Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

Junge Gemeinde im Strudel

16. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchengeschichte: Ein Gespräch zwischen Kirche und DDR-Regierung im Frühsommer 1953 verschaffte eine Atempause

Am 10. Juni 1953 wurden leitende Vertreter der EKD von DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl überraschend zum Gespräch geladen. Das Einlenken bedeutete jedoch vor allem eine andere Taktik.

Mittwoch, der 10. Juni 1953, mithin eine Woche vor dem Aufstand am 17. Juni, ist ein denkwürdiges Datum der jüngsten Kirchengeschichte: An diesem Tage enden – jedenfalls vorübergehend – die schwersten Verfolgungen der kirchlichen Jugendarbeit. Der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, hatte überraschend zu einem Gespräch eingeladen: Die leitenden Geistlichen der evangelischen Kirche (bzw. ihre Vertreter) waren sämtlich erschienen. Der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in ­Deutschland (EKD), Propst Heinrich Grüber, hatte in einer 22 Punkte umfassenden Liste die Beschwernisse
der Kirche zusammengestellt. Sie reichen von der Behinderung der kirchlichen Jugendarbeit, den Verhaftungen kirchlicher Mitarbeiter (zum Beispiel des halleschen Studentenpfarrers Johannes Hamel), der Beschlagnahme diakonischer Einrichtungen (Neinstedt, Magdeburg) und Rüstzeitheime (Schloss Mansfeld), der Verhinderung nötiger Bauvorhaben, der Verweigerung von Zuzugsgenehmigungen nach Ostberlin bis hin zur Gefängnisseelsorge.

Die Jugendarbeit spielt dabei eine herausragende Rolle. Gegen sie gab es eine wüste Pressekampagne, vor allem in der FDJ-Zeitung »Junge Welt«. Junge Gemeinde (JG) und Studentengemeinde waren als »Tarnorganisation für Kriegshetze und Spionage im USA-Auftrag« betitelt worden. Viele Schüler und Studenten, die sich weigerten ihren »Austritt« aus der JG zu erklären, wurden exmatrikuliert. In ­öffentlichen Protestversammlungen in Schulen und Universitäten wurden sie vor eine tobende Menge gestellt: »Entfernt die Eiterbeulen des Sozialismus aus unserer Schule.«

Die Kirchen hatten dagegen natürlich protestiert, allerdings ohne Erfolg. Bischof Otto Dibelius hatte sogar Strafanzeige gestellt, erhielt aber die lapidare Antwort des Generalstaatsanwaltes: »… weise ich darauf hin, dass die Organisation ›Junge Gemeinde‹ bei dem dafür zuständigen Vorgang im Staatssekretariat … nicht registriert ist … Ich habe darum keine Veranlassung, ihren Vorbringungen betreffs der Jungen Gemeinde nachzugehen.«

Demonstranten in Berlin mit schwarz-rot-goldenen Fahnen durchschreiten, vom sowjetischen Sektor kommend, das Brandenburger Tor. Die Staatsflagge ist 1953 in Ost und West noch identisch. Eine Ausstellung in Magdeburg dokumentiert das Geschehen um den 17. Juni 1943 (siehe unten). Foto: Bundesregierung/Perlia-Archiv

Demonstranten in Berlin mit schwarz-rot-goldenen Fahnen durchschreiten, vom sowjetischen Sektor kommend, das Brandenburger Tor. Die Staatsflagge ist 1953 in Ost und West noch identisch. Eine Ausstellung in Magdeburg dokumentiert das Geschehen um den 17. Juni 1943 (siehe unten). Foto: Bundesregierung/Perlia-Archiv

Ein Schlüssel zum Verständnis des Ganzen ist die 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952: Hier wurde der »Aufbau des Sozialismus« beschlossen und in radikalen Maßnahmen eingeleitet. Dazu gehören: die Auflösung der Länder und die Bildung von 15 Bezirken; die Schaffung der Grenzsperrgebiete (und die damit verbundene überfallartige Ausweisung von Bewohnern); die Zentralisierung des gesamten kulturellen Lebens (Sport, Theater, Film usw.) durch die Schaffung »staatlicher Komitees«. Dazu kam die marxistische Ideologisierung (etwa die Umbenennung der Stadt Chemnitz in Karl-Marx-Stadt) sowie eine ständige Erhöhung der Arbeitsnormen und damit eine Absenkung der Reallöhne. Außerdem eine Militarisierung durch die massive Werbung für Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und Kasernierte Volkspolizei, einer Vorläuferin der Nationalen Volksarmee (NVA). Die Folge der Aktionen war die wachsende Unzufriedenheit der Bürger und die massiv zunehmende Zahl der Flüchtlinge aus der DDR. Allein im März 1953 flohen mehr als 59000 Menschen!

Die kirchliche Jugendarbeit war in den Strudel geraten, weil die Partei feststellte, dass die FDJ als einzige ­Jugendorganisation nicht erfolgreich genug den Sozialismus unter den ­Jugendlichen propagiere. Der FDJ-Vorsitzende, Erich Honecker, beschuldigte die kirchliche Jugendarbeit, sie spalte die »Einheit« der Jugend und trenne die Jugendlichen von der FDJ. Hier leuchtet ein ungeklärtes Verhältnis zwischen Junger Gemeinde und FDJ auf: Die kirchliche Jugendarbeit (evangelisch und katholisch) war durch einzelne Vertreter bei der Gründung der FDJ als einer »überpartei­lichen« Jugendorganisation im Jahre 1946 dabei gewesen. Es gab kirchliche Vertreter in den FDJ-Leitungen. Das alles war eine Episode geblieben. 1952 hatte die FDJ sich selbst als »Kampf­reserve der Partei« bezeichnet. Sie erhob aber immer noch den Anspruch, auch christliche Jugendliche zu vertreten, und beargwöhnte jedes Zusammentreffen von Jugendlichen unter dem Dach der Kirche. Besonders das kleine Bekenntniszeichen, das Kreuz auf der Weltkugel, wurde zum Gegenstand der Polemik.

Nach alledem musste das Gespräch bei Grotewohl – ein Kommuniqué dazu wurde in allen Zeitungen veröffentlicht – mehr als erstaunlich erscheinen. Heute wissen wir: Die Regierung lenkte auf eindeutige Weisung aus Moskau ein: »Mit einem nackten Administrieren in Bezug auf die Geistlichen ist Schluss zu machen. Und die schädliche Praxis der groben Einmischung der Behörden in die Angelegenheiten der Kirche ist einzustellen.« Gleichzeitig wurde angewiesen: »Darum muss das Hauptkampfmittel gegen den reaktionären Einfluss der Kirche und der Geistlichen eine tüchtig durchdachte Aufklärungs- und Kulturarbeit sein.« Entsprechend erschien schon im Sommer 1953 die erste atheistische Propagandaschrift und 1954 wurde die zuvor verbotene Jugendweihe mit Macht wieder eingeführt. Nahtlos schloss sich also die nächste Behinderung der kirchlichen Arbeit an. Den Kirchen war im Frühsommer 1953 nur eine Atempause eingeräumt worden. Freilich: Schon damals haben viele Hundert christliche junge Menschen die DDR verlassen. Sie und ihre Kinder fehlen unseren Kirchen bis heute.

Axel Noack

Der Autor ist Professor für Neuere Kirchengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war bis 2009 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen.