisabeth Voigt, einer Meisterschülerin von Käthe Kollwitz. »Ein Außenseiter und universeller Geist, der mehr zu geben hatte als die meisten bestellten Lehrkräfte an den Kunsthochschulen«, so beschreibt Weber den Künstler, der in der DDR keine Chance hatte. Er schuf viel für die katholische Kirche. Zwei Jahre ist Weber bei ihm Schüler und Mitarbeiter. Danach empfiehlt ihm Schubert-Deister, er solle als freischaffender Maler dem Verband Bildender Künstler (VBK) beitreten. Ohne Studienabschluss aussichtslos. Also studiert Weber von 1976 bis 1980 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Nach dem Studium gilt es, den eigenen Weg zu finden. Er schwankt zunächst, wie er sagt, zwischen der Leipziger Schule und der von Schubert-Deister, also zwischen der altmeisterlichen figürlichen Arbeit und der abstrakten Kunst. »Bis ich gemerkt habe, meine Passion ist der Mensch.«

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Fotos: Gert Weber

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Foto: Gert Weber

In seinem Werk finden sich Häftlinge, Menschen auf dem Todesmarsch, Köpfe, Gesichter, in denen Angst, Erschrecken und Leid erkennbar sind. Was zieht den Maler, der den Krieg nur aus Erzählungen kennt, zu diesen schweren Themen? Seine Sensibilität hierfür erklärt sich Weber mit der Geschichte seiner Familie. »Die hat mich geprägt.« Seine Mutter und deren Eltern sind aus Ostpreußen geflohen und in russische Gefangenschaft geraten. Die Mutter war drei Jahre in Sibirien. Nachdem sie freikommt, bleibt die Zeit unter einem dicken Mantel des Schweigens verborgen. Ein Tabuthema, gleichwohl immer präsent. Allerdings hält der Künstler in seinen Todesmärschen nicht nur Vergangenes fest, sondern auch das aktuelle Geschehen: Menschen, die vor Elend und Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland fliehen.

Persönliche Erfahrungen eines Ausgestoßenen, Geächteten sind dem Maler nicht fremd. Er ist in der DDR zwar Mitglied im VBK, Aufträge bekommt er jedoch nicht. Er wird geschnitten. Dass das mit seiner Beziehung zu Schubert-Deister zusammenhängt, der gedemütigt und drangsaliert wurde und daher zu jener Zeit einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wird ihm erst später deutlich. Auch Weber wird aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Bemerkenswerterweise, oder wie er kommentiert »kurioserweise« in der Phase, in der er sich als Künstler gefunden hatte. Die Bilder, die damals auf Ablehnung stießen, hängen heute nach seinen Worten in den großen Galerien, wie zum Beispiel im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Nach dem Rausschmiss aus dem Verband muss sich die Familie, er, Frau und Kind, zwei Jahre über Wasser halten. Eine harte Zeit. 1986 steigt er wieder ein. In seine Ausstellung in der Jenaer Michaeliskirche kommen mehr Besucher als in jede andere Schau. Unter den Einträgen ins Gästebuch findet sich sogar ein Besucher aus New York.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber. Foto: Gert Weber

Einige Beispiele seines umfangreichen Werkes. 2002 gewinnt er den Wettbewerb um die Gestaltung des Raumes der Stille im Thüringer Landtag Erfurt. Ebenso konzipiert er nach der Wende den Raum der Stille in der Evangelischen Grundschule Gotha. Er schuf das Deckengemälde in der Kirche im hessischen Reichensachsen. Zu seinen Aufträgen gehörte die Gestaltung von Glocken für verschiedene Kirchen. Derzeit beschäftigt sich der Künstler mit den Fenstern der Kirche in Stotternheim. Pfingsten sollen sie fertig zu sein.

Auf der Suche nach der eigenen künstlerischen Form erhält er den Rat: »Lies die Bibel und Dostojewski. Daran habe ich mich gehalten.« Die Beschäftigung mit dieser Art Literatur hat offenbar seine künstlerische Entwicklung beflügelt – und sein Schaffen trägt Früchte. Wie Dostojewski in seinen Romanen ein Spiegelbild der menschlichen Seele darstellt, so geht es Weber darum, seine Bilder zu beseelen. Ihnen einen Funken einzuverleiben, der es vermag, die Menschen zu berühren.

Sabine Kuschel

www.webbs-online.de

Ein Treffen ohne Partymotto

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Was können wir vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart erwarten? Im Gespräch mit Ellen Ueberschär

2015 ist wieder ein Kirchentagsjahr: Vom 3. bis 7. Juni werden mehr als 100 000 Besucher zum Protestantentreffen in Stuttgart erwartet. Was wird angesichts der aktuellen Diskussionen den Kirchentag prägen, welche Impulse von ihm ausgehen? Benjamin Lassiwe sprach darüber mit der Generalsekretärin des Laientreffens, Ellen Ueberschär.

Frau Ueberschär, der Kirchentag in Stuttgart soll das Motto »Damit wir klug werden« tragen. Warum?
Ueberschär:
Dem Präsidium lag daran, das Wort »klug« im Mittelpunkt des Kirchentags zu stellen. Denn es fordert dazu auf, über Nachhaltigkeit nachzudenken. Und über die Frage: Wie gestalte ich mein Leben, sodass ich am Ende sagen kann, das war sinnvoll? Denn vor der Losung steht ja in der Bibel der Vers »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen …« (Psalm 90,12) Viele Menschen, die eine evangelische Sozialisation haben, hören das sofort mit, wenn sie die Losung hören.

Welche Erfahrungen machen Sie bisher mit der Losung?
Ueberschär:
Menschen, die die Losung zum ersten Mal hören, sind nicht sofort begeistert. Das ist kein Partymotto. Im Gegenteil, nach ganz kurzer Zeit stellt sich Nachdenklichkeit ein. Die ganz große Chance dieser Losung ist, dass wir damit Themen ansprechen können, die ansonsten als Tabus gelten. Und das werden wir in Stuttgart nutzen.

In der Gesellschaft läuft derzeit die Debatte über Suizidbeihilfe. Welche Rolle wird das auf dem Kirchentag spielen?
Ueberschär:
Die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit allen Phasen des Lebens einschließlich der letzten Phase, wird auf dem Stuttgarter Kirchentag eine Rolle spielen. Es wird dazu eine große Podiumsdiskussion und eine Veranstaltungsreihe auf einer Open-Air-Bühne geben.

Wird sich die Behandlung des Themas dabei von der aktuellen gesellschaftlichen Debatte unterscheiden?
Ueberschär:
Der Kirchentag ist in der Tiefe, in der er Themen angeht, nicht unbedingt abhängig von der aktuellen Debatte. Die aktuelle Situation kann dazu beitragen, dass bestimmte Themen des Kirchentags stärker wahrgenommen werden. Wir bieten Themen grundsätzlich einen Raum und ein Forum. Was die Teilnehmenden dann daraus machen, ob sie zum Beispiel eine Resolution zur Sterbehilfe oder zur Flüchtlingsproblematik verabschieden, ist Sache der Teilnehmenden.

Was heißt das für die Sterbehilfe-Debatte?
Ueberschär:
Da bin ich sehr gespannt darauf, wie die Teilnehmenden des Kirchentags reagieren. Umfragen sagen ja, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung wünscht, dass assistierter Suizid in Deutschland möglich ist. Ob das auch für Kirchentagsteilnehmende repräsentativ ist, wird sich zeigen. Die in dieser politischen Debatte Verantwortung tragen, werden in Kontakt kommen mit den Menschen von der Basis. Ich rechne damit, dass auch der Ruf nach einer Verbesserung der palliativen Versorgung auf dem Kirchentag Verstärkung findet.

Sie sprachen bereits die Umfrageergebnisse an. Was würden Sie machen, wenn beim Kirchentag eine Resolution für den assistierten Suizid beschlossen wird?
Ueberschär:
Die Resolutionen sind ja Äußerungen der Kirchentags-Teilnehmenden. Das ist ein basis-demokratisches Element. Die Resolutionen richten sich dann an bestimmte Institutionen. Und unsere Aufgabe ist, das zu makeln und an die Öffentlichkeit zu bringen. Und wenn das der Wunsch und die Meinung der Teilnehmenden ist, und eine Mehrheit im Saal stimmt dazu ab, dann geht das durch.

Welche anderen Themen will der Kirchentag in Stuttgart setzen?
Ueberschär:
Wichtig ist uns das Thema »Gesellschaft verantwortet Wirtschaft«. Unser Kirchentagspräsident Andreas Barner, der Vorsitzende der Unternehmensleitung von Böhringer Ingelheim, steht ja an der Spitze eines wichtigen Unternehmens. Damit bleiben wir auch in der Kontinuität zum Kirchentag in Hamburg, wo wir uns auch schon mit der Wirtschaftsethik beschäftigt haben. In Stuttgart wird es auch Satellitenveranstaltungen in Stuttgarter Unternehmen geben.

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Und das andere Thema, das im Moment präsent ist und wichtig bleiben wird, ist die Flüchtlingskrise. Die Vermeidung von Krieg ist heute eine mehrdimensionale Aufgabe, die auch Klimaschutz oder Waffenkontrolle umfasst. Es genügt nicht, nur die Kriegsfolgen zu bearbeiten. Wenn dieser Kirchentag gut wird, wenn er gelingt, dann werden die Themen des Friedens in ihrer multiplen Verknüpfung wahrgenommen. Dazu gehört auch, dass das Präsidium sich entschlossen hat, alle Kollekten des Kirchentags in Flüchtlingsprojekte zu geben – Projekte in Syrien und im Libanon ebenso wie in Deutschland und an den Grenzen der EU.

Das Thema Flüchtlinge beschäftigt viele, die bei den Pegida-Demonstrationen auf die Straße gehen. Wie wird der Kirchentag darauf reagieren?
Ueberschär:
Der Kirchentag wird mit einem klaren Bekenntnis zur Verantwortung jedes und jeder Einzelnen gegenüber Schutzbedürftigen reagieren und zu den demokratischen Institutionen, deren Wert von den Pegida-Demonstranten ganz offensichtlich bestritten wird.

Sehen Sie die Gefahr einer Spaltung in Deutschland?
Ueberschär:
Nein, das sehe ich nicht. Mir gibt allerdings zu denken, dass die Demonstrationen gerade in Sachsen so viele Anhänger finden. Auf dem Kirchentag 2011 in Dresden zeigten sich die Sachsen weltoffen und verantwortungsbewusst. Ich hoffe sehr, dass alle, die vor vier Jahren fröhlich beim Kirchentag mitgemacht haben, ob als Gastgeber, Mitwirkende oder als begeisterte Teilnehmende, im Alltag ihre Verantwortung wahrnehmen und die Zweifler vom Wert der Nächstenliebe und der Demokratie überzeugen können.

Kann der Kirchentag dazu beitragen, dass Menschen, die den Medien und der Politik nicht glauben, am Ende anders über Flüchtlinge und Zuwanderung denken?
Ueberschär:
Auf dem Kirchentag versammeln sich Menschen, die nicht einfach irgendetwas glauben, sondern sich selbst eine Meinung bilden, in dem sie kritische Fragen stellen, nicht zuletzt an die politisch Verantwortlichen. Meine Befürchtung ist, dass viele, die Überfremdungsängste haben, sich dieser Debatte gar nicht erst aussetzen. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Menschen, auch solche, die gegenüber einer offenen Asylpolitik kritisch eingestellt sind, am Kirchentag teilnehmen und das einzigartige Diskussionsforum nutzen.

Blick-9-2015

Ihr Weg nach Stuttgart

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag lädt unter dem Motto »damit wir klug werden« vom 3. bis 7. Juni 2015 nach Stuttgart ein. Zu dem Großereignis werden ähnlich wie
zu den vergangenen Treffen wieder mehr als 100 000 Menschen erwartet.

Anmeldungen und Kosten:

Anmeldungen sind schriftlich aber auch über das Internet möglich. Eine Dauerkarte kostet regulär 98 Euro und ermäßigt 54 Euro, Familien zahlen 158 Euro. Die Ermäßigung gilt zum Beispiel für Jugend­liche bis 25 Jahre, Rentner sowie Menschen mit Behinderung. Eine Förderkarte zum Preis von 28 Euro wird beim Bezug von Grundsicherung und ALG II angeboten.

Bei der Online-Anmeldung können Besucher ihre Karten und Quartierwünsche auswählen, zwischenspeichern und selbst nach dem ersten Absenden noch ändern oder ergänzen. Auf einem Faltblatt finden sich alle wichtigen Informationen.

Es wurde in einer Auflage von 460 000 Exemplaren gedruckt und kann unter der Servicenummer (07 11) 6 99 49-100 oder per E-Mail <service@kirchentag.de> bestellt werden. Das Faltblatt enthält auch eine Antwortkarte und ein Formular, mit denen sich Einzelpersonen und Familien anmelden können.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag besteht seit 1949 und wird alle zwei Jahre in einer anderen deutschen Stadt veranstaltet. In Stuttgart war der Kirchentag bereits dreimal zu Gast: 1952 kamen unter dem Motto »Wählt das Leben« rund 40 000 Gäste in die baden-württembergische Landeshauptstadt, 1969 folgten 17 500 dem Motto »Hungern nach Gerechtigkeit« und 1999 trafen sich rund 98 000 Teilnehmer unter dem Motto »Ihr seid das Salz der Erde«.

www.kirchentag.de

Verraten und verkauft

27. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« – Pfarrer Matthias Storcks Ringen um Vergebung

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« So leicht, wie dieser Satz über die Lippen geht, ist er nicht umzusetzen. »Vergeben, das ist nicht so einfach«, sagt Matthias Storck (Jahrgang 1956), Pfarrer in Herford (Westfalen). Wer wie er bitteres Unrecht erlitten hat, Demütigung, Bespitzelung, Verrat und Gewalt, weiß, wie es ist, jemandem seine Schuld zu vergeben, verzeihen zu wollen, zu können oder dies nicht zu können. Der Theologe war in der DDR aus politischen Gründen im Gefängnis. In seinem Buch »Karierte Wolken« erzählt er, was ihm während seines 14-monatigen Knastaufenthaltes widerfahren ist.

Seine Geschichte ist ungeheuer­lich. Ins Gefängnis bringt ihn ein Freund, ein vermeintlicher Freund, damals Pfarrer in einem Dorf, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt. Der Theologe macht dort von sich reden. In seinem Pfarrhaus treffen sich ausgewählte Leute, die unzufrieden mit den Verhältnissen sind und dem Pfarrer gegenüber offen sagen können, was sie denken. Storck studiert zu dieser Zeit – Ende der 1970er Jahre – in Greifswald Theologie. Politisch auffällig, weil er sich gegen die Einführung des Wehrkundeunterrichts wendet, eine entsprechende Eingabe ans Ministerium für Volksbildung verfasst. An einem Tag im September 1979 ruft ihn jener befreundete Pfarrer an, fordert Storck und dessen Verlobte auf, ihn dringend aufzusuchen, weil er ihnen etwas Wichtiges zu sagen habe. Das Paar macht sich umgehend auf den Weg. Als sie ihn treffen, überreicht ihnen der Pfarrer einen Zettel mit einem Fluchtangebot über Polen. Die beiden sagen ihm, dass das für sie nicht in Frage komme, sie zerreißen das Papier und wähnen sich in dem Glauben, die Sache sei damit erledigt. Kurze Zeit später wird Storck von der Straße weg verhaftet. Auch seine Partnerin wird festgenommen. Verurteilt werden beide zu einer Gefängnisstrafe wegen versuchter Republikflucht. Obwohl sie nie die DDR verlassen wollten. Die Realität im Knast ist hart, sehr hart, zum Teil grausam. Die Zeit habe ein riesiges Loch in seiner Seele hinterlassen, sagt Storck.

Matthias Storck

Matthias Storck

Er und seine Partnerin werden die Strafe nicht absitzen, die westdeutsche Regierung kauft die beiden nach einem reichlichen Jahr frei. Warum er durch diese Hölle gehen muss, die Hintergründe für seine Verhaftung, dass ihn ein befreundeter Pfarrer verraten hat, erfährt Storck erst Jahrzehnte später, nach der Wende.

Wie geht er mit diesen Erfahrungen um? Ist es möglich zu verzeihen? Ihn beschäftigt die Frage von Anfang an. Er ringt darum, seinen Schuldigern vergeben zu können. Aus Storcks Schilderungen schimmert durch: Vergebung ist ein komplizierter Weg, mit Höhen, Tiefen, vor und zurück – vielleicht eine Lebensaufgabe. »Vergebung ist ein Prozess, in den man sich einüben kann. Wir müssen üben, vergeben zu können.« So schwer es ist. Auch aus egoistischen Gründen, meint der Theologe, denn solange er nicht vermag, diesem oder jenem Schuldiger zu verzeihen, belasten sie ihn, »werden sie einem auf den Füßen stehen«. Mit dem Pfarrer, dem er seinen Knastaufenthalt zu »verdanken« hat, geht es ihm so. Dabei wäre er bereit, ihm zu vergeben. Aber es bedürfte eines Eingeständnisses der Schuld, der Bitte um Verzeihung. Als Storck erfährt, wer ihn der Stasi ausgeliefert hat, sucht er ihn auf und stellt ihn zur Rede. »Er hätte nur sagen müssen: Es tut mir leid.« Doch dieses Schuldbekenntnis bleibt aus. Vergebung ist schwer, wenn jemand gar nicht darum bittet oder seine Schuld nicht erkennen will. Storck erlebt: nur wenige bitten um Verzeihung, die meisten würden ihre Unschuld beteuern.

