Etwas außergewöhnlich

30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ein Kalender wirft einen neuen Blick auf Kinder mit Down-Syndrom

Juliana Wenk strahlt in die Kamera. Sie ist ein Kind mit Down-Syndrom, und ihr Foto ist Teil des Kalenders »A little extra 2010«. (Foto: epd-bild)

Juliana Wenk strahlt in die Kamera. Sie ist ein Kind mit Down-Syndrom, und ihr Foto ist Teil des Kalenders »A little extra 2010«. (Foto: epd-bild)

Samira breitet die Arme aus und »fliegt« auf den Händen ihres Vaters. Das blonde Mädchen verströmt auf dem Kalenderfoto für den Monat Juli eine heitere Lebensfreude, den sich der Betrachter kaum entziehen kann. Man muss schon ­genau auf ihre Augen sehen, um zu ­erkennen: Samira hat das Down-­Syndrom, sie ist geistig behindert.

Das fröhliche Mädchen ist, wie die anderen Kinder in diesem Kalender, für das Jahr 2010 von der Stuttgarter Fotografin Conny Wenk abgelichtet worden. Ästhetische Bilder von Menschen, die von vielen in der Gesellschaft bemitleidet werden.

Der Kalender heißt »A little extra 2010«. Das ist ein Wortspiel, denn übersetzt kann das »ein bisschen ­außergewöhnlich« heißen, aber auch »ein kleines Plus« – eine Anspielung auf ein zusätzliches Chromosom, das Auslöser für das Down-Syndrom ist. Bei der auch Trisomie 21 genannten Krankheit liegt das 21. Chromosom – oder Teile davon – dreifach vor.

Conny Wenk hat vor acht Jahren ihr erstes Kind bekommen, Juliana. Damals war sie 33. Als bei der Tochter das Down-Syndrom diagnostiziert wurde, sei sie in einen Schockzustand verfallen, erinnert sie sich. Völlig falsche Bilder habe sie über diese Menschen im Kopf gehabt, und als ihr eine Krankenhausseelsorgerin aus einem veralteten klinischen Wörterbuch etwas von »mongoloider Idiotie« vorlas, näherte sie sich einer Depression.

Erst der Kontakt zu anderen Frauen mit Down-Syndrom-Kindern hat sie wieder aufgerichtet. »Das waren ganz tolle Mütter, die wirkten gar nicht ­deprimiert – nach dieser Begegnung ging’s bei mir bergauf.« Conny Wenk machte sich an ihr erstes Buchprojekt, fotografierte 15 dieser Mütter mit ­ihren Kindern und brachte es unter dem Titel »Außergewöhnlich« auf den Markt. Rund 25000 Exemplare wurden davon verkauft, einige gingen auch an die Geburtsstationen von Krankenhäusern, um Eltern Neuge­borener mit dieser Behinderung Mut zu machen.

Heute hat Conny Wenk ein völlig anderes Bild von betroffenen Kindern. »Meine Tochter leidet nicht unter Down-Syndrom, sie führt ein absolut lebens- und liebenswertes Leben.« Wenk, die später noch einen Sohn – ohne Down-Syndrom – zur Welt brachte, wehrt sich auch dagegen, Menschen nur nach ihrem Gesundheitszustand zu beurteilen. »Keiner von uns hat die Gewähr, immer gesund zu sein – wir brauchen eine ­andere Einstellung gegenüber Einschränkungen, die jeder von uns hat«, sagt sie.

Tochter Juliana hat dem Leben ihrer Mutter eine ganz neue Richtung gegeben. Ihren Job als Personal-
chefin in einem Medienunternehmen hängte sie an den Nagel und konzentrierte sich aufs Fotografieren. Inzwischen ist sie gefragt, macht Porträts für Businessfrauen wie für Hochzeitspaare, hat 2007 sogar einen Prominentenkalender mit dem TV-Lästermaul Harald Schmidt auf dem Titel produziert. »Dass ich heute Fotografin bin, habe ich meiner Tochter zu verdanken«, resümiert sie.

Ihre Arbeit mit Bildern betrachtet Conny Wenk nicht nur unter künstlerischen, sondern auch unter aufklärerischen Gesichtspunkten. Die Gesellschaft wisse viel zu wenig über die rund 50000 in Deutschland lebenden Menschen mit Down-Syndrom, deshalb könne man Berührungsängste nicht verübeln. Entsetzt ist sie allerdings, dass teilweise nicht einmal Mediziner, die Schwangere beraten, eine Vorstellung von dieser Behinderung haben. »Einmal rief mich ein beratender Arzt an und fragte, ob es denn stimme, dass ein Kind mit Down-Syndrom ein 24-Stunden-Pflegefall sei«, erinnert sie sich.

Die Kinder in Conny Wenks Kalender vermitteln nichts von Pflegefall. Dennis, Giuliana, Jan und Marina und die anderen Mädchen und Jungen versprühen eine positive Einstellung zu ihrem Leben, das die Fotografin weniger als »behindert« und mehr als »außergewöhnlich« betrachtet.

Marcus Mockler (epd)

Wenk, Conny/Rapp, Commy: A little extra 2010, Kalender, Neufeld Verlag, 13 S. mit Farbfotografien, 34×34 cm, ISBN 978-3-937896-85-4, 14,90 Euro