Cyber-Mobbing ist sichtbar und unwiderruflich

28. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Jeder dritte Schüler in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. Foto: Matthias Vorländer.

Jeder dritte Schüler in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. Foto: Matthias Vorländer.

 
Internet: Das weltweite Datennetz wird zum Tatort – Warum Jugendliche mobben und was man dagegen tun kann.

 
Chatrooms, Foren, soziale Netzwerke und auch Videoplattformen werden gezielt genutzt, um andere zu beleidigen, lächerlich zu machen oder sogar massiv zu bedrohen und zu erpressen. ­Cyber-Mobbing oder Cyber-Bulling heißt die Form des virtuellen Fertigmachens.

Jan ist fassungslos. In seiner Klasse wird über Handy ein Foto verschickt, das ihn in einer peinlichen Situation zeigt. Nur wer genau hinsieht, entdeckt, dass das Foto ein »fake« ist. Jemand hat Jans Kopf auf ein Porno-Bild montiert. Wenn Jan über den Schulhof geht, gellen ihm das Kichern und die anzüglichen ­Bemerkungen von Mitschülern in den Ohren. Am liebsten würde er die Schule wechseln.

Mitschülerin Mareike ist ebenfalls fassungslos. Von ihrem E-Mail-Konto ist das Foto nämlich verschickt worden. Offenbar hat jemand sich Zugang zu ihrem Konto verschafft, sodass sie als Urheberin gelten muss.

Eine aktuelle Studie der Uni Münster zeigt: Sexuelle Gerüchte und ­Demütigungen, manipulierte Fotos und üble Beleidigungen gehören zum Alltag einer wachsenden Zahl von ­Jugendlichen. Jeder dritte Schüler in Deutschland, so die Studie, wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. In 80 Prozent der Fälle kennen sich Täter und Opfer aus der Schule.

Dass Mitschüler belästigt, bloßgestellt, systematisch an den Rand gedrängt, verleumdet und gedemütigt werden, ist kein neues Phänomen. Mobbing hat es auch in Vor-Internet-Zeiten gegeben. Psychologin Catarina Katzer, die die ersten Studien im deutschsprachigen Raum zum Thema Cyber-Mobbing veröffentlicht hat, beschreibt das gefährlich Neue von Mobbing im Internet so: »Cyber-Mobbing ist für Hunderttausende sichtbar. Cyber-Mobbing ist endlos. Was einmal an Gemeinheiten oder peinlichen Bildern und Videos im Netz steht, bleibt drin – ein Leben lang.« Selbst wenn die Täter ermittelt werden können, bleiben die Bilder und Filme im Umlauf und lassen sich nicht zurückholen.

Die Folgen für die Opfer sind oft schwerwiegend. Sie reichen von Scham und hilfloser Wut über Isolation und Lernschwierigkeiten, bis hin zu Stress und psychischen Problemen. Sogar Fälle von Suizid sind mittlerweile bekannt.

Ähnlich wie beim »normalen Mobbing« sind häufig solche Jugendlichen Opfer und Zielscheibe, die kein hohes Selbstbewusstsein haben und ohnehin am Rande stehen. Auffällig sei auch, so Catarina Katzer, dass viele Opfer keine gute Beziehung zu ihren Eltern haben. Wenn Eltern ihre Kinder von klein auf befähigen, selbstbewusst für die Wahrung ihrer Grenzen einzutreten, könnte das der beste Schutz vor Mobbing sein.

Gar nicht selten ist, dass Opfer selbst zu Tätern werden. Die Anonymität des Internets macht es leicht, sich zu rächen. Fachleute beobachten, dass auch Opfer von herkömmlichem Mobbing im Netz zum Täter werden. Im Internet sehen sie die Möglichkeit, selbst einmal das Gefühl von Überlegenheit zu entwickeln und unerkannt zu bleiben.

Die Motive der Täter sind ähnlich wie beim normalen Mobbing: Sie wollen sich überlegen fühlen, hoffen auf den Beifall ihrer Gruppe oder wollen sich für eine Niederlage rächen. Dabei haben sie oft keinerlei Unrechtsbewusstsein. »Sie wissen nicht, dass Beleidigung und Drohungen und das Verschicken pornografischer oder gewalthaltiger Inhalte an Jugendliche kriminelle Handlungen sind«, so Kriminalhauptkommissar Walter Steinbrech vom Ressorts Gewaltprävention. Hinzu kommt, dass die Täter im Gegensatz zur realen Auseinandersetzung nicht befürchten müssen, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn die Anonymität, mit der manche Homepages sogar werben, senkt die Hemmschwelle.

Catarina Katzer erlebt bei Tätern immer wieder einen eklatanten Mangel an Empathie. Diesen Mangel an Einfühlungsvermögen und Mitgefühl erklärt die Expertin für Cyber-Psychologie so: »Die Täter stehen ihren ­Opfern nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sehen nicht deren Schmerz. Sie werten die eigene Tat womöglich ab und sagen: ›Das ist ja gar nicht so schlimm.‹« Catarina ­Katzer beobachtet zudem eine Art Trophäenjagd, bei der es darauf ankommt, das brutalste Video zu präsentieren.

Die Fachfrau für Medienethik plädiert deshalb für die Vermittlung von Werten und sozialer Kompetenz im Umgang mit den neuen Medien. Sie erlebt, dass allzu viele Eltern sich an diesem Punkt verweigern oder meinen, es genüge, wenn Kinder und ­Jugendliche versiert im Umgang mit den neuen Medien sind. »Wir müssen feststellen, dass die Eltern oft nicht die Zeit und die Fähigkeit haben. Manche wollen sich mit dem Thema auch nicht befassen«, bedauert sie. Aus ­ihrer Sicht kommt deshalb auf die Schulen und kirchliche Jugendarbeit eine neue große Verantwortung zu.

Wenn Eltern mitbekommen, dass ihr Kind Zielscheibe von Cyber-Mobbing-Attacken ist, dann sollten sie nicht mit Überbehütung und pauschalen Computer- und Internetverboten reagieren. Wichtig ist, dass sie ihren Kindern vermitteln: »Wir glauben dir, du darfst auch weiterhin ins Internet, aber du sagst uns, wenn ­etwas passiert, was nicht in Ordnung ist.« Catarina Katzer rät dazu, virtuelles Mobbing zur Anzeige zu bringen. Weil Täter und Opfer sich meist aus der Schule kennen, sollte auch die Schule eingeschaltet werden.

»Wenn die Schule die Polizei zu Rate zieht, hat das oft die Wirkung, dass die Täter aus ihrer bis dahin bei manchen Mitschülern anerkannten Rolle herauskommen«, so Katzers Erfahrung. Darüber hinaus sollten Beleidigungen umgehend an die Betreiber von Chat­rooms, Foren und Netzwerken gemeldet werden, damit sie dort nicht länger zu lesen sind.

Karin Vorländer