Zu Storcks großen Enttäuschungen gehört der Gefängnispfarrer, der ihn im Knast begleitet, der Kontakte zur Familie hält, zu Gottesdiensten einlädt – auch er war Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi.

In anderen Fällen gelingt es zu verzeihen. Storck erinnert sich an den 19-Jährigen, der ihm nach einer schrecklichen Zeit der Einzelhaft in seiner Zelle Gesellschaft leistet. Er ist aus Westberlin. Gefasst wird er, weil er einem Verwandten für die Flucht aus der DDR seinen Ausweis gibt. Als er mit Storck die Zelle teilt, stehen ihm sieben Jahre Bautzen bevor. Storck ist froh, endlich wieder mit einem Menschen sprechen zu können. Eines Tages wird er plötzlich verlegt. Alles, was Storck diesem jungen Mann anvertraute, gibt dieser zu Protokoll. Enttäuschung und Schmerz sind unermesslich. »Aber so ein Schmerz kann heilen«, sagt Storck heute im Abstand von Jahrzehnten. Er stellt sich vor, was aus dem jungen Mann mit dem Kindergesicht geworden wäre, wenn er sieben Jahre hätte in Bautzen sitzen müssen! Mit seinen Spitzeldiensten kauft er sich frei. Vermutlich sei er unter die anlässlich des 30. Jahrestages der DDR angeordnete Amnestie gefallen. »Gott sei Dank, dass der das gemacht hat. Er hat sich damit gerettet. Er wird gelernt haben, dass man niemanden verrät«, ist der Pfarrer zuversichtlich.

»Zwischen Vater und Vaterunser klafft eine schmerzhafte Wunde.« Mitte der 90er Jahre blickt Storck in einen tiefen Abgrund. Die Akten der Stasi offenbaren ihm: Sein Vater, ebenfalls Pfarrer – er war IM. Der Vater, der ihm immer gesagt habe, wie man in einem totalitären System mit der Wahrheit umzugehen hat. »In mir blieb die Welt stehen, und das Herz drehte sich wie ein Kreisel in der Brust. Ist Christus noch Christus?«, fragt der Theologe in seinem Buch. Für ihn bricht die Welt zusammen. Verraten und verkauft. Von Menschen, denen er sich besonders verbunden fühlte und die von Berufs wegen einen Vertrauensvorschuss genießen. Sein Freund, der Gefängnispfarrer, sein eigener Vater. Der Vater, der mit ihm im Gefängnis das Abendmahl feiert. Mit Kaffee und Kuchen. Ein unvergesslich tröstlicher, stärkender Moment. »Alle, die einen Talar anhaben, scheinen eine Krankheit zu haben«, denkt Storck, als er mit der Wahrheit konfrontiert wird. »Das war noch mal die Hölle.«

Wie bewältigt Storck seine Geschichte? Er hadert mit seinem Vater und er kämpft um dessen Rettung, denn er sagt sich: »Er bleibt der Großvater meiner Kinder.« Entlastend liest sich die Bemerkung in den Akten, der Vater sei ein unwilliger Mitarbeiter, er erzähle Nebensächlichkeiten. Schwer hingegen wiegt, er übergab die Eingabe seines Sohnes gegen den Wehrkundeunterricht der Stasi. Ohne zu bedenken, dass sie diese nicht etwa lesen wollte, denn sie war bereits im Besitz des von Matthias Storck eigenhändig unterschriebenen und abgeschickten Briefes. Storck vermutet, der Stasi ging es um seine Fingerabdrücke.

Der Theologe übt sich in den Prozess der Vergebung ein, indem er lernt, seinen Vater, der inzwischen gestorben ist, zu verstehen. »Das Tragische: Wenn sich mein Vater eingestanden hätte, dass er IM war, wären seine Theologie, sein Wahrheitsbegriff, seine Verdienste – sie wären ihm davongelaufen. Er hätte das nicht ausgehalten.« Irgendwann lässt der Sohn die Geschichte auf sich beruhen, spricht den Vater nicht mehr daraufhin an. Ihm hilft die Erkenntnis: »Sie haben ihn erpresst.« Er könne umso besser mit dem Versagen anderer Menschen umgehen, je genauer er seine eigenen Grenzen und Schwächen kenne. Jeder könne in solch missliche Situationen geraten. Dies hätten ihn die extremen Erfahrungen seines Lebens gelehrt. Wann jemand umkippt, etwa zum Verräter wird, das sei eine Frage von Nuancen. »Gott sei Dank, bin ich nicht in die Versuchung gekommen. Das ist nicht mein Verdienst. Es ist eine große Gnade.«

Sabine Kuschel

Bestellt und nicht bezahlt

14. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kultur und Geld: Warum die traditionsreiche Potsdamer Orgelbaufirma Schuke in wirtschaftliche Schieflage geraten ist

Ihre Meisterwerke erklingen auch in vielen Kirchen Mitteldeutschlands. Doch derzeit ist das bekannte Orgelbauunternehmen Schuke in akuten finanziellen Nöten.

Vor fast 200 Jahren wurde der Grundstein für den Orgelbauer Schuke gelegt: 1820 gründete Gottlieb Heise sein Unternehmen in Potsdam, damals Hochburg der Orgelfertigung. 1848 übernahm die Familie Gesell, 1898 Alexander Schuke die Firma. Wer will sagen, wie oft in dieser langen Zeit wirtschaftliche Probleme den Betrieb belasteten? In der DDR wurde er 1972 als »VEB Potsdamer Schuke-Orgelbau« verstaatlicht, bevor Matthias Schuke, seit 1974 dort tätig, das Traditionsunternehmen nach der Wende 1990 reprivatisierte.

Die Geschäfte liefen bald gut. Eine Expansion war auf dem alten Gelände im Potsdamer Holländischen Viertel nicht möglich und so wurden 2004 Fläche und Mitarbeiterstamm im Nachbarort Werder/Havel erweitert. Große Instrumente wie im Königsberger Dom entstanden, Schuke baute in Europa und von Mexiko bis Taiwan. In diese erfolgreiche Entwicklung will es so gar nicht passen, dass momentan der Insolvenzverwalter bei Schuke das Sagen hat. Seit Kurzem ist es Anwalt Christian Graf Brockdorffs Aufgabe, die wirtschaftliche Schieflage der Firma wirksam und schnell zu beseitigen.

Matthias Schuke hat das alte Familienunternehmen 1990 reprivatisiert und baute und sanierte seither weltweit Instrumente. Foto: Andrea von Fournier

Matthias Schuke hat das alte Familienunternehmen 1990 reprivatisiert und baute und sanierte seither weltweit Instrumente. Foto: Andrea von Fournier

»Wir hoffen, schon in wenigen Monaten wieder auf eigenen Füßen zu stehen«, sagt Firmeninhaber und Geschäftsführer Matthias Schuke. In die Situation ist sein Unternehmen gekommen, weil zwei ausländische Kunden ihre Ware nicht vollständig bezahlt haben. Die Außenstände sind nicht riesig – 400 000 Euro – doch bei einer Firma dieser Größe rütteln sie an den Grundfesten.

Dass so etwas passierte, war nicht absehbar, obwohl Matthias Schuke die Schuld auch bei sich sucht. Natürlich hat er vor der Vertragsschließung mehrfach mit beiden Kunden – den Vertretern der Philharmonie Charkiw/Charkow in der Ukraine sowie einem privaten Investor für ein Hotel in der Nähe von Moskau – gesprochen. Vertrauen sei die wichtigste Basis in diesem Geschäft, meint Schuke. Und das sei dagewesen, sonst hätte er die Aufträge nicht übernommen.

Wie üblich haben beide Kunden eine Vorauszahlung und später eine erste Anzahlung geleistet. Die 21 Mitarbeiter in Werder, unter ihnen eine Frau und ein Lehrling, haben daraufhin sorgfältig und fleißig gearbeitet. Vor zwei Jahren wurde die große viermanualige Konzertorgel für die Philharmonie in Charkiw fertig, eine knappe Million Euro waren bis dahin bezahlt. Sie wurde in die Ukraine transportiert und bis zur Restzahlung eingelagert.

Die Königin der Instrumente schläft seitdem ihren Dornröschenschlaf, ein dortiger Orgelsachverständiger kontrolliert regelmäßig vor Ort Temperatur und Luftfeuchte. Sowie die ausstehenden 100 000 Euro überwiesen werden, können die Experten von Schuke die Orgel aufbauen und intonieren. Doch Charkiw ist zurzeit Krisen- und Kriegsgebiet, niemand weiß, wann in der 1,4 Millionen-Einwohner-Stadt wieder Kunst und Kultur wichtig sind.

Bei Schukes zweitem Sorgenkind wurde dem russischen Investor eines großen Hotelneubaus laut dessen Aussage der Kredithahn gesperrt. So ruht nicht nur der Bau, sondern auch die Arbeit an der Orgel dafür. Die befindet sich jedoch noch in Werder. Matthias Schuke sagt, dass sie, lichtgeschützt gelagert, um dem wertvollen Furnier nicht zu schaden, auch demontiert und anderweitig verkauft werden kann, wenn die 300 000 Euro Restzahlung ausbleiben.

In der Orgelbaufirma wird derzeit normal gearbeitet, obwohl die Belegschaft natürlich nervös ist. Nun ist es an ihnen, so viele zusätzliche Aufträge für Neu- und Umbauten, Reinigungen oder Sanierungen von Orgeln zu bekommen, dass das nicht gezahlte Geld kompensiert wird. Der Insolvenzverwalter will den Betrieb 100-prozentig weiterführen. Doch auch er kann keine Schulden im Nicht-EU-Ausland eintreiben, und staatliche Hilfsprogramme greifen erst, wenn eine Firma pleite ist.

Doch dazu soll es nicht kommen. Vielmehr akquiriert er Banken und Leasingfirmen, die Zwischenfinanzierungen für mögliche Kunden übernehmen, seien es Kirchengemeinden oder andere Träger. Solidarität erfährt die Firma auch aus der eigenen Heimatregion. »Die Pfingstgemeinde in Potsdam und der Fürstenwalder Dom haben Bauabschnitte vorzeitig bei uns beauftragt«, sagt Matthias Schuke sichtlich bewegt.

Was ihn in diesen Tagen nachdenklich macht, ist die Sache mit der Menschenkenntnis. Auf seine hat er sich bei seinen Vertragspartnern immer verlassen und ist gut gefahren. »In Zukunft werden wir mehr Sicherheiten verlangen müssen«, sagt er fast bedauernd. Er ist ein Fachmann, Christ, Vater dreier Kinder, dessen Sohn Michael sich zurzeit beim Meisterstudium auf eine Betriebsübernahme vorbereitet. Aber er muss auch Geschäftsmann sein. Manchmal, so scheint es, mehr als ihm lieb ist. Er und seine Belegschaft jedenfalls wollen um jeden Auftrag kämpfen, um so schnell wie möglich die finanziellen Probleme zu überwinden.

Andrea von Fournier

Gottes Wort wird Gestalt

25. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Musik, Gottesdienste, Natur inspirieren die Bildhauerin Petra Arndt aus Volkenroda

Ihr Weg als Künstlerin ist eng mit der Geschichte des Klosters Volkenroda verbunden. Als das kulturelle und spirituelle Leben im Ort aufblühen, beginnt auch Petra Arndts neuer Weg.

Petra Arndts Galerie in Volkenroda in der Nähe des Klosters. Der Raum ist von Musik erfüllt. »Spiegel im Spiegel« des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Die gleichmäßige Konstruktion der Töne im Tintinnabuli-Stil hat eine starke Wirkung. Groß, schwermütig, hell. Neben den Skulpturen – Figuren und Köpfe – laden gedeckte Tische zum Verweilen ein. Die Künstlerin führt durch die Galerie, vor der einen und anderen Figur bleibt sie stehen. »Teresa von Avila«, aufrecht sitzend, mit erhobenem Kopf, konzen­triert, ruhig, zuversichtlich, auf Empfang eingestellt. »Nur Gott allein genügt.« Diese Aussage inspirierte die Bildhauerin zu der Bronzeplastik. »Nur Gott allein genügt.« – Lange habe sie sich mit diesem Satz aufgehalten, sagt Petra Arndt. Sie steht vor ihrem Werk, streicht mit der Hand über die Figur, mustert sie eingehend. Ebenso eine Figur des Christus. »Mit dieser bin ich sehr zufrieden«, so das Urteil der Schöpferin. In vielen ihrer Arbeiten hat Gottes Wort Gestalt angenommen. »Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.« Ein anderer Spruch, der die Künstlerin zu einer Figur anregte. Ein Mädchenkopf mit keck abstehenden Zöpfen, den Blick ebenfalls gen Himmel gerichtet.

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt wurde 1958 im thüringischen Schlotheim geboren, wird als Kind getauft und konfirmiert. Sie interessiert sich für Kunst, hört viel Musik, fährt zu Konzerten nach Mühlhausen oder Erfurt. »Ich hatte das schon immer in mir«, sagt sie und meint damit das Verlangen nach künstlerischem Ausdruck, es musste jedoch noch die entsprechende Form gefunden werden. Nach der Schule Ausbildung als Wirtschaftskauffrau. Der Glauben liegt in der DDR ad acta.

Ihr Weg als Künstlerin, ihre Auseinandersetzung mit religiösen Themen ist eng verbunden mit der Geschichte des Klosters Volkenroda. Das 1131 gegründete Zisterzienserkloster in der Nähe ihres Geburtsortes führt in der DDR ein erbarmungswürdiges Dasein, die Kirche zerfällt. Volkenroda – ein kleiner langweiliger Ort. Das ändert sich nach der Wende. 1994 erwirbt die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal das Kloster Volkenroda, baut es wieder auf und macht daraus ein geistliches Zentrum. Das spirituelle und das kulturelle Leben blühen auf. Gottesdienst, Gebetszeiten, Lesungen, Konzerte, Begegnungen. Petra Arndt ist offen und dankbar für diese Angebote. Viele Menschen kommen hierher. Kultur und Religion gehen zusammen. Bei keiner Veranstaltung fehlt der spirituelle Impuls. Gottes Wort ist immer dabei. Der Geist, der in Volkenroda weht, sie nennt ihn einen philosophischen, erfasst sie. Das intensive geistliche Leben, das Reden und Nachdenken über Gott und Glauben wirkt. Anfangs fällt es ihr schwer, sich darauf einzulassen. Aber sie fühlt sich in dieser Welt des Glaubens aufgehoben und nähert sich ihr immer mehr an. Ihr neuer Weg beginnt.

»Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.«

Durch Probieren findet sie ihre Ausdrucksform, bevorzugt die Gestaltung mit Ton. Parallel zu den plastischen Arbeiten schreibt sie Gedichte. Schreiben und gestalten – die kreativen Ausdrucksformen wechseln.

Die Titel ihrer Ausstellungen sprechen für sich: »Seelenlust«, »Der Schöpfer hängt im Weidemond«, »Zwischen Zweifel und Gebet«. Bevor das Motto feststeht, unter dem sie ihre Werke präsentiert, bewegt sie ihre Ideen und Gedanken lange im Herzen. »Man weiß nie, wann das Thema kommt«, sagt sie. Ihre Inspirationsquellen sind Musik, Gespräch, Gottesdienst, Natur. Ein innerer Spannungsbogen will aufgebaut werden. Die Idee muss wachsen und reifen – bis zum Augenblick der Geburt.

»Die Kraft des Ursprungs« (Kontinuum der Zeitlosigkeit«) soll das Thema der nächsten Ausstellung 2015 im Kloster Wieprechtshausen sein, ein ehemaliges Zisterzienserkloster aus dem 13. Jahrhundert, in der Nähe von Northeim im südlichen Niedersachsen.

Sabine Kuschel

In Klein-Berlin steht die Mauer noch

14. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Die innerdeutsche Grenze zerschnitt ein Dorf in Ost und West und trennte Familien


Im Sommer musste die Autorin aus Berlin unfreiwillig wegen einer Autopanne in der Nähe von Mödlareuth Station machen. Dabei lernte sie die Geschichte des Ortes kennen.

»Fahren Sie nach Klein-Berlin«, sagt Klaus Pluskiewitz. Ihm gehört der Autohof Berg nahe der A9 unweit der »Brücke der Einheit« an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Klein-Berlin? Nie gehört! »Die Mauer hat ein ganzes Dorf geteilt. Die Kinder der thüringischen Seite gehen in Schleiz zur Schule, die der bayerischen Seite in Hof.« Ob das stimmt? Wir erfahren es auch später nicht. Aber hin müssen wir, schließlich feiern wir 2014 zum 25. Mal eine Mauer, die es nicht mehr gibt.

In wenigen Minuten sind wir in »Klein-Berlin«. In Oberfranken. Nicht ganz. Das Auto passiert das Ortsschild: »Mödlareuth«. Ein zweites Schild begrüßt uns im Saale-Orla-Kreis. Im Osten. Ein Ende der Straße verlief noch im Westen. Die andere Hälfte der 50-Seelen-Gemeinde auch. Dazwischen liegt der Tannbach, der einst drei Mühlen im Dorf mit Wasser versorgte. 1810 wurden entlang seiner Ufer Grenzmarkierungen gesetzt. Auch später, als das Königreich Bayern und das Fürstentum Reuß Grenzsteine einließen, plätscherte er als Grenzfluss dahin. Unüberwindlich war er nicht: Noch gingen die Familien gemeinsam zur Schule, aufs Feld, in die Kirche und zum Dorffest.

Die stehengebliebene Mauer im Freigelände des Museums. – Fotos: Sibylle Sterzik

Die stehengebliebene Mauer im Freigelände des Museums. – Fotos: Sibylle Sterzik

Bis sich die Alliierten Deutschland teilten. Durch das Londoner Protokoll von 1944 wurde der im Sommer harmlos wirkende Tannbach zur Demarkationslinie zwischen sowjetischer und amerikanischer Besatzungszone. Nachdem die Amerikaner Mödlareuth und den Tannenbach kampflos eingenommen hatten, zogen sie sich in die Grenzen des protokollarisch Verabredeten zurück. Im Juli 1945 marschierten die Sowjets ein und blieben ein Jahr, bis die Amerikaner sie westwärts des Tannbachs zum Abzug drängten. Als 1949 DDR und Bundesrepublik gegründet wurden, schwoll der Bach zur Staatsgrenze an. Noch konnten sich die Dorfbewohnerinnen Lena Zehl und Helga Seidel unbehelligt auf einen Plausch am Bach treffen, aber ab 1952 begann die totale Abriegelung der Dorfhälften.

Erst trennte ein Holzzaun das Dorf, ab 1966 hinderte die Mauer selbst Geschwister wie die Goller-Brüder Kurt (Ost) und Max (West) daran, sich zu sehen. In der DDR war es nicht erlaubt, nach drüben zu grüßen, winken verbot die Polizeiordnung. Gaststätten mussten schließen, Versammlungen genehmigt werden. Die Landwirtschaft wurde reglementiert. Eine Fünf-Kilometer-Sperrzone vor der Grünen Grenze riegelte das Grenzgebiet ab. 500 Meter vor der Mauer gab ein Grenzsignal- und Sperrzaun bei Berührung Alarm. Beobachtungstürme und Suchscheinwerfer spürten jeden auf, später auch Hunde an Laufleinen. Niemand kam mehr ohne Sondergenehmigung und Passierschein ins Grenzgebiet. In zwei Wellen siedelte die DDR »politisch unzuverlässige« Bürger aus – insgesamt 12 000. Oft standen ihre Häuser dem Grenzbau im Wege.

Jahre später: Wir reiben uns die Augen. Die Mauer steht noch. Wenigstens ein Teil. 3,30 Meter hohe Betonsegmente und Streckmetallzäune versperren den Weg. Zwei weiß gestrichene Wachtürme erheben sich drohend über der hügeligen Landidylle. Es scheint, als müsste man jederzeit damit rechnen, dass ein Grenzhund am Laufband auf- und abrennt, ein Scheinwerfer aufleuchtet, eine Lautsprecher-Stimme ertönt: »Halt! Stehen bleiben!« Eine Filmkulisse? Nein, ein originales Museum. Aber gedreht wird hier.

Arndt Schaffner setzt »Mödlareuth« in dem gleichnamigen Dokumentarfilm ein Denkmal, das wütend macht, auch nach 25 Jahren. Zwangsaussiedlung unter dem Decknamen »Ungeziefer« von vier Familien im Grenzgebiet. Einer von der Oberen Mühle gelingt in letzter Minute die Flucht. Mutter und Tochter springen aus dem unteren Stallfenster, Vater und Sohn vom Heuboden. Drüben auf westlicher Seite helfen die Bayern. Während sie fliehen, warten im Innenhof sechs Volkspolizisten, zwei Laster sollen Möbel und Koffer fortschaffen. Sie bemerken nichts. Acht Monate zuvor hat Arno Wurziger seine Mühle fertig saniert. Er lässt sie zurück und springt in die Freiheit.

Vielleicht verfilmen in Mödlareuth auch Filmemacher die DDR, ohne zu ahnen, wie es sich wirklich in dem eingezäunten, heute »Neufünfland« geschimpften Landstrich lebte, der nicht mal das Rentenalter schaffte. Warum es einem heute noch die Tränen in die Augen treibt, wie eine Besucherin ins Gästebuch des Museums schreibt, das im Herbst 1990 auf Initiative von Arndt Schaffner entstand. »Nur wer die Vergangenheit kennt, wird die Gegenwart verstehen«, steht auf dem Hinweisschild am Dorfteich. An einem Streckmetallzaunfeld mit Stacheldraht.

Im Freigelände des Museums darf man dicht an die stehen gebliebene Mauer heran. Kein Schuss fällt. Kein Kübelwagen verfolgt die Grenzverletzer auf dem Kolonnenweg, Fußstapfen im umgepflügten Kontrollstreifen vor der Mauer verraten keinen Republikflüchtigen mehr, der KFZ-Graben bleibt leer. Der Besucher darf auf den Wachturm steigen, durch die niedrige Eisentür in der Mauer schlüpfen, auf dem »vorgelagerten DDR-Hoheitsgebiet« Pa­trouille laufen – die Mauer stand einige Meter vor der Staatsgrenze – oder mit einem Sprung über den Tannengraben »nach Drüben machen«.

Im Museum, früher eine Scheune, läuft der Dokumentarfilm »Mödlareuth«, eine Ausstellung erzählt europäische und Mödlareuther Geschichte vom Kalten Krieg. Auch im Depot sind Ost und West getrennt: rechts die Fahrzeuge der Grenzer Ost, links West. Das Museumsarchiv enthält unzählige Objekte zum Ausleihen.

Am 9. November fiel die Mauer in Berlin. In Mödlareuth blieb sie geschlossen. Die Bewohner gelangten nur über Umwege in den Westen. Erst einen Monat später, am 9. Dezember schlugen DDR-Grenztruppen eine fünf Meter breite Öffnung in die Mauer. Ein provisorischer Grenzübergang entstand nach 37 Jahren Abriegelung. Geöffnet nur von 8 bis 22 Uhr. Bundesbürger kamen mit einem Reisepass durch, DDR-Bürger erhielten einen Visum-Stempel in den Ausweis.

Erst am 17. Juni 1990 fiel hier die Mauer. Bayerische Dorfbewohner zogen mit Fackeln und Kerzen zur Mauer, skandierten: »Die Mauer muss weg.« Die Thüringer schlossen sich ihnen nach einer Gedenkveranstaltung zum Volksaufstand an. Das Weitere ging sehr schnell. Ein Bagger riss die Mauer ein, eine Übergangsstelle wurde eingerichtet und ein Grenzer stempelte unter dem Jubel der Anwesenden Mauerteile. Ein ehemaliger DDR Grenzoffizier empörte sich: »Hier wird Volkseigentum der DDR zerstört.« Auch heute ist das Dorf in zwei Bundesländer geteilt, Ost-Mödlareuth gehört zu Thüringen und West-Mödlareuth zu Bayern. Aber alle leben wieder gemeinsam.

»Little Berlin«, wie die Amerikaner es nannten, das Dorf 300 Kilometer von Berlin und von München entfernt, ist ein Symbol der deutschen Teilung wie Berlin. Mitten im Ort stand eine 700 Meter lange Grenzmauer, nur eine Miniatur angesichts der 1 400 Kilometer »Antifaschistischer Schutzwall« an der innerdeutschen Grenze. Angeblich zum Schutz der DDR-Bürger gegen den vermeintlichen Angriff westlicher Feinde. Feinde, die Brüder oder Schwestern aus demselben Dorf waren und die die Geschichte in unversöhnliche Lager zerteilte.

Nur einem gelang die Flucht. Ein aus dem Dienst entlassener Helfer der Grenztruppen, dem der Passierschein noch nicht abgenommen worden war, fuhr 1973 ungehindert mit seinem Barkas an die Mauer, stellte eine selbst gebaute Metallleiter in die Regenrinne seines Autodaches und überwand den Wall. Ein Postenführer, der ihn vom Wachturm aus bemerkte, richtete zwar den Schweinwerfer auf den Flüchtling, schoss aber nicht. Der Name des Postens ist heute in den Unterlagen der ehemaligen DDR-Untersuchungskommission geschwärzt. Warum eigentlich? In großen Lettern sollte man seinen Namen lesen können.

Im Gasthaus »Zum Grenzgänger« unweit des Museums steht eine »Grenzgängerplatte« auf dem Speiseplan. »Für Leute, die sich nicht entscheiden können.« Etwa Bouletten in Form von Splitterminen? Dazu schenkt die Wirtin Original-Thüringer »Rosen-Bier« aus. Gespeist wird mit Blick auf den Wachturm, in aller Ruhe. Bis vor 25 Jahren durfte sich hier niemand entscheiden. Wenn doch, hatten DDR-Grenzer Befehl, auf ihn zu schießen. Nur wenige widersetzten sich.

Ein Panzer richtet auf dem Parkplatz seine Kanone auf parkende Reisebusse und PKW. Ein russischer T-34, mit dem die Sowjets Thüringen befreiten. Schulklassen verlassen das Drehkreuz am Ausgang. Heckenrosen blühen, der Dorfteich liegt still, der Tannbach plätschert friedlich, als habe es die Todeszone nie gegeben.

Sibylle Sterzik

Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, Mödlareuth Nr. 13, 95183 Töpen, OT Mödlareuth, Telefon (09295) 1334, E-Mail: info@museum-moedlareuth.de
www.museum-moedlareuth.de

Unberührtes in der einstigen Todeszone

30. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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25 Jahre Grünes Band: Hier wuchs zusammen, was zusammengehört

Grenzen trennen. Im besonderen Maße galt dies für die innerdeutsche. Was für die Menschen zu einer oft unerträglichen Beeinträchtigung ihrer Lebensumstände geworden ist, geriet für die Natur zu einem Vorteil von immenser Bedeutung.

Über 1 393 Kilometer verläuft entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, von der Ostsee bis zum Vogtland und durch 17 ganz unterschiedliche Naturräume, ein grünes Band, das ungeachtet der jahrzentelangen, menschenverachtenden Geschichte ein Eigenleben entfalten konnte. »Es ist Deutschlands mit Abstand größter und längster Biotopverbund«, erklärt Liana Geidezis. Die promovierte Biologin ist Leiterin des Projektbüros »Das Grüne Band«, das sich innerhalb des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) um Erhalt und Sicherung der wertvollen Flächen am früheren Grenzstreifen und den unmittelbar angrenzenden Gebieten kümmert.

Das Grün kann die Geschichte nicht tilgen: Blick auf den Grenzstreifen im Schifflersgrund bei Bad Sooden-Allendorf. An dieser Stelle wurde Heinz-Josef Große 1982 auf der Flucht erschossen. Ein Kreuz erinnert daran. Foto: Ulrich Traub

Das Grün kann die Geschichte nicht tilgen: Blick auf den Grenzstreifen im Schifflersgrund bei Bad Sooden-Allendorf. An dieser Stelle wurde Heinz-Josef Große 1982 auf der Flucht erschossen. Ein Kreuz erinnert daran. Foto: Ulrich Traub

Gleich nach der Öffnung der Grenzen meldeten sich Naturschützer aus West und Ost zu Wort. Bereits im Dezember 1989 gründeten sie die Initiative »Das Grüne Band«. Die Verbindung von Brachflächen und Altgrasfluren über Pionierwälder bis zu Mooren und Gewässern charakterisiert das Grüne Band. »Wo andernorts um jeden Quadratmeter Ackerrandstreifen oder Waldsaum gestritten wird und die Wiederherstellung von Biotopen mit Steuergeld gefördert werden muss, ist am Grünen Band ein riesiger Bestand vorhanden.« Dieses Argument ziehe in der Regel, wenn mit der Politik über konkrete Maßnahmen verhandelt werde, hat Liana Geidezis erfahren.

Nackte Zahlen lassen die Dimensionen deutlich werden. Wo einst Wachtürme, Stacheldraht und Selbstschuss­anlagen den »antiimperialistischen Schutzwall« der DDR bildeten, waren 2012 87 Prozent der 177 Quadratkilometer großen Fläche naturnahe Landschaften. Zwei Drittel der Gesamtfläche stehen unter Naturschutz. Nicht weniger als 150 Naturschutzgebiete liegen am Grünen Band, das zwischen 50 und 200 Meter breit ist, oder schließen direkt dort an. »Als vor 25 Jahren in einer für den Naturschutz nicht gerade vielversprechenden Ausgangslage für den Erhalt des Grenzstreifens in seiner damaligen Form gekämpft wurde, hat das wohl kaum einer für möglich gehalten«, schaut Liana Geidezis zurück. Aber nur so konnte in der Natur zusammenwachsen, was zusammengehört. Mehr als 1 200 seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten sind am Grünen Band heimisch geworden.

Den ökologisch wertvollen Streifen vor den Bedürfnissen von Politik und Wirtschaft zu retten sei alles andere als einfach gewesen. »Vor allem das 1996 verabschiedete Mauergrundstücksgesetz war ein Schock«, erinnert sich die Leiterin. Es bot Alteigentümern die Gelegenheit, ihre Grundstücke für 25 Prozent des Verkaufswertes zu erwerben. Erst 2003 wurde der Verkauf der bundeseigenen Anteile gestoppt.

Seitdem versuchte der Bund, seine Flächen an die Länder abzugeben. Die griffen erst zögerlich zu, weil mit dem Erwerb auch die Pflicht verbunden ist, die Areale nach den Richtlinien des Naturschutzes zu entwickeln und Personalkosten etwa für Förster zu übernehmen. Doch seit 2011 ist die Flächenübertragung vollzogen. Die Hälfte des gesamten Grünen Bandes bildet nach dieser Übernahme einen Biotopverbund.

Zudem begann der BUND Grundstücke zu kaufen. Denn knapp 30 Prozent der Fläche des Grünen Bandes befinden sich immer noch in Privatbesitz. Liana Geidezis berichtet, dass das Augenmerk vorrangig auf ökologisch besonders wertvolle Flächen gerichtet sei, »in manchen Fällen aber auch auf landwirtschaftlich genutzte, die renaturierbar sind«.

Angewiesen sei der BUND bei seinen Ankaufprojekten aber auf Spenden. Für 65 Euro kann man symbolisch Anteilseigner des Grünen Bandes werden und mit regelmäßigen Beiträgen auch Patenschaften übernehmen. Ein großes Ziel sei es zudem, die durch intensive landwirtschaftliche Nutzung und Straßenbau verursachten Lücken zu schließen, die sich zu einer Länge von 180 Kilometern summierten.

Die unter dem Titel »Erlebnis Grünes Band« zusammengefassten naturtouristischen Angebote machen es möglich, mit dem Grenzstreifen auch Geld zu verdienen. Die Nachfrage sei erstaunlich groß, sagt Liana Geidezis. »Wir wollen keinen Käseglocken-Naturschutz, Neugierige und Interessierte sollen das Grüne Band schon selbst erleben dürfen.«

Die Angebote zielen auf einen naturverträglichen und gelenkten Tourismus, der außergewöhnliche Einblicke und Erlebnisse ermöglichen soll. In drei Modellregionen ist das bislang gegeben: Elbe-Altmark-Wendland, Harz sowie Thüringer und Frankenwald. Touristische Entdeckung und Zeitgeschichte treffen hier aufeinander. Sogenannte Grenzerfahrungstouren, Führungen über den ehemaligen Todesstreifen und der Besuch historischer Stätten, aber auch individuelle (Rad-)Wanderungen mit Audioguides, die dem Reisenden Natur und Geschichte nahebringen, sind buchbar. »Zeitzeugenberichte, die etwa vom Leben im Sperrgebiet berichten, sind bei diesen Angeboten so etwas wie ein roter Faden.« Auch die Kooperation mit Grenzmuseen etwa in Teistungen im Eichsfeld, Point Alpha in der Rhön oder Mödlareuth, dem geteilten Dorf an der bayerisch-thüringischen Grenze, spiele eine wichtige Rolle, führt die Biologin aus.

Auch international wird das Projekt inzwischen wahrgenommen. Seit 2002 arbeitet ein Zusammenschluss von Naturschützern ausgehend von den Erfahrungen in Deutschland an der Vision eines Grünen Bandes Europa, das sich über die gesamte Länge des Eisernen Vorhangs erstrecken soll: Naturschutz als Grenzen überwindende Aufgabe.

Ulrich Traub

www.erlebnisgruenesband.de

Wir zogen mit dem Spaten …

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bilanz: 50 Jahre Bausoldaten in der DDR – was waren die Motivationen und wie sehen ehemalige Spatensoldaten ihre Entscheidung heute?

