Ein Fest der Seele und des Kommerzes

28. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die traditionelle Wallfahrt von Warschau nach Tschenstochau fand in diesem Sommer zum 300. Mal statt. Doch Pilger ziehen das ganze Jahr über zur Schwarzen Madonna – ein Boom, der auch wirtschaftliche Bedeutung hat.	(Foto: Jens Mattern)

Die traditionelle Wallfahrt von Warschau nach Tschenstochau fand in diesem Sommer zum 300. Mal statt. Doch Pilger ziehen das ganze Jahr über zur Schwarzen Madonna – ein Boom, der auch wirtschaftliche Bedeutung hat. (Foto: Jens Mattern)


Polen: Im August und September ziehen die Hauptscharen der Pilger zur »Schwarzen Madonna« nach Tschenstochau.


Im katholischen Polen hat Pilgern eine lange Tradition. Im Mittelpunkt steht dabei das Nationalheiligtum auf dem Klarenberg.

Gitarren spielen auf, Marienlieder erklingen und die Glocken der Kirchen auf der »Krakauer Vorstadtstraße« läuten. Aus Megaphonen tönen Anweisungen, nach denen sich die Menschen mit den ­Hals­tüchern, Rucksäcken und unterschiedlichstem Wanderschuhwerk zu einer Gruppe formieren. Dann rückt ein Pilgerzug mit rund 200 Menschen los. Insgesamt sind 2000 auf dem Platz vor der St.-Anna-Kirche in der Warschauer Altstadt versammelt.

Anfang August begann in Warschau wieder der große Aufbruch zur Schwarzen Madonna, dem berühmten Abbild der Gottesmutter im Wallfahrtsort im schlesischen Częstochowa/Tschenstochau. »300 Jahre mit Maria auf der Pilgerschaft des Glaubens«, heißt der Leitspruch der diesjährigen Pilgerfahrt, die nunmehr zum 300. Mal stattfindet.

Im Jahre 1711 liefen Pauliner-Mönche von Warschau erstmals als Geste des Dankes die Strecke bis zum Kloster Jasna Góra (Heller Berg oder auch Klarenberg). Eine jahrelange Typhus-Epidemie in der Königsstadt war damals endlich vorbei: Die Schwarze Madonna hatte ihre Fürbitten erhört.

Rund 85000 liefen dieses Jahr Strecken von bis zu über 600 Kilometern, um an Mariä Himmelfahrt (15. August) den Hellen Berg zu erreichen. Doch in Tschenstochau ist eigentlich immer Pilgerzeit.

Während in Polen das Vertrauen in die Kirche rapide abnimmt, erfreut sich das Wallfahren einer immer größeren Beliebtheit. Es sind jedoch vornehmlich nicht die Armen, die sprichwörtlichen »Mühseligen und Beladenen«, die sich über den sommerlichen Asphalt quälen.

Das Pilgern zu Fuß ist eine Angelegenheit der gebildeten Schicht, deren Vertreter in der Welt der Banken aber auch in den beiden konservativen Parteien das Sagen haben.

Mittelschicht-Wallfahrt, gesponsert von Toyota

Dass nun Tausende von zahlungskräftigen Pilgern die Landstraßen bevölkern, macht sie auch als Konsumenten interessant. Dies beginnt schon bei der Landbevölkerung, die traditionell kostenlos Tische mit Essen an den Straßenrand stellte. Doch das ist vorbei.

Heutzutage wird von den mit Mobiltelefon und Navigationsgeräten ausgerüsteten Wallfahrern Geld verlangt. Aber auch die kirchlichen Ausrichter gehen mit der Zeit: Die größte Pilgerorganisation, die »Warschauer Oberbischöfliche Akademische Pilgerfahrt«, hatte jüngst Toyota als Sponsor gewonnen: »Ihre Fahrzeuge bringen das Gepäck an die Schlafstellen, auf ihren Karosserien haben sie Slogans, die die Pilger begrüßen, erklärt Priester Piotr Jawoski.

»Emotionalisierte Kundenbindung« würde man das in der Fachsprache der Werbung nennen. Davon träumt auch die Stadt Tschenstochau. Die Pilgerströme, die, durch 70 Gemeindepolizisten gebändigt und von mehreren Krankenwagen betreut, die maroden Straßen verstopfen, würden nicht genug Geld für die Stadt abwerfen.

So klagt der Stadtrat, dem ein Bürgermeister der Linkspartei SLD vorsteht. Trotz Protests der konservativen Parteien will die Stadt nun eine Kopfsteuer von umgerechnet 50 Cent auf die Pilger erheben und dabei auch – wie gewagt! – die Bischöfe abkassieren.

Bislang galt, dass das Geld der ­Pilger vornehmlich dem Klerus zukommt: 800 Übernachtungsplätze offeriert das Paulinerkloster, von den 4500 weiteren Betten in der Stadt ­gehören über die Hälfte dem Klerus. Auch befindet sich das Kloster in harter Konkurrenz zu den vielen Buden mit Devotionalien, die teils in China hergestellte Artikel vertreiben.

Die Pauliner selbst betreiben die Geschäftskette »Clarmontana«, welche die kleinen Familienbetriebe angeblich gern verbieten würden.

Pilgern – ein wachsender »Wirtschaftszweig«

Pilgern ist in Polen durchaus ein ­eigener »Wirtschaftszweig«. Neben Tschenstochau werden gern weitere Ziele im In- und Ausland anvisiert: Etwa sieben Millionen, rund 15 Prozent der Bevölkerung, reisen jährlich zu heiligen Stätten.

Und trotz Wirtschaftskrise verzeichnen Pilgerreisebüros jüngst einen Anstieg von 30 Prozent beim »Religionstourismus«.

Doch das Zentrum der polnischen Katholiken bleibt der Helle Berg, der auch jenseits des Augusts Konjunktur hat. Dann reisen die Pilgerscharen nach Berufsgruppen geordnet zur Fürbitte an.

Anfang September bitten die Landwirte um den Segen der ­Gottesmutter, danach sind die Zöllner und Finanzbeamten dran. Im Mai ­baten bereits die Bankkaufleute um eine günstige Konjunktur. Seit der Wirtschaftskrise, so bemerkte das Fachblatt »puls biznesu«, hat speziell diese Pilgergruppe sehr stark zugenommen.

Jens Mattern