Wie Daniel und Jonas zur Krippe kamen

24. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe


 
Eine Weihnachtsgeschichte von Thomas Reuter.
 
Daniel: Schalom, ich bin Daniel. Und der da ist Jonas. Ich muss euch unbedingt was erzählen. Stellt euch vor: Gerade war ich dabei…
Jonas: Daniel?
Daniel: Ja, Jonas?
Jonas: Wer ist hier der Chef?
Daniel: Du bist der Chef, Jonas.
Jonas: Wer erzählt also?
Daniel: Du erzählst, Jonas.
 
Jonas: Ist schließlich auch meine Geschichte. Also – ich bin Jonas. Aber das wisst ihr ja schon. Die Schafherde dort gehört mir. Daniel ist mein Hirte. Ich kann mich eigentlich auf ihn verlassen. Aber manchmal schaue ich doch lieber nach, wie er seine Arbeit macht.
Daniel: Völlig unnötig.
Jonas: Und gestern Nacht, Daniel? Ich komme aufs Feld, das Lagerfeuer brennt, die Schafe schlafen, die Hunde dösen. Nur einer fehlt: Daniel. Ich rufe ihn – nichts. Na, denke ich, dann hat der Löwe diesmal wohl kein Schaf, sondern Daniel geholt.
Daniel: Sehr lustig, Jonas.
Jonas: Plötzlich höre ich jemanden gerannt kommen. Es ist Daniel. Ich verstecke mich hinter einem Busch. Daniel klettert über den Zaun, nimmt eines der kostbaren Felle, springt zurück und will wieder davonrennen. Ich verstelle ihm den Weg und packe ihn an der Jacke. Wo willst du hin?
Daniel: Zu Gottes Sohn. Der ist in unserem Stall geboren. Und das Schaffell ist ein Geschenk für ihn.
 
Jonas: Hast du während der Arbeit Wein getrunken??
Daniel: Die Engel waren da! Hast du sie nicht gesehen?
Jonas: Er reißt sich los und rennt davon. Ich ruf ihm nach: Du bist gefeuert, Daniel!
Daniel: Kein Problem!
Jonas: Was? Kein Problem? Er braucht doch das Geld. Was soll ich jetzt tun? Ihm nachlaufen? Da kommt wieder einer gesaust. Den Kerl hab ich noch nie gesehen. Hirte ist er jedenfalls nicht. Das sehe ich an seiner Kleidung. Vielleicht Tischler oder Zimmermann? Er sieht mich und ruft mir zu: Bist du Jonas?
Jonas: Wer will das wissen?
Josef: Ich bin Josef, der Vater von ­Jesus. Dem Messias. Na, jedenfalls – Daniel ist bei uns im Stall.
Jonas: Das ist immer noch mein Stall!
Josef: Sei nicht so streng. Heute ist eine besondere Nacht! Der Erlöser ist geboren! Und Daniel hat es als Erster erfahren. Kommst du mit?
 
Jonas: Vergiss es! – Und schon ist er wieder weg. Der war doch genauso betrunken wie Daniel! Der Messias? In meinem Stall? – Da trappelt es schon wieder. Das müssen mindestens drei Leute sein. Mit Tieren. Große Tiere dem Gestampfe nach. Kamele vielleicht. Aus der Dunkelheit tritt ein Mann auf mich zu, vornehm ­gekleidet, behängt mit goldenem Schmuck. An seiner Aussprache merke ich, dass er nicht aus Israel kommt.
Sterndeuter: Verzeiht – wir sind auf der Suche nach dem neugeborenen König der Juden. Die Schriftgelehrten haben uns nach Bethlehem gesandt. Ist es noch weit?
Jonas: Ich krieg keinen Ton raus, zeige nur in Richtung meines Stalles. Der reiche Mann bedankt und verbeugt sich und verschwindet wieder in der Dunkelheit. Jetzt muss ich mich setzen. Das ist zu viel! Aber nein, schon wieder ­raschelt es, und plötzlich steht ein ­römischer Soldat vor mir.
 
Soldat: He, du, Hirte! Sind die Sterndeuter mit den Kamelen hier vorbeigekommen?
Jonas: Moment – was will der von denen? Sie verhaften? Er merkt, dass ich zögere.
Soldat: Keine Sorge, ich will ihnen nichts Böses. Ich habe sie belauscht. Sie sind auf dem Weg zum Messias. Und da bin ich hinterhergelaufen, denn das klingt doch ziemlich spannend, stimmt´s?
Jonas: Bin ich denn hier der Einzige, der von nichts weiß? Der Kerl macht einen ehrlichen Eindruck. Ich zeig dir den Weg. Komm! Und dann sind wir beide durch die Nacht gestiefelt. Er hat mir erzählt, dass er eine Frau und drei Kinder hat. In Rom. Und dass er hofft, bald wieder nach Hause zu dürfen. Dann waren wir bei meinem Stall. Und tatsächlich: In meiner Futterkrippe liegt der Kleine.
 
Familie-1
 
Daniel: Du meinst Jesus.
Jonas: Genau. Dann ist da noch ­dieser Zimmermann mit seiner Frau. Und um die Krippe scharen sich ein ­jüdischer Hirte, drei weit gereiste Sterndeuter und ein römischer Soldat. Die würden sonst nie ­miteinander reden. Und da habe ich gewusst, dass dieser Jesus wirklich was ganz Besonderes ist.
 
Daniel: Der Messias, Jonas. Ich hab dir doch von den Engeln erzählt.
Jonas: Ja, das könnte wohl der Messias sein. Tja, das war meine Geschichte.
Daniel: Nicht ganz. Dass es wirklich der Messias ist, merkt man auch an dir.
Jonas: Was? Wie meinst du das?
Daniel: Na, du wolltest mich doch feuern, weil ich nicht bei der Herde geblieben bin. Aber gemacht hast du´s nicht. Und wenn einer wie du plötzlich ein weiches Herz bekommt, kann das nur das Werk des Messias sein.
Jonas: Na warte…