Nach dem Selbstverständnis der DDR-Genossen waren sie das Äußerste, was den Werktätigen der Republik »zugemutet« werden konnte: Die jungen Männer in der Uniform der Nationalen Volksarmee (NVA) mit den goldenen, später silbergrauen Spaten auf den Schulterstücken. Bausoldaten oder Spatensoldaten, kurz«Spatis«, hießen sie, die aus Gewissensgründen ihren Pflichtwehrdienst in den unbewaffneten Baueinheiten ableisteten. Erst am 7. September 1964, also vor 50 Jahren, wurde dieser Wehrersatzdienst, der freilich nie ein ziviler Ersatzdienst war, nicht zuletzt auf Drängen der Kirchen eingeführt. 15 000 bis 16 000 Menschen entschieden sich trotz Diskriminierung und Schikane im weiteren Lebensweg für die Waffenverweigerung. Die Kirchenzeitung hat einige von ihnen befragt, was ihre Motivation für die damalige Entscheidung war. Und wie sie diese im Rückblick sehen und sie unter heutigen Bedingungen treffen würden.

Heinz Bächer

Heinz Bächer

Was mich motivierte? Erstens, ich wuchs mit einem in Stalingrad schwer verletzten Vater auf. Zweitens Literatur: Gandhi, M. L. King und die Bergpredigt. Und drittens die Gespräche in der Jungen Gemeinde Saalfeld über Zivilcourage und Friedensethik.
Aus heutiger Sicht würde meine Entscheidung ähnlich ausfallen. Es gibt einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen: Zivile Konfliktbearbeitung durch gewaltfreie Aktionen sind erfolgreicher als Kriege. Gewaltfreie Aktionen hatten in den letzten einhundert Jahren nur wenig Menschenleben zu beklagen und langfristige Friedensphasen zur Folge (Indien, Befreiungsbewegung in den USA, friedliche Revolution in der DDR u. a.). Konflikte werden auch heute unter anderem durch Waffenexporte in militärische Bahnen gelenkt, die dann eher zu Eskalationen führen können. Solange es eine Ideologie des Stärkeren gibt, gibt es auch Motivation zu Gewalt und Krieg. Die Selbstverpflichtung der Ökumenischen Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Seoul 1990 halte ich für wegweisend: »Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen und Konflikte durch aktive Gewaltfreiheit zu lösen.«

Heinz Bächer, Jahrgang 1957, Bausoldat von Herbst 1977 bis Frühjahr 1979 in Prora/Rügen, heute Klinikseelsorger am Uni-Klinikum Jena und selbstständiger Supervisor und Familientherapeut


Sebastian Kircheis

Sebastian Kircheis


Ich war 18 Jahre alt. Den Druck und die Unwahrhaftigkeit des DDR-Systems habe ich gespürt. Die Allmacht und Allgegenwärtigkeit des Staates auf allen Ebenen des Lebens erzeugten mal Zorn, mal Ohnmachtsgefühle. Unvorstellbar, diesem System mit der Waffe in der Hand befehlsmäßig ausgeliefert zu sein. Aber auch durch Totalverweigerung in Gefahr zu geraten, jegliche Lebensperspektive zu verlieren, war keine Option. Deshalb erklärte ich zur Einberufungsüberprüfung meine Entscheidung zum »Dienst bei den Baueinheiten der NVA«. Zwei Tage später in der Schule teilte mir der Direktor mit, dass ich aufgrund meiner Entscheidung »nicht würdig« sei, die DDR im Ausland zu repräsentieren. Der Dresdner Kreuzchor plante für September eine dreiwöchige Westreise, zu der ich kurz vorher eingeladen worden war. So reiste ich nicht in den Westen, sondern nach Prora …

Und heute? Eine einmal gewonnene Haltung, wie die, keine Waffe zu nehmen, legt man nicht ab wie ein Kleidungsstück. Sie sitzt tief und wohnt nicht nur im Verstand. Gleichwohl erkenne ich nicht, wie sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid an Völkern oder Volksgruppen, wie wir sie im Bosnienkonflikt erschreckend erlebt haben und wie wir sie momentan im Irak miterleben, anders eindämmen lassen als durch militärische Gewalt. Ich kann nicht sagen, wie ich heute entscheiden würde, zumal eine Antwort auf diese Frage, anders als vor 33 Jahren, sehr theoretisch bliebe.

Sebastian Kircheis, Jahrgang 1963, Bausoldat von November 1982 bis April 1984 in Prora/Rügen, heute Pfarrer an der Stadtkirche St. Peter und Paul, Weimar


Martin Hüfken

Martin Hüfken


Zu NVA-Zeiten Bausoldat zu sein, war in christlichen Kreisen so etwas wie eine Imagefrage. Für mich damals die Gelegenheit zu zeigen, wohin ich hingehöre, mehr noch, wohin ich nicht gehören will. Ich hatte verinnerlicht: Ein wirklicher Christ wird Bausoldat. Im Wehrkreiskommando legte ich meine schriftliche Begründung vor. Nachdem ich lange zu meiner Entscheidung befragt worden war, entließ man mich. Eingezogen wurde ich später nie. Aber den Mut zum Nein-Sagen gehabt zu haben, bewirkte in mir ein solidarisches Gefühl mit allen Andersdenkenden.

Nach der Wende fiel der Wert dieses Nein-Sagens bei mir nicht mehr ins Gewicht. Ich war als Christ auch nicht mehr Verbündeter des »Klassenfeindes«. Der Gedanke, dass ich auch mit dem Spaten in der Hand dem Sozialismus in der DDR und der Partei der Arbeiterklasse gedient hätte, hat mich nie so richtig losgelassen. Den Dienst ganz zu verweigern und dafür nach Schwedt ins Militärgefängnis zu gehen, war ich zu feige. Im Zusammenhang mit der Frage, wer den Frieden, den ich genoss, garantiert, wurde mir die Bundeswehr bewusst. Tun es Gebete, Kerzen, Diskussionen? Wie viel Gewalt ist nötig, um dem Bösen die Stirn zu bieten? War Jesus nicht auch gewalttätig? Wem aber Gewalt gegeben ist, muss ganz besonders wissen, wofür er sie einsetzt. Mich trafen die Worte von Jesus Christus: »Gehet hin in alle Welt …« (Markus 16, 15) Ich wusste, dass ich die Welt derer, die sich auf andere Art für den Frieden einsetzen als ich, nicht deswegen auslassen darf, weil ich eine christlich weiße Weste behalten will. Verantwortung zu übernehmen und zu helfen, Verantwortung zu tragen, wurde für mich zum Liebesdienste, zu dem mein Glaube an Jesus Christus mich berief und befähigte. Seelsorge muss dort sein, wo die Menschen sind, die sie brauchen.

Martin Hüfken, Jahrgang 1956, als Bausoldat gemustert aber nicht eingezogen, seit 2010 Militärpfarrer an der Unteroffiziersschule des Heeres in Delitzsch


Sebastian Kranich

Sebastian Kranich


Für den Bausoldatendienst haben mich christliche Überzeugung und politische Opposition motiviert. In meiner Erklärung für das Wehrkreiskommando bekannte ich mich 1988 zum »Weg der Gewaltlosigkeit von Jesus Christus«. Eine Pfarrhaus-Kindheit, Prägungen im Dresdner Kreuzchor, der 13. Februar 1945 im Familiengedächtnis sowie mit Kerzen vor der Frauenkirche, der Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« an der grünen Kutte, Lieder von Gerhard Schöne, Udo Lindenberg und Stephan Krawczyk, der Beitritt zur Friedensgruppe »Gewaltlos leben« – das alles kann meinen Weg zu den Bausoldaten biografisch erklären. Vor der Einberufung wollte ich dann eigentlich total verweigern. Eine Entscheidung, zu der mir der Kopf von »Gewaltlos leben«, der Thüringer Pfarrer Jo Winter, »nicht mal zu- oder abraten« konnte. »Keiner geht für Dich in’ Kahn. Aber eben auch nicht zur Asche!«, schrieb er in einem Brief.

Als Bausoldat habe ich genug vom Militär. Ich wollte damals nicht zur Armee und würde heute nicht hingehen. Kasernenleben, Marschieren, Befehl- und Gehorsam – so möchte ich nicht (mehr) leben. Ich kann mir auch jetzt nicht vorstellen, auf Menschen zu schießen. Da hat sich für mich nichts geändert. Geändert hat sich aber die Lage in der Welt. In der DDR war die NVA vor allem eine Disziplinierungs- und Unterdrückungsanstalt für junge Männer: ein Gefängnis im Gefängnis. Jeglicher Gedanke an einen Krieg zwischen Ost und West erschien angesichts der nuklearen Hochrüstung als widersinnig. Dann wurden nach der friedlichen Revolution in Ruanda (1994) und in Srebrenica (1995) Tausende – ganz konventionell – ermordet. Heute toben neue Kriege. Immer noch lässt sich Frieden nicht herbeibomben. Aber extreme Gewalt ist manchmal nur mit Gewaltmitteln zu stoppen.

Sebastian Kranich, Jahrgang 1969, Bausoldat von November 1988 bis Dezember 1989 in Merseburg, Wolfen und Welzow, heute promovierter Theologe an der Universität Heidelberg


Matthias Spikermann

Matthias Spikermann


Meine Erstmusterung fand 1987 und meine Einberufungsmusterung Anfang 1989 statt. Ich stamme aus einem christlichen Elternhaus und war fest in der Jungen Gemeinde meines Heimatortes Welzow (Niederlausitz) integriert. Für mich war die lange vor der Wende getroffene Entscheidung zum Bausoldaten damals eine Art Bekenntnis zum Glauben. Ausschlaggebend war für mich der Umstand, dass mein gesellschaftliches Umfeld (insbesondere auch die Schule) mich frühzeitig spüren ließ, dass diese Gesellschaft meine Kirchenzugehörigkeit als Affront zur sozialistischen »Weltanschauung« wahrnahm. Ich wurde so gesehen regelrecht in eine Distanz zum DDR-Staat hineingedrängt. Folgerichtig war dann auch die NVA in meiner Wahrnehmung ein Ort, an dem ich – noch stärker als andernorts – den unterschwelligen ideologischen Repressalien des von mir als bedrohlich wahrgenommenen Systems ausgesetzt sein würde. Diesem wollte ich mich – so weit es ging – entziehen. Bei den Bausoldaten erhoffte ich mir genau diesen größtmöglichen Freiraum.

Rückblickend bin ich immer noch ein wenig stolz auf meine damalige Entscheidung und würde, wenn ich noch einmal in einem ähnlichen System leben müsste, erneut so entscheiden. Die Position eines von jeglichen politischen Gegebenheiten absehenden Pazifismus habe ich weder damals noch heute vertreten. Insofern sehe ich in meiner Entscheidung von damals keinen Widerspruch zu meiner heutigen Tätigkeit als Militärseelsorger in der Bundeswehr.

Matthias Spikermann, Jahrgang 1969, Bausoldat von November 1989 bis September 1990, heute Militärseelsorger in Potsdam


Wolfgang Straß

Wolfgang Straß


Ich hatte als Christ zwei Gründe (die sich beide in der Bergpredigt finden), den Dienst mit der Waffe in der NVA abzulehnen. Zum einen das Gebot Jesu nicht zu schwören. (Matthäus 5,36) Es war mir unmöglich, den Fahneneid in der damals geltenden Fassung und mit Bezug auf das Gesellschaftssystem zu leisten. Zum anderen war es Jesu Gebot der Feindesliebe (Matthäus 5, 43-45), was es mir verwehrte, mit der Waffe zu dienen.

Die Entscheidung unter heutigen Umständen? Interessante Frage, wenn auch (fast) nur theoretischer Natur. Eine wirklich freiheitlich-demokratische Grundordnung ist für mich ein so hohes Rechtsgut, das es unter Umständen verdient, auch mit militärischer Gewalt verteidigt zu werden. Fazit: Heute bin ich dankbar und sogar ein bisschen stolz darauf, zur Truppe der Bausoldaten gehört zu haben.

Wolfgang Straß, Jahrgang 1956, Bausoldat von November 1982 bis April 1984 in Brandenburg-Hohenstücken, Bad Muskau und Burg, heute Heilerziehungspfleger in den Neinstedter Anstalten in Neinstedt im Ostharz


Wie kommt Kirchenland in Bauernhand?

2. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenland: Um die Neuverpachtung von Feldern und Wiesen gibt es in Tryppehna bei Möckern einen handfesten Streit – Kirchenaustritt inklusive

Alle zwölf Jahre gibt es neue Pachtverträge für das begehrte Kirchen- und Pfarrland. Doch die Vergaberichtlinien und die Folgen daraus sorgen für Unmut. Zwei aktuelle Beispiele aus Sachsen-Anhalt.

In der Agrarwirtschaft Möckern im Ortsteil Tryppehna (Kirchenkreis Elbe-Fläming) ist man zurzeit gar nicht gut auf Kirche zu sprechen. Der Grund ist, dass der Betrieb ab 2015 mit 130 Hektar weniger auskommen muss. Der zwölfjährige Pachtvertrag auf Kirchenland läuft zum Jahresende aus und wird nicht verlängert. Der Verlust von nahezu zehn Prozent der Anbaufläche wirkt sich negativ auf den gesamten Betrieb aus.

Brauchen das Land und sind auf die Kirche sauer: Elfriede Karbe und Volker Oelze von der Agrarwirtschaft Möckern befürchten massive Auswirkungen auf die Rentabilität ihrer Genossenschaft, wenn das bisher gepachtete Kirchenland entfällt. Foto: Stephen Zechendorf

Brauchen das Land und sind auf die Kirche sauer: Elfriede Karbe und Volker Oelze von der Agrarwirtschaft Möckern befürchten massive Auswirkungen auf die Rentabilität ihrer Genossenschaft, wenn das bisher gepachtete Kirchenland entfällt. Foto: Stephen Zechendorf

Die 1991 gegründete Genossenschaft ist Nachfolgerin der LPG, die in DDR-Zeiten rund 4 400 Hektar bewirtschaftete. Nach der Wende waren es noch rund 2 500 Hektar. Sie setzt auf Vielfalt, baut Weizen, Roggen, Gerste, Raps und Rüben, und neben Mais auch Luzerne und Lupinen als Futter für die 340 Milchkühe an. Der Mist, den die Tiere machen, geht als Dünger auf die Felder. 1 500 Hektar bewirtschaftet die Genossenschaft zurzeit.

Kein Hinweis auf die Vergaberichtlinien

»So viel weniger Land bedeutet mindestens eine Arbeitskraft weniger«, benennt die Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, Elfriede Karbe, den Schaden. Insgesamt 18 Frauen und Männer arbeiten in der Genossenschaft. Außerdem werden drei junge Menschen ausgebildet. »Alle sind ganzjährig beschäftigt«, sagt Karbe, die als Diplomagraringenieurin seit 1981 in Wörmlitz, ganz in der Nähe von Tryppehna lebt und seitdem in der Genossenschaft arbeitet. Ihre derzeitige Tätigkeit übt sie seit 2007 aus.

Als das zuständige Kreiskirchenamt (KKA) sie aufforderte, ihr Angebot zur Neuverpachtung vorzulegen, fand sie darin keinen Hinweis auf die 2011 geänderten Vergaberichtlinien mit dem Punkteverfahren. Außerdem hat sie jetzt, wo sie die kennt, einiges daran auszusetzen. »Wie wird seitens des Amtes die ›ordnungsgemäße Bewirtschaftung‹ festgestellt?« Werde kontrolliert, ob einer nachhaltig wirtschafte oder nur Monokulturen anbaue?

Seit Jahren im Gemeindekirchenrat aktiv – dennoch muss auch Bauer Matthias Nagel mit seinem Familienbetrieb künftig auf Kirchenland verzichten. Foto: Stephen Zechendorf

Seit Jahren im Gemeindekirchenrat aktiv – dennoch muss auch Bauer Matthias Nagel mit seinem Familienbetrieb künftig auf Kirchenland verzichten. Foto: Stephen Zechendorf

Der stellvertretende Geschäftsführer Volker Oelze verweist darauf, dass die Flächen der Agrarwirtschaft Möckern mit ausreichend organischer Substanz versorgt werden, um damit die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und zu fördern. Es wird auch viel Zeit und Geld in die Pflege und Wartung der vorhandenen Drainagesysteme investiert. Nur so kann langfristig und nachhaltig produziert werden, was sicher auch im Interesse der Kirche ist. »Ich muss gegen Ende eines Pachtvertrages fragen, ob sich der ganze Aufwand noch lohnt«, meint der staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt, der ebenfalls seit Jahrzehnten in Tryppehna arbeitet.

Auch die Genossenschaft braucht eine Mindestgröße

Karbe und Oelze vermissen auch, dass nicht darauf hingewiesen wurde, welche Rolle der Mindestpachtpreis bei der Vergabe spielt. Und die Bedeutung der Kirchenmitgliedschaft: Der dreiköpfige Vorstand der Agrargenossenschaft gehört der Kirche an, weitere Mitarbeiter auch. Aber alle? »Das ist schwierig zu erreichen bei jüngeren Mitarbeitern und als Folge des Traditionsabbruchs«, sagen beide.

Im Übrigen verweisen sie darauf, dass ihre Genossenschaft in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Pachtland zugunsten von kleinen Bauern und Wiedereinrichtern abgegeben habe (»Ohne Murren«, wie der zuständige Pfarrer bestätigt). Vor 25 Jahren war die Genossenschaft alleinige Pächterin der Kirchenflächen. Doch irgendwann sei die Untergrenze erreicht. »Wir müssen Gewinn erwirtschaften. Nur dann können wir investieren und sind konkurrenzfähig«, so Elfriede Karbe. »Stillstand gefährdet den Betrieb.«

Auch Bauer Matthias Nagel gehört zu denen, die abschlägig beschieden wurden. Seine Familie ist seit 1430 in Tryppehna ansässig und der Kirche verbunden. Er gehört seit drei Legislaturperioden dem Gemeindekirchenrat an. »In den zurückliegenden Jahren sind Bauer Nagel und seine Familie eine der wichtigen und tragenden Säulen im Gemeindeleben geworden«, sagt Pfarrer Martin Vibrans.

Schwerer Schlag für Wiedereinrichter Nagel

Als im August der Bescheid kam, dass sein Pachtvertrag über sieben Hektar nicht verlängert wird, war Matthias Nagel schwer getroffen. Er und seine Frau haben 1991 den Hof wieder eingerichtet, mit 70 Hektar Acker begonnen, 50 gekauft und weitere gepachtet und sich ihre Existenz aufgebaut. Die Familie lebt vom konventionellen Ackerbau und von der Aufzucht von Ferkeln in Lohnarbeit für einen Bio-Betrieb (mit entsprechender Fütterung und Haltung der Tiere). Wenn die älteste Tochter 2015 ihr Landwirtschaftsstudium beendet hat, will sie im elterlichen Betrieb mit einsteigen. Alle drei Kinder wollen im Dorf bleiben. Arbeit hat die Familie ohne Ende.

Der Gewinn ist von vielen Faktoren abhängig, die Bauern nur wenig beeinflussen können: Die Preisentwicklung für landwirtschaftliche Produkte oder das Wetter sind nur einige davon. Wichtig ist, dass da etwas stabil bleibt. »Es wäre am besten gewesen, wenn alles so geblieben wäre«, sagt Matthias Nagel. Es sei schlimm, dass das Kirchspiel nichts zu sagen hätte. »Wie kann die Kirche fördern, dass manche Bauern größer und größer werden? Was hat das mit vernünftiger Landwirtschaft zu tun?«, fragt der Bauer.

Vorwurf: Kirchengemeinde soll nur abnicken

Pfarrer Vibrans suchte vor der Vergabe das persönliche Gespräch mit der zuständigen Mitarbeiterin im Kreiskirchenamt. Ergebnislos. »Das Land, das Bauer Nagel und der Agrargenossenschaft weggenommen wurde, hat jetzt zum Großteil ein Großbauer, der seine Angestellten jeden Winter in die Arbeitslosigkeit entlässt. Ob er das in sein Pachtangebot geschrieben hat?« Auch Martin Vibrans bemängelt an den Vergaberichtlinien einiges. Die Frage der Monokulturen zum Beispiel. Oder die Frage Kirchenmitgliedschaft/aktives Engagement in der Kirche. Außerdem verweist er darauf, dass die neuen Pachtverträge im Frühjahr hätten abgeschlossen sein müssen, damit die Bauern planen können. »Man beruft sich immer auf den Punktekatalog, ohne sich in der Kirchengemeinde zu vergewissern. Die darf nur noch nicken«, so Vibrans. Er will, dass das Mitspracherecht der Gemeinden erhöht wird und dass Ausnahmen möglich sein sollten.

Wenn am 27. August (nach Redaktionsschluss) der Gemeindekirchenrat Möckern zu seiner nächsten Sitzung zusammentritt, wird das Thema Verpachtung ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Auch an anderer Stelle laufen Gespräche, um nach einer einvernehmlichen Lösung zu suchen. Unabhängig vom Ausgang ist schon Schaden angerichtet: Der Ruf der Kirche hat gelitten. Und einen ersten Austritt gab es im Zusammenhang mit der Vergabepraxis des Pachtlandes auch schon.

Mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

Hintergrund: Wie die EKM ihr Land verpachtet

Das Verfahren zur Vergabe kirchlicher Landpachtflächen (PVV) in der EKM ist in einem Beschluss der Landessynode vom 19. November 2011 nachzulesen, der auch im Internet einzusehen ist. Darin heißt es unter anderem zur Pächterauswahl:

Alle eingegangenen Pachtbewerbungen sind mithilfe des vom Landeskirchenamt vorgegebenen Pächter-Punkte-Systems zu bewerten. Dabei gilt es, sechs Kriterien zu bewerten … Die maximal erreichbare Gesamtpunktzahl beträgt 16. Es soll der Bewerber mit den meisten Punkten Pächter werden.

Zuständig für die Durchführung des PVV ist das Kreiskirchenamt (KKA) und zwar unabhängig davon, ob es sich um Kirchenland oder Pfarrland einer Kirchengemeinde oder um Flächen einer Pfarreipfründe handelt, wobei bei Kirchenland das Benehmen mit der Kirchengemeinde herzustellen ist.

Das PVV ist kein öffentliches Ausschreibungsverfahren, sondern ein kirchliches Auswahlverfahren mit begrenztem Teilnehmerkreis. … Es soll im Herbst des Jahres eingeleitet werden, welches der Beendigung des Pachtvertrages vorangeht … Ziel ist der Abschluss eines neuen Pachtvertrages mit Anpassung der Vertragsbedingungen. Abschluss der PVV sollte im darauffolgenden Frühjahr sein …

Gaben mehrere Pachtbewerber die gleiche Punktzahl und ist eine Aufteilung der Pachtflächen nicht möglich oder nicht zweckmäßig, ist nach weiteren wirtschaftlichen, kirchlichen und sozialen Abwägungsgründen ein geeigneter Pächter auszuwählen … Die entsprechenden Entscheidungen trifft der zuständige Kreiskirchenrat: Bisheriger Pächter vor neuem Pächter; Kirchenmitglied vor nicht Kirchenmitglied; evangelisch vor anderer Konfession; näherer Pächter vor fernerem Pächter; höherer Pachtpreis vor niedrigerem Pachtpreis; Haupt­erwerbslandwirt vor Nebenerwerbslandwirt; ökologischer Anbau vor konven­tionellem Anbau.

Stichwort Existenzgefährdung: Es gibt keine definierte Größenordnung im Zusammenhang mit einem Pachtflächenverlust … Verbreitete Auffassung ist eine Verlustquote von mehr als 20 Prozent der Landwirtschaftlichen Nutzfläche. Geringere Verluste können i. d. R. durch ein verändertes Betriebskonzept ausgeglichen werden.

Die frühen Apostel des Kirchenschlagers

25. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträtiert:Drei Liedermacher, die Gottes Wort in moderne Rhythmen packten – als das vielen Christen in Ost und West noch als dämonisch galt

Egal ob vor Christen in der DDR oder vor Häftlingen in einem afrikanischen Gefängnis: Manfred Siebald will Gott loben mit Musik, wie sie die Menschen auch im Radio hören.

Auf die Frage nach einem herausragenden Konzert lacht Manfred Siebald sein herzliches, zurückhaltendes Lachen. Es waren fast 3000 bisher. Aber zwei nennt er dann doch. Zum Kirchentag 1983 in Dresden kamen 2000 Zuhörer. Immer, wenn Siebald ein Lied anstimmte, fingen die Menschen an zu singen. Sie kannten seine Texte, seine Melodien. »Ich hab mich nicht mehr eingekriegt. Woher sollte ich wissen, dass ich in der DDR so bekannt bin.«

Dann 2013, Harare in Simbabwe. Manfred Siebald sitzt inmitten von 2000 Gefangenen im Hauptgefängnis der Stadt. Mit ihnen singt er »Peace be with you« – Friede sei mit dir. »Das geht einem so an die Wäsche, das wird man nicht mehr los«, sagt er.

Manfred Siebald

Manfred Siebald

Siebald erinnert sich, wie er, der als Kind eine klassische Ausbildung auf der Bratsche und Geige erhielt, mit der Folkmusik in Berührung kam. Sie sollte ihn, den späteren Liedermacher, prägen. Es war ein amerikanischer Soldat, der im Haus seiner Eltern ein- und ausging. Eines Tages brachte dieser eine Stereotruhe mit. Und eine Plattensammlung. »Da waren Dingen dabei, die hab ich rauf und runter gehört.« Er wird, eher zufällig, christlicher Liedermacher. In der Jugendarbeit wurden neue Lieder gebraucht und Siebald lieferte. In der Frühzeit christlicher Popmusik war der Wind noch rauer, die Kritik an den neuen Liedern heftig. Auch wenn Manfred Siebald nie zwischen die Fronten geriet, weil er nur mit Gitarre seine Konzerte spielte, sprang er für seine Kollegen, die Beat und Rockmusik machten, in die Bresche. »Ich war und bin der Meinung, dass wir Menschen mit der guten Botschaft dort abholen sollen, wo sie gerade stehen. Und in Radio und TV hören sie nun einmal andere Sachen als die, die Kirchenmusiker abliefern.«

Wenn er komponiert und spielt, dann hat er eine Mission. »Ich mach’ Musik nicht wegen des Applauses, sondern weil ich eine Arbeitsanweisung Gottes in der Bibel lese: Ich will den Herrn loben mein Leben lang.«

Manfred Siebald

Sein Leben:

Geboren 26. Oktober 1948 in Alheim-Baumbach (Hessen)

Studium der Germanistik und Anglistik in Marburg

Dissertation über den Schriftsteller Herman Melleville

2002–2012 Professor für Amerikanistik in Mainz

2008 Bundesverdienstkreuz am Bande

Seine bekanntesten Lieder:

»Ins Wasser fällt ein Stein«

»Jesus, zu dir kann ich so kommen wie ich bin«

»Gut, dass wir einander haben«

»Es geht ohne Gott in die Dunkelheit«

»Geh unter der Gnade«. Foto: Buttgereit und Heidenreich



Siegfried Fietz verband den Glauben mit dem Beat, als das vielen Christen noch als dämonisch galt. Dann suchte er den Pakt mit der Plattenindustrie – doch berühmt wurde er mit Bonhoeffer.

Immer wieder sagt Siegfried Fietz einen Satz: »Ich bin dankbar.« Dankbar ist er vor allem für seinen größten Hit, die Vertonung des Bonhoeffer-Gedichts »Von guten Mächten wunderbar geborgen«.

Dessen weite Verbreitung ist für ihn ein Phänomen. »Das kann man nicht vorhersehen und sich auch nicht mit der besten Werbestrategie ausdenken.« Auch wenn die Kritik auf das Album damals heftig war. Eine katholische Kirchenzeitung schrieb: »Fietz – von guten Mächten verlassen.«

Siegfried Fietz

Siegfried Fietz

Heftig war auch die Kritik auf seine ersten Gehversuche als christlicher Popmusiker mit dem »Fietz-Team«, einer Beat-Combo. »Die Leute mochten zwar Blasmusik, die noch lauter war als das, was wir sonst machten. Aber ein Schlagzeug wurde abgelehnt. Das galt als dämonisch. Dabei wollten wir nur mit ehrlichem und heißem Herzen dem Herrn dienen«, erinnert er sich.

Irgendwann in den 1970er Jahren, Siegfried Fietz hatte sich als Produzent (unter anderem von Manfred Siebald) und Komponist längst einen Namen gemacht, wird aus ihm Manuel Thaler. Er wollte seine christlichen Lieder gerne in die große Öffentlichkeit bringen und ließ sich auf einen Handel mit der internationalen Plattenfirma CBS ein. Die Bosse aber sagten: »So können wir das nicht machen. Wir müssen erst einmal etwas Neutrales bringen.«

Aus Fietz wird Thaler und er singt Lieder wie »Jeder Sonnenstrahl ist ein Versprechen« oder »Ein Rucksack und ein Knotenstock«. Er ließ das Experiment schnell sein und gründete mit seiner Frau Barbara seinen eigenen Plattenverlag: Abakus. Vielleicht hätte es für den säkularen Popmarkt mehr Ellenbogen gebraucht. Aber Ellenbogen und christliche Botschaft passen für Fietz nicht so recht zusammen.

Siegfried Fietz, der schon mit allen Größen der christlichen Szene zusammenarbeitete, mit einem Astronauten der Apollo 15 Mission und dem Royal Philharmonic Orchestra London eine »Space Symphonie« einspielte und gut 3500 Lieder geschrieben hat, ist vor allem ein Ereignis im Gedächtnis geblieben. Ein Zahnarzt in Hormersdorf im Erzgebirge hatte in den 1970er Jahren sein »Paulus-Oratorium« gehört. Und nach und nach die Noten dazu aufgeschrieben: Chor, Sologesang und Orchester. Nach Gehör. Seitdem wurde das Stück mehr als 150 Mal aufgeführt.

Auch dafür ist er dankbar. »Hör mal«, sagt Siegfried Fietz: »Mir geht’s doch nur darum, mit heißem Herzen dabei zu sein.«

Siegfried Fietz

Sein Leben:

Geboren 25. Mai 1946 in Berleburg (Nordrhein-Westfalen)

Vorreiter christlicher Popmusik im deutschsprachigen Raum

Gründer des christlichen Musikverlages Abakus

1986–1996 Leiter der Sendung »Lieder zwischen Himmel und Erde« beim Hessischen Rundfunk

zuletzt auch aktiv als bildender Künstler

Seine bekanntesten Alben:

»Von guten Mächten wunderbar geborgen«

»Manchmal brauchst du einen Engel«

»Spuren im Sand«

»Paulus-Oratorium«. Foto: Abakus Musik



Jörg Swoboda will den Menschen eine geheiligte Respektlosigkeit gegenüber menschlichen Autoritäten ins Herz singen – das war in der DDR so, und der konservative Liedermacher tut es auch heute.

Ein Hotel am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Ost, 1987. Theo Lehmann, Jörg Swoboda, Ulrich Parzany und andere sitzen zusammen und sprechen über das Christival, einen Jugendkongress in der BRD, der im Folgejahr in Nürnberg stattfinden soll. Parzany ist konsterniert. Ihm fehlt noch eine Festivalhymne. »Ich hab da was«, sagt Jörg Swoboda. »Aber ihr müsst mit in mein Auto.« Die Mannschaft zwängt sich in Swobodas Wagen, eine Kassette wird eingeschoben. Aus den Lautsprechern klingt »Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt«. Parzany ist begeistert. Das Lied eines Ostdeutschen wird der Schlager von Nürnberg.

Als Swoboda fast noch ein Kind war, fand er immer wieder Zettel mit Sprüchen auf dem Küchentisch – Sinnsprüche seiner Mutter, die ihr bei der Hausarbeit einfielen. Er vertonte sie. Langsam wächst er hinein in die Existenz eines Liedermachers: Ein künstlerischer Beitrag in der Schule hier, der Wunsch nach neuen Liedern in der Jugendarbeit dort. »Mensch Jörg, mach mal ein Lied.« Und Jörg machte.

Jörg Swoboda

Jörg Swoboda

Dreh- und Angelpunkt wurde die offene Jugendarbeit der Baptisten in Berlin-Köpenick. »Da gab es die Gammler, die Outlaws der DDR. Die haben wir eingeladen und sie kamen. Mit Kippen und Kofferradio. Bald hatten wir einen akustischen Machtkampf: Wer ist hier der Platzhirsch?«, erinnert sich Swoboda. Verstärker mussten her. Die erste große Bewährungsprobe für seine Lieder.

Andere Gemeinden werden auf ihn aufmerksam, seine Melodien landen in Büchern, wehen über die Mauer und werden – dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs – gesungen. Im Westen taucht sein Name unter den Liedern nicht auf. »Aus der DDR« steht dort.

Swoboda spricht Klartext. Damals, als ein klares Wort Repressionen bedeutete. Und heute, wo er, der viele Texte Theo Lehmanns vertonte, mit seiner konservativen Haltung wieder aneckt. »Das Bibelwort muss die Messlatte sein«, sagt er. »Sonst geben wir doch alle Maßstäbe preis.«

Er ist sich sicher, dass auch seine Lieder in der Vorwendezeit ihren Beitrag leisteten. »Eine geheiligte Respektlosigkeit gegenüber jeder menschlichen Autorität ins Herz der Menschen zu singen, ist eine wichtige Aufgabe. Früher wie heute.«

Jörg Swoboda

Sein Leben:

Geboren 5. Januar 1947 in Berlin

Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden

1967–1971 Theologische Ausbildung in Buckow

Vikariat in Lichtenstein (Sachsen)

1973–1981 Jugendpastor des Evangelisch-Freikirchlichen Gemeindebundes in der DDR

zusammen mit Theo Lehmann Autor zahlreicher Lieder

Seine bekanntesten Lieder:

»Herzen, die kalt sind wie Hartgeld«

»Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt«

»Wer Gott folgt, riskiert seine Träume«. Foto: privat

Stefan Körner


Einander ähnlich und doch verschieden

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Die Zwillingsbrüder Hans-Jörg und Roland Rosenstock haben gemeinsam ein Buch geschrieben

Sie sind Zwillingsbrüder, beide Theologen, ihre Biografien ähneln sich, die persönliche Entwicklung verläuft parallel – und doch unterscheiden sie sich.

Hans-Jörg und Roland Rosenstock, die Zwillinge sind 1966 in Bielefeld geboren. An ihre Mutter haben sie keine Erinnerung. Sie stirbt, als die Jungen drei Jahre alt sind. »Der frühe Tod unserer Mutter hat eine zentrale Bedeutung für uns«, sagt Roland. Durch diese Erfahrung werden die Kinder früh mit den existenziellen Fragen nach dem Tod und wie es danach weitergeht konfrontiert. Sie wachsen mit diesen Themen auf.

Der Vater, der von Beruf Schrift­setzermeister war, vermittelte seinen Söhnen einen christlichen Glauben, der auch durch Krisen hindurch trägt. Dieser Glaube habe ihn sehr berührt, schildert Hans-Jörg. Als Geschäftsmann »war der Vater es gewohnt, im Leben zu bestehen«. Daneben gab es für ihn die andere Dimension, die des Glaubens. Wann immer es ihm möglich war, ist er zum Gottesdienst gegangen. Es sei zu spüren gewesen, dass ihm Glaube und Kirche viel bedeuten. Durch den frühen Tod seiner Frau habe sein Leben einen Bruch erlitten, »mit dem er aber dann gelebt hat«. Er habe nicht gefragt, warum Gott das zulässt. »Er hat an seinem Glauben festgehalten. Das hat mich tief beeindruckt.«

»Prägend ist für beide die evangelische Jugendarbeit«

»Wir waren in einer Situation, dass wir als Kinder viel bearbeiten mussten«, ergänzt Roland im Blick auf den frühen Verlust der Mutter. »Wir waren beide keine guten Schüler.« Sie lernen auf der Realschule, an Gymnasium ist nicht zu denken. »Wenn Sie mit unserer damaligen Englisch- oder Französischlehrerin sprechen würden, sie hielten es für ausgeschlossen, dass wir mal Griechisch, Latein und Hebräisch lernen.«

Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht, Engagement in kirchlichen Kinder- und Jugendgruppen. Glauben. Es gibt nicht den Moment, an dem er beginnt, er entwickelt sich bei beiden in einem längeren Prozess. »Es war von Anfang an eine Auseinandersetzung mit den schwierigen Erfahrungen«, resümiert Roland. Im Leben des Vaters ist alles anders gekommen als gedacht, durch den frühen Tod seiner Frau ändern sich dessen Pläne. Doch die Kinder nehmen auch wahr, wie ihr Vater diesen Bruch akzeptiert, sie erleben, dass es möglich ist, diese schwierigen Erfahrungen zu bewältigen. »Ich glaube, dass Religion genau diese Kompetenz vermittelt«, sagt Roland. Das Erlebnis von Gemeinschaft sei in der Auseinandersetzung für sie sehr wichtig gewesen.

Roland Rosenstock. Foto: privat

Roland Rosenstock. Foto: privat

Ihr Vater legte Wert darauf, dass die Zwillinge immer gleich angezogen waren. Solange sie klein sind, verlaufen ihre Wege parallel. In der Pubertät ändert sich das. Nachdem die Jungen aufs Gymnasium gewechselt sind, wird der Drang, sich vom anderen zu unterscheiden, der Wunsch, den eigenen Weg zu gehen, stark. »Das ist dann in der Oberstufe auch geschehen.«

Prägend ist für beide die evangelische Jugendarbeit. Sie hilft den Heranwachsenden, mit den schwierigen Erfahrungen fertigzuwerden, ihre eigene Persönlichkeit zu finden, Stärke zu entwickeln. Die Begegnung mit glaubwürdigen Christen, unter dem Sternenhimmel am Lagerfeuer gemeinsam mit anderen Menschen zu beten und zu singen – das sind für die Jugendlichen unvergessliche Eindrücke. Ihre schulischen Leistungen verbessern sich. Dass die Brüder einen solchen Entwicklungssprung machen konnten, führen sie auf die kirchliche Jugendarbeit zurück. »Sie hat uns geholfen, zu uns zu finden, weil sie uns etwas zugetraut hat. Sie hat uns auch zugetraut, Fehler zu machen.«

Hans-Jörg Rosenstock. Foto: privat

Hans-Jörg Rosenstock. Foto: privat

Roland ist der erste, der in Bethel mit dem Theologiestudium beginnt. Hans-Jörg will nach dem Zivildienst die Jugendarbeit zu seinem Beruf machen. Doch beim Einstellungsgespräch für die Diakonenausbildung werden die Weichen anders gestellt. Ihm wird geraten, Theologie zu studieren, weil aus der Unterhaltung zu schließen sei, dass der richtige Beruf für ihn Pfarrer sei. Hans-Jörg befolgt diesen Rat und sagt heute: »Ein wunderbarer Beruf, in dem ich sehr glücklich bin.«

Sie studieren beide Theologie, aber jeder geht seinen eigenen Weg, es gibt während der Studienzeit kaum Berührungspunkte.

An eine Karriere als Theologieprofessor habe er nicht gedacht, sagt Roland. »Ich wollte nicht Professor, also kein Wissenschaftler werden.« Stattdessen kann er sich vorstellen, als Krankenhausseelsorger zu arbeiten, weil ihn die Verbindung zwischen Psychologie und Theologie sehr interessiert. »Professor zu werden, das war nicht im Plan. Das ist erst viel, viel später gekommen – durch Professoren, die mich gefördert haben.«

Während Hans-Jörg sich am wohlsten in den heimatlichen Gefilden fühlt, zieht es Roland ins osteuropäische Ausland: Slowakei, Russland, Ostdeutschland. »Das hat mich mehr interessiert als Amerika oder Frankreich.« Ein Studentenaustausch führt ihn nach Greifswald. Hier erlebt er das Ende der DDR, die Wende bis zur Währungsunion. An diesem Punkt, so Roland, unterscheiden sich die Biografien der Zwillinge wesentlich. Die Erfahrungen als Theologiestudent in Greifswald sind für Roland ausschlaggebend, schließlich hier zu bleiben.

Hans-Jörg ist Gemeindepfarrer in Gütersloh. Roland ist Theologieprofessor. Beide sind verheiratet, Hans-Jörg hat zwei Kinder im Alter von 10 und 16 Jahren, Roland drei im Alter zwischen 11 und 15. Als Theologen haben sie unterschiedliche Schwerpunkte. Roland interessiert sich mehr für das Neue Testament, Hans-Jörg ist dem Alten Testament sehr zugetan. Versöhnung und Vergebung seien für ihn zentrale Gedanken, so Roland. Sein Bruder orientiert sich an der prophetischen Tradition, ihn beschäftigen Themen wie Gerechtigkeit, Kinder-und Jugendarmut. Nachdem sich die Zwillingsbrüder in den zurückliegenden Jahren – beruflich und familiär bedingt – nur selten begegneten, haben sie jetzt gemeinsam ein Buch geschrieben, einen Leitfaden zum Lesen der Bibel.

Sabine Kuschel

Dazu lesen Sie in unserer nächsten Ausgabe ein Interview mit den Zwillingsbrüdern.

Ermutigung zum Fliegen

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Würdigung: Mann des Wortes und Vordenker – der ostdeutsche Theologe Heino Falcke wird 85 Jahre

Falken nisten gerne auf Kirchtürmen. Sie haben schon aufgrund der Augenstellung einen extrem weiten Rundblick; ihre Anatomie ist auf den aktiven Flug hin ausgerichtet. Vielleicht gilt dies auch für Heino Falcke, der vielen Christen in der DDR zum Ermutiger wurde.

Heino Falcke erinnert sich: »Als uns 1980 Roger Schutz aus Taizé besuchte, kam es auf dem Domberg in Erfurt zu folgender Szene: Wir standen als Leiter des Gottesdienstes oben vor dem Dom, da löste sich aus der Gemeinde zu Füßen der Domstufen ein kleiner Junge und stieg ganz alleine vor allen die Treppen hinauf. Wir hielten den Atem an. Das war ein wunderbares Symbol für uns Christen in der DDR – sich zu wagen, alleine aus der Menge heraus seinen Weg zu gehen.«

Nicht zufällig ist dem ökumenisch weitblickenden Heino Falcke die Spiritualität von Taizé nahe. Und nicht zufällig ist das Kind auf der Treppe auch ein gutes Bild für Falckes Lebensleistung: die Ermutigung zu eigenen Schritten. Der Mann mit der prägnanten viereckigen Brille und dem weißen Haarkranz wird am 12. Mai 85 Jahre alt. »Ich bin ein Mann des Wortes«, meint Falcke von sich, »nicht so sehr begabt in Aktionen.« Seine Worte boten vielen jedoch Auftrieb für den aktiven Flug. »Prediger des Protestes« wurde der ostdeutsche Theologe genannt, »Mahner«, »Vordenker« der friedlichen Revolution.

Ja, Heino Falcke besitzt die Gabe des messerscharfen Wortes, doch seine Stimme ist leise und reibt angenehm, wenn er berichtet, was ihn prägte. Im ehemaligen Westpreußen geboren und in Königsberg aufgewachsen, erlebte er in seinem bildungsbürgerlichen Elternhaus Nationalgefühl und preußisches Soldatenethos und als Flakhelfer die Luftangriffe der britischen Flieger auf die Stadt. Im Januar 1945 floh die Familie über die Ostsee. In einer »Jungen Gemeinde« wurde Falcke, der sich bis dahin als distanzierten Christen beschreibt, durch einen Jugendpfarrer für den Glauben begeistert: »Er war stark durch Bonhoeffer geprägt; seine Art Christ zu sein, das war authentisch, aus einem Guss.«

Aufruf zum Christsein im Hier und Jetzt

Darauf folgte das Theologiestudium in Berlin, Göttingen und in Basel bei Karl Barth, dem großen Theologen der Bekennenden Kirche, Promotion und Habilitation in Rostock, später eine Pfarrstelle in Wegeleben am Harz. Von 1973 bis 1994 war Falcke Propst der Kirchenprovinz Sachsen in Erfurt. Diese Stelle als »kirchenleitender Libero« sei ihm auf den Leib geschneidert, »Propst Falcke« wurde zur Instanz.

Grenzübergreifende Erfahrungen prädestinieren für Grenzen übergreifendes Denken. Falckes Rede »Christus befreit – darum Kirche für andere«, gehalten 1972 vor der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, rief die Christen zum Engagement im Hier und Jetzt auf, für eine verbesserliche Kirche in einem »verbesserlichen Sozialismus«.

Die Rede wurde von Kirchenleuten kontrovers diskutiert, der Staat reagierte wie üblich gekränkt. Falcke aber wurde zum wichtigen Sprecher der Friedensbewegung in der DDR, zu einer der treibenden Kräfte des ökumenischen »Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«. Der Erfurter Propst beflügelte die sich bildenden Friedens- und Umweltgruppen. Freiheit, Frieden, Umwelt, Ökumene und der Ruf nach christlich-authentischem Leben blieben Falckes Lebensthemen. Als 2011 Papst Benedikt XVI. in die Erfurter Lutherstätte Augustinerkloster einzog, da kamen dem evangelischen Theologen die Tränen. Der Akt selbst erfüllte für einen Moment die ökumenischen Hoffnungen; was der Papst dann zur Ökumene sagte, fand Falcke enttäuschend.

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die evangelische Kirche sieht er heute als eine unter vielen Stimmen der Zivilgesellschaft. Hier sollte sie ihre Positionen stärker profiliert ins Gespräch einbringen und sich nicht als Moderator oder Konsens-Sucher gebärden. »Wir stehen vor notwendigen, tiefgreifenden Korrekturen im Kapitalismus; das ist eine enorme Herausforderung für die Kirchen unterhalb des Politischen«, sagt Falcke. »Wir sollten gegen den Mainstream hoffen – und nicht auf die Weltrevolution. Das geht nur, indem wir als Gemeinde exemplarisch leben und die Korrekturen im Selbstverständnis und in der Lebensweise der Menschen ansetzen lassen und bewirken.«

Verbesserlicher Markt und unverbesserlicher Kapitalismus

»Ich möchte noch etwas präzisieren«, sagt Heino Falcke später am Telefon. »zur Frage nach dem verbesserlichen Kapitalismus. Ich möchte unterscheiden zwischen Kapitalismus und Markt. Der Kapitalismus, mit dem Ziel der Kapitalvermehrung, ist überhaupt nicht verbesserlich, aber der Markt mit freiem Wettbewerb ist verbesserlich. Er bedarf des politischen Rahmens, der ihn in den Dienst des Gemeinwohls zwingt.« Eigene Schritte sind gefragt.

Rechts neben Falckes Hauseingang steht ein relativ neues, rotes Graffiti auf dem Putz: »Wir bleiben alle!«. Jawohl. Heino Falcke lehrt uns Zähigkeit, Genauigkeit und Geduld, die zum Wandel nötig sind. Wir werden sie brauchen.

Jürgen Reifarth

Hinweis:
Am 14. Mai wird anlässlich des 85. Geburtstages von Dr. Heino Falcke zu einem Symposium in das Erfurter Collegium maius (Landeskirchenamt) eingeladen. Beginn der Veranstaltung unter dem Titel »Gemeinde neu denken« ist um 16 Uhr.

Jesus befreit – das ist das Wunderbare

2. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Rüdiger Borchardt – das 85-jährige Urgestein der Thüringer Suchtkrankenarbeit ist bis heute im Einsatz für Alkoholkranke

Das aktuelle »Jahrbuch Sucht« hat es gerade wieder gezeigt: Alkohol ist und bleibt die Droge Nummer 1 in Deutschland (siehe unten). Einer, der seit Jahrzehnten um die Probleme und um Wege der Hilfe weiß, ist Rüdiger Borchardt.

Ende März wurde die kleine Tamina geboren. Sie ist sein sechstes Urenkelchen. Liebevoll betrachtet Rüdiger Borchardt, der in seinem Leben unzählige Alkoholiker betreute, das Foto der neuen Erdenbürgerin. »Wir sind dankbar, dass du uns ein Wegweiser auf unserem Glaubensweg bist«, ist auf einer Osterkarte von Christine und Michael aus Chemnitz zu lesen. »Na – das ist doch schön«, meint der 85-Jährige und zeigt auf seine Schätze: eine deutlich abgegriffene Bibel im Ledereinband, ein Büchlein mit Losungen und Bibelversen und sein Gebetsbuch. »Hier stehen alle drin, für die ich täglich bete.«

Die Hände zu falten ist für ihn ungeheuer wichtig. »Wir denken immer, wir können alles, dabei sind wir arme Sünder«, sagt er. Das Foto eines in Paraguay tätigen Freundes fällt ihm in die Hände. »Für die Mission bete ich auch. Bei uns zu Hause wurde viel gebetet.« Mit sieben Jahren hat er bereits in der heimischen Küche gepredigt. »Ich bin auf eine Fußbank geklettert und los ging es.« Zeit seines bewegten Lebens war ihm das Predigen immer ungeheuer wichtig. »Ich bin dankbar, dass ich mithelfen durfte, die Frohe Botschaft weiterzugeben«, meint er schlicht.

Rüdiger Borchardt – Zeit seines Lebens gehört seine Aufmerksamkeit den schwachen, insbesondere den Alkoholkranken. Foto: Anett Recknagel

Rüdiger Borchardt – Zeit seines Lebens gehört seine Aufmerksamkeit den schwachen, insbesondere den Alkoholkranken. Foto: Anett Recknagel

Sein Lieblingsspruch steht im Römerbrief und lautet: »Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.« – »Darauf habe ich mich mein ganzes Leben verlassen«, sagt er. »Jedes Mal, wenn ein Alkoholiker zu mir kam, wusste ich vorher nicht, was ich ihm sagen sollte – Gott hat mir immer die rechten Worte geschenkt.«
In der englischen Kriegsgefangenschaft fand der im westpommerschen Treptow an der Rega, heute Trzebiatów, als Sohn eines Bäckermeisters geborene Rüdiger Borchardt zum Glauben. Dort lernte er als 17-Jähriger gläubige Männer kennen, die Andachten hielten. Er schloss sich ihnen an und begann, für seine Mutter zu beten. Gott erhörte ihn – die Mutter war am Leben. Über das Rote Kreuz fand er zu ihr nach Königsee. Es dauerte nicht lange, bis er dort in der Jungen Gemeinde mitarbeitete.

Anfang der 1950er Jahre zog es Rüdiger Borchardt in den Westen. In Heidenheim engagierte er sich in der christlichen Jugendarbeit und leitete seine erste Freizeit. Schon frühzeitig entschloss sich Rüdiger Borchardt, enthaltsam zu leben. Als in Heidenheim ein Blaukreuzverein gegründet wurde, stand für ihn sofort fest, darin mitzuarbeiten.

Wieder zurück im thüringischen Königsee lag der Schritt, Alkoholiker zu Hause zu besuchen, nahe. Das war der Beginn einer lebenslangen Aufgabe. Als Mitglied der in der ehemaligen DDR existierenden Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr von Suchtkrankheiten (AGAS) setzte er in Jena seine Tätigkeit in der Trinkerrettungsarbeit fort. Dort war er im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen über zehn Jahre Landesbeauftragter für Suchtgefahren. Seine »Klienten« fand er in allen Bevölkerungsgruppen. Ob Ärzte, Parteisekretäre, einfache Arbeiter oder Lehrer – Rüdiger Borchardt schickte nie jemanden weg. »Selbst wenn Honecker gekommen wäre, hätte ich geholfen«, sagt er rückblickend. Dieter Nix fand er in Jena auf einer Müllkippe. Bis heute gehört er jährlich zu den ersten Geburtstagsgratulanten.

Viele Menschen hätten die Mitarbeiter der AGAS darum beneidet, dass gerade in dieser Organisation so viele Trinker dem Alkohol entsagten. »Eine Kur wurde nicht gebraucht – allein der Glaube an Jesus Christus zählte«, so Borchardt. Bei den ersten Gesprächen behaupteten die meisten von sich, nicht abhängig zu sein. Rüdiger Borchardt öffnete ihnen trotzdem die Tür, bat sie mit einem freundlichen »wir werden sehen« herein. Im Laufe des Gespräches begannen den Betroffenen dann die Hände zu zittern. Eine große Tasse mit Kaffee half.

»Viele waren von diesem Angenommensein überwältigt«, erinnert sich Borchardt. Und fügt hinzu: »Es gibt keine hoffnungslosen Alkoholiker – Jesus kann helfen.« Das war zudem die Aufschrift eines Stempels – »unserem Traktat«, wie Borchardt erzählt. Er zierte zu DDR-Zeiten viele Briefe und wurde nicht verboten. »Viele Abhängige haben die Liebe Gottes erfahren, sind zur Beichte gegangen und haben danach ihr Leben geordnet.«

Ein Oberarzt der Jenaer Universitätsklinik hatte in den 70er Jahren einmal zu ihm gesagt: »Alle meine Patienten gehören zu Ihnen, nicht zu mir.« Daran erinnert sich Borchardt immer wieder gern. Alkoholiker sind für ihn Perlen, die ihren Glanz verloren haben. Durch die Liebe Gottes leuchten jetzt viele wieder, sagt er, als wäre es die leichteste Sache der Welt.

Als die Familie im Mai 1989 nach Steinbach-Hallenberg übersiedelte, lagen neun Jahren im mecklenburgischen Linstow hinter ihr. Dort wohnten sie gemeinsam mit zwölf alkoholabhängigen Männern in einem ehemaligen Pfarrhaus. In Steinbach-Hallenberg suchte man seinerzeit einen Mitarbeiter im Suchtbereich. Rüdiger Borchardt war der Richtige. Kaum in der Kleinstadt angekommen, rief er hier eine Blaukreuzgruppe ins Leben.

»Bei Gott gibt es immer einen Ausweg – Jesus befreit, das ist das Wunderbare«, sagt der Mann, dessen Haar längst weiß geworden ist. Trotzdem strahlt er eine große Ruhe und Zufriedenheit aus. »Ich könnte auch Trübsal blasen, das liegt mir aber nicht, weil ich immer wieder neu sehe, wie Gott am Wirken ist«, sagt der tiefgläubige Christ und lächelt. In seinem Leben gebe es keine Zeit, an die er sich nicht gerne erinnere. Besonders froh ist er, erleben zu können, wie die von ihm begonnene Arbeit heute von vielen wertvollen Menschen fortgeführt werde. Seinen Weg mit Jesus gegangen zu sein, hat er nie bereut. Auch auf seine vier Kinder konnte er das übertragen. Und so ist Rüdiger Borchardt dankbar für die zurückliegende Zeit, für seine Familie, seine Kinder, seine Enkel und Urenkel.

Annett Recknagel

Am 4. Mai, Saalfeld, Treffen des Landesverbandes »Blaues Kreuz« Thüringen

Einer wie nur wenige

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Biografie: Der evangelische Pfarrer Christoph Wonneberger hat maßgeblich den Boden für die friedliche Revolution 1989 bereitet

Die Revolution vergisst oft ihre Väter, nicht alle, aber einen auf jeden Fall – Christoph Wonneberger, Jahrgang 1944. Seine Biografie hat Thomas Mayer geschrieben.

Vergessen ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn ein gar nicht so kleiner Kreis von Freunden und Weggefährten vermag sich kaum vorzustellen, dass irgendjemand ihn – »Wonni« – nicht kennt. Wo er doch an so vielen Aktionen beteiligt war und manche erst angeregt und praktisch durchgesetzt hatte. Die Forderung nach einem Wehrersatzdienst als »Sozialen Friedensdienst« (SoFd) war weit mehr als eine die Armee betreffende freche Idee, stellte sie doch die Ermächtigungsgewalt des Staates über seine Bürger an einem brisanten Punkt infrage. Eine neue Biografie von Thomas Mayer erzählt das spannende Leben – zum Beispiel wie Christoph Wonneberger bei der Diskussion über den Wortlaut der Erklärung zum SoFd noch den Satz hineinschreiben wollte, dass die DDR nicht verteidigungswürdig sei. Sein Anteil an den Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen wird im Buch ausführlich beschrieben. Seine ideenreiche Handlungsfrechheit zeigt sich immer wieder im Detail: So stieg er beispielsweise einmal ausgerechnet bei den sowjetischen Truppen über den Zaun, um sich ein Stück Stacheldraht zu besorgen, das er dem Gekreuzigten in der Kirche zu Ostern um den Hals legen wollte. Symbolisches und praktisch aufklärerisches Handeln finden bei ihm in ungewöhnlicher Symbiose zusammen.

Wie kommt Geschichte in die Köpfe?

Dennoch fehlt den meisten ehemaligen DDR-Bürgern (und der jüngeren Generation sowieso) jede Erinnerung an Christoph Wonneberger. Wie kommen Geschichten in die Köpfe von Menschen, und wie werden sie dort zu erinnerter Geschichte? Zum Beispiel durch eine nah am Menschen erzählte Ereigniskette wie in diesem Buch. Geschichte wird ja nie als Gesamtheit wahrgenommen, sondern in lauter einzelnen Partikeln, Ereignisstücken, die sich mit dem schon Gekannten zum Verstehbaren, Nachfühlbaren verknüpfen. Dazu helfen eigentlich nur Biografien: als Knotenpunkte, in denen die Großkonflikte sich mit dem menschlichen Handeln Einzelner berühren.

Diese Biografie macht neugierig auf den Menschen Christoph Wonneberger, der durch sein Handeln den Geschichtsverlauf aktiv mitgestaltete. Der hier Porträtierte suchte vielfältige Kontakte, die nicht jeder DDR-Bürger zu den seinen zählen konnte – vor allem nach Polen und der Tschechoslowakei. Zum Beispiel fotografierte er 1968 in Prag sowjetische Panzer und schmuggelte Flugblätter über die Grenze. Das Strafmaß für Wonnebergers politische Aktionen in seinem DDR-Leben hätte nach den politischen Paragrafen des Staates wohl mehr als lebenslänglich ergeben, wäre er gefasst worden. Seine Kühnheit verwandelte sich manchmal zur Tollkühnheit: Als Student in Rostock stahl er zum Beispiel eine Antenne vom Dach einer staatlichen Einrichtung, um besser Westrundfunk hören zu können.

Diese Art der »Kleinkriminalität« berührt durchaus politisches Protesthandeln. Für Wonneberger hatte der Antennenklau Folgen: Die Staatssicherheit baute aufwendig und perfide ein Druckszenario gegen ihn auf, um ihn anzuwerben. Und Wonneberger unterschreibt – die kurze IM-Geschichte wird im Buch genau beschrieben, und es zeigt sich, dass wir es eigentlich mit der Geschichte einer verweigerten Kooperation zu tun haben. Wonnebergers Ausstieg aus der erpressten Zusammenarbeit ist offensiv und tollkühn – er lehnt nicht nur weitere Gespräche für sich, sondern solche zwischen SED-Staat und Kirche generell ab. Und beruft sich auf den Westberliner Bischof Kurt Scharf. An dieser Stelle waren die Rostocker Genossen offenbar nicht genau informiert, sie hätten das als Ankündigung staatsfeindlicher Tätigkeit mit mehr als der künftigen Überwachung Christoph Wonnebergers ahnden können.

Natürlich war die DDR auch ein Überwachungsstaat, aber noch mehr einer, in dem die Stasi jedes staatliche Organ für seine Zersetzungsmaßnahmen nutzen, jede gesellschaftliche Informationsquelle anzapfen und damit missbrauchen konnte. So wurde Wonneberger in die Universität eingeladen – und die Stasi saß da. Zahlreiche Informanten werden später auf ihn angesetzt – mit teilweise perfiden Plänen, sich in das Vertrauen der Familie einzuschleichen. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, solche MfS-Akten zusammenhängend auswerten zu können, um nicht auf isoliert dargebotene Seiten hereinzufallen.

Als Bürgerrechtler im Spätherbst 1989 in den Stasi-Objekten Akten sichern wollten, sollen Seiten der Wonneberger-Akte schon bereitgelegen haben, mehrfach kopiert. Eigens hingelegt für die Besetzer? Damit sich die Zersetzungsmaßnahmen auch nach dem absehbaren Ende der Stasi durch bruchstückhafte Informationsübermittlung fortsetzen? Lücken lassen Raum für Zweifel.

Egal, was man tut, Gewalt verändert den Menschen

Als Wonneberger seine Geschichte vor einer größeren Öffentlichkeit hätte reflektieren können, traf ihn seine tragische Erkrankung. Er hatte wortwörtlich seine Sprache verloren. Und jeder schämt sich wohl auch der eigenen Angst, selbst dann, wenn er sie überwinden konnte. Das ist Wonneberger sehr schnell nach seiner fatalen Unterschrift gelungen: die Angst zu überwinden.

Sein rascher und konsequenter Ausstieg zeigt über die einzelne Lebensgeschichte hinaus, was in der DDR an Widerstand möglich war. Wonnebergers Weggefährte, wie er evangelischer Pfarrer und heutiger Landesbeauftragter in Thüringen, Christian Dietrich, wies mich noch auf einen besonderen Zusammenhang hin: Aus dem Bewusstsein, im Vorhof möglicher Schuld gestanden zu haben, kann eine Quelle größerer Radikalitätsbereitschaft werden. Ein Zitat von Dietrich scheint mir sehr erhellend: »In meinen Erinnerungen an Christoph Wonneberger vor seinem Schlaganfall ist er risikofreudig – Bedenkenträger belächelnd und ignorierend – als hätte er gerade bei ihnen eine Rechnung offen und zugleich mit einer fast mystischen Weisheit, um die eigenen Grenzen wissend […] Für mich ist der Anfang seiner Rede im Friedensgebet am 25. 9. 89 dafür ein Schlüsseltext: Egal was man tut, Gewalt verändert den Menschen. Offenbar kannte er die Verletzung der eigenen Integrität, ja, des Ich-Verlustes durch Gewalt. Wie kommt man in der allgemeinen Finsternis ans Licht? Für Christoph Wonneberger waren es kleine, aber außergewöhnlich bewegende Gesten, gepaart mit Ironie, manchmal aber auch Beharrlichkeit und Über-Mut.«

Die jahrelange Vorarbeit wird kaum beachtet

Die Geschichte erscheint vielen als ein Netz, das über ihnen gestrickt wird – zu hoch, um es zu erreichen. Am 25. September 1989 geschah der Sprung nach oben – in die Öffentlichkeit außerhalb von Kirchen- oder Wohnungsmauern. Das Netz zerriss: Tausende gingen nach einer furiosen Predigt Christoph Wonnebergers auf die Straße und sahen sich plötzlich als Akteure. Vielleicht war das die schönste Zeit, nicht mehr einzeln zu sein und doch noch nicht in der Masse aufzugehen – die Zeit der entstehenden Großdemonstrationen wie auch am 7. Oktober 1989 in Plauen, als sich auf einmal ohne jahrelange Vorarbeit eine Massendemonstration mit über 10 000 Menschen selbstbewusst dem Rathaus näherte.

Christoph Wonneberger hat nicht nur diese furiose Rede gehalten. Er hat mit und neben anderen Bürgerrechtlern und Menschen, die erst in jenen Tagen zu solchen wurden, eine praktische, protestorganisierende Arbeit geleistet. Bei allem Befeiern der friedlichen Revolution gerät diese jahrelange Vorarbeit zu kurz. Aber ohne die Friedensgebete wäre die spezifische Protestkultur Leipziger Art schwer möglich gewesen.

Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Noch vor dem entscheidenden 9. Oktober 1989 verfasste er mit anderen Vertretern der unabhängigen Gruppen einen Aufruf zur Gewaltlosigkeit, der als Flugblatt bei der Demonstration tausendfach verteilt worden ist. Und nicht nur das – der Aufruf erschien am 9. Oktober in der Westberliner »taz«.

Und nicht erst hier kamen westdeutsche Medien ins Spiel, die oft in West-Berlin ansässig waren und manchmal mit Redakteuren arbeiteten, die selbst aus der Bürgerrechtszene stammten. Wie oft wurde die taz-Meldung am 9. Oktober 1989 zitiert? Ich kann mich erinnern, sie im Rundfunk gehört zu haben. Wie viele Leipziger haben sie im RIAS oder im Deutschlandfunk vernommen?

Am 9. Oktober 1989 schmuggelten zwei Berliner Bürgerrechtler die Filmaufnahmen von der wichtigsten Demonstration in der Geschichte der DDR zu den Westmedien – ein spannender und riskanter Vorgang, der so erfolgreich endete wie die Montagsdemo: mit der Ausstrahlung der historischen Aufnahmen in den Tagesthemen.

Ein Telefoninterview als kleine Sensation

Und Christoph Wonneberger gab live ein Telefoninterview, mehr war technisch noch nicht drin. Er gab an jenem Abend den Demonstranten von Leipzig eine Stimme und ein Gesicht, wenn es auch nur per Foto eingeblendet werden konnte. Er hat nichts Sensationelles gesagt, aber diese Nachrichten selbst waren eine Sensation. Jeder wusste nun: Nichts im Staate DDR würde mehr sein wie vorher – auch wenn die meisten damals noch nicht zu glauben wagten, dass nur ein Jahr später gar kein DDR-Staat mehr existieren würde.

Lutz Rathenow
Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Seitenblick auf Land und Kirche in der DDR

8. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt:  Der renommierte Kirchenhistoriker Peter Maser gehört dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade an

Das Spezialgebiet des Wissenschaftlers Peter Maser ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Nicht zuletzt aus eigener bitterer Erfahrung.

Sein Leben wäre einen Roman wert oder eine Autobiografie. Peter Maser hat viel zu erzählen. Seine Erlebnisse und Erfahrungen spiegeln auf besondere Weise die geschichtlichen und politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wider. Der 70-jährige Wissenschaftler erforscht Geschichte und ist selbst Teil von ihr.

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Im August 1943 in Berlin geboren, zählt Maser seit vielen Jahren zu den anerkannten Kirchenhistorikern des Landes. Sein Spezialgebiet ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Obwohl seit 1977 in der BRD wohnend. »Ich warf immer einen Seitenblick auf das Land und seine Kirche«, sagt Maser. Vor wenigen Jahren kehrte er zurück an die Stätte seiner Kindheit, die sein weiteres Leben maßgeblich beeinflusst hatte.

Peter Maser wuchs im Kurort Bad Kösen nahe Naumburg auf. In den Wirren der letzten Kriegsmonate ging er als kleines Kind während der großen Flucht aus den Ostgebieten gen Westen verloren. Seine Mutter war mit ihm in den Osten geflohen, um sich vor den verheerenden Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Als Kriegsfindelkind nahm ihn die Pfarrersfamilie Bertheau auf. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Pflegefamilie«, blickt der gebürtige Berliner zurück. An seine Geburtsstadt hat er indes kaum noch Erinnerungen.

Auf der Landesschule Pforta bekam er als Jugendlicher den Konflikt zwischen Staat und Kirche zum ersten Mal deutlich zu spüren. Schon nach zwei Jahren verließ er die Schule. Sein schwerwiegender Fehler: Als sogenannter Kulturbeauftragter hatte er den Besuch des Weihnachtsoratoriums im Naumburger Dom organisiert.

In der Domstadt besuchte er anschließend das kirchliche Proseminar, nachfolgend nahm er ein Theologiestudium an der Universität Halle auf. Seine wissenschaftliche Karriere in der DDR schien nahezu geebnet. Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte. Als Doktorvater wusste Maser den bekannten Ikonenforscher Konrad Onasch an seiner Seite.

Doch die Staatssicherheit hatte schon früh ein Auge auf den Theologen geworfen. »Ich wurde gleichzeitig von sechs Stasi-Spitzeln überwacht«, erzählt Maser. Von politischer Seite wurden seine wissenschaftlichen Ambitionen blockiert. Er stellte einen Ausreiseantrag. Seine Arbeit verlor er daraufhin. Gemeinsam mit seiner

Frau Malwine, ebenfalls eine Theologin, und den beiden Kindern Jakob und Rebekka, übersiedelte Maser in den Westen. Dort wurde er Mitarbeiter des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands und lehrte bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Münster. In den 90er Jahren wirkte Maser in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. Mit diesem Amt erhielt er Einsicht in besondere Akten und Archive. Seine folgenden Recherchen bereiteten selbst ihm so manche Überraschungen – mit Blick auf das angespannte Verhältnis zwischen Staat, Partei und Kirche in der DDR.

»Ich war sehr überrascht, wie stark durchsetzt die Kirche von Mitarbeitern der Staatssicherheit war, wie viel die Stasi wirklich gewusst hat«, bemerkt der Wissenschaftler. Auch die besondere Rolle der Kirche bei politischen Geschäften zwischen DDR und BRD versetzte ihn in Erstaunen. Nicht minder, dass die Kirche in den 50er Jahren wegen des politischen Druckes der Partei nahezu vor ihrem Ende stand und erst auf einen Wink aus Moskau hin die SED-Staatsführung von ihrem Kurs abließ.

Seit dem vergangenen Jahr gehört Peter Maser dem 24-köpfigen wissenschaftlichen Beirat der Lutherdekade an, der neben dem Kuratorium und dem Lenkungsausschuss als weiteres Gremium die Vorbereitung von Veranstaltungen und Ausstellungen begleitet. Sein Wissen über das Luther-Gedenkjahr 1983 in der DDR ist in sein Buch »Mit Luther in Butter?« geflossen. Das erste Material dafür sammelte der Autor in den 80er Jahren.

Das mehr als 570-seitige Werk widmet sich der Struktur und Rolle der Kirche in der DDR und beleuchtet mit Hilfe zahlreicher Quellen die Geschehnisse rund um das Jubiläumsjahr 1983. Damals wurden weit vor der friedlichen Revolution schon erste Anzeichen einer Krise in der DDR deutlich. Vor allem aufgrund der aufkommenden Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die nicht zuletzt bei den Feierlichkeiten und Kirchentagen jenes Jahres wichtige Kontakte untereinander knüpfen konnten.

Beim Jubiläum 2017 sollte nicht Luther, sondern vielmehr die Reformation, ihre Auswirkungen auf Europa und die Geschichte der Nationalstaaten, vor allem auch jener Osteuropas, im Mittelpunkt stehen, meint Maser. »Ich hoffe, ich kann diese Perspektive einbauen und dazu beitragen, dass die Themen aufgearbeitet werden.« Sein Wunsch: 2017 sollte als gesamtgesellschaftliches Ereignis die ganze Bevölkerung einbeziehen und von ihr wahrgenommen werden, ohne dass die Feierlichkeiten einen Event-Charakter annehmen und einen Luther-Verdruss, wie es ihn nach dem 1983er-Gedenkjahr gegeben hatte, bescheren.

Constanze Matthes

Buchtipp:
Maser, Peter: »Mit Luther alles in Butter?« Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-86331-158-2, 29,90 Euro

»Ich habe Gottes große Gnade erfahren«

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Gerhard Günther hat wochenlang im Koma gelegen – Durch Leid ist sein Glauben tiefer und größer geworden

Wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern wir arbeiten, um zu leben.« Gerhard Günther kennt diese nüchterne wie kluge Maxime, er stimmt ihr zu. Daran gehalten hat er sich jedoch nicht. Im Gegenteil: Seit er ins Berufsleben eingetreten ist, erinnert er sich, habe er immer extrem viel gearbeitet. 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Schule wird er Kraftfahrzeugmechaniker, »in der DDR ein Traumberuf, mit der Möglichkeit, viel Geld zu verdienen, wirtschaftlichen Wohlstand zu erzielen«. Wie er sagt, verdiente er, der gelernte Kfz-Mechaniker, mehr als sein Freund, ein Diplom-Ingenieur. Nach der Wende führt ihn sein Weg in die Politik. Von 1994 bis 2001 ist er im Stadtrat der Stadt Königsee, dann im Kreisrat des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt, seit 2004 Mitglied im Thüringer Landtag. »Alles Jobs, bei denen ein Zwölf-Stunden-Tag normal ist und die Arbeitswoche sieben Tage hat.« Es sei ihm finanziell gut gegangen, besser als vielen anderen, sagt er. Aber dieses Leben hat seinen Preis: Es kostet ihn Zeit, wertvolle Lebenszeit. Und wenn er das so sagt, meint er damit, dass man mit der Zeit, diesem »unendlich hohen Gut« auch schlecht umgehen kann. Statt zu viel zu arbeiten, sollte die Familie Priorität haben, so seine Einsicht heute. »Wir haben in früheren Jahren zu wenig miteinander geredet.

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Ich habe gelernt, alle Konflikte sind lösbar, wenn man miteinander spricht«, sagt Günther. Diese simple Erkenntnis ist das Ergebnis eines langen Leidensweges. 2009 wird eine schwere Lungenerkrankung bei ihm festgestellt und ihm eine Lebenserwartung von eineinhalb Jahren prognostiziert. Eine glückliche Fügung will es, dass er an einen Lungenspezialisten in Hannover gerät, der ihm Hoffnung macht. Die Krankheit sei zwar nicht heilbar, sagt ihm der Arzt, aber dank eines neu entwickelten Medikamentes könne der Status quo erhalten werden. Eine Hoffnungsbotschaft. Günther nimmt an Tests teil, alles sieht gut aus. Leistungssport kann er freilich nicht treiben, aber doch eingeschränkt am Leben teilhaben. Bis sich Ende 2011 sein Gesundheitszustand verschlechtert. Er macht sich auf den Weg nach Hannover in die Klinik. Er steigt ins Auto und fährt selbst – es geht ihm schlecht, er wird schwächer. »Das klingt dramatisch«, sagt er. Mit letzter Kraft sei er in die Notaufnahme gefahren. Kurze Zeit später findet er sich auf der Intensivstation wieder. Seine letzte bewusste Wahrnehmung. Er wird an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die ihn am Leben hält. Seiner Familie erklären die Ärzte, dass nur eine Lungentransplantation sein Leben retten könne.

Glücklicherweise wird nach etwa zehn Tagen ein Spenderorgan gefunden. Neun Stunden dauert die Operation. Doch als sie abgeschlossen ist, wacht Günther nicht auf. Er liegt im Koma, mehrere Wochen. Er habe immer gespürt, dass die Familie, seine beiden Söhne und seine Lebensgefährtin, bei ihm ist.

Gerhard Günther schildert unter Tränen, was damals geschah. »Ich war am Eingang zu einer anderen Welt. Dorthin, glaube ich, wollte ich. Doch dann kam dieser Ruf.« Er hört die eindringliche Bitte seiner Partnerin: »Lass mich nicht allein, ich brauche dich jetzt!« Er erinnert sich an »dieses Gefühl der Nähe und Wärme, an diesen Ruf«. Er ist sich sicher: Jesus hat auf mein Leben geschaut und gesagt: Mit dir kann ich noch etwas anfangen. Du kriegst eine Aufgabe. Du gehst zurück ins Leben.

Mit diesen Gedanken wird er wach. Bis auf die Augen kann er sich überhaupt nicht bewegen. Er kann mit der neuen Lunge wieder atmen, aber nicht mehr sprechen. Seine Stimmbänder sind gelähmt. Als ihm der Arzt sagt, dass er nie wieder wird sprechen können, glaubt er das nicht. Wie der blinde Bartimäus in der Bibel glaubt, dass Jesus an ihm ein Wunder bewirken kann, so vertraut Günther auf Gott. Er ist überzeugt, wenn Jesus ihn mit einer Aufgabe ins Leben zurückschickt, wird er wieder sprechen können. So geschieht es.

Er übt mit Hanteln, trainiert seine Muskeln. Tag für Tag. Er lernt es, einen Finger zu bewegen, dann die ganze Hand. Eines Tages kann er sitzen, das Handy halten. Stehen – der erste Schritt. Alles muss er neu lernen. Gehen, essen. In kleinen Schritten erobert sein Körper das Leben zurück. Ein halbes Jahr später kann er nach Hause. Er nimmt seine Arbeit im Landtag wieder auf, knüpft Kontakt mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation, weil er dafür werben will, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen.

»Ich bin der glücklichste Mensch«, sagt er. »Ich habe Gottes große Gnade erfahren, gesehen, wie mächtig Gott ist.« Ihm seien seither zwei Jahre irdischen Leben geschenkt worden.

Seit Herbst 2013 geht es ihm gesundheitlich wieder schlecht. Die Abstoßungsreaktionen seines Körpers auf das transplantierte Organ machen ihm zu schaffen. Im September wird er aus dem Landtag ausscheiden. Aber er ist dankbar für jeden Tag, für alles, was er erlebt.

»Wenn mein Leben morgen zu Ende ist, gehe ich in Frieden, denn ich weiß, dort, wohin ich gehe, wird es schön sein.«

Sabine Kuschel

»Alle reden über sie, keiner mit ihnen«

11. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Zuwanderer: Nicht nur die Politik muss sich ändern, auch die Kirchengemeinden haben Nachholbedarf

Einwanderer und Asylbewerber sind eine Herausforderung – auch für die Kirchen. Propst Johann Schneider, Regionalbischof des Sprengels Halle-Wittenberg, hat selbst einen Migrationshintergrund. Dietlind Steinhöfel sprach mit dem promovierten Theologen.

Herr Propst Schneider, Sie sind in Siebenbürgen geboren und haben dort Kindheit und frühe Jugend verbracht, sind sozusagen auch ein Zuwanderer. Warum haben Sie Ihre Heimat verlassen?
Schneider:
Aus politischen Gründen. Eine Junge-Gemeinde-Gruppe aus Radebeul war in Siebenbürgen. Ich erlebte eine unwahrscheinliche Redefreiheit bei den Jugendlichen aus der DDR. Ich wollte genauso frei leben können. Ich wollte in die DDR auswandern, aber das war verboten – von einem sozialistischen Land in ein anderes. Es blieb nur die BRD. Doch meine Eltern waren strikt dagegen. Mein Bruder und ich haben viele Abende heftig mit ihnen gerungen. Mein Vater sagte: »Ich gehe hier nicht weg, unser Herrgott gibt uns jeden Tag zu essen, Gott hat uns an diesen Ort gewiesen. Von Politik und Freiheit wirst du nicht satt.« Auch ich bin der Meinung, dass man seine Heimat nicht leichtfertig aufgibt. Aber wir sind schließlich 1985 doch nach Würzburg gezogen.

Wie sind Sie damals in Deutschland empfangen worden?
Schneider:
Wir wurden sehr reserviert aufgenommen. Es hat niemand auf uns gewartet. Ich konnte mein Abitur nachholen in einem »Sonderlehrgang für Spätaussiedler-Abiturienten aus ehemaligen deutschen Ostgebieten«. Dabei gehörte Siebenbürgen nie zum Deutschen Reich. Die BRD hatte sich jedoch bereit erklärt, deutschsprachige Menschen als Kriegsfolge aufzunehmen. In Siebenbürgen haben wir gesagt: Wir wandern aus; aber »einwandern« durften wir in Deutschland nicht sagen, nur Einreise.

Johann Schneider kam selbst als junger Mann 1985 aus Rumänien nach Deutschland. Foto: Jens-Ulrich Koch

Johann Schneider kam selbst als junger Mann 1985 aus Rumänien nach Deutschland. Foto: Jens-Ulrich Koch

Das Erste, was ich gelernt habe: nicht auffallen, keinem meine Lebensgeschichte erzählen. Niemand interessierte sich für den realen rumänischen Sozialismus oder die Junge Gemeinde aus Radebeul.

Als noch verschlossener als die Gesellschaft habe ich die Kirchengemeinden wahrgenommen. Bis heute sind unsere Kirchen kaum zugänglich für Außenstehende. Wenn jemand nach Deutschland kommt und Kontakt zur Kirchengemeinde möchte, muss er die Tür sehr fest in die Hand nehmen und sie kräftig öffnen. Wir pflegen keine Einladungskultur. Bei uns muss jemand von selbst kommen. Einladungen habe ich nur von national orientierten Verbänden bekommen. Doch da habe ich lieber Distanz gehalten.

Wie geht es Ihnen heute? Berührt Sie die Debatte um Zuwanderer und Asylbewerber?
Schneider:
Oft denke ich: Soll ich überhaupt was dazu sagen? Ich bin seit 30 Jahren in Deutschland, bin hier zu Hause. Soll ich mich bekennen, dass ich woanders herkomme? Die Situation erinnert mich an die Erfahrung der ersten Monate und Jahre, in denen ich wenige getroffen habe, die mir mit einem gewissen Verständnis begegnet sind. Ich bin gelassen und empfinde es überhaupt nicht als Katastrophe, dass Menschen zu uns kommen. Sie kommen, weil sie bei uns eine Perspektive für ihr Leben sehen. Leider wissen sie meist gar nichts über unser Land.

Es gibt aber auch eine Distanz vonseiten der Einwanderer. Wir haben in unseren Gemeinden in Nordsachsen relativ viele Russlanddeutsche. Die allermeisten von ihnen haben keinerlei Beziehungen zur Kirchengemeinde Torgau, die ihre Türen für sie öffnet. Die Russlanddeutschen treffen sich im selben Haus, aber es kommt kaum zu einer Kommunikation. Es gibt Grenzen, die schwer zu überwinden sind.

»Sozialtourismus« wurde das Unwort des Jahres 2013. Ausdrücke wie Armutszuwanderung oder Freizügigkeitsmissbrauch richten sich speziell gegen Menschen aus Rumänien oder Bulgarien, die jetzt innerhalb der EU Freizügigkeit genießen. Ich höre auch in christlichen Kreisen oft den Satz: Wir können doch nicht alle aufnehmen. Was sagen Sie dazu?
Schneider:
Die allermeisten Menschen, die nach Deutschland kommen, finden mehr oder weniger problemlos hier Arbeit. Die privaten Pflegefirmen zum Beispiel rekrutieren ganz gezielt ihr Personal aus Rumänien. Diese Schlagworte, die im Wesentlichen negativ und abwehrend kommentieren, sind für mich Ausdruck einer Angst vor dem Unbekannten und vor einer eigenen Verarmung. Die Menschen fürchten, wenn andere Arme kommen, reicht es für uns nicht mehr. Ich möchte jene, die ihre Angst aussprechen, nicht als rassistisch diffamieren. Es ist eine Reaktion auf mediale Schlagworte. Sie kommt aus dem politischen Diskurs, nicht aus der Alltagsbegegnung mit Zuwanderern.

Für mich ist es ganz natürlich, dass Menschen auf einem Kontinent von einem Ort zum anderen gehen. Sie nehmen ihr Schicksal in die Hand. Man kann auch sagen: Europa gibt den Armen eine Chance. Insgesamt ist das für mich ein sehr künstlicher Diskurs, denn mit den Einwanderern redet kaum jemand, sondern es wird über sie geredet.

Wird Deutschland nach Ihrer Beobachtung fremdenfeindlicher?
Schneider:
Ich nehme deutlich wahr, dass die Aggression im öffentlichen Diskurs zunimmt. Aber unter der Bevölkerung wurde die Distanz schon immer kultiviert. In Deutschland wartet niemand auf Zuwanderer. Das hängt mit der Geschichte unseres Landes zusammen. Bereits in der alten BRD wurde Zuwanderung diffamiert durch Vokabeln wie Gastarbeiter. Die sollten nur auf Zeit hier arbeiten. Wir bleiben unter uns! In der DDR kam die Abwehrhaltung, weil man die Ausländer kaserniert hat. Doch die Begegnung mit dem Fremden kann nur dann gelingen, wenn Verständigung möglich ist. Natürlich nehme ich auch in unseren Kirchengemeinden eine Angst vor Fremden wahr.

Was müsste da anders laufen?
Schneider:
Wir müssen Gelegenheit der Begegnung schaffen. Und was Arme betrifft, sollten wir im Gottesdienst nicht über Armut reden, sondern mit Armen feiern. Ich kenne einen emeritierten Pfarrer, der nimmt aus Barmherzigkeit obdachlose junge rumänische Familien bei sich auf, die hier um ihren Lohn betrogen worden sind. Er vermittelt und hilft, weil sie ihre Rechte nicht kennen und nicht wissen, dass man Arbeitgeber, die nicht zahlen, verklagen kann. Wir in Mitteldeutschland sind nicht gerade geberfreundlich. Wir haben eine klare Sozialgesetzgebung, die auf gut jüdisch-christlicher Tradition beruht. Und darauf verlassen wir uns. Aber die beiden Roma-Frauen, die draußen vor der Kirche betteln, kennen ihre Rechte nicht. Sie kennen unsere Sprache nicht und können nicht lesen. Aber es gibt genügend Leute bei uns, die Rumänisch sprechen und dolmetschen können. Wir haben vergessen, dass die christliche Gemeinde immer aus sehr vielen Kulturen bestand: Sklaven und Freie, Griechen, Juden, Äthiopier …

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